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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 63
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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einfach

Unser deutsches Wort ist eine späte Lehnübersetzung von lat.  simplex. In älterer Zeit hatte man die noch genauere Übersetzung einfalt gebildet, die im Gotischen, Angelsächsischen, Althochdeutschen und Mittelhochdeutschen vorkommt; die Ableitung einfältig, früher im Sinne von einfach und schlicht üblich, bedeutet uns jetzt gewöhnlich soviel wie albern. Grimm hat sich der ursprünglichen Form einfalt angenommen: »Das alte, edle Wort sollte, gegen die schleppende Ableitung, wieder aufgenommen werden, zumal das analoge manigfalt fortdauert.« (D. W. III. 172.) Erst nach Luther, als die üble Nebenbedeutung von einfältig schon häufig geworden war, wurde simplex zum zweiten Male übersetzt mit einfach; Fach hatte inzwischen in vielen Bedeutungen (von Samenkapseln, Kleidungsstücken, Möbeln) den technischen Sinn Abteilung gewonnen und deckte sich vielfach, namentlich in der Anwendung auf den innern Herzensschrein, mit Falte. Auf den Zusammenhang zwischen lat.  simplex und griech. ἁπλοος möchte ich nicht eingehen, trotzdem es reizvoll wäre, nicht ganz leicht freilich, simplex für ein uraltes Lehnwort zu erklären. Unter den vielen Bedeutungen von einfach ist die bildliche der Gemeinsprache uns jetzt die geläufigste: schlicht, ungezwungen, ohne Umschweife; auch im moralischen Sinne nennen wir einen unkomplizierten Menschen neuerdings gern einen einfachen Menschen, d. h. wir stellen uns vor, daß seine Handlungen aus einem Charakterzuge zu deuten seien; ganz verblaßt ist der Begriff in Redensarten wie: die Sache ist einfach die usw. Aber das Wort wird auch immer noch in der strengen Bedeutung der Unteilbarkeit oder Einzigkeit gebraucht und so auf das Größte und auf das Kleinste angewendet. Hat es nun in der bildlichen Bedeutung einen guten, ausgesprochen relativen Sinn (ein Satz, eine Maschine, ein Organismus wird einfach genannt, relativ einfach, im Verhältnisse zu komplizierten Sätzen usw.), so bietet der absolute Sinn der Einzigkeit oder Unteilbarkeit mannigfache Schwierigkeiten. Auf die andern Schwierigkeiten des zugrunde liegenden Begriffes Einheit, auf die Unvereinbarkeit der zahlenmäßigen und der psychologischen Einheit, werde ich noch hinzuweisen haben. (Vgl. Art.  Einheit.) Im Sinne der Einzigkeit gebrauche ich das Wort sehr häufig, um immer wieder die Lehre einzuprägen, daß die gegebene Wirklichkeitswelt nur einmal da sei, einfach, nicht zweifach. Die Sprache ist es allein, die uns die Wirklichkeit spalten oder verdoppeln läßt in die adjektivische und in die substantivische Welt, die uns von Dingen außer und neben ihren Eigenschaften reden läßt; die Denken und Sprechen unterscheidet: die innerhalb der verbalen Welt der Veränderungen Ursache und Wirkung auseinanderhält. Wenn ich aber so die schlichte Überzeugung von der Einfachheit des gegebenen Wirklichen wieder einmal kurz formuliert habe, so kommt mir der Verdacht, daß einfach in dieser Anwendung nur ein negativer Begriff sei, nur die Ablehnung einer falschen Zählung, eines sinnlosen Dualismus der Sprache. Zu dem andern Extrem führt die Anwendung des Wortes auf die kleinsten Teile der Wirklichkeit, auf die Monaden oder Atome, wo das eine Mal die Einheit, das andre Mal die Unteilbarkeit schon im Namen läge. Eine mehr als zweitausendjährige Entwicklungsgeschichte des Atombegriffs hat nichts daran geändert, daß wir uns die hypothetischen Atome durchaus als einfache Körper vorstellen sollen; nur daß die Verlegenheiten der theoretischen Physik neuerdings dazu geführt haben, als Grundbestandteile aller Stoffe, sogar der Elemente, zusammengesetzte Moleküle anzunehmen. Trotzdem ist von den einfachen Atomen als von Bausteinen dieser Moleküle weiter die Rede. Wenn mir nur jemand sagen könnte, was das heißen soll: ein Atom ist einfach. Kant hat die Unfaßbarkeit dieses Begriffs Einfachheit schon dargetan in der merkwürdigen Schrift »Über eine Entdeckung, nach der alle neue Kritik der reinen Vernunft durch eine ältere entbehrlich gemacht werden soll.« (1790) Die ältere Kritik ist das System von Leibniz; Kant richtet aber seine seltene Polemik nur indirekt gegen Leibniz, direkt gegen den inzwischen längst vergessenen Prediger Eberhard, der den Dogmatismus gegen Kant hatte verteidigen wollen. Kant beweist nun, nachdem er seinen kleinen Gegner nach allen Regeln zerzaust hat, »daß, wenn unsre Sinne auch ins Unendliche geschärft würden, es doch für sie gänzlich unmöglich bleiben müßte, dem Einfachen auch nur näher zu kommen, viel weniger endlich darauf zu stoßen, weil es in ihnen gar nicht angetroffen wird.« Was wir die körperlichen Dinge nennen, sei nichts als die Erscheinung von irgend etwas, dem Ding-an-sich, das für uns gänzlich unerkennbar bleibt; dieses Unerkennbare allein könne das Einfache enthalten; ob dieses Unerkennbare, Übersinnliche zusammengesetzt oder einfach, davon könne niemand zum mindesten etwas wissen. Man sieht, die Polemik zielt über Eberhard hinaus auf Leibniz und die Monadenlehre. Wenn wir also den Begriff der Einfachheit, Einmaligkeit auf das Weltganze anwenden, lehnen wir nur etwas Unvorstellbares ab; wenn wir die allerkleinsten Teile des Weltganzen aber einfach, unzusammengesetzt nennen, behaupten wir positiv etwas Unvorstellbares.

 

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