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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 59
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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Ehre

I.

Wir haben gelernt, daß die Ideenlehre Platons vom christlichen Mittelalter vielfach nur um der Platonischen Staatslehre willen bevorzugt wurde, die doch mit Platons Erkenntnistheorie herzlich wenig zu tun hatte; und moralisch, im christlichen Sinne, war die Ideenlehre ebensowenig wie die Staatslehre. In dieser Konfusion ist schon der Anfang enthalten zu den beiden Bedeutungen, in welchen das Wort Idealismus heutzutage gebraucht wird, indem es bald eine einseitige Erkenntnistheorie bezeichnet, bald die besondre Charaktereigenschaft von Menschen, die weniger als andere auf ihren gemeinen Vorteil bedacht sind. Der Wortrealismus des Mittelalters war die orthodoxe Lehre der Kirche; der von ihm herstammende metaphysische Idealismus Hegels konnte noch in unsern Tagen die Form des offiziellen Protestantismus annehmen; bei allen trivialen Köpfen steht so die Mischvorstellung von einem theoretischen und praktischen Idealismus im höchsten moralischen Ansehen. Umgekehrt ist von jeher der philosophische Materialismus von allen Philistern mit einer nichtswürdigen moralischen Gesinnung zusammengeworfen worden, so sehr, daß der Vergleich mit Epikuros, der den philosophischen Materialismus im Altertum beinahe zu Ende dachte, durch die Jahrhunderte zu einer Beschimpfung geworden war. Eine mehr scherzhafte Anspielung auf diese moralische Diskreditierung ist es freilich, wenn Horatius sich ein Schwein aus der Herde des Epikuros nennt. Aber bis in die Neuzeit hinein, bis Gassendi die Ehrenrettung des Epikuros vollzog, blieb die Bezeichnung Epikureer als Schimpfwort bestehen; selbst im Talmud versteht der pfäffische Monotheismus darunter einen Materialisten und grundschlechten Menschen. Und der Materialist hieß zu jener Zeit Nominalist. Die heutigen Materialisten glauben sich auf alle bahnbrechenden Denker der Neuzeit berufen zu können; nicht ganz mit Unrecht, weil fast alle diese Denker Nominalisten waren (im Sinne des Mittelalters) und weil sie die einseitige Bedeutung einer mechanistischen Weltanschauung für die Erfahrung nicht bestritten haben. An einer Stelle, wo man es kaum vermuten würde, ist diese Verbindung von äußerster Gemeinheit und Nominalismus zu beobachten. Shakespeare, der zum mindesten die philosophischen Schlagworte seiner Zeit sehr gut kannte, und vielleicht gleich Goethe ein ganzer Philosoph – ohne System – war, legt im letzten Akte des ersten Teiles von Heinrich IV. dem ausbündigen Schuft Falstaff einen Gedankengang in den Mund, der den Nominalisten vom frommen Anselm von Canterbury mit Recht oder Unrecht zugesprochen wurde. Nach Anselm soll Roscelin, der Scholastiker des 11. Jahrhunderts, also gelehrt haben: Begriffe seien nur Worte, Worte nur Luftausstoßungen der Menschenstimme (flatus vocis). Etwas anderes sagt auch der hundsföttische Falstaff nicht in seinem berühmten Monologe. »Kann Ehre ein Bein ansetzen? Nein ... Ehre versteht sich also nicht auf Chirurgie? Nein. Was ist Ehre? Ein Wort. Was ist dieses Wort Ehre? Luft.« Schlegel bemerkte nicht, daß dieser Gedankengang ganz schulgerecht ist, und übersetzte um eine Nuance unrichtig: »What is that word, honour?« Für den Nominalismus, der damit karikiert werden sollte, ist ein Wort wirklich Luft. Schlegel übersetzt zu umständlich und darum falsch: »Was steckt in dem Wort Ehre? Was ist diese Ehre?« Die Stelle hätte gebessert werden sollen. In diesem Punkte erscheint Shakespeare einmal ganz als Engländer; die Engländer haben sich seit Jahrhunderten eine bequeme Lebensphilosophie zurechtgelegt, mit deren Hilfe sie freie Naturforschung treiben und dennoch ihr Pfaffentum respektieren können. Unmittelbar nach Shakespeare wurde der nominalistische Materialismus durch einen echten Engländer, durch Hobbes, in ein System gebracht, welches schon im Keime die beiden Eigentümlichkeiten enthält, durch die sich das englische Denken noch heute von dem kontinentalen Denken unterscheidet. Erstens löste sich die Philosophie durch ihr Aufgehen in Nationalökonomie selber auf, so daß seitdem philosophy oft nicht mehr heißt als Physik. Zweitens wurde die Omnipotenz des Staates in der Weise über die Kirche ausgedehnt, daß der staatlich anerkannte Aberglaube als ein nützliches Mittel der Regierung erschien. Man lese nur einmal vorurteilslos in des Hobbes oft bismarckischem Leviathan das zehnte Kapitel des ersten Teils, man lasse die grimmige Menschenverachtung dieser Bemerkungen De Potentia, Dignitate et Honore auf sich wirken, und man wird besser verstehen, warum ich just bei der Untersuchung des Ehrbegriffs den englischen Nominalismus bemühe. Des Gefühls der Ehre wird gar nicht gedacht; für Hobbes geht Macht vor Ehre, so wie nach dem Hobbesschüler Spinoza (Bismarck hat das Wort für sich abgeläugnet) Macht vor Recht geht. Opem poscere, honorare est; quia potentiam agnoscimus. – Amoris vel metus indicia patefacere honorare est; in utroque enim est confessio potentiae. Der Einfluß von Hobbes auf die großen Menschenverächter, auf Swift und Schopenhauer, sollte einmal genauer untersucht werden. Seit Hobbes herrscht in England die Verquickung von Materialismus und Orthodoxie, die uns oft mit Unrecht so widerwärtig erscheint. Die Grenze zwischen Heuchelei und gleichgültiger Gewohnheit ist schwer aufzufinden; wir erfahren, daß Newton und Boyle kirchlich fromme Leute waren. Es scheint den Engländern unser kontinentaler Haß zu fehlen gegen das lustig weiterblühende Religionsgeschäft der Pfaffen. Es überrascht trotzdem, diesen Zug schon bei Shakespeare zu finden; der gemeine Genußmensch Falstaff wird zum Nominalisten gestempelt, zu einem Unchristen, und wird vielleicht dadurch so geistreich und liebenswürdig. Halten wir das fest: das allerliebenswürdigste Schwein aus der Herde des Epikuros, Falstaff, der den Ehrbegriff nicht anerkennt, ist ein Nominalist. Falstaff weiß nichts von einem inneren Ehrgefühl. Er kennt nur den Scheinbegriff der äußeren Ehre, nur diesen. »Was ist dieses Wort Ehre? Luft.«

II.

Falstaff hat den Ehrbegriff für sich aus der Welt geschafft. Auch Ehre nur ein flatus vocis. Man hat wegen dieser Stelle den Schuft Falstaff nur noch tiefer verachtet. Dann zog siegreich wachsend der Materialismus von England und Frankreich über Europa, unterwarf sich Psychologie und Ethik, und als dann alle Dogmen in Staat und Kirche gestürzt waren, kam die Zeit Schopenhauers, der den Ehrbegriff für die Welt aus der Welt schaffte, die Ruhmsucht nicht für sich. Und in hundert Romanen und Dramen wird seitdem der Ehrbegriff mit Füßen getreten, als ob er auch so ein mittelalterlicher Glaubensbegriff wäre. Die Welt sollte ehrlos gemacht werden, damit sie behaglicher werde für gefühllose, ehrgefühllose Menschen. Wir leben lustig, jenseits von Gut und Böse, jenseits von Ehre und Schande. Aber es gibt trotzdem Gefühle, die nur durch diese beiden Begriffe schlecht genug ausgedrückt werden. Wirkliche, wirkende Gefühle. Ich selbst verstehe den Begriff des Sollens nicht; ich verstehe die Sätze nicht: du sollst gut sein, du sollst nicht ehrlos sein. Nur die Wirklichkeit ist nicht abzuschaffen: es gibt gute und böse Menschen, auch noch nach Spinoza und nach Nietzsche; es gibt ehrlose und ehrliebende Menschen, auch nach Schopenhauer. Nur daß die beiden Begriffspaare disparat sind. Man kann gut und ehrlos sein, böse und ehrliebend. Gut und böse gehören wie alle ethischen Begriffe ins soziale Gebiet, zwischen die Menschen; nichts damit hat Ehre zu tun, sie gehört dem Einzigen, der Persönlichkeit, ist vielleicht die Persönlichkeit selbst, das Ichgefühl. Und was Schopenhauer aus der Welt geschafft hat, ist nur die Afterehre der Eitelkeit, ist nicht die eigene Ehre des Stolzes. Ganz scharf werden in der Seele Eitelkeit und Stolz nie zu scheiden sein. Fremde Meinung und eigene Meinung beeinflussen einander. Zu der Afterehre der Eitelkeit gehören alle die an den Pranger gestellten Standes- und Berufsehren. Wer kein Sklave ist, hat die Ehre seines Standes oder Berufs. Berufs- und Standesehre ist sozial, also ethisch, also sprachlich. Hat man aber seinen Beruf oder Stand selbst gewählt, ja hat man ihn nur bewußt festgehalten, so gehört er mit zur Persönlichkeit und hört auf, bloß sozial zu sein. So einfache Dinge, wohlbekannte Gefühle, und dennoch von der Sprache kaum bestimmt auseinander zu halten. Die Ehre der Eitelkeit und die Ehre des Stolzes, beide sind Gefühle; wollten wir aber nun definieren, was Eitelkeit und was Stolz sei, so würden wir bald zu elenden Zirkelerklärungen gelangen. Vielleicht geht es besser, wenn wir uns an weniger ethische Begriffe halten, wenn wir Verstandesbegriffe zu Hilfe nehmen: das andre Begriffspaar Schein und Illusion stellt sich ein. Auch da unterscheidet die Gemeinsprache nicht immer und nicht scharf; aber die Sprache erlaubt uns doch, für unsern Gedankengang unter Schein besonders die Scheinbegriffe zu verstehen, mit denen die Menschen einander betrügen; unter Illusionen die Gefühle, mit denen die Menschen sich selber täuschen. Der Schein ist eine Fälschung, die Illusion ist ein Irrtum. Wir werden nachher den Ehrbegriff der Eitelkeit als eine Fälschung, den Ehrbegriff des Stolzes als einen Irrtum erkennen. Man denke bei Illusion an zwei Fälle und man wird mir zugeben, daß man solche Selbsttäuschungen von den Begriffsfälschungen des Denkens nicht streng genug scheiden könne. Bei allen künstlerischen Illusionen (bei denen die Sprache allerdings auch von einem schönen Scheine zu reden gestattet) unterwerfen wir uns einer Gefühlstäuschung; aber unser ganzes inneres Leben würde verarmen, wollten wir nüchtern auf diese Täuschung verzichten. Der zweite Fall geht auf einen noch wichtigeren Gegenstand. Man hat längst nüchtern erkannt, daß der Mensch keinen freien Willen habe; der freie Wille ist eine Selbsttäuschung; aber das Gefühl des freien Willens ist dennoch wirklich, ist biologisch notwendig, weil wir ohne dieses Gefühl verhungern würden wie Buridans Esel. Ich könnte noch eine Stufe höher steigen und daran erinnern, daß nach der gegenwärtigen Erkenntnistheorie alle unsere Sinnesempfindungen Illusionen sind, notwendige Selbsttäuschungen, daß unsere sogenannten spezifischen Sinnesenergien Molekularschwingungen in ganz andere Qualitäten umsetzen. Bei all diesen Illusionen betrügen wir nicht und werden wir nicht betrogen; wir täuschen nur und täuschen uns. Zu diesen Illusionen des innern Lebens gehört nun zuerst und vorallem das Ichgefühl; ich habe es oft eine Täuschung genannt, aber es ist so wenig eine Lüge, wie die Übersetzung bestimmter Ätherschwingungen in die Empfindung rot eine Lüge ist. Es ist eine Selbsttäuschung, eine Illusion, wie andere Empfindungen Illusionen sind. Die echte Ehre scheint mir nun nichts anderes zu sein als dieses Ichgefühl, unter dem Gesichtspunkte des Stolzes. Die äußere, die unechte Ehre ist die Fälschung dieses Gefühls, die Unterwerfung der Eitelkeit unter die Meinung der andern Leute. Freiheit ist die echte Ehre, Unfreiheit die falsche Ehre. Die begriffliche Trennung der beiden Gebiete ist nun aber so schwer zu vollziehen, weil der Mensch mit hundert Fäden an die Gesellschaft gebunden ist und sich gar nicht als ganz freies Individuum empfinden kann. Er kann seine Menschenehre gar nicht vollständig losknüpfen von seiner Standes- oder Berufsehre; und wenn er das könnte, so gehörte er immer noch entweder zum weiblichen oder zum männlichen Geschlechte und besäße jenachdem die eine oder die andere Geschlechtsehre, bei der wieder die Unterscheidung zwischen Betrug und Selbsttäuschung nicht ganz leicht wäre. Ich denke zunächst an den Mann. Wer das geheime Hahnreitum ertragen könnte, nicht aber das Gerede der Leute, der hätte sich eitel dem sozialen Ehrencodex unterworfen; wer es aber für sich ganz allein nicht ertragen könnte, daß seine männliche Geschlechtsehre verletzt worden ist, der hat individuelles Ehrgefühl, soweit da nicht die Täuschung übersprachlicher Triebe mitspielt. Die sind schwerlich pathologisch, weil auch monogame Tiere, wenn sie Kraft genug haben, auf Leben und Tod um das eigene Weibchen kämpfen. Dieser Gegensatz, der selten ein reiner Gegensatz ist, zwischen sozialer Afterehre und echter individueller Ehre, wäre an allen Arten der Standes- oder Berufsehre nachzuweisen. Es gibt schuftige Advokaten, welche allen Anforderungen der sozialen Anwaltskammern entsprechen und dennoch Handel treiben mit dem, was zu verkaufen die Ehre des ehrenhaften Advokaten verbieten müßte. Es gibt schuftige Ärzte, angesehen vor den Ärztekammern; und es gibt ausgestoßene Ärzte, die ausgestoßen worden sind, weil sie in einem Konflikte ihrem individuellen Ehrbegriff folgten, ihrer Überzeugung. Auch für Könige gibt es eine soziale Afterehre ihres Standes: die Eitelkeit, sich unter ihren Standesgenossen durch Zahl, Uniformen oder Körperlänge ihrer Soldaten, durch Prunk, ja lächerlicherweise sogar durch Titel auszuzeichnen; es gibt aber auch echte Standesehre für Könige. In Friedrich dem Großen z. B. mischten sich beide fast unentwirrbar. Kraft deckt sich leicht mit Ehre, Schwäche ebenso leicht mit Schande. Aber nur die Wirkungen sind zu vergleichen, nicht die Gefühle. Der bankerotte Kaufmann, der sich eine Kugel vor den Kopf schießt, hat nicht immer eigene Ehre im Leib; wäre er Dienstmann oder Kellner geworden, so lebte er ja in Schande, so wäre er degradiert. Hätte er aber das Kraftgefühl, sich wieder emporarbeiten zu können, dann wäre seine Kraft größer als seine eitle Ehre, aber ehrlos bliebe er doch, wie Gabriel Borkman, so lange, bis die Kraft die Ehre wiederhergestellt hätte. Der schuftige Journalist, der mit seiner Überzeugung seine Ehre verkauft, ist vor sich ehrlos, einerlei, ob er sich aus Kraft für eine Million verkauft hat oder aus Schwäche für ein Nachtessen. Wie ist es nun möglich, daß das Gefühl der Individualehre in vorbildlichen Menschen ein so mächtiges Motiv ist? Stärker als selbst der mächtigste Trieb des Menschen, der Lebensdrang. Niemandem kann die Antwort schwerer fallen, als dem, der gelehrt hat und lehrt: Unser Ichgefühl ist eine Selbsttäuschung; die Persönlichkeit, die Individualität ist eine Vorspiegelung, wirklich ein Reflex des Gedächtnisses. Bleibe ich logisch diesem Gedanken treu, so wird (ganz abgesehen von der sozialen Afterehre) auch das große individuelle Ehrgefühl, ohne welches das Menschenleben zu einem warmen, behaglichen Dreckhaufen zusammensinkt, so wird das stolzeste Gefühl der stolzesten Menschen zu einer Täuschung in zweiter Potenz, zu einer Pietät gegen die eigne Vergangenheit, zu einer knechtischen Unterwerfung unter das eigne Gedächtnis, das uns als unser Ich erscheint. Dann müßte ich logisch wie Falstaff und Schopenhauer schließen. Und wirklich gibt es unzählige Fälle individuell ehrenhaften Handelns, in denen der Ehrenmann heute untergeht, weil er seiner gestrigen Überzeugung folgt; was er für Treue gegen seine Überzeugung hält, war nur allzu große, allzu langsame Treue des Gedächtnisses. Aber das alles ist ja eben nicht ganz wahr. In noch unnahbarerer Tiefe als der wirkliche Lebensdrang des täuschenden Ichgefühls steht oder ruht, schreit oder schlummert das Ehrgefühl und kann in extremen Fällen den Lebensdrang selbst unterkriegen. Selbstmord aus verletztem Ehrgefühl ist auch dann noch häufig, wenn man die Fälle der verletzten Eitelkeit abzieht. Offiziere, Könige und Kaufleute sind an der echten Berufsehre gestorben. Die andere Täuschung, die eines freien Willens, spielt hinein. Die echte eigene Ehre leidet unter der doppelten Selbsttäuschung, daß das eigene Ich anders, als es geschehen ist, hätte wollen und handeln können. Sogar Dummheit, für die doch der Wille gewiß nicht verantwortlich ist, wird an dem Träger des Ich- und Willensgefühls unter Umständen mit dem Freitode bestraft. Die Erklärung des echten Ehrgefühls aus den beiden Selbsttäuschungen des Ichgefühls und des Freiheitsgefühls führt mich wieder zu dem Beispiel der Geschlechtsehre zurück. Natürlich wirkt auch da, beim Weibe und beim Manne, gewöhnlich die Eitelkeit mit, die Rücksicht auf die Meinung anderer Leute. Oder die Eitelkeit kompliziert sich auch wohl mit Kämpfen, die unter das Motiv des Hungers fallen. Zahllose Selbstmorde von Mädchen, die ihre Ehre verloren haben, die in Schande geraten sind, sind bei uns aus dem falschen Ehrbegriffe herzuleiten; es gibt Völker genug und unter uns Bevölkerungsschichten, die diesen Ehrbegriff gar nicht kennen. Daß solche Selbstmorde wegen verletzter Geschlechtsehre bei den Männern seltener vorkommen, liegt an natürlichen und historisch gewordenen Verhältnissen, die das entehrte Mädchen so viel schlechter stellen als den an seiner Geschlechtsehre verletzten Mann; man beachte aber, daß der Selbstmord wieder um vieles häufiger ist bei Männern, wenn sie syphilitisch angesteckt worden sind; auch hier ist das Motiv des Selbstmordes sehr kompliziert, aber es spricht mit, daß sie diese Krankheit als eine Schande empfinden. Schon Schopenhauer hat, in einem ganz andern Gedankengang freilich, den falschen Ehrbegriff und die Lues in Zusammenhang gebracht (Par. I, 414). Wer aber, Weib oder Mann, in den Tod geht, nicht getrieben von Hunger oder Eitelkeit, ganz allein umhergejagt von dem Gefühle der Ehrlosigkeit, die auf diesem Geschlechtsgebiete Eifersucht heißt, also von einem Ehrgefühl, das sich nicht mehr völlig mit dem Ichgefühl deckt, der scheint mir nur einer gesteigerten Täuschung unterlegen zu sein, die doch eine nahe Beziehung hat zur Täuschung des Ichgefühls. Mord aus Eifersucht, Mord am Nebenbuhler mag auf ein vermeintliches Besitzrecht zurückgeführt werden. Selbstmord aus reiner Eifersucht, aus verletzter Geschlechtsehre, ist nur zu erklären daraus, daß der Selbstmörder sich mit seinem Weibe, die Selbstmörderin sich mit ihrem Manne, als Eins fühlte, als ein lebendiges Ganze, und daß diese schöne Illusion eine Verletzung nicht vertragen hat. Die Verletzung der Symbiose. Wie auch richtige Individuen an einer seelischen Verletzung ebenso zugrunde gehen können, wie an einer leiblichen. Zum zweitenmale habe ich da schon die Geschlechtsehre als Beispiel herangezogen: das Einemal wollte ich auch bei der Geschlechtsehre die echte Ehre von ihrem Surrogate unterscheiden; diesmal auch die echte Geschlechtsehre mit der Selbstachtung, mit dem Persönlichkeitsgefühle in Zusammenhang halten. Ich habe aber noch gar nicht die Vorfrage gestellt, was die Geschlechtsehre eigentlich sei. Schopenhauer, der die Weiber zu hassen glaubte und gern beschimpfte, weil er sie nicht entbehren konnte, scheint die Geschlechtsehre in die Gruppe der Standes- oder Berufsehren einreihen zu wollen. Das geht aber nicht an. Stände und Berufe sind menschliche Einrichtungen; der Geschlechtsunterschied aber ist ja doch wohl nicht erst von der menschlichen Sprache in die Natur hineingetragen worden. Männchen und Weibchen sind keine Korrelatbegriffe, sind keine relativen Begriffe. (Vgl. Art.  Geschlecht.) Es ist ein Unterschied von ganz eigentümlicher und unvergleichlicher Art. Der Mensch, der von seiner Männlichkeit oder Weiblichkeit Profession macht, mag so etwas, wie die Berufsehre seines Geschlechts besitzen. Damit hat die Geschlechtsehre nichts zu tun, von der ich hier rede; nicht beim Manne und nicht beim Weibe. Die ideale Eifersucht, dieser seltene Fall eines verletzten Persönlichkeitsgefühls bei der Symbiose, ist unabhängig von der sozialen Stellung des Mannes und der Frau, ist bei Mann und Frau ein gleichmächtiges Gefühl. Das Märchen Platons, daß ein Liebespaar die zusammengehörenden Hälften eines einzigen Individuums darstelle, ist da beinahe Wirklichkeit geworden. Die Verletzung der einen Hälfte schmerzt die andere Hälfte. Schopenhauer hat einmal darüber gelacht, daß die ritterliche Ehre auf der Backe des Gegners sitze; es ist kein Zynismus, wenn ich jetzt diesen Scherz auf die echte Geschlechtsehre anwende und sage: Die Geschlechtsehre sitzt in den Genitalien der andern Hälfte. Und solange beide Hälften nur eine Persönlichkeit ausmachen, erkrankt die eine Seelenhälfte durch Verletzung der andern. Was wissen wir von dem, was man immer noch die Seele nennt. Hat ein körperlicher Schaden, den man Krankheit nennt, den organischen Zusammenhang des Individuums gestört, so bemühen sich alle Gedächtnisse aller sogenannten Zellen, das Gesamtgedächtnis wieder herzustellen. War der Schaden zu arg, so tritt der Tod des Individuums ein. Ist das täuschende Ichgefühl, die Achtung vor dem eigenen Gedächtnis, die man dann Ehre nennt, verletzt, beschädigt worden, so mag ja auch, wie jeder aus Erfahrung weiß, der Ehre im Leib hat, eine Störung der Leibeszellen folgen. Darüber hinaus krankt aber der tiefste Kern des Individuums, und hilft ihm die Kraft nicht, die dann stärker sein muß, als die Schande, so stirbt der Körper des Individuums an der inneren Verletzung der Ehre, d. h. an der Schande, und Falstaff und Schopenhauer können sagen, dieser Mensch sei an einem Worte gestorben.

III.

Dieses Wort, das Macht zu töten hat, wollen wir uns nun einfach ansehen und die Frage zu beantworten suchen, wie es zu dieser Macht gekommen sein möchte. Durch die Verwechslung zweier Bedeutungen. Ich will im Folgenden allen Tiefen aus dem Wege gehen und mich an die wohlbekannte Psychologie der beiden Ehrbegriffe halten. Ich habe öfter davor warnen müssen, jedesmal eine einzige Urbedeutung aufspüren zu wollen, wenn ein Wort im Sprachgebrauche ungleiche Vorstellungen bezeichnet; dieses Aufspüren einer gemeinsamen Urbedeutung kann mitunter sehr nützlich werden, um den etymologischen Zusammenhang deutlich zu machen; die wirkliche Wortgeschichte geht aber oft nicht den nächsten, den etymologisch oder gar logisch nächsten Weg. Lat. honos, deutsch Ehre sind nach ihrer Herkunft gleicherweise unaufgeklärt geblieben; die Herleitung des deutschen Wortes von lat.  aestumare, die nach Kluge feststeht, nach Paul vielleicht möglich wäre, scheint mir eine Verirrung der Germanisten. Es kommt aber darauf nicht an, weil Ehre zu uns nicht als Kunstausdruck irgend einer Wissenschaft gekommen ist, sondern sehr früh der Gemeinsprache angehört, zuerst als Gottes Ehre, schon im Althochdeutschen. Viel wichtiger wären in diesem Falle die Beziehungen des deutschen Wortes zu den entsprechenden Begriffen, die in den romanischen Sprachen fast gleichlautend (it. onore , prov. onors, franz.  honneur, sp.  honra) aus dem lat. honos übernommen worden sind. In Spanien und Frankreich bildete sich unter Kultureinflüssen, denen nachzugehen viel zu weit führen würde, unter den Einflüssen des alten Rittertums und der neuen starken Monarchie, unter den Einflüssen des Nationalcharakters, und doch wieder nicht unbeeinflußt von den Berührungen mit den Arabern, der point d'honneur aus, als ein Kastenbegriff des Adels. Dieser Kastenbegriff ist dann international geworden, und weil unser Ehre einmal zur Übersetzung von lat.  honos geworden war, so blieb es auch die Übersetzung von franz.  honneur, für die ernste Bedeutung des Wortes wie für die leersten Redensarten der Höflichkeit (Ich habe die Ehre – j'ai l'honneur). So ist die doppelte Bedeutung des Wortes, um die es sich mir hier handelt, ebenfalls international geworden. Was ich also über das deutsche Wort zu sagen habe, gilt mit geringen Änderungen von allen modernen Kultursprachen. Ehre hat zwei ganz verschiedene Bedeutungen, die nicht durch eine gemeinsame Urbedeutung logisch zu erklären, sondern höchstens durch kulturhistorische Tatsachen zu verbinden sind. Ich werde gut daran tun, zwei verschiedene Worte – die sich aber mit den zwei Bedeutungen von Ehre nicht genau decken – vorläufig zu gebrauchen, damit die Untersuchung nicht verwirre, damit die Gleichheit des Wortes nicht über die Ungleichheit der Gedankendinge täusche. Etwa: Selbstachtung und Abhängigkeit von der Meinung anderer. Paradox ausgedrückt: Unabhängigkeit und Abhängigkeit. Sein und Schein. Im letzten Begriffspaar verrät sich aber schon der Grund, aus welchem die Gemeinsprache zwei entgegengesetzte Begriffe mit dem gleichen Worte bezeichnen konnte; die Ehre, die in der guten Meinung der anderen besteht, ist für die meisten Menschen ein Surrogat für die innere Ehre, welche Selbstachtung ist. Es ist aber eine ganz bekannte Erscheinung, es ist eine der dümmsten Äußerungen des menschlichen Wortaberglaubens, daß Surrogate gern mit dem gleichen Worte bezeichnet werden wie die eigentliche Sache und daß dann das Surrogat und die eigentliche Sache so behandelt werden, als ob sie derselben Art angehörten. Man denke nur an den Kaffee ohne Spur von Kaffeebohnen, den unzählige Menschen im Abendlande als Kaffee trinken. Gewohnheit und sohlechter Geschmack bringen es dahin, daß das Surrogat am Ende nicht einmal mehr als minderwertig empfunden wird; die Armen wissen es nicht besser. Gewohnheit und schlechter Geschmack haben es dahin gebracht, daß die von der Meinung abhängige Ehre ein vollwertiger Ersatz für die Selbstachtung zu sein scheint; die Armen an Ehre wissen es nicht besser. Man könnte bei allen solchen Surrogaten viel strenger von Fälschungen reden; nur daß der Begriff Fälschung juristisch geworden ist und auf Dinge beschränkt wird, deren Echtheit dem Käufer wichtig ist. Die Abhängigkeitsehre ist eine Fälschung der echten Ehre, wie der Malzkaffee eine Fälschung des echten Kaffees. Was liegt aber dem stumpfen Menschen am Ehrgefühl? An der Empfindung des Kaffeegeschmacks? Sie benennen das Echte und die Fälschung mit einem Worte; und sie schlürfen die falsche Ehre begierig hinunter, weil sie einen so schönen Namen hat. Ich warne davor, diese Darstellung des Verhältnisses der beiden Ehrbegriffe etwa bloß für ein Bild zu nehmen oder gar für einen Scherz; sie trifft vielmehr ernsthaft den traurigen Sachverhalt. Die stumpfen Menschen haben keine Empfindung für den Unterschied zwischen der echten und der gefälschten Ehre; darum kommen sie mit dem einzigen Worte aus. Man vergleiche einmal, um meine Darstellung besser zu verstehen, andere Homonymen mit dem zweifachen Sprachgebrauch von Ehre. Wir haben z. B. das Wort Bauer; wir wenden es in genau der gleichen Lautform für den Landmann an, für den Vogelbauer und etwa noch in Zusammensetzungen wie Orgelbauer; in diesem dreifachen Gebrauche hat Bauer ganz gewiß die gleiche Etymologie; der Fall liegt nicht so wie bei kosten, dessen beide Bedeutungen auf so verschiedene Worte zurückgehen wie gustare und constare. Unser Sprachgefühl aber empfindet trotz der gleichen Etymologie Bauer (Käfig) und Bauer (Landwirt) gar nicht als das gleiche Wort; kommt die Gleichheit überhaupt zum Bewußtsein, so hält man sie für einen Zufall und spielt mit dem Zufall. Wir haben ferner das Wort Maler; wir bezeichnen damit je nach unserer Seelensituation bald einen Anstreicher, bald einen Künstler. Da aber sowohl der Anstreicher als der Künstler Farben und Pinsel als Handwerkszeug braucht, fühlt sich die Polizei und die Gemeinsprache von dem Gleichklang belästigt, und man hat auch (in München) die abscheuliche Bezeichnung Kunstmaler gebildet. Beide Male hat der Gleichklang nicht zu einer Verwechslung geführt. Zwischen der echten und der gefälschten Ehre, zwischen der hohen Ehre der Unabhängigkeit und der niederen Ehre der Abhängigkeit haben die stumpfen Menschen so wenig unterschieden, daß es nachher, wie man sieht, der Sprache schwer fällt, die Begriffe zu trennen. Wir haben beim Gebrauche des Wortes Ehre in seiner zweifachen Bedeutung weder eine deutlich geschiedene innere Wortempfindung (wie bei Bauer), noch haben wir eine künstliche Rangerhöhung und Auszeichnung des einen Begriffs für notwendig gehalten (wie bei Maler und Kunstmaler). Offenbar schmeckt uns der Malzkaffee. Die gefälschte Ehre hat naturgemäß häufiger zur Kritik gereizt als die echte Ehre; ja, man kann sagen, der falsche Ehrbegriff ist von denjenigen Philosophen, die Menschenkenner waren, fast ausschließlich behandelt worden. Der alte Walch beginnt seine Predigt geradezu mit der Definition: »Ehre bestehet in einer Opinion anderer Leute«. Die geistreichen Bosheiten von Larochefoucauld richten sich gegen den Scheinbegriff, gegen die falsche Ehre. Und die glänzende Satire Schopenhauers, von der ich oben ausgegangen bin (Parerga I, S. 372-429), verrät schon durch die Überschrift des 3. Kapitels, daß nur die Scheinehre gemeint ist. »Aphorismen zur Lebensweisheit« heißt das ganze, gar lesenswerte Buch; die einzelnen Kapitel aber tragen die Untertitel: 1. »Von Dem, was Einer ist«, 2. »Von Dem, was Einer hat«, 3. »Von Dem, was Einer vorstellt«. Die echte Ehre jedoch, die innere Ehre, gehört dem Sein an und nicht dem Schein; gehört nicht zu dem, was Einer vorstellt, sondern zu dem, was Einer ist, wie die leibliche Gesundheit. Und wie diese nur ein Korrelatbegriff zu Krankheit ist, wie Gesundheit eigentlich von selbst gar nicht zum Bewußtsein kommt, so auch nicht die Integrität der inneren Ehre, solange man an eine Verletzung der Ehre nicht denkt. Wer Ehre im Leib hat, der weiß das gar nicht, solange kein Verlust droht; wogegen die falschen Ehren (nur die falsche Ehre hat eine Mehrzahl) nicht nur mit ihren Titeln und Orden recht positive Dinge sind. Ein Maler, der auf Briefadressen Kunstmaler genannt werden will, der den Professortitel anstrebt (nicht bloß um höhere Honorare verlangen zu dürfen), der seinen Namen in den Zeitungen sucht, der ist abhängig von der Opinion anderer Leute; der Maler, der lieber hungert, als daß er der Eitelkeit eines zahlenden Modells schmeichelte, ist unabhängig, hat Ehre im Leib, seine Berufsehre. Wenn man mir nur eine kleine Hilfskonstruktion gestatten würde, so könnte ich die drei Gebiete von Schopenhauers Einteilung in nahen Zusammenhang bringen zu den einzigen drei Motiven menschlichen Handelns: Hunger, Liebe und Eitelkeit. Was Einer hat, kann seinen Hunger befriedigen; was Einer ist, kann sein Liebesbedürfnis befriedigen; was Einer vorstellt, befriedigt seine Eitelkeit. Den ersten und den dritten Satz wird man mir gern zugeben; den zweiten nicht so gern, weil man es nicht hören mag, daß das Gefühl der Persönlichkeit, der leiblichen wie der inneren Persönlichkeit, dieses stärkste Gefühl mit allen seinen Illusionen, biologisch der Erhaltung dieser Persönlichkeit dient und durch eine neue Illusion, die Liebe, der Erhaltung der Art. So verstanden wächst freilich das Motiv der Liebe über die beiden anderen Motive hinaus und berührt sich ganz wunderlich mit dem Begriffe der echten Ehre, mit dem Behaupten der eigenen Persönlichkeit. Liebe und Ehre werden in dieser mystischen Welt, die aber der schlichteste Mensch kennen kann, zu nahverwandten Begriffen. Und da wäre es weniger wunderlich, daß unter den verschiedenen menschlichen Arten der Ehre die Geschlechtsehre eine so ernste Rolle spielt. Beim Manne wie beim Weibe. Die Geschlechtsehre des Weibes mag ein Weib genau untersuchen; an mystische Dinge kann man mit Worten nicht von außen heran. Auch die Geschlechtsehre des Mannes kann gar wohl dem Schein wie dem Sein gehören. Die gemeine Eifersucht des Mannes kämpft, dumm genug, um das, was er hat; die gemeine Angst des Mannes vor dem Gerede der Leute kämpft nur allzu oft um das, was er vorstellt. Darüber hinaus gibt es noch eine Geschlechtsehre, die Liebe ist, und diese kämpft um das, was Einer ist.

IV.

Schopenhauer ist in seiner Predigt gegen den Ehrbegriff so weit gegangen, das Prinzip der ritterlichen Ehre und die Syphilis als die beiden Gifte hinzustellen, die die moderne Gesellschaft um so viel elender gemacht haben, als es die antike Welt war; Schopenhauer schließt seine Diatribe mit einer Verhöhnung des Duells, die jedenfalls glänzender geschrieben ist als alles, was seitdem von friedliebenden Männern und Frauen gegen das Duell und gegen den Krieg vorgebracht worden ist. Wenn duellum und bellum, wie man annimmt, ursprünglich das gleiche Wort war, so ist es um so weniger zu verwundern, daß unsere Friedensfreunde auch Gegner des Duells sind; und seitdem man sich bei der moralischen Beurteilung dieser Einrichtungen nicht mehr auf das alte Testament zu berufen pflegt, ist auch eine Verdammung des Duells und des Kriegs viel leichter geworden als früher. Der gesunde Menschenverstand ist ganz gewiß gegen das Duell und gegen den Krieg; der gesunde Menschenverstand ist immer ein Philister gewesen, und die Philister haben seit den Zeiten des Goliath etwas gegen die Duelle. Auch mein gesunder Menschenverstand hält die Institution des Duells für ebenso sinnlos und antiquirt wie z. B. die Institution des Eides (vgl. Art.  Eid); beide Institutionen gehen auf die alten Ordalien zurück, sind eine Art Wetten geworden und nehmen sich in unserm christlich geordneten Staate wunderlich genug aus. Woher es denn auch kommt, daß in unsern Parlamenten die Vertreter des ersten, des dritten und des vierten Standes (die Geistlichen, die Kapitalisten und Professoren, die Arbeiter) einträchtiglich gegen das Duell Reden halten. Ich glaube nur nicht, daß die Einrichtung des Duells durch Reden oder durch Philosophie aus der Welt geschafft werden kann. Ich glaube aber wohl, daß diese Einrichtung in der weitaus größten Zahl der Fälle der Verteidigung oder der ungerechten Behauptung der falschen Ehre dient, daß das Gefühl der echten Ehre in den äußersten Fällen, wo der Tod des Ehrverletzers allein befriedigen kann, nach Mord verlangt und nicht nach einem Duell. Schopenhauer hat schon darauf hingewiesen, daß Rousseau ( Emile, 4. Buch, Anmerkung x) die Ermordung des Beleidigers einem Duell vorzuziehen scheint. Rousseau sagt: »Il ne faut point que l'honneur des citoyens ni leur vie soit à la merci d'un brutal, d'un ivrogne ou d'un brave coquin, et l'on ne peut pas plus se préserver d'un pareil accident que de la chûte d'une tuile ... Un soufflet et un démenti reçu et enduré ont des effets civils ... dont nul tribunal ne peut venger l'offensé ... Il est alors seul Magistrat, seul Juge entre l'offenseur et lui ... Il se doit justice et peut seul se la rendre ... Je ne dis pas qu'ils doivent s'aller battre ... Il ne dépend pas de l'homme le plus ferme d'empêcher qu'on ne l'insulte, mais il dépend de lui d'empêcher qu'on ne se vante longtems de l'avoir insulté.« – Ich bin bescheidener als Rousseau: ich rate nicht, ich erkläre den Mord nicht für ein Naturrecht des beleidigten Ehrenmannes, ich versuche nur die Psychologie des beleidigten Ehrgefühls darzulegen. Wer in seinem echten Ehrgefühl, in dem Gefühle seiner Persönlichkeit, tötlich verletzt worden ist, der lügt schon, der ist schon klug, sobald er die Formen der Duelleinrichtung zur Wiederherstellung seiner Persönlichkeit wählt. Wer in seinem Heiligsten getroffen worden ist, für den ist der alte Urstand der Natur wiedergekehrt, der das regelreiche Duell nicht kannte. Immerhin ist in so verzweifelten Fällen die Existenz des Duells ein Rudiment, das nicht ganz zwecklos ist. Aber die meisten Duelle unter unsern Offizieren, Studenten und alten Herren der Studentenverbindungen erfolgen um der falschen Ehre willen, aus Rücksicht auf die Opinion der andern Leute. Zugegeben. Ich weiß auch, wie grotesk das Duell der Fassade unserer christlichen Zivilisation widerspricht. Wie der Krieg. Ich weiß, daß die Einrichtung des Duells für eine Anzahl von Virtuosen des Degens oder der Pistole zur Waffe des Erpressers geworden ist, daß ein kluger Erpresser mit seiner ewigen Duelldrohung sich gar lange in der feigen besten Gesellschaft halten kann. Daß der Ehrbegriff der besten Gesellschaft, die von dem Duell nicht lassen will, gar oft nur eine Kriegslist ist, die andre Gesellschaft fern zu halten; man schlägt sich untereinander viel seltener, als man sich mit den Parvenus schlägt. Das Duell ist für die satisfaktionsfähigen Stände ein letztes, außergesetzliches Mittel, gesellschaftliche Vorrechte zu erpressen. Ich weiß das alles. Und ich verstehe es nicht, daß der Fleck auf der Ehre eines Leutnants und eines Referendars nur mit Blut abgewaschen werden kann, daß aber der Fleck auf der Ehre eines regierenden Fürsten durch das Urteil eines Richters getilgt wird. Trotzdem kann ich dem gesunden Menschenverstande nicht beistimmen, wenn er just die Einrichtung des Duells unter allen veralteten Einrichtungen besonders abscheulich findet. Der gesunde Menschenverstand ist ja sonst nicht so christlich; es wäre denn, daß diese seine Feigheit christlich wäre. Und Feigheit, erbärmliche, unbewußte persönliche Feigheit predigt beim dritten Stande oft gegen das Duell; der vierte Stand ist ehrlicher, weil er den Begriff der Satisfaktion nicht nötig hat. Wenn aber Tapferkeit zu den sogenannten Tugenden gehört, wenn die Behauptung der eigenen Persönlichkeit ein Recht der Persönlichkeit ist, dann sollte man sich, gerade in unserer Zeit, hüten, die alte Einrichtung zu bekämpfen. Unsere Zeit ist so feige geworden, daß der Fürst, der Geistliche, der Adlige und der Bürger die Tapferkeit den Polizeisoldaten in Entreprise gegeben hat, sich vor körperlichen Überfällen von bezahlten Landsknechten schützen läßt; der moderne Mensch, der zivilisierte Großstädter, weiß ja gar nicht mehr, daß und wie er sich seiner Haut wehren soll. Da ist es so übel nicht, daß die Notwehr gegen moralische Überfälle in einer alten Sitte noch geübt wird. Wird die Sitte von Erpressern mißbraucht, so schaffe man sich die Erpresser vom Leibe, wenn man dafür nicht zu feige ist. Wirkungsvoller als alle Reden gegen das Duell wäre es vielleicht, wenn der dritte und der vierte Stand sich die Satisfaktionsfähigkeit erzwingen würden. Dann würde die unechte Ehre, die Rücksicht auf die Opinion andrer Leute, wieder zu einem Gemeingut, d. h. ebenso wertlos, wie Papiergeld nach dem Siege des Kommunismus werden müßte. Dann besäßen endlich alle Menschen gleich viel oder gleich wenig von der Scheinehre, wie im kommunistischen Staate jeder Bürger gleich viel oder gleich wenig Scheingeld hätte. Die echte Ehre freilich kann weder verweigert noch errungen, weder gemehrt noch gemindert werden.

 

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