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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 58
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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E.

Egoismus

Der natürliche und unausrottbare egozentrische Standpunkt des Durchschnittsmenschen ist als berechtigt hingestellt worden von dem edlen Spinoza in dem monumentalen Satze (Ethik IV prop. 24): »Ex virtute absolute agere nihil aliud in nobis est, quam ex ductu Rationis agere, vivere, suum esse conservare  (haec tria idem significant) ex fundamento proprium utile quaerendi.« Der Altruismus, daß nämlich vernünftig egoistische Menschen die Mitmenschen nicht vergessen, versteht sich am Rande (Prop. 18 scolium). Man glaubt gewöhnlich, der verstiegene, konsequente, theoretische, eigentlich unwiderlegbare und doch wahnsinnige Egoismus, den man Solipsismus nennt, sei in der erkenntnistheoretischen Anlage von Berkeley, in seinem praktischen Anarchismus von Stirner erst erfunden worden. Aber das Wort Egoismus hat sich erst zu der banalen Bedeutung einer Handlungsweise, die das Interesse des Handelnden wahrnimmt, verflachen müssen. Diese Gruppe moralisch-philosophischer Ausdrücke bezeichnet sehr oft gerade bei der ersten Prägung die allerschärfste Fassung des Gedankens. Christian Wolf gibt in der neuen Ausgabe seiner »Vernünftigen Gedanken von Gott« Nachricht von »der allerseltsamsten Sekte der Egoisten, die vor weniger Zeit in Paris entstanden«. Wolf unterscheidet unter den Weltweisen die Scepticos und die Dogmaticos, die er mit Lehrreiche übersetzt. Unter den Lehrreichen gäbe es, je nachdem sie nur eine Art von Dingen oder zweierlei Arten annehmen, Monisten und Dualisten. Die Monisten sind abermals von zweierlei Gattung, entweder Idealisten oder Materialisten. »Endlich die Idealisten geben entweder mehr als ein Wesen zu, oder halten sich für das einige würkliche Wesen. Jene werden Pluralisten, diese hingegen Egoisten genennet.« Über diese Wolfischen Definitionen hat ein Tübinger Professor, C. M. Pfaffius, 1722 eine Rede gehalten und drucken lassen, die uns heute spaßig genug anmutet, die aber für die Wortgeschichte wichtig ist, weil sie die Neuheit der Worte Egoismus und Egoista belegt. Die »Oratio de Egoismo, nova philosophica haeresi« setzt gleich mit einer Bitte um Entschuldigung dafür ein, daß sie seine Zuhörer mit einem so barbarischen Wort belästige. De novo quodam spectro philosophico, de Egoismo nudius tertius in Gallia, Anglia et Hybernia nata (nova haeresi) ubi hodie ad vos verba facturus sum, ... nolite mirari aut frontem corrugare ad vocem barbaram, inconditam atque in hisce aris, in hoc auditorio hactenus inauditam, qua primus egomet jamjam auras vestras pulso. Die Egoisten praeter se nullum alium spiritum, nullum aliud ens creatum in rerum natura esse arbitrantur. Solche Menschen wären nicht etwa Erfindungen einer spielerischen Phantasie, sondern es gäbe Bücher von ihnen, es gäbe re vera ejusmodi monstra hominum, qui ita delirarent ... qui somniant nihil extra se dari, se solos esse unicum illud ens creatum quod existat. Natürlich wird Spinoza neben Hobbes als ein solches Monstrum an den Pranger gestellt. Pierre Bayle heißt scepticorum huius saeculi infelix primas. Pfaffius kennt Malebranche und zitiert nach den Mémoires de Trévoux einen Malebranchisten, der noch weiter gegangen wäre als Berkeley, der in einer langen Disputation ganz ernsthaft behauptet hätte, qu'il est très probable qu'il soit le seul être créé qui existe, et que non seulement il n'y ait point de corps, mais qu'il n'y ait point d'autre esprit créé que lui. Pfaffius schließt mit dem bekannten Worte Ciceros: nihil tam absurdum esse quod non dictum fuerit ab aliquo philosophorum. Die Kürze der Zeit hat es verschuldet, daß Pfaffius das Versprechen seines Eingangs nicht ganz erfüllt: veniam mihi dabitis, Auditores, si haec aenigmata paucis vobis solvero et, quid sub barbaris istis vocabulis lateat, clariore paulisper dictione enucleavero, atque curiosam hanc historiae Philosophicae recentioris partem primis, quod ajunt, labiis vobis jam degustandam dedero. Wie sehr nun der Egoismus sowohl im metaphysischen, wie im moralischen Sinne nur ein leerer Wortschall sei, außerhalb der Menschensprache nichts zu schaffen habe, das hoffe ich klar zu machen durch das Gedanken-Experiment, das den Begriff z. B. auf einen Baum anzuwenden wagt. Der Baum ist, wenn wir ihm erst etwas Gedankenähnliches zuschreiben, ganz gewiß ein radikaler Denker, denn er ist frei von jeder Rücksicht auf den gegenwärtigen Stand der Philosophie und ihrer Parteien. Die Kiefer könnte sich also ganz gut zum metaphysischen Egoismus bekennen. Sie ist der Einzige und die Welt ihr Eigentum. Nur daß eben diese Kiefer, wenn sie relativ allein aufwächst, ein Solitär wird, vom Boden an eine wohlgefällige, runde Baumkrone erzeugt und sogar für Menschen den Eindruck eines Einzigen macht. Im Walde aber verliert die Kiefer bis hoch hinauf alle ihre Äste, zeugt einen geraden Stamm und ist froh, einen kleinen grünen Wipfel in Luft und Sonne zu strecken. So steht sie in Reih und Glied und muß die Existenz anderer Kiefern anerkennen. Was sie, wenn sie irgend sprechen könnte, ihre Disziplin oder ihre Moral nennen dürfte. Weil sie aber nirgend sprechen kann, darum kann sie den moralischen Egoismus absolut nicht begreifen, weder als ein berechtigtes Prinzip, noch als einen Tadel. Nichts ist für sie auf der Welt als was ihre Wurzeln und ihre Nadeln angeht. Das ist ihre Welt. Die Nachbarkiefer hat ihre andere Welt. Und wenn die Menschen nicht sprechen gelernt hätten, so würden sie sich ebenso wissen, würden den moralischen Egoismus weder als Prinzip, noch als Tadel kennen. Wie tausend Zuschauer über den gleichen Regenbogen zu sprechen glauben, weil sie sprechen, jeder von ihnen aber seinen anderen Regenbogen mit seinen Augen sieht und schafft, eigentlich mit jedem seiner beiden Augen einen anderen Regenbogen, die sich vertragen lernen müssen.

 

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