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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 50
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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Dauer

Das Wort ist ein konfuser und nicht unbedenklicher Begriff geworden, seitdem es nicht allein von den Dingen, sondern von der Zeit selbst ausgesagt wird. Dauern ist ein Lehnwort, das lat.  durare, wie in den romanischen Sprachen; es hat sich im Deutschen lange nicht durchgesetzt, trotzdem es mhd., bei Wolfram und sonst, öfter zu finden ist, wohl noch als Fremdwort empfunden, im Sinne von ausharren; Luther kennt es nicht; erst im 17. Jahrhundert wird es von der Gemeinsprache aufgenommen und zwar wird es jetzt gleich sowohl von den Dingen als von der Zeit selbst gebraucht. Der lateinische Sprachgebrauch war ursprünglich ein ganz sinnlicher; transitiv bedeutete durare: hartmachen, intransitiv: hart werden, sodann bildlich, aber immer noch sinnlich genug: das Fortbestehen einer Sache, die durch die Zeit keinen Schaden erlitten hat. Wäre die Aufmerksamkeit ausdrücklich auf das Verhältnis von Zeit und Dauer gelenkt worden, so hätte man sich vorgestellt: die Zeit fließe dahin wie ein Strom und mitten im Strome daure ein Ding, unverändert wie ein Felsen. In diesem Sinne ist die Dauer oft definiert worden, als etwas an den Dingen, so von Spinoza und von Wolf; auch von Kant: »Durch das Beharrliche allein bekommt das Dasein in verschiedenen Teilen der Zeitreihe nacheinander eine Größe, die man Dauer nennt.« (Kr. d. r. V. S. 226.) Seit Locke aber begann man die Dauer auch psychologisch zu verstehen; das Ich empfindet sich als identisch in der Zeit, das Ich wird zu dem Dinge, welches dauert. Dagegen wäre gar nichts einzuwenden gewesen; so unmerklich wie die Dinge, ändert sich ja auch das Ich. Aber nun wurde die psychologische Dauer, die Empfindung der Dauer, auf die Zeit selbst übertragen, als ein Maß der Zeit, als ein Größenmaß also; und das war falsch, weil die Zeit gar nicht unmittelbar ausgemessen werden kann, am wenigsten durch eine Empfindung. Eine kurze Dauer sollte sich zur Zeit verhalten wie eine kurze Strecke zum Raume. Der Raum aber kann wirklich nach Strecken gemessen werden, wenn man nur die unschwere Hypothese der Übertragbarkeit annimmt; die Zeit aber kann bekanntlich wieder nur durch Raumgrößen gemessen werden, der Strom der Zeit nur durch Bewegungsgrößen. Man müßte also Dauer sehr genau als eine Funktion der Zeit definieren, um das Wort in der Physik und in der Psychologie anständigerweise gebrauchen zu können; was nicht gehindert hat, daß das Unwort Zeitdauer ganz alltäglich geworden ist. Es ist ganz richtig, daß wir uns eine gegenwärtige Dauer eigentlich gar nicht vorstellen können; die Gegenwart hat keine Dauer, ist nur der mathematische Punkt zwischen Vergangenheit und Zukunft; diese Bemerkung betrifft aber nicht die Zeit allein; wir können uns auch die kleinsten Teile der Dinge, die Atome, nicht vorstellen. Immer müssen wir den gegenwärtigen Moment mit einer Handvoll Nachbarmomente zusammenfassen, wenn wir auch nur den Moment haschen wollen. Die experimentelle Psychologie hat nachzuweisen gesucht, daß die kürzeste Zeitdauer, die wir noch unterscheiden können, 1/500 Sekunde sei. Ich glaube, daß solche Untersuchungen sehr wenig Nutzen haben für die Physiologie der Sinnesorgane, für die Psychologie eigentlich keinen Sinn.

 

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