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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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Absicht

Es war zu erwarten, daß ein so abstrakter Begriff wie Absicht Entlehnung von dem gleichbedeutenden intentio oder doch Anlehnung aufweisen würde; trotzdem kann der Zusammenhang überraschen. Tendere entspricht in seiner ganzen Bedeutungsgruppe unserem spannen; intendere heißt schon bei den Lateinern zielen: tela; die Geschütze bedienen: tormenta intendere; den Pfeil nach dem Ziele abschießen: sagittam intendere; dann metaphorisch: seine Aufmerksamkeit, seinen Geist auf etwas richten, anstrengen, anspannen, überhaupt etwas vorhaben, als Ziel vor sich haben, beabsichtigen; intentio ist die gespannte Aufmerksamkeit, der Eifer, das Vorhaben, die Absicht. Ich will das Wort in seinen romanischen Verzweigungen nicht verfolgen, so interessant die Geschichte mancher Formen (intendant, entendre, entente, intensiv) auch wäre. Spannen hatte ursprünglich die Bedeutung befestigen, anbinden, anknüpfen (das Schicksal an einen Stern); Zugtiere wurden an den Wagen gespannt, gefesselt; auch auf ein Folterwerkzeug wurde man gespannt; so wurde intendere arcum schon ahd. mit spannen übersetzt; es wurde militärtechnischer Ausdruck und nach Erfindung des Pulvers auf die neuen Schußwaffen übertragen: eine Büchse spannen. Nicht mit Unrecht: die Auslösung der Energie erfolgt dort nach dem Spannen der Sehne, hier nach dem Spannen des Hahns. Eine Bildervermischung war es, als Schiller sagte: »Alle Augen, alle Pfeile des Spottes sind auf mich gespannt.« Übersetzte so spannen das soldatische tendere und intendere, so nahm es auch die metaphorischen Bedeutungen von intendere an: die erhöhte Tätigkeit einzelner Teile, die Anstrengung leiblicher und geistiger Kräfte, der Aufmerksamkeit, des Willens; die Verstärkung der Energie machte einen sachlichen Bedeutungswandel durch: eine Feder spannen, das Wasser spannen (durch Stauung), die Dämpfe spannen (im Kessel durch Überhitzung). Endlich wurde das lateinische intentus, intente durch gespannt übersetzt; auch bildete sich mundartlich die Redensart auf etwas spannen, etwa: verlangend lauschen, also: etwas beobachten mit der Absicht es zu besitzen. Für das Fremdwort Intention aber gab es bis ins 18. Jahrhundert hinein kein deutsches Wort. Das Verbum absehen hatte jedoch inzwischen für die neue Feuerwaffe die Bedeutung von intendere gewonnen: richten, zielen. Es kam darauf an, daß ein einzelner Mann die schwere Hackenbüchse tragen, absehen und abschießen konnte. Ja, das Metallstückchen, wonach man sich beim Zielen richten, wonach man den Gewehrlauf richten konnte, das Visier (der Diopter bei Meßinstrumenten) hieß das Absehen, noch bei Goethe, und nun bedeutete das Absehen, wie intentio die Bemühung nach einem Endzwecke. Aus diesem substantivischen Verbum bildete sich erst im Anfang des 18. Jahrhunderts, wie gesagt, die neue Wortgestalt Absicht, sowohl für das Visier der Büchse als für den Endzweck einer Handlung. Der gelehrte Sprachgebrauch jener Zeit wird am deutlichsten durch einen Satz von Walch (1740) belegt: »Wenn man gleich das lateinische Wort finis auch im Teutschen durch Absichte zu geben pfleget, auch finis und intentio, so eigentlich durch das teutsche Wort Absicht ausgedruckt wird, vor einerley gebraucht werden; so ist doch in der Sache selbst ein Unterscheid, indem der finis gleichsam das Objectum in der Intention ist.« Ich setze als bekannt voraus, daß lat. tendere, intendere, intente, intentio Lehnübersetzungen oder Anlehnungen an griech. τεινειν, ἐπιτεινειν, ἐπιτεταμενως, ἐπιτασις (τονος) sind; doch ist es wohl nur Zufall, wenn die deutsche Bezeichnung Absicht im griech. σϰοπος, Intendant und Ziel (von σϰεπτεσϑαι, umherblicken) sein Original zu haben scheint. Nach dieser flüchtigen Wortgeschichte schon kann es nicht überraschen, wenn Absicht, als es das scholastisch bearbeitete Wort intentio übersetzte, alle Unklarheiten und Schiefheiten des Modellbegriffs mit übernahm. Die eigentlich scholastischen Distinktionen (vergl. Art.  Intention) gingen freilich auf das deutsche Wort nicht über, weil sie im 18. Jahrhundert kaum mehr lebendig waren; aber der theologische Begriff der intentio, wie ihn Augustinus und Thomas gefaßt haben, steckt immer noch in dem ganz vulgären Worte Absicht: es ist der Endzweck, der bewußt gewollt wird, im Gegensatze zu den Mitteln, die zu dem Endzwecke führen. Chr. Wolf gebraucht das Begriffspaar »Absicht und Mittel«, wo wir »Zweck und Mittel« sagen würden (Vernunft. Ged. § 910). Nun liegt es auf der Hand, daß es allein von der Richtung unserer Aufmerksamkeit, der gespannten, abhängt, ob wir ein Mittel zum Zwecke als Absicht empfinden, oder gar eine Absicht nur als ein Mittel. Am Ende kann jede Absicht zu einem Mittel werden, vor einer höheren Absicht. Die letzten Absichten stammen aus dem Wollen oder dem Charakter des Individuums; und die Theologen zerbrachen sich ihre Köpfe nicht wenig, um die Zurechnung, die doch auf die letzte Absicht des Täters geht, mit der Gerechtigkeit Gottes, dessen Allmacht diesen Charakter so gewollt hatte, in Einklang zu bringen. Es wäre gut gewesen, wenn das Strafrecht, das mit dem Absichtsbegriffe alltäglich operiert, mehr von diesen theologischen Subtilitäten gelernt hätte. Als ob die Absicht einer strafbaren Handlung leichter zu definieren wäre als die Absicht des Sünders. Soll eine Beleidigung z. B. bestraft werden, so muß der Richter den animus injuriandi, die Absicht zu beleidigen, beim Schuldigen vorgefunden haben. Worauf aber ging der bewußte Wille des Täters? Auf einen Zweck oder auf ein Mittel zum Zweck? Und war der Zweck oder das Mittel wirklich im Momente der Tat dem Bewußtsein des Täters gegenwärtig? Ich fürchte, unter den unzähligen Beleidigungen, die vorkommen, wird der Fall, daß der Täter als einzigen und bewußten Zweck seiner Worte oder Handlungen, als Absicht, die Beleidigung des andern im Sinne hat, ein seltener Ausnahmefall sein.

 

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