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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 42
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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Bestimmung

Das Wort hat für uns beinahe nur noch sprachliches Interesse. Büchertitel wie die Bestimmung des Menschen dürften heute nicht mehr den Erfolg herbeiführen wie vor hundert und einigen Jahren, da Schiller das Epigramm schrieb: »Nichts ist der Menschheit so wichtig, als ihre Bestimmung zu kennen. Um zwölf Groschen Courant wird sie bei mir jetzt verkauft.« Bestimmung hatte einen ausgesprochen theologischen Sinn; wir sind so frei geworden, daß wir an einen göttlichen Plan bei der Menschenschöpfung nicht mehr glauben, oder auch nur an einen Plan in der Weltgeschichte; nur daß wir von der Aufgabe der einzelnen Kulturvölker und ihrer hervorragenden Führer reden und dabei, unklar und mit schlechtem Gewissen, dasselbe vorstellen wie unsere Urgroßeltern, wenn sie Bestimmung sagten. »Es ist bestimmt in Gottes Rat« wird noch gesungen, bei Begräbnissen, gehört aber nicht mehr in die Gemeinsprache der heutigen Seelensituation. Merkwürdig ist nur, daß das deutsche Wort (ohne genaue Entsprechung in den romanisierten Sprachen) zu den beiden Bedeutungen auseinandergegangen ist, die sich am deutlichsten durch Determination und Determinismus ausdrücken lassen. Die Determination ist ein logisches Wort und bezeichnet kurz die geistige Tätigkeit, durch die ein weiterer Begriff durch Hinzufügung eines Merkmals zu einem engeren gemacht wird, eingeschränkt wird. Wobei man überall beachte, mit wie wenigen Grundworten die Sprachen spielen: diese logische Determination ist eine Definition; finis ist ungefähr gleich terminus, nur daß terminus das Zeichen der Grenze, die Schranke, mitbedeutet, weshalb wir determiniert in diesem Sinne mit eingeschränkt übersetzt haben; und daß Determination und Determinismus mit den beiden Bedeutungen von Bestimmung übereinstimmen, brauche ich wohl nicht hervorzuheben. Determinismus nun ist die von Spinoza ruhig und groß, von Schopenhauer scharfsinnig und erbittert gepredigte Lehre, daß der sogenannte Wille des Menschen unfrei sei, d. h. durch ebenso zwingende Ursachen bestimmt wie die mechanischen Vorgänge. Daß dieser psychologische oder meinetwegen metaphysische Begriff fast mit den gleichen Lauten ausgedrückt wird wie die logische Determination, scheint mir aber nur daraus erklärlich, daß in beiden Fällen das Bild von der Einschränkung oder Einzwängung vorschwebte; wird ein logischer Begriff determiniert, so werden die einschränkenden Merkmale enger und enger gezogen, so, daß der sogenannte Umfang, der sich sofort als falsches Bild erweist, kleiner und kleiner wird; wird der Wille des Menschen determiniert, so werden dem freien Willen, den man sich wie ein wildes Füllen vorstellt, engere und engere Schranken gezogen, bis er sich auf dem kleinsten Raume nicht mehr frei bewegen kann. Das deutsche Wort ist in seiner Geschichte nicht genügend aufgeklärt; als eine unsichere Vermutung möchte ich daran erinnern, daß Bestimmung (des Menschen) einerseits sich mit dem Determinismus nahe berührt, andererseits mit Berufung, vocatio ( vox =  Stimme); ferner daran, daß wir die logische Tätigkeit der Determination heute noch ausüben, wenn wir z. B. eine unbekannte Pflanze nach den Merkmalen eines künstlichen Systems bestimmen, d. h. den Kreis, dem sie angehören kann, durch immer neue Merkmale einengen, bis wir sie bei ihrem Artnamen benennen können. Eine Lehnübersetzung von vocatio kann aber Bestimmung nicht gut sein, weil vocatio in der logischen Bedeutung nicht gebraucht wurde. Vielleicht ist aber doch ein Einfluß der scholastischen voces, der höchsten Allgemeinbegriffe, einmal vorhanden gewesen. Zu beachten ist jedenfalls, daß ahd. stimmen an unseren musikalischen Terminus stimmen erinnert, und daß noch Weckherlin sagen konnte: »Des Herren Hand bestimmet meinen Mund«, d. h. macht meinen Mund sprachbegabt, sangbegabt.

 

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