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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 39
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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Bedingung

Das Wort bedingen und der kleine Kreis seiner Ableitungen (Bedingung, bedingt, unbedingt) nimmt in den philosophischen Untersuchungen einen viel zu kleinen Raum ein im Verhältnisse zu dem des Ursachbegriffs oder der Kausalität, zu dem es doch in engster Beziehung steht. Lat.  conditio, das in die romanischen und in die romanisierten Sprachen übergegangen ist, hat einen andern Weg genommen; offenbar über die Jurisprudenz, wo conditio die näheren Bestimmungen eines Rechtsgeschäftes bedeutete. Unser Bedingung jedoch kommt von Ding her, genau so wie Ursache von Sache; wobei nur zu beachten ist, daß Ding sowohl wie Sache ursprünglich von einem Rechtshandel gesagt wurde, von einer causa, und daß der seltsamerweise ganz gleiche Bedeutungswandel sich in der franz. Doublette cause und chose wiederholt. Merkwürdig ist dabei nur, daß Bedingung bei solchem Altertum seiner Herkunft ein junges Wort ist, von Adelung fast nur in seiner rechtlichen Bedeutung gebucht, von Grimm dazu noch etwa in der Bedeutung Einschränkung. An der Neuheit des Wortes liegt es wohl, daß Schelling mit auf den Kopf gestellter Etymologie bedingen als das erklärte, wodurch etwas zum Ding wird, bedingt als das, was zum Ding gemacht ist. Zur Erklärung dieser krausen Wortgeschichte mag die Annahme etwas beitragen, daß Ding und Sache in sehr alter Zeit an den Juristenbegriff causa angelehnt wurden; conditio wiederum mag eine freie Übersetzung von griech. καταστασις gewesen sein und bedeutete ursprünglich das, was wir gut deutsch die Lage nennen, mit einem Modeworte das milieu. Wir werden nun bald erfahren, wie Bedingung nach zweitausendjährigem Grübeln wieder zu dem Begriff der Lage, der Sachlage, zurückgeführt worden ist. Es ist nicht meine Schuld, sondern die der Sprache, wenn in der folgenden Darstellung bald weit entlegene, bald sich nahe berührende Begriffe miteinander zu spielen scheinen. Auf Ähnlichkeiten und Unterschiede der beiden Worte Ursache und Bedingung ist seit einigen Jahrzehnten die Aufmerksamkeit gelenkt worden; noch nicht aber auf die Beziehungen zwischen der Bedingung und dem Oberbegriff der Ursache: dem Grunde. Ich setze als bekannt voraus, daß Schopenhauer sehr scharfsinnig den Sprachgebrauch zerlegt hat, der vier Arten des Grundes kennt. Den Grund des Werdens (besser: des Geschehens), den Grund des Erkennens, den Grund des Seins und den Grund des Wollens. Das Wollen hat schon Schopenhauer selbst für eine bloße Unterabteilung des Werdens erklärt, so daß der zureichende Grund des Werdens, die notwendige Verkettung von Ursache und Wirkung auch für das Wollen gilt; auch hat Schopenhauer schon in seiner Abhandlung (§ 48) darauf hingewiesen, daß der Satz vom zureichenden Grunde in jeder seiner Bedeutungen ein hypothetisches Urteil begründen könne. Nur fallen die Gründe des Seins (auf denen z. B. die geometrischen Sätze beruhen) aus dem Schema heraus, weil die geometrischen Beziehungen fast überall wechselseitig sind und darum in der Geometrie viel kategorischer geschlossen werden kann als die unglücklichen hypothetischen Schlußformen der Logik zulassen würden. Es bleiben also von den vier Arten des zureichenden Grundes nur zwei übrig, deren Beziehungen zum Bedingungsbegriff oder zum hypothetischen Urteile uns noch kümmern: der Erkenntnisgrund und der Grund des Geschehens. Und ich glaube, daß die Unsicherheit, ja Konfusion im Gebrauche der beiden termini Ursache und Bedingung daher rührt, daß die Sprache, unklar genug, die Bedingung seit jeher auf den Erkenntnisgrund bezog und erst in neuester Zeit (seit Hume) die Sorge um den – mit machtlosen Worten – zu Tode verurteilten Ursachbegriff dazu trieb, den angegriffenen Realbegriff der Ursache durch den scheinbar unangreifbaren logischen Begriff der Bedingung zu retten. Der Erkenntnisgrund ist eigentlich immer hypothetisch; die Prämissen im Erkenntnisgrunde sind auch buchstäblich die Unterlage, die ὑποϑεσις zur ϑεσις. Aber auch in unserer allgemein üblichen Muttersprache können wir ohne Zwang sagen, daß wir keinen Satz für wahr halten als unter der Bedingung, einen Erkenntnisgrund für ihn zu haben. Wenn meine Behauptung, daß Wahrheit und Glaube im letzten Kern den gleichen psychologischen Begriff enthalte, richtig ist, so könnte das auf die sprachliche Form der hypothetischen Urteile ein neues Licht werfen. Unter der Bedingung, daß ein Erkenntnisgrund uns dazu berechtigt, glauben wir an das Urteil, das wir erschlossen haben und richten sogar unsere Handlungen danach ein. Das Steigen des Quecksilberfadens im Thermometer vor dem Fenster ist die Bedingung unseres Glaubens: draußen ist warm; und wir lassen den Überzieher zu Hause. Wo die Logik das Recht zu einem Urteil aufstellt und von einem Erkenntnisgrunde spricht, da wäre fast immer der bescheidenere Ausdruck Bedingung des Fürwahrhaltens besser am Platze. Unabsichtlich habe ich da von der Berechtigung und wieder vom Rechte zu einem Glauben gesprochen; die Herkunft der Bezeichnungen conditio und Bedingung aus dem juristischen Sprachgebrauche wird dadurch einigermaßen aufgeklärt, daß die alte Logik in der Beweisführung überhaupt, wie schon der Name besagt, einen Gedankenprozeß zwischen zwei streitenden Parteien sah; das philosophische Lexikon von Walch (1740) führt unter dem Schlagworte Bedingung einzig und allein die juristischen Bedeutungen auf. Wenn es nun wahr ist, daß die Sprache die rechtliche Bedingung und den Grund zu einem Glauben miteinander vermengte oder einander gleichsetzte, so daß Bedingung am Ende die allgemeine Bedeutung von Erkenntnisgrund gewann, so tritt jetzt die weit schwierigere Frage an uns heran: wie die Sprache dazu gekommen sein möge, mit dem gleichen Worte Grund zwei so durchaus ungleiche Begriffe zu bezeichnen, wie es die Bedingung eines Glaubens und die Notwendigkeit einer Wirkung sind. Denn die Notwendigkeit einer Wirkung ist es allein, was einer Ursache oder dem Grunde des Werdens (Geschehens) zugeschrieben wird. Der Begriff der Bedingung wird wenigstens den Sinn dieser Frage erläutern, wenn ich auch nicht versprechen kann, die Frage beantworten zu können. Ich schicke zwei Bemerkungen voraus, die beide die Überraschung darüber mindern sollen, daß die metaphysische Frage κατ ' ἐξοχην, die Frage nach dem Ursachbegriff, hier als eine sprachliche Frage aufgefaßt wird. Die erste Bemerkung ist für den Leser meiner Kritik der Sprache fast überflüssig: weil die Sprache kein geeignetes Werkzeug zur Welterkenntnis ist, müssen wir einigen besonders tiefen Begriffen gegenüber schon froh sein, uns durch ihre Wortgeschichte ihrem ungefähren Verständnis nähern zu können und müssen nicht glauben, daß so ein Terminus außer den geschichtlich nachweisbaren Bedeutungen noch eine absolute und ewige Bedeutung habe, jenseits der Sprache; wenn die Sprache und das Denken in unmittelbarer Anwendung auf die konkrete Welt noch irgendwie unterschieden werden könnten, so sind sie doch auf den Höhen der Abstraktion wirklich ein und dasselbe. Und ich kann in diesem Zusammenhange wieder einmal nur mit warnendem Gewissen das Abstraktum die Sprache gebrauchen, weil die Untersuchung der einzelsprachlichen Verhältnisse auf diesem Gebiete ein ganzes Buch ergeben würde, welches ein Anderer besser schreiben mag und wird, und weil die sprachlichen Verhältnisse in den zu philosophischem Gebrauche eingerenkten Kultursprachen, infolge gegenseitiger Beeinflussung, ganz ähnlich sind. (Vgl. Art.  Bedeutung.) Die zweite vorläufige Bemerkung geht dahin, daß der Ursachbegriff jetzt allgemein neben den Bedingungsbegriff gestellt wird, nachdem er Jahrhunderte lang obdachlos war, zwischen der Unterkunft unter den Substanzbegriffen und unter den Formbegriffen schwanken mußte; ich werde zu zeigen versuchen (man vgl. den Art.  causalitas), daß der Gegensatz zwischen Hume und Kant in bezug auf den Ursachbegriff nicht so unüberbrückbar war, wie das gewöhnlich dargestellt wird, daß man vielmehr sagen kann: beide Männer haben, jeder in seiner Weise und in seiner Sprache, den Ursachbegriff für die Ontologie vernichtet, um ihn für die Psychologie zu erobern. Daß Hume den Ursachbegriff mit dem der Zeitfolge beinahe gleichsetzte, ist nicht so wichtig, wie daß er ihn eine Gewohnheit unseres Denkens nannte; daß Kant die Kausalität eine Kategorie des Denkens nannte, ist nicht so wichtig, wie daß er in ihr eine Bedingung der Sinnlichkeit sah, eine Erfahrungsform. Beidemal hatte die Psychologie den gleichen Vorteil. Meine Bemühung, an die Stelle jeder anderen philosophischen Propädeutik eine Kritik der Sprache zu setzen, und meine Überzeugung, daß das Gedächtnis des Menschen, also sein gesamtes psychisches Leben, so ungefähr identisch sei mit der Sprache, müssen mich natürlich dazu führen, die alten metaphysischen Fragen für sprachliche Fragen zu halten. Die Frage nun, wie die Sprache dazu gekommen sein mag, die beinahe disparaten Begriffe Ursache (Notwendigkeit einer Wirkung) und Erkenntnisgrund (Bedingung eines Glaubens) durch den gemeinsamen Oberbegriff Grund so nahe zusammenzurücken, erhält einiges Licht durch zwei Beobachtungen, die man an den sogenannten Konditionalsätzen anstellen kann und auf die ich nur ganz kurz hinweisen will. 1. Alle unsere Kultursprachen (die griechische etwa ausgenommen) sind in Verlegenheit, wenn sie den Bedingungssatz durch bestimmte Verbalformen ausdrücken wollen. In der Grammatik herrscht darüber vollkommene Konfusion. Die Konjunktion der Bedingung ist bei uns zufällig das Adverbium wenn, die früher mit der zeitlichen Partikel wann dasselbe Wort war. (Ein Hinweis auf die einst räumliche und zeitliche Bedeutung des noch nicht genügend aufgeklärten franz.  si würde zu weit führen.) Aber eine Verbalform für den Bedingungssatz haben wir nicht. Feine Logiker unter den Grammatikern, wie K. F. Becker, haben erkannt, daß die Bedingungskategorie ein besonderer Modus des Verbums zu werden verdiente; nur daß die Sprachen diesen Modus nicht ausgebildet haben. Wir z. B. behelfen uns mit den Zeitformen des Konjunktivs oder mit ihren Umschreibungen (täte, würde). Aber diese Zeitformen drücken im Bedingungssatze die geforderte Zeit gar nicht aus. »Wenn ich reich wäre, würde ich mir eine große Bibliothek kaufen« – geht auf die Gegenwart oder auf die Zukunft, hat aber die Zeitform der Vergangenheit; will ich die Vergangenheit bezeichnen, muß ich die Zeitform des Plusquamperfektums gebrauchen. »Wenn ich reich gewesen wäre, hätte ich mir eine Bibliothek gekauft.« Mit solchen Bedingungssätzen behilft sich die Sprache besonders, wenn die psychologische Ursache oder das Motiv durch einen abhängigen Satz ausgedrückt werden soll. 2. In dem Konditionalsatze ist außerdem fast immer eine Negation versteckt. Der eben zum Beispiel gegebene Satz besagt für jeden einfachen Hörer: ich habe mir keine große Bibliothek gekauft, weil ich nicht reich bin. Der Reichtum war eine Bedingung des Ankaufs, eine conditio sine qua non. Der Sprachgebrauch scheint also die Meinung Humes zu unterstützen, daß das Wesentliche des Ursachbegriffs im zeitlichen Vorausgehen liege; und der Sprachgebrauch schließt sich durch die Hervorhebung der Negation der besonders von Sigwart vertretenen Anschauung an, daß die Ursache einer Wirkung nichts weiteres sei als die Gesamtheit ihrer Bedingungen, und daß (wie man hinzufügen müßte) die Aufmerksamkeit der Sprache ganz besonders auf die eine ausgezeichnete Bedingung gelenkt wird, die nicht ausbleiben darf. Diese Bedingung ist die Veränderung der vorhergegangenen Lage, ihr Eintreffen oder Nichteintreffen entscheidet über die Wirkung. Diese Richtung der Aufmerksamkeit scheint mir das Einzige zu sein, was die von Sigwart unterschiedenen Bedingungen eines bestimmten Erfolges (Logik 2 S. 487) und die Bedingungen der Wirkungsfähigkeit konstanter Kräfte (S. 157) unterscheidet: die Umstände und die Veränderung eines Umstandes. Sigwart sagt ja ganz mit Recht, daß Substanzen und Kräfte, die früher und nacheinander für die eigentlichen Ursachen gehalten wurden, als unveränderlich nicht den Grund wechselnden Verhaltens abgeben können; »veränderlich sind nur die Relationen der Dinge, vor allem die räumlichen; in diesen also muß es liegen, daß die Kräfte in veränderlicher Weise wirksam werden; diese Relationen enthalten die Bedingungen der Wirkungsfähigkeit konstanter Kräfte, dasjenige, wovon es abhängt, ob und welche Veränderungen aus den im Begriffe der Kraft gedachten wesentlichen Beziehungen der Dinge folgen.« Es wäre also ein ganz guter Sprachgebrauch, unter Ursache fernerhin die Gesamtheit aller Bedingungen einer Wirkung zu verstehen und nur diejenige Veränderung, deren Eintreten die Wirkung auslöst, etwa die unmittelbare Ursache zu nennen; wie man seit Urzeiten die Gesamtheit psychischer Erlebnisse Seele, wie man die Gesamtheit aller Dinge die Welt nennt, ohne daß es eine Welt neben den Dingen, eine Seele neben den Erlebnissen, eine Ursache neben den Änderungen gäbe. Die ausgezeichnete Bedingung oder die unmittelbare Ursache ist der Umstand, der die Wirkung auslöst, für unsere Aufmerksamkeit auslöst; denn auch die übrigen Umstände sind nicht unveränderlich. Das Pulver verändert unaufhörlich seine chemische Zusammensetzung; die Feder des Schlosses verrostet unaufhörlich, wenn auch langsam; dennoch nenne ich, wenn ich das Pistol abdrücke, meinen leisen Fingerdruck die unmittelbare Ursache, die andern, nicht ganz unveränderlichen Umstände (daß die Feder nicht versagt, daß das Pulver nicht naß oder zersetzt ist) nenne ich Bedingungen. Bedingungen sind also aus der Gesamtheit, die uns als die Sachlage vor einer Veränderung bekannt ist, diejenigen Umstände, die zwar auch der Wirkung zeitlich vorausgehen, deren Existenz zum Zustandekommen der Wirkung notwendig ist, an denen aber eine auslösende Veränderung nicht wahrgenommen worden ist. (Bei Selbstentzündung des neuen Pulvers wird eine solche nicht beachtete Veränderung schließlich zur Ursache; ebenso die Molekularveränderungen im Eisen die Ursache des Brückeneinsturzes.) Ich glaube mit dem Sprachgebrauche einig zu sein, wenn ich den Begriff der Ursache an den einer auslösenden Änderung knüpfe. Ein Beispiel. Wenn ich eine Bohne in die Erde lege und aus ihr eine Bohnenpflanze erwachsen sehe, so nenne ich Bedingungen: die Keimfähigkeit der Bohne, den Nahrungsinhalt des Humus, seine Feuchtigkeit, die Sonnenwärme. Andere Umstände wie: genauere geographische Lage, Nachbarpflanzen, Name der Ortschaft und unzählige mehr, nenne ich nicht Bedingungen. Negative Bedingungen: daß z. B. kein Tier die keimende Bohne vernichtet, – kommen erst dann in Betracht, wenn die Aufmerksamkeit auf sie gelenkt wird. Lenke ich aber die Aufmerksamkeit besonders auf das Vermögen des Samens, eine Pflanze wie seine Mutterpflanze aus sich zu entwickeln, auf die Fortpflanzungsfähigkeit oder wie man diese Kraft sonst nennen mag, dann bleiben Humus, Feuchtigkeit, Wärme als Bedingungen des Wachstums bestehen und die Keimfähigkeit allein wird zur Ursache erhoben. Die Keimfähigkeit, auf die doch wieder die Bezeichnung Auslösung ohne Zwang anwendbar wäre. Ich glaube also sagen zu dürfen: alle Bedingungen einer Wirkung zusammen, der Kollektivbegriff, ist das, was man früher die Ursache genannt hat; Ursache κατ' ἐξοχην ist unter den Bedingungen die auslösende Veränderung einer der bedingenden Umstände. Gerade die Auslösung ist aber diejenige Art von Kausalität (siehe diesen Artikel), auf welchen die so erbittert geführten Streitigkeiten um den Ursachbegriff nicht mehr passen. Wir müssen den Streit von vorne anfangen.

 

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