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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 38
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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Bedeutung

Der Aufmerksamkeit der Grammatiker konnte es nicht entgehen, daß die Worte ihrer Disziplin, daß sogar die Worte der ganz gewöhnlichen Sprache einen Inhalt haben, einen Sinn, eine Bedeutung; der Aufmerksamkeit der Logiker konnte es wieder nicht entgehen, daß die Inhalte ihrer Begriffe und die Bedeutungen ihrer Sätze an menschliche Sprache geknüpft sind. Die Folge der einen wie der andern Aufmerksamkeit war, daß recht früh zwischen dem Worte (dem Satze) und seiner Bedeutung unterschieden wurde. Wie zwischen dem Sprechen und dem Denken. Das war eine tote Unterscheidung, ein anatomisches Verfahren, solange man nicht ausdrücklich bemerkte, daß auch das lebendige Wort eine Bedeutung habe. Tote Worte gibt es nur auf den Seziertischen der Etymologen und in den Wörterbüchern. Dann auch noch in schlechten Büchern. In der lebendigen Sprache ist das Wort von seiner Bedeutung so wenig zu trennen, wie ein lebender Organismus von seiner Seele zu trennen ist; wer erst weiß, daß es eine besondere Seele gar nicht gibt außerhalb der Sprache, der möchte geneigt sein, die Bedeutung die Seele des Wortes zu nennen. Ein Wort, das keine Bedeutung hätte, wäre also noch kein Sprachwort, wie denn die meisten Worte eines Papageien noch keine Sprachworte sind. Jedem besonnenen Leser von Wörterbüchern muß es nun auffallen, daß man in einem größeren Artikel eines ernsthaften Wörterbuches viele Bedeutungen des Wortes findet, historisch oder logisch geordnet, gut oder schlecht geordnet, aber niemals die Bedeutung; je kleiner und elender so ein Wörterbuch ist, desto falscher und irreführender begnügt es sich damit, eine einzige Übersetzung anzuführen, die Bedeutung. Was nun in den kümmerlichsten Hilfsmitteln zur Erlernung oder zum praktischen Gebrauche einer fremden Sprache offenbare Armut ist, was bei Reisen in fremden Ländern die Quelle unendlicher und oft spaßhafter Verwechselungen wird, das Bestreben nämlich, jedes Wort der einen Sprache mit einem Worte der andern Sprache wiederzugeben, – das war bis vor kurzer Zeit das Ideal philosophischer Lexika und des philosophischen Wortgebrauchs überhaupt. Der Adept der Philosophie stieß während seiner Reise in das fremde Land des abstrakten Denkens bei jedem Schritte auf Fremdworte, deren Erklärung er sich zunächst aus seinem philosophischen Fremdwörterbuche holte; da erfuhr er schnell und zuverlässig die Bedeutung aller philosophischen Termini technici. Je älter der Adept wurde, je fleißiger er Geschichte der Philosophie trieb, d. h. die Originalwerke der bedeutendsten Denker aller Zeiten las, desto deutlicher mußte ihm werden, daß die Termini technici der Philosophie (nebst ihren Übersetzungen und Ersetzungen) eine einzig wahre, eine unveränderliche Bedeutung nicht haben, daß es die Bedeutung neben den Bedeutungen gar nicht gibt. Die neuesten philosophischen Wörterbücher, das deutsche von Eisler und das englische von Baldwin, an die beide ich auch an dieser Stelle den Dank für unzählige Literaturangaben abstatten möchte, haben begriffen, daß die Bedeutung eines Terminus nur aus der Geschichte des Terminus kennen zu lernen ist, und bringen zu dieser Geschichte von überall her reichlich Materialien bei; freilich bemühen sich beide Lexika allzu häufig, überdies noch die Bedeutung festzustellen, als ob irgend ein Begriff außer in seiner Geschichte noch einmal da wäre. Was man für die gegenwärtige Bedeutung des Wortes ansehen mag, ist doch auch nur à peu près zu bestimmen, wenn man zwischen den einander bekämpfenden Richtungen der Gegenwart eine Resultierende zieht und sich entschließt, diese Resultierende für die Weltanschauung der Gegenwart oder gar für die endgültige Weltanschauung zu halten; auch die gegenwärtige Bedeutung jedes Wortes ist historisch geworden. Das Wörterbuch der Philosophie, das sich ein philosophisches Wörterbuch nicht zu nennen wagte, kann jedem Versuch einer Wortgeschichte noch eine Kritik der augenblicklichen Bedeutung oder der streitenden Bedeutungen hinzufügen. Man sieht daraus, was man davon zu halten habe, wenn in ganz modernen Darstellungen der Logik von einer Bedeutung an sich, von einer objektiv-idealen Bedeutung (Husserl) die Rede ist. Obgleich auch da ein Unterschied zugrunde liegt, der, wenn klar festgehalten, das unfruchtbare Suchen nach der Bedeutung hätte beenden müssen. Ich meine den Unterschied zwischen Begriff und Bedeutung. Man kann von einem Worte sagen, daß es eine Bedeutung habe; wie man von einem Dinge sagen kann, daß es Eigenschaften habe, obwohl das Ding nichts ist außer und neben seinen Eigenschaften. So ist auch das Wort kein möglicher Bestandteil der Sprache mehr, wenn man seine Bedeutung wegdenkt. Die Bedeutung mag richtig oder falsch sein, klar oder unklar, usuell oder okkasionell, allgemein angenommen oder auf einen kleineren Kreis beschränkt, mag der Gemeinsprache oder der Zunftsprache angehören: immer gehört die Bedeutung unablöslich zum Worte und ist in der wirklichen Psychologie des Denkens nicht von ihm zu trennen. Die Bedeutung ist ein rein psychologischer Begriff. Der Begriff hat nur in der Logik eine Bedeutung. Man kann nicht gut sagen: das Wort hat einen Begriff. Der Begriff ist nicht eine Eigenschaft des Wortes, sondern das Wort selbst, insofern man mit ihm logische Operationen vornehmen will. (Vgl. Art.  Begriff.) Ich wüßte nicht zu sagen, wer zuerst das deutsche Wort Bedeutung in diesem psychologischen Sinne geprägt hat; wenn man davon spricht, daß etwas Unwirkliches, ein Traum z. B. etwas Wirkliches bedeute, so muß man den Traum erst deuten, übersetzen, damit er einen Sinn gebe; so wird bedeuten noch und wurde in älterer Zeit sehr häufig für interpretieren gebraucht. Für Auslegen von Worten der eigenen Sprache im Verhältnis zu fremden oder dunkeln oder mehrdeutigen Worten. Aus diesem Grunde wäre es sehr verlockend, das Grundwort deuten wie das Wort deutsch von mhd. diet (Volk) herzuleiten, so daß deuten hieße: populär, verständlich machen. Es ist nur zu besorgen, daß diese reizvolle Etymologie falsch sei. Hält man aber die jetzige Bedeutung von deuten für die ursprüngliche, nämlich: weisen, ein Zeichen geben, δεικνυναι, so könnte (ich kann es nicht belegen) Bedeutung eine alte Übersetzung von connotatio sein, welches Wort im Mittelalter gebräuchlich war und neuerdings durch Mill wieder zum englischen Terminus geworden ist. Es ist nicht richtig engl. connotation mit Mitbezeichnung oder Nebenbedeutung zu übersetzen; die Vorsilbe be (ahd. bi = nhd. bei) in Bezeichnung, Bedeutung ersetzt schon genügend die lat. Vorsilbe con und hat sie wohl übersetzt; connotation will im Sinne von Mill eben nur den Bedeutungsinhalt eines Wortes ausdrücken, freilich auch daneben den Inhalt im Gegensatze zum logischen Umfang; was connotatio im Sprachgebrauche des Scholastikers mit ängstlicher Unterscheidung ausdrückte, das braucht uns nicht mehr zu kümmern. Über den Bedeutungswandel habe ich (K. d. Sprache II, S. 257 ff.) ausführlich gesprochen; zu vergleichen wären Pauls Prinzipien der Sprachgeschichte (3. Aufl. S. 67) und Bréals Essai de Sémantique. Beide Forscher waren es offenbar müde geworden, dem Lautwandel weiter nach vermeintlichen Gesetzen nachzuspüren; Bréal drückt dieses Gefühl in der einleitenden Idée de ce travail sehr hübsch aus: Si l'on se borne aux changements des voyelles et des consonnes, on réduit cette étude aux proportions d'une branche secondaire de l'acoustique et de la physiologie; si l'on se contente d'énumérer les pertes subies par le mécanisme grammatical, on donne l'illusion d'un édifice qui tombe en ruines. Der strengere Paul, der kein minder feines Ohr für die innere Sprachform besitzt als der Franzose, nimmt auf den Zusammenhang mit der geltenden Sprachwissenschaft mehr Rücksicht, begnügt sich auch mit der herkömmlichen Bezeichnung Bedeutungswandel; ob die neue Disziplin nicht besser als Semantik vielleicht Semasiologie hieße, wage ich nicht zu entscheiden; unter jedem Namen könnte sie, fruchtbringender als die Lehre vom Lautwandel, die wertvollsten Beiträge zur Geschichte des menschlichen Denkens geben, – wie dieses Wörterbuch hoffentlich auf einigen Seiten. Die englische Bedeutungslehre (significs) steht einer Kritik der Sprache nicht gar fern. Sie unterscheidet genau zwischen der usuellen Bedeutung (dem herrschenden Sprachgebrauche), der individuellen Bedeutung (der Absicht des Redners oder Schriftstellers beim Gebrauche eines Wortes) und der Wertbedeutung einer Vorstellung. In diesem letzten Sinne ist bedeutend ein Lieblingswort des alternden Goethe gewesen; schon Jacob Grimm hat diesen individuellen Sprachgebrauch liebevoll und fast zärtlich gebucht: »Goethe führt das Wort zu oft im Munde, als daß es nicht aus der lebhafteren Vorstellung des Andeutenden, ahnen Lassenden unvermerkt, obwohl unverschwendet in die abgezogenere des Wichtigen, Entscheidenden, Ausgezeichneten, Großen, übergegangen wäre;« und Grimm bemerkt auch schon, daß in der Gemeinsprache unbedeutend (=  insignifiant) früher da war als dieses bedeutend (=  significans).

 

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