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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 32
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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Aufgabe

Ich kann nicht sagen, wer zuerst diese Substantivform von aufgeben im Sinne einer auferlegten Arbeit gebraucht hat; angelehnt ist das Wort offenbar an thema (franz. thème = Schulaufgabe), welches wie griech. ϑεμα den Satz bedeutete, über den der Rhetor schwatzte. Wolf übersetzt mit Aufgabe den schielenden Begriff Problema, unterscheidet die Aufgabe aber nicht klar von Lehrsatz (theorema). Man achte darauf, wie auf in aufgeben zu ganz verschiedenen Bedeutungen führt, je nachdem es offen oder oben ausdrückt: eine Festung aufgeben (Luther), seine Sache aufgeben, ein aufgegebener Mann; dagegen: ein Rätsel, eine Frage, ein ungelöstes Problem aufgeben. Wohl aus dem Schulbetriebe der Logik kam der Begriff in die Gemeinsprache, wo er immer noch (schwere Aufgabe) an die Schülersprache erinnert. Eine Aufgabe stellen, eine Last aufbürden kann eigentlich nur ein Mensch dem andern; doch hat es noch einen guten Sinn: sich selbst eine Aufgabe stellen, sich selbst eine Last aufbürden, nur sollten unsere historischen Schriftsteller endlich die Gewohnheit aufgeben, von Aufgaben geschichtlicher Ereignisse, Personen und Zeiten zu reden. »Die Juden hatten die Aufgabe, das Christentum vorzubereiten. – Die Römer hatten die Aufgabe, durch Schaffung eines Weltreichs der christlichen Lehre von der Gotteskindschaft aller Menschen die Wege zu ebnen.« Julius Cäsar, Karl der Große, Napoleon hatten für so unbewußt theologische Historiker Aufgaben, wohlgemerkt: nicht selbst gestellte, sondern von der Vorsehung gesetzte Aufgaben. Die alte Theologie scheint sich in diese Redensart geflüchtet zu haben; wie man denn früher sagte: »Tiere und Pflanzen haben die Aufgabe, den Menschen zur Nahrung zu dienen.« An diese Redensart erinnert der Wortstreit darüber, ob die Gegenstände der Erkenntnis gegeben oder gesetzt seien. Ich meine, es sei ganz willkürlich, ob man mehr bei geben oder bei setzen an den Einfluß eines Geistigen denken wolle, im Gegensatze zur Natur; die Gegenstände sind gegeben oder gesetzt von der äußeren Natur und von unserer Sinnlichkeit, die mit dazugehört. Nach Kant (Kr. d. r. V. 528) sind die bedingten Gegenstände gegeben, die Regresse zu den Bedingungen aber sind aufgegeben, also Aufgaben; Aufgaben sind in diesem Sinne niemals die Gegenstände, sondern immer erst die Fragen, die wir an die Gegenstände stellen.

 

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