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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 29
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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Assoziationsgesetze

Dem allwissenden Haeckel ist, wie so ziemlich jedes mögliche Vergreifen auf philosophischem Gebiete, auch das vorbehalten gewesen, den Begriff Assoziation gerade in dem Augenblicke in seinen besondern Schutz zu nehmen, da die neue Aktionspsychologie bereit ist, die Bedeutung der Assoziation fallen zu lassen. Haeckel, der auf seine alten Tage eine Wortfabrik angelegt hat, möchte die Lautgruppe Assoziation dadurch populärer und anheimelnder machen, daß er ihr zwei Silben abknapst und Associon sagt. Als ob die allerdings unbequeme Aussprache das Schlimmste an diesem Begriffe wäre. Wir haben auf dem Kontinent die Assoziationspsychologie, deren erste Beobachtungen allerdings schon in die Griechenzeit zurückgehen, von Locke und Hume übernommen und besonders in Deutschland, wo neuerdings die Namen Wundt, Ziehen, Münsterberg, Hellpach und Jerusalem zu nennen sind, die sogenannten Assoziationsgesetze äußerst gründlich geordnet, wieder umgestellt und sie immer wieder in Paragraphen gebracht. Es fragt sich nur, ob diese Assoziationsgesetze in der Wirklichkeit des menschlichen Innenlebens existieren. Es gibt keine Assoziationsgesetze. Ich darf nicht müde werden zu wiederholen, daß Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit nicht synonyme Begriffe sind. Selbst auf die erkannten und gut beschriebenen Notwendigkeiten der Physik wird der Begriff Gesetz nur mit einem gewagten und unaufhörlich irreführenden Bilde angewandt; ich zweifle nicht an der Notwendigkeit auch unserer Denkakte und nicht daran, daß sich Gleichmäßigkeiten in der Verkettung der Vorstellungen nachweisen lassen; aber diese Notwendigkeiten Gesetze zu nennen, das konnte nur einer deïstischen Zeit beifallen, die irgendwo über dem menschlichen Verstande einen vergotteten Oberverstand sah, der dem einfachen, aber dennoch allmächtigen Menschenverstande Gesetze gegeben hatte. Aber in den allermeisten Fällen der Denkakte, allgemein im abstrakten Denken sind die Assoziationen von Ideen nur schlichte Assoziationen von Worten. Worte einer bestimmten Sprache haben, wie Liebmann es ausgedrückt hat, ihre eigenen Assoziationssphären. Wie es nun in jeder Sprache andere ὁμωνυμα oder aequivoca gibt, weshalb die beliebten Rätselspielereien sich nicht aus einer Sprache in die andere übersetzen lassen, wie zeitlich und räumlich weitentfernte Sprachen in ihren Worten weit entfernte Assoziationssphären enthalten, so würden die Assoziationsgesetze schon von Volk zu Volk wechseln und der Forderung der Allgemeingültigkeit nicht entsprechen. Denn die Zurückführung dieser Gesetze auf ganz vage Nachbarschaften (Zeit und Raum) und Kategorieen (Ursache und Wirkung) auf logische Sätze (Kontrast) ist nur eine Aufzählung der Einteilungsgründe, gut für die Klassifikation; an die komplexen Realgründe der lebendigen Assoziationen reicht die Klassifikation nicht heran. Besinnen wir uns nun gar darauf, daß es in der Wirklichkeit des geistigen Lebens auch Volkssprachen nicht gibt, daß jede Landschaft ihre Mundart und so weiter herunter schließlich jeder Mensch nur seine Individualsprache aktiv eingeübt hat, und daß nur die aktive Einübung der Realgrund der lebendigen Assoziationssphären ist, so wird die Gesetzmäßigkeit oder Allgemeingültigkeit der Assoziationsfolgen in Frage gestellt und der Subjektivismus des menschlichen Denkens auf seinen Ursprung zurückgeführt. Aktive Einübung in den Nervenbahnen, die allein (und tautologisch genug) das Zustandekommen von Assoziationen erklären kann, ist anders als individuell nicht vorstellbar. Auf den äußern Assoziationen beruht die Wortbildung, der Wortgebrauch führt zu den innern Assoziationen. Es wäre natürlich unsinnig, das Vorhandensein von unzähligen Gleichmäßigkeiten bei der Assoziationsbildung leugnen zu wollen; der Sprachgebrauch ist, wie die Sprache selbst etwas zwischen den Menschen; und à peu près, so ungefähr, wie Menschen einander verstehen, mag man von Gleichmäßigkeiten der Assoziationen reden; nur grade die Assoziationen gehen nicht zwischen den Menschen vor sich, sondern in den Bahnen des Individualhirns. Zwischen den Menschen gibt es auch Eisenbahnen, nach deren Fahrplan sich das Individuum richten muß, wenn es so schnell wie möglich die Reise nach Rom antreten will; aber Rom erregt nicht bei zwei Menschen die gleichen Assoziationen. Und wenn die Eisenbahnstrecke Berlin–Rom und Rom–Berlin auch die gleiche sein sollte und die Verbindung gleich gut, so liegt der Fall bei den Bahnen der Assoziationen durchaus nicht ebenso. Das Alphabet ist uns nach rückwärts nicht so geläufig wie nach vorwärts. Die Einübung ist für beide Richtungen nicht die gleiche gewesen. Die Assoziationssphäre eines Wortes ist auch nicht die gleiche bei den verschiedenen Berufsständen. Rom hat eine andere beim Dichter, beim Redner und beim Gelehrten, und wieder eine andere bei den einzelnen Gelehrten, je nach ihrem Fache. Die neue Aktionstheorie, die sich von der Apperzeptionspsychologie nicht gerade wesentlich unterscheidet, hat an den Assoziationsgesetzen ernsthafte Kritik geübt; ich fürchte nur, daß diese Theorie, auch in der Form, die James ihr gegeben hat, dem Willen so viel Einfluß auf die Assoziationen zugesteht, daß darüber nicht nur die mythologischen Assoziations- Gesetze, sondern auch die gar nicht mythologische Notwendigkeit der assoziativen Verbindungen um alle Geltung gebracht werden. Etwas Gutes und Wichtiges hat die Psychologie von James gelernt oder zu lernen: »Nicht die Vorstellungen, sondern die Objekte werden assoziiert.«

 

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