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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 27
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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äquivok

wird in den modernen Kultursprachen fast ausschließlich von Obszönitäten gesagt, für die wir im Deutschen außerdem die Lehnübersetzung Zweideutigkeiten haben. Das Altertum war im Gebrauche von obszönen Worten so eindeutig, daß es den Euphemismus in unserem Gebrauche von äquivok kaum verstanden hätte. Lat. aequivocus war eine genaue Übersetzung von ὁμωνυμος und bedeutete in der Disziplin, die die Alten Grammatik nannten, ganz einfach den häufigen Fall, daß der gleiche Name verschiedene Dinge bezeichnet. Die Beschäftigung mit solchen Rätseln der Sprache ist in den Homonymen unserer Familienzeitschriften zum Kinderspiel hinabgesunken. Die schlechtere Scholastik aber quälte sich viel mit dem Begriffe der aequivocatio; sie distinguierte zwischen aequivoca aequivocantia und aequivoca aequivocata, sprach entsetzlich pleonastisch von einer aequivoca vox und gelangte zu dem gar zu banalen Lehrsatz: aequivoca antequam distinguuntur nec sunt in praedicamento nec dividi nec definiri possunt. Die Scholastik hatte zu so kleinlichen Untersuchungen allen Grund, weil die voces in ihrer Logik eine große Rolle spielten, insbesondere die quinque voces, welche nichts anderes waren als die Allgemeinheiten der sprachlichen Aussage. Alle diese scholastischen Untersuchungen hängen, oft unmerklich, mit dem Gegensatze zusammen zwischen dem orthodoxen Wortrealismus des Mittelalters und dem ketzerischen Nominalismus, mit der Frage also, ob die Universalien oder die Allgemeinbegriffe ante rem oder post rem existierten. Aus diesem mittelalterlichen Sprachgebrauche ist uns die generatio aequivoca erhalten geblieben; der Ursprung dieser Bezeichnung ist aber so völlig vergessen worden, daß die Forscher unter uns, die sich auf ihre Modernität am meisten einbilden, sich nicht scheuen, die Bezeichnung generatio aequivoca auf den ganz neuen und ganz andern Begriff Urzeugung anzuwenden. Das Mittelalter hatte von Aristoteles auch den Aberglauben übernommen, daß viele niedere Tiere unmittelbar aus Schmutz oder aus faulenden Substanzen entstehen. Da lag es nun nahe, zu den vielen anderen Distinktionen der generatio (deren Begriff übrigens wie alles damals durch die Bedürfnisse der Theologie heillos verwirrt wurde) die Unterscheidung in generatio univoca (μονωνυμος) und aequivoca ( ὁμωνυμος) hinzuzufügen; es handelte sich wirklich um den Namen: das Löwenjunge hieß wie sein Vater ein Löwe; der Wurm aber, dessen Vater der Schmutz war, hieß nicht nach dem Vater. Die ganze Zeit, welche an eine generatio aequivoca glaubte, konnte die Frage nach der Urzeugung noch gar nicht stellen, weil niemand sich noch über das Entstehen der Organismen wunderte. Die jetzt populären Fanatiker der Deszendenzlehre haben aber kein Recht, sich um den Namen der Arten zu bekümmern; sie wissen ja ganz genau zu erzählen, daß aus anorganischen Nitrokarbonaten einmal die ersten Organismen entstanden sind, die Moneren, und daß nachher alle die unzähligen Arten, die wir mit unzähligen Namen benennen, durch regelrechte Zeugung hervorgegangen sind. Sie können also diese regelmäßige Deszendenz nicht generatio univoca nennen; die Urzeugung sollte aber auch nicht generatio aequivoca heißen, weil das Wort ohne seinen Korrelatbegriff keinen Sinn mehr hat. Auch die ältere Medizin unterschied univoke und aequivoke Symptome, je nachdem das Symptom eindeutig auf eine bestimmte Krankheit hinwies oder mehrdeutig war; eindeutig ist eine neuere Übersetzung von univocus; das Wort scheint aus der Mathematik, wo es seinen guten Sinn hat, in die gelehrte Gemeinsprache übergehen zu wollen.

 

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