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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 18
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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Analogie

Die Lehre von der Analogie und selbst die von den sogenannten Analogieschlüssen gehört in die Psychologie und nicht in die Logik, d. h. sie würde zweckmäßiger oder gehöriger im Zusammenhange mit psychologischen Untersuchungen abgehandelt als mit logischen. Wie denn überhaupt die Philosophie oder Erkenntnistheorie sich endlose Irrwege erspart hätte, wenn ernsthafte Psychologie getrieben worden wäre, bevor die formale Logik fertig war, welche doch nur eine Abstraktion vom wirklichen, psychologischen Denken ist. Der griechische Ausdruck ἀναλογια besagte, was wir Verhältnis nennen. Die Konfusion fing damit an, daß Cicero das Wort mit zwei durchaus nicht synonymen lateinischen Worten übersetzte, mit proportio und mit comparatio. Ich bemerke gleich, daß unsere gebildete Gemeinsprache Analogie fast allgemein im Sinne von comparatio gebraucht. Die Scholastiker unterschieden tausend Jahre lang sehr genau zwischen ähnlichen Dingen und zwischen analogen, übersahen übrigens nicht, daß man auch zwischen analogen Dingen vergleichen könne. Ähnlich hießen z. B. die Flügel verschiedener Vögel, analog ein Flügel und eine Fischflosse. Man kannte mit scharfer Distinktion analoga inaequalitatis, attributionis und proportionalitatis. Alle diese Unterschiede sind durch die neuere Naturwissenschaft durcheinander oder gar über den Haufen geworfen worden. Außer diesen Distinktionen findet man noch andere, »so aber dunkel sind – sagt sogar der trefflich geschulte Walch –, daß man über deren Verstand fast den Kopf zerbrechen möchte«. Die Verwechslung der psychologischen Vergleichung und der mathematischen Proportion war schuld daran, daß die Analogie einem logischen Schlusse ihren Namen gab. Die mathematische Proportion führt zu einer Rechnungsweise, die bestimmten Gesetzen gehorcht. Die Vergleichung von Ähnlichkeiten gibt keinen logischen Schluß. Der sog. Analogieschluß besteht, kurz gesagt, in dem logischen Fehler: wenn zwei Dinge in vielen bekannten Eigenschaften übereinstimmen, so werden sie wohl auch noch in den unbekannten Eigenschaften übereinstimmen. Drückt man diesen Denkprozeß so logisch aus, springt der Unsinn in die Augen. Wer so schließt, begeht den Fehler des Generalisierens. Etwas ganz anderes ist es, wenn man die psychologische Wirklichkeit betrachtet; als die Menschen ihre Sprachworte bildeten, ihre Artbegriffe, da konnten sie gar nicht anders, als unaufhörlich Analogieschlüsse ziehen, als unaufhörlich generalisieren; sie schufen den Begriff Tier, lange bevor eine vergleichende Anatomie die analogen Organe als ähnliche Organe auffaßte; alle wissenschaftlichen Begriffe sind in der Sprache zuerst durch unbewußte Analogie gebildet worden, und erst nachher kam die Prüfung der richtigen Proportionen. Das ganze ungeheure Anwendungsgebiet der Induktion beruht auf unbewußten Analogieschlüssen, wie denn eben auch die Induktion nur künstlich und spät der fertigen Logik aufgepfropft worden ist, in Wahrheit aber der Psychologie des Denkens angehört. Auf der unentrinnbaren psychologischen Tätigkeit des Analogisierens beruht unsere gesamte Sprache, wie sie vom Volke und dann von der Wissenschaft gestaltet worden ist. Nur eine Nebenerscheinung ist es dabei, daß der Bau der Sprache aus Bequemlichkeitsgründen immer analogischer geworden ist, daß die anomalischen Bildungen zuerst in der Kindersprache, dann in der Gemeinsprache immer mehr von den analogischen verdrängt werden, daß die sogenannten Suppletivbildungen (sum, eram, fui) nur in den eingeübtesten Worten erhalten geblieben sind. Über diese Spracherscheinungen vergleiche man meine Kritik der Sprache II, 133 f., wo ich besonders darauf aufmerksam gemacht habe, daß ohne diese Analogie des Sprachbaus kein Mensch sich in den Hunderttausenden von Wortformen zurechtfinden könnte, die doch nur infolge der analogischen Deklinations- und Konjugationsformen nicht alle als selbständige Wörter empfunden werden. Hier aber soll nicht weiter von der Analogie im Sinne der Sprachwissenschaft die Rede sein. Hier will ich nur noch auf eine besondere Wirkungsart des allgemeinverbreiteten Analogieschlusses hinweisen, die noch mächtiger als in der Naturwissenschaft all unser Denken oder Sprechen beherrscht, die alle Unsicherheit in die Begriffe unserer Geisteswissenschaft gebracht hat: ich meine die unbewußten Analogieschlüsse, die unserer Natur gemäß von unserem äußeren Erleben auf unser Innenleben gehen. Wir ziehen da freilich nicht immer den barbarischen Schluß: »Weil zwei Dinge in ihren bekannten Eigenschaften ähnlich sind, darum müssen sie auch in ihren unbekannten Eigenschaften ähnlich sein;« wir wissen bei der Vergleichung des Innenlebens und des äußeren Erlebens anfangs immer ganz gut, daß wir nur bildlich oder metaphorisch gesprochen haben und daß aus einem Bilde ebensowenig ein Schluß zu ziehen sei, wie es einem Menschen schaden könnte, wenn man seinem Porträt das Herz durchsticht. Aber da wehrt man sich umsonst gegen den Wortaberglauben, der unserer durch und durch metaphorischen Sprache wesentlich ist. Auch den Scholastikern half ihre Distinktion zwischen analogen und ähnlichen Dingen nicht weit. Das Bild wird bald nicht mehr als Bild empfunden; und was ursprünglich nur ein Spiel des Witzes war und nicht einmal das Empfinden einer Ähnlichkeit, das wird am Ende um der Wortgleichheit willen für gleich gehalten. Man gebe sich nur einmal die Mühe, in einem so kümmerlichen Schulsatze, wie »die Seele ist unsterblich« das zwingende Walten der metaphorischen und der sprachbildenden Analogie zu verfolgen, die da in gleich zweien Anthropomorphismen versteckt ist. Und noch eins. Während unser Innenleben durch Bilder ausgedrückt wird, die den äußeren Sinneseindrücken entnommen sind und so für unser gesamtes Innenleben eine metaphorische, uneigentliche, unwissenschaftliche Sprache entsteht, können wir umgekehrt nicht anders, als diese unwissenschaftliche Sprache des Innenlebens jedesmal da auf die Erkenntnis der Außenwelt anzuwenden, wo wir ins Innere der Natur dringen, wo wir die Natur erklären wollen. Man denke an den Kraftbegriff. Daher allein schon kommt es, daß nicht nur Religion und Kunst durchaus anthropomorphisch sind, als Werke der Phantasie, sondern daß auch unsere Naturerkenntnis durchaus anthropomorphisch geworden ist. In meiner Sprache könnte ich diesen Gedanken kurz auch so ausdrücken: die adjektivische Welt, die Welt des Sensualismus, ist uns aufgezwungen durch die Bedingungen unserer Sinne und unseres Verstandes, ist also anthropomorphisch im ersten Grade; die substantivische Welt mit ihren hypostasierten Ursachen und Kräften ist uns aufgezwungen durch die Sprache und ist anthropomorphisch im zweiten Grade.

 

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