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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 111
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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Individualismus

Das Ichgefühl ist eine Täuschung, ist aber keine Lüge. Ich habe diesen Gedanken oft genug (vgl. S. 201, 244, 338) ausgesprochen, die Begriffe Dauer, Einheit, Form und Gedächtnis mit dem Ichgefühle in Beziehung gebracht und so das von Avenarius, Mach und Ziehen preisgegebene Ich aus der Metaphysik, wo es wirklich unrettbar ist, wieder in die Psychologie zurückzuführen gesucht. Wo es neben anderen Täuschungen unvertilgbar ist wie in der Sprache. Dem psychologischen, subjektiven Ich steht etwas Objektives gegenüber in den Einheiten, die man Individuen nennt. Ich habe schon gesagt (vgl. Art.  Atom, S. 53), daß der Zufall der Wortgeschichte die Lehnübersetzung von ἀτομον, individuum, in einen Gegensatz zu seinem Modellworte gebracht hat; ein Atom ist das extensiv Unteilbare, ein Individuum ist das intensiv Unteilbare. Die Teile eines Atoms sind nicht einmal vorstellbar; die Teile eines Individuums sind gar wohl sichtbar, aber die Rücksicht auf die Einheit des Ganzen verbietet ihre Trennung. »Das Individuum ist diejenige Einheit, die man nicht weiter teilen darf« (Virchow). Nicht darf, weil das Ganze sich selbst gern hat, die Teilung nicht will, bei der Teilung Schmerz empfindet. Wenn also die unorganischen Einheiten ihre Teilung ebenfalls nicht wollten, ein Analogon zum Schmerze empfänden, dann wären auch sie Individuen, und man dürfte kein Atom von ihnen losreißen. So ungefähr stellt sich der Panpsychismus die Welt vor. Etwas von der Weichlichkeit, zu welcher die ethischen Konsequenzen des Panpsychismus führen müßten, scheint mir auch im Individualismus verborgen zu sein, wie er besonders von J. S. Mill und Spencer gelehrt wird. Jeder Zwang, den die Gesellschaft gegen ein Individuum ausübt, wird als ein Attentat gegen die Willensfreiheit aufgefaßt; und die persönliche Freiheit besteht doch wohl in der psychischen Integrität des Individuums. Wieder einmal haben die Vorkämpfer einer neuen Lehre etwas Gutes geschaffen in der Negation; und sind in Verlegenheit, wenn sie den positiven Begriff auch nur definieren wollen. Gegenüber der Omnipotenz, die aus dem Staate, nicht nur aus der absoluten Monarchie, ein Gefängnis gemacht hat, ist der rebellische Individualismus im Rechte gewesen und hat noch viel Arbeit zu tun, unter welcher Fahne immer er sie leisten will. Ein konsequenter Individualismus aber ist unvorstellbar, weil alle die Begriffe, die das Individuum charakterisieren, nur relative Begriffe sind: Einheit, ganz, Persönlichkeit, Charakter, Freiheit. Ein konsequenter Individualismus wäre ein sozialer Atomismus; und da ist es eine hübsche Antinomie, daß die Männer mit dem stärksten sozialen Empfinden die Verkündiger des Individualismus sind, der, auf die Spitze getrieben, den Sozialismus negieren müßte. Wie denn auch einer der unabhängigsten Geister von England, Carlyle, leidenschaftlich den historischen Individualismus gepredigt hat, die Lehre der Abhängigkeit der Völker von führenden Individuen, die Lehre des hero-worship.

 

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