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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 110
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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Illusion

Die Psychologen reihen die Illusionen, d. h. die Sinnesempfindungen, denen ein äußerer Reiz wirklich zugrunde liegt, die den Reiz aber falsch projizieren, nach verschiedenen Gesichtspunkten ein, und unterscheiden namentlich zwischen Illusionen, die innerhalb der physiologischen Breite liegen, und den pathologischen Illusionen oder Halluzinationen. Neuerdings ist die Grundbedeutung des Wortes, Spiel (lusus), wieder zu Ehren gekommen; man erklärt den ästhetischen Genuß aus einem halbbewußten Spiele der Selbsttäuschung und entschuldigt auch das phantastische Lügen der Kinder mit einer ähnlichen Freude an spielerischen Illusionen. Die Gemeinsprache gar nennt diejenigen Irrtümer, die das Handeln der Menschen wesentlich beeinflussen, die Irrtümer der Menschenkenntnis und der Bewertung, gern Illusionen. Die wichtigste Gruppe der Illusionen wird aber nicht so genannt, trotzdem diese Gruppe sehr gut unter den Oberbegriff der Assimilation gebracht werden könnte, auf welche Wundt mit Recht die Illusionen zurückgeführt hat. Ich meine die Sinnestäuschungen, die so normal sind, daß wir davor zurückschrecken, sie Täuschungen zu nennen; ich meine die Art, wie unsere spezifischen Sinne Bewegungen der Körper und der Imponderabilien (nach der gegenwärtig herrschenden Weltanschauung) zu den spezifischen Empfindungen (Tasteindrücken, Wärmegefühlen, Tönen, Farben) umformen oder umdeuten. Ich habe diesen Gegenstand (Kr. d. Sp. I 2, 338 f.) kurz behandelt. »Was wir für objektiv gehalten haben an unserer Welterkenntnis, das ist erst recht subjektiv ... Ist eine Sinnestäuschung ungewöhnlich und durch eine nichtnormale Beschaffenheit des Nervensystems bedingt, so nennen wir sie krankhaft, und den armen Betrogenen nennen wir geisteskrank. Ist eine solche Sinnestäuschung von der Art, daß alle Menschen ihr gleichmäßig unterworfen sind und daß wir das objektive Verhältnis durch wissenschaftliche List aufdecken können, so sprechen wir von eigentlichen Sinnestäuschungen. Gehört die Täuschung aber zum Wesen des Sinnes, empfinden wir Schwingungen als Töne, Wärmeempfindungen, Farben, so sprechen wir diesen Täuschungen, weil sie unentrinnbar sind, objektive Wirklichkeit zu, und dem gemeinen Verstande kann leicht wieder derjenige für verrückt erscheinen, der sich von den Sinnen nicht betrügen läßt, der die Subjektivität aller dieser Empfindungen behauptet oder es gar ausspricht, daß diese Täuschungstätigkeit der Sinne am letzten Ende nur historisch geworden ist, nicht zum Wesen der Erkenntnis gehört: daß es auch anders hätte werden können.« Und doch ist diese Lehre, der Illusionismus, uralt; die griechischen Skeptiker predigten mit ihren kleinlichen Tropen, der Buddhismus mit der ganzen Gewalt seiner Weltanschauung den gleichen Illusionismus, beide ohne die Unterstützung durch die moderne Physiologie der Sinnesorgane. Ich möchte hier an eine bekannte Sinnestäuschung erinnern, die mir besser als alle Illusionen der Optik die Bedeutung, meinetwegen auch den biologischen Nutzen, der Illusionen darzustellen scheint; weil in diesem Falle der Tastsinn getäuscht wird, auf den sich doch sonst der naive Realismus als auf den untrüglichsten Vermittler zwischen Subjekt und Objekt beruft. Wenn man zwei Finger einer Hand übereinander kreuzt und nun in dieser ungewohnten Lage eine harte Erbse zwischen beiden Fingern hin- und herrollt, so hat man unweigerlich die Tastempfindung, zwei verschiedene Kügelchen zu berühren. Die physiologische Erklärung ist bekannt; Schopenhauer fügt (Satz v. zureich. Grunde S. 62) nur eine psychologische Deutung hinzu, da er auf die Einübung hinweist. Eine erkenntnistheoretische Deutung scheint mir wichtiger zu sein. Es ist nämlich gar kein wesentlicher Unterschied dabei, ob das Auge, durch Spiegelung getäuscht, einen Körper anderswo zu sehen glaubt, als wo er sich z. B. für die tastende Hand befindet, oder ob das Tastorgan der Finger dadurch getäuscht wird, daß die Molekularbewegung (oder was sonst die Empfindung der Körperlichkeit bewirkt) bei dem Erbsen-Experiment von einer ungewohnten, falschen Richtung her auf die Nerven der Hautpapillen auftrifft. In beiden Fällen sind also die Täuschungen solche, die den Raum betreffen; ebenso bei der akustischen Täuschung des Echos. Was ist das nun, der Raum, der wirkliche, über den die Sinnesorgane getäuscht werden können? Weiter. Ein Anfänger des Lebens, ein Kind, kann sich nur durch die tastende Hand davon überzeugen, daß das Spiegelbild eines Körpers nur eine Illusion sei, sich vom Körper eben durch seine Untastbarkeit unterscheide. Beim Erbsen-Experiment aber gibt es kein solches Kriterium der Wahrheit, weil die Erbse zweimal gefühlt wird: von der linken Seite des Zeigefingers und von der rechten Seite des Mittelfingers (wenn man die rechte Hand zu dem Versuche benutzt) wird je eine Erbse gefühlt. Welche von beiden ist die reale Erbse, welche die der Illusion? Offenbar ist diese Frage nicht zu entscheiden, offenbar sind beide Erbsen Sinnestäuschungen. Welches Recht haben wir nun nach einem solchen Erlebnis, dem Tastsinne mehr zu vertrauen als dem Gesichte oder dem Gehör? Welches Recht, die Illusion der Körperlichkeit weiter zu leugnen, wie die Illusion der sekundären Eigenschaften so lange geleugnet worden ist? Wir unterscheiden zwischen Illusionen und Realitäten; aber wir haben kein Kriterium, nach welchem wir sagen dürften, welche von beiden Erbsen real sei.

 

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