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Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition

Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition - Kapitel 100
Quellenangabe
typetractate
authorFritz Mauthner
titleWörterbuch der Philosophie. Erster Band. A - Intuition
publisherDiogenes
year1980
isbn3257208287
firstpub1910/11
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorAlfred Wey
senderwww.gaga.net
created20150908
projectid5514122e
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Griechisches Philosophieren. – (Aristoteles)

Ich gebe hier, anstatt Gesagtes umzuformen, einige Abschnitte aus meinem Büchlein Aristoteles, das als II. Bändchen der Sammlung Die Literatur im Verlage von Bard, Marquard & Co. (Berlin) erschienen ist. Ich nannte die Abhandlung einen unhistorischen Essay, weil ich bewußt einseitig war, weil die Darstellung bewußt auf die Pietät wie auf die Heuchelei des Historismus verzichtete. Ein Pamphlet, welches der Professor Rudolf Burckhardt (nur Rudolf, nicht Jakob) gegen mein Büchlein geschrieben hat, mag ich nicht zum zweiten Male abtun. Eben hat Theodor Gomperz seinen Band über Aristoteles abgeschlossen; ich habe aus der schön geschriebenen Monographie und aus den gelehrten Anmerkungen viel gelernt, im einzelnen; mein Gesamturteil ist durch dieses vermittelnde Buch aus dem, trotz oder wegen der gründlichen Behandlung, überall die Aristoteles-Müdigkeit unserer Zeit spricht, nicht geändert worden. Hier stehe Aristoteles, welcher der einflußreichste philosophische Schriftsteller aller Zeiten war, nur als Repräsentant der Mängel griechischer Wissenschaft; und helfe so mit, das Dogma vom klassischen Altertum brechen. Gegenüber dem Fanatismus dieses Dogmas waren die Einseitigkeiten meines Schriftchens vielleicht wieder einmal notwendig. Und mein Schriftchen doch nicht so überflüssig, wie ein Wortführer der Berliner Akademie der Wissenschaften es genannt hat; er wollte wohl sagen, ich hätte le secret de Polichinelle ausgesprochen. Neuerdings ist meinem Essay in der 10. Auflage von Überwegs bekanntem Grundriß (Band I S. 81 des Anhangs) die Note erteilt worden: »nicht ernst zu nehmen«. Wäre ich ein Privatdozent, so wäre mir die venia legendi entzogen worden. Der Zorn der offiziösen Gelehrten scheint gegen die Überflüssigkeit meiner offenen Worte zu sprechen. Seit mehr als 500 Jahren wird jeder Freie, der sich gegen das Dogma von der Unfehlbarkeit des Aristoteles auflehnt, entweder verfolgt oder für einen boshaften Spaßmacher erklärt. Die Geschichte des Kampfes gegen Aristoteles gäbe ein gutes Buch. Man lese z. B. in des trefflichen Brucker »Philosophischer Historie« (Band 7, S. 509 f.), wie es dem Reformator Christian Thomasius erging, da er »die Aristotelico-Scholastische Affter-Philosophie nach dem Leben abschilderte, daß es notwendig denen zur Aristotelischen Philosophie Geschwornen Philosophis tief ins Herz dringen mußte«. Trotzdem er bei Hofe gut gelitten war, wurde ihm (1689) »seine satyrische Schreibart und übriges gedachte mißfällige Bezeugen und genommene Freiheit bei Strafe 100 Dukaten verboten«; bald darauf wurde Thomasius übrigens als ein profaner Pasquillant und Diffamant, als einer der ärgsten Kalumnianten und Bösewichter und Atheisten denunziert. Heute ist die Universität Halle, die er – von Leipzig vertrieben – begründet hat, stolz auf den Pasquillanten.

I.

Aristotelis logica ipsius dei logica est. (Die Logik des Aristoteles ist die Logik Gottes.) Diese Worte stehen handschriftlich in meiner alten griechisch-lateinischen Ausgabe des Organon. Sie sind einem Werke von Gutke entnommen, einem einst berühmten, unglaublich bornierten und ebenso unglaublich gläubigen Aristoteliker aus Kölln an der Spree. Auch sonst ist Aristoteles nicht selten mit Gott verglichen worden. In seiner Physik spreche er als Mensch, in seiner Moral als Gott. Ein spanischer Theologe meint, Aristoteles sei über Menschenkraft in die Geheimnisse der Natur eingedrungen; also müsse ihm ein guter oder ein böser Engel beigestanden haben. Agrippa nennt ihn einen Vorläufer von Jesus Christus. In solchem Ansehen stand Aristoteles etwa fünfhundert Jahre lang, vom 12. bis zum 17. Jahrhundert. In dem ungeheuren Schulbetriebe dieser ganzen Zeit war er nicht ein Philosoph neben andern, sondern »der« Philosoph. Einzelne Gegner, ganze Schulen (Campanella, die Ramisten), die sich schon damals zum Worte meldeten, glaubten, ihn nicht wie einen andern mangelhaften Schriftsteller bekämpfen zu dürfen; auch ihnen war er groß als der Antichrist. Die Gegner des Aristoteles wagten aber nicht weniger als die Gegner der Bibel. Fünfhundert Jahre lang lasteten des Aristoteles Lehren von Gott und Welt wie ein kirchliches Dogma auf den Geistern. Der Ruhm des Aristoteles ist noch weit älter. Schopenhauer irrt, wenn er einer eiteln Tendenz zuliebe behauptet, Aristoteles sei erst zweihundert Jahre nach dem Tode berühmt geworden. Der Schüler Platons, der Lehrer Alexanders des Großen setzte sich durch Vielschreiberei sofort durch. In der Spätzeit der Griechen hatte er allerdings noch Nebenbuhler. Dann aber, in der lateinisch-christlichen Kultur, wuchs seine Macht ruckweise mit dem Bekanntwerden seiner Schriften. Die Araber waren es schließlich, die seinen Sieg im Abendlande vollendeten. Durch die Araber wurde der Heide Aristoteles zum einzigen Philosophen der christlichen Welt. Die tiefsten Kämpfe des ausgehenden Mittelalters wurden um Aristoteles geführt, mit den Kunstworten des Aristoteles. Volle zweitausend Jahre lang, von Alexanders Weltherrschaft bis ins 17. Jahrhundert hinein, haben die Schlagworte des Mannes das Denken beeinflußt, unheilvoll genug. Es gibt kein anderes Beispiel einer so langen Dauer für die Macht eines philosophischen Wortsystems. Die Renaissance wollte zu Platon zurückkehren, dem alten Gegner des Aristoteles, dem persönlichen Gegner, wenn dem Klatsch der Philosophiegeschichte zu trauen ist. Doch die unfehlbare Stellung des Aristoteles in dem ungeheuren Schulbetriebe blieb unerschüttert. Erst die wissenschaftlichen Taten von Kopernikus, Kepler und Newton vermochten das Gebäude zu stürzen, das selbst einem Gassendi trotzte. Noch Molière spottet über die Schule des Aristoteles wie über einen lebendigen Feind. Sganarelle ruft (in Le mariage forcé): On me l'avait bien dit que son Maître Aristote n'était rien qu'un bavard. Zwei Jahrtausende brauchte Aristoteles, um sich auszuleben. Dann schien er gestorben zu sein wie die griechischen Götter. Die Naturwissenschaft suchte ihre eigenen Wege und die Philosophie begann sich von des Aristoteles Kategorien zu befreien. Kaum daß die Werturteile des Philosophen (Moral und Ästhetik) erhalten blieben, in den Worten wenigstens; neuer Wein wurde allenthalben in die alten Schläuche gegossen. Aufmerksame Beobachter hätten freilich sehen können, daß auch auf diesen Gebieten die alte Flagge eine neue Ladung deckte. Weder in der Kunstübung von Corneille und Racine, noch in der Dramaturgie Lessings war der wirkliche Aristoteles lebendig. Nur die Tradition lebte, sich auf ihn zu berufen. Noch aufmerksamere Beobachter hätten schon damals entdecken können, daß das immer so gewesen war, daß jedes Jahrhundert seinen eigenen Geist im Namen des Aristoteles gelehrt hatte, daß weder in der Metaphysik noch in der Physik des Philosophen die wissenschaftliche Arbeit zweier Jahrtausende vorweggenommen war: daß man zu allen Zeiten die gesamte Kulturentwicklung in ihn hineingelegt und ihn so zum Riesen gemacht hatte. Dieser Einsicht widersetzte sich nach dem Ausgang und Hingang der Aristoteles-Schule ein neues Schlagwort, das jetzt erst aufkommende Dogma vom klassischen Altertum. Aristoteles war nicht mehr »der« Philosoph; aber er wurde neben den andern Erscheinungen der Antike, neben den toten Symbolen der griechischen Mythologie und neben den Stilübungen römischer Dichter mit abergläubischer Verehrung genannt. Die Tradition wirkte weiter. Wortabergläubisch, wie kein wirklich großer Denker, hatte Aristoteles die Kompilation eines Weltbildes zusammengeschrieben. Der Wortaberglaube von zwei Jahrtausenden war von dieser Kompilation nicht losgekommen. Jetzt noch, bis in die Gegenwart hinein, klammert sich der Wortaberglaube an den tönenden Namen. Schopenhauer, der Wiedererwecker von Platons Ideenlehre, übt an Aristoteles unzünftige Kritik. Er scheint ihm den Titel eines Philosophen abzusprechen, wenn er ihn zu den »Ungenialen« rechnet, wenn er ihm Mangel an Tiefsinn vorwirft, wenn er seine Metaphysik größtenteils ein Hin- und Herreden über die Philosophien seiner Vorgänger nennt (sein Vorgehen dabei sei wie eines, der von außen die Fenster einschlägt), wenn er die Lebhaftigkeit der Oberflächlichkeit die schwache Seite seines Geistes nennt. »Daher denkt sein Leser so oft: jetzt wird's kommen; aber es kommt nichts.« Trotz alledem staunt derselbe Schopenhauer über des Aristoteles tiefe Einsicht, über die Teleologie, bewundert ihn sogar als Zoologen, so oft es ihm in den Kram seines Systems paßt. Dann beruft er sich auf den Ruhm des Philosophen, dann zitiert er ihn als eine Autorität. Lewes hat ein glänzendes Buch über Aristoteles geschrieben und darin den Beobachter wie den Denker in seiner ganzen Blöße gezeigt. Vor dem Positivisten besteht kein Zug von des Griechen nüchterner Naturphilosophie. Dennoch beugt sich auch Lewes im Schlußkapitel vor dem Namen Aristoteles; das letzte Urteil werde unsere Vorstellung von seiner Größe zwar beträchtlich modifizieren, aber kaum verkleinern. F. A. Lange, der unabhängige Geschichtsschreiber des Materialismus, erkennt in Aristoteles das Urbild des Verkehrten; aber auch Lange scheut das Dogma vom klassischen Altertum und spricht von des Aristoteles System als von dem vollendetsten Beispiel wirklicher Herstellung einer einheitlichen und geschlossenen Weltanschauung, welches uns die Geschichte bisher gegeben habe. Ebenso verfahren Kirchmann und Eucken. Sie sehen alle Flecken, halten sie jedoch für Sonnenflecken, weil man zweitausend Jahre lang geglaubt hatte, Aristoteles wäre das Licht der Welt. So sehr ist Aristoteles auch nach dem Hingang seiner Schule ein Herrscher geblieben, daß die Kritik sich nur byzantinisch, nur offiziös an ihn heranwagt. Hat doch erst vor kurzem ein Philosophieprofessor ein harmloses Gelegenheitswort gegen Aristoteles, daß er nämlich der »Anwalt« des finsteren Mittelalters gewesen sei, ein Sakrileg genannt. So haftet der alte Namensaberglaube immer noch an der Lautgruppe: Aristoteles. Das halbe Jahrtausend, in dem er die alleinige Quelle, der unfehlbare Lehrer aller Wissenschaften hieß, ist freilich überwunden. Doch mit herkömmlicher Scheu wird er überall der Vater aller Wissenschaften genannt. In Wahrheit war er einer der Väter der christlichen Theologie. Nicht der christlichen Weltanschauung. Das Christentum hat seine tiefsten Ideen der weltflüchtigen Sehnsucht der Neuplatoniker entnommen. Die Kirchenväter waren noch keine Aristoteliker. Nur der Vater der christlichen Theologie, der begriffsspalterischen abergläubischen, scholastischen, fast möchte ich sagen: talmudischen Gottesgelahrtheit des Mittelalters war Aristoteles. Dieser Ruhm soll ihm ungeschmälert bleiben. Wer ihn jedoch den Vater aller unserer Natur- und Geisteswissenschaften nennt, der schreibt das in seinem Buche anderen Büchern nach und aus, der hat die Schriften des Aristoteles nicht selbst oder doch nicht selbständig gelesen. Aber das Eine soll wohl ausgemacht sein und bleiben, daß Aristoteles der Vater der Logik war, ihr Begründer und ihr Vollender zugleich. Kein Geringerer als der Meister philosophischer Abstraktionen hat seine Autorität dafür eingesetzt, Kant, der in der zweiten Vorrede zur Kritik der reinen Vernunft sagt (was sehr oft und niemals richtig zitiert wird), daß die Logik seit Aristoteles keinen Schritt rückwärts hat tun dürfen, daß sie auch bis jetzt keinen Schritt vorwärts hat tun können. Der große Jongleur mit abstrakten Begriffen, Hegel, hat sich in dieselbe Kerbe verhauen. Ich möchte nicht mit J. H. von Kirchmann glauben, daß Kant und Hegel nicht einmal die »Analytiken« sorgfältig gelesen haben können, da sie sonst den Fehler einer solchen Überschätzung nicht begangen hätten. Gewiß ist, daß die formale Logik von den Nachfolgern besser und logischer dargestellt wurde, als von ihrem Begründer, daß das letzte Jahrhundert (von Mill bis Sigwart und Schuppe) beträchtlich über die bloß formale Logik hinausgegangen ist.

II.

Noch zu schreiben, für einen Mann zu schreiben, der unmögliches Wissen mit übermenschlicher, entarteter Einsicht vereinigte, wäre eine wirkliche Geschichte der Logik, eine Geschichte des menschlichen Denkens, die Entwicklung also des menschlichen Gehirns, wobei sich dann zeigen würde, welch ein Mißverstand in der Theorie und welch ein Schwindel in der Praxis die Hegelsche Selbstbewegung der Begriffe war. Die Geschichte des Denkens wäre etwa der langsamen Bewegung einer Schafherde zu vergleichen, deren viele Schafe, ungleich und dennoch analogisch, von jedem Grashälmchen verlockt ihres Weges ziehen; die Geschichte der wissenschaftlichen Logik aber wäre zu vergleichen den Sprüngen des einen Schäferhundes, der auf und nieder läuft, die Herde umkreist, auch wohl bellt und beißt, aber im ganzen der Bewegung der Herde folgen muß. Nur daß die Richtung einer Schafherde am Ende doch vom Hirten gelenkt wird; die Richtung des Denkens jedoch nur von den armen Grashälmchen und deren zufälligem Wachstum. Wenn man nämlich nicht einsehen will, daß auch die Absicht des Schäfers immer gelenkt wird von dem Wachstum unzähliger Grashälmchen, welche zusammen gute Weide heißen. Es ist aber klar, daß eine solche wahre Geschichte des Denkens nur eine Geschichte der menschlichen Sprache wäre. Man hat ja die Geschichte der Logik oft geschrieben, nämlich die Geschichte seit vorgestern, seit Aristoteles. Und wenn man vorher noch die sieben Weisen Griechenlands nannte, so glaubte man das Wißbare zu wissen. Man dachte sich die Sache so, daß es irgendwo seit Urzeiten eine Logik gäbe, wie es geometrische Figuren gibt, und daß die Geschichte der Logik darin bestände, zu erzählen, wie die »Gesetze« dieser ewigen Logik allmählich entdeckt wurden gleich mathematischen Gesetzen. Nun gibt es im Reiche der Wirklichkeit weder eine Mathematik noch eine Logik. Es gibt aber unveränderliche Maßverhältnisse zwischen den Dingen; unveränderliche Erkenntnisverhältnisse zwischen Gehirnen und Dingen gibt es nicht. Die wenigen wirklich ewigen Gesetze der Logik sind Armseligkeiten, Tautologien wie A = A. Alle wirksamen Denkgewohnheiten mußten sich entwickeln. Und da es eine Zeit gab, wo noch kein Gehirn auf Erden dachte, so mußten die Denkgewohnheiten auch einen Anfang genommen haben. Und wie die menschliche Sprache nur etwas ist zwischen den Menschen, so auch das Denken nur etwas zwischen den Menschen. Gedacht hat der Mensch, seitdem er ist; auch das Tier hat ja denkenden Verstand. Über das Denken des Tieres hinaus hob sich das Denken des Menschen, als er anfing, die Beobachtung von Ähnlichkeiten in seinem Gedächtnis durch Lautzeichen aufzuspeichern. In den Worten »Rind« und »Tier« war schon eine Menge Material beisammen, an welchem die spätere Logik sich üben konnte. Vorsprachliches Denken – im menschlichen Sinn – hat es nicht gegeben; aber wohl vorlogisches Denken, das nicht schlechter war als das nachlogische. Unsere wichtigsten Kenntnisse von der Natur stammen aus der Zeit des vorlogischen Denkens. Gewiß ist, daß die Logik, so wie sie im Abendlande in Geltung stand oder steht, von Aristoteles begründet wurde. Dieser geringe Ruhm gebührt dem Griechen unbestreitbar, auch wenn sich herausstellen sollte – worauf ich noch zurückkommen werde –, daß des Aristoteles Begriffsanalyse mißverstandene grammatische Analyse war, der gleichzeitigen und schon entwickelten Grammatik Indiens vielleicht entlehnt. Die Prioritätsfrage ist für so entlegene Zeiten gar nicht zu lösen; ist sie doch oft im vollen Lichte der Gegenwart unlösbar. Wie aber die erste Regung griechischer Naturphilosophie auffallend mit einer verwandten religiösen Bewegung im Orient zusammenstimmt, so wäre es auch gar nicht wunderbar, wenn die Keime zu des Aristoteles logischen Übungen aus dem Orient gekommen wären. Schon Goethe sieht einmal eine Ähnlichkeit zwischen der talmudistischen Bibelerklärung und dem Geiste des Aristoteles. Selbstverständlich will ich mich dabei nicht stützen auf die unhaltbaren und albernen rabbinischen Legenden, nach denen Aristoteles zum Judentume bekehrt worden oder gar von Geburt Jude gewesen sei, nach denen er seine abgründige Weisheit den seitdem verlorenen Schriften Salomonis verdanke. Die Geschichte der griechischen Logik vor Aristoteles ist eine Geschichte der Rhetorik. Die Sophisten waren in der Praxis wie in der Theorie Rhetoriker. Es machte einem der berühmtesten unter ihnen, dem geistreichen Gorgias, gar nichts aus, ein Werk zu betiteln »Über das Nichtseiende oder die Natur«; so wurde die Sprache mit Bewußtsein auf den Kopf gestellt. Sokrates, der zu den Sophisten gehört wie Jesus zu den Juden, hatte niemals die Absicht oder die Ahnung, eine Logik oder Denklehre aufzustellen. Er wirkte dennoch außerordentlich dadurch, daß er – unschuldig und rücksichtslos wie ein Kind – die Worte gar nicht zu verstehen vorgab und jedesmal fragte: »Was ist das?« Seine Ironie bestand darin, daß er wohl wußte, in seinem ehrlichen Nichtwissen der Wohlweisheit der anderen sehr überlegen zu sein. Damit, daß er sich von der launenhaften, subjektiven Geistreichelei der übrigen Sophisten abwandte, und bei jedem Worte erforschen wollte, was die Leute dabei sich vorstellten, daß er also – ohne Denklehre, immer noch vorlogisch – von den Worten der Sprache auf die Vorstellungen und folglich auf die Sinneseindrücke zurückging, damit wird Sokrates zum ersten Vorgänger einer Kritik der Sprache. Doch ist über das Denken des Sokrates schwer etwas Sicheres zu behaupten, wie über die Lehre Jesu Christi; in beiden Fällen besitzen wir nur die Aufzeichnungen begeisterter, aber relativ subalterner Jünger. Des Sokrates Enkelschüler Aristoteles hat seines Geistes kaum einen Hauch mehr verspürt. Prantl sagt über Aristoteles: »Gerade die feinsten und tiefsten Momente, durch welche die aristotelische Logik mit Recht beanspruchen darf, den eminentesten Erscheinungen der menschlichen Kulturgeschichte beigefügt zu werden, fanden bald nicht mehr das richtige Verständnis, sondern nachdem von dieser tief philosophisch gedachten Logik das äußerlich handgreifliche und mehr technische Material teils herausgerissen und exzerpiert, teils mit leicht erkaufter technischer Fertigkeit erweitert und dann wieder exzerpiert worden war, diente die nun sogenannte Logik fast ausschließlich nur einer Schuldressur, und die hohlsten Köpfe, welche diese Dressur sich selbst angeeignet hatten, pflanzten dieselbe auf die Jünger fort; so kam es, daß in dieser Erbfolge der trivialen Logiker fast jeder nur seinen Vormann vor Augen hatte, dabei aber mit unbeschreiblicher Naivetät doch Aristoteles als der ursprüngliche Urheber dieser Logik galt; es ging mit Aristoteles ähnlich wie mit dem Neuen Testamente.« Prantl also, der gelehrte und von allen Nachfolgern – eben auch von mir – häufig geplünderte Geschichtsschreiber der abendländischen Logik, unterscheidet zwischen zwei Logiken: der heute noch gelehrten Schullogik, die er als von Aristoteles abgefallen preisgibt, und der echten Lehre, die er tiefphilosophisch gedacht nennt. Nun führt aber unsere Schullogik historisch unbedingt auf Aristoteles zurück; es ist der Haupttitel seines Ruhms, daß er die Denkgesetze für Jahrtausende unverrückbar festgestellt haben soll, wie Euklides die Prinzipien der Geometrie. Wenn nun unsere Schullogik nichts taugt, so ist dieser Ruhm des Aristoteles nicht länger aufrecht zu halten, da der ungeheure Erfolg nicht ihm, sondern seinen mechanischen Fortsetzern gebührte. Der Fall läge dann so, daß Aristoteles gefeiert würde für eine Tat, die nicht die seine war; daß aber sein echtes Werk unverstanden geblieben wäre und noch auf eine Auferstehung harrte. Ich glaube aufweisen zu können, daß seine Logik sich von der furchtbar trockenen Schullogik seiner Fortsetzer nur durch gewisse Unklarheiten unterscheidet, durch ganz unreife allgemeine Vorstellungen, in deren abstrakte Bezeichnungen jeder Aristoteliker seit zwei Jahrtausenden bequem hineindenken konnte, was die Zeit jedesmal verlangte. Ich brauche für verständige Leser nicht hinzuzufügen, daß gewisse Partien dieser Logik trotzdem jeden rein historischen Betrachter zu Achtung verleiten können und sollen. Auch das Planetensystem des Ptolemäos ist für den Historiker merkwürdig. Nur gelten darf es nicht mehr wollen. Die Welterklärung des Aristoteles soll aber weiter gelten, wenn wir auf unsere alexandrinische Gelehrtenwelt hören. Trotzdem schon Voltaire gesagt hat: On ne la comprend guère; mais il est plus que probable qu'Aristote s'entendait, et qu'on l'entendait de son temps. Und doch steht schon an der Schwelle des Systems, das Aristoteles ausgearbeitet hat, die Warnung vor einem Philosophen, der die Sprache in ihrem Wesen nicht begriffen hat, – eine Warnung, auf die weder Aristoteles selbst, noch später jemand gehört hat. Es handelt sich mir da um den Gegensatz zwischen apodiktischem und dialektischem Wissen. Schon vor Aristoteles hatte man drei Arten des Denkens unterschieden: erstens das apodiktische oder beweisende, auf absolut gewissen Prinzipien logisch gebaute Denken, welches lauter ewige Wahrheiten zutage fördert; zweitens das dialektische Denken, welches zwar logisch fortschreitet, aber doch nur von der Meinung eines Einzelnen ausgehend den Teilnehmer an der Unterredung zu überzeugen sucht und darum nur Wahrscheinliches ermittelt; und drittens das sophistische Denken, welches mit Bewußtsein Unwahres zu beweisen sucht. Die Sophistik scheidet als Mißbrauch der Logik aus. Für die Apodiktik jedoch und für die Dialektik erkennt Aristoteles die Sprache als das gemeinsame Werkzeug an. Nun hätte sich ein Aristoteles sagen müssen, daß es doch mit dem Teufel zugehen müßte, wenn das gleiche Werkzeug, die Sprache, einmal zum Auffinden der Wahrheit, dann wieder nur zu einer Annäherung, einer Wahrscheinlichkeit tauglich sein sollte, wenn wir an den Worten einmal das letzte Wesen der Dinge besäßen, ein andermal nur mangelhafte Vorstellungen. Es tritt auch hier wieder die kindliche antinominalistische Vorstellung zutage, nach der Aristoteles in den Artbegriffen das Geheimnis der Arten, die Lösung des Welträtsels zu besitzen glaubte. Übrigens herrscht im Gebrauche des Wortes λογος bekanntlich eine heillose Verwirrung. Selbst bei dem Verständnis des Wortes dialektisch verwirrt uns der oft wechselnde, namentlich der moderne Sprachgebrauch; die Griechen dachten dabei oft ganz unschuldig an das Gespräch, die Plauderei, den Bierbankstreit. Niemand hat wie Aristoteles den Streit um Worte, das Wortgeschäft feierlich genommen. Trotz Prantl. Aristoteles ist der berufene Vorgänger der Scholastiker. Auch er würde in dem Satze: »Aus nichts hat Gott die Welt erschaffen« das »Nichts« für den realen Stoff der Welt erklären. Wohl aber hat Prantl sicherlich recht, wenn er seinen Aristoteles in Schutz nimmt gegen den Verdacht, er hätte selbst schon seine Logik als eine Anweisung zur Mechanisierung des Denkgeschäftes aufgefaßt, als eine philosophische Propädeutik, für welche die Logik bald nach ihrem Erfinder galt und wie sie heut noch unsern Knaben und neuerdings auch unsern Mädchen gelehrt wird. Aristoteles selbst macht von seiner eigenen Logik noch nicht den mechanischen Gebrauch, der später üblich wurde, und den noch Goethe als Collegium logicum wie etwas Bestehendes parodieren durfte. Aristoteles wollte offenbar in seiner Logik zunächst nicht eine Anweisung zum richtigen Denken geben, nicht die Frage beantworten: Wie sollen wir denken? Er wollte vielmehr erklären: wie wir denken. Das Denken war ihm ein reales Objekt seiner Untersuchung, die nach unserem Sprachgebrauch eine psychologische war. Und gerade an der psychologischen Untersuchung mußte Aristoteles bei dem Stande seiner Beobachtungen scheitern; er nahm sogar die Worte, welche seine naiven Vorstellungen vom Geistesleben bezeichneten, für reale Kräfte.

III.

Wer die wissenschaftlichen Schriften der Alten zu einem andern Zweck lesen wollte als zu rein ästhetischem Genusse oder zu seiner historischen Belehrung, der würde schon nach wenigen Seiten zu der Ahnung kommen, daß diese Bemühungen vollkommen unfruchtbar seien. Wir wissen, daß ein Fortschritt in der menschlichen Erkenntnis nach der Natur unseres Geistes nicht anders möglich ist, als durch neue Beobachtungen. Es war aber die schwache Seite der Griechen, daß sie sich von der Wichtigkeit der Beobachtung keine Vorstellung machten. Es fehlten ihnen nicht nur unsere Teleskope und Mikroskope, unsere Thermometer und Barometer, es fehlten ihnen nicht nur unsere Präzisionsinstrumente, ja selbst der Gedanke an unsere kleinen Maßeinheiten (nach denen unsere Astronomie Tausendstel von Sekunden, unsere Chemie Bruchteile von Grammen abmißt): das wäre nicht das Schlimmste gewesen. Es fehlte ihnen auch der beobachtende Sinn überhaupt, es fehlte ihnen – so seltsam es klingen mag – die Einsicht in den Wert eines sorgfältigen Gebrauches unserer Sinne. Heutzutage belehrt der erste der beste Präsident eines Gerichtshofs jeden Zeugen darüber, daß er unterscheiden müsse zwischen seinen eigenen Wahrnehmungen und dem, was er vom Hörensagen wisse. Die Griechen der klassischen Zeit machten diesen Unterschied nicht. Wenigstens Aristoteles, der darum vielleicht nicht zu ihren besten Köpfen zu rechnen ist, berichtet bunt durcheinander, was er selbst, oft oberflächlich, gesehen hat, was er aus Büchern weiß und was ihm unwissende Fischer, Jäger und Wahrsager erzählt haben. Und wenn er selbst beobachtet, beobachtet er bisweilen ungenauer als Fischer, Jäger und Wahrsager. Wir haben gelernt, daß unfaßbar solche Worte sind, wie: subjektiv, Erfahrung, Entwicklung, Organismus, Charakter, Naturgesetz usw.; wir werden nun weiter sehen, daß für den Leser des Aristoteles selbst so konkrete Begriffe wie: Herz, Knochen, Nerven, Gehirn usw. ebenso unfaßbar sind. Was unsere Schüler beim Studium der griechischen Philosophen so unsagbar quält, das ist eben das unabweisbare Gefühl, daß sie sich oft nichts bei ihnen denken können. Insbesondere das Studium der naturwissenschaftlichen Schriften des Aristoteles ist für jeden Nicht-Historiker qualvoll. Was nicht klar wie Wasser auf der Oberfläche der Dinge liegt, das hat er ungenau gesehen; er verbindet darum mit seinen Worten andere Vorstellungen als wir, und wir können ihm nicht folgen. Nicht weil wir zu dumm sind für ihn, sondern weil er zu unwissend war für uns. Legen wir aber irrtümlich unsere Vorstellungen in seine Worte hinein, dann kann es allerdings passieren, daß wir ihm die neuen Gedanken eines Newton und eines Darwin zutrauen und damit eine ungeheure historische Fälschung begehen. Man hat verächtlich von der gegenwärtigen Forschung gesprochen und sie im Vergleich mit Aristoteles einen Zwerg auf der Schulter eines Riesen genannt, soweit sie in der Erkenntnis höher stehe als er. Es übertrifft aber an Welterkenntnis nicht die Forschung den Aristoteles, sondern jeder Schulknabe. Diesen mag man meinetwegen den Zwerg auf der Schulter eines Riesen nennen, dann ist aber der Riese nicht Aristoteles, sondern die lange Vergangenheit. Lewes bemerkt richtig, daß Aristoteles leichtgläubig war wie alle Griechen. Er glaubte nicht alles zu wissen, aber er glaubte, die menschliche Vernunft könne alles wissen. In der gleichzeitigen orientalischen Philosophie kommt es bereits zu dem höchsten Gefühl des Menschengeistes, dem der Resignation. Der Prediger lehrt, daß alles Wissen eitel sei. Aristoteles hatte von diesem Gefühl keine Ahnung. Er war eben ein Grieche, und die Griechen kannten eigentlich den Zweifel in unserem Sinne niemals, trotz der Skeptiker. Selbst kühnen Gelehrten fiel es damals nie ein, die Tatsachen nachzuprüfen, auf welche sie ihre logischen Schlüsse stützten. Als ein genialer Astronom (Eratosthenes) zum ersten Male die Länge eines Meridianbogens messen wollte, nahm er leichtgläubig an, die beiden Endpunkte seiner Messung, die Städte Alexandria und Syene, lägen auf demselben Meridian; aber er kam nicht auf den naheliegenden Einfall, diese vermeintliche Tatsache zuerst zu prüfen und so einen groben Rechnungsfehler zu vermeiden. Wir sehen schon hier die Grundquelle aller Irrtümer bei den Alten, die freilich nicht aufgehört hat, auch bei uns die Grundquelle aller Irrtümer zu sein. Wenn man den Erinnerungen anderer blindlings vertraut und sich nicht auf seine eigenen Sinne verläßt, was ist es denn anders, als daß man die Worte für das Wesen der Dinge hält? Aristoteles aber war schlimmer als die andern, weil er als Vater der Logik aus Worten Schlüsse zog und diese Schlüsse erst recht nicht an den Tatsachen prüfte.

IV.

Die Mängel des »Organon« sind auf jeder Seite zu finden. Es ist schwer, sie in Gruppen zusammenzufassen. Wichtige Grundfehler springen freilich in die Augen. Aristoteles hat nicht erkannt, daß die Definitionen eigentlich immer Worterklärungen sind und über einen bewußten Sprachgebrauch nicht hinausgehen; er ließ sich durch seinen Begriff der Definition noch mehr in seiner Überschätzung der Sprache bestärken. Aristoteles stellte die Modalität des Schlusses ungeschickt und falsch dar, den Grad der subjektiven Wahrheit; das hing vielleicht damit zusammen, daß er die Mathematik zwar theoretisch bewunderte, daß er aber mit seiner ganzen Zeit unfähig war, die Natur anders als qualitativ zu betrachten; die quantitative, mathematische Betrachtung der Natur ist jüngerer Herkunft, und gar die algebraische Logik, die die Modalität der Schlüsse vorzüglich darstellt, wäre über seinen Horizont gegangen. Der Grundmangel des ganzen Organon ist und bleibt jedoch, was man auch sagen möge, der Mangel erkenntnistheoretischer Gesichtspunkte. Erkenntnistheorie, die seit dem Aufkommen des Kritizismus vielleicht die Philosophie selber ist, dämmert dem Vater der Logik gar nicht auf. Als ob Sokrates nicht gelebt hätte. Untrüglich sind für Aristoteles zuunterst die Mitteilungen der Sinne, zuoberst die Aussprüche der Vernunft. Weil er an eine erkenntnistheoretische Prüfung der beiden Ausgangspunkte nicht denkt, darum ist seine Lehre von der Deduktion so formal, seine Lehre von der Induktion so oberflächlich geworden. Und darum führte ihn die Anwendung seiner Deduktion wie namentlich seiner Induktion zu oft verblüffenden Schnitzern. Die Autorität des Aristoteles erlosch nur schrittweise mit dem Ausbau der Wissenschaften. Astronomie und Mechanik reiften schneller, und so wurde Aristoteles auf diesen Gebieten schneller fallen gelassen. Aber bis in unsere Tage hinein sucht man seine Bedeutung für die Kenntnis der Organismen zu retten. Namentlich hat man es noch nicht aufgegeben – wie schon erwähnt –, die Ahnung oder die Kenntnis neuerer Entdeckungen in ihn hineinzulesen. Es wäre freilich nicht besonders verdienstvoll, wenn ein solcher Vielschreiber, der eine rechte Unzahl von Notizen ganz unsystematisch zusammenstellte, zufällig auch einmal eine Beobachtung notiert hätte, die später vergessen wurde und noch später neu aufgestellt werden mußte. Lewes hat aber überzeugend nachgewiesen, daß an diesen gerühmten Vorausentdeckungen des Aristoteles nichts sei. Insbesondere zu der Bemerkung, daß es plazentale Fische gebe, macht Lewes eine sehr lesenswerte Ausführung. Aristoteles hatte nur eine sehr unklare Vorstellung von Embryologie; den physiologischen Dienst der Nachgeburt kannte er gar nicht. Wenn er nun mitteilt, daß es Fische gibt, die wie Säugetiere gebären, so hat diese Beobachtung oder Notiz gar nicht denselben Sinn, wie wenn ein neuerer Forscher sie ausspricht. Aristoteles kennt die »Gesetze« der Natur nicht; wenn er also einen Fall erwähnt, der für uns eine Ausnahme von den »Gesetzen« bildet, so fehlt ihm das Beste, die Verwunderung über die Ausnahme. Ich möchte sagen: der Begriff Fisch war für Aristoteles so unklar und unbestimmt, daß das Vorkommen plazentaler Fische an seinem Begriff Fisch gar nichts ändern konnte. Die Frage, ob Aristoteles menschliche Leichname seziert habe oder nicht, geht uns nichts an. Seine Irrtümer würden nur um so krasser, wenn bewiesen wäre, daß er mit Bewußtsein an die Zergliederung herangegangen war. Man müßte dann annehmen, er habe aus Gründen der Logik oder Metaphysik vor den offenbarsten Tatsachen die Augen geschlossen. Man könnte dann noch begreifen, daß er zwischen Arterien und Venen nicht unterschied; aber unbegreiflich wäre, was er über das Gehirn zum besten gibt. Der Augenschein lehrt, daß das Gehirn den Schädel ausfüllt und daß es ein außerordentlich blutreiches Organ ist. Aristoteles erzählt, der hintere Teil des Schädels sei völlig leer und das Gehirn sei gänzlich ohne Blut. Als ob er höchstens ein ausgewaschenes Kalbshirn oder ein gebackenes Gänsehirn vor sich gehabt hätte. Von der Existenz der Nerven scheint er keine Vorstellung gehabt zu haben, da das Wort, welches wohl bei ihm vorkommt, alles mögliche bedeutet, wie Sehnen und Muskeln, nur nicht unsere Nerven. (Die alte Bedeutung war noch in unserem nervig, ist noch im franz. nerveux erhalten.) Und von dem Dienst der Nerven, dem Zusammenhang mit dem Gehirn und dem Rückenmark (er hielt diese Nervenmasse für dasselbe wie das Mark der Knochen, und auch wir gebrauchen noch immer das falsche Wort) hatte er nicht die blasseste Ahnung. Er weiß, daß von dem Auge eine Röhre nach hinten geht, er hat also den Sehnerv gesehen, was man so gesehen nennt. Aber auch hier beobachtet er nicht genau genug, um den Gang des Sehnervs richtig zu beschreiben; und auch hier denkt er so unlogisch, daß er dem Sehnerv die Ernährung des Auges zuschreibt. Ein so schlechter Anatom kann kein guter Physiologe sein. Was er über die Ursache und den Zweck des Atmens vorbringt, ist komisch. Die Funktionen des Gehirns versteht er so wenig, daß seine Lehre in dieser Beziehung sogar ein Rückschritt gewesen zu sein scheint. Er leugnet ausdrücklich (es muß also vor ihm behauptet worden sein), daß das Gehirn Empfindung besitze. Es sei der kälteste Teil des Körpers und diene dazu, die Wärme des Menschen zu mäßigen. Man stelle sich nur einmal recht lebhaft vor, wie kindlich der Vater der Logik und der Naturwissenschaft geschlossen und beobachtet haben muß, da er das Lazarethpferd von Syllogismus aufzustellen wagte: Pflanzen können nicht zweigeschlechtlich sein (was vor Aristoteles behauptet worden war), weil sie dann vollkommener wären als die Tiere. Ein so elender Physiologe konnte nun auch unmöglich ein guter Psychologe sein. Aber hier muß zu seinen Gunsten wieder daran erinnert werden, daß es nicht seine Schuld ist, wenn wir seinen Begriff Psyche pedantisch und regelmäßig mit Seele übersetzen. Schon auf lateinisch mußte man dafür bald anima, bald animus setzen, also bald Seele, bald Lebensprinzip. Doch brauche ich kaum noch daran zu erinnern, daß diese Abstraktionen, und Geist und Lebenskraft dazu, heute um nichts klarer sind, als dem alten Aristoteles seine Psyche war. Wir mögen über die Mythologie der Bibel lächeln, nach welcher der Gott dem Menschen den Odem, das ist den animus oder die Psyche, durch die Nase eingeblasen habe; klüger sind wir durch dieses süffisante Lächeln nicht geworden. Das verteidigende Wort kann mich jedoch nicht abhalten, dem Aristoteles die Schuld dafür beizumessen, daß die Psychologie des Mittelalters so ganz besonders verkehrte Wege einschlug. Schon bei ihm finden sich die spitzfindigen Wortspaltereien über die Vollkommenheit und Unteilbarkeit der Seele; schon bei ihm finden sich Worte für die verschiedenen Seelenvermögen, wie Verstand und Vernunft, und es führt eine luftige Kettenbrücke ineinandergeschlungener Worte von der Erkenntnislehre des Aristoteles bis zu den schwächsten Begriffen der reinen Vernunft Kants. Ist das Elend seiner Geisteslehre nicht ganz so auffallend, weil unsere Psychologie die Begriffe des Aristoteles eben erst aufzugeben beginnt, so ist die Jämmerlichkeit seiner Lehre von den Sinnen um so sichtbarlicher, weil da die Unzulänglichkeit seiner Physiologie zum Himmel schreit. Dazu kommt, daß Aristoteles hier wieder mit seinen vier Elementen spielt und sich selbst von der Fünfzahl der Sinne nicht abhalten läßt, jeden Sinn womöglich an eins dieser mystischen Elemente zu knüpfen. Man glaubt einen der verzückten Theosophen des Mittelalters zu lesen, aber ohne ihre Poesie, ohne ihren gemütlichen Tiefsinn. Man hört ein ganzes Chor von hunderttausend Narren sprechen: »Nun wird es offenbar, daß wir auf diese Weise jedem der Sinnesorgane eins der Elemente zuteilen und anpassen müssen. Das Auge ist als aus Wasser bestehend anzunehmen, der für Schalleindrücke empfängliche Teil aus Luft, der Geruch aber aus Feuer ... das dem Gefühl dienende ist aus Erde, der Geschmack ist eine Art von Gefühl ... das Auge hängt mit dem Gehirn zusammen; denn dieses ist der feuchteste und kälteste der Körperteile ... Wenn etwas Feuriges im Durchsichtigen ist, so ist es Licht. Ist es nicht vorhanden, ist es Dunkelheit. Was wir aber das Durchsichtige nennen, ist nicht der Luft eigen oder dem Wasser oder einem andern Element, sondern es ist eine gemeinsame Natur und Kraft, welche getrennt nicht existiert, sondern in diesem und andern Körpern vorhanden ist, in diesem mehr, in andern weniger.«

V.

Gehen wir tiefer auf die psychologische Seite unseres Denkens ein, so sehen wir weiter, daß Aristoteles selbst bei besserer Befähigung nicht imstande gewesen wäre, sich mit uns Menschen einer modernen Erkenntnistheorie zu verständigen. Von unserer Grundanschauung, daß nämlich die Wirklichkeitswelt oder das Ding-an-sich eigentlich unerkennbar sei, hatte er selbstverständlich keinen »Begriff«. Er war kein Mehrer des Menschheitsgedächtnisses, er war kein Erfinder, weil er kein Künstler war. Er verknöcherte die Sprache der Wissenschaft, aber er schuf der lebendigen Sprache kein neues Wort; weil jedes neue Wort eine Erfindung, eine Kunstschöpfung ist. Zur Stellungnahme gegenüber der Wirklichkeitswelt fehlte ihm die unterste Grundlage, das Bewußtsein von der Funktion der Sinne in der Erkenntnistheorie. Aristoteles war so wenig Künstler, daß er vielleicht die Hauptschuld daran trug, wenn die einfache Entdeckung, daß alle Sprache metaphorisch sei, erst auf einem neuen Wege gemacht werden konnte. Er beobachtete ganz richtig den häufigen metaphorischen Gebrauch der Worte. Er war aber so wenig Künstler, daß er die durchgehende Notwendigkeit der Metapher nicht ahnte und ihren Gebrauch darum der ihm fremden Dichtkunst überließ und dadurch den Gedanken, daß jeder Bedeutungswandel metaphorisch sei, daß die Sprache notwendig durch Metaphern entstanden sei, für Jahrtausende aus dem Wege der Erkenntnis warf. Er war so wenig Künstler, daß er sich die notwendigen neuen Worte möglichst unsinnlich, unbildlich schuf, wobei denn schließlich nichts besseres als seine Logik herauskommen konnte. Kurz und wahr: Aristoteles war kein Naturbeobachter, weil er nur Augen hatte für Bücher, keine Augen für das, was man klein genug im Bücherwurmdeutsch das Buch der Natur zu nennen pflegt. Er war der erste Bibliophile, dessen die Überlieferung der Gelehrtengeschichte erwähnt. Platon hat ihn den »Leser« genannt; um sein Buchwissen zu verspotten, wie wir dem dichterischen Geiste Platons wohl zutrauen dürfen. Mit den Bücheraugen eines Lesers bekrittelt Aristoteles die Einsicht seiner Vorgänger. Richtige Vorstellungen über das Verhältnis der Erde zu andern Himmelskörpern lehnt er ab, zumeist darum, weil ihn der Begriff »oben« verwirrt; der Begriff »unten« scheint ihm der verächtlichere zu sein. Die Vereinigung beider Geschlechter in einer Blüte lehnt er ab, wie gesagt, weil die Pflanze nicht vollkommener sein dürfe als das Tier. Bücherweisheit aus der Tiefe des Gemüts. Wir werden gleich sehen, wie das Predigerhafte an dieser Bücherweisheit mit seinem Glauben an die Vernünftigkeit der Schöpfung zusammenhing und darum vorzüglich zu der christlichen Weltanschauung paßte. Man könnte Platons Wort verallgemeinern. Die Philosophen aus der Schule des Aristoteles waren Leser, Menschen mit Bücheraugen. Sie glaubten zu sehen, was im Aristoteles stand; was da nicht stand, das sahen sie nicht, wollten sie nicht sehen. Es wird erzählt: Cremonini, ein Zeitgenosse und Kollege von Galilei, habe sich geweigert, ferner noch durch das neuerfundene Teleskop zu blicken, weil die eben entdeckten Jupitertrabanten nicht zu der Astronomie des Aristoteles stimmten. So sehr waren die Aristoteliker Diener am Worte des Aristoteles. Der Gott des Aristoteles und der Theologie ist nicht nur der Schöpfer der Welt; nein, er bringt das metaphysische Wunder zustande, zugleich ihre erste Ursache und ihr letzter Zweck zu sein, ihre Substanz zugleich und ihre Form, ihre Möglichkeit zugleich und ihre Wirklichkeit. Aristoteles zuerst hat gelehrt, mit dem Begriffe der Möglichkeit Fangball zu spielen. Wenn das Mögliche wirklich oder wirkend ist, dann gibt es freilich keine Sinnlosigkeit mehr in der gesamten Scholastik. Dann hat auch alle Teleologie ihren klaren Sinn. Molière läßt seinen Aristoteliker fragen: »Si la fin nous peut émouvoir par son être réel, ou par son être intentionnel?« Die französischen Ausleger halten diesen Satz für einen unverständlichen tollen Spaß. Das ist er durchaus nicht. Molière hat die entscheidende Verlegenheit der Aristoteliker mit einem kurzen Schlage des Hammers festgenagelt. »Sind die Endursachen etwas Wirkliches oder wirken sie wie menschliche Absichten.« Der christlichen Weltanschauung war nicht nur des Aristoteles Begriffsglaube bequem; noch bequemer war ihr die Art, wie er Naturerscheinungen unter Wertbegriffe brachte. Des Aristoteles Zweckbegriff ist ein Wertbegriff und geht sehr weit über den natürlichen Zweckbegriff hinaus, den die menschliche Sprache ohnehin nach ihrem anthropomorphischen Charakter in die Natur hineinlegt. Aristoteles hat die Teleologie in ihrer plumpsten Form geschaffen und bildet sich noch etwas darauf ein, überall nach Zwecken gesucht zu haben. Dabei hat er den Zweckbegriff niemals allgemein begründet, ihn vielmehr unbesehen aus dem Sprachgebrauch übernommen. Unzählige Notizen und hübsche Beobachtungen verdanken wir ja der teleologischen Naturbetrachtung; nur daß der Zweckbegriff immer bloß eine anregende Frage war, niemals eine befriedigende Antwort. Aristoteles aber sah in dem Fragesatze mit kindlicher Sicherheit schon eine Antwort. Er beruhigte sich immer zu früh. Seine oft wiederholte Behauptung, die Natur tue nichts umsonst, scheint mir den Kern seiner falschen Naturphilosophie zu enthalten. Aristoteles glaubt da etwas zu wissen, wo kein anderer Mensch etwas weiß. Die Behauptung klingt nur eindringlicher, ist aber ebenso unbewiesen und unbeweisbar wie der vollkommen gleichwertige Satz: die Natur verfolge immer einen Zweck. Alles ist aus dem Zweckbegriff der Gemeinsprache herausgeholt. Alle Monstrositäten der späteren Teleologie finden sich darum schon bei Aristoteles. Schon die Regel, die Natur bringe von dem Möglichen immer das Beste hervor, also der Optimismus, den Voltaire lächerlich und den Schopenhauer ruchlos genannt hat. Schon die nichtswürdige Lehre, die Pflanzen seien um der Tiere willen, die Tiere um des Menschen willen auf der Erde. Dieser ganzen Naturbetrachtung liegt das anmaßende Werturteil zugrunde, die Natur nach ihrem Nutzen für die Menschen einzuschätzen. Das wäre nur banal. Wir bleiben immer anthropomorphisch im Denken oder Sprechen. Aristoteles nur bringt es zustande, seinen Maßstab noch enger, noch kleiner zu nehmen. Die Tiere schätzt er ein nach ihrer Ähnlichkeit mit dem Menschen. Dann aber gibt das männliche Geschlecht allein den Maßstab, und das Weib erscheint als eine Verstümmelung des Mannes. Und wieder gibt der freie Grieche den Maßstab und der Sklave erscheint als geborener Sklave, von der Natur minderwertig geschaffen. Da kann es nicht wundernehmen, wenn es auch minderwertige Zahlen, minderwertige Adern, minderwertige Dimensionen gibt; »vorn« ist wertvoller als »hinten«, »oben« ist wertvoller als »unten«. Das Werturteil ist der schwache Punkt der Teleologie. Im übrigen sind wir heute noch so weise wie vor zweitausend Jahren und nennen so hilflos wie Aristoteles »zufällig« die Erscheinungen, die wir gerade bei dieser Gelegenheit weder durch Ursachen noch durch Zwecke zu erklären vermögen. Ich habe (Kritik der Sprache III. 584 u. f.) zu zeigen versucht, warum der Zweckbegriff auch von der neueren Naturwissenschaft nicht aus der Sprache hinausgedacht worden ist. »Gesetzmäßigkeit ist die jüngste Mythologie, die der Mensch in die Natur hineingelegt hat; es ist der Grundirrtum der modernen Naturwissenschaft, daß sie Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit miteinander verwechselt.«

VI.

Ein glücklicher Instinkt (oder die Besonnenheit seiner indischen Vorgänger) hielt den Aristoteles davon zurück, den Begriff der Negation unter seine zehn Kategorien aufzunehmen. Eigentlich war es eine Inkonsequenz; er hatte für die Negation so viel getan, daß ihm zu tun fast nichts mehr übrig blieb. Den letzten Schritt überließ er unserm Kant, in dessen höchst bedenklicher Kategorientafel die Negation ganz ernsthaft die fünfte Stelle einnimmt. Die Kategorien des Aristoteles sind es nun, woran die Sprachknechtschaft der Griechen am offenbarsten wird. Und wer einigen Sinn hat für den feinsten Humor des menschlichen Geistes, für den unfreiwilligen Humor der philosophischen Begriffe, der mag bei der Begriffsgeschichte der Kategorien das freieste, das große Gelächter anschlagen. Den Kern der Frage hat wohl Trendelenburg erkannt, da er nachwies, daß Aristoteles mit seinen Kategorien die Redeteile im Sinne hatte (oder vielmehr beides verwechselte). Es ist sehr fein, wenn Überweg hinzufügt, er habe dabei mehr die Satzteile (Subjekt, Prädikat usw.) unterschieden, als die Redeteile; und wieder würde ich statt »unterschieden« weniger achtungsvoll »verwechselt« sagen. Man mache sich einmal die Sachlage klar. Aristoteles findet in seinen unbekannten, vielleicht doch indischen Quellen, die menschliche Rede in Redeteile zerlegt. Er begeht zunächst den Irrtum, diese Redeteile (also Analogiebildungen der Grammatik) mit Analogiebildungen der Syntax durcheinander zu werfen, weil er den grammatikalischen Begriff Redeteil vielleicht nicht fassen kann. Denn die Verwechslung wird nicht durchgeführt; er hat eine unklare Vorstellung davon, daß seine erste Kategorie, die des was, die später sogenannte Quiddität, allen andern Kategorien als das geborene Subjekt gegenübersteht. Nun aber begeht er den zweiten Irrtum, diese so oder so sprachlichen Begriffe in die Wirklichkeitswelt zu projizieren und nach ihnen seine und aller Nachgebornen Vorstellungen von der Welt ordnen zu wollen. Die psychologische Entstehung der Aristotelischen Kategorientafel ist aber bis heute nicht ganz richtig gedeutet worden, trotzdem die zugrunde liegenden Tatsachen der gelehrten Welt längst bekannt sind. Ich denke dabei an die grammatische Unschuld des Aristoteles. Er kannte unsere grammatikalischen Redeteile noch nicht. Er konnte also nicht etwa – wie Trendelenburg das eigentlich darstellt – bewußt die Redeteile in metaphysische Kategorien verwandeln; er machte diesen Schritt vielmehr – man verzeihe das Wort – ganz dumm. Er hielt für oberste Begriffe der Welt, was Analogien der Sprache waren. Darum ist eben »Kategorie« unübersetzbar geblieben, weil er sich etwas völlig Unklares dabei vorstellte. Die erste Kategorie, die des was, schwankt unklar zwischen unseren Begriffen: Nomen, Subjekt und Wirklichkeit. Die dritte Kategorie, die der Qualität, schwankt ebenso unklar zwischen: Adjektiv, Artunterschied und Sinneseindruck. Die vier letzten Kategorien tasten noch unklarer um die Formen des Verbums herum. Er scheint ungefähr für intransitive und für transitive Verben, für das Aktivum und für das Passivum besondere Kategorien aufstellen zu wollen; besondere Kategorien für die einzelnen Kasus des Nomens, für die Zeiten und Personen des Verbums gibt er nicht, aber doch, wie es scheint, mehr aus Unwissenheit als aus besseren Gründen. Seine Kategorienlehre ist die Grundlage seiner Logik und seiner Metaphysik; aber diese Kategorienlehre ist von einem vorlogischen, einem vorgrammatischen Denken hergestellt, fällt immer wieder unter den Bann des gemeinen Sprachgebrauchs, so sehr sie sich bemüht, die Begriffe klarer als die Gemeinsprache zu fassen. Vorlogisch ist die Kategorienlehre, weil sie unaufhörlich den Schülerschnitzer begeht, zu früh zu generalisieren, weil sie sich in unzähligen Fällen mit richtigen oder falschen Beispielen begnügt, wo Beweise zu verlangen wären. Und gerade dieses Buch, das die technischen Ausdrücke für eine so ungeheure Literatur hergab, das auch noch Kant verführte, es zu überbieten, war doch nur ein unglücklicher Versuch, die vulgären Abstraktionen der Sprache in eine vermeintliche Erkenntnis der Wirklichkeit umzusetzen. So schwach ist dieser Versuch, daß auch Kirchmann bei aller Verehrung den Gedankengang bald dürftig, bald flüchtig nennen muß, und daß die philologischen Erklärer des Aristoteles oft in die Verlegenheit geraten sind, das Ganze entweder für eine Jugendarbeit oder für eine populäre Schrift oder aber einzelne Kapitel für Fälschungen zu erklären. Der vorgrammatische Geisteszustand des Aristoteles scheint mir das Elend seiner Kategorien genügend zu erklären. Wir müssen uns an ihn selbst halten und nicht an die spätere Logik der Aristoteliker. Schon bei den Römern, welche unsere Grammatik so ziemlich zu Ende erfunden hatten, wurde »Kategorie« mit praedicamentum oder praedicabile – der spitzfindige Unterschied zwischen diesen beiden Worten geht uns so wenig an wie der zwischen Kategorie und Kategorem – übersetzt und dabei wohl etwas ähnliches wie unser Prädikat vorgestellt. Bei Aristoteles aber ist die ϰατηγορια offenbar anfangs noch kein technischer Ausdruck, sondern vielmehr »das, was sich von den Dingen sagen läßt«. Was sich sagen läßt, wohlgemerkt. Ich wiederhole: die ganze Logik dieser Zeit war eine Anweisung zur Rhetorik; es war den Lehrern darum zu tun, über irgend einen Gegenstand möglichst viel ordentlich schwatzen zu lassen. Es gehört im Grunde diese ganze Kategorienlehre des Aristoteles in seine durchaus lächerliche »Topik« hinein, in jene Disziplin, welche die Philosophen denn doch verschämt zu lehren aufgehört haben. Diese einst der Logik gleich gerühmte Topik war auf der Höhe der Bücher, welche versprechen, in 24 Stunden das Dichten zu lehren; eine Schwatzlehre, ein Unterricht in der Kunst, über jede beliebige Frage schablonenhaft etwas zu »sagen«. Die Kategorien, das Sagenswerte, bilden das oberste Schema dieser Schwatzschule. Nichts leichter, als die Zunge im Gange zu erhalten, wenn man auswendig gelernt hat: ich werde von meinem Pferde oder von meiner Reise zuerst die Tatsache feststellen, dann nacheinander Bestimmungen der Quantität und Qualität, des Raums und der Zeit usw. hinzufügen. Notwendig war der Hinweis auf die Topik des Aristoteles darum, weil die Kategorien seiner Logik und die »Örter« seiner Topik – wie man sich auch drehen und wenden mag – ein und denselben unklaren Begriff bedeuten. Ich will das mit wenigen Worten zeigen, und es ist nicht meine Schuld, wenn die Achtung des Lesers vor dem Tiefsinn des Aristoteles dabei sich nicht erhöhen wird. Es ist die Absicht seiner Topik, eine Anweisung zu geben zur Auffindung dessen, was sich über irgend einen beliebigen Gegenstand aussagen läßt. Von der sprachlichen Bezeichnung »auffinden« mag er – wenn der Ausdruck nicht schon vor ihm ein technischer war – das Bild hergenommen haben, die verschiedenen Gesichtspunkte die »Örter« zu nennen, τοποι. Ich mache darauf aufmerksam, daß auch in unserer Sprache »Gesichtspunkt« zuerst einen Ort bedeutet, daß also das griechische Wort gar nicht so seltsam ist, wie es scheint. Drücken wir nun die Aufgabe der Topik etwas gelehrter aus, so will sie eine Anweisung geben zum Auffinden der Gesichtspunkte, von denen aus sich etwas über einen Gegenstand aussagen oder prädizieren läßt. Da Kategorie nun auch wieder nichts anderes heißt als eine allgemeine Aussage, ein allgemeiner Gesichtspunkt, so geht aus der Definition der Topik der Unsinn hervor, sie lehre die Auffindung allgemeiner Gesichtspunkte für allgemeine Gesichtsspunkte. Wir alle nennen einen abgedroschenen Satz, der die Aufmerksamkeit gar nicht mehr zu erregen vermag, einen Gemeinplatz. Ich habe in Prantls Geschichte der Logik die Geschichte dieses Wortes nicht gefunden. Offenbar sind aber die Gemeinplätze, die loci communes, nichts als eine Übersetzung der »allgemeinen Örter« des Aristoteles, die wieder unklar mit seinen Kategorien zusammenfielen. So sind schon in alter Zeit die Kategorien des Aristoteles zu Gemeinplätzen geworden. Der Vater der Logik verfügt ebensowenig über scharf definierte Worte wie über klar unterschiedene grammatische Begriffe. Er schwört wortabergläubisch auf die Gemeinsprache. Eine dunkle Ahnung dieser Tatsache hatte Aristoteles selbst, er empfand sie aber schwerlich als einen Mangel. In seiner Sprache nennt er »analytisch«, was wir heute »logisch« nennen; was er selbst »logisch« nannte, bedeutete ihm ungefähr rhetorisch oder sprachlich.

VII.

Aristoteles ist für uns tot; selbst für die unter uns, die noch im Historismus stecken geblieben sind, sollte er nicht mehr lebendig heißen. Er glaubte wirklich, seine Zeit hätte das Ende der menschheitlichen Entwicklung gebracht. Das Ende oder die Vollendung in Staat und Gesellschaft, in Wissenschaft und Kunst. Er bewundert staunend, wie wir's so herrlich weit gebracht haben. Der Philosoph, der überall das Sein aus dem Werden zu erklären vorgab, hatte keine Vorstellung von dem Werden des Menschengeistes. Es war für ihn ausgemacht, daß der Mensch alle möglichen Sinne besitze; ihm dämmerte der Gedanke nicht, daß auch die menschlichen Sinne nur Zufallssinne sind. Tot ist Aristoteles für uns, weil er keinen Sinn besaß für die Persönlichkeit, für das höchste Glück Goethe-reifer Erdenkinder. Nicht nur, daß der Grieche von den modernen Menschenrechten nichts wußte, daß er die Sklaverei verteidigte; nein, in Kunst und Leben ist sein Ideal der Normalmensch, der sich banalen Verstandesgesetzen unterwirft. Die mittelalterlichen Nominalisten, die das Individuum allein wirklich nannten und so unbewußt schon die Persönlichkeit auf den Schild hoben, beriefen sich allerdings auf Aristoteles; aber nur, wie damals alle Welt sich auf Aristoteles berufen mußte. Er war der poetischen Ideenlehre Platons gegenüber nüchtern und prosaisch genug, um kein Idealist zu sein. Für einen konsequenten Nominalismus fehlte ihm nichts weniger als alles. Er hatte keinen Sinn für den Adel der Persönlichkeit. Und er war bei seinem ausgebreiteten wissenschaftlichen Betriebe selbst keine philosophische Persönlichkeit. Der Mann der mittleren Linie, der Denker ohne schöpferische Kraft, der Schriftsteller ohne überzeugende Macht war kein Philosoph. Aristoteles ist tot, weil er wortabergläubischer war, als sonst leicht ein namhafter Autor aus der Philosophiegeschichte. »Die Stimme des Publikums, wenn es auch aus lauter gewöhnlichen Köpfen besteht, ist ihm doch im Verein richtig und respektabel.« Das ist ernsthaft zugunsten dieses Philosophen gesagt worden: vox populi, vox Dei. Darum geht er sogar auch bei der Untersuchung schwierigster Fragen am liebsten von der Volksmeinung aus, vom Sprachgebrauch. Die allgemeine Übereinstimmung verspricht ihm Annäherung an die Wahrheit. Selbst in der Logik, selbst in der Kategorienlehre, wo doch alles darauf ankam, tiefer zu dringen als die Gemeinsprache, ist er durchaus abhängig von den Zufälligkeiten der Sprache, von den Zufälligkeiten seiner Muttersprache. Und vielleicht hat es Aristoteles gerade dieser seiner Sprachknechtschaft zu verdanken, daß die wissenschaftliche Sprache durch so lange Zeit unter die Knechtschaft seiner Kunstsprache geriet. Jawohl, er hat die technische Sprache der Philosophie beeinflußt, wie niemand vor ihm oder nach ihm; er schien zu herrschen, weil er sich unterwarf. Sein Wortaberglaube war niemals unzeitgemäß. Hegels heimlich fortwirkende Auffassung von Geschichte und Philosophie, Hegels Wortaberglaube an eine Vernunft in der Geschichte läßt den dreimal toten Aristoteles nicht zur Ruhe kommen. Darum war es vielleicht nicht nutzlos, über Aristoteles zu sprechen ohne Pietät vor der Geschichte seiner Geltung. Die Geschichte der Geltung berühmter Namen ist ein Teil der Kulturgeschichte, nicht ihr kleinster Teil. Die Geschichte der großen Namen ist noch zu schreiben; die Geschichte der Namenswerte Homer und Virgil, die jüngere Geschichte von Shakespeare oder Spinoza. Auch die Geschichte der Namenswerte ist eine Wirkung zufälliger Umstände. Auch die zweitausendjährige Geschichte des Namens Aristoteles ist Zufallsgeschichte. Ein besonderer Zufall war es, daß von den griechischen Schriften, die ein breites Weltbild der damaligen Zeit gaben, gerade die des Aristoteles erhalten blieben. Ein anderer Zufall – Zufall immer im Gegensatze zu einer Vernunft in der Geschichte – sorgte dafür, daß die Dekadenz des Hellenismus, daß der Alexandrinismus und seine Kommentatoren unmittelbar auf den Lehrer des großen Alexander folgten. Wieder ein anderer historischer Zufall ließ die abendländische Kulturherrschaft auf die Römer übergehen, die fast überall die Griechen abschrieben und so auch den alexandrinisierten Aristoteles übernahmen und als das Universallexikon des Wissens ihren Erben übergaben, den neuen Kulturvölkern Europas. Wieder ein anderer Zufall brachte da die Wortdistinktionen des Aristoteles und das Christentum zusammen, das inzwischen aus gemütlichen Anfängen eine geistige und politische Macht geworden war. Wieder ein anderer Zufall hatte einige Schriften des Mannes zu den Arabern hinübergerettet, ließ sie von semitischen Naturforschern bearbeiten und brachte sie auf seltsamen Umwegen der christlichen Scholastik zu Hilfe. So wurde Aristoteles ein großer Philosoph für das Altertum, so wurde er summus philosophus für das Mittelalter. Die Antike und die christliche Scholastik sind in mancherlei Dingen unterschieden. Die Antike war noch keinem katholischen, das heißt allgemeinen Kirchendogma unterworfen. Darum konnte die kirchenfeindliche Renaissance die Antike gegen das Christentum ausspielen, nach den damaligen Namenswertungen Platon gegen Aristoteles. Jetzt geht die Renaissance ihrem Ende entgegen. Wir sind so kirchenfremd geworden, daß wir fast nicht mehr kirchenfeindlich sind. Gegenüber unserem Erkenntnisdrang, der durch erkenntnistheoretische Untersuchungen zur Kritik der Sprache geführt hat, fließt antike Philosophie und christliche Scholastik zu einer uniformen Masse des Wortaberglaubens zusammen. Aus dieser Masse heben geniale Vorläufer der neuen Weltanschauung ihre Häupter empor. Aristoteles gehört nicht zu diesen Vorläufern. Unter den Männern des XVI. Jahrhunderts, welche die Welt von der Tyrannei des Aristoteles befreien wollten, steht Luther etwas abseits, weil er im Humanismus wie in der Glaubensreform nicht bis zu Ende ging. Aber auch Luther haßt diesen Aristoteles: diesen Fürsten der Finsternis, dessen Bücher am besten ganz würden abgetan. »Es tut mir wehe in meinem Herzen, daß der verdammte, hochmütige, schalkhaftige Heide mit seinen falschen Worten soviel der besten Christen verführet und genarret hat. Gott hat uns also mit ihm geplagt, um unserer Sünden willen.« Und Luther antwortet auch im voraus dem Zetern der Zunftgelehrten (An den christlichen Adel deutscher Nation): »Darf mir Niemand auflegen, ich rede zuviel, oder verwerfe das ich nicht wisse. Lieber Freund, ich weiß wohl was ich rede. Aristoteles ist mir so wohl bekannt als Dir und Deinesgleichen; ich habe ihn auch gelesen und gehöret, mit mehrerm Verstand, denn St. Thomas oder Scotus, des ich mich ohne Hoffart rühmen, und wo es Not ist, wohl beweisen kann. Ich achte nicht, daß soviel hundert Jahre lang soviel hoher Verstand darinnen sich verarbeitet habe.«

 

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