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Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling: Worte Schellings - Kapitel 3
Quellenangabe
typeaphorism
authorFriedrich Wilhelm von Schelling
titleWorte Schellings
publisherJ. C. C. Bruns
editorB. Ihringer
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160522
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Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling

Es war im Jahre 1821, da erlebte die kleine bayrische Provinzuniversität Erlangen, die damals noch ein viel versteckteres Dasein führte als heute, eine große Zeit. Schelling, in seiner amtlichen Stellung damals »Generalsekretär der Akademie der bildenden Künste« in München, begann einen Zyklus von Vorlesungen mit einem Vortrag über die Natur der Philosophie als Wissenschaft. Mit Spannung sah man seinem Kommen entgegen, begeistert nahm man ihn auf. Damals war's, daß ein ehemaliger bayrischer Offizier, ein noch gänzlich unbekannter Graf Platen-Hallermünde, über den Gefeierten in sein Tagebuch die denkwürdigen Worte schrieb: »Dieser außerordentliche Mann verbreitet ein reiches, unabsehbares Leben über die ganze Universität. Sein erstes Kollegium nach einem vierzehnjährigen Stillschweigen hielt er am 4. Januar im Glückschen Hörsaale, der aber die Menge nicht fassen konnte. Er liest von 5 Uhr abends bis 6 oder 7 Uhr. Lange vor 5 Uhr waren alle Bänke voll Sitzender, alle Tische voll Stehender, das Gedränge an der Tür war so groß, daß sie ausgehoben wurde und viele zu den Fenstern hereinstiegen. Viele, die nicht mehr hereinkonnten, hielten die Gangfenster offen, um von außenher zuzuhören. Fast alle Professoren waren gegenwärtig. Endlich kam er, und die Antrittsrede, die er hielt, bezog sich auf seine bisherigen Verhältnisse, auf seine in der Stille gepflogenen Forschungen in München und sein Verlangen, wieder öffentlich aufzutreten. Dann begann er die Einleitung zu seinem Vortrage, den er »initia universae philosophiae« angekündigt. In der zweiten Stunde schloß er die Einleitung und sprach von den Forderungen, die er an seine Zuhörer mache. Er machte kein Geheimnis daraus, daß es Seelenstärke und Anstrengung erfordere, seinem Ideengange zu folgen und das Ganze als Ganzes zu überschauen. Er bestimmte eine Sonnabendstunde, um ihn zu besuchen und ihm Zweifel und Einwürfe vorzutragen, und fügte hinzu, er scheue sich nicht zu bekennen, durch die Einwürfe seiner Schüler mehr gewonnen zu haben, als durch Gelehrte, die ganze Bücher gegen ihn geschrieben hätten. Er erinnerte sich mit Liebe des wissenschaftlichen Zusammenlebens in Jena und ermahnte uns, kleine Zirkel von Freunden zu stiften, in welchen seine Ideen besprochen würden. Mit Wärme berief er sich auf den hohen Genuß einer intellektuellen Freundschaft, und, gegen geistlose Zerstreuungen gerichtet, wiederholte er die schönen Worte: severa res verum gaudium. Schellings ganzer Vortrag ist trotz der anscheinenden Trockenheit hinreißend. Er erfüllt den Geist mit einer unbeschreiblichen Wärme, die bei jedem Worte zunimmt. Eine Fülle von Anschaulichkeit, und eine wahrhaft göttliche Klarheit ist über seine Rede verbreitet, dabei eine Kühnheit des Ausdruckes und eine Bestimmtheit des Willens, die Verehrung erwecken. So sprach er von dem Subjekte der Philosophie und von der Auffindung des ersten Prinzips, die nur erreicht werden könne durch eine Zurückführung seiner selbst zum vollkommenen Nichtwissen, wobei er den Spruch anführte: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder usw. »Nicht etwa«, setzte er hinzu, »muß man Weib und Kind verlassen, wie man zu sagen pflegt, um zur Wissenschaft zu gelangen, man muß schlechthin alles Seiende, ja – ich scheue mich nicht, es auszusprechen – man muß Gott selbst verlassen.« Als er dies gesagt hatte, folgte eine solche Totenstille, als hätte die Versammlung den Atem an sich gehalten, bis Schelling sein Wort wieder aufnahm und sich darüber verbreitete, um nicht mißverstanden zu werden, wobei er sich wieder des bildlichen Ausdrucks der Schrift bediente: die alles behalten, werden alles verlieren. Mir selbst fiel bei dieser ganzen Darstellung das to be or not to be mit seiner ganzen Zentnerlast aufs Herz, und es war mir, als wäre mir zum erstenmal das wahre Verständnis desselben durch die Seele gegangen.«

Das war Schelling, noch bevor er in den späteren Münchener Vorlesungen den Gipfel des Ruhmes erklomm: auf den ersten Blick schon etwas ganz anderes, als ein ordentlicher Professor der Philosophie, der seine Kollegien mit schöner Regelmäßigkeit nach Pflicht und Ermessen liest. Er war eine Macht im geistigen Leben seiner Zeit, war es schon in seinen ersten Schriften, die er als junger Jenaer Professor erscheinen ließ und die ihn mit einem Schlage Fichte ebenbürtig zur Seite stellten. Was war das doch für ein Ton, der plötzlich die schulmäßigen Spitzfindigkeiten verknöcherter Kantianer überhallte! Der Genosse der Romantik, der Freund Goethes unternahm es, die »Wissenschaftslehre« zu vollenden und auszubauen vom Standpunkt eines ästhetisch verklärten Naturbegriffs. Die Kunst sollte den reinen abstrakten Logismus durchdringen und mit ihm vereinigt zu einer streng geschlossenen, streng einheitlichen Idealexistenz eingehen. Die viel verkannte, von den Kärrnern des fachlichen Einzelbetriebs viel verhöhnte Naturphilosophie war nichts anderes, als der geniale Versuch, die Wissenschaft schlechthin in Weltanschauung zu verwandeln und jene großen weltbeherrschenden Gesichtspunkte zurückzufinden, die in der Geschiedenheit der Einzeldisziplinen mehr und mehr verloren gegangen waren. Der faustische Drang, zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält und der Wille zur Synthese, zur Verknüpfung, zur Einheit von Subjekt und Objekt, von Erkennendem und Erkanntem schuf die Welt als Kunstwerk, als Organismus. Bewußter Wille zum System ist's, der da waltet, denn »Philosophie ist durchaus ein Werk der Freiheit«. Sie ist die freie Tat des Subjekts, das sich am Objekt selbst als Subjekt erschafft und in der reinen Form des Subjekt-Objekts den Abschluß erreicht. Sie ist, bis zur letzten Konsequenz geführt, eins mit der Theologie, eins mit den empirischen Wissenschaften, weil in ihrer Erklärung ja das Göttliche und das Wirkliche, das Ideale und das Reale zur Identität geführt wird.

Daß ein solches mit dem Anspruch auf Alleingültigkeit auftretendes System denen beängstigend vorkommen mußte, die kaum das empirische Handwerkszeug ihrer Spezialwissenschaft zusammenhalten konnten und das Betreten fremden Bodens sorgfältig vermieden, ist ohne weiteres klar. Schellings System, ja, seine ganze Lehre in allen den vielen Variationen, die sie mit der Zeit annahm, mußte als Angriff unerhörter Schwärmerei auf die mühsam geschaffene wissenschaftliche Arbeitsteilung wirken. Hier war alles in den Dienst der Spekulation gestellt, die eben zu neuem Aufschwung gelangende Naturwissenschaft so gut wie die Forschungen über die Entstehung der Mythen. Und eben darum hat sich auch das spätere 19. Jahrhundert an keinem Denker der idealistischen Periode so gründlich gerächt, wie an Schelling. Wenn Fichte um seiner »Reden an die deutsche Nation« willen noch mit Achtung genannt wurde, wenn Hegels Schule nie ganz ausstarb und in der »Philosophischen Gesellschaft« treue Anhänger besaß, so war Schelling tot und vergessen. Die offizielle Kathederphilosophie schwieg ihn entweder ganz tot oder suchte ihn durch herausgerissene Zitate aus den naturphilosophischen Schriften lächerlich zu machen. Kein Wunder; eine Generation, die den ausgehöhlten, entwerteten Naturbegriff fanatischer Naturwissenschaftler so bereitwillig akzeptiert hatte, konnte für Schelling nichts übrig haben. Nur Einer suchte in seinem Geiste weiterzuarbeiten; aber dieser eine war selbst verfehmt: Eduard von Hartmann.

Schelling war sein Leben lang das, was Novalis nach Goethes Ausspruch hätte werden können: ein Imperator, ein Herrscher, ein Weiser in jenem alten hellenischen Sinn, den die ganze neuere Philosophie so gründlich verloren hat. Vielleicht muß man bis auf Aristoteles zurückgehen, um ein ähnliches Beispiel wahrhaft staatsmännischer philosophischer Kraft zu finden. Wenn er unter Vorantritt fackeltragender Pedelle zu seinem Hörsaal schritt, wenn er mit dem bannenden Blick seiner Augen das Auditorium überflog, da faßte auch den Nüchternsten wenigstens eine Ahnung von der beherrschenden Gewalt dieses Mannes, dem seine Sendung auf die Stirn geschrieben war. Unter dem Eindruck einer solchen Vorlesung schrieb einst Hebbel die lakonischen Worte: »Heut abend Schelling gehört. Leute der Art sind gewöhnlich Gewitter, statt Lichter, er nicht.«

Als Schelling von Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin berufen wurde, hieß es in der Berufungschrift, er solle kommen, nicht wie ein gewöhnlicher Professor, sondern als der von Gott erwählte und zum Lehrer der Zeit berufene Philosoph, dessen Weisheit, Erfahrung, Charakterstärke der König zu seiner eigenen Stärkung in seiner Nähe wünsche. Auch diese Worte, die nur ein Abglanz der allgemeinen Bewunderung waren, erinnern unwillkürlich an das Altertum; man denkt an die mythenumwobene Lichtgestalt des Empedokles, der Griechenland durchzieht, wie ein Seher, dem überirdisches Wissen geschenkt ist, um es zu offenbaren und – Philosophie der Offenbarung war ja der Punkt, an dem Schelling endete. Das war die Zeit, da er alle Fäden zusammenzog, nun konnte er mit Faust sprechen:

»Jetzt erst erkenn' ich, was der Weise spricht:
Die Geisterwelt ist nicht verschlossen,
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist tot!
Auf, bade, Schüler, unverdrossen
Die ird'sche Brust im Morgenrot!«

Am 27. Januar 1775 wurde dem Diakonus Schelling in dem kleinen schwäbischen Städtchen Leonberg, der Heimat Keplers, ein Sohn geboren. Der Vater war ein Mann, dessen gelehrte Interessen über das Handwerkszeug seines Berufs hinausreichten; er galt für bewandert in der orientalischen Literatur und war auch als theologischer Schriftsteller schon hervorgetreten. Zwei Jahre nach der Geburt des Sohnes wurde er als Lehrer an die Klosterschule in Bebenhausen berufen, eine der vielen Vorbereitunganstalten für das Tübinger Stift, wozu der Eintritt heute noch in Württemberg durch das berühmte »Landexamen« erkauft werden muß.

Der Sohn kam mit zehn Jahren in die Lateinschule zu Nürtingen unter die Obhut eines mütterlichen Verwandten, wurde aber nach zwei Jahren schon wieder entlassen, weil er nach dem Urteil seiner Lehrer in Nürtingen nichts mehr lernen konnte. Der künftige Philosoph wurde bald als Wunderkind betrachtet; er genoß nun den Unterricht in Bebenhausen gemeinsam mit den viel älteren Seminaristen und bewahrte sich auch hier den Ruf eines »ingenium praecox«. Mit vierzehn Jahren konnte auch die Klosterschule nichts mehr bieten und er wäre schon im Herbst 1789 mit seiner dritten Promotion in das Tübinger Stift eingerückt, wenn nicht sein Vater ihn mit Rücksicht auf sein Alter zurückgehalten hätte. Im darauf folgenden Jahr setzte man aber doch bei der Regierung durch, daß ihm der Universitätbesuch drei Jahre vor dem festgesetzten Alter gestattet wurde.

Die nächsten zwei Jahre waren dem philosophischen Studium gewidmet. Schelling kam als »Zweiter« in das Konvikt; da aber der Primus zu schüchtern war, um den Herzog, wie das seines Amtes gewesen wäre, bei seiner Ankunft in Tübingen mit einer Ansprache zu begrüßen, so fiel dem »Zweiten« diese Aufgabe zu, und er soll sich ihrer auch geschickt entledigt haben. Nicht weniger geschickt zeigte er sich bei einem andern, weit unangenehmeren Zusammentreffen mit dem Herzog. Dieser hatte erfahren, daß im Stift revolutionäre Reden im Schwange seien, ja sogar, daß ein gewisser Schelling die Marseillaise übersetzt habe und verbreite. Er eilte nach Tübingen und fragte nach einer donnernden Strafpredigt den Missetäter, ob ihm die Sache leid sei. »Durchlaucht,« war die schlaue Antwort, »wir fehlen alle mannigfaltig.«

Das wissenschaftliche Leben in Tübingen war damals nicht sehr bewegt; jedenfalls kann der damalige Zustand der Hochschule nicht entfernt mit dem Aufschwunge verglichen werden, den sie etwa in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts nahm. Für Schelling lag natürlich der Schwerpunkt des Studiums auf der Theologie, wie das für den Sohn eines protestantischen Pfarrers und Zögling des Stifts sich ohne weiteres gehörte. Er schloß sich der historisch-kritischen Richtung an und schrieb im Sinne der rein-geschichtlichen Bibelauslegung eine Vorrede zu einer Anzahl kleinerer Abhandlungen, die er geplant hatte, die aber nicht zu stande kamen. Wie eine Antizipation moderner Erkenntnisse, die sich weit über das Durchschnittsniveau verwässernder Aufklärungweisheit erheben, mutet es z. B. an, wenn wir folgende Sätze lesen: »Man betrachtete nur gar zu oft die heiligen Urkunden als Schriften, die plötzlich vom Himmel gefallen wären, die man aus allem Zusammenhang herausnehmen und als ganz isolierte Denkmale betrachten müsse, die unabhängig von den Vorstellungen, den Bedürfnissen und allen Umständen derjenigen Zeit, in der sie entstanden, nur auf ein in entfernten Jahrhunderten erst vollkommen auszubildendes System berechnet wären, in die man oft auch alle mögliche Weisheit, ohne Rücksicht auf die Empfänglichkeit derjenigen Menschen, denen sie zunächst bestimmt wären, hineintragen dürfte, wenn sie nur zuvor durch das hergebrachte System geheiligt wären, das dann doch wieder nur aus jenen Schriften geschöpft sein sollte.« Der geschichtlich-psychologische Sinn für die großen gewordenen Realitäten, den auch seine grimmigsten Gegner Schelling später nie absprechen konnten, zeigt sich schon in diesen Worten eines achtzehnjährigen Jünglings, der das alles nicht schülermäßig nachsprach, sondern selbständig, logisch erarbeitete.

1792 erwarb er den Magistergrad der Philosophie, und im Juni 1795 verteidigte er eine theologische Dissertation, die den Titel führte: De Marcione Paulinarum epistolarum emendatore; sie wendete sich gegen die Ansicht, als ob der Gnostiker Marcion die Paulinischen Briefe verfälscht habe. Damit war die Studienzeit äußerlich abgeschlossen.

Bereits zwei Jahre vor der theologischen Promotion hatte Schelling in den Paulusschen »Memorabilien« einen Aufsatz »Über Mythen, historische Sagen und Philosopheme der ältesten Welt« veröffentlicht. Es ist bezeichnend im höchsten Grade: der Mythologie galt eine seiner ersten Arbeiten und mit der Philosophie der Mythologie und der Offenbarung schloß er sein System ab. Dazwischen liegen vierzig, fünfzig Jahre der Entwicklung, die vieles zubrachten, vieles modifizierten und änderten, aber im großen Ganzen doch stets den Grundton festhielten. Es war eine Entwicklung und in dem Wortbegriff liegt ja schon der Charakter der Veränderung; aber ebenso liegt darin der Begriff des Organischen, der naturgemäßen Fortbildung, die, wie die Natur, keine Sprünge macht, sondern langsam und sorgfältig von einem Punkt zum andern weiterschreitet. Diese logische Entwicklung, die Schellings Philosophie von der Naturlehre bis zur Theosophie durchmachte, wird viel zu wenig anerkannt; man betont das Verschiedene, aber man will die Keime nicht sehen, die schon in den ersten Schriften auf eine Weiterentwicklung hinweisen. Man spricht von dem »Proteus der modernen Philosophie« und vergißt, daß dieses Wort nicht weniger ungerecht ist, als das von dem »großen Chinesen von Königsberg«. –

Das philosophische Resultat der Tübinger Studienzeit war für Schelling kurz gesagt das entschiedene Bekenntnis zur Fichteschen Wissenschaftslehre. Schon 1791 hatte er Kant aus Schulzes Erläuterungen zur Kritik der reinen Vernunft kennen gelernt; drei Jahre später studierte er Fichtes erste Schriften und arbeitete sich mit dem Enthusiasmus der Jugend in die Lehre vom Ich ein. Es war keineswegs bloß Nachschaffen, sondern selbständige Weiterbildung, und so konnte Hölderlin, als er zu Ostern 1795 von Jena zurückkehrte, dem Freunde versichern: »Sei nur ruhig, du bist gerade so weit als Fichte, ich habe ihn ja gehört.«

Im Jahre 1794 veröffentlichte Fichte seine Abhandlung »Über den Begriff der Wissenschaftslehre«, und noch im selben Jahr erschien Schellings »Über die Möglichkeit einer Philosophie überhaupt«. »Vielleicht«, schrieb er an Fichte, »hat die anliegende Schrift sogar einiges Recht, Ihnen überreicht zu werden, dadurch erhalten, daß sie vorzüglich in Bezug auf Ihre letzte Schrift, die der philosophischen Welt neue große Aussichten eröffnet hat, geschrieben und zum Teil wirklich durch sie veranlaßt ist.« Die Schrift ist ein entschiedenes Bekenntnis zum Monismus, wie man heute vielleicht kurz sagen würde, eine überzeugte Verteidigung des Einheitcharakters aller Philosophie und damit zugleich auch eine deutliche Absage an die Kantianer. Fichtes Lehre stand im Mittelpunkt der Darstellung, und als nun der Meister seine »Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre« herausgab, da folgte ihm der Schüler, der aber damals schon von vielen für ebenbürtig angesehen wurde, mit einer Abhandlung »Vom Ich als Prinzip der Philosophie oder über das Unbedingte im menschlichen Wissen«. Es war mehr als ein Kommentar, es war eine vollständige Begründung der Wissenschaftslehre. Auch hier finden wir wieder den Grundgedanken, daß Fichte der Vollender der Kantischen Philosophie ist, berufen, den Zwiespalt zwischen der theoretischen und der praktischen Philosophie aufzuheben. Allerdings, heißt es in der Einleitung, »es ist ein kühnes Wagestück der Vernunft, die Menschheit freizulassen und den Schrecken der objektiven Welt zu entziehen; aber das Wagestück kann nicht fehlschlagen, weil der Mensch in dem Maße größer wird, als er sich selbst und seine Kraft kennen lernt. Gebt dem Menschen das Bewußtsein dessen, was er ist, er wird bald auch lernen, zu sein, was er soll; gebt ihm theoretische Achtung vor sich selbst, die praktische wird bald nachfolgen. Vergebens würde man vom guten Willen der Menschen große Fortschritte der Menschheit hoffen, denn um besser zu werden, müßten wir schon vorher gut sein; eben deswegen aber muß die Revolution im Menschen vom Bewußtsein seines Wesens ausgehen, er muß theoretisch gut sein, um es praktisch zu werden, und die sichere Vorübung auf eine mit sich selbst übereinstimmende Handlungsweise ist die Erkenntnis, daß das Wesen des Menschen selbst nur in der Einheit und durch Einheit bestehe; denn der Mensch, der einmal zu dieser Überzeugung gekommen ist, wird auch einsehen, daß Einheit des Wollens und des Handelns ihm ebenso natürlich und notwendig sein müsse, als Erhaltung seines Daseins: und – dahin soll ja der Mensch kommen, daß Einheit des Wollens und des Handelns ihm so natürlich wird, als der Mechanismus seines Körpers und die Einheit seines Bewußtseins.« Wir sehen, Schelling steht hier noch mit beiden Füßen auf dem Boden eines sokratischen Rationalismus; auf dem Umweg über Spinoza kam er dann dazu, das irrationale Prinzip ebenso deutlich auszusprechen.

Vorerst stand er allerdings noch ganz im Banne Fichtes. Durch Vermittelung seines Vaters hatte er die Hofmeisterstelle bei den beiden Freiherren von Riedesel erhalten, als deren Mentor er nach verschiedenen Kreuz- und Querreisen bis August 1798 an der Universität Leipzig weilte. Dieser Aufenthalt war bedeutungvoll, denn hier entstanden drei weitere Schriften, betitelt »Allgemeine Übersicht der neuesten philosophischen Literatur«, »Ideen zur Philosophie der Natur« und »Von der Weltseele«. Die drei Publikationen festigten Schellings Ruf und gewannen ihm Goethes und Fichtes reges Interesse; seitdem galt der Dreiundzwanzigjährige unbestritten als Fichtes bedeutendster Jünger und Mitarbeiter. In dem Schiller-Goetheschen Briefwechsel kehrt sein Name immer wieder, und obwohl Goethe sich zuerst zweifelnd äußerte, so gewann er doch bald zur Naturphilosophie, die ja seinem eigenen Denken durchaus kongenial war, ein festes Verhältnis. »In Schellings Ideen habe ich wieder etwas gelesen und es ist immer merkwürdig, sich mit ihm zu unterhalten,« schrieb er im Februar 1798, und als er an der »Farbenlehre« arbeitete, meinte er zu Schiller, das Schellingsche Werk werde ihm den großen Dienst leisten, sich recht genau innerhalb seiner Sphäre zu halten.

Die Hofmeisterstelle dauerte nicht lange. Fichte hatte natürlich ein Interesse daran, den genialen Schüler, der ihm so plötzlich im Schwabenland erstanden war, in seiner Nähe zu wissen, und so erhielt denn Schelling bereits am 5. Juli 1798 aus den Händen Goethes sein Anstellungdekret als unbesoldeter Professor der Philosophie an der Universität Jena. Aber noch ehe er sein Amt antrat, wandte er sich nach Dresden und trat dort in den Kreis der Romantiker ein, die sich damals hier aufhielten. Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Caroline mit ihrer Tochter Auguste Böhmer, der Tassoübersetzer Gries und manchmal auch Hardenberg-Novalis, der in dem nahen Freiberg das Bergfach studierte, fanden sich jeden Morgen in der Galerie ein, und ihnen, als Verwandten seines Geistes, gesellte sich Schelling gerne zu. Auch er stand ja im Widerspruch mit dem Alten, Herkömmlichen, auch er suchte in den ersten Keimen seiner Naturphilosophie ein Neues mehr ahnend als wissend heraufzuführen; er war in der Methode seines Denkens, wie in seiner ganzen Weltauffassung durchaus Künstler, und Novalis hat ihn vollkommen richtig erkannt, wenn er kurz bemerkt: »Echte Universaltendenz in ihm – wahre Strahlenkraft – von einem Punkt in die Unendlichkeit hinaus.« Die Romantiker sahen mit vollem Recht in ihm einen Kampfgenossen: den Philosophen, der das logisch begründete, was sie intuitiv aussprachen. Wenn Friedrich Schlegel die Romantik als »progressive Universalpoesie« definierte, so war das durchaus im Schellingschen Geiste gesprochen, denn auch er strebte ja danach, die Grenzen zu erweitern, über alle Schranken der Einzelwissenschaften hinauszugreifen und alsdann das Universum in einem einzigen Begriff, in einer beherrschenden Zentralidee, in der absoluten Identität zurückzugewinnen. Wenn man Friedrich Schlegel über das Wesen der Romantik reden hört, wird man das Gemeinsame deutlich erkennen: »Die romantische Poesie ist unter den Künsten, was der Witz in der Philosophie und die Gesellschaft, Umgang, Freundschaft und Liebe im Leben ist ... Die romantische Dichtart ist noch im Werden, ja, das ist ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann. Sie kann durch keine Theorie erschöpft werden, und nur eine divinatorische Kritik dürfte es wagen, ihr Ideal charakterisieren zu wollen. Sie allein ist unendlich, wie sie allein frei ist und das als erstes Gesetz anerkennt, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz anerkenne über sich. Die romantische Dichtart ist die einzige, die mehr als Art und gleichsam die Dichtkunst selbst ist; denn in einem gewissen Sinne soll alle Poesie romantisch sein.« Nun vergleiche man damit Schellings mehr prophetisches als philosophisches Auftreten, die aufs Höchste gesteigerte spekulative Methode in seinen Schriften, die allen Empirismus wenigstens für die Naturwissenschaft ausschließt, die Vollendung des Identitätssystems in einem durchaus romantischen Kunstbegriff, so wird man, auch ohne zum soundsovielten Male die Sisyphusarbeit einer Definition der Romantik zu unternehmen, erkennen, daß er dem Kreis der Athenäumgenossen nicht nur durch äußerlichen Verkehr angehörte. Seine Philosophie war ja im Grunde selbst Poesie, und Caroline Schlegel hat das auch in einem Brief an ihn deutlich ausgesprochen: »Ich sehe es klar, wie sich Deine Nachzeichnung der dichtenden Natur von selbst zu einem herrlichen Gedicht ordnen wird. Du entsinnst Dich des kleinen Gedichtes von Goethe, wo Amor die Landschaft malt, er malt sie nicht, er zieht nur den Schleier von dem, was ist, und dann kommt ein Punkt, wo die Sonnenstrahlen so hell wieder glänzen, – ja, so wird Dein Genius, die Liebe, werden, die alles belebt.«

Zu den Romantikern trat Schelling in die engsten Beziehungen, aber zu dem, der ihm eigentlich am nächsten hätte stehen sollen, gestaltete sich das Verhältnis auffallend kühl. Als Fichte im Sommer 1799 infolge des Ausgangs des berühmten Atheismusstreites Jena verließ, soll er geäußert haben, er könne nicht mit Schelling zusammenarbeiten; er sei systematischer, der andere genialer. Wenn nun auch diese Unterscheidung in der Hauptsache gestimmt haben mag, so wird doch der eigentliche Grund, der eine Annäherung verhinderte, darin beruht haben, daß Schelling eben schon viel zu selbständig war, um in ein eigentliches Schülerverhältnis, wie es Fichte wahrscheinlich erwartete, eintreten zu können. Indem er die Naturphilosophie in Fichtes System einbaute und Transzendentalphilosophie und Naturphilosophie als die beiden Bestandteile des Identitätsystems bezeichnete, schuf er gewissermaßen einen Staat im Staate, erweiterte die ursprüngliche Lehre so beträchtlich, daß sie ein ganz anderes Gesicht gewann. Er galt als der Vollender Fichtes, und wer weiß, ob die begeisterte Aufnahme, die ihm in Jena bereitet wurde, nicht in Fichtes Ich ein sehr menschliches und begreifliches Würzelchen der Abneigung gepflanzt hatte?

Auf Dresden folgte Jena. Die Romantiker hatten sich in dem kleinen Städtchen, das damals das regste geistige Leben von ganz Deutschland sah, dauernd festgesetzt. In Novalis bereitete sich schon damals die mystisch-christliche Richtung vor, während Schelling, so wenig das zu seinen späteren Werken stimmen mag, diesen Bestrebungen durchaus feindlich gegenüber stand. Wenn Goethe einmal sagte, er sei als Mensch Pantheist und als Künstler Polytheist, so ist damit Schellings damalige Stellung bezeichnet. Im Gefühl einer radikalen Naturvergöttlichung schrieb er das »Epikurisch Glaubensbekenntnis Heinz Widerporstens«, das ins »Athenäum« aufgenommen werden sollte, dann aber auf Goethes Rat ungedruckt blieb. Friedrich Schlegel schrieb damals an Schleiermacher, gegen dessen »Reden über die Religion« die Spitze mitgerichtet war: »Da die Menschen es so grimmig treiben mit ihrem Wesen, so hat Schelling einen neuen Anfall von seinem alten Enthusiasmus für die Irreligion bekommen, worin ich ihn denn auch aus allen Kräften bestätigte. Darauf hat er ein ›Epikurisch Glaubensbekenntnis› in Hans Sachs-Goethes Manier entworfen, welches Du das nächste Mal haben sollst. Unsere Philironie ist sehr dafür, es auch im Athenäum zu drucken, wenn die Deinige nichts dagegen hat.«

Um einen Begriff von dem Charakter des Ganzen zu geben, seien hier einige Verse abgedruckt:

»Drum ist eine Religion die rechte,
Müßt' sie im Stein und Moosgeflechte,
In Blumen, Metallen und allen Dingen,
So zu Luft und Licht sich dringen,
In allen Höhen und Tiefen
Sich offenbaren in Hieroglyphen. –
Wüßt' auch nicht, wie mir vor der Welt sollt' grausen,
Da ich sie kenne von innen und außen,
Ist gar ein träg' und zahmes Tier,
Das weder dräuet dir noch mir,
Muß sich unter Gesetze schmiegen,
Ruhig zu meinen Füßen liegen.
Steckt zwar ein Riesengeist darinnen,
Ist aber versteinert mit seinen Sinnen,
Kann nicht aus dem engen Panzer heraus
Noch sprengen das eisern' Kerkerhaus,
Obgleich er oft die Flügel regt,
Sich gewaltig dehnt und bewegt,
In toten und lebend'gen Dingen
Tut nach Bewußtsein mächtig ringen; –
Vom ersten Ringen dunkler Kräfte
Bis zum Erguß der Lebenssäfte,
Wo Kraft in Kraft und Stoff in Stoff verquillt,
Die erste Blüt', die erste Knospe schwillt,
Zum ersten Strahl von neugebornem Licht,
Das durch die Nacht wie zweite Schöpfung bricht,
Und aus den tausend Augen der Welt
Den Himmel so Tag, wie Nacht erhellt,
Hinauf zu des Gedankens Jugendkraft,
Wodurch Natur verjüngt sich wieder schafft,
Ist eine Kraft, ein Pulsschlag nur, ein Leben,
Ein Wechselspiel von Hemmen und von Streben.«

Es ist natürlich unmöglich, in diesem kurzen Lebensabriß alle die mannigfachen Beziehungen zu erwähnen, die Schelling in Jena umgaben und die zum Teil eine Freundschaft fürs Leben anbahnten; darunter gehört z. B. der lebendige Gedankenaustausch mit dem Norweger Steffens, mit dem Schelling noch nahezu fünfzig Jahre später in Verbindung stand. Dagegen wurde der Verkehr mit Friedrich Schlegel nie recht intim und auch für Novalis hatte er nicht viel übrig. Was ihn persönlich mit den Romantikern verknüpfte, das war der belebende Umgang mit einer Frau, die zu den geistvollsten jener an interessanten Frauengestalten so reichen Zeit gehört: mit Caroline.

Als August Wilhelm Schlegel die Witwe des Bergarztes Böhmer am 1. Juli 1796 heiratete, hatte sie bereits eine ziemlich bewegte Vergangenheit hinter sich. Geboren als Tochter des berühmten Göttinger Orientalisten Michaelis hatte sie früh ohne Neigung den unbedeutenden Bergarzt Böhmer geheiratet. Nach seinem Tode lebte sie im Hause ihrer Freundin Therese Heyne in Mainz, die mit dem Weltreisenden Georg Forster verheiratet war. Die Ehe war sehr unglücklich, und als die Frau schließlich das Haus um Hubers willen, der seinerseits dafür seine Braut im Stich ließ, verließ, hätte Caroline leicht an ihre Stelle treten können; aber sie fühlte für den unglücklichen Forster, dessen Anteil an dem Klubbisten-Abenteuer bekannt ist, mehr Mitleid als Zuneigung. Das hinderte nun freilich nicht, daß sie auf einer Reise als Franzosenfreundin von den Preußen gefangen genommen wurde; man brachte sie auf den Königstein und hielt sie dort als höchst gefährliche Verbrecherin mehrere Monate fest. Als man ihre Harmlosigkeit einsah, ließ man sie wieder frei und die Gefangenschaft hatte weiter keine Folgen, als daß die plötzlich aus Angst beinahe moralisch gewordenen Göttinger Professoren, die nach Lichtenbergs Zeugnis vor ihrer eigenen Tür wahrlich genug zu kehren hatten, ihr als politisch verdächtig zweimal den Aufenthalt in ihrer Metropole untersagten.

Als die Haft zu Ende war, erschien Schlegel, mit dem sie früher schon in Verbindung stand, dessen Bewerbungen sie aber stets abgewiesen hatte, als Stütze und Retter. Er brachte sie in dem kleinen Altenburgschen Städtchen Lucka unter, und hier lebte sie im Hause eines Arztes in völliger Zurückgezogenheit, während Schlegel auf seinen Hauslehrerposten in Amsterdam zurückkehrte. Sie war dem zuerst verschmähten Bewerber Dankbarkeit schuldig, und so täuschte sie sich denn zum zweiten Male die Möglichkeit eines auf Achtung und nur auf Achtung gegründeten Ehebündnisses vor. Die Vermählung wurde vollzogen, und Caroline kam 1796 nach Jena.

Wenn man Novalis den Dichter, Tieck den Schriftsteller, Friedrich Schlegel den Philosophen des kleinen Kreises nennen will, so war August Wilhelm Schlegel der Gelehrte, der Kritiker und als solcher eine durchaus unproduktive Natur. Caroline aber verlangte Leben, Tätigkeit, Entfaltung, ihr ganzes Wesen war auf Poesie begründet, und dieser Veranlagung verdankte sie die Kunst, das Leben auf eine graziöse Art genialisch und glücklich in naivem Genuß aufzufassen. »Es dauert mich,« schrieb sie einmal an Schlegel, »daß ich mir nicht einen Revers von Dir habe geben lassen, Dich aller Kritik forthin zu enthalten. O, mein Freund, wiederhole es Dir unaufhörlich, wie kurz das Leben ist und daß nichts so wahrhaft existiert als ein Kunstwerk. Kritik geht unter, leibliche Geschlechter verlöschen, Systeme wechseln, aber wenn die Welt einmal aufbrennt, wie ein Papierschnitzel, dann werden die Kunstwerke die letzten lebendigen Funken sein, die in das Haus Gottes eingehen – dann erst kommt Finsternis.« Und nun erschien eine mächtige Persönlichkeit in Jena, die, Philosoph und Künstler zugleich, im Glanz der Jugend strahlte – in der der Mensch dem Gelehrten nichts nachgab.

Wenn man das ganze Jenaer Milieu berücksichtigt und Schellings und Carolinens Charakter erwägt, so konnte das Ziel dieser Freundschaft von Anfang an nicht zweifelhaft sein. Schon aus dem Jahre 1800, als sich Caroline mit ihrer Tochter in Bocklet aufhielt, haben wir die vertrautesten Briefe. Der Tod der sechzehnjährigen Auguste Böhmer, der Schelling tief erschütterte, mag damals die Beziehungen, die sich schon inniger knüpften, wieder getrennt haben. Ganz klar vermögen wir in diesem Punkte nicht zu sehen; manche Briefstellen und Anzeichen sprechen fast dafür, daß ursprünglich die Tochter und nicht die Mutter ihm zur Gattin bestimmt war. Aber: de internis non judicat praetor; wir müssen uns mit der einfachen Feststellung begnügen, daß Caroline bald darauf ihr Schicksal mit dem Schellings aufs innigste verknüpfte. »Ich scheide nicht von Dir, mein Alles auf Erden,« schrieb sie im Februar 1801, »das Mittel, das die Seele ergreift, um sich der Entweihung des Bundes zu entziehen, stellt alles her, ihn selbst in seiner ganzen Schöne und die Zärtlichkeit, die ihn unterhält. Ich bin die Deinige, ich liebe, ich achte Dich, ich habe keine Stunde gehabt, wo ich nicht an Dich geglaubt hätte.« Am 17. Mai 1803 wurde die Trennung ihrer Ehe mit Schlegel vom Herzog bestätigt, und am 26. Juni vermählte sie sich mit Schelling. Mit diesem Datum schließt ein bedeutender und bedeutsamer Abschnitt in Schellings Leben, und für Caroline öffnete sich nun erst das volle wahre Glück. Daß sie für den Philosophen mehr als eine Gattin war, dafür ist schon die denkwürdige Tatsache Beweis genug, daß er nach ihrem Tode kein einziges größeres Werk mehr veröffentlichte.

Das Leben in Jena hatte seine Reize verloren, seit das freundschaftliche Verhältnis durch Mißhelligkeiten aller Art getrübt worden war. Dazu kam nun noch ein häßlicher, an persönlichen Invektiven reicher Streit mit den Herausgebern der »Literaturzeitung«, der Schelling den Aufenthalt vollends verleidete. Er wandte sich nach Bayern, wo die politischen Umwälzungen auch der Reorganisation der Universitäten zu gute kommen sollten. Namentlich kam Würzburg in Frage, eine alte, reiche, durch das Julius-Spital berühmte Hochschule, die jetzt nach dem Ende der bischöflichen Herrschaft gründlich erneuert und durch Zuziehung auswärtiger Gelehrter belebt werden sollte. Trotz aller dieser guten Aussichten waren die Verhältnisse für einen Mann, der sich nicht vom Wohlwollen irgendeiner Partei tragen lassen wollte und weder für die streng kirchliche Richtung noch für die katholische Aufklärung besondere Sympathien hegte, schwierig genug. Man arbeitete auch hinter den Kulissen; der Redakteur der Literaturzeitung, Schütz, wollte seine Berufung ebenfalls durchsetzen. Schließlich scheiterten alle Intrigen, und Schelling wurde als Professor der Naturphilosophie berufen. Daß er einen Mann wie Paulus, den späteren Heidelberger Theologen, zum Kollegen bekam, dessen aufklärerische Weisheit, über die noch der junge Ludwig Feuerbach stöhnte, schon damals auf einem »Höhepunkt« angelangt war, mußte freilich die Erwartungen von vornherein herabstimmen.

In der Tat war auch die Würzburger Zeit für Schelling wenig ertragreich. Für philosophische Vorlesungen war hier ein weit ungünstigerer Boden als in dem geistig belebten Jena. Auch die schriftstellerische Ausbeute gestaltete sich nicht sehr ergiebig; Schelling gründete eine neue Zeitschrift »Die Jahrbücher der Medizin als Wissenschaft«, die der »Spekulativen Physik« nun auch die »Spekulative Medizin« angliedern sollten, und ergänzte die »Weltseele« durch eine »Abhandlung über das Verhältnis des Realen und Idealen in der Natur oder Entwicklung der ersten Grundsätze der Naturphilosophie an den Prinzipien der Schwere und des Lichts«. Interessant ist sein Nekrolog Kants, der, wie Kuno Fischer mit Recht sagte, »den Stil und die Bedeutung eines Monuments hat«. »Obgleich in hohem Alter gestorben,« heißt es da, »hat Kant sich doch nicht überlebt. Seine heftigsten Gegner hat er zum Teil physisch, alle aber moralisch überdauert, und das Feuer der weiter Fortschreitenden hat nur gedient, das Gold seiner Philosophie von den Zutaten der Zeit zu scheiden und in reinem Glanze darzustellen.« Und er schließt: »In dem Andenken seiner Nation, der er durch Geist wie durch Gemütsanlagen doch allein wahrhaft angehören kann, wird Kant ewig als eines der wenigen intellektuell- und moralisch-großen Individuen leben, in denen der deutsche Geist sich in seiner Totalität lebendig angeschaut hat. Have sancta anima

Als durch den Frieden von Preßburg im Jahre 1806 Würzburg dem Großherzog von Toskana zufiel, den man damit für den Verlust Salzburgs entschädigen wollte, und damit zugleich eine Restauration des alten Regimes in Aussicht stand, legte Schelling sein Amt nieder und wandte sich nach München. Hier herrschten nun damals freilich merkwürdige Zustände; die altbayrische Patriotenpartei haßte die fremden Größen und verstand es so gut, die Massen zu erhitzen, daß es zu förmlichen Tumulten, ja, zu einem Mordanfall auf Thiersch, der von Göttingen nach München berufen worden war, kam. »Ich bin sehr auf meiner Hut,« schrieb damals Feuerbach, ein anderer »Ausländer«, »ich gehe abends nicht auf die Straßen noch bei Tage in sehr entfernte Gegenden des Parks ohne die Begleitung meines Bedienten und ohne zwei gut geladene Terzerole und einen tüchtigen Degen in meinem Rocke. Nachts werden alle Zugänge zu meiner Schlafstube wohl verriegelt, und auf meinem Nachttisch liegen beständig meine zwei Pistolen.«

In die Zeit, da Schelling in München seine Bewerbungen betrieb, fällt das größte und schmerzlichste Ereignis seines Lebens: Caroline starb am 7. September 1809 zu Maulbronn »an derselben Krankheit, die vor sieben Jahren ihre Tochter in Bocklet weggerafft hatte«. Schellings Schmerz läßt sich nicht beschreiben. »Ich stehe da,« heißt es in einem Brief aus jener Zeit an Luise Gotter, »erstaunt, bis ins Innerste niedergeschlagen, und noch unfähig, meinen ganzen Jammer zu fassen. Mir bleibt der ewige, durch nichts als den Tod zu lösende Schmerz, einzig versüßt durch das Andenken des schönen Geistes, des herrlichen Gemüts, des redlichsten Herzens, das ich einst in vollem Sinne mein nennen durfte. Mein ewiger Dank folgt der herrlichen Frau in das frühe Grab.« Und ein andermal schreibt er die berühmten, viel zitierten Worte: »Sie war ein eigenes einziges Wesen, man mußte sie ganz oder gar nicht lieben. Diese Gewalt, das Herz im Mittelpunkte zu treffen, behielt sie bis ans Ende. Wir waren durch die heiligsten Bande vereinigt, im höchsten Schmerz und im tiefsten Unglück einander treu geblieben, – alle Wunden bluten neu, seitdem sie von meiner Seite gerissen ist. Wäre sie mir nicht gewesen, was sie war, ich müßte als Mensch sie beweinen, trauern, daß dieses Meisterstück der Geister nicht mehr ist, dieses seltene Weib von männlicher Seelengröße, von dem schärfsten Geiste, mit der Weichheit des weiblichsten, zartesten, liebevollsten Herzens vereinigt. O, etwas der Art kommt nie wieder.«

Bei dem Tode Carolines war Schelling erst vierunddreißig Jahre alt, und doch kann man sagen, daß damit die glücklichere Hälfte seines Lebens, die Epoche genialer, neuschöpferischer Wirksamkeit, abschloß. Für die nächsten Jahre war seine philosophische Kraft ganz lahmgelegt und es bedurfte einer langen Zeit der Sammlung, um die im Innersten durchwühlten Lebensgeister zu beruhigen. Diese Ruhe fand er in seiner zweiten, 1812 geschlossenen Ehe mit Pauline Gotter, der Tochter der besten Freundin der Verstorbenen, und in der Stellung eines Generalsekretärs der Akademie der bildenden Künste. Der Posten war natürlich eine glänzende Sinecure und für Schelling gewiß in den ersten Jahren nach Carolinens Tod eine Wohltat, aber mit der Zeit fiel ihm doch die drückende Untätigkeit schwer aufs Herz. Mit dem »Glaubensphilosophen« Jakobi hatte er sich verfeindet, gegen Hegel wandte er sich bei jeder Gelegenheit, und selbst mit einem seiner besten Münchener Freunde, dem Mystiker Baader, einem Jünger Jakob Böhmes, konnte er sich nicht mehr verstehen. So begann es denn plötzlich um ihn unheimlich einsam zu werden. Aus dieser Stimmung rissen ihn die sieben Jahre in Erlangen, wo er mit großem Erfolg wieder den Katheder betrat und durch die Begeisterung seiner Schüler und Zuhörer sich erneut zu ausgedehnterer Wirksamkeit angespornt fühlte.

Die Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten. Am 13. Oktober starb König Max Joseph von Bayern und den Thron bestieg König Ludwig I., »Augustus«, wie ihn seine Verehrer nannten, ohne Zweifel einer der interessantesten deutschen Fürsten im 19. Jahrhundert. Für München und für Bayern hatte er jedenfalls so viel getan, daß man ihm seine von Heine verulkten Partizipiengedichte und seine Lola Montez nicht weiter nachzutragen braucht. Er verlegte die Universität von Landshut nach München und berief mit vielen anderen berühmten Namen auch Schelling unter gleichzeitiger Ernennung zum Generalkonservator der wissenschaftlichen Sammlungen des Staats. Die alte Studienordnung mit ihren Fußangeln von Prüfungen, Frequentationszeugnissen usw. fiel auf dessen Antrag gegen den Willen des Ministers, und auch sonst bemühte er sich, einen freieren Zug in den ganzen akademischen Betrieb zu bringen, für Bayern damals noch etwas unerhört Neues. Er dozierte nicht Geschichte der Philosophie, sondern ausgeprochenermaßen sein System, seine Lehre und als Krönung des Ganzen die Philosophie der Mythologie und der Offenbarung. Und hier, in diesen Vorlesungen war es ganz besonders die imperatorische Persönlichkeit, die der Menge gegenübertrat. Die Art, wie er in seiner Antrittsvorlesung den naiven Begriff von Philosophie als eines bestimmten lernbaren und erzwingbaren Bildungstoffes abwies, gehört zu seinen unvergänglichen Worten: »Lernen läßt sich nur, was abgeschlossen, fertig und gleichsam beiseite gebracht ist. Aber an seinen eigentlichen Aufgaben hat der Geist der Philosophie seit Jahrtausenden gearbeitet; unstreitig läßt sich annehmen, daß er seinem Ziel stufenweis näher gekommen ist und immer mehr sich nähert, aber solange dies Ziel nicht erreicht ist, ist nur in jener zum Ziel fortschreitenden Bewegung eigentliche, lebendige Philosophie. Ja, auch wenn es erreicht ist, muß es doch jeder Nachfolgende auf demselben Wege erreichen, auf dem es der erste erreichte. Philosophie ist, wie ihr Name schon sagt, freie Liebe, und ohne diese ist sie tot. Läßt sich aber Liebe befehlen oder erzwingen? Wenn aber das Ziel nicht erreicht ist, wie kann man etwas, was im Werden, in stets lebendiger, nie ruhender Fortbewegung ist, als etwas Abgestorbenes, Fertiges, gleichsam Vorhandenes behandeln, auf welches man wie auf das Erzeugnis einer Manufaktur seinen Stempel drückt? Wo man daher das Studium der Philosophie durch Vorschriften zu bedingen und einzuengen geneigt ist, da wird man auch gleich auf eine gewisse Durchschnitts-Philosophie denken müssen, eine Philosophie, die jedes Äußerste in allen Richtungen vermeidet und überall nur ein gewisses mittleres Maß, sowohl in der Sache selbst als in der Art, sich über die großen Gegenstände des Denkens zu äußern, zuläßt. Aber damit wird die Jugend um die eigentliche Philosophie wie um den wahren Zweck des allgemeinen philosophischen Studiums betrogen.« Philosophie ist durchaus ein Werk der Freiheit – diese schon fast dreißig Jahre vorher verkündigte Wahrheit nimmt Schelling auf der Höhe seines Wirkens wieder auf, als die Devise gleichsam, die seinem Wirken von Anfang an aufgeprägt war.

Die Beziehungen zu Hegel wurden unterdessen immer gespannter. Schelling soll im Kolleg gesagt haben, Hegel habe seine Philosophie durch falsche Wendungen verdorben und aus der Natur ein Herbarium gemacht; gute Köpfe habe er allerdings noch keine ruiniert, weil sich noch keine zu ihm gewandt hätten, dafür aber viele mittelmäßige mit unleidlichem Dünkel und Hochmut erfüllt. Man sollte denken, daß nach solchen Worten ein persönlicher Verkehr fortan zu den Unmöglichkeiten gehörte. Dem war aber nicht so, denn bald darauf, als er in Karlsbad weilte, schrieb er an seine Frau: »Stell Dir vor, gestern sitz ich im Bade, höre eine etwas unangenehme, halb bekannte Stimme nach mir fragen. Dann nennt der Unbekannte seinen Namen, es war Hegel aus Berlin, der sich ein paar Tage auf der Durchreise hier aufhalten wird. Nachmittags kam er zum zweiten Male sehr empressiert und freundschaftlich, als wäre zwischen uns nichts in der Mitte; da es aber bis jetzt zu einem wissenschaftlichen Gespräch nicht gekommen ist, auf das ich mich nicht einlassen werde, und er übrigens ein sehr gescheiter Mensch ist, so habe ich mich die paar Abendstunden gut mit ihm unterhalten.« Hegel dagegen schrieb in rührender Ahnunglosigkeit seiner Frau: »Gestern Abend habe ich ein Zusammentreffen mit einem alten Bekannten – mit Schelling – gehabt. Wir sind beide darüber erfreut und als alte cordate Freunde zusammen.« Fürwahr, ein niedlicher Witz, den sich der Zufall erlaubte, als er diese beiden Antipoden noch einmal zusammenführte! Der Vorwurf, den Schelling immer wieder gegen Hegel schleuderte, war bekanntlich der des Plagiats, eine Anschuldigung, die Schelling nie wohl strikt hätte beweisen können. Nicht mit Unrecht machte sich Heine über diese in der Tat seltsame Grille lustig: »Wie ein Schuster über einen andern Schuster spricht, den er beschuldigt, er habe sein Leder gestohlen und Stiefel daraus gemacht, so hörte ich Herrn Schelling über Hegel sprechen, über Hegel, welcher ihm »seine Ideen genommen«, und »meine Ideen sind es, die er genommen« und wieder »meine Ideen« war der beständige Refrain des armen Mannes. Wahrlich, sprach der Schuster Jakob Böhme einst wie ein Philosoph, so spricht der Philosoph Schelling jetzt wie ein Schuster.« Etwas anders urteilte Hebbel, der in sein Tagebuch notierte: »Schelling und Hegel: wenn das Pferd den Hund beschuldigt, er habe ihm den Hafer gestohlen, und sei nur davon fett geworden, so soll man den Hund billig freisprechen.«

Die so verheißungsvoll begonnene neue Münchener Ära sollte nicht allzulange dauern; bereits kriselte es in ganz Europa und dem guten Ludwig Augustus begann für sein Königtum von Gottes Gnaden auf romantisch-deutscher Grundlage bange zu werden. Die fluchtartige Abdankung Karls X. in Frankreich war den politischen Zeichendeutern Omen genug; nur im engsten Anschluß an die »staatserhaltenden« Kräfte schien Heil und Rettung zu liegen. Hatte man das erst erkannt, so begann auch schon wieder das halb klerikale, halb bureaukratische System der Bevormundungen kleinlichsten Stils einzusetzen; den protestantischen Soldaten wurde die Kniebeugung vor dem Allerheiligsten befohlen usw., kurz, alles Maßnahmen, die einem Schelling so unsympathisch wie möglich sein mußten. »Alles, was um mich geschieht, trägt dazu bei, mir den Abschied von München und den wissenschaftlichen Anstalten Bayerns zu erleichtern und sogar erwünscht zu machen,« schrieb er schon 1834. Sein Entschluß, Bayern zu verlassen, stand um so fester, als sich jetzt im Norden eine glänzende Aussicht öffnete. Seit 1831 war Hegels Lehrstuhl unbesetzt. Daß man schließlich an die Stelle des »königlich preußischen Staatsphilosophen«, der doch zu Lebzeiten gerade in dem reaktionären Preußen unumschränktes Ansehen genoß, seinen entschiedensten Gegner berief, ist sehr begreiflich, wenn man bedenkt, daß im Jahre der Berufung Strauß' Dogmatik, Feuerbachs Wesen des Christentums, Bruno Bauers Kritik der Synoptiker erschienen, alles Werke, die auf Hegelscher Methode fußten. Nun erkannte man den Revers des Systems, das das Wirkliche als vernünftig und das Vernünftige als wirklich gepriesen hatte, und ging daran, »die Drachensaat des Hegelschen Pantheismus auszurotten«, wie Friedrich Wilhelms IV. berühmtes Wort lautete.

Ich habe oben schon die Worte angeführt, die Schelling als den von Gott Erwählten und zum Lehrer der Zeit berufenen Philosophen nach Berlin riefen. Er kam; und wieder feierte er wie einst in Erlangen und München einen Triumph seiner Sprachgewalt, seiner überragenden Persönlichkeit vor einem auserwählten Auditorium. Der größte Saal reichte kaum hin, die Zuhörer zu fassen. Der ersten Vorlesung folgten wiederum die Vorträge über Mythologie und Offenbarung, und eine Zeitlang schien es, als seien auch die alten Gegner durch den allgemeinen Beifall betäubt. Aber es schien nur so; ein friedlicher Lebensabend war Schelling nicht beschert.

Die Schrift des Erlanger Professors Kapp zwar, der einst von Schelling moralisch hinausgeworfen worden war und der sich jetzt durch eine geradezu tollwütige Schimpfschrift rächen wollte, war freilich mehr komisch als kränkend. Bald aber erschienen andere auf dem Plan, die es besser verstanden, den richtigen Ton zu treffen. Ich übergehe die nicht geringe Anzahl von Streitschriften und wende mich hier nur noch zu der letzten Tat des letzten Aufklärers, des alten H. E. Paulus in Heidelberg. »Der bekannte Satanas und Erbfeind seiner Philosophie« hatte schon früher eine Spottschrift unter dem Titel »Entdeckungen über Entdeckungen unserer neuesten Philosophen, ein Panorama in fünfthalb Akten mit einem Nachspiel von Magis Amica Veritas« herausgegeben. Nun hoffte er, Schelling, in dem er nur einen großsprecherischen Charlatan sah, endgültig fassen zu können, und ließ darum das Kolleg über Philosophie der Offenbarung auf seine Kosten nachschreiben. Das so gewonnene Manuskript ließ er unter einem endlosen Titel mit endlosem Vor- und Nachwort und nicht weniger langweiligen Zwischenbemerkungen in einem Darmstädter Verlag erscheinen. Schelling beantwortete den infamen Streich mit einer Klage wegen Nachdrucks, und als die schon verhängte Beschlagnahme des Werkes doch wieder aufgehoben wurde, stellte er für immer seine Vorlesungen ein.

So schloß denn Schellings äußeres Wirken mit einem Mißklang. Als Einundsiebzigjähriger mußte er noch die heftigsten Fehden ausfechten, und konnte sich nicht mit dem Bewußtsein zur Ruhe niederlegen, seine Zeit nach seinem Sinne gebildet zu haben. Hegel bedeutet eine Epoche, Schelling eine individuelle Entwicklung. Er starb am 20. August 1854 in Ragaz.

* * *

Schellings System war eine individuelle Entwicklung; mit diesen Worten ist vielleicht kurz und klar seine Methode und seine Stellung in der Geschichte der Philosophie bezeichnet. Eben daraus geht auch klar hervor, daß sich an seinen Namen keine Schule heften konnte. Seine Philosophie stand und fiel mit ihm; sie war das beständige, nie abgeschlossene, nie vollendete Ringen eines nach Einheit strebenden Geistes mit der Fülle der Einzelwissenschaften, die ewig unbefriedigte Universaltendenz, die dem Stoff die Gedanken einzubilden suchte. So begreifen wir auch, warum Feuerbach, Strauß und die andern ihm feindlich gegenüberstanden: ihr Streben war eben gerade nicht Synthese, sondern Spaltung, Kritik; sie waren nicht zuletzt die Vorboten des modernen Empirismus, der vollends für Schelling nur noch ein verächtliches Lächeln hatte. Es ist noch gar nicht so lange her, da war Naturphilosophie das verpönteste Wort für den Naturforscher. Und heute? Oswald, Mach, Reinke, Driesch, meinetwegen auch Haeckel – so viele Namen, so viele Systeme! Man glaubte mit Schelling und dem noch viel verpönteren Oken die Naturphilosophie begraben zu haben, und gerade in den Reihen der ehemaligen Feinde hat sie heute ihre mächtigsten Vertreter. Man ist zu ihr zurückgekehrt, wie man auch in jüngster Zeit wieder zu Schelling zurückkehrt.

Seit aus den Reihen der Lange, Liebmann und anderer in den siebziger Jahren der Ruf erscholl »Zurück zu Kant«, ist das »zurück« in der philosophischen Literatur Mode geworden. Das ist gewiß nicht zu tadeln, wenn man bedenkt, daß »zurück« in diesem Sinne stets ein »vorwärts« bedeutet. Die Geschichte der Einzelwissenschaften mag eine Geschichte der Irrtümer sein, in der Geschichte der Philosophie aber, wie wir sie heute nach Hegels Vorbild betrachten, offenbart sich die Vernunft in der Spiegelung großer Persönlichkeiten. Philosophie ist im Grunde Tendenz – »Liebe zur Weisheit« – und nicht System, darum ist auch die Rückkehr zu diesem oder jenem Denker wohl verträglich mit kritischer Beurteilung im einzelnen. Schellings Universaltendenz aber – man tut gut, dieses Novaliswort recht festzuhalten – hat einer Zeit, die von der Geschichte zur Philosophie kommt, die eine philosophische Durchdringung des Weltbildes sucht, wahrlich genug zu geben.

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