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Worin besteht mein Glaube?

Lew Tolstoi: Worin besteht mein Glaube? - Kapitel 6
Quellenangabe
authorLeo Tolstoi
titleWorin besteht mein Glaube?
publisherVerlag von Duncker & Humblot
year1885
translatorSophie Behr
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170422
projectidb18951bd
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IV.

[Christi Lehre von den Gläubigen als unerreichbares Ideal, als Wahn von den Ungläubigen aufgefasst.]

 

Ich begriff jetzt was Christus sagt, wenn er spricht: ihr habt gehöret, dass da gesagt ist: Aug' um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: widerstrebet nicht dem Uebel, sondern ertraget es. – Christus sagt: es ist euch eingeprägt und ihr seid gewohnt das für gut und vernünftig anzuerkennen, dass man sich mit Gewalt gegen das Uebel wehre und Aug' um Auge ausreisse, dass man Kriminalgerichte, Polizei und Armeen einsetze um sich gegen den Feind zu schützen. Ich aber sage euch: brauchet keine Gewalt, nehmet nicht theil an Gewaltthaten, thut niemandem Böses, selbst denen nicht, die ihr eure Feinde nennt.

Ich begriff jetzt, dass Christus im Gesetze des Nichtwiderstrebens dem Uebel nicht nur darüber spricht was für jeden unmittelbar aus dem Nichtwiderstreben dem Uebel entstehen würde, sondern dass er, im Gegensatz zu jenem Gesetze, welchem sich, nach Moses und nach dem römischen Rechte, das Volk zu seiner Zeit unterwarf und nach welchem, verschiedenen Gesetzbüchern nach, auch jetzt die Menschheit lebt, den Grundsatz des Nichtwiderstrebens dem Uebel aufstellt, einen Grundsatz, der, seiner Lehre nach, die Basis des Lebens der Menschen miteinander sein und die Menschheit von dem Uebel befreien soll, das sie sich selbst bereitet. Er sagt: ihr glaubt dass eure Gesetze das Uebel verbessern; sie aber vergrössern es blos. Es giebt nur einen Weg das Uebel zu verhindern, – das ist: Böses mit Gutem zu vergelten, Gutes zu thun allen, ohne jeglichen Unterschied. Ihr habt tausende von Jahren nach jenem Gesetze zu leben versucht, – versuchet nun das meinige, das entgegengesetzte zu befolgen.

Es ist merkwürdig! In der letzten Zeit habe ich oft Gelegenheit gehabt mit den verschiedenartigsten Menschen über dieses Gesetz Christi von dem Nichtwiderstreben dem Uebel zu sprechen. Und wenn auch selten, so habe ich dennoch Leute gefunden, die mit mir übereinstimmten. Zwei Arten Leute aber sind es, welche selbst nicht im Prinzip eine einfache, gerade Auffassung dieses Gesetzes zugeben und die Gerechtigkeit des Widerstrebens dem Uebel lebhaft vertheidigen. Das sind jene Leute der zwei äussersten Pole: die patriotisch-konservativen Christen, die ihre Kirche als die einzig wahre ansehen, und die revolutionären Atheisten. Weder die einen noch die andern wollen dem Rechte entsagen mit Gewalt dem zu widerstreben, was sie für das Uebel halten. Und selbst die klügsten und gelehrtesten unter ihnen wollen durchaus nicht jene einfache, augenscheinliche Wahrheit einsehen, dass, sobald man zugiebt, ein Mensch dürfe sich mit Gewalt dem widersetzen, was er für ein Uebel ansieht, ein anderer gleichfalls sich mit Gewalt dem widersetzen darf, was er seinerseits für ein Uebel hält. Unlängst hatte ich einen in dieser Hinsicht belehrenden Briefwechsel zwischen einem orthodoxen Slavophilen und einem christlichen Revolutionär in Händen. Der eine vertheidigt die Gewaltthätigkeit des Krieges im Namen der unterdrückten Brüder, der Slaven, der andere die Gewaltthätigkeit der Revolution im Namen der unterdrückten Brüder, der russischen Bauern. Beide verlangen Gewaltthaten und beide stützen sich auf die Lehre Christi.

Alle fassen die Lehre Christi im verschiedenartigsten Sinne auf, nur nicht in dem geraden, einfachen Sinne, der unverkennbar seinen Worten entströmt

Wir haben unser ganzes Leben auf den Grundsätzen erbaut, die er verwirft, wir wollen seine Lehre nicht in ihrem einfachen, geraden Sinne verstehen und behaupten vor uns und vor den andern, entweder, dass wir uns zu seiner Lehre bekennen, oder dass diese seine Lehre für uns nicht taugt. Die sogenannten »Gläubigen« glauben, dass Gott-Christus, die zweite Person der Dreieinigkeit, zur Erde niedergestiegen ist um den Menschen ein Beispiel des Lebens zu geben, und erfüllen die komplizirtesten Handlungen, die zur Innehaltung der heiligen Sakramente, zur Errichtung von Kirchen, zur Sendung von Missionären, Einsetzung der Priester, Seelsorge der Gemeinde und Verbesserung des Glaubens erforderlich sind, – nur vergessen sie bei alledem einen geringen Umstand, sie vergessen das zu thun, was er gesagt hat. Die Nichtgläubigen dagegen versuchen auf allerhand Weise ihr Leben einzurichten, aber nicht nach dem Gesetze Christi, indem sie die Untauglichkeit desselben voraussetzen. Das aber zu thun, was er sagt, das will niemand versuchen. Abgesehen davon: bevor sie überhaupt versuchen danach zu handeln, nehmen die Gläubigen sowohl wie die Nichtgläubigen im voraus als entschieden an, dass solches unmöglich ist.

Christus sagt einfach und klar: jenes Gesetz des Widerstrebens dem Uebel mit Gewalt, das ihr als Grundsatz eures Lebens aufstellt, ist falsch und unnatürlich; und er giebt ein anderes Gesetz des Nichtwiderstrebens dem Uebel, welches seiner Lehre nach allein die Menschheit vom Uebel befreien kann. Er sagt: ihr glaubt, dass eure Gesetze der Gewalttätigkeit das Uebel vermindern: nein, sie vergrössern es. Ihr habt tausende von Jahren euch bemüht das Uebel durch das Uebel zu vernichten und habt es nicht vernichtet, sondern ihr habt es vergrößert. Thuet das was ich sage und thue und ihr werdet erkennen ob das wahr ist. – Und er sagt es nicht blos, sondern er erfüllt durch sein ganzes Leben und durch seinen Tod seine Lehre über das Nichtwiderstreben dem Uebel.

Die »Gläubigen« hören das alles an, lesen es; man liest es auch in den Kirchen und nennt es göttliche Worte; man nennt ihn Gott, sagt aber: das alles ist sehr schön, bei unseren Lebenseinrichtungen aber ist es unmöglich auszuführen; es würde unser ganzes Leben zerstören, wir aber sind an dasselbe gewöhnt und lieben es. Und deshalb glauben wir an alles das nur in dem Sinne, dass es ein Ideal ist, nach welchem die Menschheit streben soll, – ein Ideal, welches durch das Gebet und durch den Glauben an die Sakramente, an die Erlösung und die Auferstehung von den Todten erreicht wird. Die andern hingegen, die »Nichtgläubigen«, die freien Erläuterer der Lehre Christi, die Historiker der Religionen – Strauss, Renan u. a. – nachdem sie sich die kirchliche Erläuterung dessen vollständig zu eigen gemacht, dass die Lehre Christi gar keine direkte Anwendung auf das Leben hat, sondern eine schwärmerische Lehre ist, die schwachsinnigen Menschen zum Troste gereicht, sagen mit dem grössten Ernste, dass die Lehre Christi allerdings gut war um den wilden Bewohnern der Einöden von Galiläa gepredigt zu werden, uns aber erscheine sie, bei unserer Kultur, nur als ein lieblicher Wahn des »charmant docteur«, wie Renan sagt. Ihrer Meinung nach konnte Christus sich nicht zu der Höhe des Verständnisses all' der Weisheit unserer Zivilisation und Kultur emporschwingen. Stände er auf derselben hohen Stufe der Bildung, wie diese Gelehrten, so spräche er nicht jene lieblichen, unnützen Dinge über die Vögel des Himmels, über das Hinhalten des Backens und die Sorge blos um den heutigen Tag. Die gelehrten Historiker urtheilen über das Christenthum nach dem Christenthum, das sie in unserer Gesellschaft sehen. Nach dem Christenthum aber unserer Gesellschaft und unserer Zeit wird unser Leben mit seinen Einrichtungen, als da sind: Gefängnisse, Einzelhaft, Alkazare, Fabriken, Zeitungen, Bordelle und Parlamente, – als das wahre und heilige anerkannt und aus der Lehre Christi wird nur das genommen, was dieses Leben nicht stört. Da nun aber die Lehre Christi dieses ganze Leben verwirft, so wird aus der Lehre Christi nichts genommen als Worte. Die gelehrten Historiker sehen dies, und da sie nicht genöthigt sind es zu verheimlichen, wie die Scheingläubigen es thun, so unterwerfen sie gerade diese, jeglichen Inhalts baare Lehre Christi einer scharfsinnigen Kritik, verwerfen sie und bringen höchst wohlbegründete Beweise dafür an, dass das Christenthum nie etwas anderes gewesen ist als eine schwärmerische Idee.

Man sollte annehmen, dass es nothwendig wäre, bevor man die Lehre Christi beurtheilt, zu verstehen worin diese Lehre besteht. Und um zu entscheiden ob diese Lehre vernünftig sei oder nicht, müsste man zu allererst anerkennen, dass Christus das, was er gesagt hat, wirklich gesagt hat. Dieses aber thun wir eben nicht: die kirchlichen ebensowenig wie die freidenkenden Erläuterer. Und wir wissen sehr gut weshalb wir das nicht thun.

Wir wissen sehr wohl, dass die Lehre Christi immer wie auch jetzt jene menschlichen Irrthümer in ihre Verwerfung mit einbegriffen hat, jene »tohu«, jene Götzen, die wir unter dem Namen der Kirche, des Staates, der Kultur, der Wissenschaft, der Kunst, der Zivilisation aus der Reihe der Irrthümer zu retten vermeinen. Christus aber spricht gerade gegen diese, indem er gar keine »tohu« ausschliesst.

Nicht nur Christus, sondern auch alle hebräischen Propheten, Johannes der Täufer, alle wahren Weisen der Welt sprechen gerade über dieselbe Kirche, über denselben Staat, über dieselbe Kultur und dieselbe Zivilisation und nennen sie das Uebel und das Verderben der Menschen.

Nehmen wir an: der Baumeister sagt zum Hausbesitzer, Ihr Haus ist schlecht, Sie müssen es vollständig umbauen. Und dann wird er über die Einzelheiten sprechen, was für Balken dazu nothwendig sind, wie sie behauen und wohin sie gelegt werden müssen. Der Hausbesitzer wird die Erklärung, dass das Haus schlecht sei und umgebaut werden müsse, überhören und wird mit erheuchelter Achtung den Worten des Baumeisters über die weiteren Anordnungen und Einrichtungen im Hause lauschen. Augenscheinlich werden alle Rathschläge des Baumeisters untauglich erscheinen und der den Baumeister Missachtende wird diese Rathschläge geradezu einfältig nennen. Genau dasselbe geschieht in Beziehung auf die Lehre Christi.

Da ich keinen besseren Vergleich fand, habe ich diesen angewendet und erinnere dabei noch, dass Christus beim Predigen seiner Lehre eben denselben Vergleich aufgestellt hat. Er hat gesagt: ich werde euren Tempel zerstören und in drei Tagen einen neuen Tempel aufbauen. Und dafür ward er gekreuzigt. Und dafür kreuzigt man jetzt seine Lehre.

Das Geringste was man von Menschen verlangen kann, die irgend jemandes Lehre beurtheilen, ist, dass sie diese Lehre so verstehen, wie der Verkündiger derselben sie selbst aufgefasst hat. Und Christus fasste seine Lehre nicht als irgend ein entferntes Ideal der Menschheit auf, das zu erreichen eine Unmöglichkeit wäre, nicht als schwärmerische, poetische Phantasie, mit der er die einfältigen Einwohner von Galiläi bezaubern wollte, nein, er fasste seine Lehre auf als ein Werk, das die Menschheit erlöst, und er schwärmte nicht am Kreuze, sondern er schrie und starb für seine Lehre. Und so starben und sterben noch heute viele Menschen. Eine solche Lehre kann man nicht einen »Wahn« nennen.

Jede Lehre der Wahrheit ist ein Trugbild für den Verirrten. Wir sind dahin gelangt, dass es viele Menschen giebt (auch ich gehöre zu ihnen), die da sagen, diese Lehre sei eine schwärmerische, weil sie der menschlichen Natur nicht entspreche. Es ist, sagen sie, dem Menschen nicht eigen den andern Backen zu bieten, wenn man ihn auf den einen geschlagen hat; es ist ihm nicht eigen sein Eigenthum an Fremde wegzugeben; es ist ihm nicht eigen für andere und nicht für sich zu arbeiten. Es ist dem Menschen eigen, sagen sie, sich zu vertheidigen, die Sicherheit seiner Person und seiner Familie und sein Eigenthum zu schützen; mit andern Worten: es ist dem Menschen eigen für sein Dasein zu kämpfen. Der gelehrte Jurist beweist rechtskundig, dass die heiligste Pflicht des Menschen die Vertheidigung seines Rechtes ist, folglich der Kampf.

Jedoch man braucht sich nur auf einen Moment von dem Gedanken loszusagen, dass die bestehende, von den Menschen getroffene Einrichtung die allerbeste, die heiligste Einrichtung des Lebens sei, – und sofort kehrt sich der Ausspruch dessen, dass die Lehre Christi der menschlichen Natur nicht entspreche, gegen diejenigen, die solchen Ausspruch thun. Wer wird darüber streiten, dass nicht nur das Quälen und Tödten eines Hundes, eines Huhnes oder Kalbes der menschlichen Natur zuwider und qualvoll ist? (Ich kenne Leute, die von der Landwirthschaft leben und aufgehört haben Fleisch zu essen, weil sie gezwungen waren ihr Vieh selbst zu schlachten.) Und bei alledem ist unsere ganze Lebenseinrichtung eine derartige, dass jedes persönliche Glück eines Menschen durch das Leiden anderer Menschen erkauft wird, was doch der menschlichen Natur entgegen ist. Die ganze Einrichtung unseres Lebens, der ganze komplizirte Mechanismus unserer Einrichtungen, welche die Gewaltthätigkeit zum Zweck haben, zeugt davon, bis zu welchem Grade die Gewaltthätigkeit der menschlichen Natur zuwider ist. Kein Richter wird sich dazu entschliessen denjenigen, den er seinem Rechte nach, zum Tode verurtheilt hat, selbst mit dem Stricke zu erdrosseln. Kein Vorgesetzter wird sich entschliessen den Bauer seiner weinenden Familie zu entreissen und ihn ins Gefängniss zu sperren. Kein General oder Soldat wird ohne Disziplin, ohne Eid und Krieg hunderte von Türken, Franzosen oder Deutschen tödten und ihre Dörfer zerstören, ja sich auch nur entschliessen einen einzigen Menschen zu verwunden. Alles dies geschieht nur dank jener komplizirten Gesellschafts- und Staatsmaschine, deren Aufgabe darin besteht die Verantwortlichkeit der zu vollführenden Missethaten derart zu zersplittern, dass niemand die Widernatürlichkeit dieser Handlungen empfinde. Die einen schreiben die Gesetze, die andern wenden sie an, die dritten richten die Leute ab, indem sie ihnen die Gewohnheiten der Disziplin, d. h. der sinnlosen, stummen Unterwerfung, anerziehen, die vierten – eben diese abgerichteten Leute – begehen allerhand Gewalttaten, tödten sogar Menschen, ohne zu wissen warum und wozu. – Es braucht aber der Mensch nur auf einen Augenblick sich in Gedanken von diesem Netze weltlicher Einrichtungen, in dem er verwickelt, zu befreien, um zu erkennen was gegen seine Natur ist.

Wollen wir einfach die Behauptung aufheben, das gewohnte Uebel, das uns zu nutze kommt, sei eine unumstößliche göttliche Wahrheit, so wird uns sofort klar, was dem Menschen eigen ist: die Gewaltthätigkeit oder das Gesetz Christi?

Wissen, dass die Ruhe und Sicherheit meiner selbst und meiner Familie, dass alle meine Freuden und Vergnügungen erkauft werden durch Armuth, durch Verkommenheit und Leiden von Millionen – durch alljährliche Henkungen, Hunderttausende unglücklicher Gefangener, durch Millionen der Familie entrissener und durch Disziplin verdummter Soldaten und Polizisten, die meine Belustigungen mit ihren auf den Hungernden gerichteten Pistolen beschützen; jeden süssen Bissen, den ich mir oder meinen Kindern in den Mund lege, durch alle jene Leiden der Menschheit erkaufen, die zur Erlangung dieser süssen Bissen nothwendig sind: oder wissen, dass, welcher Bissen es auch sei, er nur dann der meinige ist, wenn ihn niemand braucht und niemand um seinetwillen leidet. – Man braucht nur einmal zu begreifen, dass es so ist, dass jede meiner Freuden, jeder Augenblick der Ruhe bei unserer Lebenseinrichtung durch Entbehrungen und Leiden Tausender, die mit Gewalt niedergehalten werden, erkauft wird; man braucht dies nur einmal zu begreifen um inne zu werden, was der ganzen menschlichen Natur eigen ist, d. h. nicht allein der thierischen, sondern auch der vernünftigen, sittlichen Natur des Menschen; man braucht nur Christi Gesetz in seiner ganzen Bedeutung, mit allen seinen Folgen zu verstehen um zu begreifen, dass nicht nur die Lehre Christi der menschlichen Natur nicht entgegen ist, sondern dass diese Lehre gerade darin besteht, die der menschlichen Natur zuwiderlaufende, trügerische Lehre der Menschen über das Widerstreben dem Uebel, das unser Leben zu einem unglücklichen macht, zu verwerfen.

Christi Lehre über das Nichtwiderstreben dem Uebel – ein Wahn! – Das aber, dass das Leben der Menschen, in deren Seele Mitleid und Liebe zu einander gelegt ist, bestand und besteht: für die einen in Errichtung von Scheiterhaufen, in Peitschenhieben, Rädern, Spiessruthenlaufen, Aufreissen der Nasenlöcher, Foltern, Ketten, Galeeren, Galgen, Erschiessungen, Zuchthäusern für Frauen und Kinder, in Kriegen, in denen tausende von Menschen hingeschlachtet werden, in periodischen Revolutionen mit all' ihren Sehrecknissen; – für die andern in der Ausführung all' dieser Gräuelthaten und für die dritten darin solche Leiden zu verhindern und dieselben zu rächen – ein solches Leben ist kein Wahn!

Es genügt Christi Lehre zu begreifen um zu erkennen, dass die Welt, nicht die Welt, die Gott dem Menschen zur Freude gegeben, sondern jene Welt, wie sie der Mensch zu seinem eignen Verderben geschaffen, ein Wahn ist und zwar der unsinnigste, der schrecklichste Wahn, der Traum eines Verrückten, aus dem man nur einmal zu erwachen braucht um nie wieder seinen Schrecken zu verfallen.

Gott ist zur Erde niedergestiegen, Gottes Sohn – die eine Person der heiligen Dreieinigkeit – ist zum Menschen geworden, hat Adams Sünde gebüsst; dieser Gott, so lehrte man uns denken, musste etwas geheimnissvoll-mystisches sagen, etwas, was schwer zu verstehen ist, was nur mit Hilfe des Glaubens und der Gnade zu verstehen möglich, und plötzlich sind die Worte Gottes so einfach, so klar, so verständlich. Gott sagt einfach: thuet nichts Böses einer dem andern, so wird kein Böses in der Welt sein. Ist wirklich Gottes Offenbarung so einfach? Hat Gott wirklich nur das gesagt? Uns scheint als wüssten wir das alle. Es ist so einfach.

Der Prophet Elias, als er die Menschen floh, verbarg sich in einer Höhle und es ward ihm offenbart, dass Gott ihm am Eingange der Höhle erscheinen würde. Es entstand ein Sturm, Bäume brachen. Elias glaubte, das sei Gott, und blickte hin, aber Gott war nicht da. Dann brach ein Gewitter herein, schrecklich waren Donner und Blitz; Elias ging hin um hinauszuschauen, ob Gott nicht da wäre, aber Gott war nicht da. Darauf entstand ein Erdbeben, Feuer entströmte der Erde, Felsen krachten, Berge stürzten ein; Elias sah hinaus, aber Gott war nicht da. Danach ward es still und ein leichter Wind strich über die erfrischten Fluren. Elias blickte hinaus: und Gott war da. – So sind auch diese einfachen Worte Gottes: widerstrebet nicht dem Uebel. Sie sind sehr einfach, in ihnen aber ruht das Gesetz Gottes und der Menschen, das einzige und ewige.

Dieses Gesetz ist in solchem Grade ewig, dass, wenn auch in der Geschichte ein Fortschritt sichtbar ist zur Verhütung des Uebels, er doch nur stattgefunden hat dank jenen, die Christi Lehre so aufgefasst, das Uebel ertragen und sich ihm nicht mit Gewalt widersetzt haben. Das Vorwärtsschreiten der Menschen zum Guten wird nicht durch die Marternden bewirkt, sondern durch die Gemarterten. Gleichwie Feuer nicht Feuer löscht, so kann Böses nicht Böses ersticken. Nur das Gute, wenn es auf das Böse stösst und von diesem nicht angesteckt wird, besiegt das Böse. Dieses ist in der Seelenwelt des Menschen ein ebenso unwandelbares Gesetz, wie das Gesetz Galileis, nur noch unumstösslicher, noch klarer und vollkommener. Die Menschen können von ihm abweichen, es vor andern verbergen, dennoch aber kann die Bewegung der Menschheit zum Heile nur auf diesem Wege erreicht werden. Jeder Schritt vorwärts ist nur im Namen des Nichtwiderstrebens dem Uebel geschehen. Und ein Schüler Christi kann mit grösserer Sicherheit als Galilei angesichts aller möglichen Lockungen und Drohungen behaupten: »Und dennoch, nicht durch Gewalt, nur durch das Gute werdet ihr das Böse vernichten.« Und wenn diese Bewegung eine langsame ist, so ist es nur, weil die Klarheit, die Einfachheit, die Verständigkeit, die Unvermeidlichkeit und Verpflichtung der Lehre Christi den meisten Menschen verborgen wird, verborgen auf die schlaueste und gefährlichste Weise, unter einer fremden Lehre, die irrtümlich mit dem Namen der Lehre Christi bezeichnet wird.

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