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Worin besteht mein Glaube?

Lew Tolstoi: Worin besteht mein Glaube? - Kapitel 2
Quellenangabe
authorLeo Tolstoi
titleWorin besteht mein Glaube?
publisherVerlag von Duncker & Humblot
year1885
translatorSophie Behr
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170422
projectidb18951bd
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[Einführung]

Ich habe 55 Jahre in der Welt gelebt, und von diesen habe ich, mit Ausnahme der ersten 14–15 Jugendjahre, 35 Jahre als Nihilist gelebt und zwar in der wahren Bedeutung des Wortes, d. h. nicht als Sozialist und Revolutionär, wie dieses Wort gewöhnlich verstanden wird, sondern als Nihilist in dem Sinne einer vollständigen Abwesenheit jeglichen Glaubens.

Vor 5 Jahren kam mir der Glaube an die Lehre Christi – und mein Leben ward plötzlich ein anderes: ich wünschte nicht mehr, was ich bisher gewünscht, und was ich bisher nicht gewünscht, das wünschte ich jetzt. Was ich früher für gut gehalten, erschien mir schlecht, und was ich früher für schlecht gehalten, erschien mir gut. Es ging mir wie einem Menschen, der ausgeht um eine wichtige Sache zu erledigen und plötzlich unterwegs zu der Ueberzeugung kommt, die Sache sei ganz unnütz, und – umkehrt. Und alles, was rechts war – ward links, und alles, was links war – ward rechts. Das frühere Verlangen möglichst fern vom Hause zu sein ward zum Wunsche ihm möglichst nahe zu bleiben. Die Richtung meines Lebens, meine Wünsche wurden andere, und das Böse und das Gute wechselten ihre Plätze. Alles dies geschah, weil ich Christi Lehre anders verstand, als ich sie bisher aufgefasst hatte.

Nicht erläutern will ich Christi Lehre: ich will nur erzählen, wie ich das, was in ihr einfach, klar, verständlich, unzweifelhaft und an alle Menschen gerichtet ist, verstanden habe, und wie das, was ich verstanden, meine Seele umgewandelt und mir Ruhe und Glück gegeben hat.

Nicht erläutern will ich Christi Lehre. Eins aber möchte ich: die Erläuterung derselben verbieten.

Alle christlichen Kirchen haben stets anerkannt, dass alle Menschen, die unter einander ungleich an Gelehrsamkeit und Verstand – kluge und dumme – vor Gott gleich sind; dass Gottes Wahrheit allen zugänglich ist. Christus hat sogar gesagt, es läge in Gottes Willen, dass den Einfaltigen das offenbart werde, was den Verständigen verborgen bleibt.

Nicht alle können in die tiefsten Geheimnisse der Dogmatik, Homiletik, Patristik, Liturgik, Hermeneutik, Apologetik u. a. eingeweiht sein; alle aber können und müssen das verstehn, was Christus allen Millionen einfacher, unbedeutender, jetzt und einst lebender Menschen gesagt hat. Das alles also, was Christus allen diesen einfachen Leuten gesagt hat, denen noch nicht die Möglichkeit geboten war sich nach Erläuterungen seiner Lehre an Paulus, Clemens, Johannes Chrysostomus zu wenden, dasselbe hatte ich bisher nicht verstanden, jetzt aber verstehe ich es, und das ist es, was ich allen mittheilen will.

Der Räuber am Kreuze glaubte an Christus und ward erlöst. Wäre es wirklich schlecht und für irgend jemand schädlich gewesen, wenn der Missethäter nicht am Kreuze gestorben, sondern herabgestiegen wäre und den Menschen erzählt hätte, auf welche Weise er zu dem Glauben an Christus gelangt sei?

Auch ich habe, gleich dem Räuber am Kreuze, an Christi Lehre geglaubt und bin gleich ihm gerettet worden.

Und dieser Vergleich liegt nicht fern; er ist im Gegentheil der am nächsten liegende Ausdruck jenes Seelenzustandes der Verzweiflung und des Grauens vor dem Leben und vor dem Tode, in dem ich mich einst befand, und des Zustandes der Ruhe und des Glückes, in dem ich mich jetzt befinde.

Wie jener Missethäter, so war auch ich mir bewusst, dass ich schlecht gelebt und noch schlecht lebte, und ich sah, dass die Mehrzahl der Menschen um mich her ebenso lebte. Wie jener Räuber wusste auch ich, dass ich unglücklich sei und leide, und dass die Menschen um mich her auch unglücklich seien und litten; und ich sah keinen andern Ausweg in meiner Lage als den Tod. Wie jener Räuber an das Kreuz, so war auch ich durch eine gewisse Macht angenagelt an dies Leben des Leidens und des Bösen. Und wie nach allen sinnlosen Qualen und nach allem Bösen dieses Lebens die entsetzliche Finsterniss des Todes jenes Räubers harrte, so harrte dieselbe auch meiner.

In alledem war ich dem Missethäter vollkommen gleich; der Unterschied jedoch zwischen ihm und mir bestand darin, dass er starb, ich aber noch lebte.

Der Missethäter konnte glauben, dass er dort, jenseits des Grabes, erlöst werde; ich aber konnte solches nicht glauben, da mir ausser dem Leben jenseits des Grabes noch das Leben hier bevorstand. Ich aber verstand dieses Leben nicht – mir graute davor. Da plötzlich vernahm ich das Wort Christi: ich begriff es, und Leben und Tod hörten auf mir als ein Böses zu erscheinen, und anstatt der Verzweiflung empfand ich die Freude und das Glück des Lebens, die der Tod nicht vernichten kann.

Könnte es wirklich jemand zum Schaden gereichen, wenn ich erzähle, wie solches in mir vor sich gegangen?

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