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Worin besteht mein Glaube?

Lew Tolstoi: Worin besteht mein Glaube? - Kapitel 11
Quellenangabe
authorLeo Tolstoi
titleWorin besteht mein Glaube?
publisherVerlag von Duncker & Humblot
year1885
translatorSophie Behr
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170422
projectidb18951bd
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IX.

[Der Glaube ohne Werke ist todt.
Der Glaube ist die zur Ueberzeugung gewordene Auffassung des Lebens, aus der unsere Handlungen entspringen.
Glauben an Christus ist Erkenntniss der Wahrheit.]

 

Erfüllten alle Menschen die Lehre Christi, so würde Gottes Reich auf Erden sein; erfülle ich sie allein, so thue ich das Beste für alle und für mich. Ohne die Erfüllung der Lehre Christi giebt es keine Rettung.

Wo aber soll man den Glauben hernehmen um sie zu erfüllen, um ihr stets zu folgen und sich nie von ihr loszusagen? »Ich glaube; Herr, hilf meinem Unglauben!«

Die Jünger baten Christus den Glauben in ihnen zu befestigen. »Ich will Gutes thun und thue Böses«, sagt der Apostel Paulus.

»Es ist schwer errettet zu werden«, so spricht und denkt man gewöhnlich. – Ein Mensch ist im Versinken und fleht um Rettung. Man reicht ihm ein Seil, das allein ihn retten kann, und der Ertrinkende spricht: befestige in mir den Glauben, dass dieses Seil mich retten wird. Ich glaube, sagt der Mensch, dass mich das Seil retten wird; helfet aber meinem Glauben.

Was bedeutet das? Wenn der Mensch nicht nach dem greift, was ihn rettet, so bedeutet das blos, dass der Mensch seine Lage nicht begreift.

Wie kann ein Christ, der sich zu Christi Gottheit und seiner Lehre bekennt, wie er sie auch auffassen mag, sagen, dass er glauben will und nicht kann? Gott selbst, als er zur Erde herniedergestiegen war, hat gesagt: euch stehen ewige Qualen bevor, Feuer und äusserste Finsterniss, und hier ist eure Rettung – in meiner Lehre und in der Erfüllung derselben. Es kann ein solcher Christ sich nicht des Glaubens an die gebotene Rettung und die Erfüllung derselben entschlagen und zugleich sprechen: »hilf meinem Unglauben«. Damit der Mensch das sagen kann, muss er nicht nur an seinen Untergang nicht glauben, sondern er muss glauben, dass er nicht untergehen wird.

Kinder sind vom Schiffe ins Wasser gesprungen. Noch werden sie von der Strömung, von den undurchnässten Kleidern und den sehwachen Bewegungen ihres Körpers gehalten und sie begreifen nicht ihren Untergang. Von oben, vom enteilenden Schiffe aus ist ihnen ein Seil zugeworfen worden. Man sagt ihnen, dass sie sicher untergehen werden; vom Schiffe aus fleht man sie an sich zu retten (die Gleichnisse von dem Weib, das einen Pfennig gefunden, von dem Hirten, der das verlorene Schaf wiederfindet, vom Abendmahl, vom verlorenen Sohn sprechen nur hiervon): die Kinder glauben aber nicht. Es ist nicht, dass sie an das Seil nicht glauben, sondern sie glauben nur nicht, dass sie untergehen werden. Eben solche leichtsinnige Kinder wie sie selbst haben ihnen versichert, dass sie immer, auch wenn das Schiff fort sein wird, nur fröhlich baden werden. Die Kinder glauben nicht, dass ihre Kleider bald durchnässt sein und die Aermchen sich bald müde geschwenkt haben werden; dass sie bald den Athem verlieren, sich verschlucken und auf den Grund sinken werden. Daran glauben sie nicht und deshalb glauben sie auch nicht an das Seil der Rettung.

Wie die vom Schiffe gefallenen Kinder überzeugt sind, dass sie nicht untergehen werden, und in Folge dessen nicht nach dem Seile greifen, so sind auch die Menschen, die sich zur Unsterblichkeit der Seele bekennen, überzeugt, dass sie nicht untergehen werden, und erfüllen deshalb nicht die Lehre Christi, Gottes. Sie glauben nur deshalb nicht an das, woran man nicht umhin kann zu glauben, weil sie an das glauben, woran man nicht glauben darf.

Nun aber rufen sie jemand an: bestärke in uns den Glauben daran, dass wir nicht untergehen werden!

Dies aber zu thun ist unmöglich. Damit sie den Glauben daran haben, dass sie nicht untergehen werden, müssen sie aufhören das zu thun, was sie zu Grunde richtet, und müssen beginnen das zu thun, was sie erretten wird: sie müssen nach dem Seile der Rettung greifen. Sie wollen das jedoch nicht thun, wollen sich hingegen davon überzeugen, dass sie nicht untergehen werden, trotzdem vor ihren Augen ihre Gefährten einer nach dem andern versinken. Und eben diesen thörichten Wunsch sich von dem zu überzeugen, was nicht ist, nennen sie den Glauben. Es ist begreiflich, dass sie immer zu wenig Glauben haben und immer mehr haben wollen.

Erst nachdem ich Christi Lehre begriffen hatte, begriff ich auch, dass das, was die Menschen Glauben nennen, kein Glaube ist und dass der Apostel Jakobus in seinem Briefe eben diesen falschen Glauben verwirft (2. Kap.): »Was hilft es, lieben Brüder, so jemand meint, er habe den Glauben, und hat doch die Werke nicht? Der Glaube kann ihn nicht selig machen (14). So aber ein Bruder oder Schwester bloss wäre und Mangel hätte der täglichen Nahrung (15); Und jemand unter euch spräche zu ihnen: Gott berathe euch, wärmet euch und sättiget euch; gäbet ihnen aber nicht, was des Leibes Nothdurft ist; was hülfe ihnen das (16)? Also auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, ist er todt an ihm selber (17). Aber es möchte jemand sagen: du hast den Glauben und ich habe die Werke; zeige mir deinen Glauben ohne deine Werke und ich will dir durch meine. Werke meinen Glauben zeigen (18). Du glaubest, dass ein einiger Gott ist: gut! die Teufel glauben es auch und zittern (19). Willst du aber wissen, du eitler Mensch, dass der Glaube ohne Werke todt sei (20)? Ist nicht Abraham, unser Vater, durch die Werke gerecht geworden, da er seinen Sohn Isaak auf dem Altare opferte (21)? Da siehest du, dass der Glaube mit gewirket hat an seinen Werken; und durch die Werke ist der Glaube entstanden (22). ... So sehet ihr nun, dass der Mensch durch die Werke gerecht wird, nicht durch den Glauben allein (24). ... Denn gleichwie der Leib ohne Geist todt ist, also auch der Glaube ohne Werke ist todt (26).«

Jakobus sagt, dass das einzige Kennzeichen des Glaubens die Werke sind, die aus ihm kommen, und dass deshalb der Glaube, aus dem keine Werke entstehen, Worten gleich ist, mit denen man ebensowenig jemand sättigen wie selig werden und erlöst werden kann. Darum ist der Glaube, aus dem keine Werke entstehen, kein Glaube. Er ist blos der Wunsch an etwas zu glauben, blos eine falsche Versicherung in Worten, dass ich an etwas glaube, woran ich in der That nicht glaube.

Der Glaube ist, dieser Definition nach, das was die Werke hervorbringt, und die Werke sind das was den Glauben vervollständigt, d. i. das was den Glauben zum Glauben macht.

Die Juden sprachen zu Christus (Joh. 6, 30): »Was thust du für ein Zeichen, auf dass wir sehen und glauben dir? Was wirkest du?«

Dasselbige sprachen sie zu ihm, als er am Kreuze war (Mark. 15,32): »So steige er nun vom Kreuz, dass wir sehen und glauben.«

Matth. 27, 42: »Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen! Ist er der König Israels, so steige er nun vom Kreuz, so wollen wir ihm glauben.«

Und auf ein derartiges Verlangen der Befestigung ihres Glaubens antwortet ihnen Christus, dass ihr Wunsch vergeblich sei und dass man sie durch nichts veranlassen könne an das zu glauben, woran sie nicht glauben. Luk. 22, 67: »Sage ich es euch, so glaubet ihr es nicht.« Joh. 10, 26: »Ihr glaubet nicht, denn ihr seid meine Schafe nicht, als ich euch gesagt habe.«

Die Juden verlangen dasselbe was die kirchlichen Christen verlangen, – irgend etwas derartiges, was sie auf äusserliche Weise zwingen würde an Christi Lehre zu glauben. Und er antwortet ihnen, dass dies Verlangen unerfüllbar sei, und erklärt ihnen weshalb. Er sagt, dass sie nicht glauben können, weil sie »seine Schafe nicht sind«, d. h. nicht jenen Lebensweg wandeln, den er seinen Schafen vorgeschrieben hat. Er erklärt (Joh. 5, 44), worin der Unterschied zwischen seinen Schafen und den andern besteht; er erklärt warum die einen glauben und die andern nicht glauben, und worauf der Glaube sich gründet. »Wie könnet ihr glauben,« spricht er, »die ihr die Lehre – δόξα Das Wort δόξα ist hier, wie an vielen andern Stellen, durchaus falsch übersetzt: δόξα von δοκέω bedeutet Meinung, Urtheil, Lehre.– von einander nehmet? Und die Lehre, die von Gott allein ist, suchet ihr nicht.«

Um zu glauben, sagt Christus, muss man die Lehre suchen, die von Gott allein ist. »Wer von ihm selbst redet, der sucht seine eigene Lehre (τὴν δόξα τὴν ἰδίαν), wer aber sucht die Lehre dess, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaftig und ist keine Ungerechtigkeit in ihm.« (Joh, 7, 18.)

Die Lehre über das Leben (δόξα) ist die Basis des Glaubens. « Alle Werke entstehen aus dem Glauben. Die Religionen aber haben alle ihren Ursprung in der δόξα, in jenem Sinne, den wir dem Leben zuschreiben. Der Werke kann es eine unzählige Menge geben; der Religionen giebt es auch viele; Lehren aber über das Leben (δόξαι) sind nur zwei: die eine davon verwirft Christus, die andere erkennt er an. Die Lehre, die Christus verwirft, besteht darin, dass das persönliche Leben etwas wirklich Existirendes und dem Menschen Angehörendes ist. Dies ist die Lehre, an welcher die Mehrzahl der Menschen festhielt und noch festhält und welcher alle die verschiedenartigen Religionen der Welt und die Handlungen der Menschen entspringen. Die andere Lehre ist die, die von allen Propheten und von Christus gepredigt worden ist, nämlich: dass unser persönliches Leben nur durch die Erfüllung des Willens Gottes Bedeutung erhält.

Wenn der Mensch sich zu jener δόξα bekennt, dass seine Persönlichkeit die Hauptsache ist, so wird er überzeugt sein, dass sein persönliches Heil das Wichtigste und Wünschenswertheste im Leben ist, und je nach dem worin er dieses Heil sehen wird – ob in Reichthum, Ruhm, Befriedigung der Wollust u. a. –, wird er auch den diesen Ansichten entsprechenden Glauben haben und alle seine Handlungen werden dem angemessen sein.

Wenn die δόξα des Menschen aber eine andere ist: wenn er das Leben derart auffasst, dass die Bedeutung desselben nur in der Erfüllung des Willens Gottes liegt, wie Abraham es aufgefasst und wie Christus es gelehrt, so wird dieser Mensch, je nach dem worin er den Willen Gottes sehen wird, auch einen entsprechenden Glauben haben und alle seine Handlungen werden in diesem Glauben ihren Ursprung haben.

Deshalb eben können diejenigen, die an die Glückseligkeit eines persönlichen Lebens glauben, nicht an die Lehre Christi glauben, und alle ihre Bemühungen an dieselbe zu glauben werden erfolglos bleiben. Um zu glauben, müssen sie ihre Ansicht vom Leben verändern. So lange sie aber diese nicht verändert haben, werden ihre Werke stets mit ihrem Glauben und nicht mit ihren Wünschen und Worten übereinstimmen.

Der Wunsch derjenigen an Christi Lehre zu glauben, die ihn um Zeichen baten, und der Wunsch unserer Gläubigen stimmt nicht mit ihrem Leben überein und kann es nicht, wie sehr sie sich auch darum bemühen mögen. Sie können zu Gott-Christus beten, sie können das Abendmahl nehmen, philanthropische Werke vollbringen, Kirchen bauen, andere bekehren; sie thun auch das alles: sie können aber nicht Werke Christi thun, weil diese Werke ihren Ursprung in einem Glauben haben, der in einer ganz anderen Lehre (δόξα) wurzelt, als die, zu der sie sich bekennen. Sie können nicht den einzigen Sohn zum Opfer bringen, wie Abraham es gethan hat, der sich nicht einmal zu besinnen brauchte, ob er seinen Sohn opfern sollte oder nicht, dem Gotte, der allein Sinn und Heil seinem Leben gab. Und ebenso konnten Christus und seine Jünger nicht umhin ihr Leben den andern zu geben, denn darin allein bestand der Sinn und das Heil ihres Lebens. Eben aus diesem Nichtverstehen des Wesens des Glaubens entspringt jener seltsame Wunsch, vermuthen zu können, dass es besser ist nach der Lehre Christi zu leben; indem sie, ihrem Glauben an das Glück des persönlichen Lebens nach, sich unwiderstehlich hingezogen fühlen, zuwider dieser Lehre zu leben, dabei aber doch an die Lehre Christi zu glauben.

Die Basis des Glaubens ist der Sinn des Lebens, aus welchem die Abschätzung dessen entspringt, was im Leben wichtig und gut ist, und dessen, was unwichtig und schlecht ist. Die Abschätzung aller Erscheinungen des Lebens ist der Glaube. Und gleichwie jetzt Menschen, die einen auf ihre eigne Lehre sich gründenden Glauben haben, diesen durchaus nicht in Einklang bringen können mit dem Glauben, der aus der Lehre Christi entspringt, ebenso konnten auch seine Jünger solches nicht thun. Dieses Missverständniss ist vielmal scharf und klar im Evangelium ausgesprochen. Die Jünger Christi baten ihn vielmal, ihren Glauben an das, was er sagte, zu befestigen. Matth. 19, 16–28 und Mark. 10, 35–45. In beiden Evangelien steht Folgendes. Nach dem, für jeden, der an ein persönliches Leben glaubt und sein Heil in dem Reichthum der Welt erblickt, schrecklichen Worte, dass der Reiche nicht ins Himmelreich kommen wird, und nach den für jene Menschen, die nur an ein persönliches Leben glauben, noch schrecklicheren Worten: dass, wer nicht alles und sein Leben lässt um der Lehre Christi willen, nicht gerettet werden kann – fragt Petrus: »Was aber wird mit uns sein, die wir dir gefolgt sind und alles verlassen haben?« – Nach Markus bitten darauf Jakobus und Johannes selbst, nach Matthäus bittet ihre Mutter, »ihnen also zu thun, dass sie sitzen zu seiner Rechten und zu seiner Linken, wenn er in der Herrlichkeit sein wird«. Sie bitten darum, dass er ihren Glauben durch das Versprechen einer Belohnung befestige. Auf die Frage Petri antwortet Jesus durch ein Gleichniss (Matth. 20, 1–16); auf die Bitte Jakobi aber sagt er: »ihr wisset nicht was ihr bittet« (d. h. ihr bittet um das Unmögliche). Ihr begreift nicht meine Lehre. Meine Lehre besteht in der Verleugnung des persönlichen Lebens, ihr aber bittet um persönlichen Ruhm, um persönliche Belohnung. Den Kelch trinken (das Leben durchleben) könnet ihr ebenso wie ich; zu sitzen aber zu meiner Rechten und zu meiner Linken, d. i. mir gleich zu sein, das stehet keinem zu. Und hier sagt Christus: nur im weltlichen Leben herrschen die Mächtigen und geniessen Ruhm und Gewalt des persönlichen Lebens; ihr aber, meine Jünger, sollt wissen, dass der Sinn des menschlichen Lebens nicht in dem persönlichen Glücke, nicht im Vornehmsein, sondern im Knechtsein besteht, nicht im Sichbedienenlassen, sondern in dem Dienen aller. »Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er ihm dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.« Auf die Forderung der Jünger, die ihm ihr gänzliches Nichtverstehen seiner Lehre zeigen, befiehlt ihnen Christus nicht, zu glauben, d.  i. jene Abschätzung des Guten und Bösen, die ihrer Lehre entspringt, zu verändern (er weiss, dass dies unmöglich war), sondern er erklärt ihnen jenen Sinn des Lebens, auf dem der Glaube an ihn, d. i. die wahre Abschätzung dessen, was gut und böse, was wichtig und unwichtig ist, beruht.

Auf die Frage Petri: was wird mit uns? welcher Lohn wird uns werden für unsre Opfer? – antwortet Christus durch das Gleichniss (Matth. 20, 1–16) von den Arbeitern, die zu verschiedenen Zeiten angenommen waren und gleichen Lohn empfangen hatten. Christus erklärt Petrus das Nichtverstehen seiner Lehre, woraus auch der Mangel seines Glaubens entspringt. Christus sagt: nur im persönlichen und sinnlosen Leben ist der Lohn der Arbeit, in dem Maasse der Arbeit, theuer und wichtig. Der Glaube an den Lohn der Arbeit, in dem Maasse der Arbeit, entspringt aus der Lehre des persönlichen Lebens. Dieser Glaube gründet sich auf die Voraussetzung der Rechte, die wir auf etwas zu haben vermeinen; Rechte aber hat der Mensch auf nichts und kann keine haben; er hat blos die Verpflichtung für das ihm verliehene Gut und kann deshalb mit niemand rechten. Selbst wenn er sein ganzes Leben gegeben hat, kann er dennoch das nicht vergelten, was ihm gegeben worden ist, und deshalb kann der Hausherr nicht ungerecht gegen ihn sein. Wenn aber der Mensch seine Rechte an das Leben geltend macht und mit dem Urquell des Alls, mit dem, was ihm das Leben verliehen hat, rechtet, so beweist er dadurch blos, dass er den Sinn des Lebens nicht begriffen hat.

Die Menschen, nachdem sie das Glück empfangen haben, verlangen noch etwas. – Es stehen Menschen auf dem Markte; müssig und unglücklich, d. h. sie leben nicht. Der Hausherr kommt und giebt den Leuten Arbeit, d. h. das Leben. Sie nehmen des Hausherrn Gnade an – und bleiben trotzdem unzufrieden. Sie sind unzufrieden, weil sie keinen klaren Begriff von ihrer Lage haben. Sie sind zur Arbeit gekommen mit ihrer falschen Lehre, dass sie ein Recht an ihr Leben und an ihre Arbeit haben und dass folglich ihre Arbeit belohnt werden müsse. Sie begreifen nicht, dass diese Arbeit das höchste Gut ist, das ihnen verliehen ward, in Erwiderung dessen sie sich nur bemühen müssen ein gleiches Gut wiederzugeben, aber keine Belohnung verlangen dürfen. Und deshalb können Menschen, die einen so verkehrten Begriff vom Leben haben, keinen rechten, wahren Glauben besitzen.

Das Gleichniss vom Hausherrn und dem Arbeiter, der vom Felde heimkehrt, womit auf die direkte Bitte der Jünger um Befestigung, um Vermehrung des Glaubens in ihnen erwidert wurde, bestimmt noch klarer die Grundlage jenes Glaubens, den Christus lehrt (Luk. 17, 3–10). Auf die Worte Christi, dass man dem Bruder nicht ein Mal, sondern »siebenzigmalsieben« Mal vergeben solle, entsetzten sich die Jünger über die Schwierigkeit der Erfüllung dieses Gebotes und sprachen: ja, aber man muss glauben um das zu erfüllen; stärke und vermehre in uns den Glauben. Wie sie früher gefragt hatten: was wird uns dafür werden? so sagen sie auch jetzt dasselbe, wovon alle sogenannten Christen sprechen: ich will glauben, aber ich kann es nicht; stärke in uns den Glauben daran, dass das Seil der Rettung uns errettet. Sie sagen: mache, dass wir glauben – dasselbe was sie zu Christus sagten, als sie Wunder von ihm verlangten. Durch Wunder oder Verheissungen des Lohns mache, dass wir an unsere Errettung glauben.

Die Jünger sprachen ebenso wie wir: es wäre gut es so einzurichten, dass zu jenem einzelnen, willkürlichen Leben, welches wir leben, noch der Glaube hinzukäme: dass, wenn wir die Lehre Gottes erfüllen, wir es noch besser haben werden. Wir alle stellen diese, dem ganzen Sinne der Lehre Christi widersprechende Forderung auf und wundern uns, dass wir gar nicht zum Glauben gelangen können. Und auf dieses ursprüngliche Missverständniss, welches damals bestand wie es jetzt besteht, antwortet Christus mit einem Gleichniss, in welchem er erklärt; was der wahre Glaube ist. – Der Glaube kann nicht aus dem Vertrauen zu dem, was Christus sagen wird, entstehen; der »Glaube entsteht nur aus der Erkenntniss unserer Lage. Der Glaube gründet sich nur auf die vernünftige Erkenntniss dessen, was besser ist zu thun, wenn man sich in einer gewissen Lage befindet. Christus zeigt, dass man nicht in andern Menschen diesen Glauben durch Verheissungen von Lohn und angedrohte Strafen erwecken könne; dass dies ein sehr schwaches Vertrauen sein würde, welches bei der ersten Versuchung zusammenbrechen müsste: dass jener Glaube, welcher Berge versetzt, den nichts zu erschüttern vermag, sich auf die Erkenntniss des unvermeidlichen Unterganges und jener einzigen Errettung, die in dieser Lage möglich ist, gründet. Um den Glauben zu haben bedarf es keinerlei Verheissung eines Lohns. Man muss begreifen, dass die einzige Rettung vom unvermeidlichen Untergange des Lebens das gemeinschaftliche Leben nach dem Willen des Herrn ist. Keiner, der dies begriffen hat, wird Bestätigung dessen suchen, sondern er wird ohne alle Ermahnungen sich retten.

Auf die Bitte der Jünger den Glauben in ihnen zu stärken, sagt Christus: wenn der Hausherr mit dem Knechte vom Felde kommt, erlaubt er ihm nicht sofort seine Abendmahlzeit einzunehmen, sondern lässt ihn zuerst das Vieh besorgen und ihm dienen und dann erst sich zu Tische setzen. Der Knecht thut das alles und hält sich nicht für gekränkt, rühmt sich nicht und verlangt weder Dankbarkeit noch Lohn, wohl wissend, dass es so sein muss und dass er nur das thut was er thun muss, dass dies eine nothwendige Bedingung des Dienstes und zugleich das wahre Heil seines Lebens ist. »So auch ihr«, spricht Christus; »wenn ihr alles gethan habt, was euch befohlen ward, rechnet, dass ihr blos das gethan habt was ihr thun musstet.« Wer seine Beziehungen zum Hausherrn begreift, der wird auch begreifen, dass er nur wenn er sich seinem Willen unterwirft, das Leben haben kann; dass er nur dann wissen wird worin sein Heil besteht und den Glauben erlangen wird, für den es nichts Unmögliches giebt. Dieser Glaube ist es, den Christus lehrt. Seiner Lehre nach gründet sieh der Glaube auf die vernünftige Erkenntniss der Bedeutung des Lebens.

Die Grundlage des Glaubens ist, nach Christi Lehre, das Licht.

Joh. 1, 9–12: »Das war das wahrhaftige Licht, welches alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen (9). Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbige gemacht; und die Welt kannte es nicht (10). Er kam in sein Eigenthum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf (11). Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben (12).«

Joh. 3, 19–21: »Das ist aber das Gericht Das griechische Wort κρίσις bedeutet eigentlich »Theilung, Sonderung«., dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsterniss mehr, denn das Licht; denn ihre Werke waren böse (19). Wer Arges thut, der hasset das Licht, und kommt nicht an das Licht, auf dass seine Werke nicht gestrafet werden (20). Wer aber die Wahrheit thut, der kommt an das Licht, dass seine Werke offenbar werden; denn sie sind in Gott gethan (21).«

Für denjenigen, der Christi Lehre begriffen hat, kann die Frage über die Befestigung im Glauben nicht existiren. Der Glaube gründet sich, seiner Lehre nach, auf das Licht – die Wahrheit. Er fordert nie zum Glauben an Christum auf; er ruft nur auf zum Glauben an die Wahrheit.

Joh. 8, 40 spricht er zu den Juden: »Ihr suchet mich zu tödten, einen solchen Menschen, der ich euch die Wahrheit gesagt habe, die ich von Gott gehört habe.«

Joh. 8, 46: »Welcher unter euch kann mich einer Sünde zeihen? So ich euch aber die Wahrheit sage, warum glaubet ihr mir nicht?«

Joh. 18, 37: »Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme.«

Joh. 14, 6: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.« »Der Vater« – spricht er zu seinen Jüngern in demselben Kapitel (16) – »soll euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch bleibe ewiglich. Dieser Tröster ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht siehet und nicht kennet. Ihr aber kennet ihn, denn er bleibet bei euch und wird in euch sein (17).«

Er sagt, dass seine ganze Lehre, dass er selbst die Wahrheit ist.

Die Lehre Christi ist die Lehre der Wahrheit. Und darum ist der Glaube an Christus nicht ein Zutrauen zu irgend etwas, das sich auf Christus bezieht, sondern die Erkenntniss der Wahrheit.

Man kann nicht jemand von der Lehre Christi überzeugen; man kann ihn durch nichts zur Erfüllung derselben bestechen. Wer Christi Lehre begreift, der wird auch den Glauben an ihn haben, denn seine Lehre ist die Lehre der Wahrheit. Wer aber die Wahrheit kennt, die zum Heile nothwendig ist, der kann nicht umhin an sie zu glauben. Und deshalb kann der Mensch, wenn er begriffen hat, dass er wirklich versinkt, nicht umhin nach dem Rettungsseile zu greifen. Und die Frage, wie man thun soll um zu glauben, ist nur eine Frage, die das Nichtbegreifen der Lehre Christi ausdrückt.

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