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Wolfsblut

Jack London: Wolfsblut - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleWolfsblut
publisherFriedrich Ernst Fehsenfeld
year1931
translatorM. Laue
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorMEsswein
senderwww.gaga.net
created20150225
modified20161206
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5. Kapitel. Das Recht auf Fleisch

Das Wölflein entwickelte sich schnell. Es ruhte sich zwei Tage aus, dann wagte es sich wieder aus der Höhle. Bei diesem Abenteuer fand es das junge Wiesel wieder, dessen Mutter es mitverzehrt hatte, und es sorgte dafür, daß das Junge der Mutter nachfolgte. Diesmal aber verirrte es sich nicht. Als es müde war, trat es den Rückzug zur Höhle an, um zu schlafen, und jeden Tag machte es sich nun auf Abenteuer aus und wagte sich immer weiter hinaus.

Es fing an, seine Stärke gegen seine Schwäche genau abzuwägen und zu wissen, wann es kühn und wann es vorsichtig sein müßte. Es fand es ratsam, immer vorsichtig zu sein, bis auf die seltenen Augenblicke, wo es auf die eigene Unerschrockenheit sicher bauen konnte, um sich Wutanfällen oder Begierden hinzugeben.

Immer gebärdete es sich wie ein kleiner Teufel, wenn es ein verirrtes Schneehuhn antraf, und stets antwortete es wütend auf das Geschnatter des Eichhörnchens, das es zuerst an der zerschmetterten Tanne getroffen hatte. Der Anblick eines Hähers versetzte es fast immer in die wildeste Wut, denn nie vergaß es den Schnabelhieb, den es von dem ersten Vogel dieser Gattung auf die Nase erhalten hatte. Allein es gab Zeiten, wo selbst ein solcher Vogel es nicht aufregen konnte, und das war, wenn es sich vor einem lauernden Feind in Gefahr glaubte. Nie vergaß es den Habicht und ein beweglicher Schatten trieb es ins nächste Dickicht, wo es niederkauerte. Es schritt nicht länger breitbeinig und ungeschickt einher, sondern nahm allmählich den schleichenden, verstohlenen Gang der Mutter an, indem es scheinbar ohne Anstrengung mit unberechenbarer Schnelligkeit dahinglitt.

Aber nur am Anfang hatte es bei der Jagd auf Raub Glück gehabt. Die sieben Küchlein des Schneehuhns und das junge Wiesel waren lange alles, was es getötet hatte. Mit jedem Tage jedoch wuchs sein Verlangen zu töten, und hungrig und ehrgeizig verlangte es auch nach dem Eichhörnchen, das so geläufig schnatterte und alle wilden Geschöpfe vor der Annäherung des Wölfleins warnte. Aber wie die Vögel in die Luft aufflogen, so konnten die Eichhörnchen auf Bäume klettern, und das Wölflein konnte nur versuchen, das Eichhörnchen unbeobachtet zu beschleichen, wenn es auf dem Boden war.

Es hatte großen Respekt vor der Mutter. Ging sie auf Raub aus, so brachte sie ihm stets seinen Anteil daran heim; auch hatte sie vor nichts Angst. Es kam ihm nicht in den Sinn, daß diese Furchtlosigkeit auf Erfahrung beruhte, es machte ihm den Eindruck von Macht. Die Mutter stellte ihm die Macht vor, und es fühlte dieselbe, als es älter wurde, in der härter strafenden Pfote, in dem scharfen Biß der Zähne, der gegen den sanften Stoß der Nase vertauscht wurde. Deshalb hatte es vor ihr Respekt, denn sie zwang es zum Gehorsam, und je älter es wurde, desto leichter wurde sie böse.

Abermals brach eine Hungersnot aus, und das Wölflein erfuhr von neuem, und diesmal mit klarem Bewußtsein, die Pein des nagenden Hungers. Die Wölfin magerte aus Mangel an Nahrung ab. Sie blieb kaum mehr in der Höhle, sie verbrachte die meiste Zeit auf der Suche und immer ohne Erfolg. Diese Hungersnot dauerte zwar nicht lange, war aber sehr heftig. Das Wölflein fand keine Milch mehr in der Mutterbrust, auch bekam es nicht einen Bissen Fleisch. Früher hatte es zum Scherz gejagt, zum bloßen Zeitvertreib, jetzt war es bitterer Ernst damit und dennoch fand es nichts. Doch dieser Mißerfolg entwickelte seine Fähigkeiten. Es studierte die Gewohnheiten des Eichhörnchens sorgfältiger und bemühte sich, dasselbe mit größerer Schlauheit zu beschleichen. Es studierte auch die Waldmäuse und versuchte, sie aus ihren Löchern herauszugraben; es lernte die Gewohnheiten der Spechte und anderer Vögel kennen. Dann kam ein Tag, wo der Schatten des Habichts es nicht mehr ins Gebüsch und ins Versteck trieb. Es wurde stärker, klüger, zuversichtlicher; auch war es in Verzweiflung. So saß es ganz offenkundig in der Lichtung und forderte den Habicht in den Lüften heraus. Denn es wußte, daß dort über ihm im Blauen Speise sei, wonach sein Magen so beharrlich verlangte. Allein der Habicht wollte nicht herabkommen, um zu kämpfen, und das Wölflein kroch ins Dickicht zurück und winselte vor Enttäuschung und Hunger.

Aber auch diese Hungersnot ging vorüber, und die Wölfin brachte wieder Fleisch heim. Es war eine ganz seltsame Beute, etwas ganz anderes, als sie je früher heimgebracht hatte. Es war ein halb ausgewachsener junger Luchs, nicht ganz so groß wie das Wölflein, und ganz allein für ihn. Die Mutter hatte ihren Hunger anderwärts gestillt. Es wußte ja nicht, daß der Luchs der letzte von dem Wurf sei, der ihr vollständig zum Opfer gefallen war. Auch wußte es nicht, wie verzweifelt die Tat gewesen war. Nur daß das Kätzchen mit dem Sammetfell Fleisch sei, wußte es, und es verzehrte dasselbe, und bei jedem Bissen wurde ihm wohler.

Ein voller Bauch führt zur Untätigkeit, und das Wölflein lag in der Höhle dicht neben der Mutter und schlief. Es wachte durch ihr Knurren auf. Nie hatte es so fürchterlich knurren hören. Vielleicht nie im Leben hatte sie einen so furchtbaren Ton ausgestoßen, und sie hatte auch allen Grund dazu, das wußte niemand besser als sie, denn das Lager eines Luchses wird nicht ungestraft beraubt. Im vollen Licht der Nachmittagssonne sah das graue Wölflein die Luchsin geduckt vor dem Eingang der Höhle liegen; sein Haar sträubte sich ihm auf dem Rücken empor. Hier war etwas Furchtbares, das brauchte ihm der Instinkt nicht erst zu sagen, und wenn der Anblick allein nicht genügt hätte, so wäre das wütende Geschrei des Eindringlings, das mit Knurren begann und rasch zu heiserem Kreischen wurde, hinreichend überzeugend gewesen. In dem Wölflein regte sich die Liebe zum Leben, es stand auf und stellte sich mit tapferem Knurren neben die Mutter. Allein sie schob es verächtlich beiseite und stellte sich vor es. Die Luchsin konnte des niedrigen Eingangs wegen nicht in die Höhle hineinspringen, aber als sie behende hineinkroch, sprang die Wölfin auf sie los und drückte sie zu Boden. Das Wölflein sah von dem Kampfe nur wenig, allein es hörte fürchterlich knurren, fauchen und kreischen. Die beiden Tiere hieben aufeinander los, die Katze, indem sie mit den Krallen riß und kratzte und auch die Zähne gebrauchte, während die Wölfin nur diese als Waffe besaß. Einmal sprang das Wölflein zu und biß der Luchsin in eines der Hinterbeine. Es hielt fest und knurrte wütend. Ohne daß es das wußte, lähmte das Gewicht seines Körpers die Bewegung des Beines, und es ersparte dadurch der Mutter manche Wunde. Bei einer Wendung des Kampfes jedoch kam es unter die beiden Kämpfenden und ließ das Bein fahren. Einen Augenblick später trennten sich die beiden Feinde, und bevor sie von neuem aufeinander losstürzten, versetzte die Luchsin dem Wölflein einen Schlag mit der Vorderpfote, riß ihm die Schulter bis zum Knochen auf und schleuderte es an die Wand. Nun mischte sich auch sein gellendes Schmerzensgeschrei in den Lärm, aber das Wölflein hatte Zeit, sich auszuheulen und noch einmal mutig einzugreifen, indem es wiederum die Luchsin bei einem Hinterbeine packte und zornig knurrend festhielt, bis der Kampf zu Ende war.

Zwar war die Luchsin endlich tot, aber auch die Wölfin war sehr wund und krank. Sie liebkoste ihr Junges und leckte ihm die wunde Schulter, aber der große Blutverlust hatte sie sehr schwach gemacht, und einen Tag und eine Nacht lag sie bewegungslos und kaum atmend neben der toten Feindin. Acht Tage lang verließ sie die Höhle nur, um zu trinken, und hernach noch waren ihre Bewegungen langsam und matt. In dieser Zeit wurde der tote Feind verzehrt und die Wunden der Wölfin heilten wieder so weit, daß sie auf Raub ausgehen konnte.

Eine Zeitlang blieb die Schulter des Wölfleins nach dem furchtbaren Schlage, den es erhalten hatte, steif und tat sehr wehe, und es hinkte beim Gehen. Aber die Welt hatte sich seitdem für es verändert. Es schritt mit erhöhter Zuversicht einher, es fühlte sich als Held. Das Leben hatte sich ihm von einer wilderen Seite gezeigt, es hatte gekämpft, die Zähne ins Fleisch des Feindes geschlagen und war am Leben geblieben. Drum trat es kühner und trotziger auf, und kleinere Geschöpfe jagten ihm keine Furcht mehr ein. Seine Schüchternheit war verschwunden, wenn auch das Unbekannte ihm immer noch geheimnisvolle Schrecken einflößte.

Fortan begleitete es die Mutter auf ihren Streifzügen, und es sah nicht nur, wie Beute gemacht wurde, sondern spielte dabei auch eine Rolle. So lernte es in seiner Weise das Recht auf Fleisch kennen. Es gab zwei Arten von Leben, das eigne, das auch die Mutter einschloß, und das der andern. Dies umfaßte all die Geschöpfe, die entweder von ihm und den Seinen getötet und gefressen wurden, oder die ihn töten und fressen würden, wenn sie es könnten. Und aus dieser Einteilung entstand das Recht. Fleisch war die Grundbedingung des Lebens, Fleisch war selbst Leben, und so lebte das Leben vom Leben. »Friß oder werde gefressen«, so lautete das Gesetz. Zwar brachte das Wölflein dasselbe nicht in einen so klaren, bestimmten Satz und dachte auch nicht weiter darüber nach; aber es lebte nach dem Gesetze, ohne darüber nachzudenken.

Es sah, wie das Gesetz rings umher in Kraft war. Es hatte einst die Küchlein des Schneehuhns gefressen und der Habicht die Mutter. Dieser hätte auch es gefressen, und später, als es stärker geworden war, hatte es den Habicht fressen wollen. Es hatte den jungen Luchs verzehrt, und die Luchsin würde dasselbe mit ihm getan haben, wäre sie nicht selber getötet worden, und so ging es immer weiter. Alle lebenden Wesen ringsum lebten nach dem Raubgesetz, und das Wölflein war nur ein winziger Bruchteil desselben, ein Fleischfresser wie sie, dessen einzige Nahrung lebendes Fleisch war, das flink vor ihm herlief, emporflog, auf die Bäume kletterte oder sich im Boden versteckte, oder das den Spieß umkehrte, sich zur Wehr setzte und es jagte und verfolgte.

Hätte das Wölflein nach Menschenweise überlegt, so hätte es das Leben als eine gefräßige Gier bezeichnet und die Welt als einen Ort, worin zahllose ähnliche Begierden herrschten, die sich verfolgten, sich jagten, sich gegenseitig vernichteten, all das wirr und blind, gewalttätig und ohne Ordnung, ein wildes Durcheinander, gelenkt nur durch den Zufall, unbarmherzig, plan- und endlos.

Aber das Wölflein sah die Dinge nicht von so hohem Standpunkte an. Es hatte nur den einen Zweck im Auge, nur den einen Gedanken, die eine Begier. Außer dem Raubgesetz gab es noch viele andere, weniger wichtige Gesetze, die es lernen und befolgen mußte. Die Welt war voller Überraschungen. Das eigene Leben, das Spiel seiner Muskeln verursachte ihm unendliches Wohlbehagen, die Jagd auf Beute lebendiges Entzücken. Selbst Zorn und Kampf war Genuß. Sogar der Schreck und das Geheimnis des Unbekannten erhöhte das Lebensgefühl.

Und es gab auch Erleichterung und Zufriedenheit. Mit vollem Magen faul in der Sonne zu dösen, das war voller Ersatz für Arbeit und Mühe, während diese Mühe und Arbeit ihre Belohnung in sich selbst fanden. Waren sie doch eine Betätigung des Lebens, das glücklich ist, wenn es sich betätigt. So war das Wolfsjunge mit der ihm feindlichen Umgebung nicht unzufrieden, denn es lebte ja, war glücklich und sehr stolz auf sich selber.

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