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Wolfsblut

Jack London: Wolfsblut - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleWolfsblut
publisherFriedrich Ernst Fehsenfeld
year1931
translatorM. Laue
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorMEsswein
senderwww.gaga.net
created20150225
modified20161206
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5. Kapitel. Der schlafende Wolf

Um diese Zeit waren die Zeitungen voll von den Taten eines Sträflings, der tollkühn aus dem Gefängnis von San Quentin entsprungen war. Derselbe war ein wilder, mordlustiger Gesell, dem schon die Natur schlimme Gaben verliehen, und den die Hand der Umstände nicht besser gemacht hatte. So war er zur menschlichen Bestie geworden, furchtbar wie ein gewaltiges Raubtier.

Die Gefängnisstrafe hatte Jim Hall nicht bessern können; Zwangsjacke, Hunger und Prügel, das war nicht die richtige Behandlung für ihn gewesen. So übel war er von jeher behandelt worden, als er noch ein kleines Bübchen in einem der Winkelgäßchen von San Franzisko gewesen war, wo er weicher Ton war, aus dem man alles Mögliche hätte formen können. Im dritten Jahre seiner Haft war in dem Gefängnis ein Wärter, der fast ebenso schlimm, wie Jim Hall selber, war. Dieser verleumdete und verfolgte ihn. Allein der trug ein Bund Schlüssel und hatte einen Revolver, und Jim Hall hatte nichts als seine nackten Hände und die Zähne, und so geschah es, daß er eines Tages über den Wärter herfiel und ihn wie ein wildes Tier bearbeitete.

Darauf sperrte man Jim Hall in die Zelle der unverbesserlichen Verbrecher ein. Dort blieb er drei Jahre. Diese Zelle war ganz aus Eisen, die Wände, die Decke und der Fußboden. Nie verließ er dieselbe, nie sah er Himmel und Sonnenschein, lebendig war er in der eisernen Gruft begraben. Kein menschliches Antlitz sah er, mit keinem menschlichen Wesen sprach er; sein Essen wurde ihm hineingeschoben. Manchmal brüllte und schrie er ganze Tage und Nächte lang in seiner Wut gegen die Welt und die Menschen, manchmal verharrte er ganze Wochen und Monate in starrem Schweigen, und in einer Nacht war er entflohen. Man hatte behauptet, daß das eine Unmöglichkeit sei, dennoch war die Zelle leer, nur der Leichnam eines Gefangenenwärters lag darin, und noch zwei Leichen bezeichneten den Weg, den er bis zur Außenmauer eingeschlagen hatte. Die Waffen der Erschlagenen hatte er an sich genommen und war in die Berge entflohen.

Ein hoher Preis wurde auf seinen Kopf gesetzt, und habsüchtige Farmer verfolgten ihn mit Flinten, um mit dem Blutgeld eine Hypothek zu tilgen oder einen Sohn zur Universität zu schicken. Ebenso ergriffen patriotische Bürger die Büchsen, um den bestellten Wächtern des Gesetzes zu helfen, die mit Telephon, Telegraph und Extrazug ihn Tag und Nacht verfolgten.

Manchmal traf man auf ihn, und dann gab es einen verzweifelten Kampf, dessen Bericht die ruhigen Bürger am Morgen darauf beim Frühstück lasen. Die Toten und Verwundeten wurden in die nächste Stadt geschafft, und ihre Stelle durch frische Leute besetzt. Plötzlich verschwand Jim Hall; man hatte seine Spur verloren. In entlegenen Tälern hatten harmlose Viehzüchter sich über ihre Identität auszuweisen, und einigemale wurden Jim Halls sterbliche Reste in den Bergen von Leuten entdeckt, die das Blutgeld einziehen wollten.

Unterdessen las man in Sierra Vista die Zeitungen weniger aus Neugier als aus Angst. Besonders die Frauen taten das. Richter Scott lachte sie aus und nahm die Sache leicht, hatte aber wenig Grund dazu, denn Jim Hall war im letzten Jahr seines Richteramtes verurteilt worden, und im offenen Gerichtshof hatte derselbe vor den Versammelten laut geschworen, daß er sich an dem Richter, der ihn verurteilt hatte, rächen wolle.

Von alledem wußte Wolfsblut nichts. Allein zwischen ihm und Alice, der Gattin des Herrn, schwebte ein Geheimnis. In der Nacht, wenn jedermann in Sierra Vista zu Bett gegangen war, stand sie auf und ließ Wolfsblut ins Haus ein. Da er aber kein Haushund war und nicht im Flur schlafen durfte, so schlüpfte sie an jedem Morgen früh hinab und ließ ihn hinaus, ehe die Familie auf war.

In einer Nacht, als das ganze Haus schlief, erwachte Wolfsblut, lag aber ganz still. Er sog still die Luft ein, die ihm Kunde von der Gegenwart eines Fremden brachte. Auch schlugen an sein Ohr Laute, welche die Gegenwart eines solchen verrieten. Er bellte nicht, das war nicht seine Manier, und wenn der Fremde leise schlich, so war er noch leiser, denn er hatte keine raschelnden Kleider an. Lautlos folgte er jenem, denn in der Wildnis hatte er unsäglich scheues Wild gejagt, und er kannte die Vorteile eines Überfalles. Der Fremde blieb am Fuß der großen Treppe stehen und lauschte, als er wartend dastand, und ebenso still und regungslos stand Wolfsblut und wartete auch. Die Treppe hinauf ging es zu dem Gebieter und zu denen, die ihm das Liebste auf der Welt waren. Wolfsbluts Haar sträubte sich, als er so wartete. Da hob der Fremde den Fuß empor und setzte ihn auf die erste Stufe. Auch Wolfsblut sprang in die Höhe. Ohne einen warnenden Laut, ohne Knurren, schoß er hoch durch die Luft auf die Schultern des Fremden herab und senkte die Zähne in den Nacken desselben. Es dauerte nur einen Augenblick, dann hatte er den Mann nach hintenüber zu Boden gerissen, und zurückspringend griff er ihn sogleich, als jener sich aufgerafft hatte, wiederum an.

Ganz Sierra Vista erwachte über den Lärm. Es erhob sich unten ein Getöse, als ob eine Schar Dämonen miteinander kämpfte, und dazwischen ertönten die Schüsse eines Revolvers und die Stimme eines Menschen, der in Todesnöten schrie, begleitet von einem lauten, ununterbrochenen Knurren und Grollen, das sich in das Geklirr und Geknatter zerschmetterter Möbel und zerbrochenen Glases mischte.

Allein fast ebenso schnell wie der Lärm entstanden war, erstarb er auch, denn der Kampf hatte nicht länger als drei Minuten gedauert. Die erschrockene Familie versammelte sich oben an der Treppe. Von unten wie aus einem Abgrund kam ein gurgelnder Laut herauf, als ob Luftblasen im Wasser emporstiegen. Dann verwandelte sich der Ton in zischendes Pfeifen; auch dieses ward immer leiser und hörte bald auf. Darauf ertönte nichts mehr in der Finsternis, als ein schweres Keuchen, wie wenn ein Erstickender nach Luft ränge.

Weedon Scott drückte den Knopf der elektrischen Leitung, und Treppe und Hausflur lagen im Nu im hellen Lichte da. Dann stieg er mit dem Richter vorsichtig und mit dem Revolver in der Hand die Treppe hinunter. Allein diese Vorsicht war nicht nötig, Wolfsblut hatte seine Arbeit getan. Denn unter den umgeworfenen Möbeln lag auf der Seite und das Gesicht unter dem einen Arm verborgen ein Mensch. Weedon Scott beugte sich über ihn, schob den Arm zurück und drehte das Gesicht des Mannes aufwärts. Eine klaffende Wunde am Halse zeigte, wie er den Tod gefunden hatte.

»Jim Hall,« sagte Richter Scott, und Vater und Sohn blickten sich bedeutsam an.

Dann wandten sie sich zu Wolfsblut. Auch er lag auf der Seite, und seine Augen waren geschlossen, aber er erhob die Lider ein wenig, als die beiden Männer sich über ihn beugten, und sein Schwanz bewegte sich zu einem Wedeln. Weedon Scott streichelte ihn, und aus Wolfsbluts Halse stieg als Antwort ein Grollen empor, doch leise nur und schwach, und schnell erstarb es. Dann senkten sich die Augenlider und schlossen sich wieder, und der Körper streckte sich steif auf dem Boden aus.

»Es ist aus mit ihm, dem armen Teufel!« murmelte sein Herr.

»Das wollen wir doch sehen,« entgegnete der Richter und ging ans Telephon.

Der Doktor kam und arbeitete anderthalb Stunden an Wolfsblut herum.

»Wenn er durchkommt, so ist es ein Wunder,« sagte er. »Unter Tausenden käme unter den Umständen kaum einer mit dem Leben davon.«

Die Dämmerung schaute unterdessen durchs Fenster, und das elektrische Licht erschien dadurch trübe. Mit Ausnahme der Kinder war die ganze Familie um den Doktor versammelt, um den Ausspruch desselben zu hören.

»Ein Hinterbein ist gebrochen,« fuhr dieser fort, »sowie drei Rippen, von denen wenigstens eine in die Lunge gedrungen ist. Außerdem hat er fast alles Blut, das er im Körper hatte, verloren, und höchstwahrscheinlich noch innere Verletzungen, denn er ist getrampelt worden, gar nicht zu reden von den drei Kugeln, die durch und durch gegangen sind. Tausend gegen eins ist noch eine zu optimistische Annahme, man sollte zehntausend gegen eins sagen.«

»Aber nichts darf versäumt werden, um ihn durchzubringen.« rief der Richter aus. »Koste es, was es wolle. Durchleuchten Sie ihn mit Röntgenstrahlen – kurz, tun Sie Ihr Möglichstes. – Weedon, telegraphiere sogleich nach San Franzisko an Doktor Nichols. – Nehmen Sie es nicht übel, Doktor, aber es muß alles aufgeboten werden, wissen Sie.«

Der Doktor lächelte mitleidig. »Natürlich, natürlich, ich verstehe das. Er verdient es, daß für ihn alles getan wird. Übrigens muß er wie ein krankes Kind gepflegt werden. Vergessen Sie nicht, was ich Ihnen über die Temperatur gesagt habe. Um zehn bin ich wieder da.«

Und wie wurde Wolfsblut gepflegt! Der Vorschlag des Richters, eine Krankenpflegerin kommen zu lassen, wurde von seinen Töchtern mit großer Entrüstung zurückgewiesen, da sie selber die Pflege übernehmen wollten, und Wolfsblut kam, aller Zweifel und aller trüben Prophezeiungen des Doktors zum Trotz, mit dem Leben davon. Allerdings konnte man sich über dessen Voraussagungen nicht wundern. Sein Leben lang hatte er nur verzärtelte Geschöpfe der Zivilisation behandelt, die selber gehegt und gepflegt von Generationen gehegter und gepflegter Wesen abstammten. Mit Wolfsblut verglichen waren das Schwächlinge, die nur matt und schlaff sich an das Leben klammerten. Er jedoch kam geradewegs aus der Wildnis, wo die Schwachen früh untergehen und niemand verhätschelt wird. Weder sein Vater noch seine Mutter, noch seine Voreltern hatten irgend eine Schwäche gekannt. Eine Gesundheit von Eisen und die Lebenszähigkeit der Wildnis waren sein Erbteil geworden, und so hing er mit jeder Fiber seines Wesens am Leben und klammerte sich mit jener Hartnäckigkeit daran, die einst allen Geschöpfen eigen war.

Wie ein Gefangener gefesselt und jeder Bewegung durch Binden und Gipsverbände beraubt, brachte Wolfsblut viele Monate zu. Er schlief viele Stunden lang und träumte viel, und an seinem Geiste zogen in endloser Reihe die Bilder des Nordlandes vorüber. Die Geister der Vergangenheit standen auf und umgaben ihn. Wieder war er bei Kische in der Höhle, wieder kroch er zitternd zu den Grauen Bibers Füßen, um ihm den Eid der Treue zu leisten, dann rannte er gehetzt umher, um sein Leben vor Liplip und der heulenden Rotte junger Hunde zu retten.

Ein andermal lief er durch die schweigende Einöde während der großen Hungersnot und lauerte dem Wilde auf, oder er befand sich an der Spitze des Gespanns, und Mitsah oder der Graue Biber knallte mit der großen Peitsche und schrie mit rauher Stimme: »Raa! Raa!«, wenn man an einen Hohlweg kam, und das Gespann, wie ein zusammengeklappter Fächer, sich dicht aneinander drängen mußte. Dann durchlebte er wieder die Schreckenstage bei dem schönen Schmitt und die Kämpfe, in denen er dort ruhmreich gestritten hatte. Zu solchen Zeiten winselte und knurrte er im Schlafe, und dann sagten die Leute, daß er schlimme Träume habe.

Am meisten jedoch litt er unter einer Vision, die wie ein Alp auf ihm lastete. Das war, wenn ihm die rasselnden, tutenden Ungeheuer der elektrischen Wagen erschienen, die ihm wie ungeheure Luchse vorkamen. Er träumte dann wohl, er liege im Gebüsch verborgen und lauere darauf, daß ein Eichhörnchen sich von dem schützenden Baume entferne. Sprang er jedoch darauf zu, so pflegte sich dasselbe in einen elektrischen Wagen zu verwandeln, der schrecklich und drohend sich wie ein gewaltiger Berg über ihm erhob und fauchend und kreischend Feuer spie. Ein andermal verfolgte er mit den Augen einen hoch in der blauen Luft über ihm schwebenden Habicht, der sich beim Hinunterstoßen ebenfalls in den allgegenwärtigen Wagen verwandelte, oder er glaubte im Käfig des schönen Schmitt zu sein. Draußen hatten sich die Leute versammelt, und er wußte, ein Kampf stände bevor. Er beobachtete die Tür, durch die der Gegner eintreten sollte. Sie öffnete sich, und der fürchterliche Wagen wurde hineingeschoben. Das wiederholte sich unzähligemal, aber jedesmal war der Schreck so groß wie das erstemal.

Endlich kam der Tag, wo der letzte Verband, die letzte Binde abgenommen wurde. Es war ein großer Festtag für ganz Sierra Vista, deren Bewohner sich um Wolfsblut versammelt hatten. Der Herr kraute ihm die Ohren, und Wolfsblut grollte sein Liebeslied. Die Frau des Gebieters nannte ihn »den lieben, guten Wolf,« welcher Name beifällig von den andern Frauenzimmern aufgenommen wurde. Er versuchte, sich auf die Füße zu stellen, allein immer wieder fiel er aus allzu großer Schwäche zurück. Er hatte so lange gelegen, daß seine Muskeln alle Spannkraft verloren hatten und alle Kraft daraus verschwunden war. Er fühlte sich über seine Schwäche ein wenig beschämt, als sei er in dem Dienst, den er den Menschen schuldete, schlaff geworden. Darum machte er heroische Anstrengungen, sich zu erheben, und endlich stand er schwankend und taumelnd auf allen Vieren.

»Der liebe, gute Wolf!« riefen die Frauenzimmer im Chor. – Richter Scott blickte sie triumphierend an.

»Da habt ihr's! Was ich euch immer gesagt habe! Kein bloßer Hund hätte das vollbringen können, was er getan hat. Er ist ein Wolf!«

»Ein lieber, guter Wolf!« verbesserte die Frau des Richters.

»Ja, ein lieber, guter Wolf,« stimmte der Richter ein, »und das soll fortan mein Name für ihn sein.«

»Er wird wieder gehen lernen müssen,« bemerkte der Doktor, »also mag er gleich damit beginnen. Es wird ihm nichts schaden. Wir wollen ihn hinausbringen.«

Und hinaus schritt er wie ein König, ganz Sierra Vista im Gefolge. Er war sehr schwach, und als er den Rasen erreichte, legte er sich nieder und ruhte eine Weile aus. Dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung, als die Spannkraft wieder in seine Muskeln kam, und das Blut lebhafter in seine Adern zu kreisen begann. Die Ställe wurden erreicht, und dort lag in der Tür Collie, und ein halbes Dutzend dickbäuchiger Hündchen spielte in der Sonne um sie herum. Wolfsblut blickte sie mit verwunderten Augen an. Collie knurrte warnend, und er hielt sich vorsichtig in der Entfernung. Der Herr schob ein watschelndes Junges mit dem Fuße näher zu ihm hin. Mißtrauisch sträubte er das Haar, aber der Herr sprach ihm freundlich zu, daß alles richtig und in Ordnung sei. Doch Collie, die von einem der Frauenzimmer gehalten wurde, knurrte ihn argwöhnisch und unfreundlich an, daß nicht alles richtig und in bester Ordnung sei. Das Hündchen stand breitbeinig vor ihm. Wolfsblut spitzte die Ohren und betrachtete es neugierig. Dann näherte er seine Nase der des Jungen und fühlte das warme Zünglein an seiner Schnauze. Auch er streckte die Zunge aus – er wußte nicht warum – und leckte dem Hündchen das Gesicht. Lauter Jubel und schallendes Händeklatschen begrüßten sein Tun. Er war überrascht und sah sich verwundert um. Dann überkam ihn von neuem die Schwäche, er legte sich nieder, spitzte die Ohren, drehte den Kopf zur Seite und blickte das Hündchen an. Auch die andern Kleinen kamen zu Collies Entsetzen herbeigewackelt, und er ließ es gravitätisch geschehen, daß sie auf ihm herumkletterten und Purzelbäume schossen. Zuerst zeigte er bei dem Jubel der Umstehenden ein wenig von der alten, linkischen Verlegenheit, aber auch diese verschwand, als die Hündchen fortfuhren, ihn zu zausen und mit ihm Possen zu treiben, und so lag er mit halbgeschlossenen, geduldigen Augen im Halbschlummer in der Sonne da.

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