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Wolfsblut

Jack London: Wolfsblut - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleWolfsblut
publisherFriedrich Ernst Fehsenfeld
year1931
translatorM. Laue
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorMEsswein
senderwww.gaga.net
created20150225
modified20161206
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4. Kapitel. Die Stimme des Blutes

Die Monate kamen und gingen. Es gab im Lande des Südens reichliches Futter und wenig Arbeit, und Wolfsblut lebte im Überfluß und war zufrieden. Nicht nur war das Land der geographischen Lage nach Süden, sondern für ihn war es auch ein Südland des Lebens. Menschliche Güte war ihm eine leuchtende Sonne geworden, und er gedieh unter ihrem Strahl wie eine Pflanze in gutem Boden.

Dennoch war und blieb er anders als andere Hunde. Er kannte die Regeln und Gesetze des zivilisierten Landes besser als die, die kein anderes Leben gekannt hatten, und er beobachtete sie auch strenger, aber es lauerte noch etwas Wildes in seinem Wesen, als sei das Leben der Wildnis noch nicht in ihm erstorben, als schliefe nur der Wolf in ihm. – Nie befreundete er sich mit andern Hunden; so einsam wie er gelebt hatte, lebte er auch weiter. In seiner Jugend hatte er durch die Verfolgung Liplips und der jungen Hunde eine entschiedene Abneigung gegen seinesgleichen gefaßt. Der natürliche Lauf seines Lebens war abgelenkt worden, und er hatte sich, von den Seinen zurückgestoßen, an den Menschen angeschlossen. Auch blickten die Hunde des Südlandes mit Argwohn auf ihn. Er weckte die instinktmäßige Furcht vor der Wildnis in ihnen, und sie begrüßten ihn stets mit Geknurr und mit Brummen und in feindseliger Haltung. Er sah jedoch bald ein, daß er ihnen nur die Zähne zu zeigen brauchte. Seine drohende Miene genügte, um einen mit lautem Gebell auf ihn losstürmenden Hund zu schleunigem Rückzug zu bringen.

Aber einen dunklen Punkt gab es in Wolfsbluts Leben, und das war Collie. Sie ließ ihn keinen Augenblick in Frieden. Sie beugte sich unter das Gesetz nicht so gehorsam wie er. Sie widerstand allen Bemühungen des Herrn, sie mit Wolfsblut zu befreunden. Ihr scharfes, gereiztes Knurren verfolgte ihn überall. Sie konnte ihm den Mord der Hühner nie vergeben, und sie hielt hartnäckig an dem Glauben fest, daß er schlimme Absichten habe. In ihren Augen war er von vornherein schuldig, und demgemäß behandelte sie ihn. Sie wurde ihm zur Qual seines Lebens, sie folgte ihm wie ein Häscher überall hin, um die Ställe und in den Garten, und wenn er ein Täubchen oder ein Hühnchen nur neugierig anblickte, so erhob sie ein lautes, wütendes Gebell. Gewöhnlich nahm er von ihr keine Notiz; doch trieb sie es zu arg, so legte er den Kopf auf die Vorderpfoten und tat, als schliefe er. Dies schloß ihr dann den Mund.

Mit Ausnahme von Collie ging alles gut für Wolfsblut; er lernte Selbstbeherrschung und Gehorsam, und die Folge davon war ein gesetztes, anständiges Benehmen und philosophische Ruhe. Er lebte nicht mehr in einer ihm feindseligen Umgebung. Gefahr, Schmerz und Tod lauerten ihm nicht mehr überall auf. Mit der Zeit verblaßte die Idee des Unbekannten als etwas, das schreckt und droht, und das neue Leben wurde sanft und leicht. Es floß glatt dahin, keine Angst vor Feinden beunruhigte ihn. Ohne sich dessen bewußt zu werden, vermißte er nur den Schnee. Hätte er seinen Gedanken Worte verleihen können, so hätten sie gelautet: »Was für ein ungewöhnlich langer Sommer!« Aber es geschah doch in unbestimmter, unklarer Weise, daß er den Schnee vermißte. Im Sommer, wenn er unter der heißen Sonne litt, trieb ihn eine unklare Sehnsucht nach dem Lande des Nordens ruhelos und rastlos umher, ohne daß er eigentlich wußte, was ihm fehlte.

Es war ihm nicht gegeben, seine Liebe sehr zu zeigen; nur durch Anschmiegen und den kosenden Ton in seinem Grollen konnte er derselben Ausdruck geben, aber er sollte noch eine Äußerung dafür lernen. Er war stets empfindlich gegen das Gelächter der Menschen gewesen. Es hatte ihn wütend, ja, rasend gemacht. Auf den Gebieter nur konnte er nicht böse werden, wenn dieser in gutmütig neckender Weise ihn auslachte. Zwar wußte er dann nicht, was er tun solle, denn der frühere Ärger stieg in ihm auf, konnte jedoch nichts gegen die Liebe machen. Da er nicht ärgerlich werden konnte, so versuchte er es mit der Würde; aber je gravitätischer er wurde, desto ärger lachte der Herr. Endlich gab er es auf, öffnete den Mund ein wenig, so daß die Lippen sich teilten, während ein sonderbarer Ausdruck in seine Augen kam, der mehr von Liebe als von Vergnügen an sich hatte, und so hatte er lachen gelernt.

Ebenso lernte er auch mit dem Herrn tollen, indem er zur Erde geworfen und herumgekollert wurde und zahllose ähnliche Späße hinnehmen mußte. Dann stellte er sich zornig, sträubte das Haar, knurrte ingrimmig und schnappte mit den Zähnen, als ob es ihm völlig Ernst sei. Aber er vergaß sich nie. Stets schnappte er in die leere Luft, und am Ende des Spiels, wenn Schlag und Puff und Knurren und Zähnefletschen schnell und anscheinend wütend ausgetauscht worden waren, dann pflegten Herr und Hund plötzlich inne zu halten, und in geringer Entfernung voneinander schauten sie sich gegenseitig an, und dann, wie wenn die Sonne aus stürmischem Meer emporsteigt, lachten sie. Das Ende vom Liede war, daß der Herr Wolfsblut die Arme um den Hals und die Schultern legte, und daß dieser sein Liebesgrollen anstimmte.

Niemals jedoch gestattete Wolfsblut, daß ein anderer mit ihm tollte. Dann ging er aus seiner Würde nicht heraus, und setzte man ihm zu sehr zu, so war sein Knurren und sein gesträubtes Haar kein Spaß mehr. Daß er dem Herrn dies erlaubte, war noch kein Grund, daß er sich mit jedermann gemein machen, einen jeden lieb haben und mit jedermann zum Zeitvertreib tollen sollte. Er liebte nur Einen, und sich und seine Liebe wollte er nicht herabwürdigen.

Der Herr ritt sehr viel aus, und Wolfsbluts Hauptbeschäftigung war, ihn auf seinen Ritten zu begleiten. Im Nordlande hatte er seine Dienstbarkeit als Zugtier bewiesen, aber hier im Süden gab es weder Schlitten, noch trugen die Hunde Lasten auf dem Rücken. So diente er dem Herrn dadurch, daß er neben dem Pferde herlief. Doch selbst der längste Ritt ermüdete Wolfsblut nie. Mit dem echten Wolfsschritt, leicht, mühelos und gleitend, pflegte er nach einem zehn Meilen langen Lauf frisch und munter dem Pferde voranzutraben.

Bei einem dieser Ritte fand Wolfsblut noch eine Äußerung seiner Gefühle, und das Merkwürdige dabei war, daß er dieselbe nur zweimal im Leben anwandte. Das erstemal geschah es, als der Herr einem mutigen Vollblut beizubringen versuchte, wie man Gattertüren, ohne abzusteigen, öffnen und schließen könne. Immer wieder brachte er das Pferd an das Tor, um es zu schließen, und jedesmal scheute dasselbe, bäumte sich und sprang zurück. Es wurde immer unruhiger, denn der Herr setzte ihm, wenn es sich bäumte, die Sporen ein, worauf es die Vorderbeine auf die Erde stemmte und mit den Hinterbeinen ausschlug.

Wolfsblut beobachtete den Vorgang mit wachsender Unruhe, endlich konnte er sich nicht länger halten und brach in wildes, drohendes Gebell aus. Oft versuchte er hernach noch zu bellen, und der Herr ermunterte ihn dazu, – ohne daß es ihm gelingen wollte, und nur einmal noch gelang es ihm, und dann nicht in Gegenwart des Herrn. Als der einst über ein Feld ritt; hüpfte plötzlich ein Kaninchen dicht vor den Füßen des Pferdes auf. Dieses sprang zur Seite, stolperte, fiel, und ein Beinbruch des Herrn war die Folge. Wolfsblut sprang wütend dem Pferde an die Kehle, aber ein Wort des Herrn rief ihn zurück.

»Geh nach Hause! Nach Hause!« gebot er ihm, als er sich von der Art der Verletzung überzeugt hatte. Aber Wolfsblut hatte keine Lust, ihn zu verlassen. Der Herr dachte daran, einen Zettel zu schreiben, suchte aber vergebens in der Tasche nach Bleistift und Papier. Wieder gebot er Wolfsblut nach Hause zu gehen. Dieser sah ihn nachdenklich an, machte ein paar Schritte vorwärts, kehrte wieder um und winselte leise. Der Herr sprach sanft, aber in ernstem Ton zu ihm, und Wolfsblut spitzte die Ohren und lauschte gespannt.

»Komm her, mein Alter, und höre mir zu. Renne spornstreichs nach Hause, hörst du?« gebot Scott. »Nach Hause! und erzähle, was mir passiert ist. – Nach Hause, Wolfsblut! Vorwärts, nach Hause!«

Wolfsblut kannte die Bedeutung des Befehls »Nach Hause!« und wenn er auch das Übrige nicht verstand, so wußte er doch, daß es der Wille des Herrn sei, daß er heimgehen solle. Er kehrte um und trabte widerstrebend hinweg. Nach einigen Schritten blieb er von neuem unentschieden stehen und blickte über die Schulter zurück. Abermals kam der Befehl »Nach Hause!« und diesmal viel schärfer, und jetzt gehorchte Wolfsblut.

Die Familie war in der Kühle des Nachmittags auf der Veranda versammelt, als Wolfsblut keuchend und staubbedeckt ankam.

»Weedon ist zurück,« verkündete die Mutter. Die Kinder begrüßten Wolfsblut mit Jubel und rannten ihm entgegen. Er vermied sie, aber sie drängten ihn in eine Ecke der Veranda zwischen einen Schaukelstuhl und das Geländer. Er grollte und suchte an ihnen vorbeizukommen; besorgt blickte die Mutter nach dem Kleinen hin.

»Ich muß gestehen, ich ängstige mich immer um die Kinder,« bemerkte sie. »Ich habe stets Furcht, daß eines schönen Tages sich Wolfsblut unerwartet gegen sie kehrt.«

Grimmig knurrend sprang Wolfsblut aus dem Winkel heraus, wobei er die Kinder umwarf. Die Mutter rief sie zu sich, beruhigte sie und sagte ihnen, sie müßten Wolfsblut nicht belästigen.

»Wolf bleibt Wolf!« verkündete Richter Scott. »Einem solchen ist nie recht zu trauen.«

»Aber er ist nicht ganz ein Wolf,« mischte sich Betty ein, die in Abwesenheit des Bruders für dessen Hund Partei ergriff.

»Das ist Weedons Meinung von der Sache,« entgegnete der Richter. »Auch vermutet er nur, daß ein gut Teil vom Hunde in ihm ist. Er selber sagt, er wisse nichts Bestimmtes darüber. Und was das Aussehen betrifft –«

Er vollendete den Satz nicht. Wolfsblut stand vor ihm und grollte ingrimmig.

»Geh fort und leg dich nieder,« gebot Richter Scott. – Wolfsblut wandte sich zu der Gattin des Gebieters. Die aber schrie vor Schreck auf, als er ihr Kleid mit den Zähnen ergriff und so sehr daran zerrte, daß das dünne Gewebe zerriß. Jetzt wurde er der Mittelpunkt des Interesses. In seinem Halse arbeitete es heftig, ohne das er einen Ton von sich gab, und sein ganzer Körper wand sich krampfhaft in der Anstrengung, einen Ausdruck für das zu finden, was in seinem Innern nach Mitteilung rang.

»Hoffentlich wird er nicht toll,« bemerkte Weedons Mutter. »Ich habe zu Weedon immer gesagt, ich fürchte, das warme Klima bekommt einem Tier aus dem Norden nicht.«

»Ich glaube, er möchte etwas sagen,« kündigte Betty an. – In dem Augenblick fand Wolfsblut wirklich die Sprache und machte sich in einem lauten Bellen Luft.

»Es ist Weedon ein Unglück passiert,« entschied Weedons Frau. Alle sprangen auf, während Wolfsblut die Stufen hinablief und sich umblickte, ob man ihm auch folge. Zum zweiten und letztenmal in seinem Leben hatte er gebellt und sich dadurch verständlich gemacht.

Nach diesem Ereignis trat er den Herzen der Bewohner von Sierra Vista noch näher, und selbst der Stallknecht, dem er den Arm aufgerissen hatte, gab zu, daß er, wenn auch ein Wolf, doch ein kluges Tier sei. Richter Scott war derselben Ansicht und bewies seine Meinung von der Abstammung Wolfsbluts unter dem lauten Widerspruch der andern Familienmitglieder durch Maße und Beschreibungen, die er dem Konversationslexikon und verschiedenen naturwissenschaftlichen Werken entnommen hatte.

Die Tage kamen und gingen, und nie endender Sonnenschein überflutete das Tal von Santa Clara. Als aber die Tage kürzer wurden, und Wolfsbluts zweiter Winter im Südlande herannahte, da machte er die seltsame Entdeckung, daß Collies Zähne weniger scharf wären. Wenn sie ihn zauste, so geschah es mehr aus Neckerei und zum Scherz, ohne ihm wirklich wehe zu tun. Er vergaß, daß sie ihm einst das Leben zur Last gemacht hatte, und wenn sie ihn spielend umkreiste, so ging er gravitätisch darauf hin und versuchte selbst mutwillig zu sein, wobei er eine höchst lächerliche Figur spielte.

Eines Tages jagte sie lange auf den Wiesen, ja selbst bis in den Wald hinein, mit ihm herum. Es war an einem Nachmittage, als der Herr ausreiten wollte, und Wolfsblut wußte das. Das Pferd stand gesattelt vor der Tür, und Wolfsblut zögerte. Aber noch tiefer lag etwas in ihm, als all die Gesetze, die er gelernt, als all die Bräuche, die ihn geformt hatten, tiefer selbst als die Liebe zum Herrn und als der Wille zum Leben, und als Collie in dem Augenblick des Zauderns ihn zauste und vor ihm herlief, kehrte er um und rannte hinter ihr drein. Der Herr ritt an dem Tage allein aus, und im Walde lief Wolfsblut neben Collie her, wie einst vor vielen Jahren neben seiner Mutter Kische Einauge im stillen Walde des Nordens gelaufen war.

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