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Wolfsblut

Jack London: Wolfsblut - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleWolfsblut
publisherFriedrich Ernst Fehsenfeld
year1931
translatorM. Laue
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorMEsswein
senderwww.gaga.net
created20150225
modified20161206
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5. Kapitel. Unzähmbar

»Es ist hoffnungslos,« erklärte Weedon Scott, »ganz hoffnungslos.«

Er saß auf den Treppenstufen des Blockhauses und schaute den Hundetreiber an, der ebenfalls wie hoffnungslos mit den Achseln zuckte. Dabei blickten beide nach Wolfsblut hinüber, der mit gesträubtem Haar und zähnefletschend wild an der Kette zerrte. Matt hatte den Schlittenhunden verschiedene, von einem Stock unterstützte Lektionen erteilt, und sie hatten begriffen, daß sie Wolfsblut in Ruhe lassen müßten. Sie hatten sich in einiger Entfernung niedergelegt und scheinbar seine Existenz vergessen.

»Er ist ein Wolf, und da hilft kein Zähmen,« erklärte Scott weiter.

»Das weiß ich doch nicht so genau,« warf Matt ein. »Bei alledem, scheint mir, ist doch ein gut Teil vom Hunde in ihm. – Aber eines weiß ich ganz sicher, und das läßt sich nicht wegleugnen.«

Der Hundetreiber machte eine Pause und nickte vertraulich nach den Bergen hinüber.

»So tun Sie doch nicht so geheimnisvoll mit dem, was Sie wissen,« erwiderte Scott gereizt, nachdem er eine Zeitlang gewartet hatte. »Was ist es? Heraus damit!«

Der Hundetreiber deutete mit dem Daumen über die Schulter nach Wolfsblut hin.

»Wolf oder Hund, – das ist ganz gleich, aber gezähmt ist er schon.«

»Nein.«

»Ich sage ja. Und er ist auch schon angespannt worden. Schauen Sie sich ihn nur genauer an. Sehen Sie nicht die Spuren auf der Brust?«

»Sie haben recht, Matt. Er ist ein Schlittenhund gewesen, bevor der schöne Schmitt ihn in die Klauen bekam.«

»Und warum sollte er nicht wieder ein Schlittenhund werden?«

»Meinen Sie?« fragte Scott eifrig. Aber die Hoffnung schwand sogleich wieder, und er fügte kopfschüttelnd hinzu: »Wir haben ihn nun schon vierzehn Tage, und er ist noch ebenso wild, wenn nicht gar noch wilder wie am ersten Tage.«

»Haben Sie nur Geduld,« beschwichtigte Matt. »Lassen Sie ihn einmal eine Weile los.«

Der andere schaute ihn zweifelnd an.

»Ich weiß,« fuhr Matt fort, »ich weiß, daß Sie es versucht haben. Aber damals nahmen Sie auch keinen Stock mit.«

»Dann versuchen Sie es.«

Der Hundetreiber ergriff einen Knüttel und ging zu Wolfsblut hin. Dieser behielt, wie ein Löwe im Käfig die Peitsche des Tierbändigers auch nicht aus den Augen läßt, den Knüttel im Auge.

»Sehen Sie, wie er kein Auge von dem Stock läßt,« bemerkte Matt. »Das ist ein gutes Zeichen. Dumm ist der nicht. Der wird mir nichts tun, so lange ich den Stock bereit halte.«

Als die Hand des Mannes dem Halse des Hundes näher kam, wies Wolfsblut knurrend die Zähne und duckte sich. Allein wenn er auch die Hand beobachtete, er ließ den Knüttel, der drohend über ihm schwebte, dabei nicht aus dem Auge. Als Matt die Kette gelöst hatte, trat er zurück.

Wolfsblut konnte es nicht glauben, daß er frei sei. Seit Monaten – so lange er in Schmitts Besitz gewesen war – hatte er keinen Augenblick die Freiheit gekannt, außer wenn er losgelassen worden war, um mit andern Hunden zu kämpfen. Stets war er nach solchen Kämpfen gleich wieder eingesperrt worden.

Er wußte nicht, wie er sich seine Freiheit erklären sollte. Vielleicht war es nur eine neue Teufelei, welche die Menschen an ihm ausüben wollten. Er machte langsam und vorsichtig ein paar Schritte, jeden Augenblick gefaßt, daß man ihn angreifen würde. Er wußte nicht, was er tun sollte, denn die Situation war ihm so ungewohnt. Er hielt sich mißtrauisch von den beiden Männern entfernt und schritt bis zur Ecke des Blockhauses. Aber nichts geschah, und verwundert kehrte er wieder zurück und blieb ein Dutzend Schritte weit von den beiden stehen und schaute sie an.

»Wird er nicht weglaufen?« fragte der neue Eigentümer.

Matt zuckte die Schultern. »Das kommt auf den Versuch an. Wir werden es erst wissen, wenn wir es ausprobiert haben.«

»Armer Teufel!« murmelte Scott mitleidig. »Was dem fehlt, ist ein bißchen freundliche Behandlung,« fügte er hinzu. Dann stand er auf und ging ins Haus hinein.

Er kam mit einem Stück Fleisch heraus, das er Wolfsblut hinwarf. Dieser sprang davon weg und besah es sich voller Argwohn aus der Entfernung.

»Fort, Major!« rief Matt auf einmal aus, aber die Warnung kam zu spät. Einer der Schlittenhunde hatte einen Satz nach dem Fleisch gemacht, und als er es gerade gepackt hatte, stieß Wolfsblut ihn zu Boden. Matt stürzte hinzu, aber Wolfsblut war schneller als er. Major erhob sich taumelnd, das Blut quoll ihm aus dem Halse und färbte den Schnee rot.

»Es ist zu ärgerlich. Aber verdient hat er's eigentlich!« versetzte Scott rasch.

Matt hatte den Fuß erhoben, um Wolfsblut einen Tritt zu versetzen. Ein Sprung, ein Aufblitzen der Zähne, ein scharfer Schmerzensschrei, und Wolfsblut zog sich, fürchterlich knurrend, mehrere Meter weit zurück, während Matt sich bückte und das gebissene Bein untersuchte.

»Er hat mich ganz ordentlich gepackt,« verkündete er und deutete auf die zerrissene Hose und das ebenfalls zerrissene Unterzeug, das sich rot färbte.

»Ich sagte Ihnen ja, es ist hoffnungslos mit ihm, Matt,« seufzte Scott. »Ich habe mir die Sache immer wieder überlegt, denn ich konnte den Gedanken nicht loswerden. Aber nun ist es so weit gekommen. Es ist das einzige, was man tun kann.«

Bei diesen Worten zog er langsam den Revolver heraus und untersuchte die Ladung.

»Sehen Sie, Herr Scott,« entgegnete Matt, »der Hund hat letzthin ein Leben wie in der Hölle geführt. Da können Sie doch nicht erwarten, daß er weiß und leuchtend wie ein Engel daraus hervorgehen sollte. Geben Sie ihm doch nur Zeit!«

»Aber sehen Sie doch Major an,« versetzte der andere.

Der Hundetreiber blickte auf den verletzten Hund, der in den blutigen Schnee hingesunken war und offenbar in den letzten Zügen lag.

»Ihm geschah recht. Das sagten Sie ja selbst, Herr Scott. Er versuchte, Wolfsblut das Fleisch wegzunehmen, und dafür machte der ihn mausetot. Das war nicht anders zu erwarten. Ich möchte nicht soviel,« und er schnippte mit den Fingern, »für einen Hund geben, der nicht sich und sein Futter verteidigt.«

»Aber Sie selber, Matt! Es ist ja alles recht schön und gut, was die Hunde betrifft, aber dies Ihnen gegenüber ist doch ein bißchen zu weit gegangen.«

»Mir geschah ganz recht,« entgegnete Matt eigensinnig. »Wozu mußte ich ihm auch den Fußtritt geben! Sie sagten selber, er wäre im Recht gewesen, dann war ich also im Unrecht, ihn mit dem Fuß zu stoßen.«

»Es wäre nur eine Barmherzigkeit, wenn man ihn totmachte,« beharrte Scott. »Er ist doch nicht zu zähmen.«

»Na, sehen Sie, Herr Scott, geben Sie erst dem armen Teufel eine Gelegenheit, sich zu zeigen. Er hat ja noch gar keine gehabt. Er kommt wie aus der Hölle, und dies ist das erstemal, daß er in Freiheit ist. Versuchen Sie es noch einmal mit ihm, und wenn er wieder nichts taugt, dann will ich selber ihn töten. Ja?«

»Gott weiß, ich will seinen Tod nicht,« erwiderte Scott, indem er den Revolver einsteckte. »Wir wollen ihn frei herumlaufen lassen und sehen, was Güte bei ihm tun kann, und ich will gleich den Anfang damit machen.«

Er ging zu Wolfsblut hin und fing an, ihm leise und freundlich zuzusprechen.

»Nehmen Sie aber einen Stock mit,« riet Matt.

Scott schüttelte den Kopf und fuhr fort, um Wolfsbluts Zutrauen zu werben. Aber dieser traute dem Frieden nicht. Ihm drohte etwas. Hatte er nicht den Hund dieses Herrn getötet, seinen Gefährten gebissen, was konnte er da anders als eine schreckliche Strafe erwarten? Allein gegen eine solche erhob er sich im Zorn. Sein Haar sträubte sich und mit gespanntem Auge und kampfbereitem Körper ließ er den Mann ganz nahe kommen, da derselbe keinen Stock hatte. Und da kam auch schon die Hand und senkte sich langsam auf seinen Kopf herab. Wolfsblut kauerte in sich zusammen, aber er blieb sprungbereit, als er sich bückte. Hier drohte Gefahr, Verräterei oder Ähnliches. Er kannte die Hände der Menschen, wie geschickt, wie schlau sie im Wehetun waren. Er knurrte drohender, während er sich tiefer bückte, aber die Hand kam näher. Er wollte nicht beißen, er ertrug bis aufs äußerste die drohende Gefahr, bis der Instinkt, das unstillbare Verlangen zum Leben, die Oberhand gewann.

Weedon Scott hatte geglaubt, daß er den Biß rasch genug vermeiden könnte, doch er sollte erst die erstaunliche Schnelligkeit Wolfsbluts kennen lernen, der so flink und so sicher wie eine Schlange biß. Scott schrie überrascht auf, indem er die verletzte Hand mit der andern ergriff, und Matt stieß einen derben Fluch aus, als er an seine Seite sprang. Wolfsblut schritt geduckt rückwärts, zähnefletschend und mit bösem, drohendem Blick, denn nun konnte er so fürchterliche Prügel erwarten, wie er sie je von dem schönen Schmitt erhalten hatte.

»Matt, was machen Sie da?« rief Scott plötzlich aus. Matt war ins Haus gestürzt und kam mit einer Büchse heraus.

»Nichts,« antwortete er langsam und mit erheuchelter Ruhe, »ich will nur das ausführen, womit ich vorhin gedroht habe. Ich denke, ich schieße ihn tot.«

»Nein, das sollen Sie nicht.«

»Ich werde es doch! Passen Sie auf.«

Allein wie Matt vorhin für Wolfsblut gebeten hatte, so plädierte für ihn jetzt Weedon Scott.

»Sie haben doch selber gesagt, wir müßten ihm Zeit lassen, und das müssen wir tun. Wir haben doch erst einen Anfang gemacht und können nicht gleich die Geduld verlieren. Auch hatte ich es diesmal verdient, und – aber sehen Sie doch nur das an!«

Wolfsblut stand dicht an der Ecke des Blockhauses, in einer Entfernung von etwa vierzig Fuß, und knurrte fürchterlich, doch nicht gegen Scott, sondern gegen den Hundetreiber gewendet.

»Na, da hol' einen doch gleich der Henker!« rief dieser erstaunt aus.

»Sehen Sie nur, wie klug er ist,« versetzte Scott hastig. »Er kennt die Feuerwaffen ebenso gut wie Sie und ich. Er hat Verstand, und wir müssen ihm Zeit lassen. Stellen Sie einmal die Flinte weg.«

»Na schön, das will ich,« sagte Matt bereitwillig, indem er die Büchse an einen Holzstoß lehnte.

»Aber sehen Sie sich das nur an!« rief er im nächsten Augenblick aus, denn Wolfsblut hatte sich beruhigt und knurrte nicht mehr. »Dies ist der Mühe wert, näher untersucht zu werden. Passen Sie einmal auf.« Er griff nach der Büchse, und im selben Augenblick zeigte Wolfsblut die Zähne. Dann trat er von derselben zurück, und sogleich senkten sich die Lippen und die Zähne verschwanden. »Jetzt, bloß zum Spaß.«

Matt ergriff die Büchse und hob sie langsam zur Schulter empor. Sogleich begann Wolfsblut zu knurren und immer lauter, je länger das Manöver dauerte. Allein kurz bevor die Büchse schußbereit war, sprang er zur Seite und verschwand hinter der vorspringenden Ecke des Blockhauses. Matt starrte auf den Schnee, wo Wolfsblut soeben gestanden hatte. Dann stellte er feierlich die Büchse weg und blickte seinen Brotherrn an.

»Ich bin Ihrer Meinung, Herr Scott. Der Hund ist viel zu klug, um totgemacht zu werden.«

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