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Wolfsblut

Jack London: Wolfsblut - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorJack London
titleWolfsblut
publisherFriedrich Ernst Fehsenfeld
year1931
translatorM. Laue
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorMEsswein
senderwww.gaga.net
created20150225
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5. Kapitel. Der Bund mit dem Menschen

Der Dezember war zur Hälfte verstrichen, als der Graue Biber mit Klukutsch und Mitsah den Mackenzie hinaufzog. Den einen Schlitten, der mit gekauften oder geborgten Hunden bespannt war, kutschierte er selber, den andern kleineren, dessen Gespann aus jungen Hunden bestand, lenkte Mitsah. Dieser Schlitten war mehr ein Spielzeug, aber Mitsahs ganzer Stolz und ganze Freude, weil er fühlte, er beginne damit, in der Welt die Arbeit eines erwachsenen Mannes zu verrichten. Auch lernte er dabei, während die jungen Tiere eingefahren wurden, sie abrichten und lenken. Außerdem hatte der Schlitten seinen Nutzen; trug er doch fast zweihundert Pfund an Gerätschaften und Lebensmitteln!

Wolfsblut hatte gesehen, wie die Hunde der Indianer im Gespann gingen, also nahm er es nicht übel, als man ihn zum erstenmal anspannte. Man legte ihm dabei um den Nacken ein mit Moos wattiertes Halsband um, woran ein Riemen befestigt war, der um die Brust und über den Rücken ging, und an diesen war der lange Strick gebunden, mit dessen Hilfe er den Schlitten zog. In dem Gespann gingen sieben junge Hunde, die alle einen oder zwei Monate älter als Wolfsblut waren. Ein jeder war mit einem besonderen Strick an den Schlitten gebunden, und alle diese waren von ungleicher Länge, so daß der Unterschied mindestens die Körperlänge eines Hundes betrug. Jeder Strick war an einen Ring am vorderen Ende des Schlittens festgemacht, und dieser selbst hatte keine Kufen und war aus Birkenrinde gemacht, das Vorderende emporgebogen, um den Schnee leichter unterzupflügen. Durch diese Bauart verteilte sich das Gewicht der Ladung wie das des Schlittens auf die breiteste Fläche des weichen, lockeren Schnees. Nach demselben Prinzip breitete sich auch das Gespann der Hunde am Ende ihrer Stricke fächerförmig vor dem Schlitten aus, so daß keiner in die Fußtapfen des andern trat.

Noch einen andern Vorteil hatte jedoch diese Form des Gespanns. Die ungleiche Länge der Stricke hinderte die Hunde, sich, anzufallen; wollte einer den andern angreifen, so mußte er sich nach dem an einem kürzeren Stricke ziehenden umwenden, und dann befand er sich sowohl dem Angegriffenen als auch der Peitsche des Lenkers gegenüber. Allein der größte Vorteil dieses Gespanns lag darin, daß der Hund, der einen vorderen anfallen wollte, den Schlitten schneller ziehen mußte; bewegte sich dieser jedoch schneller, so konnte auch der Angegriffene schneller laufen, und so kein Hund den andern einholen, denn je flinker einer rannte, desto schneller lief auch der, hinter dem er her war, und desto flinker rannten alle andern. So vermehrte der Mensch durch Klugheit seine Macht über die Tiere.

Mitsah glich dem Vater auch darin, daß er ein gut Teil von dessen Schlauheit besaß. Er hatte früher beobachtet, daß Liplip Wolfsbluts Feind war, aber damals gehörte Liplip einem andern Indianer, und Mitsah hatte nur gewagt, ihn dann und wann mit einem Stein zu werfen. Jetzt, da Liplip sein Hund war, nahm er an ihm Rache, indem er ihn an den längsten Strick band. Zwar wurde Liplip dadurch zum Führer, was scheinbar eine Ehre war, aber in Wirklichkeit nahm ihm das jede Ehre, denn nun wurde er von den andern gehaßt und verfolgt, anstatt sie zu beherrschen und anzuknurren. Da er an dem längsten Strick zog, kam es den andern immer vor, als liefe er vor ihnen weg. Sie sahen nur seinen buschigen Schwanz und die fliegenden Hinterbeine – ein viel weniger einschüchternder Anblick als gesträubte Nackenhaare und blitzende Zähne. Auch erzeugt der Anblick eines fliehenden Hundes – das liegt in der geistigen Beschaffenheit der Tiere – das Verlangen, ihm nachzurennen, und das Gefühl, als liefe er aus Angst vor ihnen davon.

Von dem Augenblick an, wo der Schlitten losfuhr, jagte also das Gespann hinter Liplip her, und so ging es den ganzen Tag hindurch. Zuerst versuchte jener, zornig wie er war und eifersüchtig auf seine Würde, sich gegen die Verfolger umzuwenden, aber dann pflegte Mitsah die Schmitze der dreißig Fuß langen Peitsche aus Renntierdärmen ihm ins Gesicht zu schnellen, was ihn zur Umkehr und zum Weiterlaufen zwang. Wohl konnte Liplip den Hunden die Stirn bieten, aber nicht der Peitsche, und es blieb ihm nichts übrig, als den Strick straff zu erhalten und die Beine aus dem Bereich der Zähne seiner Verfolger zu bringen.

Allein in den Tiefen des Indianergemüts lauerten noch tückischere Ränke und Kniffe. Um den Führer zur Zielscheibe unaufhörlicher Verfolgung zu machen, schmeichelte ihm Mitsah vor den andern Hunden und erregte durch Gunstbezeugungen in ihnen Haß und Eifersucht. In ihrer Gegenwart pflegte er ihn, aber nur ihn, zu füttern, was sie wie toll aufregte. Sie rasten dann um ihn herum, dicht außerhalb des Bereichs der Peitsche, während Liplip das Fleisch verzehrte, und Mitsah ihn bewachte, und wenn kein Fleisch mehr da war, so pflegte Mitsah das Gespann in der Entfernung zu halten und so zu tun, als ob er ihn noch weiter füttere.

Die Arbeit gefiel Wolfsblut. Er war weiter als einer der andern Hunde gewandert, um sich den Menschen zu unterwerfen, und er hatte gründlicher als jene gelernt, wie nutzlos es sei, sich ihrem Willen zu widersetzen. Auch ließ die Anfeindung, die er von dem Rudel erduldet hatte, dieses ihm weit unwichtiger erscheinen als den Menschen. Er war nie auf den Verkehr mit seinesgleichen angewiesen gewesen und hatte Kische fast ganz vergessen, also fand, was er an Anhänglichkeit besaß, seinen Ausdruck in der Treue, die er den Menschen, die er als seine Herren anerkannt hatte, darbrachte. So arbeitete er fleißig und war gehorsam. Treue und Willigkeit zeichneten ihn bei der Arbeit aus. Das sind wesentliche Charakterzüge des gezähmten Wolfes und des wilden Hundes, und Wolfsblut besaß sie in ungewöhnlich hohem Grade.

Sein Verhältnis zu den andern Hunden war und blieb feindselig. Er hatte nie mit ihnen gespielt, er verstand darum nur mit ihnen zu raufen, wobei er hundertfach die Bisse zurückgab, die er in den Tagen, als Liplip Führer des Rudels gewesen war, empfangen hatte. Allein Führer war dieser nur noch insoweit, als er am Ende eines Strickes vor den Gefährten herlief, und der Schlitten hintennach stolperte. Im Lager hielt er sich dicht an Mitsah, an den Grauen Biber oder Klukutsch. Er wagte sich nicht von ihnen hinweg, denn dann waren die Zähne aller Hunde gegen ihn gerichtet, und er kostete die Verfolgung, die er früher Wolfsblut angedeihen ließ, bis auf die Hefe aus.

Da Liplip als Anführer des Rudels abgesetzt war, so hätte Wolfsblut jetzt seine Stelle einnehmen können. Aber dazu stand er zu einsam und war zu verdrossen. Er strafte nur die Genossen, sonst ließ er sie in Ruhe. Auch gingen sie ihm aus dem Wege, wenn er herkam, und der Frechste unter ihnen wagte es nicht, ihm ein Stück Fleisch zu stehlen; im Gegenteil verzehrten sie den eignen Bissen hastig, aus Furcht, daß er ihnen davon wegnehmen würde. Wolfsblut kannte gut das Gesetz: Unterdrückung dem Schwachen, Gehorsam dem Starken. Er verschlang seinen Anteil so rasch er konnte, und wehe dem Hunde, der dann nicht fertig war. Ein Knurren, ein Aufblitzen der Zähne, und bitter beklagte sich der andere bei den gleichmütigen Sternen über seinen Verlust, während Wolfsblut die Portion des Beraubten hinunterschlang. Dann und wann empörte sich einer gegen eine solche Behandlung, wurde aber schnell zum Schweigen gebracht.

So blieb Wolfsblut in der Übung. Er war eifersüchtig auf die einsame Stellung, die er sich geschaffen hatte, und verteidigte dieselbe. Aber solche Kämpfe waren von kurzer Dauer; er war für die andern zu flink. Sie bluteten, bevor sie wußten, was geschehen war, und waren geschlagen, bevor sie sich noch gewehrt hatten.

So streng wie die Zucht von seinen Herren war auch die, die Wolfsblut bei den Genossen anwandte. Er ließ ihnen nichts durch, er zwang sie zu unablässiger Achtung. Unter sich konnten sie tun, was sie wollten, das ging ihn nichts an, aber sie mußten ihn in seiner Abgesondertheit in Ruhe lassen, ihm aus dem Wege gehen, wenn es ihm einfiel, sich unter sie zu mischen, kurz, seine Überlegenheit anerkennen. Wer es sich einfallen ließ, ihm mit steifen Beinen entgegen zu gehen, ihm die Zähne zu weisen oder das Haar zu sträuben, der konnte darauf gefaßt sein, mit unbarmherziger Grausamkeit angegriffen und zur Vernunft gebracht zu werden. Er war ein fürchterlicher Tyrann, und seine Macht unbeugsam wie Stahl. Nicht umsonst war er in der Kindheit dem mitleidslosen Kampf ums Dasein ausgesetzt gewesen, als er und die Mutter allein und ohne Hilfe sich durchschlagen und in der feindseligen Umgebung der Wildnis das Leben fristen mußten. Nicht umsonst hatte er gelernt, leise aufzutreten, wenn ein Stärkerer vorüberging. Er bedrückte zwar die Schwachen, aber die Starken respektierte er, und während der langen Reise mit dem Grauen Biber schlich er unter den erwachsenen Hunden im Lager der fremden Indianer, die sie unterwegs trafen, leise umher.

Die Monate verstrichen. Die Fahrt des Grauen Biber ging immer weiter. Wolfsbluts Kräfte wuchsen durch die unaufhörliche Arbeit langer Stunden vor dem Schlitten, und es sah aus, als ob auch seine geistige Entwicklung zur Reife gekommen sei. Er kannte jetzt die Welt, in der er lebte, gründlich; es war eine öde, materialistische Welt. Ihm erschien sie rauh und roh und ohne Wärme, eine Welt, worin Liebkosungen und Zuneigung und die sanfteren Regungen des Gemüts nicht vorhanden waren.

Was er für den Grauen Biber fühlte, war keine Zuneigung. Der war sein Herr, aber ein rauher Herr. Wolfsblut erkannte gern seine Überlegenheit an, aber nur weil dieselbe sich auf höhere Klugheit und größere Stärke stützte. Es lag in Wolfsbluts Wesen etwas, das nach einem Herrn verlangte, sonst würde er nicht aus der Wildnis zurückgekommen sein, um sich einem Höhern zu unterwerfen. Es gab in seiner Natur Tiefen, die bis jetzt nie ergründet worden waren. Ein freundliches Wort, eine liebkosende Berührung hätte bis in diese Tiefen dringen können, aber der Graue Biber streichelte ihn nicht, noch sprach er freundliche Worte zu ihm. Das war nicht seine Weise. Seine Überlegenheit zeigte sich nur dadurch, daß er Gerechtigkeit mit einem Stock austeilte, Übertretungen durch einen Schlag züchtigte, aber das Verdienst wurde nicht durch Güte belohnt, sondern nur dadurch, daß er keinen Schlag bekam.

So wußte Wolfsblut nichts von dem, was die Hand eines Menschen für ihn Gutes enthalten konnte. Auch liebte er die Hände der Menschen nicht; sie waren ihm verdächtig. Zwar teilten sie manchmal Fleisch aus, doch öfters noch Pein und Schmerz. Es war besser, ihnen fernzubleiben. Mit ihnen wurden Steine geworfen, Knüttel und Peitschen geschwungen, Schläge und Püffe ausgeteilt, und wenn sie einen anrührten, so zwickten, knufften und kniffen sie. In den fremden Dörfern lernte er auch die Kinderhände kennen und erfuhr, wie grausam die sein können. Einmal wäre ihm fast ein Auge von einem Bürschchen, das kaum gehen konnte, ausgestoßen worden. Solche Erfahrungen machten ihn gegen alle Kinder mißtrauisch. Er mochte sie nicht leiden, und wenn sie mit den unheilverkündenden Händen ihm zu nahe kamen, so stand er auf und ging weg.

In einem Dorfe am Großen Sklavensee lernte er eine Abänderung des Gesetzes kennen, das ihm der Graue Biber eingebläut hatte, des Gesetzes, daß es ein unverzeihliches Verbrechen sei, einen Menschen zu beißen, indem er sich gegen ein ihm zugefügtes Unrecht empörte. In dem Dorfe ging Wolfsblut, wie es die Hunde zu tun pflegten, auf Raub aus. Ein Indianerknabe hieb gerade mit einem Beil gefrorenes Elchfleisch in kleine Stücke, und es flogen Bröckchen davon in den Schnee. Wolfsblut, der gerade vorbeischlich, blieb stehen und begann die Bröckchen zu verzehren. Da sah er, wie der Bursche das Beil niederlegte und einen derben Knüttel ergriff. Wolfsblut sprang zur Seite, als der Schlag ihn eben treffen sollte. Der Junge verfolgte ihn, und da Wolfsblut im Dorfe fremd war, so verirrte er sich zwischen zwei Wigwams und sah plötzlich einen hohen Erdwall vor sich. Hier war kein Entkommen. Der einzige Ausweg führte an den Wigwams vorbei, und den hütete der Knabe. Indem dieser den Knüttel hoch hielt, ging er auf das in die Enge getriebene Tier los. Wolfsblut war wütend. Sein Gerechtigkeitsgefühl war verletzt, und er kehrte sich zähnefletschend und mit gesträubtem Haar gegen den Knaben. Er wußte, daß alle Fleischabfälle den Hunden gehören, die sie fanden. Er hatte darum nichts Unrechtes getan, kein Gesetz verletzt, und doch wollte der Bursche ihn schlagen. Wolfsblut wußte kaum, was er tat, so schnell übermannte ihn die Wut, und es geschah alles so schnell, daß auch der Knabe erst zur Besinnung kam, als er sich im Schnee liegend fand, während die Hand, welche den Knüttel hielt, eine breite Wunde von Wolfsbluts Zähnen zeigte.

Aber Wolfsblut wußte, daß er das Gesetz übertreten hatte, indem er das geheiligte Fleisch eines Gottes mit den Zähnen zerrissen hatte; und eine schreckliche Strafe konnte seiner nur warten. Er lief zu dem Grauen Biber, hinter dem er sich verkroch, als der gebissene Knabe, von der ganzen Familie gefolgt, kam, um Rache zu verlangen. Der Graue Biber verteidigte Wolfsblut, dasselbe taten Mitsah und Klukutsch. Wolfsblut, der den Wortwechsel anhörte und die ärgerlichen Gebärden beobachtete, begriff, daß seine Handlungsweise gerechtfertigt wurde, und er lernte einsehen, daß es auch unter den Göttern einen Unterschied gab. Ob Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit in den Handlungen sei, das war einerlei! Von den eigenen Herren mußte man alles hinnehmen! Doch von den andern sich Ungerechtigkeiten gefallen zu lassen, dazu war man nicht verpflichtet. Da hatte man das Vorrecht, die Zähne zu gebrauchen, – so wollten es die Götter!

Ehe der Tag zu Ende ging, sollte Wolfsblut noch mehr über dies Gesetz erfahren. Als Mitsah im Walde Brennholz sammelte, traf er auf den gebissenen Jungen. Eine Menge Knaben waren bei ihm, und es kam zu heftigen Worten. Alle griffen Mitsah an, dem es übel erging, denn es regnete auf ihn Schläge von allen Seiten. Zuerst sah Wolfsblut zu. Es war eine Angelegenheit der Menschen und ging ihn nichts an. Als ihm jedoch klar wurde, daß Mitsah, einer seiner Herren, mißhandelt wurde, da ließ ihn zwar kein bewußter Trieb handeln, aber von wildem Zorn getrieben, sprang er unter die Kämpfenden. Fünf Minuten später flohen die Knaben nach allen Richtungen, und der Schnee färbte sich mit ihrem Blut zum Zeichen, daß Wolfsbluts Zähne bei einigen nicht müßig gewesen waren. Als Mitsah das Erlebnis den Seinen im Lager erzählte, ließ der Graue Biber Wolfsblut Fleisch, und sogar sehr viel Fleisch geben, und dieser lag darauf vollgestopft und schläfrig vor dem Feuer und wußte, daß er recht getan hatte.

Durch solche Erfahrungen begriff er das Gesetz vom Eigentum und die Pflicht, dasselbe zu verteidigen. Vom Schutze seines Herrn zur Behütung seines Besitztums war nur ein Schritt, den er schnell machte. Was dem Herrn gehörte, mußte gegen die ganze Welt verteidigt werden, auch auf die Gefahr hin, andere Götter dabei zu verletzen. Eine solche Tat war zwar gefährlich, aber nicht frevelhaft. Zwar war ein Hund den Menschen nicht gewachsen, dazu waren sie zu mächtig, aber Wolfsblut lernte es doch, ihnen unerschrocken und mutig die Stirn zu bieten. Die Pflicht ging über die Furcht, und Diebe lernten das Eigentum des Grauen Biber in Ruhe lassen.

Schnell begriff Wolfsblut, daß ein Dieb gewöhnlich auch ein Feigling war, der beim ersten Lärm davonlief, und daß beim Lärmschlagen der Graue Biber ihm in kurzer Zeit zur Hilfe käme. Auch merkte er, daß der Dieb nicht so sehr Furcht vor ihm hatte als vor dem Grauen Biber. Durch Bellen schlug aber Wolfsblut nicht Lärm, denn er bellte nie. Er griff vielmehr den Eindringling sogleich an und versuchte, ihn zu beißen. Da er sich um die andern Hunde nicht kümmerte, sondern einsam und ungesellig lebte, so war er ungemein geeignet, das Eigentum des Herrn zu bewachen und darin wurde er von dem Grauen Biber bestärkt. Die Folge war, daß Wolfsblut immer wilder, unzähmbarer und einsamer wurde.

Die Monate vergingen, und das Bündnis zwischen Hund und Mensch wurde immer enger. Die Bedingungen waren einfach. Für einen Gott aus Fleisch und Blut tauschte Wolfsblut die eigene Freiheit ein und empfing dafür Speise und Feuer, Schutz und Gesellschaft. Dagegen behütete er das Eigentum des Herrn, schützte den Leib desselben, arbeitete für ihn und gehorchte ihm, denn einem Gotte gehören, bringt Dienstbarkeit mit sich. Wolfsblut diente ebensosehr aus Pflicht als aus Furcht, doch nicht aus Liebe. Die kannte er nicht, denn er hatte dieselbe nie erfahren. Kische war nur noch eine blasse Erinnerung. Allein derart waren die Bedingungen, die ihn mit den Menschen verknüpften, als er das freie Leben der Wildnis und den Verkehr mit seinesgleichen aufgegeben und sich dem Menschen unterworfen hatte, daß er den Herrn nicht wieder hätte aufgeben und zu Kische zurückkehren können, wäre sie ihm je wieder begegnet. Seine Treue gegen den Herrn schien ihm ein Gesetz für sich, das höher stand als die Liebe zur Freiheit und zu den eigenen Blutsverwandten.

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