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Wolfs Geschichten um ein Bürgerhaus - Zweites Buch: Vor Bismarcks Aufgang

Wilhelm Langewiesche: Wolfs Geschichten um ein Bürgerhaus - Zweites Buch: Vor Bismarcks Aufgang - Kapitel 8
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authorWilhelm Langewiesche
titleWolfs Geschichten um ein Bürgerhaus ? Zweites Buch: Vor Bismarcks Aufgang
publisherWilhelm Langewiesche
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So sah Mathilde sich nun in dem dämmernden Gemäuer allein. Aber sie gab weder seinem melancholischem Zauber, noch den sehnsüchtigen Gedanken ihres Herzens sich hin, vielmehr ließ sie sich ernstlich angelegen sein, wie sie den Vater mit dem Vorschlag der gewünschten neuen Nuance empfangen könnte. Lange vermochte sie keine Möglichkeit noch nicht dagewesener Beleuchtungseffekte zu erkennen. Da fiel ihr Blick auf den romanischen Doppelbogen des Turmfensters, durch das Frau van Bornevelde einst, den Tod erwartend, des Friedens der weiten Landschaft und der Beruhigung des gestirnten Himmels teilhaftig geworden war. Und sie bedachte: wenn dieser schöne Bogen da oben durch ein besonders gefärbtes Licht von innen heraus beleuchtet würde, so möchte das am Ende wohl die gewünschte neue Nuance abgeben. Und erreichen ließ sich das Fenster. Wie oft hatte sie mit ihren Gespielinnen da oben gesessen, obwohl oder weil der Herr Rektor den Schülern und erst recht den Schülerinnen das Klettern in der Ruine strengstens verboten und der Bürgermeister den Polizeidiener Effertz angewiesen hatte, dergleichen Unfug zur Anzeige zu bringen.

Unwillkürlich suchten jetzt zuerst die Augen und dann die Füße sich den Weg zur Höhe, und nach fünf Minuten flatterte das weiße Pikeekleidchen lustig im Turmfenster. Aber als Mathilde, der schönen Aussicht ersättigt, zum Abstieg sich anschickte, da wollte und wollte der nächste Mauervorsprung, von dem aus sie doch so leicht den letzten Schritt heraufgetan, sich auf keine Weise von ihrem Fuß erreichen lassen, auch der Hand kein Halt sich darbieten. Ihr ward ganz ängstlich zumute, und sie verspürte ein unbekanntes und höchst ungemütliches Gefühl am Herzen und in den Knieen. Sie trat in den Fensterbogen zurück und umklammerte die steinerne Mittelsäule, deren Festigkeit sie beruhigte. – Aber was tun? Sie konnte sich doch vom Vater nicht hier oben finden lassen, der dann nicht wenig schelten und am Ende gar die Feuerwehr mit der neuen großen Brandleiter requirieren würde. Wenn doch wenigstens Friederike wiederkäme! –

»Nur ei-ne, ei-ne Morgenglo-ckenur ...« klang ein frischer Tenor zu ihr herauf und nochmals: »Nur ei-ne, ei-ne Morgenglo-cke nur ...«, und sie erkannte den Sänger, der soeben aus einem Gehölz trat und nun auf dem Wiesenweg gerade auf ihren Turm zuschlenderte. Es war Michel Ritter, der augen- oder vielmehr ohrenscheinlich für morgen noch ein wenig übte. »Schade, Friederiken ihrer!« war ihr erster Gedanke, daß er ganz sicher sie aus ihrer fatalen Lage befreien würde, ihr zweiter, und daß sie jetzt für eine Viertelstunde Friederike spielen müsse, ihr dritter. Und bei dem verweilte sie. Es sollte ja gewiß und wahrhaftig keine Untreue sein, weder gegen die Schwester, noch gegen ihren eigenen guten Heimich Krönlein, Aber auf keinen einzigen Fall durfte Herr Ritter jetzt wieder wie neulich unsicher gemacht werden, auf gar keinen Fall! Vor und während und nach ihrer Lebensrettung – was auch immer er sagen und fragen und tun würde, sie würde als Friederike ihn anhören und als Friederike ihm antworten, als Friederike auch, wenn es denn sein mußte, je nachdem dulden oder handeln. Und sehnlicher noch als sie vorhin die Schwester herbeigewünscht hatte, wünschte sie jetzt, daß jene fernbleiben möge.

Inzwischen hatte Michel das Pikeekleidchen gesehen und »Friedemath« erkannt, mehr zu erkennen würde hier auch der Pastorin astronomisches Unterscheidungsvermögen nicht imstande gewesen sein. Höflich zog er den Hut: »Nabend, Fräulein Weynandts!« – »Nabend, Herr Ritter!« – »Sie bewundern wohl den Sonnenuntergang?« – »Ja.« – »Allein?« – »Ja.« – »Fräulein Mathilde oder Fräulein Friederike?« – »Leider Friederike.« – »Wieso leider?« – »Das war freilich nicht sehr schwesterlich gedacht. Ich kann nämlich nicht wieder hinunter.« – Und sie erklärte ihm die Situation. Er trat in die Ruine ein und stellte fest, daß er wohl leicht zu ihr hinauf, auch ohne sie allenfalls wieder heruntergelangen könnte, aber nicht mit ihr. Auch sah sich die Tiefe im Innern angesichts des klaffenden Kellers entschieden gefährlicher an als von außen, wo sie durch eine natürliche Erdwelle beträchtlich gemildert war. Man beriet hin und her. Schließlich stellte Herr Ritter die vermeintliche Geliebte seines Herzens vor die Alternative: entweder sie springe einfach herunter, wobei sie zuversichtlich vertrauen dürfe, daß er sie kunstgerecht auffange, denn dergleichen habe er ja im Feuerkorps oft genug geübt, oder er hole die Brandleiter, womit freilich Zeit vertan, auch einige Öffentlichkeit sich nicht vermeiden lassen werde. – Sie schloß die Augen ... das Pikeekleidchen raschelte ... und dann lag oder hing sie in seinen starken Armen, die etwas inniger als nötig gewesen wäre sie umschlangen. Alsbald aber stellte Herr Ritter die ihm zugeflogene Schöne neben sich ins Gras und bat ritterlich, sie nach Hause begleiten zu dürfen. Noch bevor sie den Park verließen, hatte er ihr Jawort, und ein langer Kuß, der ihr gar nicht so peinlich war, wie sie erwartet hatte, besiegelte das stellvertretende heimliche Glück.

Inzwischen hätte, durch den Laubengang stürmend, der Polizeidiener Effertz, zu dessen abendlichen Obliegenheiten es gehörte, Liebende mit Strenge auf den Wegen des Parkes und der Tugend zu halten, den meditierenden Geistlichen beinahe überrannt, »Um Jotteswillen, Herr Pastohr, et is en Malheur passiert!« Und er berichtete, jenen mit fortreißend, daß er vor zwei Minuten von weitem gesehen hätte, wie eine Frauensperson, unverkennbar in selbstmörderischer Absicht, sich aus dem Turmfenster in die Tiefe gestürzt habe. Der geistliche Herr lief mit, daß seine schwarzen Rockschöße nur so flogen: wie würde er mit solchem Erlebnis morgen der Gemeinde ans Herz greifen können! Als die beiden den Turm erreichten, fanden sie niemand und nichts. – »Dann is et en Jeschpens jewesen, Herr Pastohr!« – »Pfui, Effertz, solch' sündhaft heidnischen Aberglauben hätt' ich Euch aber wirklich nicht zugetraut!« – »Ja, dann war et en Engel, Herr Pastohr, aber jesehen han ich jet, dat lass' ich mich net nähme.«

Als Mathilde und ein wenig später auch Friederike daheim anlangten, fanden sie die Eltern in der vergnüglichsten Stimmung, und der Vater erzählte schmunzelnd, als er mit der Mutter eben im Begriffe gewesen, den Töchtern in den Stadtpark zu folgen, sei von der Jagd heimkehrend, der Fürst Salm-Reifferscheidt-Dyck an der Apotheke vorgefahren und habe erklärt: die kürzlich entnommenen Alkoholika seien von so hervorragender Güte und Preiswürdigkeit, daß er, was an Kognak, Tokayer, Bordeaux und Samos irgend entbehrlich sei, sofort mitnehmen wolle. Zugleich habe der hohe Herr eine Bestellung auf insgesamt zweitausendzweihundertfünfundzwanzig Flaschen zurückgelassen und das sehr gütige Versprechen, bei der nächsten Gelegenheit Seine Majestät den König, der ja persönlich ein hervorragender Kenner und Liebhaber sei und natürlich einen sehr großen Bedarf habe, auf die Leistungsfähigkeit der Adlerapotheke aufmerksam zu machen. Ein Stündchen später, als in »Friedemaths« Stube das Licht ausgelöscht war und die Schwestern in der Dunkelheit unter Gekicher und Schluchzen einander vom Bett aus die verschiedensten Geständnisse und Versprechungen gemacht und somit alles ins reine gebracht hatten, klopfte Mathilde mit ihrem Pantöffelchen dreimal sanft auf den Fußboden: für die darunter im Wohnzimmer sitzende Mutter das verabredete Zeichen, daß sie sich behufs Beichte und versprochener Generalabsolution heraufzubemühen habe.

Wenn nun die gute Apothekerin bei »Friedemath« ja auch auf manches gefaßt war: die Art, wie Mathilde Herrn Michel Ritter Friederiken geradezu an den Hals geworfen, wie sie ihm der Schwester Jawort gegeben und besiegelt hatte, wollte ihr denn doch nicht in den Sinn. »Du lieber Gott, nein, was würde meine selige Mutter zu solcher Beichte gesagt haben?« meinte sie nachdenklich ... »Ja,« antwortete Mathilde unerwartet, »Großmutter hat aber auch nicht, wie du, wider den heiligen Geist der Natur gesündigt!« – »Wieso, du Gänschen?« – »Na, weil du doch, was die Natur in ihrer unerschöpflichen Gestaltungskraft bekanntlich niemals tut, zweimal genau dasselbe hervorgebracht hast.« – »Wenn er nur um Gottes willen nichts merkt!« sorgte sich die Mutter, aber die Mädchen lachten: das solle sie nur ihre Sorge sein lassen.

Am andern Vormittag während der Predigt zerbrachen nicht wenige Andächtige sich den Kopf, warum wohl Herr Michel Ritter heute, bevor er sich niedersetzte, statt seines gewöhnlichen Sonntagshutes seinen Zylinder betend vors Gesicht gehalten habe. Als aber nach dem Gottesdienst eben dieser Zylinder, glänzend und stattlich genug, auf die Adlerapotheke zu sich in Bewegung setzte, da wußten es alle: »Friedemath«. Und in der »Gesellschaft« wagte Herr Oskar Windemann, der unter den wenigen sonntäglichen Frühschöpplern niemals fehlende, eine Flasche »Fünfzehner« auf Mathilde zu setzen, die er nun freilich verlor. Denn erst acht Tage später hielt Herr Heinrich Krönlein um Mathilde an.

Die verschwägerten Freunde aber beschlossen, des schwiegerväterlichen Protestes ungeachtet, daß von den beiden Bräuten eine hinfort Ohrringe tragen müsse. Und da beide hierzu mit der allergrößten Freude bereit zu sein versicherten, vorausgesetzt, daß die Ohrringe an sich hübsch wären, mußte das Los entscheiden: Es fiel auf Mathilde. Das war »Friedemaths« Tod.

Wenn auch zugegeben werden muß, daß der Erste, der in Deutschland für das eintrat, was wir heute großzügige Verkehrspolitik nennen, Friedrich List, ein Württemberger war, so darf doch Bayern die Heimat des deutschen Eisenbahnwesens genannt werden. Zum ersten weil, wie jederman weiß, die erste deutsche Eisenbahn 1835 zwischen Nürnberg und seinem Ghetto Fürth in Betrieb gesetzt wurde. Diese Unternehmung begann mit elf lebendigen Pferden und einem Dampfroß, das auf den Namen »Adler« getauft war. Und der tüchtige Lokomotivführer, der diesen deutschen Adler das Fliegen lehrte, hieß Wilson und sprach nur englisch und verstand nur englisch. – Zum andern weil schon 1807 der Direktor des bayerischen Bergbaues, Joseph von Baader in München, vorgeschlagen hat, die bedeutendsten Städte Bayerns durch Schienenwege miteinander zu verbinden. König Ludwig der Erste, jenes – nach Goethe, den er an leidenschaftlicher Liebe zu Italien und an Zahl der diesem Lande gewidmeten Distichen weit übertrifft, wie er denn auch nicht weniger als zweiundfünfzigmal nach Rom gereist ist – »merkwürdige und vielbewegliche Individuum auf dem Throne«, dessen Verdienste um den Handels- und Zollverein und damit um den wirtschaftlichen Aufschwung der Nation unvergessen sein sollen, hat achtzehn Jahre später Baadern ermöglicht, mit seinen Ideen im Nymphenburger Schloßpark zu experimentieren, wobei überraschte, welche gewaltigen Lasten ein einziges Pferd mittels einer Bergwinde auf solchem Schienenweg ohne sonderliche Anstrengung auch steiles Gelände hinaufzubewegen vermochte. – Und hat nicht auch jener unglückliche Große, Friedrich List, bevor er enttäuscht und verbittert freiwillig darauf verzichtete, den Sieg seiner Verkehrs- und handelspolitischen Gedanken abzuwarten – hat er nicht gerade ein bayerisches Eisenbahnnetz und dessen Verbindung mit den norddeutschen Seestädten ausgearbeitet?

König Ludwig der Erste, der Kunstwütige, der aber doch durchaus mehr war, als der Schöpfer guter Bauten und schlechter Verse, hat dann auch die Warnung seiner Kammer in den Wind geschlagen, daß, wer Eisenbahnen erbaue, Drachenzähne säe, die eine Revolution erzeugen würden. Klug und weiten Blickes hat er, in dessen seltsam konstruierter Seele neben der Bewunderung Goethes und dem entschiedensten Katholizismus noch so vieles lebte, in seinem Lande das neue Verkehrsmittel vielmehr auf jede Weise gefördert, und zwar ohne die Reisenden durch zwei die Schienen begleitende Bretterzäune des Genusses der Landschaft zu berauben, die in Bayern überall sich sehen lassen kann. Denn solche Einzäunung aller Bahnstrecken hatte die Weisheit eines ärztlichen Büreaukratenkollegiums in Bayern den Eisenbahnerbauern gesetzlich vorschreiben wollen, auf daß die von ihr vorausgesehene Gehirnerkrankung – delirium furiosum – auf die Reisenden beschränkt bleiben und nicht auch noch harmlose Untertanen befallen sollte, wenn sie etwa unversehens des Anblicks eines dahinbrausenden Zuges teilhaftig würden.

Ein Revolutiönchen war freilich gekommen. Und es hatte den guten König sogar veranlaßt, sich, zunächst ein wenig scheltend, zu Ruhe zu setzen, wobei der Redliche sich noch beeilte, als Privatmann dem bayerischen Staat die anderthalb Millionen Gulden zurückzuerstatten, mit denen er als König den griechischen Thron seines Sohnes Otto ausgebessert hatte ... Aber an diesem Revolutiönchen waren doch vielleicht mehr die Augen der spanischen Tänzerin Lola Montez schuld, die ihm die Münchner mißgönnten, als die von den Eisenbahnbaumeistern ausgesäten Drachenzähne. (»Hieße sie Loyola Montez, so wäre alles still geblieben,« meinte der König.) Und jedenfalls rollten schon viele Züge auf manchen bayerischen Strecken, als der Staat im Jahre der Abdankung des Königs, 1848, die gesamte »Nordsüdbahn« Hof-Kaufbeuren in Betrieb nahm.

So fand die blonde Kommerzienrätin vom Niederrhein, nachdem sie mit ihrem Trüpplein auf dem Maindampfer nach Würzburg geschwommen war, manche bequeme Gelegenheit zur Weiterreise wovon sie freilich sich nicht abgängig machte, vielmehr eines alten Nestes wegen bisweilen ganz gern der Postkutsche sich bediente. Auch durch die Erbauung eines Wasserweges vom Main zur Donau hatte der tüchtige König seinem Lande nützen wollen, und es war gewiß nicht seine Schuld, wenn der Kanal – der ihn noch wichtiger däuchte als alle bayerischen Eisenbahnen zusammen – infolge allzu bescheidener Maße von Anfang an seinem Zweck nicht ganz entsprechen konnte. Hans und Fritz Wolf, die alles interessierte, was mit Schiffahrt zusammenhing, hielten im Blick auf die Landkarte diesen Kanal für ein Weltwunder. So hatten sie in Bamberg ihrer Mutter keine Ruhe gelassen: Man mußte die vor wenigen Jahren fertiggestellten Anlagen durchaus mehrmals sehr eingehend besichtigen. Dafür hatten sie ihrerseits dann auch ganz brav alles mitbewundert, was das deutsche Venedig an mittelalterlicher Baukunst bot, wobei sich im Dom einmal eine unerwartete und heitere Begegnung ergeben hatte ... Man war beim Betrachten der Bildwerke des Innern an die Sibylle gekommen, die einige für die heilige Mutter Anna halten, als der kleine Walter plötzlich ausgerufen hatte: »Herr Schlüpjes! Herr Schlüpjes!« Ganz erschrocken hatte die Mutter sich umgewandt, aber da war niemand. Und mit einemmal hatten sie alle gewußt, was er meinte: das Gesicht der Sibylle glich, von der beschädigten Nase abgesehen, überraschend dem des frommen Webers, Totengräbers und Stundenhalters. Daß sie den Alten nicht wiedersehen sollten, hatten sie freilich nicht gedacht. Nun war man seit vierzehn Tagen in Nürnberg und Frau Anna konnte sich nicht losreißen. Wie in einem lieblichen Märchen wandelte sie durch die alten Straßen. Nie hatte eine Stadt solchen Eindruck auf sie gemacht, nie hatte sie so sich als Deutsche, nie sich mit der Vergangenheit so verbunden gefühlt. Wie gehörte hier alles dem Boden an, auf dem es stand, und wie stark und wie einheitlich war dies alles. Sogar, daß das deutsche Florenz der alten Zeiten jetzt von Leuten bewohnt war, die Männerchen schnitzten oder laufende Mäuse fabrizierten, war gewiß nur folgerichtig. Mit großmütterlichen Augen hatte Frau Anna in den Magazinen der Herren Roth und Rau die Erzeugnisse der gegenwärtigen Nürnberger Industrie besichtigt, diese Puppen, die man für Kinder halten konnte, diese zierlichen, genau und mit ersichtlicher Freude der Wirklichkeit nachgebildeten Schweizerhäuschen und die Elfenbeinschnitzereien. War solche liebevolle Beherrschung des Stoffes nicht auch ein Erbe von Veit Stoß und Adam Kraft, von Pankraz Laubenwolf und Peter Vischer? Es waren keineswegs die Werke der großen Meister allein, zu denen sie sich immer wieder hingezogen fühlte: jede Straßenecke hatte es ihr angetan und wollte zu den verschiedensten Tageszeiten immer wieder aufgesucht werden. Und fast mehr noch als die herrlichen Kirchen und die zutunlich thronende Burg wirkten die bürgerlichen Bauten auf sie: Haus für Haus hätte sie von außen und innen betrachten mögen. Die Gotik des Kölner Domes, den sie so oft bewundert hatte, verblaßte in ihrer Erinnerung zur bloßen Idee. Die Gotik, die hier sie umgab, war lebendigste Wirklichkeit.

Sie war wie berauscht und mußte doch zuweilen lachen, wenn sie daran dachte, was ihr Fritz zu den überschwänglichen Eintragungen sagen würde, die ihr Reisetagebuch allabendlich aufzunehmen hatte. Ihre große Begeisterung öffnete auch ihren Kindern die Augen, und sie freute sich, als Pina, die sonst so nüchterne, in einem ausführlichen Brief an den Vater das Sakramentshäusl mit einer Wunderblume verglich, die zierliche Blüten treibend immer höher und höher gewachsen sei. Als sie aber das Deckengewölbe erreicht und eingesehen habe, daß sie weder hindurch, noch daran vorbeiwachsen könne, habe sie in Ehrfurcht vor dem Unerreichbaren das Haupt geneigt. Da habe Gott das liebliche und demütige Blumenwunder zu Stein und also unsterblich werden lassen ...

Ein zweites Wunder noch barg Sankt Lorenz, ein Wunder nicht aus Stein, sondern aus Glas und Licht und Farbenglut. Gewiß konnte man von achten der Chorfenster sagen, daß eines immer noch schöner sei als das andere. Aber das neunte, das Jakobsfenster, war von einer überirdischen und unvergleichlichen Herrlichkeit. O wie himmlischer Schönheit voll könnte doch das Diesseits sein, wenn das dahinterstehende Jenseits immer so warm und hell durch die bunten Bilder des Lebens schiene!

Und dann Peter Vischers Sebaldus-Grab in Sankt Sebald. Frau Anna hatte gelesen, daß es »überladen« sei. Nun fand sie, daß der so geurteilt, wohl recht habe, aber in einem andern Sinn als er's gemeint. Das Grabmal sei in der Tat »überladen«, überladen mit Schönheit wie der alte Rosenstock im großen Garten daheim, wenn seine bis auf den Boden hangenden Zweige alle die tausend weißen Knospen und Blüten trugen. Es gab ja freilich auch Leute, die angesichts so freudenreicher Herrlichkeit von der schönen »Trauerrose« sprechen konnten.

Der Straußenwirt beobachtete als Geschäftsmann wie als guter Nürnberger mit schmunzelnder Freude seine begeisterten Gäste vom Niederrhein. Und als die Kommerzienrätin einmal bedauerte, daß in Nürnberg nicht mehr von Dürer zu sehen sei, hinterbrachte er solche Klage flugs dem Professor an der Polytechnischen Schule, Heideloff, dem Architekten, der seit Jahrzehnten um die Erhaltung und Wiederherstellung der Nürnberger Baudenkmale mit – oft nur allzu großem – Eifer und Erfolg sich mühte. Dieser liebenswürdige alte Herr beeilte sich, der Kommerzienrätin in ihrem Gasthof einen Besuch zu machen. Er schlug ihr vor, mit ihren Kindern ihn gelegentlich in seinem Arbeitszimmer aufzusuchen, wo er ihnen die wenigen Blätter von Dürer die er selber besitze, zeigen und alsdann sie gern zum alten Baron Holzschuher geleiten wolle, damit sie eines der schönsten Gemälde des Meisters zu sehen bekämen, das Bildnis des Hieronymus Holzschuher, das der Nachkomme hüte. Als sie der Einladung folgten, fanden sie Heideloff, trotz der Jahreszeit im Pelz, in einem Raum, dessen Wände von oben bis unten mit Ansichten und Plänen der von ihm wiederhergestellten Bauwerke bedeckt waren. Auch der Bamberger Dom war darunter. Nachdem er ihnen ein paar Arbeiten Dürers vorgelegt, begleitete er sie zu Holzschuher, seinem Antagonisten, wie er sagte. Denn der alte Baron, der ein Philosoph und übrigens ein namhafter Rechtsgelehrter sei, habe unlängst die Aufforderung, einem neugegründeten Adelsklub beizutreten, mit der Erklärung abgelehnt: »An einem baufälligen Hause baue ich nicht mehr mit,« während es seine, Heideloffs, Lebensaufgabe sei, gerade an baufälligen Häusern mitzubauen.

In seiner altertümlichen und ein wenig kahlen Behausung wurden sie von Holzschuher aufs freundlichste empfangen, und bald standen sie ehrfürchtig vor Albrecht Dürers Meisterwerk, im Herzen staunend, wie sehr der lebende Holzschuher dem gemalten gleiche, in dessen Antlitz sich die Tüchtigkeit des vornehmen Bürgertums jener Zeit so lebendig widerspiegelte. – Als der alte Baron sie aber darauf aufmerksam machte, daß auf der Hornhaut des gemalten Auges das winzige Spiegelbild eines Fensterkreuzes zu sehen sei, mußte Frau Anna an das Stilleben des kleinen Preyer denken, das ihr Fritz ihr geschenkt hatte. Und sie ahnte, daß es sich bei derartig subtilen Genauigkeiten doch vielleicht um mehr als bloße technische Bravourstückchen handeln möge.

Und im weitern Verlauf des Besuches verabredeten die beiden Antagonisten, daß, wer von ihnen zuerst in die »Bauhütte« komme – so heiße ein von Heideloff im Interesse der Erhaltung der alten Bauwerke gegründeter Verein – dem Baron Aufseß von dem Dürerhunger der Kommerzienrätin erzählen solle, den dieser vielleicht besser als sie beide zu stillen vermöchte. Aufseß habe soeben mit seiner eignen bedeutenden Sammlung von Altertümern ein Unternehmen begründet, das »Germanisches Museum« heißen und etwas ganz Einzigartiges werden solle. Da merkte Frau Anna, daß sie die Weiterreise wohl noch hinausschieben müsse. Und das hatte sie nicht zu bereuen. Die Dürerschen Kupferstiche und Holzschnitte, in Nürnberg genossen, wurden ihr zu einer Offenbarung deutscher Art und Kunst, an der sie zeitlebens zu zehren hatte. Mit dem Vermittler solcher Offenbarung, dem liebenswürdigen und bürgerlich schlichten Baron Aufseß, hatte sie freilich nur einmal ein längeres Gespräch, denn er war von der ersten Ausgestaltung seines Germanischen Museums über die Maßen in Anspruch genommen. Da hatte er ihr seine Überraschung ausgesprochen: Bisher hätte er immer den Eindruck gehabt, daß den Frauen das rechte Verständnis für Dürer versagt wäre, daß sie seine Art mehr als Widerspruch, denn als Ergänzung ihres eignen Wesens empfänden – jetzt sähe er ein, daß Dürer die Frauen und ihr Verständnis für ihn doch richtiger eingeschätzt hätte, wenn er des öftern ausgesprochen: sofern es im Himmel etwa keine Frauen gäbe, möchte er auch nicht hinein. – Dann hatte sich die Unterhaltung dem Germanischen Museum zugewendet und Frau Anna unerschrocken die Befürchtungen ausgesprochen, die die sehr weitgehenden Zukunftspläne des Barons ihr wachriefen und den Wunsch: daß doch an eigentlichen Kunstwerken nur wirklich heimatlos Gewordenes in jenes Museum aufgenommen werden möge, das andernfalls leicht eine Art Friedhof werden könne. Sie selber habe gerade in Nürnberg erfahren, wie lebendig das Kunstwerk an dem Ort bleibe, für den es geschaffen, und sie würde das wertvollste Bildwerk viel lieber an seinem Platz lassen, selbst wenn es dort nur von wenigen genossen würde, als daß sie es auch dem bestgeordneten Museum einverleibte, wo es schließlich doch nur eine Nummer und für das Volk begraben und verloren sei. Der freundliche Baron lieh Frau Anna auch seinen Rat, als sie von den Dürerschen Blättern einige in guten Abzügen zu erwerben wünschte. Und während sie eines davon, es war die »Melancholie« abends mit ihren Kindern eingehend betrachtete und besprach, damit sie lernten, daß die Liebe des Schaffenden, der auch das Kleinste nicht unwichtig gewesen, der gleichen Liebe des Genießenden wert sei, da bestätigte sich aus mancher Antwort wie aus mancher Frage der fröhliche Eindruck, daß auch den Kindern der Aufenthalt in Nürnberg guttue. Als aber dann die Zwillinge, denen die Großmutter daheim gelegentlich das Amulett des kleinen Achatschleifers gezeigt hatte, Dürers magisches Quadrat entdeckten und nachdem sie festgestellt, daß die Summe hier 34 laute, in arithmetische Versuche sich verlieren wollten, bemerkte der kleine Walther ganz weise, sie sollten das lieber unterlassen, sonst würden sie am Ende noch selber melancholisch. – Zuletzt warf die Mutter die Frage auf, was denn wohl das fröhlichste und tröstlichste auf dem schwermütigen Bilde sei. Und alle rieten lange hin und her, bis endlich Pina den Nagel auf den Kopf traf, indem sie sagte: das sei, daß aus dem Kränzlein der Grüblerin, indessen sie zu verzagen scheine, das Leben selber junge Triebe sprießen lasse.

Endlich mußten sie aber doch weiterreisen. Für Ansbach und Augsburg blieb ohnehin nicht mehr viel Zeit, wenn sie leidlich pünktlich in München eintreffen wollten. Nein, überschlagen durften sie Ansbach schon Hausers, des Hundes, wegen nicht. Zwar war dessen Patenoheim, der rätselhafte und bedauernswerte Nürnberger Findling Kaspar Hauser schon seit zwanzig Jahren tot, gemordet, ob von eigner oder fremder Hand, das wußte man wohl nicht. Aber das erst vor kurzem veröffentlichte »Geheime Memoire«, darin der inzwischen verstorbene große Rechtsgelehrte Anselm Feuerbach kurz vor Hausers Tode der Königin Karoline von Bayern nachzuweisen versucht hatte, daß der Unglückliche in Wahrheit der badische Erbprinz sei – das hatte das Interesse für jenes arme Menschenrätsel allenthalben neu belebt, und hier und da wagte schon einer die Ansicht, daß der Hauser ein durchtriebener Strick gewesen und schließlich durch das Sensationsbedürfnis und die Leichtgläubigkeit müßiger Leute zum betrogenen Betrüger geworden sei. Übrigens fühlte Frau Anna mehr als von Hausers Grab von der Architektur der alten Markgrafenstadt sich angezogen, von der der freundliche Professor Heideloff ihr gesagt hatte, daß sie gerade zwischen Nürnberg und München besonders sehenswert sei. Auch daß er selber vor zwanzig Jahren in der dortigen Orangerie als Freskomaler sich versucht, hatte sie neugierig gemacht.– Als sie nach zwei Tagen im Torweg des Gasthofs zum Stern zu Ansbach vom Wirt sich verabschiedeten, um nach Augsburg weiterzureisen, betrat, von fünf Hunden begleitet, eine alte Dame eben diesen Torweg. Und der Wirt, bevor er sich zum Empfang der neuen Gäste anschickte, raunte ihnen noch zu, das sei die Gräfin Platen, die Mutter des Dichters, die in einem nahen Landstädtchen hause.

Etwas länger hielten die Reisenden in Augsburg sich auf, aber wenn Frau Anna später an diese Tage zurückdachte, fand sie, daß ihre Erinnerung daran verblaßt war wie die alten Malereien an den Augsburger Häusern. Nur wenige Eindrücke waren ihr geblieben: das Kontor der Welser – welch ein Unterschied zwischen dem Reichtum dieser Kaufleute und dem der niederrheinischen Industriellen! – ein spätabendlicher Spaziergang durch die alten Gassen bei Mondenschein und Brunnenrauschen, die Kastellanin im Rathaus, die vierzehn Kinder hatte und von Elias Holls Prachtsaal aus auf ein Kloster zeigend, gar nicht verstehen zu können versicherte, warum hübsche junge Mädchen freiwillig Nonnen würden, die grünen Kupferdächer und auf dem großen Brunnen der bronzene Kaiser Augustus, der, vielleicht weil sich sein Unterbau ein wenig verschoben hatte, nicht mehr gerade stand, sondern auf den Rücken zu fallen drohte und also mit seinem ausgestreckten Arm das äußerste Erstaunen darzustellen schien.

Dann der Perlachturm mit seinem altrömischen Unterbau, von dem aus ihre Gedanken zur Wölfin über der eigenen Haustür gewandert waren, und am Dom die ehernen Türflügel Kaiser Heinrichs des Heiligen. Auch an den hellen und heißen kleinen Platz dachte sie noch oft, darauf sie mit ihren Kindern in der glühenden Mittagssonne gestanden und ihnen erzählt hatte, wie einst hier unter den offenen Saalfenstern die evangelischen Reiter gehalten und, auf den Sattel gebückt, die Hauptpunkte des Bekenntnisses aufgeschrieben hätten, das drinnen im Saal der sächsische Kanzler Brück verlas, indessen Karl der Fünfte ein wenig einnickte ...

Der stärkste Eindruck aber blieb ihr doch die Fuggerei, dieses Städtchen neben der Stadt, an dessen stillen Straßen die Wand an Wand gebauten gelben Häuschen nun schon seit drei Jahrhunderten gegen ganz geringe Miete vielen Tausenden von Familien ein Heim geboten hatten. Und sie dachte noch oft, daß doch keinem Kaiser je ein schöneres Denkmal errichtet worden sei, als es Jakob Fugger, der Reiche, sich selber gesetzt hatte, in diesem freundlichen Asyl der Armut, das so gar nicht armenhausmäßig wirkte. Als aber ihr Fritz nach zehn Jahren anfing, für seine Fabrikarbeiter kleine Einfamilienhäuser zu bauen, kam es ihr nicht zum Bewußtsein, daß dies eine mittelbare Wirkung jenes Eindrucks war.

Am letzten Augsburger Abend erzählte ihnen ihr Wirt von dem berühmtesten Gast der »Drei Mohren«, dem ersten Napoleon, den nach den Tagen von Ulm das alte Fuggerhaus beherbergt. Der hätte den Magistrat der freien Reichsstadt ziemlich ungnädig begrüßt: »Ihr habt ja ein heilloses Pflaster. Es ist Zeit, daß ich euch einen Monarchen gebe, der für ein besseres sorge.« Und alsbald wäre Augsburg dem Königreich Bayern einverleibt worden. Gut zwanzig Jahre später aber hätte der Neffe des Korsen, der gegenwärtige Kaiser der Franzosen, als Schüler des altehrwürdigen Sankt-Anna-Gymnasiums in Augsburg deutsche Bildung sich geholt.

Zwischen Augsburg und München sah Frau Anna an den hohlwangigen Torfgräberkindern, die an den kleinen Stationen aus hungrigen Augen auf den Zug starrten, daß es in Deutschland auch außerhalb der Fabriken Kinderelend gab.

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