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Wolfs Geschichten um ein Bürgerhaus - Zweites Buch: Vor Bismarcks Aufgang

Wilhelm Langewiesche: Wolfs Geschichten um ein Bürgerhaus - Zweites Buch: Vor Bismarcks Aufgang - Kapitel 7
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authorWilhelm Langewiesche
titleWolfs Geschichten um ein Bürgerhaus ? Zweites Buch: Vor Bismarcks Aufgang
publisherWilhelm Langewiesche
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Die Sonne eines blauen Sommertages neigte sich langsam, als von Heilbronn die Extrapost in das Weinsberger Tal einbog und bald vor dem Kernerhaus am Fuße des das alte Nest schirmenden Schloßberges hielt. Mit Herzklopfen überschritt Frau Maria Magdalena die Schwelle, aber wie alte Freunde wurden sie begrüßt und aufgenommen. Der Dichter, der fast blind und nur wenige Jahre jünger als sie selber war, hatte so gar nichts von einem Geisterbeschwörer an sich und sein Rickele erwies sich als eine verständige und liebenswürdige Hausfrau, die jedem einzelnen der vielen Gäste, wie sie jahraus jahrein unter diesem Dach einkehrten, mit bescheidener Zurückhaltung und doch so zu begegnen wußte, als sei er der einzige. Denn sie besaß die schöne Gabe, sich der Forderung des gegenwärtigen Augenblicks ganz hinzugeben, ohne mit ihren Gedanken noch beim vorigen oder schon beim nächsten zu sein. – Und wie köstlich das Schwäbisch des alten Ehepaars klang! Immer wieder mußte Frau Maria Magdalena sich wundern, daß, wie sie aus manchen der in Kerners Zeitschrift »Magikon« mitgeteilten Fälle wußte, hierzulande auch die Dämonen sich dieser behaglich-derben Mundart bedienten, wie ja auch in Möttlingen die Quälgeister der armen Gottliebe Dittus – wenn sie nicht gerade »in Zungen redeten«, die kein Mensch verstand, – dem sie bedrohenden Pfarrer Blumhardt ihre Grobheiten auf gut Schwäbisch an den Kopf geworfen hatten. Aber hatten nicht auch die durchaus liebevollen Bemerkungen, die das Ehepaar Kerner austauschte, zuweilen einen ganz drohenden Klang? Es mußte wohl an der Sprache liegen ... In der Tat: Ein merkwürdiges Land, dieses Württemberg, und höchst merkwürdige Leute, diese Württemberger! ...

Eigentlich war's doch unglaublich, daß Kerner als Protestant für den Kardinal Prinzen Hohenlohe Predigten gemacht hatte. Freilich heilte der auch Kranke – aber trotzdem: wenn Kerner nicht Schwabe wäre, würde sie denken, das gehe denn doch zu weit ... Dabei fiel ihr »Der Proselyt« wieder ein, jener Roman in Briefen, den sie vor fünfzehn oder zwanzig Jahren gelesen hatte. Darin hatten ein Katholik und ein Protestant einander zum Konfessionswechsel überredet, und was das seltsamste war: ein junger evangelischer Theologe hatte das Buch geschrieben – wie hieß er doch nur? Gewiß war das auch ein Schwabe. Und sie nahm sich vor, diese Sache gelegentlich aufs Tapet zu bringen ...

Beim Abendbrot kam die Rede auf Kerners neuestes Gedichtbuch »Der letzte Strauß«, das Frau Maria Magdalena sich in Frankfurt gekauft hatte. Freundlich meinte sie, sie hoffe, daß es noch nicht der allerletzte sei, und der Kommerzienrat versagte sich die scherzhafte Frage nicht, ob Kerner wohl auch mit den Geistern seinen letzten Strauß schon ausgefochten habe. Aber der Dichter ging hierauf nicht ein. Er erwähnte nur, daß er soeben eine Schrift über das Tischrücken beende, und erzählte bei diesem Anlaß von einem kleinen Mädchen, dem er nach allerhand merkwürdigen Versuchen aufgetragen, den Tisch nun auch einmal zu fragen, wer es denn sei, der in ihm klopfe. Da habe die Kleine als Antwort des Tisches gesagt: »Dactius, Patriarch in Bonn im elften Jahrhundert.« Und auf die weitere Frage: »Hast du dort noch einen Verwandten?« habe die Antwort gelautet: »Ja, Arras, Justizbrigadier.«

Dann ihrer Bemerkung über seinen »Letzten Strauß« sich erinnernd, fragte Kerner Frau Maria Magdalena, ob sie viel Gedichte lese und unter den lebenden Dichtern sich auskenne, was beides sie lächelnd verneinte. Ob sie schon von Eduard Mörike gehört habe, examinierte er weiter. Ja, der Name sei ihr wohl schon begegnet, aber an ein Mehreres könne sie augenblicklich sich nicht erinnern. Dann solle sie doch ja, riet er lebhaft, bei guter Gelegenheit Mörikes Gedichte sich kaufen oder schenken lassen, die vor sechs Jahren bei Cotta in zweiter Auflage erschienen seien. Sie werde es gewiß nicht bereuen. Dieser Mörike sei nämlich in der Tat ein ganz erstaunliches Ingenium, »natürlich auch ein Schwab«. Er kenne ihn persönlich, einmal weil alle Schwaben sich persönlich kennten, und dann weil jener bis vor zehn Jahren Pfarrer im nahen Cleversulzbach gewesen, wo für seine Verhältnisse recht lange er's ausgehalten habe. Denn im Grunde sei er von Anfang an zum Pfarrer verdorben gewesen und lediglich zum Dichter geboren worden. Gegenwärtig sei er Professor an einer Töchterschule zu Stuttgart, aber das werde auch eine letzte Station noch nicht sein. Und heuer habe ihm die philosophische Fakultät der Tübinger Universität den Ehrendoktor verliehen. Übrigens ein schwaches Männle, dieser Mörike, immer kränkelnd, reizbar, von Kopfschmerzen übel geplagt, allerdings leider auch arg sich verzärtelnd. Aber dichten, ja, das könne er nun wie kein zweiter. Nicht nur, daß er ganz prachtvolle Verse mache, als ein rechter Poet von Gottes Gnaden habe er auch ein wunderfeines Ohr für die Natur: er höre das Gras wachsen, verstehe was die Vögel singen und die Quellen rauschen, und die Menschenseele habe kein Geheimnis vor ihm. Und endlich: die übersinnliche Welt, deren Ergründung ihn auch wissenschaftlich beschäftige, offenbare ihm als Dichter gar manches, worum andere mit heißem Bemühen vergeblich sich plagten. Schade nur, daß Mörike von einer magnetischen Behandlung seiner ewig kränkelnden Leiblichkeit nichts wissen wolle. Aber solches habe ihm sein Amtsbruder und Studienfreund Blumhardt ausgeredet, der ihn dann vor vier oder fünf Jahren auch selber einmal auf seine Weise durch Handauflegen und Gebet behandelt habe, freilich leider ohne dauernde Wirkung. – Da sie gerade von Stiftlern, Expfarrern und Poeten sprächen, wolle er gleich noch einen Witz von dem Tübinger Philosophieprofessor Vischer zum besten geben, denn der sei auch einer und ein Schalk dazu, wenn er sich auch seit sechs Jahren leider in die Politik verrannt habe. Als besagter Vischer ihn das letztemal besucht, wären kurz zuvor böse Buben in die Kapelle auf dem Rothenberg eingebrochen und hätten sie ihres wertvollen Schmuckes beraubt. Und da hätte doch nun dieser Vischer von solcher Untat gesagt, das sei aber mal gescheit und tue ihn saumäßig freuen. Und als er, Kerner, ihn darob verwundert angeschaut, hätte er noch aufgetrumpft: Ja, gescheit sei's – er und seine politischen Freunde kämpften doch seit Jahren für die Trennung des »Staates« von der Kirche ...

Hier nun fragte Frau Maria Magdalena nach dem »Proselyten«, ob Kerner sich dieses Buches noch erinnere. Der Name des Verfassers sei ihr gänzlich abhanden gekommen, aber wenn sie sich nicht irre, sei auch er Pfarrer und ein Schwabe. Kerner lachte. Das stimme leider nicht ganz, sagte er, Karl Hase sei ein Sachse. Allerdings habe er zu jener Zeit als junger Privatdozent der Theologie in Tübingen gelebt, auch, nachdem sich die berüchtigte Zentraluntersuchungskommission zu Mainz für ihn interessiert, wegen früherer burschenschaftlicher Betätigung ein Jährlein auf dem Hohenasperg zugebracht. So möge er denn immerhin ein wenig angeschwäbelt gewesen sein. Gegenwärtig sei Hase, der übrigens immer als einen wackeren Bekämpfer des Rationalismus sich erwiesen, längst eine Zierde der theologischen Fakultät zu Jena. Übrigens habe er, Kerner, mit mehr Freude als jenen »Proselyten« ein anderes, sehr köstliches Jugendbuch von ihm gelesen: »Italien in Briefen an die zukünftige Geliebte.«

Im weiteren Verlauf der Unterhaltung erwähnte der Kommerzienrat, daß nichts von dem, was seine Mutter ihm aus Kerners Buch über die Seherin von Prevorst mitgeteilt, ihm merkwürdiger gewesen sei, als daß die Frau Hauffe einst in ihrem magnetischen Schlaf ganz richtig angegeben, wo in einem Raum, den sie nie betreten, und unter Aktenstößen, die sie nie gesehen, ein für einen Prozeß wichtiges und überall vergeblich gesuchtes Blatt mit Zahlen, das sie gleichfalls nie gesehen haben könne, zu finden sei. Da möchte er dann wohl wünschen, daß solche Gabe, durch die ja schließlich nicht nur Betrug, sondern auch Irrtum und Fahrlässigkeit aufgedeckt und mancher Verlust verhütet werden könne, immer mehr Leuten verliehen werde. Und wenn es zutreffe, daß Frauen hierfür geeigneter seien als Männer, so möchte er beinahe bedauern, daß seine eigene Frau neben ihren vielen vortrefflichen nicht auch noch diese Gabe besitze, zumal im wachen Zustande ihr sonst so klarer Blick gerade Zahlen gegenüber so leicht versage. Kerner meinte, die arme Frau Hauffe sei allerdings in ihrem Schlaf durch den von Gewissensbissen umgetriebenen Geist jenes verstorbenen ungetreuen Buchhalters selber über den Verbleib des Blattes unterrichtet und unter viel Angst und Not zu ihrer Offenbarung gedrängt worden, damit seine Witwe keinen falschen Eid schwöre. – Aber er, Kerner, habe einen schwäbischen Amtsrichter gekannt, der ohne solche Beunruhigung, sobald es ihm nur gelungen sei, während der Verhandlung ein wenig einzunicken, im Schlaf die seltsamsten Aufklärungen gewonnen und insbesondere die verstocktesten Diebe dadurch zum Geständnis gebracht habe, daß er, erwachend, ihnen Art und Menge, Wert und Verbleib des Gestohlenen zuweilen auf den Kopf zugesagt. Er nehme aber an, daß die Seele dieses Richters, indem sie den Schlafenden verlassen, auf Wegen, die dem juristischen Verstande ungangbar seien, der Diebesseele nachgegangen wäre. Übrigens hätten weder die Behörde in Stuttgart noch die Parteien für das Schlafbedürfnis dieses Richters das rechte Verständnis gehabt, vielmehr solches mit seiner Vorliebe für einen ausgedehnten Abendtrunk in Zusammenhang gebracht.

Das Gespräch lenkte sich dann auf die Träume, deren Kerner von Kindheit an gar seltsame gehabt haben wollte, und zwar nie mehr als in den Zeiten der ersten Liebe zu seinem Rickele. Er sei aber ganz davon abgekommen, in jedem Traum einen geheimnisvollen Sinn oder besondre Bedeutung zu suchen, halte vielmehr dafür, daß die Seele während des Schlafes oft nur an bunten Spielen sich ergötze, für die der Tag ihr keine Zeit gelassen.

Als Frau Maria Magdalena, von der langen Fahrt ermüdet, frühzeitig zu Bett zu gehen wünschte, ließ die Kernerin sich's nicht nehmen, sie selber in ihr Schlafzimmer zu geleiten, um sich zu überzeugen, ob auch alles Erwünschte vorhanden sei, denn auf die Mädele sei ja leider kein Verlaß heutzutage. Von irgendwelchen Geischt beunruhigt zu werden, brauche ein Gascht des Kernerhauses übrigens nicht zu befürchten, versicherte sie treuherzig, als sie sich mit einem herzlichen »Geruhsame Nacht« verabschiedete. Und in der Tat wurde Frau Maria Magdalenas Nachtruhe durch keinerlei Spuk gestört. Wenn ihr auch ein seltsamer Traum ein wenig zu schaffen machte, den sie andern Tags in ihre »Memorabilien der Reise« eintrug:

Sie sei in einem Grabgewölbe gewesen, darin zwei steinerne Särge gestanden. Aus den Inschriften sei hervorgegangen, daß hier zwei junge Brüder schliefen, die für ihr ringsum bedrohtes Vaterland freudig den Heldentod gestorben wären. Beim Entziffern der Jahreszahl hätte sie ihren Augen nicht getraut, denn auf das MD wären vier C gefolgt, also daß doch weder ein vergangenes, noch das gegenwärtige Jahrhundert gemeint sein könne, sondern nur das kommende. Hierdurch sei sie dermaßen verwirrt worden, daß ihr die letzten Stellen der Zahl wohl gar nicht mehr zum Bewußtsein gekommen wären, wenigstens könne sie sich ihrer nicht erinnern. – Plötzlich sei ein Streifen Sonnenschein und ein sehr starker Posaunenton in das Gewölbe geflutet. Da hätten sich die Särge geöffnet und die beiden Jünglinge wären auferstanden und leuchtenden Angesichts und einander bei den Händen haltend in ihren langen Gewändern ins Freie geschritten. Ihr aber sei gewesen, wie wenn sie auf Flügeln jenen nachgetragen würde, die durch ein sonniges und gänzlich menschenleeres Land dem Posaunentone nachzogen. Und alsbald wären sie an einen weiten Platz gelangt, darauf ein ganzes Volk um irgend etwas Unerkennbares einen wüsten Reigen tanzte. Alte hätten ihrer weißen Haare, Lahme ihrer Krücken, Mönche ihrer Kutten und junge Mädchen aller Zucht vergessen, mit Sprüngen und häßlichem Geschrei an der allgemeinen Verruchtheit sich beteiligend. Und ein übergroßer und tiermäuliger Kerl hätte grinsend zugesehen und den Posaunenton hervorgebracht, indem er mit einer gewaltigen Gänsefeder unermüdlich auf seinem riesigen Zopf gefiedelt, dessen Ende er wie den Griff einer Geige in den Krallen der linken Hand gehalten hätte. Ringsum aber wäre, nicht völlig übertönbar, ein drohendes Rollen in der Luft gewesen, wie von zahllosen fernen Kanonenschüssen ... Die beiden Jünglinge wären stehen geblieben und hätten sich nicht gerührt, und sie selber sei wie erstarrt gewesen. Als aber dann ein schamlos gewandetes großes Mädchen, verwüstete Schönheit im Antlitz, aus dem Reigen sich lösend auf die Brüder zugesprungen sei und dem einen mit frechem Lachen eine entblätterte Rose dargeboten habe, da hätten jene sich stracks umgewendet und finster und starren Blicks den Rückweg angetreten. Und wieder sei sie ihnen wie von Flügeln nachgetragen worden ... Im Grabgewölbe vor den verschlossenen Särgen habe sie gemeint, daß alles wohl nur ein Traum gewesen. Aber da habe unter einem der Sargdeckel ein Stücklein weiße Leinwand hervorgeschaut und dann habe sie auch gemerkt, daß an den Grabschriften etwas geändert worden sei. Und gerade, als sie des näheren habe feststellen wollen, da sei sie wirklich erwacht. –

Auch dem Kommerzienrat widerfuhr nichts Böses, obwohl sein Schlafgemach im alten Wartturm lag, darin einst die Bauern den Grafen Helfenstein gefangen hielten, bevor sie ihn hinrichteten, und der nun zu Kerners Besitztum gehörte. Allerdings hatten die beiden Männer, während sie noch ein Stündchen beim Wein zusammengeblieben waren, das Geisterreich kaum noch gestreift, sondern von den Zeitläuften und der Politik sich unterhalten, von der, wie Kerner meinte, im Grunde die am wenigsten verständen, die sich am lautesten damit befaßten. Er sei der Ansicht, daß das ewige Politisieren des Bürgers, sobald es aus der harmlosen Kannegießerei am abendlichen Stammtisch hinausstrebe und sich im Staatswesen betätigen wolle, dem Vaterlande zum Verderben gereiche und gleichzeitig das menschliche Leben um seine köstlichsten Blüten bringe, indem nämlich der bürgerliche Fleiß, die gegenseitige Achtung und Hilfsbereitschaft und das häusliche Behagen untergraben würden. Er seinerseits halte es mit der guten alten Zeit und sei zufrieden, von der neuen nicht mehr allzuviel erleben zu müssen. Denn er werde nun wohl bald Feierabend machen dürfen. Was dann von ihm übrig bleibe, sei nicht allzuviel. Aber Eines tröste ihn – und er zitierte sich selber:

Flüchtig leb ich durchs Gedicht,
durch des Arztes Kunst nur flüchtig,
nur wenn man von Geistern spricht,
denkt man mein noch und schimpft tüchtig.

Übrigens hätten die jüngstverflossenen aufgeregten Jahre ihm doch manchen seltsamen Gast zugeführt. So hätte im zeitigen Frühjahr 1848 der ihm überaus gnädig gesinnte König Ludwig von Bayern seine zur Gräfin Landsfeld erhobene Geliebte, die Lola Montez, ihm zugeschickt, damit er, wie jener geschrieben, ihr die Teufel austreibe, von denen sie besessen sei. Und gewiß hätte die angeblich spanische Tänzerin auch den Teufel im Leibe gehabt, aber keinen, dem er hätte beikommen können. Immerhin: die Eselsmilch- und Hungerkur, die er ihr verordnet, und die des öfteren wiederholte Magnetisierung durch seinen Sohn Theobald, der jetzt in Kannstatt eine eigene galvano-magnetische Heilunternehmung betreibe, wären der verwöhnten Dame gewiß ganz wohltätig gewesen. Daß es aber erst einer richtigen kleinen Revolution bedurft hätte, um den guten König den Wünschen der tugendhaften Münchner Bürger und Studenten geneigt zu machen und ihn zu bewegen, diesem höchst anmutigen und klugen Frauenzimmerchen den Laufpaß zu geben, das könne er, Kerner, ganz gut verstehen. Ein Paar Augen habe die Lola gehabt, die sicher dem Teufel selber gefährlich werden könnten. Der alte Staatskanzler Metternich wenigstens, der auf der Flucht von Wien nach England in eben den Tagen gleichfalls sein Gast gewesen, hätte die größte Angst vor ihr gehabt und wäre ihr auf jede Weise aus dem Wege gegangen. Ein ganz fataler Kerl übrigens, dieser Metternich, ohne Saft und Kraft! Und dabei hätte der Unehrliche sich ihm gegenüber als Liberaler gebärdet und ihn alles Ernstes glauben machen wollen: nur damit das deutsche Volk im beständigen Widerstand gegen die Regierung innerlich stark und hart und reif für die Republik werde und diese dann endlich mit Gewalt herbeiführe, nur deswegen hätte er als Staatsmann das illiberale System gehalten und auf jede Weise gefördert. Wenn jetzt die Freiheit siege, so sei das sein Werk und immer sein heimliches Ziel gewesen. Der Metternich hätte auch nicht eher Ruhe gegeben, bis er, Kerner, auf dem alten Turm eine rote Fahne gehißt, denn jener hätte dasselbe Gemach innegehabt, in welchem jetzt der Kommerzienrat nächtigen werde. Nebenbei wäre der Metternich recht musikalisch. Im Turm sei noch eine alte Geige von Nikolaus Lenau, die hätte jener sich ausgebeten und viel darauf gespielt. Einige Male wäre er spät abends im Mondschein ruhelos auf und ab gegangen und hätte dazu die Marseillaise gegeigt und gepfiffen – das wäre nun ganz unwirklich und beinahe wie aus einer Geschichte vom alten Ernst Theodor Amadeus Hoffmann gewesen. Sein gutes Rickele aber hätte ganz erleichtert aufgeatmet, als diese beiden unheimlichen Gäste endlich abgezogen. –

Von Stuttgart aus besuchte Frau Maria Magdalena den alten Pastor Ebel, in dessen Königsberger Pfarrhaus einst ihr Bruder Johannes den Propheten Schönherr kennen gelernt hatte, und der nun, ohne Amt, der theosophischen Forschung hingegeben und von frommen Jüngerinnen betreut, in Ludwigsburg hauste. Es war ihr eine wehmütige Freude, wie lebendig der alte Herr, den das Martyrium nicht verbittert zu haben schien, des früh vollendeten jungen Freundes sich erinnerte. Aber ein völliger Kontakt wollte sich trotzdem zwischen ihr und ihm nicht herstellen und sie dachte, daß es vielleicht doch der Schatten ihres Bruders sei, der zwischen ihnen stehe.

Für die Weiterreise nach Bad Boll konnte bis Göppingen die neue Eisenbahn benutzt werden. Kurz, vor diesem Städtchen, das ein halbes Jahrhundert später durch das glückhafte Unglück des Grafen Zeppelin berühmt ward, gab's einen unerwarteten Aufenthalt auf freiem Felde: ein sich entladendes Gewitter mußte abgewartet werden, denn die rasche Bewegung des Zuges und die Reibung von Eisen auf Eisen zog, wie eine hohe Regierung fürsorglich festgestellt hatte, den Blitz an. Endlich hielt der Zug vor dem kleinen Bahnhofsgebäude und die wenigen Reisenden kletterten behutsam aus den Wagen, nicht ohne daß der eine oder andere auf gut Schwäbisch ein wenig über die Ungeschicklichkeit des Bahnbaumeisters geschimpft hätte, der hier die Entfernung zwischen dem untersten Trittbrett und der Fläche des Bahnsteigs für Riesenbeine bemessen hatte. Frau Maria Magdalena aber gewann mit Hilfe des Sohnes unbeschädigt den sichern Boden, über dem nach vielen Jahren, der Pfarrer Blumhardt dieses Wunder erlebte: Er kam von einer Reise zurück und vergaß in der Freude der Heimkehr, vielleicht auch durch Dämmerung oder Kurzsichtigkeit behindert, der gebotenen Vorsicht. Aber er stürzte nicht. Vielmehr glaubte er Gott für den raschen Engel danken zu dürfen, dessen Hand – er hatte sie deutlich gefühlt – ihm den einen Fuß so lange in der Luft festgehalten bis der andre auf dem Boden stand ...

Vergnüglich und in der gereinigten Luft erquicklich war die zweistündige Wagenfahrt durch eine Hügellandschaft, der die schöne Linie des Hohenstaufen Größe gab. Hätten nicht die Stoppelfelder unter den fruchtbeladenen Bäumen von einer schon eingeheimsten andern Ernte erzählt, so würde man gemeint haben, durch einen einzigen, überreich gesegneten Obstgarten von ungeheurer Ausdehnung zu fahren. Und der alte Kutscher, dem das Erstaunen der beiden Fremden über die Schönheit und den Reichtum seiner Heimat wohltat, berichtete, während er bei einer längeren Steigung des Weges neben dem Wagen dahinschritt, umständlich, daß und wie es der Vater des Dichters Friedrich Schiller sei, dem Württemberg die vielen Obstbäume verdanke.

»Sieh, eine Hütte Gottes bei den Menschen,« dachte Frau Maria Magdalena seligen Herzens, als bei der letzten Biegung des Weges das mit seinen hellen Mauern behaglich ins Grün geschmiegte einstige Schloß und spätere Bad Boll sichtbar ward. Ihrem Sohn aber waren, als sie näher kamen, die Buchstaben W P an der Front des Hauses merkwürdig. Daß sie auf die königlichen Vorbesitzer des Bades, Wilhelm und Pauline von Württemberg, zurückwiesen, darauf kam er nicht, und mit der ihm aufsteigenden Deutung »Wunder-Pfarrer« wollte er seine Mutter nicht betrüben. Gottliebe Dittus empfing die Aussteigenden am Wagen: ein dunkelgekleidetes, helläugiges Frauenwesen, dessen ernsthaft lächelndes Gesicht unter dem weißen Häubchen von zahllosen Narben bedeckt war. Das waren die Spuren des nun längst überwundenen bösen Feindes, der ihr vor zehn Jahren so hart zugesetzt hatte. Da mochte sie wohl mit dem Psalmisten sprechen: »Die Pflüger haben auf meinem Rücken geackert und ihre Furchen langgezogen ...« Jede Narbe erzählte von einer Nadel oder einem Eisensplitter, die, auf eine geheimnisvolle Weise in den armen Körper gelangt, durch Fleisch und Haut den schmerzenreichen Weg gesucht und gefunden hatten. Aber der fromme Pfarrer hatte erkannt, daß ihr Bedränger von der Art war, die mitnichten ausfährt, denn durch Fasten und Beten. So hatte er den Kampf aufgenommen, nicht als ein Experiment, sondern von seinem Gewissen getrieben, und Gott hatte ihm den Sieg geschenkt. – Jetzt genoß die befreite Seele, mit einer unendlichen Dankbarkeit ihrem Erretter verbunden, längst des seligsten Friedens. Die Gottliebin hauste als Tochter und Stütze bei den Pfarrersleuten, und den vielen Leidenden und Bedrängten, die in Boll Heil und Hilfe suchten, war sie schon durch ihre bloße Existenz als lebendiger Beweis des Glaubens wohltätig.

Als vor der gemeinsamen Abendmahlzeit der Pfarrer Blumhardt, ein kleiner rundlicher Mann von noch nicht ganz fünfzig Jahren, die neuangekommenen Gäste begrüßte, da war's der Frau Maria Magdalena, wie wenn aus seiner Hand, die weich aber keineswegs kraftlos war, etwas Warmes und Lebendiges auf sie überströme. Eine Friedenskraft, wie geschrieben steht: »Was ihr auf Erden lösen werdet, das soll auch im Himmel los sein.« ... Und dieser Eindruck, daß eine Lebenskraft von ihm ausgehe, erneute sich ihr täglich die vier Wochen hindurch, die sie in Boll blieben. Also daß ihr Herz fröhlicher, ihr Gang leichter und ihre Stimme herzhafter ward. Ja, sie verjüngte sich zusehends, und ihr Sohn, der seinerseits solche Wirkung nicht verspürte, meinte, wenn sie ein Jahr in Boll verweilten, würden sie in München, wenn nicht für Vater und Tochter, dann doch gewiß für Mann und Frau gehalten werden.

Als er aber diese seine Beobachtung dem Pfarrer einmal aussprach, erwiderte der lächelnd, es sei eben doch wohl etwas ganz Besonderes in der Boller Luft, nur daß es nicht auf jeden gleich wirke. Mochte die Wirkung nun in der Tat verschieden sein: ungünstig war sie nie. Denn wie ungleich die nahezu siebzig Gäste nach Herkunft und Alter, Stand und Bildung auch sein mochten – der ganze große Kreis fühlte doch durch Vertrauen und Freundlichkeit gleichsam zu einer Familie sich verbunden. Tiefer noch durch die Persönlichkeit Blumhardts, die jeder einzelnen Seele mit suchender Liebe nachging, niemals zudringlich, oft ganz ohne Worte, nur mit der eigenen Seele. In seiner großartigen und liebenswürdigen Nonchalance nannte er jeden ohne Unterschied Du – nicht aus Pose oder plumper Vertraulichkeit, sondern gleichsam unwillkürlich, einfach weil er ihn so empfand. Denn wer immer seine Schwelle überschritt, für den trat Blumhardt im Herzen priesterlich vor Gott. Vom beständigen »andächteln« aber hielt er garnichts. Darauf ließ er sich nicht ein. »Der Mensch muß sich zweimal bekehren,« äußerte er gelegentlich, »einmal vom natürlichen zum geistlichen Menschen und dann wieder vom geistlichen zum natürlichen.«... Und wenn nach dem Abendbrot der Pfarrer ein Kapitel aus dem Neuen Testament vorlas, dann ein Lied strophenweise vorsagte, das alle gemeinschaftlich sangen, und endlich mit kindlicher Innigkeit ein Nachtgebet sprach, dann mochten auch die vereinzelt anwesenden Weltkinder ihres Vaters im Himmel einen Hauch verspüren. Denn es war keine finstere und enge Frömmigkeit, die hier herrschte: auch der Lebensfreude ward ihr heiteres Recht, Ja, wenn man bedachte, wie viele Leidende und Bekümmerte unter den Gästen waren, mußte man der sonnigen Luft sich wundern, die Haus und Park erfüllte und in der die menschlichen Werte ganz zwanglos sich umwerteten. Und immer wieder ging der Frau Maria Magdalena die Stelle aus den »Letzten Dingen« von jenem Düsseldorfer Musikfest durch den Sinn, das nun auch schon wieder ein Vierteljahrhundert zurücklag:

Sieh, eine Hütte Gottes bei den Menschen.
Er wird bei ihnen wohnen,
sie werden Sein Volk sein ...

Gegen Ende August trafen im Abstand weniger Tage zwei sehr verschiedene Briefe aus der Heimat in Boll ein. In dem einen erzählte Regine von ihrem nun glücklich beendeten Aufenthalt in Soden und von der seltsamen und amüsanten Verlobung der beiden jüngsten Töchter des Apothekers Weynandts, die bisher mit dem gemeinsamen Namen »Friedemath« sich beholfen und nun jede doch ihren eigenen Mann und Namen kriegen sollten. In dem andern meldete Herr Götze die Verlobung seines Neffen Michel Ritter mit Fräulein Friederike Weynandts und den Heimgang seines Schwiegervaters, des alten frommen Webers, Totengräbers und Stundenhalters Schlüpjes.

Endlich reisten Mutter und Sohn ab. Kaum hatten die Pferde sich in Trab gesetzt, als sie hinter sich rufen hörten. Es war Gottliebe Dittus, die winkend ihnen nachrannte, daß Kleid und Haubenbänder flogen: Der Herr Pfarrer ließe sagen, der Herr Kommerzienrat hätte die Bezahlung zu reichlich bemessen, soviel Geld nähme er nicht und hier brächte sie das übrige. Und wenn's der Herr Kommerzienrat nicht behalten wollte, so würde er in München genug arme Leute finden, denen er's schenken könnte.

Apotheker Weynandts, dessen Tenor und verschnürte Pekesche vor etlichen zwanzig Jahren in dem niederrheinischen Baumwollstädtchen die deutsche Begeisterung für die Polen so mächtig gefördert, hatte inzwischen sowohl als Mädchenpapa wie als Gelegenheitsdichter die schönsten Erfolge erzielt. Sechs Jahre hintereinander hatte er jeden Sommer einer Tochter Aussteuer und Hochzeit gegeben, insgesamt einundzwanzig Enkelkinder hatte er taufen helfen. Jetzt laborierten sein Beutel wie sein Pegasus an chronischen Erschöpfungszuständen, und der Adler über der Tür der Apotheke wartete jahraus jahrein vergeblich auf die so nötige neue Vergoldung. Denn der Gesundheitszustand in Stadt und Land war von einer unerschütterlichen Güte, und daß 1831 die Cholera dem Städtchen ferngeblieben, war wirklich ein böses Omen gewesen: nicht die kleinste Epidemie war seitdem aufgetreten. Auch Danneckers Ariadne in getöntem Gips, die Weynandts aus Frankfurt bezogen und dem Sanitätsrat Latschert zum fünfundzwanzigjährigen Doktorjubiläum verehrt hatte, war ohne die erhoffte Wirkung auf Zahl und Ergiebigkeit der Rezepte geblieben, obwohl das Kunstwerk die vollste Anerkennung des Beschenkten und den vom Geber ins Auge gefaßten Platz gefunden hatte: Der mit so viel Frauenschönheit belastete Tiger stand auf einer Marmorkonsole vor einem Spiegel zwischen den beiden Fenstern im ärztlichen Sprechzimmer, also daß man an jeder Seite der Plastik sich erfreuen konnte, die allerdings während der Sprechstunden den vierfach gefalteten Brautschleier der Sanitätsrätin sich gefallen lassen mußte. Denn solches hatte diese ihrer Freundin, der über die Wirkung der Gruppe sich beunruhigenden Pastorin nicht abschlagen zu können vermeint.

Ja, der Apotheker Weynandts hatte wohl Grund, von schlechten Zeiten zu sprechen, zumal Sally Seligmanns Erben, Lumpen en gros, auf keine Weise zu bewegen waren, den Zinsfuß der zweiten Hypothek zu ermäßigen. Ein wahres Glück nur, daß von den sechs Töchtern keine auf väterliche Zuschüsse angewiesen war, wenn man ja leider auch keineswegs behaupten konnte, daß etwa die eine oder andere eine brillante Partie gemacht hätte.

Die beiden jüngsten waren noch zu Hause, Friederike und Mathilde, kleine rötliche Blondinen, Zwillinge, die an Munterkeit und Sommersprossen wetteiferten und sich so ähnlich sahen, wie ein Ei dem andern, also, daß außer ihrer Mutter kein Mensch sie auseinanderhalten konnte. Um den dadurch hervorgerufenen Weitläufigkeiten ein für allemal ein Ende zu machen, hatte Papa Weynandts schon als sie noch ganz klein waren, für beide den gemeinsamen Namen »Friedemath« geprägt und eingeführt, Frau und Töchtern überlassend, wie sie einen so adressierten väterlichen Wunsch oder Tadel bestellen möchten. Auch später hatte er gegen die Absicht seiner Frau, behufs leichterer Unterscheidung eines der beiden Mädchen Ohrringe tragen zu lassen, sein entschiedenes Veto eingelegt: die kräftig entwickelten Ohrläppchen aller seiner Töchter seien als Bestätigung guter Rasse sein besonderer väterlicher Stolz, und er könne unter gar keinen Umständen erlauben, daß zwei dieser schön geschwungenen Häutchen durchbohrt und also für immer verstümmelt würden. ... Um so weniger, als der Zweck, wenigstens, was ihn betreffe, dadurch doch nicht erreicht werden könne, denn er wisse im voraus, daß er im gegebenen Fall stets unsicher sein werde, ob es Mathilde oder ob es Friederike sei, die jenen kannibalischen Schmuck trage.

Zuerst hatten die Mitschülerinnen, dann die Lehrer und Lehrerinnen solche Vereinfachung sich zu eigen gemacht, denn selbst dem Basiliskenauge des Rektors Dr. Stups war hier jedes Unterscheidungsvermögen versagt geblieben. Und einmal, als er über die unerschöpfliche Gestaltungskraft der Natur sich ausließ, die sich niemals wiederhole, also daß man an keinem Baum zwei einander völlig gleiche Blätter zu finden vermöge, da war, vernehmlich genug, ein protestierendes Geflüster durchs Klassenzimmer gegangen: »Friedemath!« – was jener aber zu überhören für richtig fand.

Mit der Zeit hatte die ganze Stadt sich die Bequemlichkeit solches gemeinsamen Namens zunutze gemacht. Nur die Pastorin Kranevoß behauptete noch zuweilen, sie könne die beiden Albinos, wie sie die hübschen und gewandten Mädchen nicht eben liebevoll nannte, recht gut unterscheiden: auf Friederikens Nase bildeten drei besonders dunkle Sommersprossen ein kleines Sternbild, wahrend Mathildens Nase mit ganz gewöhnlichen Sommersprossen von milchstraßenartiger Lichte und Dichte übersät wäre. Und wie der altere Cato jede seiner Senatsreden mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit der Zerstörung Karthagos schloß, so pflegte die Frau Pastorin, so oft sie mit irgend jemand das Thema »Friedemath« behandelt hatte, zu versichern, sie könne und könne sich nicht genug wundern, daß weder Friedrike noch Mathilde eine Stelle annähme, denn die Frau Apothekerin könnte doch mit einer Tochter recht gut auskommen. Und daß sie die beiden Albinos den ganzen Sommer hindurch weiße Pikeekleidchen tragen ließe, wäre eine unsinnige Verschwendung, aber freilich – diese Adlerapotheke müsse ja wohl die reine Goldgrube sein.

Das mit den weißen Pikeekleidchen war nun freilich wahr und vielleicht eine kleine mütterliche Schwäche. Aber es galt nur für die Straße, denn daheim gingen die Töchter der Mutter tüchtig zur Hand, und man kam ohne Dienstmädchen aus, trotzdem das Haus groß, der Vater, wie die meisten Apotheker »eigen«, und auch der ältliche Herr Provisor keineswegs ohne Ansprüche war.

Augenscheinlich steckten in »Friedemath« als Erbteil und Einfluß der Mutter zwei Hausfrauen von jener Vortrefflichkeit, wie man sie am Niederrhein gewohnt ist und trotzdem zu schätzen weiß. Und da die Zwillinge jetzt die Zwanzig überschritten hatten, sah Papa Weynandts mit neuen, seinen früheren gerade entgegengesetzten Sorgen in die Zukunft, die ihm bald genug wieder große Ausgaben auferlegen konnte, denn selbstverständlich durften die beiden Jüngsten nicht zu kurz kommen. Und daß »Friedemath« zwei Verehrer hatte, war nicht nur dem Vater, sondern männiglich bekannt.

Diese beiden Verehrer sahen sich zwar, ohne das astronomische Unterscheidungsvermögen der Frau Pastorin zu besitzen, vielmehr nur auf die verwirrenden Eindrücke seltener Ballabende in der »Gesellschaft«, gelegentlicher Landpartien und Kirmesbesuche angewiesen, vorläufig noch ganz und gar nicht in der Lage, ihre Gefühle irgendwie zu individualisieren, und mochten wohl infolgedessen zu einer Werbung sich noch Zeit lassen. Doch das konnte der Zufall jeden Tag ändern und »Friedemath« selber den Unsicheren zur rechten Zeit die rechten Ziele verraten. Denn Friederike und Mathilde ihrerseits wußten gut, sehr gut, wem von den beiden jungen Männern ihr Herz schlug, und auf dem Umweg über die Mutter hatte es auch der Vater erfahren und gebilligt. Nämlich das der Friederike gehörte dem Michel Ritter, Willemkens Bruder und Herrn Schlüpjes Enkel, der bei J. P. Wolf und Sohn eine so gesicherte und auskömmliche Lebensstellung innehatte, daß er jederzeit sich einen Hausstand gründen konnte. Und das der Mathilde war von Heinrich Krönlein erfüllt, den Herr Latschert sich zum Prokuristen und einstigen Nachfolger in der Agentur herangezogen hatte, die nun wirklich das war, was die Pastorin von der Adlerapotheke annahm: eine Goldgrube.

Innig, wie die beiden Zwillingsschwestern durch den gemeinsamen Namen »Friedemath«, waren Michel Ritter und Heinrich Krönlein durch eine vieljährige Freundschaft und die eifrige Betätigung im Turnverein »Vater Jahn«, im Feuerkorps und im Männergesangverein »Concordia« miteinander verbunden. Aber solche Verbundenheit ging bei ihnen doch niemals bis zu einem Opfer der Individualität, wie es die Schwestern einander zu bringen von jeher gewohnt waren, und ließ sich wenigstens in »Friedemaths« vier Augen nicht einmal künstlich so steigern. Denn als beim Jahresfest des Turnvereins lebende Bilder gestellt wurden und in deren erstem, der Wiedergabe des preußischen Wappens, die Freunde unbeweglich auf der Bühne standen, da waren trotz der gleichmäßigen Gewandung oder vielmehr anscheinenden Nichtgewandung und den vorgebundenen mächtigen Barten weder Friederikens noch Mathildens Augen im geringsten darüber im Zweifel, auf welchem der beiden wilden Männer sie liebevoll zu ruhen berechtigt waren. Ja, »Friedemath« hatte gewählt und geteilt und wäre völlig beruhigt gewesen, wenn die beiden Erwählten nicht von einer allzu hilflosen Unsicherheit gewesen wären. An dem einzigen Sonntag im vorigen Winter, an dem es nach dem Gottesdienst geheißen hatte, das Eis draußen auf dem Mühlenbroicher Teich trage, war nachmittags die halbe Stadt hinausgeströmt, um Schlittschuh zu laufen oder den Laufenden zuzusehen. Da hatte Michel mit Friedenken und Heinrich mit Mathilden in kunstreichen Figuren hinschwebend sich verlustiert, bis sie, als in der frühen Dämmerung die überlastete Eisdecke zu krachen und zu brechen begann, plötzlich sich unter den letzen Herren sahen, die durchs Wasser stampfend ihre erschrockenen Damen auf starken Armen dem Ufer zutrugen. Dank den erkalteten Füßen pulsierte das Blut aber nur um so kräftiger in den männlichen Herzen, und so ward man auf dunkelndem Heimweg ganz zutunlich miteinander. Und horch: an die Stelle von zwei »Fräulein Weynandts« wagten sich zwei scherzende »Fräulein Friedemath«, und nachdem jede der beiden kleinen Blondinen den sie betreuenden Herrn über ihren Anteil an dem gemeinsamen Namen aufgeklärt, hieß es beim Abschied sogar ganz vertraulich: »Fräulein Friederike«, »Fräulein Mathilde«. Als aber einige Stunden später die Zwillingsschwestern nach ausgepustetem Licht nicht wie sonst alsbald einzuschlafen vermochten und jede die andere noch zuweilen leise seufzen hörte, da gestanden sie sich endlich, daß »er« doch »reizend« und »eigentlich schon ziemlich weit gegangen« sei.

Einige Wochen danach freilich, als bei dem kleinen Maskenball, den die »Gesellschaft« am Fastnachtsdienstag veranstaltete, nach erfolgter Demaskierung Heinrichs Herz, Augen und Worte bei Friederiken da anzuknüpfen versuchten, wo sie an jenem Sonntagabend bei Mathilden aufgehört, und Michel bei Mathilden ein ähnliches unternahm, da gab es einige Verwirrung, weil jedes der beiden hübschen Kinder sich hinter dem Namen »Friedemath« verschanzte, um weder eine der andern den Erwählten abspenstig zu machen, noch den Irrenden in allzu große Verlegenheit zu bringen. So sahen dann Heinrich Krönlein und Michel Ritter zunächst wieder für unbestimmte Zeit auf eine gemeinsame Verehrung »Friedemaths« sich angewiesen.

Jetzt war es Mitte August, an einem Samstag nach dem Abendbrot, als Papa Weynandts einen Familienspaziergang durch den Stadtpark vorschlug, wo morgen nachmittag das Sommerfest der »Concordia« stattfinden würde. »Friedemath« sollte schon vorgehen, er selber wollte mit der Mutter nachkommen, sobald er in der Apotheke noch nach dem Rechten gesehen. Inzwischen könnten die Töchter ja, aber ohne die leider so beliebte waghalsige Kletterei, in der Duynberger Ruine sich umsehen, die er morgen Abend, das Fest abschließend, bengalisch beleuchten wollte, ob sie ihm dafür irgendetwas Neues, noch nicht Dagewesenes vorschlagen könnten, denn der Herr Provisor hätte auch gemeint, es müsse mindestens einmal eine neue Nuance hineinkommen. – Eine halbe Stunde später geisterten »Friedemaths« weiße Pikeekleidchen durch das efeuumsponnene alte Gemäuer, ohne zu ahnen, daß ihre Unschuldsfarbe auf zwei graue Augen höchst aufreizend wirkte. Denn im Stadtpark wandelten, der Kühle des Abends genießend und die morgige Predigt besprechend, die Pastorin Kranevoß mit ihrem Eheherrn, und beider Stimmung war ohnehin nicht rosig. Einmal im Blick auf das morgige Sommerfest, das, wenn ja auch das Bravourstück der »Concordia«: »Dies ist der Tag des Herrn«, selbstverständlich nicht fehlen würde, doch der Vergnügungssucht Vorschub leisten und gewiß teils in einem angeblich improvisierten Tänzchen in der »Gesellschaft«, teils in einem überreichlichen Genuß alkoholischer Getränke in allen Wirtschaften der Gemeinde seinen Abschluß finden würde. Sodann, weil dem Pastor wie seiner Frau unterwegs die vielen dem blaugetünchten Weberhäuschen des Stundenhalters Schlüpjes zuströmenden Pietisten ärgerlich gewesen waren – daß Gottes Gnade ihnen diesen Stein des Anstoßes sobald schon und für immer aus dem Wege räumen würde, ahnten sie ja nicht. Endlich, weil das Ringen des geistlichen Herrn um Erleuchtung auf dem Wachstuchsofa dank der Schwäche des Fleisches in ein allzu langes Schläfchen ausgeartet war, so daß nun erst in dieser Abendstunde nach den starken, von Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Worten strafender und warnender Liebe für die morgige Predigt gesucht werden mußte, in welchem Suchen ihrerseits die Pastorin durch die weißen Pikeekleidchen der beiden »Albinos« sich beirrt fühlte. Sie erklärte also ihrem Pastor, sie wolle ihn jetzt ein Viertelstündchen seinen eigenen Gedanken überlassen, um inzwischen mit »Friedemath« noch einmal ein ernstes Wort zu reden. Wenn denn schon an einem Samstagabend weiße Pikeekleidchen getragen werden müßten, so gehörten solche doch auf keinen Fall in diese staubige und rußige Ruine. Und vor ein paar Tagen erst hätte ihre Freundin, die Kreisgerichtsrätin Säuberlich in Bielefeld, ihr geschrieben, sie benötige so dringend einer Stütze und könne gar nichts passendes finden. Vielleicht, daß »Friedemath« doch diesmal zugreife. Denn sie meine immer noch, eine von diesen Weynandtstöchtern solle doch endlich eine Stelle annehmen und die Apothekerin könne recht gut mit der andern allein auskommen.

Und indessen der Pastor gemächlich in einen lauschigen Seitenpfad einlenkte, der ihm jede Störung fernzuhalten versprach, strebte die Pastorin mit kleinen raschen Schritten resolut der Ruine zu. Aber während ihm jede sonderliche Erleuchtung versagt blieb, weil er selber nicht recht an die Wirkung seiner Predigt glaubte, ward ihr unterwegs klar, daß es doch besser sei, die Unterredung auf Friederike zu beschränken, die sie für nicht ganz so unreif hielt wie Mathilde. – Willig ließ das erschrockene junge Mädchen von der gefürchteten Dame sich herausrufen und in eine etwas entlegene Ahornallee entführen, geduldig ihre Auseinandersetzungen anhörend, die ein wenig an Schärfe verlieren mochten, weil das Weiß des Pikeekleidchens in der Tat weder Wochenschluß noch Ruine verriet.

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