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Wolfs Geschichten um ein Bürgerhaus - Zweites Buch: Vor Bismarcks Aufgang

Wilhelm Langewiesche: Wolfs Geschichten um ein Bürgerhaus - Zweites Buch: Vor Bismarcks Aufgang - Kapitel 4
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authorWilhelm Langewiesche
titleWolfs Geschichten um ein Bürgerhaus ? Zweites Buch: Vor Bismarcks Aufgang
publisherWilhelm Langewiesche
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In dankbarer Erinnerung an den »Herzog von Nassau« unternahm der Kommerzienrat Friedrich Wilhelm Wolf alljährlich mit seiner Frau eine Rheinfahrt, die, wohin sie auch führen mochte, immer in Köln begann und immer in Köln endete. Frau Anna empfand eine besondere Freude an solchen Dampferfahrten, und einmal hatte sie den Gatten sogar zu einer richtigen kleinen Wasserorgie, wie sie sagte, verführt. Das war im Sommer 1846 gewesen, kurz nachdem Haus Duynberg abgebrannt war. Da waren sie, aus der Schweiz heimreisend, den ersten Tag auf dem »Adler« von Basel nach Mainz, den zweiten auf der »Königin Viktoria« von Mainz nach Köln geschwommen. In Köln hatte Frau Anna festgestellt, daß, wenn sie, kurz entschlossen, bei einbrechender Dunkelheit dem »John Cockerill« rheinabwärts sich anvertrauten, sie übermorgen früh auf ihrem »Herzog von Nassau« die Rückfahrt von Rotterdam nach Köln antreten konnten. – Friedrich Wilhelm erschrak nicht wenig bei solchem Vorschlag, aber das schöne Wetter und der zu erwartende Vollmond verbanden sich den Bitten der Frau, so daß er schließlich auf das Abenteuer einer solchen Mondscheinfahrt und unnützen Reise nach Holland sich einließ, obschon es eigentlich ein rechter Unsinn und Luxus sei. Was Frau Anna nicht bestritt, doch müsse man, versicherte sie, zuweilen auch mal Unsinn machen, das erhalte das Herz jung ... Als Friedrich Wilhelm ihr aber in Rotterdam den »Bataver« zeigte, der gerade nach London abfahren wollte, und fragte, ob sie etwa auch dorthin noch ein Gelüstchen verspüre, meinte sie: nein! wenn es einem am besten schmecke, müsse man aufhören, und jetzt verlange sie heim.

Die Rheinreise im Frühherbst 1847 hatte in Heidelberg ihren Höhepunkt erreicht, wo Frau Anna ihrem Fritz auf der Schloßterrasse von Goethe und seiner Marianne erzählte, die vor einigen dreißig Jahren unter denselben Bäumen der schönen Aussicht sich gefreut und liebevoller Stunden beglückt und weise genossen hätten. Als sie dann unter dem Ginkgo biloba-Baum standen, brach sie ein Blatt ab und reichte es ihm mit Goethes Frage:

Dieses Baums Blatt, der von Osten
meinem Garten anvertraut,
gibt geheimen Sinn zu kosten,
wie's den Wissenden erbaut.
Ist es ein lebendig Wesen,
das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
daß man sie als eines kennt?

Der Kommerzienrat ließ sich zwar seine botanischen und literaturgeschichtlichen Kenntnisse solchergestalt ganz gern ein wenig erweitern, dachte aber in seinem Herzen, seine verständige Anna sei ihm doch lieber als jenes geistsprühende, dunkellockige Frauenzimmerchen, wie er denn auch seinerseits mit Goethe nicht tauschen möchte und mit Herrn von Willemer noch weniger. Und in der Freude seines Herzens stahl er sich zu dem Maler, dem einzigen Bewohner der ungeheuren Schloßruine, für seine liebe Anna heimlich ein Andenken an Heidelberg zu erstehen, womit er sie Weihnachten überraschen könnte. Hier nun sollte er schon wieder auf Goethes Spuren stoßen. Denn jener zeigte ihm unter anderm die sehr bewegte Darstellung einer Verhaftung, ein großes Gemälde, darauf ein hemdärmeliger Herr mit lebhaften Gebärden und verdutztem Gesichtsausdruck auf sonniger Bergeshöhe, zu der die Türme Altheidelbergs freundlich heraufgrüßen, von drei Polizeidienern sich überfallen sieht. Und der Maler erklärte, das sei der Philosoph Fortlage, der vor etlichen Jahren zu eigner Erbauung auf dem Riesenstein mit einem solchen Aufwand von Lungenkraft, Pathos und Gesten sich die ihm teuersten Stellen aus Bettinens »Goethes Briefwechsel mit einem Kinde« hergesagt, daß man ihn als einen vermutlich dem Tollhaus Entsprungenen in Haft genommen und, seiner Versicherung: er heiße Magister, heiße Doktor gar, ungeachtet, gefesselt in die Stadt geführt hätte ... Der Kommerzienrat wählte ein Herbstbildchen von ziemlich gedämpfter Farbenfreudigkeit, darauf ein wenig efeuumsponnenes Gemäuer und unter Bäumen hindurch ein Teil der alten Stadt, ein Stückchen Neckar und der buntbewaldete Hang des jenseitigen Ufers zu sehen waren, und es gelang ihm auch, solch wertvolle Erwerbung heimlich dem Reisegepäck einzuverleiben. Ob sein sachverständiger Freund, der knabenhaft kleine Maler Preyer, mit der viel derberen Malweise dieses Heidelberger Ruinenmieters einverstanden sein werde, erschien ihm freilich zweifelhaft. Preyer malte allerdings ganz anders. Wolf hatte neulich ein Blumenstück von ihm gekauft, darauf im Glas einer Vase das Antlitz des Malers klein aber durchaus erkennbar sich spiegelte.

Nun war man auf der Rückreise. In Koblenz ging ein großer, hagerer, schwarzbebarteter Herr zugleich mit ihnen aufs Dampfboot – sie hatten dort einen Tag gewartet, um wieder den »Herzog von Nassau« benutzen zu können – dem sie schon am Abend vorher im »Riesen« auf den ersten Blick den Demokraten angesehen hatten. Er war auch jetzt ohne Begleitung und hielt sich auffallend viel in ihrer Nähe auf, ja dem Kommerzienrat wollte es scheinen, daß die feurigen dunkeln Augen des Unbekannten unter der breiten Hutkrempe weg öfter und länger als nötig auf Frau Anna blickten. Aber er mußte sich doch wohl getäuscht haben, denn als sie auf dem ziemlich menschenleeren Schiff mit jenem bald in ein Gespräch kamen, erwies er sich als einen wohlerzogenen und unterrichteten Mann, der ein wenig heiser sprach, ein wenig schwindsüchtig aussah und sich mehr als für Frauenschönheit und Liebesabenteuer für Politik und Handel und Wandel zu interessieren schien, wenn er auch den breiten Strom und die seltener werdenden Rebenhügel keineswegs nur auf Handelsverkehr und Weinernte hin betrachtete. Ein Floß, das der »Herzog von Nassau« überholte, hatte ihn zu der Frage veranlaßt, ob sie die früheren Riesenflöße auf dem Rhein noch gekannt hätten. Und dann hatte er von der zehntägigen Rheinfahrt erzählt, die er in jungen Jahren einmal als Gast des Floßherrn auf einem solchen Floß unternommen, das bei einem Tiefgang von sieben Fuß an siebenhundert lang und an siebzig breit gewesen und von über siebenhundert Ruderknechten bedient worden sei. Jenes Floß nun wäre bei Namedy aus kleineren, wie sie aus Murg, Neckar, Main, Saar und Mosel sich eingefunden, zusammengesetzt und in Dordrecht aufgelöst, von wo aus dann das Holz nach Spanien verschifft worden. Nicht weniger als fünfzehn Hütten wären auf dem Floß gewesen und die des Floßherrn hätte alle Bequemlichkeiten und sogar eine hübsche Veranda gehabt, also, daß er auf jener Fahrt sich gewünscht, seine Hochzeitsreise einmal so machen zu können. – Dabei ergab sich dann, daß der Herr von Wolfs annahm, sie befänden sich auf solcher, eine Annahme, die zunächst ihre Reisefreude noch steigerte. Jedoch würde Frau Anna es als eine Art Verrat an ihren Kindern empfunden haben, wenn sie im Laufe des Gespräches dieser nicht wenigstens Erwähnung getan hätte. – Bei der Länge der Fahrt und besonders, nachdem hinter Bonn die Ufer flach geworden waren, so daß ein Horizont von befreiender Weite sich auftat, darin nichts Buntes und Kleines, nichts Lustiges oder Lärmendes die Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, das Wenige aber Form und Größe gewann, – da ward die Unterhaltung immer lebhafter, und der Fremde, der höchstens vierzig Jahre alt sein konnte, erzählte so viel aus seinem anscheinend über die Maßen bewegten Leben, daß die beiden ganz neugierig wurden, wer er wohl sein möchte. Daß er ein Demokrat war, bestätigte eine Bemerkung, die er an den Namen des Schiffes anknüpfend gemacht hatte, als das Gespräch zum erstenmal die Politik streifte. Selbst die besseren unter den deutschen Fürsten, hatte er gemeint, schädigten durch ihre bloße Existenz schon die Entwicklung Deutschlands, weil an ihren Höfen und Höfchen naturgemäß Eitelkeit, Streberei und Knechtseligkeit gezüchtet würden. England und Frankreich, die derartige fossile Überreste der guten alten Zeit nicht kennten, wären darum in jedem Betracht viel weiter. Da hatte Frau Anna die Fürsten in Schutz genommen: die wohl auch in Deutschland nicht anders seien, als das Volk sie verdiene:

»Der Großen Hochmut wird sich geben,
wenn unsre Kriecherei sich gibt.«

Aus der aufrechten deutschen Treue – so wolle ihr scheinen – sei nachgerade eine hündische Ergebenheit allem Höhergestellten gegenüber geworden und sie besorge, wenn man heute die Fürsten verjagte, würde man sie morgen zurückholen müssen, lediglich um das Bedürfnis nach organisierter Ergebenheitsbetätigung befriedigen zu können. – Übrigens möge in der dünnen Luft, die um die Throne wehe, gewiß schwer zu atmen sein, und wenn man bedenke, wie die Fürsten durch ihre Umgebung verwöhnt und vergottet werden, müsse man sich wundern, daß die meisten von ihnen sich noch soviel Menschlichkeit bewahrt hätten. Jedenfalls habe Schlosser recht, wenn er den Ausschluß der Bürgerlichen von den Höfen billige, weil dort zu verkehren keinem verständigen Menschen angenehm sein könne, auch der Charakter dabei leicht verdorben werde. – Das sei freilich richtig, hatte jener erwidert, das Volk sei an seinen Fürsten und die Fürsten an ihrem Volk entartet, und er könne es Luthern nie vergeben, daß dieser durch seine Untreue gegen die aufständischen Bauern deren gute Sache zum Scheitern gebracht habe. Denn der Bauernkrieg sei das große, nun freilich fehlgeschlagene Radikalmittel gewesen, von jener Entartung wieder zu gesunden. – Gegenwärtig aber sei es wohl so, daß sich die Umgebung der Fürsten, die als Krankheitsherd ja auch die gnädige Frau anerkenne, nicht anders als mit diesen selber abschaffen lasse. Zunächst aber müsse mit der Begriffsverwirrung aufgeräumt werden, daran heute noch alle krankten: die Fürsten und ihre Umgebung, die Presse und das Volk. Wie oft könne man z. B. noch hören und lesen, daß das Volk vom Fürsten keinerlei Rechte zu fordern, sondern nur Gnade zu erbitten habe. Seinem Empfinden nach sei es menschenunwürdig, ja geradezu gotteslästerlich, von einem »gnädigen« Fürsten zu sprechen, denn in den Beziehungen zwischen Mensch und Mensch sei schlechterdings kein Platz für den Begriff Gnade. – Der Kommerzienrat meinte lächelnd, dann habe der Herr allerdings heute schon mehrfacher Gotteslästerung sich schuldig gemacht, weil er folgerichtig doch auch nicht »gnädige Frau« oder gar »Gnädigste« sagen dürfe. Jener widersprach: das sei eine konventionelle, aber doch auch hübsche und sinnige Artigkeit und eine harmlose captatio benevolentiae dazu. Denn indem ein Mann sich dieser Anrede bediene, bekenne er seinen Glauben, daß das weibliche Geschlecht das schönere, gütigere und – überlegene sei. Beim Fürsten dagegen spiele solche Wendung letzten Endes doch auf das Begnadigungsrecht an, das kein Recht sei, sondern Anmaßung, Willkür und Unfug, und also durchaus abgeschafft werden müsse. – Er komme gerade aus Würzburg, wo er einen Gesinnungsgenossen, den Doktor Eisenmann, besucht habe, von dessen Schicksal die Blätter ja jetzt wieder berichtet hätten. Es sei freilich nur einer von Vielen! Er aber könne wohl sagen, daß ihn angesichts dieses siechen, nach fünfzehn- oder eigentlich siebzehnjähriger Freiheitsberaubung jetzt endlich »begnadigten« Mannes der Menschheit ganzer Jammer angefaßt habe. – Frau Anna bat, mehr davon hören zu dürfen, und jener erzählte: Doktor Eisenmann ist der Sohn eines armen Handwerkers in Würzburg. Er hat zunächst die Rechte studiert, dann die Befreiungskämpfe mitgemacht und danach dem Studium der Medizin obgelegen. Von der allgemeinen Begeisterung für den Wiederaufbau eines einigen und freien deutschen Reiches gepackt, hat er in Würzburg an der Stiftung der Burschenschaft sich beteiligt. Als Mitglied des sogenannten Bundes der Jungen ist er um die Mitte der zwanziger Jahre verhaftet und des Hochverrats angeklagt worden. Man hat zwei Jahre nötig gehabt, um ihn freizusprechen, doch durfte er vorerst seine Würzburger Praxis nicht wieder aufnehmen, sondern mußte in irgendeinem fränkischen Nest eine neue sich suchen. Endlich in die Vaterstadt heimgekehrt, hat Doktor Eisenmann das Bayerische Volksblatt gegründet, das er im konstitutionell-monarchischen und deutschpatriotischen Sinn und so vortrefflich redigierte, daß dieses Oppositionsblatt sogar den Beifall König Ludwigs fand. Ja, dieser temperamentvolle und teutschgesinnte Wittelsbacher ließ sich von Eisenmann den Plan zu einer bayerischen Staatszeitung ausarbeiten und bot ihm deren Leitung an. Aber der wollte seine Freiheit nicht verkaufen und lehnte ab. Auch allerlei Versprechungen, die ihm der König für den Fall machen ließ, daß er sein Volksblatt auf einen etwas sanfteren Ton stimme, wies er zurück.

Da, im Herbst 1832, wird Eisenmann, schwer krank, plötzlich verhaftet. Länger als vier Jahre hält man ihn in München im Untersuchungsgefängnis. Dann wird er verurteilt. Weswegen? Weil er einen Aufsatz, der in einer andern Zeitung die Zensur passiert, in sein Volksblatt aufgenommen hatte und weil der Würzburger Stadtkommissär Wiesend in Eisenmanns Zimmer »eine Art Fürstenrock« gesehen haben wollte. Und wozu? Mittelalterlicherweise zur öffentlichen Abbitte vor dem Bildnis des Königs und teuflischerweise zu Zuchthaus auf unbestimmte Zeit. – Das sei ja fürchterlich und unglaublich, meinte Frau Anna. Aber wortwörtlich wahr, versetzte jener. Übrigens wäre der Doktor Eisenmann wahrscheinlich schon viel früher »begnadigt« worden, wenn er nicht so steife Kniee gehabt hätte, denn der König Ludwig sei ja auf seine Weise ein ganz humaner Herr, wenn man ihn zu nehmen wisse. Das Mittelalter rumore freilich noch gehörig, sowohl in ihm wie in seinem schönen Lande, behütet und gepflegt von den Pfaffen, wie ja auch in Bayern noch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein dreizehnjähriges Hexlein verbrannt worden und noch am Anfang dieses Jahrhunderts die Folter zulässig gewesen sei. Und vielleicht sei's kein Zufall, daß der neue Justizminister Maurer, der jetzt die Begnadigung Eisenmanns durchgesetzt, der erste Protestant sei, der's in Bayern zum Minister gebracht habe.

Der Kommerzienrat bestritt, daß der protestantische Norden in diesen Dingen über den katholischen Süden sich erhaben dünken dürfe. So erinnere er sich noch gut des Abends während der Befreiungskriege, da sein Vater mit Entsetzen der Mutter einen Zeitungsbericht vorgelesen, wonach man im aufgeklärten Berlin von Rechts wegen und im Namen des Königs einen Brandstifter und seine Genossin mit dem Feuertode bestraft hatte. Die Tatsache ferner, daß man im protestantischen Hannover noch anno achtzehnhundertsechsundzwanzig gegen einen vermeintlichen Pferdedieb Daumschrauben und Spanische Jungfrau angewendet, lasse sich auch nicht aus der Welt schaffen. Und es sei noch gar nicht lange her, daß ein guter Bekannter von ihm – Herr van Overaad, schaltete er an seine Frau sich wendend ein – daheim in der »Gesellschaft« erzählt, er hätte auf der Reise im Sächsischen Gelegenheit gehabt, gegen acht Groschen Eintrittsgeld zuzusehen, wie ein paar Raubmördern, die am nächsten Tage hingerichtet werden sollten, in der Kirche das heilige Abendmahl gereicht wurde.

»Stopp!« unterbrach hier ein Kommando des Steuermanns das Gespräch und dann lief ein Matrose an die Schiffsglocke und läutete. Unter den wenigen Reisenden entstand eine Bewegung. »Langsam vorwärts!« rief jener in sein Sprachrohr, und mit halbem Dampf fuhr der »Herzog von Nassau« behutsam an einem großen Kahn oder Marktschiff vorüber, das, voll von Menschen, sänftlich stromab glitt. »Het Vaderland« entzifferte der Kommerzienrat den Namen, der in gelben Buchstaben auf blauem Grunde am Heck stand, und seine Frau meinte, das seien gewiß Wallfahrer, die zur Mutter Gottes nach Kevelaer wollten.

Aber der unbekannte Reisegefährte belehrte sie: nein, dafür sehe ihm das Völkchen zu bunt aus, habe auch zuviel Gepäck, darunter, wenn ihn sein Auge nicht täusche, mancherlei Hausrat an Bord. Er halte dafür, daß es sich um oberdeutsche Auswanderer handele, die in Rotterdam nach Amerika eingeschifft werden wollten, die Tracht der Mädchen aber lasse ihn auf Schwaben schließen. Und wie zur Bestätigung erscholl es jetzt vielstimmig von jenem Schiff herüber: »Muß i denn, muß i denn zum Städtele naus, Städtele naus, und du, mein Schatz, bleibst hier ...« Indessen der zurückbleibende Gesang im Rauschen der nun wieder rascher sich drehenden Schaufelräder des Dampfers allgemach verloren ging, war unter den drei Reisegefährten eine ganze Weile die Rede von der deutschen Auswanderung: daß diese dem Vaterlande doch allzu viele arbeitfrohe Herzen und Hände entziehe, daß seit den Befreiungskriegen allein nach Nordamerika schon an zwei Millionen ausgewandert, daß rein gar nichts geschehe, um diese mit dem Mutterlande in Verbindung zu halten, daß jeder Auswanderer ein Stück Nationalvermögen bedeute, daß das wirtschaftlich erstarkende Vaterland doch Raum, Nahrung und Arbeit für alle seine Kinder habe und von einer Übervölkerung ernstlich noch lange keine Rede sein könne und was dergleichen Betrachtungen mehr waren. Als aber die Kommerzienrätin beklagte, daß so viele Auswanderer von gewissenlosen Agenten belogen, betrogen und ins Elend gebracht würden und daß die deutschen Regierungen hiergegen nicht energisch genug vorgingen, da zog »der Demokrat« gewaltig vom Leder: diese verdammten bürokratischen Regierungen hielten es ja gerade für den Gipfel aller volkswirtschaftlichen Weisheit, »die ärmeren Klassen loszuwerden«. Und viel schlimmer als jene Agenten sei die von deutschen Fürsten, Grafen und Herren gegründete und betriebene Auswanderer-Unternehmung, die sich euphemistisch »Verein zum Schutze deutscher Einwanderer in Texas« nenne, und deren Vorsitzender eben der Herzog von Nassau sei, nach dem der Dampfer heiße. Dieser Verein, der, ganz unzulänglich finanziert, die deutsche Auswanderung nach Texas leite, obwohl er wisse, daß gerade dort die politischen Verhältnisse, die Zuspitzung der Sklavenfrage und die noch keineswegs ausgerotteten Indianer – ganz abgesehen von dem schwierigen Klima – jede Einwanderung aufs äußerste erschwerten, dieser feudale Verein habe weit mehr Auswandererelend auf seinem Gewissen als alle Agenten zusammen. Mit solchen gemeinsame Sache zu machen habe übrigens diese hocharistokratische Gesellschaft gelegentlich durchaus nicht verschmäht, wodurch sie dann des öftern zum betrogenen Betrüger geworden. Wie auch insbesondere die »Landschenkungen«, die der Verein sich drüben habe verschreiben lassen und aus denen er den Auswanderern fruchtbare Acker verheiße, der reine Schwindel seien. Durch einen nahen Freund, der selber in Texas gewesen, sei er über alle diese Dinge genauer unterrichtet und so wisse er, daß leider auch der tüchtige Freiherr von Meusebach, den der Verein an Stelle des zurückgekehrten und wieder in den österreichischen Militärdienst eingetretenen Prinzen Solms-Braunfels vor zwei Jahren hinausgesandt habe, weder dem Unternehmen als solchem, noch den armen Auswanderern helfen könne, von denen inzwischen mehr als anderthalb Tausend eines jämmerlichen Todes verblichen seien. – Der einzige Arzt jener unglücklichen Kolonisten heiße Köster und »Kösters Plantage« sei die einzige, die gedeihe, nämlich der Friedhof. Aber prächtig gedeihe in Texas der deutsche Bürokratismus und die deutsche Bedientenhaftigkeit, wie denn jener Freund ihm versichert, mit eigenen Ohren gehört zu haben, daß solch ein armer, genasführter Auswanderer einem Assessor, der ihn nach seinem Köter gefragt, geantwortet habe: »Euer Hochwohlgeboren Hund sind vorhin um die Ecke dort gelaufen.«

Ja, sagte Frau Anna, sie habe kürzlich bei Emerson gelesen, die Deutschen und die Iren wären für Amerika nur dazu da, den Boden zu düngen. Sie kämen herüber, bestellten ein Stückchen Prärie und legten sich dann hin, um selber ein Stückchen grünen Rasens zu werden. – Seitdem schaudere ihr zuweilen vor dem Gedanken, daß ähnliches am Ende in jedem Betracht die deutsche Aufgabe in der Welt sein könne.

Mit der Zeit kam »der Demokrat« auf seine persönlichen Schicksale zu sprechen, und was hatte er da nicht alles zu erzählen! Bald von der Düsseldorfer Malerakademie, auf der in jungen Jahren er strebend sich bemüht, bald von der belgischen Revolution, in der er mitgekämpft hätte. Dann von seinen Abenteuern in Spanien, wo er gegen die Karlisten zu Felde gelegen, auch nach schlimmer Kriegsgefangenschaft und gefahrvoller Flucht zum Hauptmann befördert sein wollte, dann wieder von einem Eifelnest, in dem ein geschäftliches Unternehmen ihm mißglückt wäre, weil er die Machenschaften einer Bürgermeisterwahl allzu rücksichtslos enthüllt hatte. Als er aber endlich auf die Verhältnisse seiner Vaterstadt Köln zu sprechen kam, in der er jetzt längst wieder hause, und unter anderm das frische Leben im »Verein der Dombaufreunde« erwähnte, und daß dieser ja nun wohl Aussicht hätte, das gewaltige Werk, an dem sich die Kraft so manches Jahrhunderts erschöpft, zu vollenden – da ging dem Kommerzienrat ein Licht auf. Und er täuschte sich nicht. Es war wirklich Franz Raveaux, der ihnen alsbald gern und unbefangen seinen Namen nannte. Wolf wußte, daß jener, nachdem er im Verein der Dombaufreunde den Klüngel, wie man in Köln sagt, die Macht der wenigen untereinander verwandten reichen Familien, gebrochen hatte, nicht nur in diesem Verein, sondern im gesamten öffentlichen Leben seiner Vaterstadt einen großen und glücklichen Einfluß besaß, und daß man ihn dazu wohl noch den volkstümlichsten Mann von Köln nennen konnte, auch daß er mit weiten Plänen und Verbindungen mitten in der demokratischen Bewegung stand, wegen seiner Ehrenhaftigkeit, Tatkraft, Umsicht und Besonnenheit auch von den Gegnern geachtet. So brachte der Kommerzienrat die Rede alsbald auf den »Neuen Kuhberg«, einen karnevalistischen Verein, den Raveaux gegründet hatte, wie es hieß, um unter dem Schutz der Schellenkappe demokratische Gesinnung zu pflegen. Der aber meinte nur, man hätte oft die besten und weisesten Menschen, auch wenn sie sich allem Mummenschanz, ehrlichem wie unehrlichem, geflissentlich ferngehalten, Narren gescholten, und er hoffe von sich und seinen närrischen Freunden, daß sie noch einmal sehr ernsthafte Arbeit miteinander leisten würden.

Daß die Zeit für solche Arbeit nahe sei, bewiesen die jüngsten Ereignisse in Frankreich, die dort ganz sicher zur Revolution führen würden. Da sei es doch vielleicht besser, in Preußen solchen Grad der Fäulnis gar nicht erst abzuwarten, denn daß ein Staat den Nachbarstaat anstecke, sei doch selbstverständlich, zumal die Deutschen sich gerade von den Franzosen immer so gern anstecken ließen. Was dieses Jahr Paris an Korruptionsprozessen erlebt habe, das könne nächstes Jahr auch in Berlin möglich werden. – Der Kommerzienrat bestritt das: man müsse doch den Unterschieden im Volkscharakter Rechnung tragen und dürfe auch auf die gute Tradition im preußischen Beamtentum vertrauen. Er halte für ganz ausgeschlossen, daß in Preußen ein Mensch es bis zum Minister bringe, der fähig sei, sich wie Monsieur Teste durch Geld bestechen zu lassen. Übrigens könne er doch nicht glauben, daß die Pairskammer dem Herzog Choiseul das Gift selber in die Hände gespielt, damit er sich der Strafe entziehe. – Ja, meinte Raveaux, das sei eine dunkle Geschichte. Er seinerseits habe sogar Grund zu der Annahme, daß dieser angebliche Selbstmord des Herzogs glatt erfunden sei, daß es sich bei seiner angeblichen Beerdigung um einen groben Betrug handle, und daß jener augenblicklich als Besitzer eines schönen Landsitzes unangefochten in Schottland lebe. Aber wenn die vergangenen andern Prozesse die Regierung nicht um alles Ansehen und Vertrauen gebracht hätten, würde das Publikum gewiß nicht auf den Verdacht gekommen sein, die Pairskammer hätte dem hochgebornen Mörder ermöglicht, sich durch Gift oder gar durch die Flucht der Strafe zu entziehen. Die sogenannte glänzende Rede des Kanzlers Pasquier sei doch im Grunde nur ein oratorisches Kunststück gewesen. Das Schlimmste und auf die Dauer ganz unhaltbar sei, daß nicht nur die Regierung des Bürgerkönigs sich ganz ausschließlich auf die Besitzenden stütze, sondern daß auch die gesamte Verfassung den Kleinbürgern, Bauern und Arbeitern in keiner Weise gerecht werde. Guizot habe durchaus recht: über dem ganzen Zeitalter Louis Philipps stehe das schamlose Motto » Enrichissez vous!« Und wenn das Bestreben des Menschen, seine materielle Existenz zu verbessern, auch gewiß nicht zu verurteilen, sondern im Gegenteil die Ursache alles Fortschritts sei, so sei doch nichts Gutes von einer und für eine Generation zu erwarten, die alles und alles lediglich als geschäftliche »Konjunktur« betrachte. Er wolle nur hoffen, daß, wenn hier eine baldige Revolution Wandel schaffe, der Wind der Freiheit auch kräftig genug über den Rhein blasen möge ... Um aber auf den Prozeß Praslin-Choiseul zurückzukommen: das Dunkelste dieser ganzen rätselhaften Affäre sei doch das Motiv der Bluttat selber – wenn umgekehrt die Herzogin den Herzog ermordet hätte, würde ihm das viel verständlicher sein. – Frau Anna sagte, daß sie sich der Einzelheiten nicht mehr genau erinnere, worauf Raveaux diese solchergestalt zusammenfaßte: Der einundzwanzigjährige Herzog von Praslin-Choiseul und die achtzehnjährige einzige Tochter des Marschalls Sebastiani heiraten einander aus Liebe. Sie bekommen zehn Kinder. Erziehungsfragen führen zu Zerwürfnissen, die dank der Sanftmut der ein wenig beschränkten Frau Herzogin immer wieder leidlich beigelegt werden. Da kommt eine Erzieherin ins Haus, eine kluge und gewandte Person, deren Erziehungsgrundsätze dem Herzog imponieren, so daß er den Einfluß seiner Frau auf die Kinder nach jeder Möglichkeit einschränkt, ihrer natürlichsten Pflichten und Mutterrechte nicht achtend. Die Herzogin vermutet, daß zwischen ihrem Mann und der Erzieherin eine Liebschaft bestehe. Lange erträgt sie diese doppelte Kränkung in der Hoffnung, ihn durch Sanftheit und Demut zurückzugewinnen. Endlich, als schon die Skandalpresse sich zu ihrem Sachwalter aufwirft, setzt sie mit Hilfe ihres Vaters durch, daß Fräulein Deluzy entlassen wird, zwischen der und ihr übrigens äußerlich immer ein ganz leidliches Verhältnis bestanden, wie sie denn auch, während das Fräulein bei einer in Turin verheirateten Tochter der Herzogin zu Besuch war, freundliche, ja herzliche Briefe miteinander gewechselt haben. Aber die Entlassung beendet die Rolle dieser Dame keineswegs. Der Herzog und seine Kinder besuchen sie des öftern in dem Institut, darin sie nun sich betätigt, so daß dessen Leiterin, um den guten Ruf ihres Hauses besorgt, eine schriftliche Erklärung der Frau Herzogin beansprucht, daß diese mit solchen Besuchen einverstanden sei. – Inzwischen nimmt die herzogliche Familie einen Sommeraufenthalt auf ihrem Schloß in der Provinz, den der Herzog einmal unterbricht, um mit einer Tochter nach Paris zu fahren und Fräulein Deluzy zu besuchen. Einige Wochen später beendet man jene ländliche Sommerfrische, um nach Dieppe ins Seebad zu gehen. Auf der Durchreise will man zwei Nächte in Paris bleiben. Und in der ersten Nacht gegen Morgen ermordet der Herzog, der trotz der späten Abendstunde auf der Fahrt vom Bahnhof in Begleitung seiner Tochter der einstigen Erzieherin wieder einen Besuch abgestattet, seine Frau in ihrem Schlafzimmer auf eine so entsetzliche Weise, daß sein Kammerdiener, ein alter Soldat, beim Anblick der Leiche ohnmächtig wird. Der Herzog, der allein die Bluttat begangen haben kann, wird alsbald verhaftet. Er gesteht nichts, er leugnet nichts, er erklärt nichts. Er erkrankt und stirbt nach wenigen Tagen an einer Vergiftung, von der die Ärzte zunächst nicht wissen, ob sie auf Morphium oder Arsenik zurückzuführen ist. Fräulein Deluzy aber überzeugt die Richter, daß zwischen ihr und dem Herzog eine Liebschaft nicht bestanden habe.

Der Kommerzienrat meinte, daß es wohl nichts gebe, wovon eine hübsche und kluge Dame einen französischen Richter nicht überzeugen könne. Er sei der Ansicht, daß der Herzog von Fräulein Deluzy völlig behext, auch unmittelbar zu der Mordtat angestiftet worden sei, Frau Anna hielt dies für unwahrscheinlich, einmal, weil die zum Teil schon erwachsenen Kinder kein so gutes Verhältnis zu der Erzieherin gehabt haben könnten, wenn sie diese für die Mätresse ihres Vaters gehalten hätten, dann aber auch, weil eine Heirat zwischen dem Herzog und der Erzieherin auch nach dem Tode der Herzogin unmöglich gewesen sein würde, während andererseits jener doch auch bei Lebzeiten seiner Frau unerlaubte Beziehungen zu Fräulein Deluzy ohne Schwierigkeiten hätte weiterpflegen können. Auch würde der Herzog den Mord, sofern er ihn vorher überlegt und beschlossen hätte, mit viel größerer eigener Sicherheit etwa auf jenem Schloß und durch Gift haben ausführen können. Sie erinnere sich, gelesen zu haben, daß der Herzog persona grata am Hofe Louis Philippes gewesen, dessenungeachtet aber mit lasterhaften Menschen der untersten Klasse verkehrt habe. So halte sie denn dafür, daß er, von jeher ein Schwächling und Lump, durch ein liederliches Leben außerhalb des Hauses von Stufe zu Stufe gesunken sei. Er habe sich eingeredet, die Schuld daran treffe seine beschränkte Frau, und so sei er in jener Nacht in deren Schlafzimmer gedrungen, getrieben nicht von Fräulein Deluzy, sondern von der Nichtigkeit, Verworrenheit und Verworfenheit seines eigenen Wesens und Lebens. Möglicherweise habe er dann, lediglich um sie und sich zu reizen, von seiner Frau jene Erklärung verlangt, vielleicht aber habe der instinktive Haß des Bösen gegen das Gute, der in ihm übermächtig geworden, solches äußeren Anlasses gar nicht bedurft: jedenfalls habe er in seiner fünften Frau den Zeugen seines einstigen besseren Selbst, die verlorenen Werte des eigenen Lebens und die Erinnerung daran zerfleischen und gänzlich vernichten wollen. Seine ins Krankhafte entarteten Sinne hätten Blut begehrt, hätten gerade dieses Herz bluten sehen wollen, das einst beglückt und beglückend an seinem Heizen geruht und auch in den elenden Jahren unbegreiflicherweise nie ganz aufgehört habe, für ihn zu schlagen. Er habe, was seine an der Mordstätte zurückgelassenen geladenen Pistolen bewiesen, die Absicht gehabt, nach der Tat sich selber zu erschießen, aber die Kraft dazu natürlich nicht aufbringen können ... Für ihr Empfinden sei das Unerhörteste, daß es schließlich doch ein Großelternpaar war, das auf so scheußliche Weise kurz vor der silbernen Hochzeit aus dem Leben geschieden. Und sie wisse nicht, wer ihr mehr leid tue: die Kinder, die solche Erinnerung ein ganzes Leben lang zu tragen hätten, oder der hochbetagte Marschall Sebastiani, der in der ermordeten Herzogin sein einziges Kind begraben habe ...

Auf eine so grausliche Geschichte müßten sie aber nun noch eine Flasche Winkler Hasensprung trinken, schlug der Kommerzienrat vor, und als die gefüllten Gläser vor ihnen standen: jetzt wollten sie auf die bürgerliche Freiheit und ihre verständigsten Vorkämpfer vom linken Niederrhein anstoßen. Es sei doch ganz merkwürdig, wie viele tüchtige Politiker diesem kleinen Bezirk der rheinischen Heimat entstammten. Und dann sprachen sie von den Dreien, die Raveaux genauer kannte und mit denen auch Wolf persönlich sich schon berührt hatte. Das war Hermann von Beckerath aus Crefeld, der feingebildete Bankier, dessen kluge politische Ansichten, wo und wie er sie äußere, stets ein Schimmer von Poesie verkläre, und sein nüchterner Freund Gustav Mevissen aus Dülken, auf dessen Wiege wohl kein Schatten der berühmten Narrenakademie gefallen sei, und der, wie im vereinigten Landtag, so auch im freundschaftlichen politischen Gespräch nie einen Schritt weiter gehe als der feste Boden unter ihm reiche, und der kühlbesonnene Ludolf Camphausen aus Hülshoven, dieser allen »grauen Theorien« und »absoluten Wahrheiten« abgeneigte »Zweckmäßigkeitsmensch«, in dem ein Minister stecke. Wieviel verdankten allein die Eisenbahnen der Weisheit und Tatkraft dieser tüchtigen Männer! Denn es war doch so, daß die Regierung nicht nur auf Staatskosten Eisenbahnen zu erbauen sich weigerte, sondern daß es ihr auch im Grunde nur darauf ankam, den Unternehmern möglichst viele Schwierigkeiten aufzuhalsen. Ohne Camphausen hätte neulich die Rheinische Eisenbahngesellschaft sich sogar verpflichten müssen, nach einigen Jahren einem etwaigen Konkurrenzunternehmen die Mitbenutzung ihrer Schienen zu gestatten. Dann erzählte Herr Raveaux noch von zwei Politikern, deren Ansichten allerdings wesentlich radikaler seien, die man aber gleichwohl als tüchtige niederrheinische Landsleute anerkennen müsse: von Jakob Venedey aus Köln, der noch immer in Paris lebe, wohin er, als Burschenschafter und durch die Teilnahme am Hambacher Fest kompromittiert, vor fünfzehn Jahren geflohen, und von Karl Heinzen aus Grevenbroich, der, nachdem er vor einigen Jahren durch sein böses Buch über die preußische Bürokratie sich unmöglich gemacht, nun von der Schweiz aus als politischer Schriftsteller wirke, mit seinen Grobheiten und Majestätsbeleidigungen mehr noch als seine Leser sich selber erquickend. – Und der Kommerzienrat meinte, das sei das Schöne und Verheißungsvolle am jungen deutschen Liberalismus, daß sich in ihm die guten Mächte der Vergangenheit, möchten sie nun in Wittenberg oder in Weimar, in Jena oder in Sanssouci und Berlin ihre Quelle haben, mit den besten Köpfen des Handels und der Industrie zu der Einheit eines neuen deutschen Bürgertums zusammenschlössen, das, großzügig, weitblickend und tätig, berechtigt sei, die Bezeichnung »Bourgeoisie« abzulehnen. – Auch des neuen Papstes gedachten die Herren, der seine Zeit verstehe und, wenigstens in den weltlichen Fragen, ihren liberalen Ideen zugänglich sei. Was ja freilich auch nicht weiter verwunderlich sei, wenn man bedenke, daß er in jungen Jahren als Kavallerieleutnant in der Welt sich umgetan habe. – Seine alte Mutter zwar, sagte der Kommerzienrat, mißtraue diesem Pio Rono und sei überzeugt, daß das Sammetpfötchen zu gelegener Zeit seiner Krallen sich wohl erinnern und bedienen werde. Aber die habe nun einmal eine unüberwindliche Idiosynkrasie gegen alles Katholische. Er seinerseits sehe nicht ein, warum nicht auch Rom mit der Zeit fortschreitend durch den Liberalismus sich verjüngen lassen solle ... Unter solchen Gesprächen näherten sich die Reisenden dem heiligen Köln. Ein kühler Wind hatte sich aufgemacht und der Dom stand mit Chor, Turmstumpf und Kran im Feuermeer der untergehenden Sonne. »Wie gut, zu wissen, daß sie morgen wiederkommen wird,« sagte Raveaux, als sie sich trennten, um sich zum Verlassen des Schiffes vorzubereiten, »und einmal wird sie durch ein edles Steingerank in die höchsten Türme der Welt scheinen. Möchte sie dann auch über einem einigen und wahrhaft freien Volk stehn!« –

Das beides tat die liebe Sonne am andern Morgen freilich noch nicht, aber hell und freundlich schien sie von Deich her über den breiten Strom in das Zimmer, das Wolfs im Hof von Holland bewohnten. Und sie stand schon hoch am Himmel, als diese endlich den Gasthof verließen. Denn da beide zu Hause Frühaufsteher waren, wie es das Gebot des Fleißes vorschrieb, so überließen sie sich auf Reisen um so zwangloser dem Genuß eines behaglichen Morgenschlummers. Ihr erstes Ziel wäre auch ohne das gestrige Gespräch wie immer der Dom gewesen. Und wie immer waren sie ergriffen von der Erhabenheit dessen, was Menschen hier entstehen ließen, und wie immer wunderten sie sich über das scheinbar langsame Fortschreiten der Bauarbeiten, die doch von so vielen Händen gefördert wurden. Waren doch nun schon wieder fünf volle Jahre vergangen, seit auf jenem unvergeßlichen Dombaufest der König vor den zahlreich versammelten Fürsten und Führern der Nation durch eine – abgesehen von dem unverfälschten Berlinisch und der ein wenig piepsigen Stimme des hohen Herrn – prachtvolle Rede über die Einigkeit der Deutschen und die gewaltige, unblutig den Frieden der Welt erzwingende Macht Deutschlands den Grundstein für Weiterbau und Vollendung des Domes geweiht hatte, schließend mit dem tausendjährigen Lob der Stadt: »Alaaf Köln!« Durch jene Rede, von der es hieß, daß sie sogar den anwesenden Kanzler des deutschen Bundes, den alten Metternich, ergriffen hätte. Der doch taub und für den Deutschland doch nur ein geographischer Begriff war. Und der, die allgemeine Begeisterung und Rührung wahrnehmend, auf französisch zu bemerken sich erlaubt hatte, daß derartige Gefühle höchst gefährlich seien, am meisten für den, der sie hervorgerufen. – Wie wenig scheinbar war in dieser langen Zeit das Werk, das vielen als Symbol der nahenden Verschmelzung beider christlichen Bekenntnisse galt, fortgeschritten. Es sei fast wie bei der Natur, bemerkte Anna, wo man auch nie das Wachsen selber, sondern immer nur das Gewachsene sehe. –

Mittags im Holländischen Hof erfuhren sie an der table d'hôte aus dem Gespräch anderer Gäste, daß heute abend im Saal der Singakademie der berühmte – oder wie einer verbesserte: der berüchtigte – Enthaltsamkeitsapostel Baron Seld aus Berlin gegen den Genuß geistiger Getränke sprechen würde. Lebhaft ward das Für und Wider solcher Bestrebung erörtert. Ein weißhaariger Alter erklärte, indem er sein Weinglas wieder füllte, wohlwollend, er habe diesen sonderbaren Heiligen vor ein paar Abenden im Kaisersaal gehört und müsse schon sagen, reden könne er, und es sei ihm offenbar auch heiliger Ernst mit seiner Sache. Ein Andrer meinte, Seld sei ein Mucker und Reaktionär, der für die Preußische Regierung allerlei ausspioniere. Wenn er wirklich für die Enthaltsamkeit eintreten wolle, dann solle er doch vor allem in die Fabrikstädte gehen und den Branntwein bekämpfen, womit die Brennereien seiner frommen Standesgenossen die Fabrikarbeiter vergifteten. Gegen eine Flasche Wein aber sei doch nun wahrhaftig nichts einzuwenden, zum mindesten gegen eine gute nicht, und nun erst hier am Rhein! Was solle denn aus den Weinbergen und den armen Winzern werden, für deren ohnehin so schwierige Existenz übrigens gerade hier in Köln der bekannte Demokrat Raveaux erfolgreich kämpfe, und was aus den Dichtern und der rheinischen Fröhlichkeit? Nein, Rhein und Wein, das gehöre zusammen und was Gott zusammengefügt, solle der Mensch nicht scheiden. Es sei ohnehin traurig genug, daß der Weinbau sogar in den Rheinlanden immer mehr zurückgehe, wie es denn in der Stadt Köln selber heutzutage nur noch ganz wenige Weingärten gebe, wahrend noch vor fünfzehn oder zwanzig Jahren der Kölner Bürger sein Schöppchen »Bleichert« mit Vorliebe selber sich gezogen und gekeltert habe.

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