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Wolfs Geschichten um ein Bürgerhaus - Zweites Buch: Vor Bismarcks Aufgang

Wilhelm Langewiesche: Wolfs Geschichten um ein Bürgerhaus - Zweites Buch: Vor Bismarcks Aufgang - Kapitel 3
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authorWilhelm Langewiesche
titleWolfs Geschichten um ein Bürgerhaus ? Zweites Buch: Vor Bismarcks Aufgang
publisherWilhelm Langewiesche
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Als Fräulein Antoinette Jeanbon ihr Haus Duynberg der Stadt anbot, ahnte sie nicht, daß sie dadurch die Bürgerschaft in drei einander heftig bekämpfende Lager spalten sollte. Die einen, unter Führung des Bürgermeisters, wollten ein Armenhaus daraus machen, denn es däuchte sie vorteilhafter, das Viertelhundert altersschwacher oder blöder Männlein und Weiblein gemeinsam zu versorgen, als, wie bisher, für jeden Einzelnen Kostgeld an den Mindestfordernden zu zahlen, auch würde man alsdann die vereinigten Restchen Arbeitskraft nutzbringend sich betätigen lassen und ihren Fleiß bequem überwachen können.

Die andern, von Pastor Kranevoß beraten, erhitzten sich für ein Waisenhaus, aus dem nach der Pastorin Meinung fort und fort saubere, willige und anspruchslose Dienstmädchen hervorgehen würden.

Doktor Latschelt und einige wenige mit ihm hielten ein Krankenhaus für das wünschenswerteste.

Diese drei Gruppen, die einander verächtlich die Armenhäusler, die Waisenhäusler und die Krankenhäusler nannten, fochten sowohl in der »Gesellschaft« wie auch an den kleinbürgerlichen Biertischen, ja gelegentlich sogar im Wochenblättchen manchen Strauß miteinander aus, und Zuckerbäcker Stümges, der Friedensrichter, hatte genug zu tun, dem Herrn Amtsrichter Injurienprozesse fernzuhalten. Aber die Frauen der drei Gruppen waren darin einig, daß die Kommerzienrätin, die natürlich wieder ihre besondere Ansicht haben mußte und daraus kein Hehl machte, dem Leben, wie es wirklich war, doch allzu fremd gegenüberstehe, Frau Anna meinte nämlich, daß im allgemeinen jeder mit Bewußtsein lebende Mensch, der irgendwelcher Aufsicht, Pflege oder Erziehung bedürfe, in den durchschnittlichen Verhältnissen eines Familienkreises sich freier und wohler fühle und besser gedeihe, als in einem großen gleichartigen Anstaltskreise. Auch hielt sie dafür, daß der Pflegling seinerseits für jenen kleinen Kreis erzieherisch wertvoller sei als für diesen größeren. Sie bedauerte auch, daß die menschliche Gesellschaft allzuviel Kraft vertue, naturgemäß beginnendes Sterben hinzuzögern, und allzu wenig sich angelegen sein lasse, beginnendes Leben zu fördern. Daß jenseits der Genesungsmöglichkeiten oder der biblischen Lebensgrenze der Tod seines Amtes walte, das wollte ihr als ganz in der Ordnung erscheinen, daß aber von allen Kindern, die geboren wurden, noch nicht ein Drittel am Leben blieb, erschien ihr im höchsten Grade widernatürlich und unwürdig.

So versuchte sie den Vorschlag, man möge aus Haus Duynberg ein Asyl für Wöchnerinnen und ganz kleine Kinder machen, darin nicht nur verheiratete Fabrikarbeiterinnen in Ordnung und Ruhe ihrer natürlichen Pflicht obliegen, sondern auch die vielen jungen und ganz jungen unverheirateten ihr schuldloses Kindlein gebären und in freundliche Hände legen dürften, statt daß diese jetzt unter Angst und Schelten auf allerlei gefährliche und verbrecherische Weise in Heimlichkeit sich zu helfen versuchten und schließlich gar eine Kopskiste in der Fabrik zu ihrem raschen Wochenbett machten. Die armen Würmlein selber aber möge man die ersten Jahre in solchem Asyl behalten, bis man sie dann, sobald sie aus dem Gröbsten heraus wären, als Kostkinder in braven Familien unterbringen könne. – Jedoch nicht einmal den eigenen Mann vermochte Frau Anna für diesen Gedanken zu gewinnen. Er blieb dabei: solches hieße den Teufel durch Beelzebub austreiben und der Unsittlichkeit Vorschub leisten.

Schließlich und endlich siegten die Armenhäusler unter dem Bürgermeister, denen auch der Kommerzienrat sich angeschlossen hatte, und am Samstag vor Palmarum 1841 hielt ein seltsames Völklein seinen Einzug in Haus Duynberg: menschliche Ruinen, die man in dem alten Gemäuer noch eine Zeitlang vor dem völligen Verfall bewahren wollte, die aber keineswegs aussahen, als ob sie darin – nach Pastor Kranevossens verheißungsvoller Eröffnungsrede – eine Art fröhlicher Auferstehung halten würden. Da war, zum »Armenvater« bestellt, Gustav Freundgen, der verlorne Sohn, um den der Hauptlehrer mit Herzeleid in die Grube gefahren. Der war aus dem Lande der Freiheit heimgekehrt, von bösen Fiebern zerrüttet, dumpf und stumpf, keiner Arbeit und keines Strebens mehr fähig, aber gutwillig und harmlos, nur daß er das Wort Freiheit nicht hören konnte. Dann wurde er wild und schlug auf den Tisch und schrie, es gebe keine Freiheit! Von seinem lebhaften Geist und dem vielen, vielen Wissen, das sein Vater mit schweren Entbehrungen und jahrelang drückenden Schulden bezahlt, hatte er nur Trümmer heimgebracht, mit denen schlechterdings nichts anzufangen war. Und seine Tatkraft, die er einst so freudig in den Dienst der deutschen Freiheit gestellt, war ihm ganz abhanden gekommen – sie hatte zuletzt nicht einmal mehr ausgereicht, seinem verfehlten Leben ein Ende zu bereiten. Das viele Gold aber, das er drüben gegraben, und das einmal mehr gewogen hatte als er selber, das hatten ihm schlechte Kameraden in einer Nacht weggenommen und ihn noch halbtot geschlagen, als er sie des Diebstahls zieh. So hatte er als blinder Passagier die Überfahrt nach Europa angetreten und nur dank der Gutmütigkeit des Kapitäns und der Reisenden erster Kajüte als Zwischendeckler unangefochten die Heimat erreicht.

Da war Emil Deißen, ein Koloß, der seit einem halben Jahrhundert unter der Herrschaft des Schnapses vertierte, und Hermann Krohwinkel, ein kleiner behender Siebziger, der voller Torheit und Späße steckte und deshalb »dat jecke Hermännche« genannt ward, und Christian Möller, der das rechte Bein in Rußland gelassen hatte und beständig zitterte, und Peter Hendricks, »dä vosse Pitter«, denn seine weißen Haare waren ehemals rot gewesen. Auch die Wittib Entepuhl stellte sich ein, mit ihrem Wackelkopf, der schon wackelte, als sie für ihren inzwischen in Amerika verschollenen Enkel von Frau Maria Magdalena des kleinen Johannes abgelegte Anzüge erbettelt hatte. – Eigentlich hätte an erster Stelle entweder Götz Dystel genannt werden müssen, denn der wurde sehr, zornig, wenn man ihm nicht glauben wollte, daß er der Kaiser Napoleon sei, oder Pitter Bell, denn vor dem hatten doch alle die meiste Angst. Er war vor achtundvierzig Jahren eines mit sonderlicher Grausamkeit ausgeführten Mordes wegen zu lebenslänglichem Zuchthaus »begnadigt«, beim vorjährigen Thronwechsel aber für seine gute Führung durch Entlassung bestraft worden. Und nun fügte es sich, daß das Mädchen, um das er jene Bluttat begangen hatte, den Lebensabend mit ihm unter dem gleichen Dach verbringen sollte. Aber Elisabeth Degrootes Schönheit war freilich dahin, auch hatte Gott ihr den Verstand getrübt. So war es denn wirklich gut, daß »de dolle Lisbeth« jetzt leichter als bisher der Straße ferngehalten werden konnte, wo sie immer ein Kindertrüpplein hinter sich hergezogen und im Fratzenschneiden unterrichtet hatte. – Auch ewige Ehepaare, wovon eines Mitte Mai die goldene Hochzeit feiern sollte, und ein anderes, das nur durch eine Unachtsamkeit des seligen Maire das Heimatrecht erworben hatte und darum nicht für voll angesehen ward, befanden sich in der Gesellschaft, die nun Haus Duynberg bevölkerte. Ja, Pastor Kranevoß sagte bei der kleinen Feier, die das goldene Jubelpaar ohne Gold und ohne Jubel am 13. Mai 1841 über sich ergehen ließ, daß das Haus dadurch, daß so bewährte und gesegnete Ehebündnisse in ihm der Ewigkeit entgegenreiften, erst die rechte Weihe erhalte und in einer gott- und sittenlosen Zeit zum Hort und Vorbild evangelischen Familienlebens werde. Erbaulich hatte er die alten Leutchen, die er einander das Gelöbnis unverbrüchlicher Treue erneuen ließ, auf ihres Gottes gnadenreiche Führung hingewiesen: Im Lenz des Lebens wären sie Untertanen des kunstsinnigen aber katholischen und im Lande nie sich zeigenden Kurfürsten von Bayern gewesen, im Sommer des Lebens Untertanen der ruchlosen französischen Republik und danach Untertanen des Kaisers Napoleon, dieser Gottesgeißel. Aber im Herbst des Lebens hätte Gott sie zu Untertanen des hochseligen Königs Friedrich Wilhelms des Dritten gemacht, und nun im Winter des Lebens dürften sie sich sogar beglückte Untertanen Seiner Majestät des Königs Friedrich Wilhelms des Vierten nennen, dieses frömmsten aller Landesväter, der, das wisse er, täglich auch für ihr Wohlergehen bete. Und ob nicht auch das eine freundliche Führung Gottes wäre, daß die liebe Heimat, die sie nie verlassen hätten, nun auch sie nicht verließe, sondern ihnen für den Lebensabend ein so schönes Heim böte? Aber nicht nur über ihrem bürgerlichen Lebensweg hätte des Höchsten Gnade so sichtbarlich gewaltet. Gott wäre auch nicht müde geworden, immer wieder seine Sonne über ihnen auf- und untergehen zu lassen – sie sollten einmal ausrechnen: wie oft! Kindersegen hätte er ihnen ja freilich versagt, gewiß aber auch aus väterlicher Liebe, damit sie in ihren alten Tagen nicht etwa um einen verlorenen Sohn oder eine mißratene Tochter zu weinen brauchten. Auch vor den Versuchungen und Stricken des Reichtums hätte Gott sie bewahrt und sie im Stande der Niedrigkeit und Armut erhalten, der ihm von allen der liebste sei. Und ohne zu merken, daß er sich damit einer bedenklichen Verdrehung des göttlichen Wortes schuldig mache, schloß der Pastor mit der Versicherung, daß ihr Leben köstlich gewesen sei, weil es Mühe und Arbeit gewesen.

Am Nachmittag, als die beiden Alten sich still und müde im Hof ein wenig sonnten, war »dat jecke Hermännche« an sie herangetreten und hatte gemeint, sie rechneten wohl gerade aus, wie oft der liebe Gott die Sonne über ihnen hätte aufgehen lassen. Sie sollten sich nur nicht überanstrengen, er wollte es ihnen sagen: es wären in den fünfzig Jahren rund achtzehntausendzweihundertfünfzig Sonnenaufgänge und achtzehntausendzweihundertfünfzig Sonnenuntergänge gewesen, ohne die Schalttage, womit er nicht recht zustandegekommen wäre.

Als der goldene Hochzeiter in der Frühe des andern Tages erwachte, saß seine goldene Hochzeiterin in ihrem Bett und weinte und schluchzte ganz erbärmlich. Er nahm sie in seine alten Arme, und in einer Anwandlung längst verlernter Zärtlichkeit streichelte er ihr Wangen und Hände. Da gestand sie endlich, daß sie einen schrecklichen Traum gehabt habe: eine Stimme vom Himmel her habe dreimal ihren Namen gerufen und ihr alsdann verkündet, Gott habe in seiner Gnade und unerforschlichen Weisheit beschlossen, sie solle wieder zum kleinen Kinde werden und ihr langes Leben von vorn an noch einmal leben, Jahr für Jahr und Tag für Tag. Davon habe sie einen solchen Schrecken gekriegt, daß sie habe heulen müssen, und davon sei sie wach geworden – aber die Angst liege ihr noch in den Knochen. Der Alte tröstete sie so gut er konnte: Träume kämen aus dem Magen und hätten nichts zu bedeuten. Er hätte auch nicht ordentlich geschlafen. Gewiß hätten sie beide gestern zu gut gegessen. Aber sie sollte nur ruhig sein: heutzutage geschähen keine Wunder mehr und sicherlich würden sie beide bald sterben dürfen. Vorläufig aber dürften sie heute ja länger liegen bleiben, und darum wollten sie sich jetzt auf die andere Seite drehen und ein Morgenschläfchen versuchen. –

Um einen verlorenen Sohn und eine mißratene Tochter zu weinen hatte ein anderes der alten Ehepaare Grund, und wenn auch die traurigen Begebenheiten schon weit zurücklagen und die Tränen versiegt waren: die beiden alten Herzen hielten eines im andern den Haß gegen den Verderber ihrer Kinder wach, und was sie an Strenge gegen diese in den entscheidenden Jahren aufzubringen nicht vermocht hatten, das hatte die drei Jahrzehnte hindurch als Schmerz und Wut und Verzweiflung und Bitterkeit diesen Haß genährt, der ihnen Willen und Kraft zum Leben aufrecht erhielt. – Der Mann stammte aus dem Neuwiedischen, übern Rhein herüber, aus Koblenz hatte er sich die Frau geholt, eine Französin, die dort in einer Emigrantenfamilie bedienstet und arm wie eine Kirchenmaus war. Sie waren kaum verheiratet, als das kleine Fabrikwesen zugrunde ging, in dem seine paar tausend Taler steckten. Da fing er in der nämlichen Ware, die er bis dahin selber hergestellt hatte, einen fliegenden Handel an. So waren sie um 1800 mit ihrem blauen und grauen Steingut am Niederrhein umhergefahren und gerade zur Herbstkirmes in dem Städtchen eingetroffen, dem J. P. Wolf als Maire vorstand. Da war ihr alter Gaul zu Schaden gekommen. Geld für einen neuen hatten sie nicht, aber für ihren Wagen, der zugleich ihre und ihrer beiden Kleinen Wohnung war, hatte sich unter dem Marktvolk ein Liebhaber gefunden. So hatten sie denn kurz entschlossen den Handel perfekt gemacht und ein Lädchen mit Stube und Kammer gemietet, mit ihren Kindern und dem Steingutkrämchen darin seßhaft zu werden. Aber das Geschäft wollte nicht gedeihen, der Erlös reichte kaum zur Lebensführung und die wenigen Male, da sie kleine Nachbezüge wagten, ging allzuviel unterwegs in die Brüche. Nur daß die Kinder jetzt doch zur Schule gehen konnten, war gut. – Dann kam der schreckliche Sonntagabend, an dem ein Betrunkener in ihr Lädchen geriet und mit dem Mann Händel suchte. Da blieben nicht viele Krüglein heil und sie gaben die Sache auf.

Der Maire, der übersehen hatte, sie rechtzeitig in ihre Heimat abzuschieben, verschaffte dem Mann Arbeit, wie die Gelegenheit sie darbot, und Fräulein Antoinette Jeanbon empfahl die Landsmännin zum Bügeln und Wäscheausbessern und legte Ehre mit ihr ein. Da es bei den zwei Kindern geblieben war, die sie mitgebracht hatten, konnten sie sich ganz leidlich über Wasser halten, und wenn sie hier ein paar Taler alte Schulden bezahlten, mochten sie dort, wenn es not tat, leicht einen Taler schuldig bleiben, denn jedermann hatte sie gern.

Da begab es sich, daß ihr Adolf, den der Maire auf der Wiegekammer beschäftigte und als Faktotum sich heranzuziehen gedachte, in die allzu nahe Freundschaft mit einem nur wenig älteren Taugenichts geriet, der beim Küfermeister Matthias in der Lehre war und Rheinwein von Moselwein zu unterscheiden wußte, aber Muskateller und Burgunder vorzog. Solche Wissenschaft und Liebhaberei übertrug sich, und als die Wanderschaft des »schwarzen Anton«, der ein kleiner und zierlicher, aber verwegener Bursche, dazu ein Liebhaber und Verzug der Mädchen war, die freundschaftlichen Beziehungen unterbrach, befand Adolf sich schon auf Wegen, zu denen die Eltern den Kopf schüttelten, ohne die Kraft zu finden, ihn auf bessere zu bringen. Nach wenigen Jahren kehrte der schwarze Anton, durch ein keckes Schnurrbärtchen vermännlicht, heim, vom alten Matthias seiner Anstelligkeit wegen gern wieder in Dienst genommen. Und nun begannen die beiden Burschen, die in ihrer Arbeit untadelig sich hielten, abends und an den Sonntagen ein wüstes Leben, darin Bacchus und Venus den Katechismus ersetzten. An jeder Schlägerei draußen auf den Dörfern waren sie beteiligt und ihre griffesten Messer versprachen nichts Gutes, doch wußten sie zwischen sich und den langmütigen Polizeidienern stets den gewünschten Abstand zu halten. Daß zu den Mädchen, die dem schwarzen Anton nichts versagten, bald auch die junge Schwester des Freundes gehörte, war nicht weiter verwunderlich. Bis dann eines Montagmorgens die beiden Burschen verschwunden waren, nicht ohne einen Brief zu hinterlassen, daß sie in Amerika ihr Glück machen würden, und nicht ohne daß der Maire auf seinem Verlustkonto eine dreistellige Zahl verbuchte. Und noch im gleichen Jahr bewies die blasse Jeanette, vom Vater ob ihrer nicht länger zu verheimlichenden Schande in jähem Zorn des Hauses verwiesen, daß das langsam der Maas zustrebende Flüßchen, an dessen Korrektur noch kein Regierungsrat Ohnegroll dachte, für sechzehnjährige Mädchen tief genug zum Ertrinken war. – Die beiden Amerikafahrer blieben verschollen. Jahre und Jahrzehnte vergingen. Adolf und Jeannette lebten als Kinder und kleine Heilige in den Herzen ihrer Eltern weiter. Diese sprachen nicht mehr von ihrer heimlichen Hoffnung, daß ihr Junge noch eines Tages als gemachter Mann zurückkehren und ihnen ein sorgenloses Alter verschaffen werde. Aber daß der liebe Gott den schwarzen Anton hier zeitlich und dort ewiglich strafen werde, davon sprachen sie oft. Und es war ihr größter Wunsch, nicht sterben zu müssen, bevor sie gehört oder gesehen hätten, daß und wie jenen das Verderben ereilt habe. Darüber waren sie gichtisch und hinfällig, alt und zitterig geworden, so daß sie endlich ganz gern ins Armenhaus gingen.

Der schwarze Anton lebte schon lange wieder in Deutschland. Aber nicht als gemachter Mann war er aus Amerika zurückgekehrt, sondern ärmer als er einst hinübergefahren. Sein unsteter Sinn und eine gewisse Sentimentalität hatten sich mit der Erfahrung verbunden, daß man in Amerika doch allzu hart arbeiten müsse und daß sich's alles in allem in Deutschland doch leichter lebe. So hatte er sich von andern Enttäuschten zur Rückkehr bestimmen lassen. Erst einige Male für kürzere Zeit, dann auf lange Jahre hatte das Vaterland willig ihm Brot und Obdach gewährt, zuletzt in der Strafanstalt zu Werden an der Ruhr, Von hier aus hatte man ihn in die Heimatgemeinde abgeschoben, einen kränklichen kleinen Mann von stumpfem und bösartigem Gesichtsausdruck, der an Lähmungen litt und nur durch seine Papiere glaubhaft machen konnte, daß er noch nicht sechzig Jahre alt war. So hatte er, ohne sonderliche Teilnahme zu erwecken oder zu bekunden, im Vorfrühling 1845 seinen Einzug in Haus Duynberg gehalten. Daß er darin allerlei Bekannte traf, schien ihn nicht weiter anzufechten, aber das alte Ehepaar geriet durch seine Ankunft in eine zitternde Erregung. Und alsbald kam es zu einem Auftritt, der den Hausvater zum Einschreiten nötigte, als auf die Frage der alten Frau, wo er ihren Jungen gelassen, der schwarze Anton die freche Antwort gab: der sei in Saint Louis am gelben Fieber eingegangen und ihm dreiundeinenhalben Taler schuldig geblieben, ob sie ihm die zurückzahlen wolle.

Da hatte der alte Vater die alte Mutter gewaltsam festhalten müssen, daß sie sich nicht auf den Verderber ihrer Kinder stürzte. Aber darin mußte er ihr doch recht geben: Gottes strafender Arm war allzu lässig gewesen. Gewiß hatte er ihnen nicht vorgreifen wollen – wozu gab es denn auch auf Erden eine Obrigkeit, die in seinem Namen das Schwert trug und Recht und Gerechtigkeit schuf. Gleich am nächsten Vormittag gingen sie zum Bürgermeister. Der ließ sie kaum ausreden. Das wären alte, verjährte Geschichten, ihre Kinder selber würden auch wohl nicht ohne Schuld gewesen sein, sie sollten sich vertragen und ihn mit ihren Zänkereien verschonen. Er glaube aber auch nicht, daß es im Gesetz einen Paragraphen gäbe, auf Grund dessen der Herr Amtsrichter eine Strafverfolgung einleiten könne. Solche wäre ihm, dem Bürgermeister, sonst ja ganz recht, denn der Stadt könne es nur angenehm sein, wenn sie der Versorgung des schwarzen Anton enthoben und er wieder in Werden untergebracht würde. – Darauf gingen sie zum Amtsrichter. Der fragte nach diesem und jenem und erklärte dann: nein, da wäre gar nichts zu machen und sogar der Griff in die Kasse des seligen Maire längst verjährt.

Entrüstet und empört erkannten sie, daß hier wie die göttliche, so auch die menschliche Gerechtigkeit versage. So war es denn ihre Aufgabe, die Bestrafung des Elenden selber in die Hand zu nehmen. Aber die Lebenskraft der alten Mutter war diesen Aufregungen nicht gewachsen. Sie mußte sich zu Bett legen und Doktor Latschert sagte dem Hausvater, daß sie nicht wieder aufstehen würde. Eines Abends mußte Pastor Kranevoß gerufen werden: Es gehe zu Ende. Sie schüttete ihm ihr Herz aus, er sprach lange mit ihr, und als er sie verließ, schien sie ruhiger geworden zu sein.

Aber es war nur die Stille vor dem Sturm. Was vermöchte auch die Milde einer frommen Stunde gegen einen Haß, den Jahrzehnte genährt hatten. Lange tappte die arme alte Seele, zwischen den Finsternissen des Vergangenen und den Finsternissen des Kommenden hin und her geängstigt, auf verworrenen Wegen. Bis dann plötzlich die große Erleuchtung kam: Sie habe dem Pastor in die Hand versprochen, dem schwarzen Anton zu vergeben und sie habe ihm auch gewiß und wahrhaftig vergeben und dabei solle es bleiben. Aber er, ihr Mann, habe nichts versprochen und brauche nichts zu vergeben. Ihm wolle sie als heiliges Vermächtnis die Aufgabe hinterlassen, in Stellvertretung der göttlichen und menschlichen Gerechtigkeit den Elenden zu bestrafen, der ihrer beider Leben und das ihrer Kinder zugrunde gerichtet. Er solle an die ersten Jahre denken, in denen sie bei aller Armut so glücklich gewesen, und an alle die Jahre des Gedeihens der Kinder und wie ohne den schwarzen Anton alles anders gekommen sein würde und sie nicht im Armenhaus zu sterben brauchten. Sie habe, seit sie seine Frau geworden, durch ihn und mit ihm so viel Schweres erlitten und getragen. Jetzt wolle sie sehen, ob er ihr das Letzte schwer oder leicht machen würde, denn nur, wenn er ihr fest und heilig verspreche, den schwarzen Anton kaput zu machen, könne sie ruhig sterben. – Er versprach es und sie starb.

Der Alte dachte immerzu an sein Versprechen und wie er es erfüllen könnte, aber er wußte sich keinen Rat. Er wußte nur, daß er sich beeilen müsse, denn auch mit ihm würde es nun bald zu Ende gehen und der schwarze Anton, der immer schwächer auf den Beinen ward, verfiel zusehends.

Unterdessen kam die dreitägige Frühsommerkirmes heran, das große Volksfest, an dem sich alles beteiligte. Gleich am ersten Nachmittag zogen die Armenhäusler, sonntäglich gewandet, einzeln oder in Trüpplein, wie gemeinsame Interessen sie zusammenfügten, in die Budenstadt, die, ein rasch vergängliches Heereslager der Welt, rings um die alte Kirche bunt sich aufgebaut hatte: es galt, die fünf Silbergroschen Kirmesgeld zu vertun, die der Kommerzienrat Wolf jedem hatte spendieren lassen. Die einen verfuhren den ganzen Betrag auf dem Karussell, andere legten ihn in möglichst vielerlei Kleinkram an, aber die meisten befriedigten Neugier und Wissensdurst damit, nicht ohne die lockenden Schaubuden zuerst von außen einer gründlichen Untersuchung und Kritik zu unterziehen.

Da war das Raritätenkabinett und das Anatomische Museum und der Starke Tobias, ein Kerl, dessen Gesicht eine große Narbe entstellte, der mit einer Riesenleiter und Zentnerstücken hantierte und jedem, der stärker war als er, einen Taler zahlte. Dann die Camera obscura und die Lebendige Seejungfrau und Monsieur Dumoulin le Grand, der größte Mann der Welt. In einem Diorama sollte man sehen können, wie die Brigg Frau Margaretha von Glückstadt auf dem Robbenfang in Grönland am 21. April 1821 vom Eise zerdrückt worden war, aber dabei, so hieß es bald, käme man nicht auf die Kosten, denn die Brigg Frau wäre keine wirkliche Frau, sondern ein Schiff. Vieles war auch ganz umsonst zu sehen oder nach eigener Einschätzung zu honorieren. So die Meerschweinchen, die, wie ein Schild aussagte, die Gnade des Königs dem Mann, der sie zeigte, zum Broterwerb geschenkt hatte, weil er in der großen Völkerschlacht bei Leipzig das Augenlicht eingebüßt. Und die Seiltänzerfamilie in ihren bunten Höschen und Röckchen, von der jedes Jahr aufs neue behauptet ward, daß sie kleine Kinder stehle, und der in Felle gekleidete Russe, der mit Händen und Füßen, Kops und Ellenbogen insgesamt sieben Musikinstrumente gleichzeitig spielte und dabei erbärmlich schwitzte. Aber die Weißhaarigen unter den Kirmeßbesuchern versicherten einander, daß in der guten alten Zeit alles doch viel schöner gewesen sei. Insbesondere die Bänkelsänger hätten früher ihre Sache besser gemacht, und daß die Regierung die Hahnenkämpfe verboten, sei arg.

Obwohl augenscheinlich ein schweres Gewitter im Anzug war, das erste des Jahres, waren doch nur wenige im Armenhaus zurückgeblieben: »de dolle Lisbeth«, weil man sie an den Kirmestagen unter Verschluß hielt, der ungeschlachte Emil Deißen, weil seine heimliche Schnapsflasche noch leidlich voll war, so daß er die fünf Silbergroschen sich lieber verwahren wollte, die Wittib Entepuhl, weil sie in ihrem Wackelkopf beschlossen hatte, das Geldchen am Sonntag nach dem Gottesdienst dem Pastor in die Sakristei zu bringen – für die Mission in der Heidenwelt –, der schwarze Anton, weil er sein Bett nicht mehr verlassen konnte, endlich der alte Witwer, weil er heute sein Versprechen einzulösen gedachte.

Seit ein paar Tagen schon ließ ihn die Erinnerung an ein Bild in der alten Bibel nicht mehr los, die seiner Mutter vor fast einem Jahrhundert ihr Patenohm vermacht hatte. Der war in jüngeren Jahren fürstlicher Leibkutscher und Vorsteher einer der zahlreichen Sekten in Neuwied gewesen und hatte den, wie er dachte langen, Feierabend seines Lebens benutzen wollen, um die vielen Bilder der Bibel in Wasserfarben fein säuberlich zu kolorieren, war aber nur bis zu Isaaks Opferung gekommen. Auf diesem Bilde nun hielt der Vater Abraham, während er den armen Isaak fesselte, das große Messer, womit er ihn schlachten wollte, im Mund, indessen im Hintergrund beruhigend schon der Widder sich zeigte, durch einen überaus freundlichen Gesichtsausdruck seine Geneigtheit zum stellvertretenden Sterben andeutend. Dieses Bild sah der Alte jetzt immer vor sich, es verband sich mit dem, was unablässig seine Gedanken bewegte, und unversehens war's ihm zur natürlichsten Sache von der Welt geworden, daß er auf solche, gleichsam von Gott verordnete Weise sein Versprechen erfüllen und den schwarzen Anton kaput machen müsse.

In der menschenleeren Küche fand er ohne sonderliche Mühe ein Messer, das nach Form und Größe dem jenes Bildes entsprach. Er schob's in den Rockärmel und kletterte auf den Speicher. Während er dort sich von der Wäscheleine ein paar Stricke abschnitt, wie sie ihm für die Fesselung des schwarzen Anton geeignet erschienen, jagten ihm die ersten schweren Regentropfen, die dröhnend aufs Dach trommelten, keinen kleinen Schrecken ein, besonders, da alsbald ein erster kräftiger Donner die Luft erzittern machte. Ein paar Minuten später stand der Alte vor der Kammertür des schwarzen Anton. Er nahm das Messer in den Mund, die Stricke in die Hand, gab seinem Herzen einen Ruck und trat ohne anzuklopfen energischen Schrittes ein. Der schwarze Anton wollte aufspringen, sank aber sofort kraftlos zurück und hielt unter einem erbärmlichen Gewimmer beide Hände dem Eintretenden entgegen, der ihm langsam nahte... Da war plötzlich die kleine Kammer voll gelber Glut und ein fürchterlicher Donnerschlag krachte und knallte, greller und näher als der Alte je einen erlebt hatte. Er taumelte zurück und das Messer entfiel ihm, den ein flüchtiger Gedanke an den Widder durchzuckte, indessen der schwarze Anton wortlos unter der Bettdecke verschwand. An der Tür vorbei klapperten eilige Holzschuhe, vom Hof her wurde gerufen. »Dä het einjeschlagen! Jang ens kieke, wo et brennt!« klang es dumpf unter der Bettdecke hervor. Der Alte war ganz verwirrt, mit dem Messer war ihm auch der Zweck seines Krankenbesuches völlig entfallen. »Nu jang doch, jang doch!« drängte der unsichtbare schwarze Anton. Da ging er dann wirklich.

Vor der Tür stieß er mit dem ungeschlachten Emil Deißen zusammen, der leicht betrunken war und immerfort »Et brennt! Et brennt! Et brennt!« vor sich hin sagte. Aber wo es brenne, war nicht aus ihm herauszubekommen. Da fing die kleine Glocke im Dachreiter ein aufgeregtes Gebimmel an, und der Hof ward voll Lärm und Geschrei. Dem Alten dämmerte die Erleuchtung, daß auch er gut tun werde, dorthin zu gehen. Als er an das Ende des langen Ganges kam, umschwammen ihn in der Luft leichte Schichten bläulichen Rauches, und als er um die Ecke bog, begegnete ihm händeringend und laut betend die Wittib Entepuhl, wackelnden Hauptes und verglasten Blickes: Der Blitz sei in den Turm eingeschlagen und die Treppe brenne lichterloh, es sei keine Möglichkeit, hinabzugehen. Als das Feuerkorps mit der Gemeindespritze, geführt vom Brandoffizier Herrn Latschert, dem Baumwollagenten, der mit einem mächtigen Säbel hantierte, in den Hof einrückte, standen dort schon verschiedene Gruppen sonntäglich gekleideter Männer in lebhafter Erwägung, was geschehen müsse und werde, wenn das Feuer auf den Hauptbau übergriffe. Denn die lebendige Doppelkette, die sich vom Brunnen zum Turm hinzog, und an der volle und leere Wassereimer hinliefen, war nur kurz, so daß die meisten sich auf ein untätiges Zuschauen angewiesen sahen. Von den Armenhäuslern selber brachten einige Ängstliche ihre Habseligkeiten in Sicherheit. Pitter Bell kniete auf dem Pflaster und betete den Rosenkranz ab, »dat jecke Hermännche« erkundigte sich bei Götz Dystel nach den Einzelheiten des Brandes von Moskau, nicht ohne ihn so oft wie möglich mit Sire anzureden, und »de dolle Lisbeth« lag, ihre fürchterlichsten Fratzen schneidend, im Küchenfenster.

Das Sträßchen, das am Friedhof und Herrn Schlüpjes blaugetünchtem Weberhäuschen vorüber zur Stadt führte, war, obwohl der Regen längst aufgehört hatte, schwarz von Schirmen, darunter die einen aus der Stadt heranzogen, die anderen, denen die mit kleinen Lanzen bewaffnete Ordnungskompagnie des Feuerkorps den Eintritt in den Hof verwehrt hatte, zur Kirmes zurückkehrten. Unter den Heranziehenden bildete der starke Tobias in seinem roten Trikot mit seiner Riesenleiter und einem staunenden Kindertrüpplein eine Gruppe für sich, denn der Brandoffizier hatte ihn durch die berittene Staffette auffordern lassen, sich am Rettungswerke zu beteiligen, weil die Brandleiter zu kurz sei.

Inzwischen hatte das Feuer den Weg zum oberen großen Speicher gefunden. Heimlich begann es zu verzehren, was die Jahrhunderte dort an Kram und Gerümpel hinterlassen hatten, auch das trockene Balken- und Sparrenwerk zu belecken, und gerade als der Brunnen sein letztes Wasser hergegeben hatte und die Spritze nur noch ein paar klagende Laute ausstieß, züngelten überall die ersten kleinen Flammen aus dem Dach.

Da wußte der Brandoffizier, daß Haus Duynberg verloren war und daß es nur noch galt, Bewohner und Hausrat in Sicherheit zu bringen.

Jetzt begannen auch die wenigen Armenhäusler, die durch den Brand der Treppe zu Gefangenen geworden waren, sich für ernstlich gefährdet zu halten und aufgeregt nach Rettung auszuschauen. Alle Augenblicke erschienen, bald einzeln, bald zusammen, die Wittib Entepuhl und Emil Deißen, der jetzt ganz nüchtern war, und der alte Witwer bald an diesem, bald an jenem Fenster, um immer aufs neue die Entfernung bis zum Pflaster oder bis zur obersten Sprosse der Brandleiter abzuschätzen, und der schwarze Anton war aus Bett und Kammer herausgekrochen und lag winselnd vor seiner Tür. Herr Latschert, der Brandoffizier, vertröstete die Ängstlichen: der starke Tobias mit seiner Riesenleiter müsse jeden Augenblick eintreffen. Aber es däuchte sie eine Ewigkeit, bis er endlich erschien. Er gestattete aber niemand, die Riesenleiter zu benutzen, vielmehr gedachte er, durch eine außerordentliche Vorstellung weithin Ruhm zu erwerben und solchergestalt seine Muskelunternehmung einträglicher zu machen. Obwohl er nun sehr ergiebig in die Hände spuckte, bevor er rasch wie ein Wiesel die Leiter hinauflief, und ungeachtet seines roten Trikots und seiner nicht weniger roten Narbe, fühlte die Witwe Entepuhl sich geneigt, ihn für einen leibhaftigen Engel zu halten. Als aber der Engel sie als erste ergreifen wollte, um mit ihr in die Tiefe zu fahren, fand sie diese Sache doch allzu genierlich: er solle mit Emil Deißen den Anfang machen, indessen sie sich mit einem der Stricke, die der alte Witwer noch immer in der Hand hielt, die Röcke zusammenbinden wolle. So verschnürte denn der starke Tobias zunächst den Koloß, brachte auf seinem Rücken einen festen Handgriff an und stieg, ihn mit der ausgestreckten Rechten frei in Gottes Luft und mit der Linken sich selber an der Leiter haltend, unter atemloser Spannung der Zuschauer leichtfüßig in die Tiefe. Das viel geringere Gewicht der Wittib Entepuhl verführte ihn dann unterwegs zu einigen Armbeugen, die seinem Bizeps die sachverständige Anerkennung der Mitglieder des Turnvereins »Vater Jahn« einbrachte. Aber er konnte sich doch nicht verhehlen, daß diese Nummer in ihrer Gesamtwirkung hinter der ersten zurückblieb. Deswegen beschloß er, den alten Witwer und den schwarzen Anton, zu einem Bündel zusammengeschnürt, auf einmal hinabzubefördern und überredete sie hierzu, indem er versicherte, der Gelähmte müsse unterwegs von liebevollen Armen und Beinen sich umschlungen fühlen, wenn anders er nicht allzu große Schmerzen erleiden und am Ende gar sterben solle, auch scheute er sich nicht, zu drohen, daß sie entweder so oder auf seiner Leiter und mit seiner Hilfe überhaupt nicht hinunter gelangen würden. So ward die dritte Nummer dann doch noch das Glanzstück, und der starke Tobias gewann einen neuen Ruhm am ganzen Niederrhein und bis weit ins Westfälische hinein.

Die Wittib Entepuhl aber, kaum daß sie den festen Boden erreicht und Röcken und Beinen die Freiheit zurückgegeben hatte, begann feierlichen Schrittes ihren alten Wackelkopf dreimal rings um das ganze Gebäude zu tragen mit dumpfer und eintöniger Stimme unablässig das Element beschwörend:

Bis willkommen, Feuergast,
Friß nicht mehr als was du hast!
Bei dem dreimal heil'gen Blut:
Leg dich, Flamme, leg dich, Glut!
Fiat. Fiat. Fiat.

Aber der alte Feuersegen versagte – am andern Abend standen von Haus Duynberg nur noch die Außenmauern und auch von denen drohten einige umzufallen.

Die Väter der Stadt beschlossen, das Geld, das die Feuerversicherungsbank zu Gotha alsbald auszahlte, auf Zinsen zu geben und zu gelegener Zeit, wann etwa einmal eine Stiftung hinzuträte, im Orte selber ein neues Armenhaus – ein Waisenhaus dachte die Pastorin, ein Krankenhaus sagte Doktor Latschert – zu erbauen. Einstweilen freute man sich, in den Besitz eines öffentlichen Gartens mit einer richtigen Ruine gelangt zu sein. Auf Anregung des Bürgermeisters bildete sich alsbald ein Verschönerungsverein, den der Apotheker Weynandts im Wochenblättchen mit den folgenden Strophen begrüßte und ermunterte:

Glückauf, du jugendlicher
Verschönerungsverein!
Was du erschaffst, wird sicher
geschätzt von groß und klein.

Bald wandeln wir vergnüglich
durch Duynbergs Kanaan,
dann nimmst du unverzüglich
der Stadt selbst auch dich an.

Alleenhaft umschmiege
ein grüner Gürtel sie,
denn so gebührt's der Wiege
der Baumwollindustrie.

Und willst du dir verbinden
das Presbyterium,
so pflanz auch ein paar Linden
ums Gotteshaus herum.

Bald rankten Efeu und wilder Wein an Duynbergs Mauern empor. Und hoch oben im Turm, da, wo einst der sterbende kleine Elias seine Geige gespielt hatte, strich der Wind durch eine Äolsharfe ...

Im Frühjahr 1851 aber, als die Firma J. P. Wolf und Sohn ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag feierte, konnte an der Bachstraße ein neues, großes und freundliches Haus eröffnet werden, in dessen verschiedenen Geschossen und Flügeln Kranke, Arme, Waisen, Wöchnerinnen und kleine Kinder zu ihrem Recht kamen, und doch auch wieder so gut es anging, eine große Hausgemeinde bildeten. Denn der Kommerzienrat hatte der Stadt hierfür fünfzigtausend Taler zur Verfügung gestellt und seine Frau sorgte, daß gute Geister in dem Hause walteten, über dessen Tür heute in kleinen Goldbuchstaben steht: »Wolfsche Stiftung.«

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