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Wolf unter Wölfen. Zweiter Teil. Das Land in Brand

Hans Fallada: Wolf unter Wölfen. Zweiter Teil. Das Land in Brand - Kapitel 8
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleWolf unter Wölfen. Zweiter Teil. Das Land in Brand
publisherro ro r
year1952
printrun
isbn3499110571
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170718
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Sechzehntes Kapitel.
Die Wunder der Rentenmark

1

Wir haben einen weiten Weg gehabt, oft haben wir uns aufhalten müssen unterwegs – nun haben wir es eilig! Als wir anfingen, war es Sommer, fast ein Jahr ist seitdem vergangen. Es ist wieder grün draußen, es blüht, eine Ernte wächst heran – und drinnen in der Stadt, im Zimmer der Frau Thumann, der Pottmadam, hängen in der stickigen Hitze die gelb-grauen Gardinen wieder reglos – wir wissen es nicht, wir nehmen es an. Draußen und drinnen – es ist alles dasselbe.

Es ist alles ganz anders. So wenig ist geschehen: ein Mann kam, und es war aus mit den unsinnigen, den liederlichen Scheinen mit den astronomischen Ziffern. Zu Anfang sahen die Leute das Geld verblüfft an, es war nur eine Eins darauf oder eine Zwei oder eine Zehn. Standen zwei Nullen hinter der Ziffer, war es schon ein sehr großer Schein, nein, wie komisch! Da man doch gewöhnt war, mit Milliarden und Billionen zu rechnen!

Es kamen auch wieder Münzen in den Verkehr, richtige Geldmünzen. Man sollte nicht nur mit Mark rechnen, nein, auch mit Groschen, nein, auch mit Pfennigen – es war toll! Es gab Männer, die bauten, wenn sie ihren Lohn bekommen hatten, Türmchen aus dem neuen Geld, sie spielten damit. Es war ihnen, als seien sie aus einer wilden, verdorbenen Zeit noch einmal in das Kinderland zurückgekehrt, aus dem schrecklich Verwickelten in das Einfache, Schlichte, wo die Dinge nur erst ein Gesicht haben.

Und es war seltsam, es ging ein Zauber von diesen niedrigen Zahlen, von den Münzen und den kleinen Scheinen aus. Die Menschen besannen sich sie fingen an zu rechnen, und plötzlich ging es auf, es stimmte! Das und das verdiene ich die Woche, so und so viel kann ich also ausgeben – siehe da, es stimmte! Die Menschen hatten durch Jahre gerechnet – und es hatte nie gestimmt! Sie hatten sich von Sinn und Verstand gerechnet, in den Taschen der Verhungerten hatte man Tausendmarkscheine gefunden, der ärmste Stromer auf der Landstraße war Millionär gewesen –

Und nun erwachten sie alle. Sie erwachten aus einem wüsten, schweren, quälenden Traum. Sie standen still, und sie sahen sich um. Jawohl, sie konnten stille stehen, um sich sehen, sich besinnen. Das Geld lief ihnen nicht weg, die Zeit lief ihnen nicht weg, das Leben blieb bei ihnen. Erschrocken sahen sie einander in die vertrauten, ach so fremden Gesichter. Warst du das? fragten sie zögernd. War ich das? – Es war so nahe, und doch fing es schon an, ihnen zu zergehen wie ein Nebel, ein Fiebertraum, ein Dunst ...

Sie schüttelten es ab. Nein, das war nicht ich, sagten sie. Mit neuem Mut gingen sie an ihr Werk, es hatte wieder einen Sinn, zu arbeiten, zu leben.

Oh, es war doch alles sehr, sehr anders geworden!

2

Ein Mann verläßt das Universitätsgebäude, er geht über den Vorhof, er tritt auf die Linden hinaus.

Die Straße Unter den Linden liegt in voller Sonne.

Der Mann blinzelt ein wenig im Licht, zögernd betrachtet er einen Autobus. Der Autobus würde den Studenten rasch nach Haus fahren zu Weib und Kind. Aber er besinnt sich anders. Er rüttelt ein wenig die Aktentasche, die er am Griff trägt. Mit einem ruhigen und doch fördernden Schritt geht er die Linden hinunter, dem Brandenburger Tor zu, dem Tiergarten zu.

Er war all sein Lebtage ein Stadtmensch, dann war er eine kurze Zeit ein Landmensch, nun ist er wieder ein Städter geworden. Aber von seiner kurzen Landzeit ist ihm ein Bedürfnis nach ruhigen, weiten, einsamen Wegen geblieben. Sie erinnern ihn an die Zeit, da er auf den Feldern herumsauste, die Leute kontrollierte. Heute kontrolliert er auf solchen Wegen die eigenen Gedanken, die eigenen Arbeiten, seine Beziehungen zur Umwelt. Er hat ein nachdenkliches, freundliches Gesicht. Er geht gerade und ruhig, aber seine Augen sind hell geblieben, es ist Licht darin. Sie sind noch ganz jung ...

Als die schlimme Zeit war, schien ihm das höchst Erreichbare ein Antiquitätengeschäft oder ein Bilderhandel. Als er dann aber mit seiner Mutter von diesen Dingen sprach, meinte er: Wenn du es könntest, Mama, würde ich am liebsten Arzt werden. Psychiater. Seelenarzt. Einmal wollte ich Offizier werden, und dann sah es aus, als würde ich gar nichts werden, ein Spieler, verblasen, hohl. Später hat mir die Landwirtschaft viel Freude gemacht, aber was ich gerne sein möchte, das ist: ein wirklicher Arzt.

Ach, Wolfi, sagte sie ganz erschrocken. Grade das längste Studium!

Ja, freilich, lächelte er. Wenn mein Sohn in die Schule kommt, lerne ich immer noch. Es dauert ein wenig lange, bis sein Vater etwas ist und Geld verdient. Aber Mama, ich habe immer gerne mit den Menschen zu tun gehabt, ich habe immer gerne darüber nachgedacht, wie es in ihnen aussieht, und warum sie dies und das tun. Ich bin glücklich, wenn ich ihnen helfen kann ...

Er sah vor sich hin.

Halt, Wolfi! rief die Mutter. Nun denkst du wieder an Neulohe!

Warum soll ich es nicht? lächelte er. Meinst du, es tut mir weh? Ich war ja viel zu jung! Um den Menschen wirklich helfen zu können, muß man viel wissen, viel erfahren haben – und man muß nicht weich sein. Ich war viel zu weich!

Sie haben schändlich an dir gehandelt! Und sie schlug mit dem Knöchel hart auf den Tisch: Tamtata! Tamtata! Ratatam! Ratatatam!

Sie haben gehandelt, wie sie waren. Die Schändlichen schändlich, und die Guten gut. Die Weichen aber zu weich. – Also, Mama, es muß keinesfalls sein. Aber wenn du es kannst und magst ...

Kannst und magst, Wolfi, grollte sie. Du bist ein Esel, und wirst all dein Lebtage ein Esel bleiben. Wenn du etwas verlangen kannst, dann bist du bescheiden. Aber wenn dir etwas nicht zusteht, dann verbeißt du dich darin. Ich bin überzeugt, wenn du von deinen Patienten fünfzig Mark zu fordern hast, wirst du nach langem Überlegen fünf Mark liquidieren.

Für das Rechnerische ist jetzt Peter da! rief Wolfgang vergnügt. Gerechnet habe ich für eine Weile genug!

Ach, Peter, grollte die alte Frau. Die ist ja ein noch größerer Esel als du. Die tut ja bloß, was du willst!

3

Frau Pagel, die Ältere, hatte von je das junge Mädchen Petra Ledig mißbilligt. Sie mißbilligte es nicht weniger, als es Frau Pagel die Jüngere hieß. Sie fand, Ledig sei ein sehr passender, ein geradezu nach Maß geschneiderter Name für das Mädchen gewesen. Sie erklärte, indem sie eigene Vergehen in Ruhm verwandelte, ein Mädchen, das sich von seiner Schwiegermutter widerspruchslos Knallschoten hauen ließ, werde damit aufhören, den Mann zu backpfeifen. Schließlich kam es so weit, daß Frau Pagel senior nicht öfter als bloß werktäglich den Haushalt der jungen Frau besuchte. Sonntags hatte sie es nicht nötig, sonntags kamen die jungen Leute zum Essen zu ihr.

Sie hatte dann eine verfluchte, unverschämte Manier, stocksteif und hölzern im Schmuck ihrer weißen Haare am Tisch zu sitzen, mit den Fingern auf der Tischplatte zu trommeln und jede Bewegung Petras mit ihren glühenden schwarzen Augen zu verfolgen, die jede andere junge Frau zum Wahnsinn gebracht hätte.

Ich würde mir das von ihr nicht bieten lassen! sagte das alte Mädchen Minna empört. Und ich bin doch nur das Hausmädchen, du aber die Schwiegertochter.

Schönes Wetter heute, das war die höchste Unterhaltung, zu der sich die alte Dame mit Wolfgangs Frau verstieg. In der Markthalle gibt's frische Flundern. Wissen Sie, was das ist: Flundern? Man muß ihnen die Haut abziehen. Na ja! Und sie rieb sich mit dem Finger energisch die Nase.

Sie machte Minna und Wolfgang vollständig irre und verzweifelt. Petra lächelte bloß.

Ein Kind aus dem Dutzend, sagte die Schwiegermutter absprechend, wenn sie das Baby sah. Nichts Pagelsches. Dutzendware!

Die arme Petra – Wolfgang war ja meistens in der Universität, wenn seine Mutter kam, und daß Minna nicht oft dabei sein konnte, dafür sorgte die Alte schon! –, Petra mußte all dies meistens allein über sich ergehen lassen. Wenn sie das Kind an die Brust legte, hatte die Alte eine Manier, dabei zu sitzen, zu starren und mit dem unverschämtesten Ton von der Welt zu fragen: Na, Fräulein, gedeiht es –?

Jeder andern Frau hätte sich die Milch in Galle verwandelt.

Danke, es gedeiht, gnädige Frau, lächelte Petra bloß.

Er hat abgenommen, behauptete die Alte und trommelte hölzern.

I wo, er hat dreißig Gramm zugenommen, die Waage –

Ich richte mich nicht nach Säuglingswaagen, die stimmen nie. Ich richte mich nach meinen Augen, die stimmen. Er hat abgenommen, Fräulein!

Jawohl, er hat abgenommen, antwortete Petra.

Frau Pagel die Ältere hielt hartnäckig weiter an der Auffassung fest, daß Petra ein lediges Mädchen sei, trotz Standesamt. Da habt ihr ja wohl schon mal vor einem Jahr gehangen, und es galt auch nichts. Nein, alles bloß Augenverblendung und Täuschung.

Aber ich wünsche wirklich, Mama –!

Wünsch dir was zu Weihnachten, mein Junge!

Daß ihr euch alle so täuschen laßt! lachte Petra. Die Mutter hat ja den größten Spaß daran. Manchmal, wenn sie denkt, ich sehe es nicht, schüttelt sie sich ordentlich vor Lachen!

Jawohl, sie lacht dich aus, weil du dir alles von ihr gefallen läßt! rief Minna empört. So ein Schaf wie du hat ihr grade noch zum Schikanieren gefehlt!

Wirklich, Petra, bat Wolfgang. Du solltest dir nicht alles von Mama gefallen lassen! Sie läßt sich immer mehr gehen!

Oh, Wolfi! lachte Petra vergnügt. Habe ich mir nicht auch von dir alles gefallen lassen und habe dich schließlich doch untergekriegt?!

Wolfgang Pagel schwieg betroffen.

Wenn man bedenkt, daß Frau Pagel senior im alten Westen, in der Tannenstraße, beim Nollendorfplatz wohnte, und daß die jungen Leute sich ganz draußen in der Kreuznacher Straße, beim Breitenbachplatz, eingemietet hatten, so mußte man sich über die Ausdauer wundern, mit der die alte Frau tagtäglich die weite Reise zu der unangenehmen jungen Frau machte. Das Haus war neu, es war sogar ganz neu, eine Schöpfung der Inflation – und es war, als wollte es dieser Inflation nacheifern: es war schon wieder im Vergehen, in all seiner Neuheit löste es sich schon wieder auf.

Da, sehen Sie, schalt die alte Frau zornig zu Petra, was ich mir in euerm ekelhaften Kasten eingerissen habe –!

Und sie zeigte Petra ihre Hand. Quer durch den Handteller spießte ein großer, auch noch wieder splittriger Holzsplitter.

Das Treppengeländer! rief die Alte zornig. In solch einer Bude wohnen anständige Leute nicht! Das ist ja lebensgefährlich! Das kann eine Blutvergiftung geben!

Warten Sie, ich hole Ihnen den Splitter raus! sagte Petra eifrig. Ich kann so was sehr gut.

Wenn Sie mir aber weh tun! Ich sage Ihnen –! rief die Alte drohend.

Mit finstern Augen sah sie zu, wie Petra eine Nadel und eine Pinzette holte. Wie viele Menschen, die großes Leid heroisch ohne Klage ertragen, war die alte Frau Pagel den kleinen Widerwärtigkeiten des Lebens gegenüber zimperlich, weich, fast feige ...

Ich lasse mich nicht von Ihnen mißhandeln! schrie sie.

Sie müssen die Hand nur ruhig halten, dann tut es fast gar nicht weh, sagte Petra und machte sich ans Werk.

Es soll aber überhaupt nicht weh tun! rief Frau Pagel. Der ekelhafte Splitter ist schon schlimm genug. Ihre Pfuscherei habe ich grade noch nötig! Mit starren Augen, deren Pupillen die Angst verkleinert hatte, blickte sie auf die Hand.

Sie müssen die Hand ruhig halten! bat Petra noch einmal. Sehen Sie lieber weg!

Ich – sagte Frau Pagel schwächer und zuckte wieder ... Ich will das nicht ... Lassen Sie den Splitter drin ... Vielleicht geht er von selber raus ...

Sie suchte die Hand fortzuziehen.

Willst du wohl ruhig halten! rief Petra ärgerlich. Sich so anzustellen! Hab dich bloß nicht so albern!

Petra! sprach die alte Frau Pagel starr. Petra! Was fällt dir denn ein?! Du sagst ja wohl ›du‹ zu mir!

Da ist er! rief Petra eifrig und hielt triumphierend den Splitter mit der Pinzette hoch. Siehst du, wie das gleich geht, wenn du bloß ruhig hältst –?!

Sie sagt du zu mir, flüsterte die alte Frau und setzte sich. Sie sagt, ich soll mich nicht albern anstellen! Ja, Petra, hast du denn gar keine Angst vor mir –?

Nicht die Spur! lachte Petra. Du darfst ruhig weiter Fräulein zu mir sagen und behaupten, daß der Junge nicht gedeiht – ich weiß doch, wie du's meinst.

Lächerliche Gans! sagte die alte Frau ärgerlich. Bilde dir bloß nicht ein, daß ich einverstanden bin mit dir!

Nein, nein!

Du, Peter –?

Ja –?

Wenn Wolf merkt, daß wir uns jetzt ›du‹ nennen, sag ihm nicht, wie es gekommen ist. Erzähle ihm, ich habe dir das ›du‹ angeboten. Willst du das tun?

Nein, lächelte Petra.

Du willst ihm sagen, wie es war?

Ja, antwortete Petra.

Ich sage ja: Gans! sagte Frau Pagel grollend. Vermutlich hast du dir vorgenommen, ihm ›alles‹ zu sagen? Ja? Das hast du doch vor?

Natürlich.

Du wirst sehen, wie hübsch weit du mit dieser Methode kommst. Du verwöhnst ihn bloß, Männer vertragen Verwöhnen nicht.

Und du? fragte Petra.

Ich –? fragte sie dagegen.

Hast du ihn etwa nicht verwöhnt? Maßlos?

Ich? Nie! Ich schwöre dir: nie! Was lachst du, ich verbitte mir das! Ich werde mich doch nicht von dir auslachen lassen! Höre jetzt auf! – Du sollst aufhören! – Petra, es gibt eine Backpfeife! Petra!! – Ach, Petra, wie springst du mit mir alter Frau um?! Macht man das denn so –? Früher knieten sie nieder und baten um den Segen des Mütterleins – ich habe wenigstens so einen Quatsch gelesen –, und du lachst mich aus statt dessen! Petra –! Ach, du elende Sirene du! Hast du mich nun auch rumgekriegt?! Armer Wolfgang!

4

Wir haben einen langen Weg gemacht, wir müssen weiter, wir haben es eilig!

Geht man den Kurfürstendamm von der Gedächtniskirche nach Halensee zu, so führt auf der linken Seite eine kleine Straße ab, die Meinekestraße – in sie müssen wir, dort treffen wir Bekannte. Es ist fast die Ecke am Kurfürstendamm, nur ein oder zwei Häuser in die Meineke hinein, da liegt ein kleiner Laden, das Schild trägt den Namen ›Eva von Prackwitz‹.

Es ist ein kleiner Modesalon, die Dame kann sich dort ein Wiener Strickkleid kaufen oder eine seidene Bluse anfertigen lassen, und für den Herrn gibt es wunderbare Handschuhe oder ein Paar ausgesuchter Manschettenknöpfe oder ein Oberhemd aus purer Seide, nach Maß, vierzig oder fünfzig Mark. Auf Billigkeit wird hier kein Wert gelegt. Man kann nicht darauf rechnen, etwas Bestimmtes in diesem Laden zu bekommen, man kann nicht hineingehen und Kragen, Weite 40, verlangen; die jungen Damen mit den schön gelackten Nägeln hinter den Tischen würden über einen solchen Käufer nur eine mokante Miene ziehen. Hier gibt es nur Sachen und Sächelchen, die die Laune reizen, ein plötzlicher Einfall – eben hat diese Dame noch nicht gewußt, daß sie den Jumper aus Wolle brauchte, aber nun weiß sie, daß ihr Leben kummervoll und öde ohne ihn verlaufen würde.

In diesem Laden herrscht Frau von Prackwitz. Über der Tür steht der Name Prackwitz, aber richtiger wäre es, es stünde Teschow darüber, denn es ist die echte Tochter des alten Teschow, die hier waltet. Ihre Liebenswürdigkeit, ihr Lächeln spart sie für die Kunden auf, ihre Angestellten zittern vor ihr, sie hat einen kalten, scharfen Ton. Sie ist knickerig, sie schindet Überstunden, sie hat das Auge, das alles sieht.

Jawohl, sie hat sich mit ihrem Vater überworfen. Es ist ausgemacht, daß sie nicht mehr als das Pflichtteil bekommen wird, aber sie ist eine Teschow. Sie kann geizig sein, wenn sie ein Ziel hat.

Sie hat ein Ziel, sie muß Geld verdienen, viel Geld, sie muß für zwei Unmündige sorgen. Wenn sie einmal stirbt, muß genug da sein für die! Sie haßt jetzt Jugend und Unbekümmertheit und Gesundheit; es macht sie krank, wenn sie ihre jungen Verkäuferinnen Blicke mit Herren wechseln sieht. Sie denkt nur noch an Mann und Tochter. Sie denkt nur noch, daß diese zwei, daß sie alle drei vom Leben betrogen worden sind. So gönnt sie den andern nichts. Es gilt nur noch zu raffen, und sie rafft.

Manchmal, in den Abendstunden, steht ein schmaler, weißhaariger Herr im Laden, er hat dunkle Augen – er sieht vorzüglich aus! Er spricht kaum etwas, aber er hat ein verbindliches, liebenswürdiges, etwas wesenloses Lächeln – diesen Damen aus dem neuen Westen gefällt er sehr. Ein Kavalier alter Schule – ein Grandseigneur –, da sieht man, was blaues Blut ist!

Der alte Herr lächelt, er geht mit der Dame bis fast an die Ladentür, er bestätigt, daß es recht, recht warm ist. Dann macht er eine kleine Verbeugung, er sieht zu, wie die Dame sich die Ladentür öffnet, er wendet sich zurück, er geht wieder zu seiner Frau.

Sein Hirn schläft, die Eiszeit ist eingebrochen; er war einmal der Rittmeister und Rittergutspächter Joachim von Prackwitz – jetzt ist er nur noch ein sehr, sehr alter Mann. Er marschiert nicht mehr, weder allein noch im Glied. Er dämmert.

Aber ein ganz kleiner Rest von ehedem ist ihm geblieben – er öffnet den Damen nicht die Ladentür, er macht sie nicht hinter ihnen zu. Wäre es daheim in seiner Wohnung, in der Bleibtreustraße, er wäre den Damen behilflich, er wäre der Gastgeber, der Herr, der Kavalier. Aber er ist und er wird kein Geschäftsmann, der die Kundschaft ›bedient‹. Das will er nun doch nicht. Dieser kleine Rest Eigenwille ist ihm geblieben. Es ist nicht viel, aber es ist etwas!

Seiner Tochter verblieb nicht einmal dies. Langsam, in Wochen und Monaten, hat sie sich wieder an Menschen gewöhnt. Sie kann es nun, ohne zu weinen, ertragen, daß ein Mensch freundlich zu ihr spricht. Sie sitzt den ganzen lieben langen Tag in der Hinterstube des Ladens, wo die Mädchen sitzen, die die eiligen Änderungen machen, die Hemdennäherinnen, die Zuschneiderin. Die Maschinen surren, die Mädchen schwatzen leise miteinander, die ›gnädige Frau‹ ist vorne im Laden.

Violet von Prackwitz sitzt still dabei. Sie sieht den Mädchen zu, sie sieht aus dem Fenster oder auf die Blumen, die in einer kleinen Vase vor ihr stehen. Sie lächelt, manchmal weint sie auch ein wenig, aber sie sagt nie ein Wort. Es wurde einmal ein Fluch über sie ausgesprochen, ihr ganzes Leben sollte sie ein Bild vor sich haben – sie hat den toten Mann gesehen, und dann kam eine Zeit, von der niemand etwas weiß.

Weiß sie etwas davon? Weiß sie noch etwas von dem toten Mann, seinem Fluch –? Die Ärzte sagen Nein, aber warum weint sie dann manchmal? Sie weint lautlos, daß die Mädchen um sie es zuerst oft gar nicht merken. Aber dann sieht es eine; und sie ruft: Unser gnädiges Fräulein weint! Und nun schweigen sie alle und sehen die Weinende an. Sie haben schon früher alles versucht, sie haben ihr Blumen gegeben und Konfekt geschenkt, sie haben Witze gemacht, eine hat gegackert wie ein Huhn, die andere hat mit der Schneiderpuppe getanzt – aber nichts half.

Nun kommt die gnädige Frau herein. Sie ist gerufen worden, sie hat ihre beste Kundin im Laden stehengelassen, sie kommt eilig ... Sie ist nicht mehr hart, sie hat auch Zeit, sie nimmt ihr großes Kind in den Arm, sie legt ihr die Hand über die Augen: Nicht weinen, Violet, du sollst fröhlich sein.

Allmählich beruhigt sich die Kranke in der mütterlichen Wärme, sie lächelt, wieder sieht sie den Mädchen zu. Frau von Prackwitz geht zurück in den Laden ...

Die Mädchen in der Schneiderstube, vorn im Geschäft sind Berlinerinnen. Sie haben ein rasches Mundwerk, sie reden oft hart von der harten Frau, die sie quält ... Aber immer ist dann eine, die sagt: Aber, Gott, was hat die Frau auch zu tragen –! Der Mann und die Tochter! Wir wären sicher auch nicht anders ...

Nein, das wären wir nicht. Violet ist jetzt sechzehn, sie hat ein langes Leben vor sich ...

Ja, sagen die Ärzte, man kann es ja nicht wissen. Hoffen und warten – es ist nicht unmöglich, gnädige Frau.

Sie hofft und sie harrt. Und sie baut vor, sie spart. Alles, was an Weichheit und Güte in ihr sitzt, bekommt allein die Tochter zu spüren. Den Mann sieht sie kaum noch, er ist da, aber er ist doch nicht da. Denkt sie auch manchmal an einen gewissen Herrn von Studmann? – Wie fern – wie töricht!

Es ist schon einmal geschehen, daß sie einem Herrn Pagel auf der Straße begegnete. Sie sah ihm kalt ins Auge, sie grüßte ihn nicht, sie sah durch ihn hindurch. So weit war sie nun doch die Tochter ihres Vaters, um diesen Burschen endlich zu durchschauen. Er hatte sich Vollmachten von ihr erschlichen, er hatte diese Vollmachten mißbraucht, große Summen hatte er in die eigene Tasche fließen lassen. Es gab Abrechnungen ihres Vaters über den Wert der Dinge, die dieser junge Mann verkauft hatte, es gab Aufstellungen über die Beträge, die er an sie abgeführt hatte – enorme Differenzen! Die ihrem Erbteil belastet worden waren!

Jawohl, sie erinnerte sich auch daran, sie erinnerte sich gut: Dieser Pagel besaß noch einen Schuldschein von ihr, lautend auf zweitausend Mark. Er sollte ihn behalten, sie würde ihn nie einlösen – ein kleiner Denkzettel für all die Schlechtigkeit, die er ihr angetan!

Er war so jung erschienen, so liebenswürdig, so anständig – aller Jugend, aller Liebenswürdigkeit, jedem Anstand mußte man mißtrauen. Alle betrogen einander – sie würde heute abend wieder einmal die Kasse revidieren, Fräulein Degelow trug nur noch neue Seidenstrümpfe. Sie konnte einen Freund haben, sie konnte aber auch in die Kasse greifen – hab acht!

5

Kommen Sie rein, junger Mann. Kommen Sie rein in die gute Stube. – Natürlich ist sie da! Wieso soll sie nicht da sein?! rief Frau Krupaß mit lauter, fröhlicher Stimme. Aber leise flüsterte sie: Seien Sie heute ein bißchen nett mit ihr, sie hat's heute früh amtlich bekommen, daß ihr Verflossener tot ist ...

Is er das endlich wirklich? fragte der junge Mann sehr erfreut. Na, Jott sei Dank!

Um Jottes willen – seien Sie doch bloß nicht so herzlos, Herr Schulze! Wenn er auch bloß ein Schweinehund war, traurig is se darum doch.

Tach, Amanda, sagte der junge Mann, der Herr Schulze, Lastwagenfahrer der Papierfabrik Körte & Körtig. Er sagte es aber nicht in der guten Stube, er sagte es in der Küche, wo Amanda Backs noch abwusch. Was hat's bei euch jejeben? Bücklinge? Müßt ihr nich essen bei die Hitze, Fisch ist doch immer gleich stinkerig ...

I wo! Wo er doch geräuchert ist! widersprach die Krupaß.

Tu man nicht so, Schulzing, sagte Amanda, als wenn du von nischt wüßtest. Ich habe wohl gehört, wie se mit dir an der Tür getuschelt hat. Jawohl, nu is er tot, mein Hänsecken – und wenn er auch ein Lump war, so hat er mich doch auf seine Art geliebt, wie ich damals war, ohne alles, nichts als die rechte Hand von Mutter Krupaß.

Wenn du meinst, Amanda, daß ich dir darum ...

Wer sagt denn das? Wer spricht denn von dir? sagte Amanda und warf den Kupferschwamm in das Abwaschwasser, so daß es klatschte. Ihr Männer denkt immer, man redet bloß von euch. Nee, von meinem Meier habe ich geredet, und daß ich nicht darüber wegkomme, daß er auch als Lump gestorben ist. In Pirmasens haben sie ihn auf dem Bezirksamt erschlagen, ein Separatiste is er jewesen – immer mit de Franzosen und gegen die Deutschen, ganz wie in Neulohe, wo ich ihm doch schon ein paar gelangt habe deswegen.

In Pirmasens, sagte Herr Schulze verlegen. Das ist doch schon wieder 'ne aasige Zeit her ...

Am zwölften Februar is es gewesen, gut vier Monate is es her. Aber weil er bloß Meier geheißen hat, und weil sie mich erst haben suchen müssen, hat es so lange gedauert, bis sie's mir haben amtlich geben können. Wo es doch in seiner Brieftasche gestanden hat, daß ich seine Braut gewesen bin ...

Amanda Backs – ihre gebildete Zeit als Hausdame des Wolfgang Pagel lag weit zurück, und sie war auf dem Lagerplatz der Krupaß wieder ganz in das alte, heimische Berlin zurückgekehrt – Amanda Backs zog eine verächtliche Schippe und sagte: Dabei bin ick nie seine Braut gewesen, ick habe bloß mit ihm jeschlafen ...

Eine etwas bedrückte Stille entstand. Der junge Mann rutschte auf seinem Küchenstuhl hin und her, schließlich ließ sich Frau Krupaß vernehmen: Es is ja janz schön, Mandecken, daß du so 'n offner Mensch bist. Aber allzuviel is auch unjesund, du trittst Herrn Schulzen unnötig auf die Zehen, wo er es doch janz ehrlich mit dir meint.

Na, lassen Se man, Krupassen, lassen Se man! sagte der Chauffeur. Ich kenne doch Amanda, die meint es ja gar nicht so.

Wie meine ich es denn?! rief Amanda mit geröteten Backen. Genauso meine ich es, genau, wie ich's gesagt habe! Da gibt's gar nischt von Amanda und kennen!

Na schön, auch gut, sagte der Mann. Dann haste es eben so gemeint. Darum wollen wir uns doch nicht streiten.

Da hören Sie es, Krupassen! Und so was will ein Mann sein! Nee, Schulzing, rief sie und war ganz ehrlich traurig. Du bist ein guter Kerl, aber du bist mir zu lappig. Ich weiß, du bist solide und du sparst und du trinkst nicht, und sobald es geht, kaufst du dir einen Lastzug, und ich könnte Frau Fernspeditör werden, wie du mir gesagt hast ... Aber Schulzing, ick habe es mir den ganzen Tag hin und her überlegt, es kann doch nischt werden mit uns. Versorgt sein ist ganz schön, aber nur versorgt sein, det is ooch nischt. Ick bin doch erst grade dreiundzwanzig, und so eilig habe ich es noch nicht. Und vielleicht kommt doch noch ein anderer, wo det Herze 'n bißken puckert. Bei dir puckert es gar nicht, Schulzing ...

Ach, Amanda, det denkste jetzt bloß so, weil du den Brief gekriegt hast. Sag mir bloß nich uff. Ick weeß ja, ick bin een bißchen trantutig, aber in meinem Jeschäft ist det grade gut. Scharf fahren, det können se alle, aber vorsichtig fahren und 'nen Lastwagen mit'n Anhänger auf'n Hof umdrehen, nich viel größer als eure Küche, ohne eine Schramme, det kann ick alleene ...

Nu redste wieder von deinem dußligen Auto! Heirate du doch deinen Daimler!

Jawoll rede ick von meinem Auto, aber du mußt mir auch ausreden lassen, Amanda! Ick bin trantutig, habe ick gesagt, aber wie ick mit meinem Wagen grade durch meine Tutigkeit zurechtkomme, komme ich ooch in die Ehe zurecht. Jloob mir, Amanda, da is es jenauso: jroße Bogen spucken können se alle und scharf ranjehn, und dann kiek dir so 'ne nach sechs Monaten an! Alles zu Bruch jefahren! Bei mir bleibste heil, Amanda, bei mir passiert dir nischt – det habe ick so sicher wie meinen Führerschein!

Ein guter Kerl biste doch, Schulzing, sagte Amanda. Aber, glaub mir, es kann nich sein. Feuer und Wasser, das paßt eben nich zusammen. Du sagst, mir passiert nischt – schön, Schulzing, ick weeß ja nich, ob mir det recht wäre, wenn mir so gar nischt passiert. Gar zu stille is ooch doof.

Na ja, sagte der junge Schulze und stand auf. Ich will dir ja nich überreden. Wat nich is, det is nich. Dann bin ick eben der Doofe. – Nee, ich nehme dir das nicht übel, Amanda, i wo denn! Die Bäcker backen auch nich alle dasselbe Brot, du bist eben feurig, und ich bin tutig. Da kannst du nischt für, und da kann ick nischt für. Guten Abend, Frau Krupaß. Ick danke Ihnen ooch, daß Sie mir die Abende hier haben sitzen lassen und für all das schöne Essen ...

Nu redt er auch noch von's Essen!

Warum soll ick nich von's Essen reden?! Für alles, was man geschenkt kriegt im Leben, soll man sich bedanken. Mir haben se noch nich so viel jeschenkt in meinem Leben, daß mir das Danken zu ville jeworden is. – Gute Nacht, Amanda, ick wünsche dir auch alles Jute ...

Danke schön, Schulzing. Ick dir auch – und vor allem 'ne nette Frau!

Na ja, ick werd ja woll noch 'ne andere finden. Aber es hätte mir doch jefreut, Amanda. Gute Nacht.

Sie warteten beide, bis sie die Tür klappen hörten, sie warteten, bis sie seinen Schritt auf dem Hof hörten. Aber erst, als sie ihn dem Aufseher Randolf draußen auf dem Platz gute Nacht sagen hörten, sagte Frau Krupaß: War det auch richtig, Amanda? Er ist doch ein sehr reeller Mann.

Amanda Backs schwieg.

Die Krupaß fing wieder an: Nicht, daß ich mir beklage. Mir soll's nur recht sein, und wenn du noch zehn Jahre bei mir lebst hier auf dem Platz. Die Petra habe ich sehr jerne, aber so reden wie mit dir kann man doch nicht mit ihr. Und im Geschäft bist du auch tüchtiger als sie – bloß im Schreiben, da is sie dir über.

Vergleich mich bloß nich mit der Frau Pagel, Mutter Krupaß, sagte Amanda. Du weißt auch gar nich, was sich schickt!

Habe ick was gegen Petra gesagt?! Du weißt auch nicht, was du redest! Ick hab jesagt, du paßt besser zu mir. Und das is wahr!

Na ja, sagte Amanda. Du meinst: 'ne Kuh soll nich auf'n Ball jehn.

Du verstehst mir janz jut, Mandecken, sagte die Krupaß und stand gähnend auf. Du willst mir bloß nich verstehen. Weil du nämlich auf alle wütend bist, daß dein Verflossener kein besserer Kerl war. – Na, jetzt gehe ich in die Mulle. Wir haben morgen den Waggon Flaschen, da müssen wir um fünfe raus – gehst du noch nicht?

Ich sitze hier noch 'n Weilchen und sehe aus'm Fenster. Und wütend bin ich nich auf dich, ick weiß schon, daß ich alleine mit ihm schuld gehabt hab.

Nu werd man bloß nich trübetimplig. Denk man an die Petra – die hat dringesessen im Dreck, schlimmer als du, und was is se jetzt? Ne richtje Dame!

Ach, Dame! sagte Amanda verächtlich. Auf Dame pfeife ich! Aber er hat sie lieb, det is es – und so trantutig der Schulze auch war, der hat mehr an deinen Lagerplatz jedacht und daß du jesacht hast, du willst mir versorjen, als an Liebe ...

Jott, Liebe, Mandchen, nu fang nich ooch noch von Liebe an! Abends in den Himmel gucken und dann ooch noch Liebe – det is nich jesund, da holste dir bloß 'n Schnuppen! Komm man bald ins Bette. Richtich ausschlafen, det is besser als die janze Liebe. Von Liebe wird man bloß dußlig.

Jute Nacht, Mutter Krupaß. Ick möchte bloß wissen, wat du jesacht hättest, wenn dir det jemand vor vierzig Jahren jesacht hätte.

Ja, Kindchen, det is ja 'ne janz andere Sache! Vor vierzig Jahren und die Liebe! Det waren ooch andre Zeiten! Aber heute – da taugt doch ooch de Liebe nischt mehr!

So siehste aus, sagte Amanda, rückte sich den Küchenstuhl ans Fenster und sah in den Berliner Himmel.

6

Wir wollen weiter, wir haben es eilig! Müssen wir noch nach Neulohe –?

Hallo, hallo! Achtung! Geht aus dem Weg – da kommt der Vierzöllerwagen, schwer beladen mit Säcken. Sie haben keine Pferde, alle Pferde sind zur Arbeit auf dem Feld, kein Pferd ist zu entbehren – so schieben die Leute die fünfzig Zentner über den holprigen Hof. Sie greifen in die Speichen, sie pressen die Schultern gegen die Rungen, langsam schiebt sich der Wagen an den Futterboden heran.

Wer kommt über den Hof? Wer schreit, daß es schneller gehen muß? Es ist der alte Geheimrat von Teschow. Er ist sein eigener Inspektor, Förster, Schreiber geworden, jetzt wird er auch noch sein eigenes Zugpferd, er spannt sich an die Deichsel: Los, Leute! Ich bin siebzig, und ihr, ihr schafft nicht mal die paar Zentner?! Schlappschwänze!

Kaum steht der Wagen, muß er schon weiter. Ach, er hat soviel zu tun, anzutreiben, zu kontrollieren, zu rechnen, von morgens an ist er halb tot vor Überanstrengung – das macht ihn ganz glücklich! Er hat eine Aufgabe, nein, er hat zwei Aufgaben: er muß Neulohe wieder aufbauen; sein Schwiegersohn, die eigene Tochter haben es im Verein mit einer Rotte von Dieben und Verbrechern ausgeplündert. Und er muß sein Barvermögen wieder auffüllen, das haben ihm die Roten gestohlen!

Unermüdlich ist er tätig, er ist geizig, er ist filzig. Der eigenen Frau stiehlt er die Eier aus der Speisekammer, um sie zu verkaufen; er findet immer neue Sparmethoden. Wenn die Leute seufzen: Herr Geheimrat, Sie müssen uns doch auch das Leben lassen – so schreit er: Wer läßt denn mir das Leben?! Ich habe nischt mehr, ich bin ein armer Mann, Schulden habe ich, so haben sie mich bestohlen!

Ach, Herr Geheimrat, Sie haben doch die Forst!

Die Forst? Die Forst! Die paar Kiefernkuscheln – und was denkt ihr, was das Finanzamt von mir verlangt?! Vorm Kriege habe ich achtzehn Mark Einkommensteuer im Jahr bezahlt – und heute? Tausende verlangen die Brüder von mir! Bloß, sie kriegen sie nicht! Nee, richtet euch ein, ich muß mich auch einrichten.

Schon läuft er weiter. Sein Kopf ist voll von Einfällen. Wenn er morgens die Glocke fünf Minuten zu früh zum Arbeitsanfang läuten läßt, so schindet er bei sechzig Leuten fünf Stunden unbezahlte Mehrarbeit heraus. Er betrügt sie bei der Lohnzahlung; wenn er jeden jede Woche nur um einen Pfennig beschummelt, so hat er im Jahr dreißig Mark gespart! Er muß sich eilen, er hat schief gelegen, die Papiere, die er sich in der Inflation gekauft hat, sind auch nichts wert. Sie werden jetzt ›zusammengelegt‹, so nennen das die Räuber, tausend Mark auf fünfzig Pfennig!

Na, oller Elias, doch noch ein bißchen mehr als du für deine braunen Tausender kriegst!

Warten Sie ab, Herr Geheimrat, warten Sie nur ab!

Nein, er kann nicht abwarten, er muß rasch machen, der alte Geheimrat. Das Vermögen in Papieren, in bar ist zusammengeschmolzen. Wenn er stirbt, muß mindestens so viel da sein, wie er von seinem Vater übernommen hat! Warum? Für wen? Die Tochter ist auf das Pflichtteil gesetzt, und auf dieses Pflichtteil werden vorempfangene Beträge angerechnet. Mit dem Sohn hat er sich nun auch überwerfen. Für wen? Er weiß es nicht, er denkt nicht darüber nach, er läuft herum, er rechnet – und außerdem wird er uralt werden. Es ist kein Gedanke daran, daß er in den nächsten zwanzig Jahren einpacken wird, er will noch manchen Jungen sterben sehen!

Oben im Schloß, an ihrem Fenster, sitzt die alte Frau, seine Frau. Aber nicht wie früher ist ihre Freundin, Jutta von Kuckhoff, bei ihr. Jutta ist in Ungnade gefallen, Jutta ist fortgeschickt worden. Jutta mag sehen, wie sie auf dieser Erde zurecht kommt, sie hat sich ihrem himmlischen Heil widersetzt, sie hat Herrn Herzschlüssel widerstanden!

Herrn Herzschlüssel hat Frau Belinde aus Dresden mitgebracht, er ist ein bärtiger Mann in schwarzem Rock, er ist der Leiter einer strengen Sekte, die schon hier auf Erden sich nur der Reue und Buße widmet, der Leiter und wahrscheinlich die ganze Sekte dazu. Herr Herzschlüssel hat Frau Belinde von der ›verkalkten‹ Kirche befreit, er hat ihr bewiesen, daß er allein Jesu wahre Lehre verkörpert. Jetzt darf Frau Belinde so viel Betversammlungen abhalten, wie sie will, sie braucht vor keinem Pfarrer und Superintendenten mehr Angst zu haben.

Jutta lehnte sich gegen Herrn Herzschlüssel auf. Sie behauptete, er stehle, trinke, habe Weibergeschichten. Aber Jutta ist bloß ein altes, sauer gewordenes Fräulein, und Herr Herzschlüssel hat einen schönen, gepflegten Bart, eine sanfte Stimme. Wenn er Frau Belinde auf seinen starken Armen in den Liegestuhl trägt, dann ist Frau Belinde so glücklich, wie dies sündige Fleisch hier auf dieser Erde nur sein darf!

In einem letzten Gefecht versuchte Jutta von Kuckhoff den Geheimrat gegen Herrn Herzschlüssel vorzuschieben. Aber der Geheimrat lachte bloß: Der Herzschlüssel? krähte er. Ach, Jutta, gut ist der Mann! Ein Mädchen spart er uns mindestens, endlich sind wir aus der Kirche raus und zahlen keine Kirchensteuer mehr, die Belinde ist immer guter Laune – und das alles für das bißchen Essen. Nee, Jutta, der Mann soll bloß bleiben!

Es wird nicht immer mit dem bißchen Essen abgehen – ein Kalb wird schnell zum Ochsen!

Geld – Geld? Ich habe ja keins, Jutta! Und dafür will ich schon aufpassen, daß sie nichts Schriftliches von sich gibt. Der Herzschlüssel, der kriegt die Kassenschlüssel nie!

So ist dafür gesorgt, daß die beiden Alten ihre Beschäftigung haben – an ihre Kinder brauchen sie nicht mehr zu denken.

7

An seinen freien Tagen, auf seinen Spaziergängen geht Herr von Studmann gerne auf den Friedhof eines Nachbardorfes. Er setzt sich da auf eine Bank, direkt vor ihm ist ein altes Grab. Als er es entdeckte, war es ganz von Efeu überwuchert, den Stein hat Herr von Studmann erst wieder frei gemacht.

Auf dem Stein ist zu lesen, daß Helene Siebenrot, ihres Alters sechzehn Jahre, beim Retten eines ertrinkenden Kindes selbst ertrank. Zum Schluß heißt es einfach: Sie war des Schwimmens unkundig.

Herr von Studmann sitzt gerne hier. Es ist still, in der Sommerzeit hat kein Mensch Zeit, auf den Kirchhof zu kommen, niemand stört ihn. Die Vögel singen, jenseits der Feldsteinmauer, auf der Dorfstraße, knarren die Erntefuder. Studmann sieht den Stein an, er denkt an das junge Mädchen. Helene Siebenrot hat sie geheißen, sechzehn Jahre – sie war des Schwimmens unkundig. Sie war hilfsbereit, aber sie brauchte selber Hilfe. Er war hilfsbereit – doch auch er war des Schwimmens unkundig.

Der Geheimrat Schröck ist sehr zufrieden mit ihm, die Kranken mögen ihn gerne, das Personal hat nichts an ihm auszusetzen – Herr von Studmann kann lange bleiben in diesem Sanatorium, er kann hier alt werden, er kann sterben in dem Sanatorium.

Der Gedanke hat nichts Abschreckendes für ihn. Es gefällt ihm, so wie er lebt, er möchte nicht wieder draußen sein in der Welt der Gesunden – er ist des Schwimmen unkundig. Er hat entdeckt, daß ihm etwas fehlt, was die andern haben: er kann sich dem Leben nicht anpassen. Er trägt einen Maßstab in sich, er wollte, daß das Leben sich diesem Maßstab fügte. Das Leben tat es nicht, Herr von Studmann scheiterte. In großen und in kleinen Dingen. Er konnte keine Konzessionen machen.

Ach was! konnte der alte Geheime Sanitätsrat rufen. Sie sind einfach eine alte Jungfer in Hosen!

Herr von Studmann lächelte bloß. Er antwortete nicht. Soweit war er nun doch, daß er dem keine Lehren gab, der unbelehrbar ist.

Des Schwimmens unkundig, das war es.

Im übrigen wird Herr von Studmann einen ausgezeichneten, unübertrefflichen Onkel für die Pagelschen Kinder abgeben. Er hat den Plan, seinen Urlaub mit Pagels zu verbringen. Nur der Gedanke an die junge, ihm noch unbekannte Frau stört ihn. Frauen sind so – unverständlich! Nein, er hat nichts von einer Frau an sich, nichts von einer alten Jungfer. Der Sanitätsrat hatte Unsinn geredet. Frauen, verheiratete und ledige, sind ihm ganz fremd. Aber schließlich kann man ja Onkel werden – ohne diesen schwierigen Umgang. Vermutlich wird er doch mit Pagels reisen. Unkundig des Schwimmens!

8

Ein wenig ist die Stadt von der Nacht abgekühlt, ein wenig frischer Wind bewegt die weißen Gardinen. Die Frau ist aufgewacht, sie hat die kleine Nachttischlampe angezündet, sie sieht – wie so oft – in das andere Bett hinüber.

Der Mann schläft. Er liegt auf der Seite, ein wenig zusammengekrümmt, das Gesicht ist friedlich, still. Das etwas krause, blonde Haar gibt ihm ein kindliches, jungenhaftes Aussehen, die Unterlippe ist vorgeschoben.

Die Frau forscht in diesen vertrauten Zügen, aber keine Unruhe entstellt sie, keine Sorge quält sie. In manchen Nächten fängt er an zu sprechen, er hat Angst, er ruft ... Dann weckt sie ihn, sie sagt nur: Du denkst wieder daran.

Sie reden eine Weile, und dann schlafen sie wieder ein.

Es gab eine Zeit, da war ihm viel aufgeladen, aber er hat durchgehalten. Er hielt nur durch? Nein, es machte ihn stark, er entdeckte etwas in sich, das ihm Halt gab, etwas Unzerstörbares, einen Willen. Einmal war er bloß liebenswürdig gewesen – dann wurde er der Liebe würdig.

Die junge Frau lächelt – sie lächelt dem Leben zu, dem Mann, dem Glück ...

Es ist kein Glück, das von äußeren Dingen abhängig ist, es ruht in ihr, wie der Kern in der Nuß. Eine Frau, die liebt und sich geliebt weiß, kennt das Glück, das immer bei ihr ist, wie ein seliges Geflüster im Ohr – den Lärm des Tages übertönend. Eine liebende Geliebte ist das ruhige Glück, dem nichts mehr zu wünschen bleibt.

Sie wirft noch einmal einen Blick durch die Stube, keine Höhle, eine Stube. Sie hört die Atemzüge vom Mann, dann, leiser und schneller, die des Kindes. Sachte bewegen sich die weißen Vorhänge.

Es ist alles ganz anders geworden.

Sie löscht das Licht.

Gute Nacht. Gute, gute Nacht!

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