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Wolf unter Wölfen. Zweiter Teil. Das Land in Brand

Hans Fallada: Wolf unter Wölfen. Zweiter Teil. Das Land in Brand - Kapitel 5
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleWolf unter Wölfen. Zweiter Teil. Das Land in Brand
publisherro ro r
year1952
printrun
isbn3499110571
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170718
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Dreizehntes Kapitel.
Verloren und verlassen

1

Der 30. September dämmerte herauf, trübe und grämlich, der Wind brauste über Neulohe, er leerte es aus. Nicht nur der Wind leerte Neulohe. An diesem Tag wurde viel fortgeweht: Liebe und Haß, Verrat, Eifersucht, Eigennutz. Viel wehte davon – trieb die Menschen auseinander wie Herbstblätter.

Und noch war nicht einmal der 1. Oktober, der Schicksalstag!

Am frühesten war Herr von Studmann erwacht, der Wecker hatte geklingelt, es war noch dunkel, der Wind fuhr um das Haus. Herr von Studmann war der Mann, mit Selbstverständlichkeit zu tun, was er vorhatte: ohne Bedauern fuhr er aus dem warmen Bett in den grauen, frösteligen Morgen hinein. Er hatte heute vor, die Pachtsumme zu beschaffen, er würde sie beschaffen, obwohl er eigentlich ziemlich genau wußte, daß sie sehr andern Zwecken dienen würde als dem Bezahlen der Pacht.

Sorgfältig rasierte er sich. Wenn er in die Stadt fuhr, rasierte er sich stets zweimal; jetzt fiel ihm ein, er könnte sich auch für Neulohe nachrasieren, für Frau Eva ...

Aber er verwarf diesen Gedanken sofort. Er war weder ein Primaner noch ein Don Juan. Er balzte nicht wie ein Auerhahn.

Wenig später ist Studmann auf dem Büro. Auf dem Schreibtisch liegt ein Zettel: Bitte, wecken Sie mich, ehe Sie fahren. Ich habe etwas zu melden. Pagel.

Studmann zieht erstaunt die Achseln hoch. Was könnte Pagel Wichtiges zu melden haben? Vorsichtig zieht er die Tür vom Büro zu Pagels Zimmer auf. Der Lichtschein der Lampe fällt hinein: der Schläfer liegt auf der Seite und schläft ruhig. Eine breite Strähne Haar fällt in die Stirn, sie berührt das geschlossene Augenlid, jedes einzelne Haar schimmert wie dünnster gezogener Golddraht im Licht. Auch das Gesicht ist hell, als lächle es. Ganz überraschend kommen Studmann ein paar Worte – Verszeilen? – in den Sinn, wohl eine Reminiszenz seiner Schülerzeit: Zum Glück geboren, zu nichts gekommen, wie alle gestorben.

Studmann entscheidet, daß die wichtige Mitteilung nicht wichtig sein kann. Er stellt fest, daß es jetzt erst vier Uhr ist und daß anderthalb Stunden Schlaf dem jungen Mann nur gut sein werden. Vorsichtig zieht er die Bürotür wieder zu. Im übrigen muß er unbedingt mit dem Frühzug nach Frankfurt, denn Frau Eva hat es so gewünscht. Auch die wichtigste Mitteilung kann daran nichts ändern, sondern nur stören.

Auf dem Büro ist jetzt die schwarze Minna aufgetaucht, recht verschlafen und noch schlampiger gekleidet als sonst. Der von ihr servierte Kaffee sieht ebenso schlampig aus. Studmann, für sauberes Service seit seinem Hoteldienst überaus empfindlich, hat ein scharfes Wort auf der Zunge und schluckt es wieder hinunter. Wenn man die Zusammenhänge kennt, weiß man, daß der Tadel prompt an die Küche in der Villa weitergehen wird, und von der Küche an die gnädige Frau – Herr von Studmann möchte nicht, daß Frau Eva jetzt noch mehr Ärger hätte.

Nun knirschen draußen die Wagenräder im Kies: Kutscher Hartig ist vorgefahren. Studmann verzichtet auf Kaffee und angetrocknetes Brot. Er brennt sich eine Zigarre an, fährt in seinen Mantel und tritt aus dem Haus.

Draußen redet der Kutscher Hartig hoch vom Bock mit dem Landjäger, der nach einer fruchtlosen Nachtwache kalt und verärgert ist. Studmann grüßt und erkundigt sich, was es Neues gibt.

Es gibt nichts Neues, die Nachtwache war ebenso vergeblich wie das Durchtreiben des Waldes gestern nachmittag. Nicht die geringste Spur von den Kerlen! Es ist alles Unsinn gewesen, man hätte natürlich alles anders anfangen müssen; der Landjäger, erfroren, verärgert, entwickelt seinen Plan ...

Hören Sie, Herr Oberwachtmeister, ich muß jetzt zur Bahn, unterbricht Herr von Studmann. Aber drin im Büro steht noch mein Kaffee. Er taugt nicht viel, ist aber warm. Wenn Sie den trinken mögen? Aber bitte recht leise, der junge Mann nebenan schläft ...

Der Landjäger dankt und geht auf das Büro. Der Wagen mit dem rauchenden Studmann und dem schweigsamen, immer brummigen Hartig rollt zur Bahn. Es ist 4 Uhr 15. –

Es ist erst 4 Uhr 15, sagt Frau Eva ganz überrascht und starrt ungläubig den kleinen Reisewecker auf ihrem Nachtschränkchen an.

Es war ihr, als habe jemand nach ihr gerufen – Weio? Achim? Sie ist im Bett hochgefahren und hat ganz mechanisch auf den Knopf der Nachttischlampe gedrückt. Nun sitzt sie da, aufrecht in den Kissen, und lauscht.

Leise, leise tickt das Weckerchen, die Armbanduhr daneben scheint dem Gehör nach eiliger zu ticken, ist aber auch erst 4 Uhr 15. Der Wind heult um das Haus, sonst nichts. Kein Ruf. Alle schlafen, es ist so still, es ist Friede. Frau Eva ist unglaublich frisch und ausgeschlafen, irgend etwas wie eine unbestimmte Freude sitzt in ihr – aber was in aller Welt soll sie in den vier Stunden bis zu ihrer gewöhnlichen Kaffeezeit anfangen –?

Erstaunt, fast ein wenig unzufrieden betrachtet sie ihr Zimmer, das ihr keine Ablenkung, Zerstreuung bieten kann. Einen Augenblick erwägt sie, ob sie nicht aufstehen und bei Weio nachsehen soll, ob sie vielleicht im Traum gerufen hat. Aber es ist so schön warm im Bett und überhaupt: Weio ist jetzt ein großes Mädel! Es sind die Zeiten nicht mehr, daß sie des Nachts ganz selbstverständlich fünf-, sechsmal aus dem Bette fuhr und auf Zehenspitzen zu ihrer Kleinen schlich. Schöne, verronnene Zeiten, selbstverständliche Pflichten, die so gerne erfüllt wurden, natürliche Sorgen, die das Leben mit sich brachte, weil es das Leben war ... Nicht all dieser unnötige, künstliche Sorgenkram von heute, das überflüssigste Zeug von der Welt!

Der Rücken der Frau strafft sich, auch ihr Gesicht wird straffer. Plötzlich überfällt sie wieder, was in der Schlafseligkeit der ausgeruhten Glieder versunken war, daß sie in einem zerfallenden Hause sitzt, daß sie Glied einer sich auflösenden Familie ist, daß dieser Boden, auf dem ihr Bett ruht, sich ihr entzieht, daß die Tür zum Schlafzimmer ihres Mannes verschlossen ist, nach einer bösen Szene gestern abend verschlossen wurde. Ihre Stirn hat Falten, die vollen, schönen Schultern hängen vornüber, sie ist plötzlich eine alte Frau, sie grübelt: ›Wie habe ich Jahre um Jahre mit ihm zusammen leben können und dies ertragen?!‹

Es scheint ihr unmöglich, auch nur noch eine Woche so weiter mit ihm zu leben, und sie hat es fast zwanzig Jahre ertragen! Es ist unfaßlich! Und ihr scheint, als habe sie völlig die Gabe verloren, Geduld mit ihm zu haben, Nachsicht zu üben, mit Frauenlist etwas von ihm zu erreichen; als sei mit ihrer Liebe zu ihm auch jede Fähigkeit, mit ihm fertig zu werden, geschwunden.

Mein Gott, er war schon manchesmal zuvor angesäuselt nach Haus gekommen. Eine Ehefrau lernt das ertragen, obwohl die Mischung von Alkoholgeruch und Zigarettenrauch, von Großreden und plötzlicher Zärtlichkeit immer etwas schwer zu Ertragendes bleibt. Aber daß er gerade diesen Nachmittag dazu benutzt hatte, daß er es nicht hatte abwarten können, in seiner baren Unvernunft grade ihrem Bruder den Wagen vorzuführen, daß er heimlich vor ihr ausgerissen war, daß er das unvernünftige Kind, die Violet, die natürlich für alles Neue, und gar für so etwas Neues, begeistert war, in einer fast dumm-schlauen Art auf seine Seite gebracht und gegen sie aufgehetzt hatte und daß er dann schließlich, was nun wirklich dem Faß den Boden ausgeschlagen hatte, diesem fünfzehnjährigen Ding noch ein paar Liköre erlaubt hatte – er sagte einen, sie sagte zwei, aber bestimmt waren es vier oder fünf gewesen! –, nein, das ging doch nun selbst über das, was eine langjährige Ehefrau zu ertragen gelernt hatte!

Sie hatte im Eßzimmer gesessen, der Abendbrottisch war gedeckt, der Diener wartete, die Mädchen in der Küche warteten. Es wurde spät, es wurde zu spät. Sie hatte nie gedacht, daß sie einmal so kleinbürgerlich dasitzen würde, Zorn im Herzen, und auf die Heimkunft ihres Mannes warten. So etwas war ihr immer als ein Gipfel des Lächerlichen, des Verächtlichen erschienen. Man ließ den Partner sein Leben leben, man legte ihn nicht an eine Kette!

Und nun saß sie doch so da, sie machte eine Rechnung gegen ihn auf: dies und das und jenes. Dies für dich getan, das um deinetwillen entbehrt, jenes durch dich verloren – und du? Dieses ›Und du?‹ wuchs und wuchs. ›Und du‹ wurde zu einer ungeheuren Wolke, die ihr ganzes Leben beschattete, einer drohenden Gewitterwolke, voller Unheil.

Die beiden waren hereingekommen, mit der dümmlichen, unbefangenen Lustigkeit der Beschwipsten. Sie hatten Witzchen gemacht, sie hatten übereifrig Grüße bestellt. O je, o je, Onkel Egon hatte den Korkenzieher nicht finden können und hatte der Flasche den Hals abgeschlagen! O je! O je! Wetterleuchten, murrender Donner aus der Ferne – wer warst du einst? Eine schlanke, schnelle Gestalt, keine großen Geistesgaben, gewiß nicht, aber ein Ritter ohne Furcht und Tadel ...

Und einem Opellaubfrosch sind wir im Wald begegnet, Mama, und unser braver junger Herr Pagel saß darin, ich möchte schwören, mit einer jungen Dame! Sie hielt zwar die Hand vors Gesicht –

Genug! Jawohl, genug und übergenug. Worte, Streit, Tränen des jungen Mädchens, das liebenswürdige schlechte Gewissen des Vaters verwandelt sich in ein tobendes schlechtes Gewissen ...

Du gönnst mir bloß den Wagen nicht!

Und Weio heulend: Jede Freude willst du uns nehmen! Nichts erlaubst du uns! Jetzt willst du auch den Papa tyrannisieren!

Vater und Tochter in einer Front gegen die Mutter, und hinter der Tür lauschend die Dienstboten. Das ist aus deiner Häuslichkeit geworden, Eva! Du bist doch einmal deinem Elternhaus entflohen, du hattest dir geschworen, den ersten Mann zu heiraten, der wirklich Formen hatte – du haßtest deines Vaters Formlosigkeit. Ja, sind wir denn alle wahnsinnig geworden? Sind wir denn alle krank? Ist denn diese Inflation ein Gift, das in der Luft herumfliegt? Das jedermann ansteckt?! Ist das deine Tochter, deine behütete, blutjunge Violet, dieses Mädchen mit rotfleckigem Gesicht, hemmungslosen Bewegungen, das abwechselnd heult und anklagend schreit? Ist das dein Mann, der vornehme, grade Kerl, sorgsam gepflegt, peinlich auf Sauberkeit bedacht, der jetzt polternd, schreiend mit den Händen herumfuchtelt: Mich kriegst du nicht unter!

Ja, bist du das selbst noch? Die das alles mit ansieht, anhört, böse darauf antwortet, zornig schilt und die dabei an einen andern Mann denkt, die schon für den Ersatz gesorgt hat, ehe noch der erste gegangen ist –?

Pfui Teufel, pfui Teufel über uns alle! Einer wie der andere – und sie geht, sie geht eilig die Treppe hinauf, sie kann gar nicht schnell genug in ihr Zimmer kommen. Sie läßt die beiden da unten, sie will allein sein. Die Fenster stehen offen, es ist angenehm kühl, frisch. Eine Spur der Zentralheizungswärme ist in der Luft, eine Spur ihrer Seifen und Parfüms dazu, grade genug, sie daran zu erinnern, daß sie bei sich zu Hause ist ... Am liebsten würde sie baden, aber sie mag ihren Leib jetzt nicht sehen. Es ist soviel Leben durch ihn hindurchgegangen, er hat zuviel erlebt, zuviel genossen, als daß sie ihn heute abend gerne noch sähe. So schlüpft sie nur schnell aus den Kleidern, im Dunkeln findet sie in der äußersten Ecke ihres Nachttisches die Rolle Veronal, das ihr der Arzt gegen den irrsinnigen Schmerz ihrer Zahnwurzelvereiterung einmal gegeben ... Sie nimmt eine Tablette, bei ihr wirkt schon das wenigste, sie lehnt sich zurück, sie wird schlafen ...

Und sie ist fast hinüber in den Schlaf, fast hat sie die Bilder von eben ausgelöscht, in ihrem Ohr ist fast Ruhe geworden von dem betäubenden Gezänk – da geht doch wahrhaftig, unglaublich die Tür zu seinem Schlafzimmer auf. Er erscheint dort, er fragt halblaut-unsicher: Schläfst du schon, Eva? Ich wollte gerne noch zu dir kommen!

Dieses Leben kann wie ein ewiger Ekel wirken. Ein Lachen muß einen ja ankommen, wenn man ihn da so stehen sieht. Weiße Haare hat er, aber nichts gelernt. Wahrhaftig, er hat seinen besten Pyjama angezogen, er hat sich schön für sie gemacht, dieser ewige Schuljunge, für immer sitzengeblieben in der Klasse derer, die nie etwas verstehen werden!

Eva! – Eva! – Eva! in allen Tonlagen, rücksichtsvoll, bittend – und ein klein bißchen lauter, daß sie womöglich aufwacht, ohne daß er sie doch gradezu weckt. Sie kann ihn ganz gut sehen, seine Silhouette gegen das Licht, er aber kann sie nicht sehen, ihr Gesicht ist im Schatten. Und so ist es wirklich: er hat sie nie gesehen, eine lange Ehe hindurch – was er sich wohl einbildet, für eine Frau zu haben –?!

Noch einmal: Eva!

Anklagend. Voll traurigen Vorwurfs. Siehe da, so ganz glaubte er ihr den Schlaf doch nicht. Aber er sieht wohl ein, sie will wirklich nicht, er murmelt etwas. Wenn er verlegen ist, murmelt er immer mit sich, er glaubt, er bemäntelt seine Verlegenheit dadurch.

Und nun klappt die Tür zu seinem Zimmer.

Da aber ist sie auch schon mit einem Satz aus dem Bett, nacktfüßig läuft sie – Veronalwirkung hin, Veronalwirkung her! – an die Tür; laut, ungeniert dreht sie den Schlüssel auf ihrer Seite um, und dann steht sie bei der Tür, lauschend, rasch atmend, triumphierend: ›Sind wir nun deutlich genug gewesen, mein Herr, hast du nun endlich verstanden, daß es aus ist, endgültig aus?‹

Kein Laut von drüben, Stille, tiefe Stille – nicht einmal einer seiner jähzornigen Ausrufe. Stille. Nur Stille.

Langsam geht sie in ihr Bett zurück. Sie schläft sofort ein.

Und nun ist es 4 Uhr 25. Sie war so fröhlich aufgewacht. Dann war es ihr, als habe sie jemand gerufen. Sie erinnert sich: weder Vater noch Tochter werden nach ihr rufen. Warum in aller Welt war sie fröhlich –?

Sie sitzt vornübergebeugt, aber die Glieder werden schlaff, sie geben nach. Sie legt sich wieder tief in das Bett hinein. Sie schmiegt sich ein und an wie an etwas Lebendes, das sie bergen kann. Sie will noch schlafen, sie kann noch schlafen. Es wäre ja nicht auszudenken, wie sie vier Stunden bis zum Frühstück, umtanzt von solchen Gespenstern, hinbringen soll?

Oh, mein Gott, was für ein Gesicht soll sie bei diesem Frühstück machen? Was soll sie reden? Was anfangen? Sie könnte aufs Büro gehen, aber Herr von Studmann ist verreist, und der junge Pagel ist zu jung ... Man wird sehen, schließlich ist noch jeder Tag des Lebens irgendwie vorübergegangen ...

Gute Nacht.

2

Nach ihrem vorzeitigen Erwachen noch vor Sonnenaufgang war Frau Eva noch einmal so fest eingeschlafen, daß sie zum zweitenmal an diesem Tag ganz ungläubig auf ihren Wecker schaute: es war halb zehn. Nach einem bewährten Satz soll man seine Schlafmittel ausschlafen. Frau Eva hatte zwölf Stunden im Bett gelegen, das hätte für eine Veronaltablette genug sein müssen.

Aber als sie jetzt aus dem Bett stieg und sich an Waschen und Anziehen machte, waren die Glieder schwer, ein dumpfer Druck lag in ihrem Kopf. In ihren Augen saß ein Gefühl, als habe sie eben geweint oder müsse gleich weinen. Während sie sich hastig und immer ärgerlicher anzog, schalt sie bei sich auf das ›Dreckzeug‹, das sie nie wieder nehmen würde. Sie schalt aber auch auf ihren Mann, auf Weio, die Mädchen, Hubert, daß man sie so ohne Wecken in den Tag hinein hatte schlafen lassen ...

Und bei alldem hatte sie ein todestrauriges Gefühl, eine Vorahnung, daß dieser Tag, der ohne Regen naß von den Bäumen triefte, nichts taugte, daß er ihr und keinem etwas Gutes bringen würde ...

Auf dem Frühstückstisch lag nur ein Gedeck – von Achim und Violet war nichts zu sehen. Sie drückte auf den Klingelknopf, aber sie mußte das ein paarmal tun, ehe statt Hubert Armgard mit dem Kaffee und den Eiern kam – Armgard mit einem Lächeln, das Frau Eva gar nicht gefallen wollte.

Herr Rittmeister und Fräulein Violet haben schon gefrühstückt? fragte Frau von Prackwitz, während Armgard etwas sehr umständlich den Kaffee eingoß.

Schon um sieben Uhr, gnädige Frau, berichtete Armgard überraschend eifrig. Herr Rittmeister und Fräulein Violet sind schon vor halb acht mit dem Automobil fortgefahren.

Die Art, wie sie das Wort Automobil voll aussprach, zeigte, daß diese Neuerwerbung ihre volle Anerkennung hatte, daß der Horch auch in die Küche der Villa Glanz und Stolz getragen hatte. Vermutlich war man dort der Ansicht, daß man erst jetzt eine wirklich ›feine Herrschaft‹ hatte.

Warum bin ich nicht geweckt worden? fragte Frau Eva mit einiger Schärfe.

Der Herr Rittmeister haben es doch ausdrücklich verboten! antwortete Armgard ein wenig gekränkt. Der Herr Rittmeister und Fräulein Violet haben sich doch so in acht genommen, die gnädige Frau nicht zu stören. Auf Zehenspitzen sind sie die Treppe heruntergekommen, und auch hier im Frühstückszimmer haben sie immer nur geflüstert ...

Frau von Prackwitz konnte sich ihre beiden Helden recht gut vorstellen, die aus lauter Rücksichtnahme die Mama nicht weckten! Denn die hätte ja die Fahrt verhindern, die hätte ja vielleicht sogar mitfahren können! Diese Feiglinge –!

Dann war ja freilich der große Lärm ... sagte Armgard sanft, mit sehr scheinheiligem Gesicht.

Frau von Prackwitz zog vor, dies zu überhören. Sie hatte gestern alle Arten von Lärm genossen, sie wollte keinen Lärm mehr hören, sie wollte auch nichts über Lärm hören.

Hat mein Mann etwas gesagt, wann er zurück sein wird? fragt sie.

Der Herr Rittmeister meinte, er würde wohl nicht zum Essen zurück sein, antwortete Armgard und sah die gnädige Frau abwartend an. Es war klar, auch dies Mädel wußte schon von dem Streit mit Achim, wahrscheinlich wußte schon das ganze Dorf, die Eltern eingeschlossen, davon. Man würde sich daran gewöhnen müssen, daß jedermann einen in der nächsten Zeit ansah, als sei man halb Witwe, halb verlassene Frau ...

Schön, Armgard, sagte Frau Eva, gegen ihren Willen von all diesen kleinen Albernheiten etwas erheitert. Dann können Sie das Filet vom Sonntag kalt aufschneiden, mit grünen Bohnen. Für uns paar Menschen reicht das ... Sie zählte an den Fingern ab: Ich, Lotte, Sie, macht drei, Hubert vier – das reicht vollkommen.

Eine kleine Pause, das Mädchen Armgard sah seine Herrin wortlos an. Frau von Prackwitz erwiderte den Blick, er war wirklich eine Spur ungemütlich. Frau Eva wollte lächeln, aber dann setzte sie die Tasse ab, sie setzte die Tasse mit einem Ruck hin – so wollte sie aber keinesfalls angesehen werden!

Nun? Was sehen Sie mich so an, Armgard? fragte sie energisch.

O Gott, gnädige Frau! rief Armgard und wurde rot. Den Hubert brauchen gnädige Frau doch nicht mitzurechnen – den Hubert hat der Herr Rittmeister doch heute früh entlassen. Deswegen war doch solcher Lärm! Wir haben es bis in die Küche gehört. Wir wollten gar nicht, aber ...

Wo ist Hubert? fragte Frau von Prackwitz und winkte dem Gerede ab. Ist er schon fort?

Aber nein, gnädige Frau! Er ist unten und packt seine Sachen.

Schicken Sie ihn zu mir. Sagen Sie ihm, ich möchte ihn sprechen.

Gnädige Frau, aber der Hubert hat dem Herrn Rittmeister gedroht, daß er ...

Armgard! Ich wünsche keine Erzählungen von Ihnen, Sie sollen Hubert rufen!

Jawohl, gnädige Frau!

Sehr gekränkt zieht sich Armgard zurück, wartend geht Frau Eva auf und ab. Mit dem Frühstück ist es natürlich schon wieder vorbei, sie hat gleich gewußt, als sie aufstand, daß dieser Tag nichts taugte.

Frau Eva geht auf und ab, auf und ab. Es ist wieder das Gefühl aus der Nacht, daß alles zerfällt, sich auflöst, daß man machtlos daneben steht, aber nichts dagegen tun kann. Es ist wahrhaft nicht dieser lächerliche Hubert! Sie war nie seine Freundin, sie hatte schon zehnmal Lust gehabt, diesen schrulligen Querkopf vor die Tür zu setzen! Außerdem hatte sie eine körperliche Abneigung gegen ihn: auch ohne das Geschwätz der Mädchen von einem ›Unhold‹ hatte sie als gesunde Frau immer gespürt, daß dieser Bengel nicht sauber war.

Also gut, er war entlassen, wahrscheinlich wegen einer Riesensache, wegen eines zu hart gekochten Eis oder wegen eines fallen gelassenen Teelöffels – in Achims jetziger Stimmung konnte alles Anlaß zu einem Wutausbruch werden. Aber daß alles so plötzlich ging, ohne Vorbereitung, daß nichts Neues im Leben mehr dazukam, nur Altes fortging, immer fortging ...

Es war ja, als säße man auf einer Eisscholle, und Stück für Stück bröckelte von der Scholle ab, bald war nichts mehr da ... Man hatte einst Eltern gehabt, mit denen man nicht gut, aber erträglich stand – man hatte keine Eltern mehr. Man hatte einen Mann gehabt und eine Tochter – man hatte sie nicht mehr. Man hatte Verkehr im Lande gehabt – wann waren sie das letzte Mal ausgegangen? Man hatte ein gemütliches Heim gehabt – nun ja, jetzt saß man allein am Frühstückstisch, der Diener war entlassen, und nachts wurden die Türen zwischen den einzelnen Schlafzimmern sorgfältig verschlossen – so sah heute ein Heim aus!

Ein Gefühl verzweifelter Ohnmacht, eine verhängnisvolle, lähmende Trauer steigt aus all dem auf – hatte es je eine Zeit gegeben, in der es sich so wenig zu leben verlohnte?! Es juckte einen in allen Fingern: man mußte doch irgend etwas tun können, um aus diesem Sumpf herauszukommen! Aber alles, was man tat, führte auf geheimnisvollen Wegen nur tiefer hinein. Jede Tat kehrte sich gegen den Täter!

Das Mädchen Armgard steht wieder in der Tür. Sie meldet halb verlegen, halb trotzig: Hubert sagt, er ist nicht mehr im Dienst. Er sagt, er hat es nicht nötig zu kommen.

Das wollen wir doch mal sehen! ruft Frau von Prackwitz zornmutig und ist mit fünf Schritten auf der Diele.

Gnädige Frau! Ach, bitte, gnädige Frau! ruft das Mädchen hinter ihr beschwörend.

Was ist denn noch? fragt sie ärgerlich. Kein Getratsch mehr, Armgard!

Aber gnädige Frau müssen doch wissen! sagt Armgard und tritt ganz nahe heran, um leise reden zu können. Hubert hat dem Herrn Rittmeister doch so gedroht! Von einem Waffenlager war die Rede. Herr Rittmeister war ganz weiß ...

Und das haben Sie von der Küche im Souterrain aus gesehen, Armgard? fragt Frau Eva spöttisch.

Wo doch die Tür zum Speisezimmer aufstand, gnädige Frau! Armgard ist schwer beleidigt. Ich ging doch grade rauf, um einen Rollschinken zu holen, und die Tür stand eben auf. Ich bin nicht neugierig, gnädige Frau, ich meine es bloß gut ...

Schön, schön, Armgard, sagt Frau von Prackwitz und will wieder gehen.

Aber gnädige Frau, Sie wissen doch noch nicht! – wird sie wiederum beschworen. Und dann hat der Hubert noch von einem Brief geredet, von einem Brief von dem gnädigen Fräulein, und der hat auch mit dem Waffenlager zu tun ...

Quatsch! sagt Frau von Prackwitz gänzlich ungeniert und steigt hinunter in das Souterrain, ohne weiter auf Armgard zu achten. Alles Quatsch und Schlüssellochguckerei und Türenhorcherei. Der Hubert hat natürlich gestern nachmittag an der Tür gelauscht, als sie mit ihrem Mann von der Autoanschaffung und dem Putsch geredet hat – und nun er hinausgeworfen ist, will er sich rächen. Sie wird ihm schon den Kopf zurechtsetzen! Daß nun aber gar Weio Briefe über Waffenlager schreiben sollte, das ist solch blühender Blödsinn, richtiges Ergebnis einer Schlüssellochlauscherei ...!

Der Diener Räder steht über einen auf dem Bett liegenden Handkoffer gebeugt, in den er mit peinlicher Pedanterie eine sorgfältig zusammengelegte Hose packt. Er berücksichtigt sozusagen jeden Millimeter. Das Bett, auf dem der Handkoffer liegt, ist bereits abgezogen. In ihre Kniffe gelegt, hängt die Bettwäsche über einem Stuhl, aber trotzdem ist unter den Handkoffer zur Schonung des Bettes ein großer Bogen Packpapier ausgebreitet. Minuziöse Genauigkeit bis zur letzten Minute – ganz Hubert Räder!

Bei diesem Anblick und noch mehr beim Anschauen des fischigen grauen, unbewegten Gesichts vergeht der gnädigen Frau alle Lust, zu schelten. Mit einigem Humor sagt sie: Also Sie wollen uns verlassen, Meister Hubert?

Hubert hat jetzt eine Weste in der Hand. Er hält sie prüfend gegen das Licht, dann legt er sie zusammen, den Stoff nach innen, das Futter nach außen, ganz wie es sich gehört. Aber daß er überhaupt nicht antwortet, das gehört sich wirklich nicht!

Nun, Hubert? fragt Frau Eva lächelnd. Keine Antwort? Sind Sie auch mit mir böse?

Hubert legt die Weste in den Koffer und macht sich an das Jackett. Ein Herrenjackett ist sehr schwierig zusammenzulegen. Er bückt sich tief darüber und spricht kein Wort.

Hubert! sagt die gnädige Frau schärfer. Seien Sie doch nicht albern! Wenn Sie auf Herrn Rittmeister ärgerlich sind, brauchen Sie doch nicht unhöflich zu mir zu sein!

Gnädige Frau! erklärt Hubert feierlich und hebt sein graues, trübes Auge. Herr Rittmeister hat mich behandelt wie einen Sklaven ...

Nun, und Sie werden meinem Mann auch nicht grade freundliche Dinge gesagt haben! Sie sollen ihm ja sogar gedroht haben.

Jawohl, gnädige Frau. Es stimmt. Armgard hat gelauscht, aber es stimmt doch. Doch ich bedaure es. Wenn gnädige Frau so gütig sein wollen, Herrn Rittmeister bei seiner Rückkunft zu sagen, daß ich es bedaure. Ich habe es nur in der Leidenschaft gesagt. (Er sieht so leidenschaftlich aus wie ein Stück Holz.)

Schön, Hubert. Ich werde es ausrichten. Und nun erzählen Sie mir einmal, was war denn eigentlich los –

Und auch der Brief vom gnädigen Fräulein wird nicht benutzt werden, fährt Hubert unbeirrbar fort. Ich verspreche das. Wenn ich ihn auch nicht verbrennen werde, noch nicht.

Hubert! sagt Frau von Prackwitz. Nun seien Sie einmal nett, denken Sie daran, daß ich nicht nur eine Dienstherrschaft bin, an der Sie natürlich immer etwas auszusetzen haben, sondern auch eine Mutter, die sich manchmal sehr viel Sorgen macht. Was ist das mit einem Brief von der Violet, den Sie haben? Erzählen Sie mir einmal alles richtig, lassen sie einmal Ihre Faxen, Hubert ...

Entschuldigen gnädige Frau, es sind keine Faxen, erklärt Hubert ganz unbewegt. Ich bin so.

Also schön, sagen Sie mir es dann auf Ihre Art, ich werde es schon verstehen. Aber bitte sagen Sie mir, Hubert, was Sie wissen!

Hubert sieht mit seinen kalten, toten Augen die gnädige Frau aufmerksam an. Vielleicht empfindet dieses Gespenst ein wenig Glück, da er die Frau bittend vor sich sieht, aber anzusehen ist es ihm nicht.

Nach einer langen Weile stummen Anschauens schüttelt er den Kopf und sagt: Nein.

Er wendet sich wieder seinem Jackett zu.

Hubert, bittet Frau von Prackwitz wieder, aber warum denn nicht? Sie gehen doch jetzt weg von uns, es kann Ihnen keinen Schaden bringen, wenn Sie mir alles erzählen. Und vielleicht bringt es soviel Nutzen ...

Hubert Räder ist nur mit seinem Jackett beschäftigt, er sieht so aus, als habe er nichts gehört. Aber nach einer langen Zeit entschließt er sich dann doch, wiederum Nein zu sagen.

Aber warum nicht? flüstert sie. Ich verstehe das nicht! Was ist nur? Hubert, seien Sie nett, ich will Ihnen eine glänzende Empfehlung geben, ich will bei meinen Verwandten nach einer Stellung für Sie fragen ...

Ich gehe nicht wieder in Stellung, erklärt das Gespenst.

Also, Hubert! Sie haben gesagt, Sie wollen den Brief noch nicht verbrennen, das heißt, Sie wollen ihn vielleicht benutzen, Sie wollen vielleicht Geld für ihn. Weio hat wohl eine Dummheit gemacht. Nun gut, Hubert, ich kaufe Ihnen den Brief ab, ich zahle Ihnen dafür, was Sie wollen ... hundert Goldmark ... fünfhundert Goldmark ... tausend Goldmark ... Hören Sie, Hubert, tausend Goldmark für den dummen Brief eines jungen Mädchens!

Sie hat jetzt fieberhaft gesprochen, sie sieht ihn mit fieberhafter Spannung an. Kaum überlegt sie noch, was sie sagt; sie kann auch nicht mehr übersehen, was das denn eigentlich für ein Brief sein mag ... Eine geheimnisvolle, drohende Spannung hat sie gefaßt, hier in der kahlen Bude dieses entsetzlichen Kerls – wie hat sie ihn nur so lange im Hause ertragen können? Unheil! Unheil!

Hubert Räder zieht die Lippen von den Zähnen zurück, es soll dies wohl eine Art Lächeln bedeuten. Er sieht Frau von Prackwitz an – und vor diesem bösen, drohenden Blick, der doch triumphiert, vergeht ihre Erregung und macht einer dumpfen Verzweiflung Platz.

Er schüttelt langsam den Kopf, zum drittenmal sagt er Nein. Dann sieht er das Jackett vor sich auf dem Bett an, als verstünde er nicht ganz, was es damit für eine Bewandtnis hat.

Nun, Hubert, sagt die gnädige Frau in plötzlichem Zorn, der Brief gehört Ihnen nicht. Wir haben grade Gendarmen hier in Neulohe – ich werde einen holen und Ihre Sachen durchsuchen lassen.

Aber nun ist es wieder wie zu Anfang: der häßliche Mensch scheint nichts gehört zu haben und beschäftigt sich nur mit seinem Jackett. Unentschlossen sieht sie auf ihn; Bitten, Geld und Drohung sind vergeblich gewesen, was soll sie noch tun? Ihm schmeicheln, sagt sie sich, dieser Mensch muß krankhaft eitel sein. Aber das widerstrebt ihr so, es wird ihr schon übel bei dem Gedanken, sich vor ihm zu erniedrigen ... Aber nun denkt sie wieder an ihre Tochter, den rätselhaften Brief, daß einer, daß dieser vielleicht Gewalt über ihr Mädchen hat ...

Sie sollten sich nicht zu solchen Dingen erniedrigen, Hubert! versucht sie. (Sie hat auch noch ›Herr Räder‹ sagen wollen, aber sie hat es nicht über die Lippen gebracht.) Sie fährt fort: Ein Mensch, der so auf sich hält wie Sie ...

Sie schaut ihn abwartend an. Langsam löst er den Blick von dem Kleidungsstück und erwidert ihren Blick. Wieder dieses Hochziehen der Lippen von den Zähnen – er hat sie durchschaut, sie kommt sich gedemütigt vor!

Verzeihung, gnädige Frau, ich glaube, ich halte nicht mehr viel auf mich, darum brauche ich auch kein Geld mehr. Er sieht sie prüfend an, er scheint von der Wirkung seiner unverständlichen Worte befriedigt. Er denkt nach, dann erklärt er: Am 2. Oktober werde ich der gnädigen Frau den Brief senden, mit der Post. Gnädige Frau brauchen nichts dafür zu bezahlen.

Übermorgen –? fragt sie.

Sie weiß, er hat ihr nichts Gutes versprochen, eine dunkle Drohung klingt aus seinen Worten, etwas, das sie nicht abwenden kann. Sie will ihm antworten, aber er macht eine Bewegung, und die gnädige Frau schweigt sofort still, da der Diener es wünscht.

Gnädige Frau müssen nicht fragen. Ich sage doch nur, was ich will. Das gnädige Fräulein ist sehr schlecht zu mir gewesen, ich habe sie nie verraten, aber sie hat ihren Vater aufgehetzt, mich rauszuschmeißen ... Sie haben gesagt, ich soll mich nicht erniedrigen. Ich weiß, Sie haben es mir nur gesagt, damit ich Ihnen etwas erzähle. Wenn Sie das gnädige Fräulein Violet (er sagt es mit abgrundtiefer Ironie), wenn Sie das gnädige Fräulein Violet bis übermorgen früh nicht aus den Augen lassen, dann passiert nichts ...

Sie ist fortgefahren ... flüstert die Mutter.

Nach der Tochter die Mutter – irgendwie geraten sie beide in den Bann dieses Mannes. Was ist er? Ein Narr, ein alberner, nicht übermäßig tüchtiger Diener, nur mit Spott hat die gnädige Frau ihn ertragen. Aber jetzt denkt sie nicht daran, über ihn zu spotten, sie nimmt ihn völlig ernst. Es sind keine Schrullen mehr, kein Aberwitz – der Geruch von Gefahr, Drohung und Brand, etwas Düsteres, das er allein erst weiß ...

Sie ist fortgefahren ... hat sie geflüstert.

Er sieht sie an, dann nickt er kurz und bestimmt mit dem Kopf. Er sagt: Heute abend ist sie zurück. Und dann nicht aus den Augen lassen, gnädige Frau, bis übermorgen früh ...

Er wendet sich wieder seiner Packerei zu. Sie versteht sofort, daß diese Bewegung endgültig ist.

Alles Gute, Hubert, sagt sie plötzlich. Ihre Papiere und Ihr Geld holen Sie sich vom Büro?

Er antwortet nicht mehr. Er ist in ein peinliches Zusammenlegen seines Jacketts vertieft, ein graues, fischiges Gesicht, ohne erkennbaren Ausdruck. Es ist dieses Bild, das sie von ihm mitnimmt, sie wird es viele Male in ihrem künftigen Leben vor Augen sehen – das letzte Bild von Hubert Räder.

Sie wird es nicht vergessen ...

3

Als die gnädige Frau aus der Kammer des Dieners Räder tritt, schlägt sie die Tür dem Mädchen Armgard fast an den Kopf. Armgard kreischt und will fliehen, aber Frau Eva ist sehr zornig. Sie hält das Mädchen am Arm fest und teilt ihm kurz und zornig seine Entlassung mit: aufs Büro, Papiere und Geld, sofort die Sachen packen, der Milchwagen kann sie mitnehmen!

Damit läßt Frau Eva die Köchin Armgard stehen, hört gar nicht auf ihre Flennerei. Der Gedanke, sich vor dem Diener Räder gedemütigt zu haben, ist schlimm genug, aber dabei Zuhörer gehabt zu haben, und nun gar solche Zuhörerin, das ist unerträglich. Fort – und aus den Augen! Eine grimmige Befriedigung erfüllt sie, ›er‹ hat den Diener herausgeworfen, sie die Köchin – alles zerfällt –, was soll das für ein Haushalt in den nächsten Tagen werden?! Was wird die siebzehnjährige Lotte für ein Essen zusammenkochen, wenn sie daneben sieben Zimmer besorgen muß?! Der Herr von Prackwitz wird sich wundern!

Frau von Prackwitz geht in die Küche und eröffnet Lotte die Sachlage. Sieben Zimmer, das kalte Rinderfilet, grüne Bohnen, Soße ist noch da, Spargelsuppe – und wahrhaftig, da steht noch der Abwasch von gestern abend! Kinder, wascht ihr denn nicht jeden Abend ab, wie ich es euch gesagt habe?! Warum denn nicht?

Worauf Lotte prompt in Tränen ausbricht. Schluchzend versichert sie, daß sie von Spargelsuppe keine Ahnung habe, daß sie es nie schaffen würde, daß sie sich nicht anschreien ließe, daß sie lieber auch gleich ginge ...

Frau Eva möchte über das nachdenken, was sie von Hubert Räder erfahren hat, was sie mit ihrer Tochter zu tun, was sie ihrem Mann zu sagen hat. Tausend Dinge, die sie beschäftigen, quälen – aber nein, Frau Eva muß die siebzehnjährige Lotte trösten, ihr das Geheimnis verraten, wie man aus getrockneten Spargelschalen unter Zuhilfenahme eines kleinen Einmachglases mit Brechspargeln eine ›echte‹ Spargelsuppe macht. Schließlich verspricht sie der Trostlosen, sich von ihrer Mutter aus dem Schloß ein Mädchen zur Aushilfe zu erbitten ... Und hat dabei immer das Gefühl, daß diese ekelhafte Person, die Armgard, an der Küchentür lauscht und sich über die Verlegenheit ihrer Herrin freut ... Sieben ungemachte Zimmer sind eben ein Albdruck ...

Frau Eva geht langsam den Weg zum Hof. Sie geht über den Hof nach dem Beamtenhaus, sie muß dem jungen Pagel wegen der Entlassungen Bescheid sagen. Aber die Bürotür ist versperrt, es baumelt an ihr das übliche Schild: ›Büro geschlossen, eilige Anfragen in der Villa.‹ In der Villa sitzt allein die trostlose Lotte, der junge Pagel ist natürlich auf dem Feld; wenn die Entlassenen ihre Papiere holen wollen, finden sie dieses Schild, das sie in die Villa einlädt, die Konfusion ist vollständig –!

Sie zuckt die Achseln, da hilft keine Auflehnung: dies ist so. Sie geht zum Schloß, sie sagt sich, daß dort wenigstens alles unverändert seinen Gang geht. Aber vor dem Schloß hält der Plattenwagen, auf den Koffer geladen werden, grade kommt der uralte Landauer, genannt die Zu-Bombe, mit Papas fetten Hannoveranern vorgefahren.

Was ist denn hier los –? fragt sie erstaunt.

Guten Morgen, gnädige Frau. Die Herrschaften verreisen, berichtet der alte Elias und zieht sein Käppchen.

Sie läuft in das Haus, sie läuft die Treppe hinauf in das Zimmer ihrer Mutter: Frau von Teschow, schon in Mantel und Hut, sitzt auf ihrem Sessel. Hinter ihr die Kuckhoff hält ein Bündel Stöcke und Schirme unter den Arm geklemmt. Frau von Teschow kommandiert die Mädchen, die mit arbeitsroten, eifrigen, recht vergnügten Gesichtern leinene Überzüge über die Möbel ziehen.

Da kommst du ja, Kind, sagt die alte Frau. Wir wären natürlich nicht so abgefahren, wir hätten natürlich noch einmal zu euch reingesehen.

Aber wohin reist ihr denn so plötzlich, Mama? ruft Frau Eva erstaunt aus. Gestern hat Papa doch noch kein Wort davon gesagt!

Liebes Kind, diese Nacht – es war unerträglich! Sie greift sich an den Kopf und seufzt gramvoll. Ach, daß dein Mann nun auch noch diese Zuchthäusler in unser liebes Neulohe hat bringen müssen ...

Aber sie sind ja nun wieder fort, Mama!

Ausgerissen! Ich habe kein Auge zugetan diese Nacht. Immer habe ich es schleichen hören. Die Treppen haben geknackt, einmal hat es gekichert auf der Treppe – Ja, genauso wie du jetzt kicherst, du alberne Gans, Marta! fährt Frau von Teschow plötzlich zornig ein Mädchen an, das dunkelrot wird und den Kopf tief über die Polster senkt.

Das hast du dir eingebildet, Mama. Es hat ja ein Landjäger auf der Straße Wache gehalten, und der Oberlandjägermeister hat gesagt ...

Liebes Kind, ich traue nur meinen Ohren! Ich fahre ab – dein Vater ist diesmal die Rücksicht selber. Wir fahren erst einmal nach Berlin. – Hotel Kaiserhof, Eva, wenn etwas sein sollte. – Wir lassen uns nicht in unsern Betten ermorden, wir nicht!

Und auch Tante Jutta erklärt mit Nachdruck unter Aufstoßen des Schirmpakets, daß ihr der Kaiserhof lieber als der Kirchhof sei.

Frau Eva sieht, es hat keinen Sinn, gegen diese Reise anzureden. Rätselhaft bleibt ihr nur die willige Zustimmung ihres Vaters, den sonst keine Beschwerden seiner Frau aus dem geliebten Neulohe vertreiben konnte. Aber das eine Gute hat ja diese Abreise: sie wird ohne Schwierigkeiten von der Mutter ein Mädchen bekommen können. Eilig berichtet sie von dem Weggang Räders und Armgards, kopfschüttelnd hört Frau von Teschow zu.

Du hast doch auch immer Schwierigkeiten mit deinem Personal! Das kommt, wenn man die Leute zu sehr verwöhnt. Und in meine Abendandacht schickst du dein Personal auch nie mehr!

Aber schließlich, nach mancher spitzigen Bemerkung, findet sich Frau von Teschow bereit: Marta wird zur Aushilfe bestimmt. Aber Marta zeigt sich widersetzlich. Nein, sie will nicht. Sie ist für das Schloß angenommen und nicht für die Villa. Frau von Teschow redet auf Marta ein, Frau von Prackwitz verspricht Marta eine Entschädigung, Fräulein von Kuckhoff ermahnt sie – Marta bleibt dabei, sie will nicht. Sie hat nichts gegen die gnädige Frau – aber sie will nicht. Kommt Trudchen – aber Trudchen will auch nicht. Trudchen hat sogar eine Entschuldigung: die Villa ist ihr zu graulich. So weit ab vom Dorf und jetzt, wo die Zuchthäusler ausgerissen sind ...

Ich kann es ihr ja eigentlich kaum verdenken, Eva, flüstert Frau von Teschow. Wie du es mit Violet verantworten magst, du solltest sie uns nach Berlin mitgeben.

Einen Augenblick denkt Frau von Prackwitz, daß dies wirklich gut wäre. Aber: Violet ist mit ihrem Vater fortgefahren.

Ach ja, in euerm neuen Auto! Horst-Heinz hat gleich in Berlin angerufen, an die 20 000 Mark kostet solch ein Wagen. Wie ihr das erschwingen könnt, und da stöhnt ihr über die Pacht ...

Also wie ist es mit einem Mädchen, Mama?

Ja, mein liebes Kind, du hörst doch selbst – ich kann sie unter diesen Umständen doch nicht zwingen. Wenn ihnen in der Villa was passiert, ich müßte mir ja ewige Vorwürfe machen.

Nein, das sollst du natürlich nicht, Mama, ich werde mich mit der Minna oder der Hartigen behelfen.

Ich wäre dir ja gern gefällig gewesen, Evchen. Aber du mußt wirklich mehr auf Autorität bei deinem Personal sehen. Du sollst ja manchmal eine ganze Woche nicht in die Küche kommen!

Kleine Sticheleien, Beteuerungen, Abschied ...

Als sie zum Wagen hinuntergehen, steht auf der Diele der Geheimrat von Teschow in seinem stadtfeinen Anzug, der den haarigen Ostelbier noch grausiger kleidet als das gewohnte Loden.

Einen Augenblick, Eva. Ja, steig schon ein, Belinde. Ich habe mit Eva noch ein paar Worte zu reden. Er nimmt ihren Arm, er geht mit ihr ein paar Schritte abseits in den Park. Ich möchte dir speziell eines sagen, Eva, deinem Mann würde ich es nicht sagen, der hört ja doch nicht. Du wunderst dich über diese Reise ...

Mama sagt, wegen der entsprungenen Zuchthäusler –

Unsinn! Glaubst du, ich fahre wegen ein paar dammlichen Zuchthäuslern weg?! In das elende Berlin? Hähä, so sieht der Geheime Ökonomierat Horst-Heinz von Teschow aus! – Nein, hast du was von einem Putsch gehört?

Er sieht seine Tochter musternd an, sie antwortet nicht.

Na also, du brauchst mir auch nichts zu sagen – ich kann es mir an den fünf Fingern abzählen: plötzliche Rückkehr meines Herrn Schwiegersohns, das neue Auto ... Dein Mann will also mitmachen. Hoffentlich hat er sich wenigstens das Geld fürs Auto vorher geben lassen. Nun, so dumm wird er ja nicht sein, für die Herren noch Schulden zu machen ...

Frau Eva schweigt.

Also doch! kräht Herr von Teschow erfreut. Na ja, jeder so doof, wie er kann. Mir soll's egal sein. Ich verstehe dich bloß nicht. – Schön. Gut. Schwamm drüber! – Also für dich gesagt: der Putsch fliegt auf. Die Herren können sagen, was sie wollen: die Reichswehr macht nicht mit. Ich bin die letzten Tage immer auf den Beinen gewesen, habe überall rumgehorcht – ein totgeborenes Kind! Hier aus dem Dorf machen über zwanzig Dumme mit, der Schulze Haase, der Schlauberger, vorne weg. Der zweite Schlauberger ist also mein Schwiegersohn ...

Papa, man müßte die Leute doch warnen!

I wo! Glaub einem alten Mann, Kind, jeder nimmt es dir übel, wenn du ihn seine Dummheiten nicht alleine machen läßt. Vielleicht gibt's ein bißchen Kämpfe – na schön! Sie können das Kämpfen ja immer noch nicht lassen, begreifen nicht, daß die Herren Clemenceau und Poincaré sich die Bäuche halten vor Lachen, daß wir uns hier gegenseitig totschlagen. Also, Evchen, sieh, daß du deinen Mann mit Schlauheit rumkriegst: reist auch ab! Wenn man hier ist, muß man irgendwie Stellung nehmen, man wird reingezogen in das Schlamassel. Fahrt lieber weg!

Er will doch mitmachen! sagt sie leise.

Na, Mädchen, muß ich dir noch erzählen, wie man einen Mann rumkriegt? Sag, du willst heute abend nach Frankfurt, bekomme meinethalben eine Blinddarmentzündung – nur weg!

Laß ihn doch, Papa!

Der alte Herr schaut hoch. I du Donner! ruft er erstaunt. Ist es nun soweit? Na, Evchen, verdammt lange hat es mit dir gedauert! Ich dachte immer, ich hätt 'ne kluge Tochter ...

Ach, Papa ...

Na also schön, laß ihn mitmachen, laß meinethalben auch den Wagen hops gehen ... Er hält inne, erschrocken über seine eigene Großzügigkeit. Nee, das ist ja nun wirklich nicht nötig. Du müßtest es irgendwie hinkriegen, Evchen, daß der Wagen morgen nicht fahren kann. Frag mal den Herrn von Studmann, der ist ja ein schlauer Hund.

Ja, richtig, Papa, du fährst fort – wohin sollen wir denn morgen die Pacht bezahlen?

Ach, die Pacht! Habt ihr sie denn? Na, laß es, bis ich zurückkomme.

Nein, Papa, das geht nicht. Herr von Studmann bringt das Geld heute nachmittag mit – wir können keine Entwertung riskieren.

I du Donner! ruft der alte Herr und sieht seine Tochter verdutzt an. Ich hab doch nie gedacht, daß ihr das Geld morgen bereit habt – was mache ich nun?

Sag, an wen wir zahlen sollen, Papa. Ich lasse das Geld nicht über den 1. Oktober liegen.

Und morgen ist der Putsch. Morgen kann die Mark fallen und fallen. Evchen, weißt du was, bezahl das Auto mit dem Geld.

Nimmst du dann statt der Pacht das Auto, Papa? Das müßtest du mir aber schriftlich geben.

I wo, wie wird denn das Auto vielleicht morgen schon aussehen?! In Geldsachen hört die Verwandtschaft auf. Weißt du was, ich werde was dranwenden. Schick euern jungen Mann, Pagel heißt er ja wohl, mir nach in den Kaiserhof. – Ich zahle ihm die Fahrt, Dritter natürlich, und auch 'ne Kleinigkeit für Spesen.

Das geht auch nicht, Papa, ich will aus bestimmten Gründen, daß Achim dir das Geld selber gibt.

Zum Donnerwetter! ruft der alte Herr wütend. Wäre ich doch einfach abgereist, ohne mit dir zu sprechen! Dann könntet ihr sehen, wie ihr euer Geld loswerdet. Dann muß mir also Achim nachreisen!

Das wird Achim nicht tun, Papa. Du weißt, was er morgen vorhat.

Das muß er aber tun! Schulden bezahlen geht vor.

Das wollen wir auch – aber hier!

Ach so, du möchtest, daß ich hierbleibe? Nee, mein Kind, dazu ist dein Vater zu schlau. Elias, komm mal her. – Hör zu, Elias, du kriegst heute abend oder morgen früh von meinem Schwiegersohn einen Haufen Papier, was sie heute Geld nennen, verstehst du?

Jawohl, Herr Geheimrat.

Das tust du in meine alte braunlederne Reisetasche, und damit setzt du dich sofort auf die Bahn und fährst mit dem nächsten Zug zu mir ins Hotel Kaiserhof. Weißt du das noch, Elias?

Am Wilhelmplatz, Herr Geheimrat.

Richtig. Elias. Keinem Menschen ein Wort sagen. Am Bahnhof Friedrichstraße kannst du dir eine Taxe nehmen. Aber daß du mir die Reisetasche nicht einen Augenblick losläßt!

Wie werd ich, Herr Geheimrat!

Elias, manche schneiden im Gedränge die Tasche ab, nachher kommste bloß mit 'nem Henkel im Kaiserhof an ...?

Ich komme mit der Tasche!

Na, Elias! Weißt du was, tu tust 'nen Stein unten rein, daß du's am Gewicht spürst ...

Jawohl, Herr Geheimrat.

Na schön. Ist nun alles in Ordnung, Evchen?

Nur noch die Pachtquittung, Papa!

Nun schlägt's aber dreizehn. So was von einer mißtrauischen Tochter! Ich kann dir doch die Quittung nicht geben, ehe ich nachgezählt habe, ob das Geld auch stimmt!

Und wir können Elias das Geld nicht ohne Quittung geben!

Hörste, Elias, die traut dir nicht! Wie oft hast du ihr den Schnuller in den Mund gesteckt, wenn sie in ihrem Wagen gebrüllt hat – und jetzt traut sie dir nicht! Also, Elias, ich schreib dir jetzt schnell eine Quittung aus. Da schreibst du genau die Summe rein, die du kriegst, Milliarden und Millionen – genau, Elias!

Gewiß, Herr Geheimrat!

Und dann die Uhrzeit, auf die Minute die Uhrzeit! Paß namentlich um zwölfe rum auf, wenn der Dollar wechselt. Warte, geht deine Bolle auch richtig?!

Noch werden mit Genauigkeit die Uhrzeiten verglichen, Elias bekommt die Quittung. Vom Landauer her ruft Frau von Teschow schon seit fünf Minuten:

Wir erreichen den Zug nicht, Horst-Heinz! – Eva, wie du deinen Vater so aufhalten kannst!

Der Geheimrat schüttelt seiner Tochter die Hand, zögert einen Augenblick, küßt sie dann aber auf die Backe.

Frau von Prackwitz geht langsam zurück zum Hof, zur Villa. Leer, leer ... alles flieht von Neulohe, als sei es ein unheilbringender Ort.

4

Der Rittmeister von Prackwitz hatte den plötzlich auftretenden Erwerbssinn all jener, die nichts von Geschäften verstehen. Als der Schwager Egon in Birnbaum den Horchwagen zwar sehr bewundert, aber doch recht teuer gefunden hatte, war im Kopf des Rittmeisters der Gedanke aufgetaucht, das wahr zu machen, was er seiner Frau vorgeschwindelt hatte: sich nämlich den Wagen von den Herren Putschisten in Ostade bezahlen zu lassen.

Mit einer überlegenen Miene hatte er seinem Schwager versichert, daß Wagen für rechte Schlauköpfe manchmal nicht das kosteten, was sie kosteten. Also fast gar nichts, also rein gar nichts – und mit Andeutungen, Zwinkern, vertraulichen Mitteilungen hatte er es dahin gebracht, daß auch im Kopf seines Schwagers eine Verbindung zwischen dem neuen Auto und dem bevorstehenden Putsch entstanden war. Von dem Putsch hatte Egon natürlich auch schon gehört. Von dem Putsch schienen alle längst gehört zu haben, der Rittmeister jedenfalls am spätesten. Den Putsch schien der Schwager nicht sehr hoffnungsvoll zu beurteilen. Aber als echter Sohn seines Vaters meinte der junge Teschow, daß keine Unternehmung ganz schlecht sein könne, die ein solches Auto abwürfe.

Als der Rittmeister dann sehr aufgekratzt nach Hause fuhr, die nicht minder aufgekratzte Weio an seiner Seite, war er schon fest davon überzeugt, daß die Reichswehr verpflichtet sei, ihm den Wagen zu bezahlen. Wie kam dieser kleine Major dazu, ihm das Antreten mit einem Wagen zu befehlen?! Sein Blut konnte das Vaterland jederzeit von ihm verlangen, mit seinem Gut mußte er haushälterischer umgehen. Und da von den Unkenrufen Evas und des Schwagers doch einiges in seinen Ohren haftengeblieben war, so beschloß der Rittmeister, gleich morgen, noch vor dem Putsch, einmal nach Ostade zu fahren, den Kameraden von der Reichswehr auf den Zahn zu fühlen und eine kleine Abschlagszahlung herauszuschinden. Am 2. Oktober sehr pünktlich würde die Anzahlung auf den Wagen eingefordert werden; der Rittmeister hatte nicht die geringste Vorstellung, woher er das Geld nehmen sollte. Aber es war auch überflüssig, sich darum Gedanken zu machen. Morgen in Ostade würde man schon sehen!

Er wandte sich zur Seite und erkundigte sich bei seiner vergnügt vor sich hinsummenden Tochter, wie sie über eine Fahrt nach Ostade denken würde.

Violet war natürlich begeistert. Sie warf sich ihrem Vater an den Hals und küßte ihn mit solcher Wärme ab, daß der Rittmeister beinahe ein bißchen bedenklich wurde. Aber es war doch wohl nur der Alkohol, die lockende Autofahrt, die nun endlich überstandenen langen, eintönigen Wochen des Stubenarrestes!

Trotzdem hatte der Rittmeister einen Augenblick lang die richtige Witterung gehabt: nicht der Vater, der Geliebte war geküßt worden. Was galt das neue Auto, was die Fahrt – Ostade bedeutete den Leutnant. Es war unmöglich, nach Ostade zu fahren und den Leutnant nicht zu sehen!

Nur der Gedanke an die Mutter machte Violet einige Sorgen, darum fragte sie sehr vorsichtig: Und die Mama?

Richtig war der Vater sofort leicht verärgert. Deine Mama ist nicht für diese militärischen Unternehmungen. Am besten behelligen wir sie nicht damit. Am schönsten ist es doch, wir machen unsere Sache richtig und überraschen sie nachher mit dem Erfolg.

Aber vielleicht möchte Mama gerne mitfahren? Violet war sehr ängstlich, die Mama konnte sie bei ihrem Wiedersehen mit dem Leutnant bestimmt nicht gebrauchen. Oder sie erlaubt nicht, daß ich mitfahre?

Wenn ich es dir erlaube, Violet!

Es klang sehr nach dem Herrn im Hause, im Innern war der Rittmeister sich seines Bestimmungsrechtes über die Tochter nicht ganz so sicher. Er verstand nicht viel von Mädchen, die Art, wie Violet ihn eben abgeküßt hatte, war direkt beängstigend gewesen. Aber wahrscheinlich verstand Eva ebensowenig davon. Der wegen nichts und wieder nichts verhängte Stubenarrest war eine rechte Blamage gewesen. Gottlob war Violet nicht nachtragend. Doch hätte Eva gut in der letzten Zeit – zur Entschädigung – etwas netter zu ihr sein können! Nein, Violet hatte diesen Ausflug nach Ostade regelrecht verdient –!

Ich werde heute abend noch mit Mama sprechen. Aber wie gesagt, sie wird nicht mitfahren mögen. Sei zeitig unten. Um sieben trinken wir Kaffee, und um halb acht fahren wir. – Und sei leise auf der Treppe – du weißt, deine Mutter schläft gern lange.

Wieder ein Stich, wenn es auch besorgt klang. Ganz wohl war dem Rittmeister nicht dabei, wie er die Stellung der Mutter bei der Tochter untergrub. Aber Eva wollte es ja leider nicht anders! Wenn sie ihn wie einen Narren behandelte, in ein Sanatorium schickte, von der Verwaltung des Gutes ausschloß, so hatte er noch das Recht, seiner Tochter zu zeigen, was für ein Mann er war und daß die Mutter auch ihre kleinen Schwächen hatte! Er ging doch wahrhaftig mit aller Diskretion vor!

Dann war der Streit am Abend gekommen, Frau Eva war nicht aufgefordert, ja, nicht einmal benachrichtigt worden. Dies wurde vergessen. Nicht vergessen wurde die Verabredung zwischen Vater und Tochter, nicht vergessen wurde das Leisesein. Weio war am zeitigsten auf gewesen, wie eine Katze war sie leichtfüßig die Treppe hinabgeschlichen.

Im Speisezimmer hatte sie den Diener Räder beim Anrichten des Frühstückstisches getroffen. Was war natürlicher, als daß sie ihn endlich zur Rede stellte?! Sie war ihm lange Zeit aus dem Wege gegangen, er war ihr so unheimlich geworden. Sie war froh gewesen, wenn sie kein Wort mit ihm reden mußte, sie hatte nie mehr vergessen, die Tür ihres Zimmers abzuschließen, tags wie nachts. Ihre Liebesgeschichte mit dem Leutnant war so aussichtslos gewesen, selbst sie mußte sich eingestehen, daß er sie aufgegeben hatte. Nicht ihretwegen, aber die Sache mit dem Brief, den der kleine Meier aufgefangen hatte, hatte ihn so verärgert!

Doch nun war alles anders geworden, sie fuhr mit dem Vater nach Ostade, heute vormittag noch würde sie ihren Fritz wiedersehen! Er stand vor großen Ereignissen, seine Sache würde siegen. Morgen schon würde er kein heimlicher Verschwörer mehr sein, der sich vor jedermann verstecken mußte. Morgen würde er ein großer Mann sein, der Vater hatte es auch gesagt, ein Held, der sich offen zu seiner Liebe, zu ihr bekennen konnte! Dann durfte es keine Heimlichkeiten mehr geben, nichts, was sie ihm verbergen mußte – dann durfte es auch keinen Diener Räder mehr geben, der etwas von ihr wußte!

Sie verlangte ihren Brief zurück.

Er wußte von keinem Brief.

Sie sagte, sofort erregt, er solle nicht so gemein sein!

Er antwortete, er sei eben nur ein gemeiner Diener, kein feiner Leutnant.

Sie erklärte, sie fahre jetzt nach Ostade zu ihm, und sie würde ihn herschicken, er würde was erleben –!

Der Diener Räder sah sie bloß an, mit seinen trüben, toten Augen, sie erschauderte. Zu spät sah sie ein, daß sie es falsch angefangen hatte. Zu spät fing sie an zu betteln, sie machte ihm Angebote, sie versprach ihm Geld, ja, sie versprach ihm sogar die Stelle des alten Elias auf dem Schloß. Sie würde es bei den Großeltern durchsetzen!

Er lächelte bloß.

Sie dachte lange nach, sie war blaß geworden, sie mußte den Brief zurück haben. Sie wußte, ein zweites Mal würde ihr Fritz solchen Leichtsinn nicht verzeihen. Mit halblauter Stimme, stockend, versprach sie, ihm noch einmal das zu erlauben, was er damals ... er wisse es schon ... auf ihrem Zimmer ... Sie gab ihm ihr Ehrenwort, aber den Brief müsse er ihr sofort aushändigen ...

Sie kam weiter als ihre Mutter. Sie sah ihn schwankend werden. Die Erinnerung an jene dunkle Stunde, an den höchsten Genuß seines Lebens stieg in seine dürren Wangen und zirkelte kreisrunde rote Flecken auf den Backenknochen ab. Er schluckte.

Dann besann er sich. Er hatte lange nachgedacht, Wochen und Wochen. Er hatte einen bestimmten Plan, in dem dieser Brief eine bestimmte Rolle spielen sollte. Violet genügte nicht, Violet allein war gar nichts, bloß ein Weib, ein bißchen ansehnlicher als die Armgard – nein, der Leutnant gehörte dazu. Die Schmerzen um den Leutnant gehörten dazu, ihre Liebe zu diesem Burschen, ihr Ekel vor ihm, dem Diener.

Er fragte: Gnädiges Fräulein fahren heute nach Ostade?

Sie war schon siegessicher. Sie hören es doch, Hubert! Gleich geht es los. Holen Sie den Brief nur schnell – ehe Papa runterkommt!

Wenn gnädiges Fräulein heute nicht nach Ostade fahren und mir heute abend erlauben, was Sie mir versprochen haben, dann will ich heute abend den Brief hergeben.

Sie hätte ihm beinahe ins Gesicht gelacht. Seinetwegen auf eine Fahrt nach Ostade zum Leutnant verzichten! Er war ja ein Idiot! Dann übermannte sie der Zorn: Wenn Sie mir nicht gleich den Brief geben, erzähle ich alles Papa, und dann fliegen Sie raus und kriegen nie wieder eine Stellung im Leben –!

Wie gnädiges Fräulein wünschen, sagte er ganz unerschüttert.

Dann war der Rittmeister dazu gekommen. Seinem Diener hätte er nie etwas angemerkt, der war leblos wie ein Stück Holz, ganz wie immer. Aber Violet kochte. Keine drei Minuten, so kochte sie über. Vielleicht hatte Räder das sogar gewollt. Mit unbewegtem Gesicht hatte er dem gnädigen Fräulein Schmalz gereicht, wenn sie die Butter wünschte, und Zucker statt Salz. In Tränen ausbrechend hatte Violet gerufen, sie halte es nicht mehr aus, wenn ihr Vater diesen elenden Kerl nicht auf der Stelle rausschmeiße! Seit Tagen und Wochen peinige und reize er sie! Einen Brief habe er ihr unterschlagen ...

Unbewegt, fischig bot der Diener Räder dem Rittmeister die Platte mit den Spiegeleiern an. Der Rittmeister, der nach einer sehr schlecht verbrachten Nacht schon recht verdrossen herunter gekommen war, erzürnte sich sofort. Mit der Gabel schlug er heftig gegen den Rand der Eierpfanne und schrie seine Tochter an, was denn das für ein Brief sei?! Was sie in aller Welt denn für Briefe zu schreiben habe, etwa gar an den Herrn Diener?!

Er fuhr herum und funkelte den Diener drohend an. Der Diener servierte weiter.

Violet gab eine fliegende, unzusammenhängende Erklärung. Sie habe das Waffenlager durch die Geschwätzigkeit des Försters bedroht geglaubt. Sie habe dem Leutnant ein paar warnende Zeilen durch den Diener Räder schicken wollen. Und dieser Kerl habe den Brief unterschlagen, er verweigere die Rückgabe ...

Der Rittmeister stand entflammt. Er schrie den Diener an: Sie haben einen militärischen Brief meiner Tochter unterschlagen! Sie haben das Waffenlager in der Hand –!

Hubert setzte die Platte mit den Spiegeleiern aus der Hand auf die Anrichte. Er sah den Rittmeister kalt an: Nichts reizt den Zorn mehr als die Gelassenheit der andern. Er sagte: Verzeihen, Herr Rittmeister, aber es sind ungesetzliche Waffenlager ...

Der Rittmeister faßte seinen Diener an den Aufschlägen des dunkelgrauen Rockes und schüttelte ihn. Hubert ließ sich widerstandslos schütteln. Der Rittmeister schrie, aber Hubert schrie nicht dagegen. (Wenn das Mädchen Armgard später behauptete, der Diener habe dem Rittmeister gedroht, so war das eine Lüge. Aber Armgard hatte den hochnäsigen Räder ja nie ausstehen können.)

Der Rittmeister schrie: Verräter gehören an die Wand! Im Augenblick darauf sagte er: Wenn Sie den Brief aushändigen, soll dies verziehen und vergessen sein.

Violet rief: Wirf ihn doch raus, Papa!

Der Rittmeister ließ den Diener los und sagte finster: Haben Sie noch etwas zu Ihrer Rechtfertigung zu sagen? Sonst sind Sie auf der Stelle entlassen!

Violet erzitterte. Sie wußte: Hubert brauchte nur den Mund aufzutun, er brauchte dem Vater nur einiges erzählen, und sie war verloren. Aber sie hatte es gewagt, aus einem Gefühl heraus, daß Hubert nicht reden würde, daß er gar kein Interesse daran hatte, dem Vater ihre Geheimnisse zu erzählen.

Und sie behielt recht.

Hubert sagte nur: Ich bin also auf der Stelle entlassen.

Er sah sich noch einmal im Speisezimmer um. Er legte seine Serviette, die er während des ganzen Streites unter dem Arm gehalten hatte, auf die Anrichte. Er entdeckte die Spiegeleier. Kühl fragte er: Darf ich die Eier noch einmal warm setzen lassen?

Er bekam keine Antwort.

Er ging zu der Tür, er machte eine kleine Verbeugung, er sagte unerschütterlich: Wünsche noch angenehme Fahrt, Herr Rittmeister!

Er ging. Ohne einen Blick auf Violet.

Der Rittmeister aß gedankenvoll weiter, Zorn verschlug ihm nicht den Appetit, er förderte ihn. Gedankenvoll sah er seine Tochter an. Dann trank er zwei Cognacs und stieg in den Wagen. Er sagte nur: Also nach Ostade, Finger – und schwieg weiter.

Es war nach der Veranlagung des Rittmeisters unvermeidlich, daß nach der Periode des Handelns die Periode des Nachdenkens über seine Handlungen kam. Der Rittmeister hatte seinen Diener hinausgeworfen, er fing jetzt an, darüber nachzudenken, warum er ihn eigentlich hinausgeworfen hatte. Es war gar nicht so leicht, Klarheit in diese Sache zu bekommen. Vieles schien hinterher ziemlich unverständlich zu sein, was ihm in seinem Zorn verständlich erschienen war. War dieser Kerl einfach frech geworden? Natürlich war er frech geworden, der Rittmeister entsann sich dessen genau. Aber wieso war er frech geworden? Was hatte er eigentlich gesagt –?

Violet saß schweigend neben ihrem Vater. Sie hütete sich, sein Nachdenken jetzt mit einer jener jungmädchenhaften Dalbereien zu unterbrechen, die sie sonst für ihn bereit hielt und die ihn stets in die beste Laune versetzten. Ein Kind kennt die Fehler seiner Eltern besser als die Eltern die Fehler ihrer Kinder. Ein Kind sieht erbarmungslos scharf, nicht Liebe, nicht Sympathie bestechen sein Auge auf den ersten Entdeckungsreisen in die Neue Welt. Violet sah, ihr Vater dachte über sie nach. Jedes ablenkende Wort würde ihn jetzt nur argwöhnisch machen. Sie mußte warten, bis er anfing zu sprechen, zu fragen. Der Papa gehörte zu den Leuten, die von einer Frage mühelos auf die andere geraten und darüber ihr ursprüngliches Ziel völlig aus dem Auge verlieren.

Zudem hatte Violet noch etwas anderes getan; sie war auf den Gedanken gekommen, als sie ihren Vater die beiden Cognacs trinken sah. Sie hatte am Nachmittag vorher beim Onkel eine ganze Menge Likör getrunken, sie wußte nicht einmal wieviel, auch der Vater hatte keine Ahnung davon gehabt. Dieser Likör hatte ihr gut getan, er hatte ihr Mut gemacht, der Mutter zu trotzen, was sie sonst nie gewagt haben würde. Er hatte sie mit Kampfgeist und guter Laune erfüllt. – Als der Vater vom Frühstückstisch ging, seinen Mantel anzuziehen, hatte sie sich schnell, mit vorsichtigem Umblicken nach der Tür, in das Glas ihres Vaters auch einen Cognac geschenkt. Sie hatte das Glas randvoll gegossen, dann hatte sie es ohne abzusetzen ausgetrunken. Und fast ohne nachzudenken hatte sie wie der Vater ein zweites Glas dem ersten folgen lassen.

Nun saß sie behaglich in eine Ecke des Wagens geschmiegt. Sie war warm zugedeckt, langsam glitt an den Fenstern die Landschaft vorüber: endlose Felderbreiten, verlassen oder mit den wenigen, in der Weite verlorenen Pflügergespannen; Kartoffelschläge, hügelan, in den Himmel hinein, mit dem nassen, unansehnlich gewordenen, fast abgewelkten Kraut; die langen Ketten der Kartoffelbuddler, die, auf den Knien rutschend, die dreizinkige Hacke in der Hand, einen Augenblick den Kopf hoben und dem vorübereilenden Wagen nachsahen. Schließlich die fast endlosen Waldungen, in denen die Bäume oft so eng an den Weg traten, daß ein Zweig klatschend die Scheiben des Wagens streifte. Man schreckte zurück, lachte über den eigenen Schreck und sah die Scheibe betaut mit vielen kleinen Wassertropfen, die der Zweig auf ihr zurückgelassen hatte, die der Fahrwind so rasch trocknete.

Die Landwege, diese vom Regen aufgeweichten, von den Kartoffelfuhren zerfahrenen Nebenstraßen, auf denen man von Neulohe Ostade erreichte, waren schlecht, der starke Wagen konnte seine Schnelligkeit nicht beweisen. Mit einem Tempo, das kaum an dreißig Stundenkilometer heranreichte, führte ihn der Chauffeur Finger achtsam über die Schlaglöcher und durch die Pfützen ländlicher Straßenbaukunst. Aber trotz dieses langsamen Tempos erzeugte das tiefe Brummen des Motors, das elastische Abfedern des Wagens, das mühelose Gleiten ein Gefühl wohliger, ruhiger Kraft in Violet. Es war, als übertrage der Motor einen Teil seiner ungenützten Stärke auf sie, in sie. Noch erhöht wurde dieses Gefühl durch den Alkohol, der sich langsam in dem ruhenden Körper auszubreiten schien, zuerst als Wärme, dann in der Gestalt vieler Bilder, die kaum angedeutet schon wieder vergingen und doch etwas wie Fröhlichkeit in ihr zurückließen.

Der junge Körper hatte das Gift gierig in sich eingetrunken. Geschmack und Gaumen hatten sich gewehrt gegen den Geruch des Alkohols, beim hastigen Hinuntertrinken hatte sie sich am ganzen Leib geschüttelt – aber was der Zunge nicht gemundet hatte, das hatte einer andern Instanz in ihr um so mehr zugesagt, sei es nun ihrem Hirn, sei es einem noch geheimnisvolleren Zentrum, das oft gegen unsern Willen entscheidet, was wir zu hassen, was wir zu lieben haben. Weio wäre jetzt gerne stumm an der Seite ihres Vaters weiter bis Ostade, bis zu ›ihm‹ gefahren, wenn sie auch die kommende Auseinandersetzung nicht mehr fürchtete. So wie sie jetzt dahinfuhr, war sie vollkommen glücklich: sie ruhte in sich!

Schließlich war es dann natürlich soweit; grade in einem Moment, da Violet besonders angenehmen Gedanken über die Wiedervereinigung mit ihrem Leutnant nachhing, hob der Rittmeister den Kopf und fragte ziemlich mißmutig: Wieso kennst du eigentlich diesen Leutnant?

Aber Papa, rief Violet vorwurfsvoll, den kennen doch alle!

Alle? Ich kenne ihn nicht! widersprach der Rittmeister recht gereizt.

Aber Papa, du hast ihn mir doch gestern erst so gelobt!

Na ja! Der Rittmeister war etwas betroffen. Aber ich kenne ihn nicht was wir kennen nennen. Er ist mir nicht einmal vorgestellt. Ich weiß auch seinen Namen nicht ...

Ich auch nicht, Papa!

Was? Unsinn! Schwindle nicht, Violet!

Aber wenn ich es dir sage, Papa! Mein Ehrenwort! Im ganzen Dorf heißt er nur der Leutnant Fritz, Papa. Das hat dir doch auch der Förster gesagt.

Mir hast du nichts davon gesagt! Du hast kein Vertrauen zu mir, Violet!

Aber ja, Papa! Ich sage dir doch alles!

Nicht dies vom Putsch und vom Leutnant.

Du warst doch verreist, Papa!

Kam er denn nicht schon früher?

Aber nein, Papa! Erst die letzten Wochen.

Dann ist er nicht der Mann gewesen, der mit dir und Hubert nachts über den Hof gegangen ist?

Das war doch der Förster Kniebusch, Papa! Das habe ich euch schon hundertmal gesagt.

Mama hat dir also Unrecht getan –?

Aber ja, Papa!

Ich habe es der Mama immer gesagt!

Der Rittmeister versinkt wieder in Schweigen. Aber dieses Schweigen ist schon nicht mehr so düster wie das vorhergegangene. Der Herr von Prackwitz hat das Gefühl, die Angelegenheit schon sehr befriedigend aufgeklärt zu haben. Was ihm aber vor allem gut tut, ist, daß er wieder einmal seiner Frau gegenüber recht behalten hat! Da er sich ihr unterlegen fühlt, und jetzt ganz besonders, muß er sich immer wieder beweisen, daß er ihr überlegen ist. Der einzige Gedanke, der ihn in seiner Zufriedenheit noch stört, ist, daß Violet den Warnungsbrief an den Leutnant hinter seinem Rücken hat abschicken wollen. Das beweist, daß sie entweder kein Vertrauen zu ihm hat oder daß sie doch in geheimnisvollen Beziehungen zu diesem Leutnant steht.

Plötzlich überfällt ihn siedend heiß der Gedanke, daß Violet ihn doch belogen hat! Wie sie den Leutnant am Waffenlager gesehen hat, da haben die beiden so getan, als kennten sie einander nicht. Ja, der Leutnant ist direkt unhöflich gegen Violet geworden. Und doch hat ihm Weio diesen Brief geschrieben! Sie haben ihn also täuschen wollen. Oder die beiden haben sich wirklich erst später kennengelernt – warum hat ihm dann Weio ihre Mahnung wegen des Försters nicht mündlich gesagt?

Es ist für den Rittmeister ein reichlich schwieriger Fall, eine wahnsinnig komplizierte Geschichte, er muß sehr intensiv nachdenken, sehr schlau sein, um hinter diese Sache zu kommen.

Du, Weio? fragt er mit unmutig gerunzelter Stirn.

Ja, Papa? Sie ist die Bereitwilligkeit selbst.

Als wir den Leutnant bei dem Waffenlager trafen, kanntest du ihn da schon?

Natürlich nicht, Papa, sonst wäre er doch nicht so zu mir gewesen! Aber Violet spürt die Gefahr, sie ist nicht dafür, daß der Vater diesen Gedankengang zu sehr verfolgt. So geht sie zum Gegenangriff vor. Hör mal, Papa, sagt sie energisch. Ich glaube, du denkst wie die Mama, ich habe Männergeschichten.

I wo! antwortet der Rittmeister hastig. Die Zauberworte ›wie die Mama‹ haben sofort seine Abwehr ausgelöst. Nun denkt er nach und fragt dann argwöhnisch: Was weißt du von Männergeschichten, Violet?

Na, Knutschen und so, Papa, sagt Violet mit jenem mädchenhaften Trotz, der ihr grade richtig erscheint.

Knutschen ist ein widerliches Wort! ruft der Rittmeister empört. Von wem hörst du so was?

Von den Mädchen, Papa. Das sagen doch alle!

Unsere Mädchen auch? Armgard? Lotte?

Sicher, Papa, alle sagen so. Aber ich kann es nicht beschwören, daß ich es grade von Armgard oder Lotte gehört habe.

Ich schmeiße sie raus! murmelt der Rittmeister bei sich. Dies ist nun eben seine Art, die unangenehmen Dinge des Daseins aus der Welt zu schaffen.

Violet hat es nicht gehört. Sie ist sehr zufrieden mit dem Weg, den diese Vernehmung nimmt. Also lacht sie und erzählt: Neulich habe ich gehört, Papa, wie ein Mädchen zum andern im Dorf gesagt hat: Bist du denn zum Tanzen oder zum Knutschen in den Krug gekommen?! – Ich habe ja so lachen müssen, Papa!

Daran ist gar nichts Lächerliches, Weio! ruft der Rittmeister empört. So was ist einfach ekelhaft! Ich wünsche, nichts Derartiges mehr zu hören, und ich wünsche auch nicht, daß du dir je etwas Derartiges anhörst! Knutschen ist ein ganz gemeines Wort!

Ist es denn nicht dasselbe wie Küssen, Papa? fragt Violet sehr erstaunt.

Violet!! brüllt der Rittmeister fast.

Der Klang seines Zornschreis muß den Chauffeur durch die Glasscheibe hindurch erreicht haben: er dreht sich um und macht ein fragendes Gesicht. Herr von Prackwitz zeigt ihm mit zorniger Gebärde, daß er weiterfahren soll, daß ihn die Sache nichts angeht. Der Chauffeur versteht nicht, er zieht die Bremsen, hält, öffnet die Glasscheibe und fragt: Wie bitte? Ich hatte nicht ganz verstanden, Herr Rittmeister.

Weiterfahren sollen Sie, Mensch! ruft der Rittmeister ärgerlich. Immer weiterfahren.

Jawohl, Herr Rittmeister, antwortet der Chauffeur höflich. In zwanzig Minuten werden wir wohl in Ostade sein.

Also los! sagt der Rittmeister noch einmal.

Die Glasscheibe wird wieder zugeschoben, der Wagen fährt an.

Nun erst schilt der Rittmeister zu der geschlossenen Glasscheibe ärgerlich: Trottel! Und dann sanfter zu seiner Tochter: Für viele Dinge gibt es eine anständige und eine unanständige Bezeichnung. Du sagst auch nicht: ich fresse, sondern du ißt. So sagt ein anständiger Mensch nicht für Küssen jenes andere, unanständige Wort ...

Violet dachte einen Augenblick nach. Dann sagte sie, ihren Vater vergnügt anfunkelnd: Ich verstehe, Papa. Das ist so: wenn du guter Laune bist, sagst du Scheibenhonig; und wenn du schlechter Laune bist, sagst du das Wort, das ich nie sagen darf, nicht wahr, Papa?

Der Rittmeister sprach bis Ostade kein Wort mehr. Violet wurde keiner Anrede mehr gewürdigt, sie war sehr zufrieden.

Nun fuhren sie schon längs der Oder. Etwas auflebend gab der Rittmeister dem Chauffeur die Weisung, vor dem Goldenen Hut am Alten Markt zu halten. Im Goldenen Hut verkehrten die Offiziere. Man saß dort am Vormittag, las die Zeitungen, trank ein Glas Sherry oder Portwein, die Pioniere begrüßten die Kameraden von der Artillerie, die Jünger der Heiligen Barbara erfuhren das Neueste aus der Pionierkaserne: es war, außerhalb des Kasinos, ein neutraler Boden. Der Großgrundbesitz verkehrte natürlich auch im Goldenen Hut.

Der Rittmeister sorgte dafür, daß das neue Auto nicht auf den Hof fuhr, sondern vor dem Hotel haltenblieb.

Wir fahren doch gleich weiter, sprach er zum Chauffeur Finger.

Aber er hatte keineswegs die Absicht, gleich weiterzufahren; er wollte, daß der Glanz des neuen Wagens jeden Ankömmling sofort begrüßte.

In der Gaststube war keiner, wenigstens keiner, der in Frage kam für den Rittmeister. Bloß ein paar Zivilisten. Obwohl der Rittmeister selber Zivil trug, rechnete er sich nicht zu den Zivilisten.

Es war kurz nach elf Uhr. Um diese Zeit, vielleicht auch erst um halb zwölf, pflegten die Offiziere zu kommen. Der Rittmeister sammelte alle illustrierten Zeitschriften, alle Witzblätter um sich. Eine Unterhaltung mit seiner Tochter kam nicht in Frage, sie hatte ihn zu schwer gekränkt. Für sich bestellte er ein Glas Portwein, für Violet bestellte er eine Tasse Fleischbrühe – und versenkte sich in den Lesestoff.

Es war absolut ekelhaft, daß dieses Mädchen ihm nun auch wieder den heutigen Tag verdorben hatte. Man konnte in Neulohe seines Lebens einfach nicht froh werden! Der Rittmeister erwog drei Minuten lang ernstlich den Gedanken, Neulohe aufzugeben und wieder zum Militär zurückzukehren. Er brauchte nur diesen Putsch abzuwarten, und alle Möglichkeiten standen ihm offen! Beruhigt, daß er erst übermorgen seine Entscheidung werde treffen müssen, vertiefte der Rittmeister sich in den Kladderadatsch und die neuesten Ausfälle gegen die Regierung.

Violet saß so, daß sie aus dem Fenster auf den Marktplatz sehen konnte. Für eine Stadt, die morgen einen großen Putsch zu erwarten hatte, der die Verfassung und Regierung eines Sechzig-Millionen-Volkes völlig ändern würde, sah der Marktplatz überraschend friedlich aus. Ein paar Bauernwagen mit Kartoffeln oder Kohl waren aufgefahren, ein paar Frauen gingen mit ihren Markttaschen ab und zu – nichts Auffälliges, nichts Verändertes, vor allem aber keine Uniformen.

Du, Papa, man sieht ja heute überhaupt keine Uniformen, rief Violet.

Die haben heute etwas anderes zu tun als spazierenzulaufen, antwortete der Rittmeister scharf. Im übrigen lese ich.

Doch ließ er nach wenigen Augenblicken seine Zeitung sinken und sah ebenfalls auf den Platz hinaus. Mit einem Blick auf die Uhr rief er den Kellner: Wo bleiben die Herren Offiziere –?

Sie müßten schon hier sein, antwortete der Kellner, nachdem er auf die Uhr gesehen hatte.

Von dieser klaren Auskunft vollkommen befriedigt, bestellte der Rittmeister ein zweites Glas Portwein. Violet bat auch um eines, aber der Rittmeister sprach drohend: Bleib du bei deiner Fleischbrühe!

Leise lächelnd ging der Kellner.

Violet fühlte sich infam blamiert. Nie wieder konnte sie in den Goldenen Hut kommen. Papa war direkt gemein. Mit flimmernden Augen starrte sie auf den Platz. Im Auto saß der Chauffeur Finger, sie fragte: Wo willst du denn eigentlich noch hinfahren, Papa?

Der Rittmeister fuhr zusammen: Ich –? Gar nicht will ich hinfahren! Wieso –?

Du hast doch dem Chauffeur gesagt, wir fahren gleich weiter, Papa!

Kümmere dich bitte um deine Angelegenheiten! sagte der Rittmeister gereizt. Im übrigen ist Alkohol am Vormittag nichts für junge Mädchen.

Er verstummte, Violet blieb auch stumm. Eine lange Weile starrten beide auf den Marktplatz. Aber nichts geschah. Schließlich blieb dem Rittmeister nichts anderes übrig, als sich ein drittes Glas Portwein zu bestellen. Er fragte den Kellner sehr ärgerlich, wo denn eigentlich die Herren Offiziere blieben?!

Der Kellner bedauerte außerordentlich, er konnte es sich auch nicht erklären!

Trostlos, immer gereizter starrten die beiden aus dem Fenster. Die Zivilisten hatten sich die Zeitschriften längst wieder erobert, nur den Kladderadatsch hielt der Rittmeister noch in der Hand. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick hinein, aber er fand die Witze albern: diese Situation war wirklich nicht zum Witzemachen! Was in aller Welt sollte er hier den ganzen Tag in diesem langweiligen Ostade anfangen, wenn sich die Offiziere nicht sehen ließen! Das Mittagessen zu Haus war nun schon abbestellt, außerdem hatte er nicht die geringste Lust, jetzt schon nach Haus zu fahren! Er hörte am Abend früh genug, was seine Frau zu der Entlassung Huberts zu sagen hatte –! Am liebsten wäre er mal zu einer der beiden Kasernen gefahren und hätte sich erkundigt. Aber er hat ja leider gerade eben Violet gesagt, daß er nicht daran denkt, weiterzufahren!

Eine Bewegung der Tochter läßt ihn aufmerken. Sie starrt so vergessen, so hingegeben nach der Tür des Gastzimmers, daß der Rittmeister all seine guten Formen vergißt, sich auf dem Stuhl umdreht und auch starrt.

In der Tür steht ein junger Mann in grauen Knickerbockers und gelbgrüner Windjacke. Er sieht musternd in das Lokal, dann nach dem Büfett zum Kellner. Der Mann sieht so verändert aus in seinem Räuberzivil, daß der Rittmeister eine ganze Weile braucht, bis er ihn wiedererkennt. Dann springt er aber hoch, eilt auf den jungen Mann zu und begrüßt ihn in seiner Freude über diese Abwechslung sehr eifrig: Guten Morgen, Herr Leutnant, Sie sehen, ich bin schon heute zur Stelle ...

Der junge Mann ruft scharf zu dem Kellner hinüber: Ober, zwanzig Zigaretten! Er sieht den Rittmeister kühl an und entschließt sich dann, sehr zurückhaltend Guten Morgen zu sagen.

Aber Sie erinnern sich doch! ruft der Rittmeister, sehr erstaunt über diesen Empfang. Rittmeister von Prackwitz. Wir trafen uns gestern im D-Zug. Der Herr Major, er flüstert den Namen nur, Rückert. Sie ... ich ... Lauter: Ich habe den Wagen schon gekauft. Ein ziemlich guter Wagen. Horch. Sicher haben Sie ihn vor der Tür stehen sehen ...

Ja, ja, flüstert der Leutnant zerstreut. Der Kellner ist herangetreten, der Leutnant nimmt seine Zigaretten in Empfang, gibt einen Schein, dankt für das Wechselgeld und fragt: Die Herren noch nicht da?

Der Kellner sagt seine zwei Sätze: Sie müßten längst hier sein. Ich verstehe es auch nicht.

So, sagt der Leutnant bloß, aber selbst der Rittmeister spürt, daß dies für den andern keine gute Nachricht ist.

Der Kellner ist gegangen, die beiden Herren sehen sich einen Augenblick schweigend an.

Der Leutnant entschließt sich: Entschuldigen Sie mich bitte, ich bin sehr beschäftigt ...

Er sagt es ganz gedankenlos, er geht nun nicht etwa, er bleibt stehen und sieht den Rittmeister an, als erwarte er etwas von ihm.

Der Rittmeister ist sehr gekränkt, daß seine Nachricht von dem Autokauf so wenig Eindruck gemacht hat. Trotzdem will er den Leutnant nicht gehen lassen. Der ist jetzt der einzige Mensch, mit dem er reden, von dem er etwas erfahren, dem er etwas erzählen kann. Er sagt: Wenn Sie einen Augenblick an meinem Tisch Platz nehmen wollten, Herr Leutnant? Ich hätte Ihnen etwas zu sagen ...

Der Leutnant ist sichtlich tief in Gedanken. Er bewegt die Hand, er sagt abwehrend: Ich bin wirklich sehr beschäftigt.

Aber als der Rittmeister eine einladende Bewegung mit der Hand macht, geht er mit ihm zu dem Tisch. Kein Auge hat die ganze Zeit Violet von ihm gelassen.

Meine Tochter kennen Sie ja wohl, Herr ... Der Rittmeister lacht verlegen. Nun habe ich doch Ihren Namen vergessen, Herr Leutnant!

Der Leutnant ist unter Violets Blick etwas wacher geworden. Sie sieht ihn so flehend, so liebevoll an, daß sofort stärkste Abwehr sich in ihm regt. ›Sie hat wahrhaftig noch immer nicht verstanden, daß sie für mich erledigt ist! Bei der muß man auch erst grob werden!‹

Meier, stellt er sich vor. Meier! Meier ist ein sehr angenehmer, ein sehr brauchbarer Name, nicht wahr?

Er sieht ihren Blick, diesen Blick, der um Gnade und Verzeihung förmlich bettelt.

Noch schärfer sagt er: Nein, ich glaube nicht, daß ich das gnädige Fräulein kenne. Oder doch –?

Doch – in Neulohe ... flüstert Violet, zusammenschreckend unter diesem grausamen Blick und Wort.

In Neulohe? Ach so! Haben wir uns da schon gesehen? Verzeihung, gnädiges Fräulein, ich wenigstens erinnere mich nicht mehr.

Und zum Rittmeister, der ganz verständnislos diese rätselhafte Szene anstarrt, denn das spürt er ja doch, daß seine Tochter im Innersten erschüttert, aufgeregt, verzweifelt ist: Nein, für mich bitte nichts zu bestellen. Ich muß sofort weiter. Sie hatten mir etwas zu sagen, Herr Rittmeister?

Ich weiß doch nicht ... zögerte der Rittmeister.

Mit einem weißen, sehr stillen Gesicht saß seine Violet am Tisch.

Der Leutnant schlug ein Bein über das andere, er trug eine infame, gelangweilte Miene zur Schau, als wüßte er schon, was nun kommen würde. Jetzt brannte er sich eine Zigarette an und sagte überlegen: Wenn Sie es nicht wissen, Herr – Herr – der Name, entschuldigen Sie, ist mir entfallen (rachsüchtiger Blick zu Violet), wenn Sie es nicht wissen, bitte ich gehen zu dürfen. Ich bin, wie gesagt, sehr beschäftigt.

Und blieb herausfordernd sitzen. Es fehlte nicht viel, und er hätte dem Rittmeister und seiner Tochter ins Gesicht gegähnt.

Der Rittmeister bezwang sich. Fern seinem Heim konnte er sich bezwingen. Er sagte: Kurz und gut: meine Tochter hat Ihnen einen Brief – kurzes Stocken – in Ihrer Sache geschrieben, der in falsche Hände geraten ist.

Es kam alles genau, wie erwartet. Der Leutnant stieß seine Zigarette in die Aschenschale, flehend spürte er den Blick des Mädchens auf sich. Von dem verglühenden Tabak hob er das Auge zum Rittmeister. Er sah ihn an, er sagte: Ich stehe Ihnen natürlich zur Verfügung, Herr Rittmeister. Ich bestreite nichts. Nur, sagte er rascher, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie bis zum Schluß der morgigen Aktion warten würden. Meine Freunde werden sich direkt hinterher bei Ihnen melden.

Der Rittmeister war ein sehr alter Mann, hohle Schläfen, weißes Haar, verfallenes Gesicht. Er sagte mit fast unverständlicher Stimme: Ich – verstehe – doch – richtig –?

Papa –! Fritz! rief das Mädchen beschwörend.

Sie verstehen vollkommen richtig, belehrte ihn der Leutnant mit seiner überlegenen, unverschämt klingenden Stimme.

Fritz, ach, Fritz! Ach, Papa ... murmelte das Mädchen, die Augen voller Tränen.

Der Rittmeister saß wie gelähmt. Mit den Fingern hielt er den Fuß des Portweinglases, er drehte es, er schien die Farbe des Weins zu prüfen. Aber auf der Zunge schmeckt er nicht den Wein, Bitternis schmeckt er, Asche ... Bitternis und Asche eines ganzen Lebens ...

Fritz, ach Fritz ... erreichte die klagende Stimme der Violet sein Ohr.

Mit einer raschen Bewegung schwenkte er den Rest seines Portweinglases in das freche, überlegene Gesicht des jungen Kerls. Mit tiefer Freude sah Joachim von Prackwitz dieses Gesicht fahl werden, das feste Kinn zitterte ...

Habe ich Sie jetzt recht verstanden, Herr Leutnant ...?! fragte er rachsüchtig.

Violet schrie auf, aber nur leise. Der Leutnant war jung genug, ehe er den Wein aus dem Gesicht wischte, einen angstvollen Blick in das Lokal zu werfen: die Zivilisten saßen hinter ihren Zeitungen. Aber der Kellner am Büfett fuhr erschrocken zusammen und fing an, mit verlegener Hast das Zinkblech zu reiben.

Dies war überflüssig, flüsterte der Leutnant voll Haß und stand auf. Im übrigen habe ich Ihr Fräulein Tochter nie ausstehen können.

Der Rittmeister stöhnte. Er wollte hoch, er wollte hineinschlagen in dieses brutale, hassenswerte Gesicht, aber seine Beine zitterten, alles drehte sich, er hielt sich am Tisch. In den Ohren brauste das Blut wie Brandung – ferne nur hörte er seine Tochter sprechen.

Hat sie denn gar keinen Stolz? dachte er verwundert. Daß sie noch mit ihm sprechen mag!

Er verstand nicht mehr, was sie sagte.

Ach, Fritz, rief Violet klagend, warum hast du das nur getan?! Nun ist alles kaputt! Papa wußte doch gar nichts ...

Er sah sie mit seinen hellen, bösen Augen an, ohne ein Wort, voller Verachtung und Ekel.

Sie kam um den Tisch herum, ihr war es gleich, daß sie in einem Lokal standen. Sie faßte seine Hand, sie flehte: Fritz, sei doch gut ... Papa tut alles, was ich will, ich rede ihn herum ... Ich kann doch nicht ohne dich sein ... Und wenn du nur einmal die Woche, nur einmal im Monat zu mir kommst, wir können doch heiraten ...

Er machte eine Bewegung, ihr die Hand fortzuziehen ...

Sie sieht ihn mit ihren angsterweiterten, tränenden Augen an. Sie versucht, sich zusammenzunehmen, sie sagt mit einem Versuch zu lächeln: Papa rede ich sicher ein, daß alles ein Irrtum war, er hat doch gar nichts gewußt! Er muß sich bei dir entschuldigen, Fritz, wegen des Weins ... Das war so häßlich von ihm! Ich schwöre dir, er wird sich entschuldigen ...

Wieso hat dein Vater nichts gewußt? fragt er. Er hat doch von dem Brief gesprochen?

Es ist das erste Wort, das er zu ihr sagt, eine kalte, argwöhnische Frage, einzige Antwort auf ihr flehendes Gestammel ...

Aber sie ist schon glücklich, daß er nur wieder mit ihr spricht, sie drückt seine Hand fester, diese knochige, grausame Hand, sie sagt eilig: Papa hat doch von einem ganz andern Brief gesprochen! Ich habe dir doch noch einmal geschrieben, wegen des Waffenlagers, weil der Förster zugesehen hat, wie du es eingegraben hast! Und der Brief ist doch unterschlagen worden. Sieh mich nicht so schrecklich an, Fritz! Fritz! Fritz!! Das Waffenlager ist noch da ... Ich habe nichts falsch gemacht, Fritz, bitte ...

Sie hat lauter und lauter gesprochen, nun hat sich seine Hand über ihren Mund gelegt. Die Zivilisten sind hinter ihren Zeitungen emporgetaucht und betrachten entrüstet, verlegen, amüsiert diese Szene. Der Rittmeister hat sich am Tisch bewegt wie im Schlaf, er hat geflüstert: Lassen Sie meine Tochter ...

Er meint, er habe es geschrien. Der Kellner hat einen Schritt vom Büfett auf das Paar zu gemacht und steht nun wieder da, unentschlossen, ob er eingreifen soll oder nicht ...

Aber der Leutnant hat alles verstanden: das Fehlen der Offiziere heute im Lokal, die abgerissene Verbindung mit der Reichswehr ... Er begreift, daß der ganze Putsch gefährdet ist, diese durch Monate vorbereitete Aktion – und er trägt die Schuld! Nein, sie trägt sie!

Seine Hand auf ihrem Mund, flüstert er in ihr Ohr – und sein Haß entzündet sich immer stärker an diesem weichen, hingebenden, willenlosen Gesicht. Er flüstert: Du, du hast mir nur Unglück gebracht! Du bist mir zum Ekel – ich möchte dich nicht, und wenn du in Gold eingewickelt wärst! Ich ekle mich vor dir; ich schüttle mich, wenn ich an dein Seufzen denke; ich möchte mich selber zerreißen, wenn ich daran denke, daß ich dich mal angefaßt habe! Hörst du, verstehst du mich auch, flüstert er lauter, denn sie hat die Augen geschlossen und liegt wie leblos in seinem Arm. Alles hast du mir kaputtgemacht mit deiner verfluchten schmierigen Liebe! Höre, du! Wieder lauter, er schüttelt sie. Hör gut zu, wenn das Waffenlager noch da ist, dann will ich sehen, daß ich morgen falle – Aber wenn das Waffenlager weg ist, schieße ich mich noch heute nachmittag tot – deinetwegen, hörst du, deiner großartigen Liebe wegen! Er sieht sie an, triumphierend, voller Haß! Sie hängt so leblos in seinem Arm, einen Augenblick wird er irre. Aber er muß ihr doch noch eines sagen, ganz gleich, ob der Kellner ihn jetzt beschwörend an der Schulter rüttelt. Er flüstert ihr ins Ohr: Besuch mich heute abend, verstehst du – Liebste? Dort!! Ich werde nett aussehen – dein Lebtage sollst du an mich denken, wie ich daliege – mit zerschossenem Kopf!

Ihr Schrei läßt alle auffahren, hinzulaufen. Der Leutnant sieht sich um, wie erwachend.

Da, nehmen Sie sie – ich brauch sie nicht mehr! schreit er den Kellner an und läßt das Mädchen so plötzlich los, daß es doch auf die Erde sinkt.

Hören Sie mal, heben Sie sie wenigstens auf! schreit der Kellner wütend.

Aber der Leutnant läuft schon aus dem Lokal.

5

Der Leutnant war in seinen kleinen Gasthof geraten, er wußte nicht wie. Er stand in der Kammer, er sah die getünchten Wände an, er horchte hinunter nach dem Geschwätz in der Gaststube, es wurde nicht still.

Still doch! rief der Leutnant mit wütend verzogenem Gesicht, aber die plärrten weiter. Eine Weile lauschte er noch, eine Weile war es ihm, als höre er ihre demütige, flehende Stimme heraus: Winseln einer Sklavin – o verdammt!

Ein wenig später besann er sich. Er trank ein Glas von dem abgestandenen Wasser, sah sich um und bemerkte die paar feldgrauen Uniformstücke, die an hölzernen Kleiderhaken hingen. Er war sich unschlüssig, wie er ›dorthin‹ fahren sollte, ob in seinem Räuberzivil oder in Uniform. Er dachte lange darüber nach, was richtiger wäre, aber er konnte es nicht herausbringen.

Das Leben ist schwer, sagte er, setzte sich auf einen Stuhl und dachte wieder darüber nach. Aber jetzt wollten seine Gedanken nicht mehr bei der Kleiderfrage verweilen, sie gingen weiter. Ihm fiel ein, daß ihm befohlen worden war, heute abend um neun mit seinen Leuten die Waffen aus dem Schwarzen Grund zu holen. Nichts zwang ihn, vorher dort nachzusehen. Waren sie weg, so waren sie um neun Uhr abends ebenso schlimm weg, wie um zwölf Uhr mittags –: er mußte es nicht gewußt haben. Dieser Rittmeister mit Tochter würde schon das Maul halten, man wäscht seine dreckige Wäsche nicht vor allen Leuten. Nun kam ihn doch ein hohnvolles Grinsen an, wie dreckig dieser Tochter Wäsche war.

Wie gemein ich bin! O wie gemein! stöhnte der Leutnant, aber er meinte es nicht wirklich.

Am Ende war er genauso gemein, wie er in diesem Leben hatte werden müssen. Er sitzt da, den Kopf in den Händen, der Don Juan der Dörfer, der geheimnisvolle Leutnant Fritz, rasch in der Tat wie in der Liebe. Sein Leben ist Fleisch und Haar gewesen, Pulvergeruch und der blutige Geschmack langer Küsse, die glatten, kühlen Waffenschäfte in der Hand und die glatten, kühlen Glieder der Mädchen in ihren Kleidern, Feuer am Himmel von einem in Brand geschossenen Dorf, aber auch ewiges, verzehrendes Feuer im Leibe. Er kann kaltblütig eines Haase Hof in Brand stecken, wenn es ihm so paßt, aber er kann auch in einen brennenden Stall springen, um die Pferde herauszuholen – so ist er und nicht anders!

Und weil er so ist, wird er nicht bis zum Abend warten, um sich Gewißheit wegen des Waffenlagers zu holen. Nein, er wird sofort fahren, und ist es futsch, so ist er auch futsch, genau wie er es diesem verdammten Mädel gesagt hat! Er weiß wohl, für viele ist er ein Mann zweifelhafter Ehre, und der Major braucht ihn nur, weil er für gewisse Aufträge brauchbar ist. Aber er hat seine eigene Art von Ehre, und der beliebt es nicht, von dem Schweigen eines Fräulein von Prackwitz abhängig zu sein.

Er steht mit einem Ruck auf, seine Unentschlossenheit ist von ihm abgefallen. Aus dem Schrank nimmt er den Handkoffer, und aus dem Handkoffer wühlt er unter der schmutzigen Wäsche seine Pistole hervor. Er steht da, die Pistole in der Hand. Sie ist gesichert, aber noch geladen von damals. Er erinnert sich sehr gut, er trieb dieses kleine Stinktier, den Meier, vor sich her, er war unentschlossen, er war feige – dann warf ihm der Kerl den Handkoffer vor die Füße!

Nein, er hatte kein Glück mit ihr gehabt, lauter schwankende Gestalten um sie: der feige Meier, der geschwätzige Kniebusch, dieser Kerl von einem Diener, der trottelhafte Vater, der glaubte, es wäre etwas, Wein in anderer Leute Gesichter zu gießen, und der dann von der eigenen Heldentat knock out geschlagen, bekniffen am Tisch saß! Aber am meisten schwankte sie selbst, mit irgendeinem romantischen Anspruch an die Liebe: Ich kann nicht ohne dich sein! – wo doch jedes Mannsbild in Neulohe und in der Welt ihr geben konnte, was er ihr gegeben hatte!

Es hat geklopft, und mit einem Ruck läßt der Herr Leutnant die Pistole in die Tasche seiner Knickerbockers gleiten, ehe er Herein ruft. Aber es ist nur der Hausdiener Friedrich, der meldet, daß Herr Richter vorgeschickt hat, Herr Fritz möge doch gleich mal vorbeikommen.

Schön, schön, wird gemacht, Friedrich, sagt der Leutnant mit großer Leichtigkeit, obwohl er innerlich flucht.

Er zieht mit ruhiger Hand, mit großer Genauigkeit seinen Scheitel vor dem Spiegel, und der Friedrich, der natürlich auch, aber bloß als kleiner Mitläufer, im Komplott ist, sieht ihn aufmerksam zu. Der Leutnant beobachtet das Gesicht seines Hintermannes im Spiegel. Es ist ein grobes Gesicht, wie aus Lehm geknetet, mit einer unförmigen Nase. Aber so grob dies Gesicht ist, jetzt liegt unverkennbar ein besorgter, unruhiger Ausdruck darauf. Der Leutnant entschließt sich.

Na, Friedrich, wo brennt es? fragt er und lächelt.

Der Friedrich sieht den Leutnant im Spiegel an, er sagt rasch: In den Kasernen ist Stadtverbot.

Der Leutnant lächelt überlegen: Das wissen wir längst. Alles in Ordnung, Friedrich. Meinst du, man läßt die Leute vor so was in die Stadt, daß sie sich einen antrinken?

Der Friedrich nickt langsam, einverstanden mit dem unförmigen Kopf. Das verstehe ich schon. Aber Herr Leutnant, die erzählen ...

Hörst du auf das, was die Leute erzählen? Da wirst du vieles hören, Friedrich.

Aber ...

Ach was, red nicht! Das ist alles Quatsch, unsereiner pariert und macht seine Sache.

Aber, sagt Friedrich, es soll ein Auto von der Schnüffelkommission vor der Artilleriekaserne gehalten haben, Herr Leutnant.

Der Hausdiener, dieses belanglose Etwas, einer von Hunderten, läßt den Blick nicht von dem Leutnant. Der Leutnant darf sich nicht gehenlassen, er darf auch sein Erschrecken nicht zeigen. Nur einen Augenblick schließt er die Augen, es ist nicht mehr als ein Blinzeln, und schon sieht er sich und den andern im Spiegel wieder an. Er klopft nachdenklich mit dem Kamm gegen den Waschschüsselrand, er fragt: Nun – und weiter? Hält es noch da?

Nein, Herr Leutnant, es ist wieder weggefahren.

Siehst du, Friedrich, erklärt der Leutnant und beruhigt sich gleich mit. Siehst du, Friedrich, es hat da gehalten und ist wieder fortgefahren. So ist das. Die Brüder müssen eben überall ihre Nase hereinstecken, darum sind es ja eben die Schnüffler. Natürlich haben sie was läuten gehört; es ist unmöglich, wo soviel Hundert von unserer Sache wissen, daß nicht ein bißchen geklatscht wird. Die haben horchen wollen, aber sie sind eben wieder weggefahren. Wären sie weggefahren, wenn sie wirklich was gewußt hätten?

Jetzt hat sich der Leutnant umgedreht, er sieht seinen Mann direkt an, nicht mehr durch den Spiegel. Und sei es, daß es nun der nahe Blick macht, sei es die Wirkung seiner Worte, er sieht, er hat den Hausdiener überzeugt.

Der sagt: Herr Leutnant haben ganz recht: man soll nicht auf das hören, was die Leute sagen. Man muß einfach parieren.

Der Leutnant grinst innerlich: ein Dreckgeschäft! Siehe da, ein Mann überzeugt, einer von rund dreitausend! Weiß der Henker, was sich die andern unterdes in ihre Ohren blasen lassen! Für solche Unternehmungen müßte man ein Regiment aus harthörigen Stummen haben.

Der Hausdiener hat unterdes weitergeredet: Es ist nicht, daß ich Angst habe, Herr Leutnant. Nur, ich bin so froh, daß ich endlich wieder Arbeit habe, und der Chef hat mir gesagt, er schmeißt mich raus, wenn ich beim Putsch mitmache.

Der Leutnant macht eine Bewegung, der Friedrich sagt hastiger: Ich mache doch mit, Herr Leutnant, ich bringe auch die beiden Jagdflinten vom Chef, wie befohlen, mit. Wenn's morgen gut geht, mag er mich rausschmeißen! Nur, Herr Leutnant, das verstehen Sie doch auch, wenn es ganz aussichtslos gewesen wäre ... Arbeitslos macht auch keinen Spaß ...

Nein, nein, Friedrich! lacht der Leutnant und haut den Hausdiener auf die Schulter. Der Laden funkt. Der Kram klappt. Dafür stehe ich dir ein – mit meinem Leben.

Er hat es gesagt, er hat es so sagen wollen, es ist alles scheißegal, nun grade! Soll er Mitleid mit diesem Affen haben?! Alle möchten sich rückversichern, feige Kerle die!

Ich danke auch schön, Herr Leutnant, sagt der Friedrich strahlend.

Na siehste, Kamerad! lachte der Leutnant gnädig. Immer die Ohren steif halten! Was denkst du, was dein Chef übermorgen froh sein wird, daß du für ihn mitgemacht hast?! In einem andern Ton: Ja, richtig, Friedrich, ist mein Rad im Lot? Ich muß gleich noch mal über Land ...

Selbstverständlich, Herr Leutnant. Aber Sie wollten doch erst noch mal zu Herrn Richter gehen ...

Stimmt! sagt der Leutnant und geht los.

Er geht schlendernd, rauchend; auf der Toilette schiebt er schnell noch den Sicherungshebel zurück und sieht, daß eine Patrone im Lauf ist. So, die entsicherte Pistole in der Hosentasche mit der Hand umfaßt, geht er erst einmal zu Herrn Richter, der natürlich auch kein Richter ist, wie er kein Fritz ist, sondern eine Art Vorgesetzter ... Es ist eine komische Sache: seit er das von dem Entente-Auto gehört hat, ist seine Laune um hundert Prozent gebessert. Wenn allen zum Tode Verurteilten so komisch aufgeräumt zumute wie ihm ist, ist das Gefasel von der Todesstrafe barer Unsinn. Und unter Umständen kann in ein paar Minuten bei Herrn Richter die Bombe schon platzen. Und er mit!

Aber dann geht alles ganz friedlich zu. Beim Richter sitzen eine Menge Gestalten herum, teils in Zivil, teils in ihren abgetragenen Uniformen ohne Rangabzeichen, verabschiedete Offiziere. Der Leutnant kennt sie alle, er grüßt nur kurz und geht gleich zum Richter, der mit dem einzigen Unbekannten, einem ›richtigen‹ Zivilisten, flüstert.

Der Herr Richter sieht eigentlich auch aus wie ein Zivilist, lang, schwarz, den ›Bleistift Gottes‹ nannten ihn die jungen Dachse unter sich. Er schreibt ewig alles auf, er ist irgend etwas Taktisches, sicher hat der Kerl nie Pulver gerochen. Der Leutnant kann ihn nicht ausstehen, aber der Richter kann den Leutnant wohl ebensowenig ausstehen.

Darum winkt er dem Leutnant auch recht schroff, in Abstand zu warten, er flüstert weiter mit dem dicken Zivilisten. Der Leutnant dreht sich um, er besieht sich gelangweilt den Raum.

Es ist die Hinterstube einer Kneipe, sie hat etwas Ödes, Fahles, und etwas Ödes, Fahles, Angegangenes haben auch die hier wartenden Männer. Es ist eine Gemeinheit, daß er hier nun noch stehen und warten muß. Er fingert an der Pistole in der Tasche herum, er wird aus dem ersten Wort Richters hören, ob die hier etwas wissen von ihm oder nicht. Dann erreichen ein paar Worte des dicken Zivilisten sein Ohr, er hat sie nicht genau verstanden, aber das eine Wort könnte ›Meier‹ geheißen haben und das andere ›Spitzel‹. Nun gibt es sehr viele Meiers auf der Welt, aber im gleichen Augenblick ist der Leutnant fest davon überzeugt, daß nur dieser eine Meier gemeint sein kann. Dieses Schwein ist auf die Welt gekommen, ihm Schwierigkeiten zu machen! Hätte er ihn nur im angehenden Waldbrand schmoren lassen! Das hatte man von seinen guten Taten!

Eigentlich ist es Unsinn, länger zu warten! Schon ist alles klar und entschieden! Raus und Schluß! Wozu sich noch angrobsen lassen?!

Der Leutnant überlegt, wo in diesem Ausschank die Toilette liegt – aber davon hätten die Kameraden nur Schwierigkeiten. Er muß weiter fortgehen, irgendwo in den Wald, wo Unterholz ist – nein, am besten dahin, wohin er es ihr versprochen hat. Es soll ihr nicht vergessen und geschenkt sein –!

Ich bitte, Herr Leutnant!

Und er atmet auf! Eine Galgenfrist vielleicht nur, aber noch ein Weilchen Zeit, Atem zu schöpfen, der alte zu sein, an eine Zukunft zu glauben. Aufmerksam hört er zu, wie ihm Herr Richter auseinandersetzt, daß seit dem heutigen frühen Morgen jede Verbindung mit der Reichswehr abgerissen ist. Niemand kommt in die Kasernen, niemand gelangt aus den Kasernen, auf den Straßen ist kein Offizier zu sehen, bei telefonischen Anrufen gibt es nur ausweichendes Geschwätz ...

Ach, nun zeigt es sich, wie unsicher alles Vorbereitete ist! Eine Handvoll Leute, die Reste offiziell längst aufgelöster Freikorps, dazu ein Landsturm von ein paar tausend Mann – stark, wenn die Reichswehr mitmacht, eine lächerliche Horde, wenn sie sich entgegenstemmt! Man hatte fest mit der Reichswehr gerechnet. Natürlich war nie etwas Offizielles besprochen; man hatte ja alles Verständnis für die Schwierigkeiten, mit denen die Kameraden zu kämpfen hatten! Aus den Trümmern des Heeres, aus den Ruinen der Revolution war ein neues Heer aufzubauen, unter den argwöhnischen Augen der ehemaligen Feinde, die immer noch feindlich geblieben waren. Alles Risiko wollten die Außenseiter gerne tragen. Aber der verabschiedete Offizier hatte mit dem aktiven gesprochen, die einen hatten geredet, die andern hatten zugehört. Es war nicht Ja gesagt worden, aber auch nicht Nein, nicht Hü und nicht Hott – aber man hatte doch das Gefühl gehabt: wenn wir nur unsere Sache machen, die werden nicht dawider sein.

Und nun plötzlich, aus heiterem Himmel, am Vortag der Entscheidung dieses unbegreifliche Verstummen, eine Kälte, völlig unverdient, ein betontes Zurückziehen, fast schon eine Absage. Der Herr Richter spricht weiter, er macht es so dringlich, daß vor allem dieses Rätsel gelöst werden muß, das Dunkel gelichtet – man kann doch nicht die Leute gegen die Reichswehr führen, wenn sie Feind ist!

Der schwarze, lange Herr Richter, der Bleistift Gottes, spricht so eindringlich – der Leutnant wird doch verstehen, was gewünscht wird?

Der Leutnant hört mit ernstem, aufmerksamem Gesicht zu. An den richtigen Stellen nickt er und sagt auch ein Ja, aber er hört gar nicht zu, er ist wieder von diesem Mädchen besessen. Der wilde, stechende Haß erfüllt ihn wieder: kann denn eine so große, so wichtige Sache durch solch ein kleines, verliebtes Tier in Gefahr gebracht werden?! Alles soll umsonst sein, was Hunderte von Männern durch Monate vorbereitet haben, für das sie Ehre, Leben, Gut wagten, weil solch ein Weibchen nicht den Mund halten konnte? Unmöglich, es darf nicht sein – ach, er hätte ihr noch ganz andere Dinge sagen müssen, er hätte sie bei den Haaren reißen, in das von Liebe zerfließende Gesicht schlagen müssen –!

(Aber auf den Gedanken kommen weder der Leutnant noch sein Vorgesetzter, der nun auch von Verrat spricht, daß eine Sache faul sein muß, die das Gerede eines fünfzehnjährigen Mädels umwerfen kann. Daß eine solche Sache bloß ein Abenteuer ist, ohne den Leben spendenden Funken einer Idee! Daß sie selber alle eingefangen sind von dem schillernden Sumpfzauber dieser schlimmen Zeit, daß sie nur an Tag und Stunde denken, statt an die Ewigkeit danach – wie die Notenpresse in Berlin nur für Tag und Stunde arbeitet.)

Der Herr Richter ist verstummt, er hat ausgeredet. Er hofft, dieser zweifelhafte Herr Leutnant hat ihn verstanden. Aber trotz aller aufmerksamen Haltung ist der Herr Leutnant mit seinen Gedanken anderswo gewesen, er sieht den Bleistift Gottes bloß fragend an.

So muß der sich entschließen, weiter vorzugehen – eine ekelhafte Sache für einen sauberen Menschen.

Ich habe gehört, flüstert er, mit einem vorsichtigen Blick auf den dicken Zivilisten, der noch immer auf irgend etwas wartend in der Nähe steht. Ich habe gehört, daß Sie die Möglichkeit haben, einige – hm – Interna zu erfahren. Sie sollen eine Art Beziehungen haben ...

Der Ekel in seiner Stimme ist so deutlich, daß ein wenig Rot in die Wangen des Leutnants steigt. Aber er sagt nichts, er sieht seinen Vorgesetzten nur aufmerksam an.

Ja, also gut! sagt Herr Richter ungeduldig und wird nun selber rot. Wozu herumreden?! Im Interesse der Sache bitte ich Sie, von Ihren Beziehungen Gebrauch zu machen, damit wir wissen, woran wir sind.

Jetzt gleich? fragt der Leutnant.

Die Wahrheit ist, daß er jetzt gleich nur an dem Hotel vorbeiradeln möchte, sehen; ob der protzige Horchwagen dort noch steht, und dann gleich hinaus zum Schwarzen Grund. Und ist es im Schwarzen Grund, wie er nun fast schon erwartet, dann sofort zurück zu ihr, und vor ihrem Auge das tun, was er ihr versprochen hat. Nein, er wird sie nicht anrühren, aber dies Bild soll sie – viel schlimmer als alles andere – durch ihr ganzes Leben mit sich tragen. Sie ist so weiß, sie wird es nicht überwinden, Tag für Tag mit dem Bild, und in den Nächten hochfahrend aus dem Schlafe – schreiend – mit dem Bilde.

Jetzt gleich? fragt der Leutnant darum zögernd.

Nun wird der schwarze, hagere Mann fast zornig. Wann denn sonst?! Glauben Sie, daß wir noch viel Zeit zu verlieren haben? Wir müssen doch wissen, was werden soll!

Ich glaube nicht, sagt der Leutnant und zahlt boshaft dem andern sein Erröten heim, daß die junge Dame jetzt Zeit für mich hat. Sie ist bloß Stubenmädchen und muß jetzt reinmachen. Und die Köchin ist mir auch nicht grün ...

›Immerzu!‹ denkt der Leutnant. ›Wenn ihr mich brauchen wollt, sollt ihr auch nicht fein tun, sondern meinen Dreck schlucken!‹

Aber Herr Richter wird ganz kalt und höflich. Ich bin überzeugt, Herr Leutnant, sagt er, daß Sie die Angelegenheit regeln können. Ich erwarte dann Ihre Nachricht hier – binnen einer Stunde.

Der Leutnant verbeugt sich, Herr Richter will ihn schon entlassen, als er eine Gebärde des wartenden, dicken Mannes auffängt. Richtig – noch ein paar Fragen, Herr Leutnant, in einer andern Sache, die dieser Herr bearbeitet.

Der Dicke tritt heran, er grüßt kurz. Er hat den Leutnant wohl schon während des ganzen Gespräches beobachtet, er sieht ihn jetzt kaum an. Aber der Leutnant ist betroffen von dem kalten, eisigen Blick aus den Augen dieses behäbigen Klotzes, der eher wie ein Mann als wie ein Herr aussieht.

Ohne Umschweife, hart, ohne eine Spur von Höflichkeit fragt der Dicke: Neulohe gehört zu Ihrem Bezirk?

Jawohl, Herr –?

Das Waffenlager im Schwarzen Grund auch –?

Der Leutnant wirft einen ärgerlich fragenden Blick auf Herrn Richter, der ihm mit einer ungeduldigen Gebärde zu antworten befiehlt.

Jawohl.

Wann haben Sie das Lager zum letztenmal kontrolliert?

Vor drei Tagen – Dienstag.

War alles in Ordnung?

Jawohl.

Haben Sie sich geheime Merkzeichen angebracht?

An der Verfassung des Bodens konnte ich sehen, daß niemand nachgegraben hatte.

Sind Sie Ihrer Leute sicher?

Vollkommen.

Glauben Sie, daß Sie jemand beim Vergraben der Waffen beobachtet haben kann?

Das – glaube ich nicht, sonst hätte ich das Lager sofort verlegt.

Ist jemand während des Vergrabens in die Nähe der Posten gekommen?

Der Leutnant will nachdenken, was zu antworten ihm dienlich wäre. Aber die Fragen folgen so rasch aufeinander, der Blick liegt so eiskalt beobachtend auf ihm, daß er ohne Besinnung, ohne die Folgen abzuwägen, hastig antwortet: Jawohl.

Wer?

Herr von Prackwitz und seine Tochter.

Kannten Sie die beiden?

Nur vom Ansehen.

Was haben Sie ihnen gesagt?

Ich habe sie weitergeschickt.

Sind die beiden ohne weiteres gegangen?

Jawohl.

Sie haben keine Aufklärung verlangt, was auf ihrem Grund und Boden geschah?

Herr von Prackwitz ist alter Offizier.

Und die Tochter –?

Der Leutnant schwieg. Der eiskalte Blick lag weiter auf ihm. ›Das ist ja Polizei!‹ dachte der Leutnant. ›So fragt man doch nur Verbrecher aus! Haben wir denn jetzt einen Schnüffler bei unserer Abteilung –? Ich habe mal so was gehört ...‹

Und die Tochter –? fragte der Dicke beharrlich.

Hat kein Wort gesprochen.

Sie kannten sie nicht näher?

Nur vom Sehen.

Dieser Blick, dieser verdammte, bohrende Blick! Wenn man eine Ahnung hätte, was der Kerl wirklich weiß – aber so, man tappt vollkommen im dunkeln. Mit einer einzigen Antwort kann man sich festgelogen haben – und dann! Und dann –?

Nichts mehr!

Sie sind sicher, daß keiner von den beiden Ihrem Graben später nachspioniert hat?

Vollkommen sicher.

Warum?

Ich hätte es am Boden gesehen.

Zum erstenmal nahm wieder Herr Richter das Wort. Ich glaube, daß man des Herrn Rittmeisters von Prackwitz und seiner Tochter sicher sein kann. – Übrigens sind die beiden jetzt in der Stadt – ich sah sie in den Goldenen Hut gehen.

Man könnte sie befragen, meinte der Dicke nachdenklich und ließ seinen eiskalten Blick nicht von dem Leutnant.

Jawohl, befragen Sie sie! Ich komme sofort mit! Kommen Sie, wir gehen! schrie der Leutnant fast. Was ist los? Bin ich ein Verräter? Habe ich geschwatzt?! Kommen Sie doch mit, Sie, Herr Polizist! Jawohl, ich komme grade aus dem Goldenen Hut, ich habe mit dem Rittmeister und seiner Tochter an einem Tisch gesessen, ich habe ...

Er brach ab, er sah seinen Peiniger haßerfüllt an.

Nun, was haben Sie –? fragte der Dicke, ganz ungerührt von diesem Ausbruch.

Aber ich bitte Sie, meine Herren! rief der Bleistift Gottes beschwörend. Mißverstehen Sie die Situation doch nicht, Herr Leutnant! Niemand will Sie kränken. Wir haben Grund zu der Annahme, daß ein Waffenlager verraten worden ist. Es ist hier ein Auto der Entente-Kommission gesehen worden. Wir wissen noch nicht, um welches Lager es sich handelt. Wir befragen alle Herren, denen Waffenlager anvertraut sind. Es besteht doch eine Möglichkeit, daß dies der Grund zu dem seltsamen Verhalten unserer Kameraden drüben ist ...

Der Leutnant atmete tief auf. Also fragen Sie! sagte er zu dem andern, und doch war ihm, als habe der andere sogar dies Aufatmen gesehen.

Völlig ungerührt sagte der Dicke: Sie sprachen vom Goldenen Hut: Ich habe ... sagten Sie und brachen ab.

Aber ist das wirklich nötig? rief Herr Richter verzweifelt aus.

Ich habe mit Herrn Rittmeister Portwein getrunken, vielleicht habe ich das sagen wollen. Ich weiß es nicht mehr. – Warum gehen wir nicht hin? rief er noch einmal, aber diesmal nicht verzweifelt, sondern höhnisch, weiter das Spiel mit dem Tode spielend, das doch schon entschieden war, er wußte es wohl. Ich gehe gerne mit! Es macht mir nichts aus. Sie können Herrn von Prackwitz in meiner Gegenwart befragen!

Und seine Tochter ... sagte der Dicke.

Und seine Tochter ... wiederholte der Leutnant, aber mit sehr leiser Stimme.

Eine Stille entstand, eine drückende, lange Stille.

›Was wollen sie denn?‹ dachte der Leutnant verzweifelt. ›Wollen sie mich verhaften? Sie könne mich doch nicht verhaften, ich bin doch kein Verräter. Ich habe doch meine Ehre noch.‹

Der Dicke flüsterte in das Ohr von Herrn Richter, ohne sich zu genieren. Auf dem Gesicht von Herrn Richter lag wieder, aber nur verstärkt, der Ausdruck abwehrenden Ekels. Er schien etwas zu verneinen, abzuwehren ...

Plötzlich erinnerte sich der Leutnant eines ehemaligen Kameraden, dem der Oberst vor der Front die Achselstücke heruntergerissen hatte. ›Ich trage ja gar keine Achselstücke‹, dachte er verloren, ›das kann er bei mir nicht machen.‹

Er sah durch den Raum, es waren zehn Schritte bis zur Tür, niemand von den andern Herren stand im Wege. Er machte zögernd einen Schritt auf die Tür zu.

Einen Augenblick noch! befahl der Dicke herrisch. Er sah alles mit diesen eiskalten Augen, auch wenn er nicht hinsah.

Ich stehe mit meiner Ehre für das Waffenlager ein, rief der Leutnant, fast zitternd. Die beiden Herren wandten ihm die Gesichter zu. Und mit meinem Leben, sagte er noch, aber schwächer.

Sie sahen ihn an. Ihm war, als mache der Dicke mit dem Kopf eine leise, verneinende Bewegung, aber Herr Richter sagte lebhafter: Gut, gut – keiner mißtraut Ihnen, Herr Leutnant.

Der Dicke schwieg. Er verzog das Gesicht nicht, aber das unverzogene Gesicht sagte: › Ich mißtraue dir.‹ Der Leutnant dachte: ›Nicht von dir will ich gerichtet werden, nicht auf deine Art ...‹

Er fragte: Darf ich jetzt gehen?

Der Herr Richter sah den Dicken an, der Dicke sagte: Noch ein paar Fragen, Herr Leutnant ...

›Hat der Kerl denn gar kein Schamgefühl?!‹ dachte der Leutnant verzweifelt. ›Wäre ich doch erst auf der Straße!‹ Aber er blieb stehen und sagte: Bitte, als käme es ihm nicht darauf an.

Und wieder ging es los: Sie kennen einen Feldinspektor Meier aus Neulohe?

Flüchtig. Er war vorgeschlagen worden, ich habe ihn abgelehnt.

Warum?

Er gefiel mir nicht, er kam mir unzuverlässig vor.

Warum?

Ich weiß nicht mehr – ich hatte den Eindruck. Ich glaube, er hatte viel Weibergeschichten.

So, Weibergeschichten ... Wegen Weibergeschichten hielten Sie ihn für unzuverlässig –?

Der starre, eiskalte Blick lag voll auf dem Leutnant.

Jawohl.

Kann dieser Meier das Vergraben der Waffen beobachtet haben?

Ausgeschlossen! rief der Leutnant eilig. Da war er ja längst fort aus Neulohe!

So – da war er fort? Warum war er denn fort?

Ich weiß es wirklich nicht. Man müßte eventuell Herrn von Prackwitz befragen.

Glauben Sie, daß irgend jemand aus Neulohe noch mit diesem Meier in Verbindung steht?

Ich habe wirklich keine Ahnung, antwortete der Leutnant. Vielleicht eines von seinen Mädchen.

Sie kennen die Mädchen nicht –?

Ich bitte doch sehr! sagte der Leutnant mühsam.

Es wäre möglich gewesen, nicht wahr – daß Sie einen oder den andern Namen kennen?

Nein.

Also haben Sie keinerlei Vermutung, wie dieser Meier von dem Waffenlager erfahren haben könnte?

Aber er kann doch nicht davon wissen! rief der Leutnant verblüfft. Er ist seit Wochen aus Neulohe fort!

Und wer kann davon wissen?

Wiederum Schweigen, Stille.

Der Leutnant zuckt wütend die Achsel, Herr Richter sagt begütigend: Es wird nämlich behauptet, daß dieser Herr Meier heute früh im Auto der Kontrollkommission gesessen hat. Aber es ist nicht sicher, daß er es war.

Zum erstenmal verrät der Dicke Ärger, ärgerlich sieht er den geschwätzigen Bleistift Gottes an.

Aber der sagt abschließend: Wir wollen es jetzt genug sein lassen mit den Fragen. Es scheint mir wenig dabei herauszukommen. Sie kennen Ihren Auftrag, Herr Leutnant. Ich erwarte Sie also in einer Stunde hier. Vielleicht können Sie erfahren, was wir hier nicht herausbekommen.

Herr Richter macht eine verabschiedende Bewegung, der Leutnant verbeugt sich leicht und geht zur Tür.

›Ich gehe zur Tür‹, denkt er, merkwürdig erleichtert. Und dabei zittert er doch, daß der Dicke, dieser schreckliche Mensch, noch ein Wort sagen, ihn noch einmal aufhalten könnte.

Aber kein Wort wird hinter ihm laut, das störende Frostgefühl in seinem Rücken verliert sich, als schwäche die Entfernung die Eiseskälte jenes Blickes. Er grüßt die Kameraden rechts und links. Mit einer gewaltsamen Willensanstrengung bleibt er noch einmal an der Tür stehen und brennt sich eine Zigarette an. Dann legt er die Hand auf die Klinke, er öffnet, er schließt die Tür, er geht durch das Schankzimmer – und nun endlich steht er draußen auf der freien Straße.

Es ist ihm, als sei er aus langer, quälender Kerkerhaft in die Freiheit entlassen.

6

Als der Leutnant wieder auf der Straße stand, wußte er, nie würde er in jenen Raum zu Herrn Richter zurückkehren, nie den erwarteten Bericht erstatten, nie mehr zu Kameraden Kamerad sagen. Ehre verloren, alles verloren, klang es in ihm. Jawohl, die Ehre, die ihm gemeinsam mit den andern Offizieren gehörte, die hatte er verloren. Er hatte wie ein Feigling gelogen, um sich dem Richterspruch der andern zu entziehen. Aber nicht, weil er den Tod fürchtete – den Tod hatte er sich schon zuerkannt, sondern weil er auf seine eigene Art sterben wollte – ihr zum Gedächtnis!

Der Leutnant hat die Hände in die Taschen gesteckt, die Zigarette zwischen den Lippen schlendert er durch den grauen, staubfein nieselnden Mittag dem abseits liegenden Teile der Stadt zu, wo die Villen der Offiziere liegen. Genau überlegt ist es ein völliger Unsinn, noch diese Demütigung auf sich zu nehmen, bei dem Mädchen Frieda zu horchen, was ihre Herrschaft geredet hat. Er wird Herrn Richter nie das Ergebnis seiner Ausforschungen übermitteln. Mögen die sehen, wie sie mit ihrem Putsch zurechtkommen, er kümmert sich nur noch um seine eigenen Angelegenheiten!

Wie der Leutnant da scheinbar sorglos und zeitlos in seinem verschlissenen Zivil durch die Straßen bummelt, auch einmal in einen Laden tritt und sich ein halbes Hundert Zigaretten von einer sehr viel besseren Sorte als gewöhnlich kauft, hat er eine senkrechte, tiefe Falte zwischen den Augenbrauen, gerade über der Nasenwurzel: – eine Grübelfalte. Es ist nicht ganz leicht für einen jungen Mann, der in seinem ganzen Leben immer lieber etwas getan als nachgedacht hat, sich klarzuwerden, was eigentlich mit ihm los ist, was er will und was er nicht will.

Tief überrascht hat ihn eben doch der Gedanke, wie gleichgültig ihm der Putsch geworden ist, für den er Monate und Monate gearbeitet, fast ohne Geld, alles entbehrend, was junge Männer sonst lieben. Sehr überrascht hat es ihn doch, wie gleichgültig ihn das Fortgehen von den Kameraden läßt, zu denen er nun nicht mehr gehört, deren Gesellschaft ihm doch immer wichtiger war als die Liebe eines jeden Mädchens.

Er hat viel ertragen müssen an diesem Vormittag, Dinge, die er sonst nie ertragen hätte, die ihn zum Toben gebracht hätten: den Portweinguß des Rittmeisters, das argwöhnische Ausfragen des lächerlichen Friedrich, den fast unverhüllten Ekel von Herrn Richter und zum Schluß die schmachvolle Vernehmung durch den dicken Kriminalisten. Aber auch dies alles ist schon wieder abgeglitten von ihm, er, der sonst eine angetane Kränkung durch Jahre nicht vergessen konnte, der rachsüchtig ist, muß sich Zwang antun, wenn er sich dieser nahen Ereignisse überhaupt noch erinnern will.

›Es ist seltsam, Mensch, aber es ist doch, als wäre ich schon gar nicht mehr recht dabei. Als ginge mich diese Welt nichts Rechtes mehr an. Wie ein Sterbender, dem alles versinkt ... Ja, jetzt fällt es mir wieder ein: wenn die Menschen sterben, so fangen ihre Hände ruhelos auf der Bettdecke herumzusuchen an. Die einen sagen, der Sterbende gräbt sich sein Grab, und die andern: er sucht etwas, an dem er sich festhalten kann auf dieser Welt. Ist es auch so bei mir? Entgleitet mir alles, und ich finde nichts mehr auf der Welt, mich daran zu halten? Aber ich bin kein Sterbender, ich bin nicht die Spur krank – wissen es denn schon die Zellen in mir, daß sie sterben müssen? Kann Tod nicht nur eine Vernichtung durch Krankheit sein, sondern auch Zerstörung des Leibes durch einen Gedanken?! Bin ich denn wirklich ein Verräter?!‹

Er bleibt stehen, er sieht sich um, als wachte er aus einem bösen Traum auf. Er ist auf einem weiten, öden Platz, festgestampft durch die Schuhe vieler Hundert Soldaten, eine gelbliche, lehmige, trostlose Fläche, aus der kaum ein Unkraut sich hervorwagt. Am andern Ende des Platzes sind die grellen, gelben, nackten Kasernenbauten, von einer hohen gelben Mauer umgeben, deren First mit Glasscherben gespickt ist. Das fahlgrau gestrichene große Eisentor ist geschlossen, der Posten mit Stahlhelm, den Karabiner umgehängt, geht auf und ab, um sich ein bißchen zu erwärmen.

Der Leutnant sieht dieses Bild, wiederum trostlos wie ein schlimmer Traum; eine finstere Entschlossenheit steigt in ihm auf, etwas Böses, sehr Dunkles. Er geht quer über den Platz, er denkt: ›Nun will ich doch einmal sehen!‹

Er stellt sich mitten in den Weg des Postens und sieht ihn herausfordernd an. Nun, Kamerad? sagt er.

Er kennt den Mann, und der Mann kennt ihn. Der Leutnant hat ihm und seinen Kameraden manchmal eine Lage geschmissen. Sie haben dann und wann beisammen gesessen; ja, als es auf einem ländlichen Tanzboden einmal eine Holzerei gab, haben sie Seite an Seite den Saal geräumt. Sie sind also ganz gute Bekannte, aber jetzt tut der Mann so, als wüßte er von keinem Leutnant, er sagt halblaut: Machen Sie, daß Sie weiterkommen!

Der Leutnant aber bleibt stehen. Er ist noch finsterer geworden, er spricht den Posten von neuem an, er fragt höhnisch: Nun, Kamerad, bist du so fein geworden, daß du mich nicht mehr kennst?

Der Mann verzieht das Gesicht nicht, er scheint nichts gehört zu haben, er geht vorbei, ohne ein Wort. Als er aber sechs Schritte gegangen ist, muß er kehrtmachen, er geht wieder auf den Leutnant zu. Diesmal sagt der Leutnant: Höre, Mensch, ich habe nichts zu rauchen. Schenk mir eine Zigarette, und ich gehe sofort weiter.

Der Mann wirft einen raschen Blick nach links. Die kleine Tür für Fußgänger steht offen, man sieht ein Stück Kiesweg und die Fenster des Wachtraums, dann sieht er nach rechts zu dem Leutnant hin. Das Gesicht des Leutnants trägt einen schwer zu enträtselnden Ausdruck aus Hohn, Verzweiflung, Angst. Der Posten wird aus diesem Gesicht nicht klug, aber es hat etwas Warnendes, Drohendes, sonst hätte er es vielleicht doch gewagt und dem Leutnant eine Zigarette geschenkt. So aber geht er wortlos vorüber, macht beim Schilderhaus kehrt. Eine Ahnung läßt ihn den Karabiner von der Schulter nehmen, nun geht er wieder auf den Leutnant zu.

Der Leutnant ist ganz im Banne seiner wilden, zu allem entschlossenen Verzweiflung. Es ist ihm ja nun längst klar, daß die Reichswehr nichts mehr von ihnen wissen will, daß da strengste Befehle erlassen sind, sich nicht mehr mit diesen Außenseitern abzugeben. Aber er will unter allen Umständen erreichen, daß der Mann sich mit ihm einläßt, er will Streit mit ihm bekommen, er will in die Kaserne gebracht werden, seinethalben als Festgenommener. Dann kann er den Offizier vom Wachtdienst fragen: Was habt ihr gegen uns? – Und wenn er dann etwas von einem Waffenlager hört ... Nun gut! Erledigt –! Er-ledigt!!!

Es ist ein vollkommen wahnsinniger Gedanke, der ihn da besessen hält. Als wenn der Offizier vom Wachtdienst geneigt wäre, einem Festgenommenen Auskünfte zu erteilen, die den freien Kameraden verweigert werden!

Aber der Leutnant ist eben nicht mehr verständig, er hat einen ganz richtigen Gedanken gehabt, als er meinte, die Zellen in ihm seien erkrankt. Er läßt dieses Mal den Posten unangefochten an sich vorbei, während der ihm aber den Rücken dreht, brennt er sich eine Zigarette an. Qualmend blickt er dem rückkehrenden Mann entgegen, er freut sich über den verblüfften, etwas dämlichen Ausdruck auf dem Gesicht, das den Leutnant rauchen sieht, der eben noch um eine Zigarette bat. Der Leutnant streckt ihm eine zweite Zigarette hin und sagt: Hier, Kamerad, hast du eine Zigarette von mir, weil du keine für mich hast.

Der Mann bleibt stehen, er sagt entschlossen: Gehen Sie jetzt, oder ich rufe die Wache.

Ich gehe erst, erklärt der Leutnant, wenn du die Zigarette genommen hast.

Der Mann sieht ihn schweigend an, er greift nicht nach der Zigarette, aber er hebt den Karabiner etwas an. Schließlich sagt er zuredend: Seien Sie doch vernünftig! Gehen Sie jetzt!

Auch der Leutnant möchte den andern überreden. Kamerad, sagt er, nimm die Zigarette! Tu mir den Gefallen und nimm sie. Bloß, daß ich sehe, du bist noch mein Kamerad. Da! Er hält sie ihm hin. Dann setzt er drohend hinzu: Wenn du sie nicht nimmst, muß ich dich in die Fresse schlagen.

Der Mann sieht ihn ernst, beobachtend, abwartend an. Er macht keinerlei Anstalten, die Zigarette zu nehmen, er wartet, was der Leutnant tun wird.

In dem Leutnant entsteht plötzlich ein Gedanke, der ihn fast rasend vor Wut macht. Ach! ruft er. Du denkst wohl, ich bin besoffen –?! Ich werde dir zeigen, wie besoffen ich bin ...

Er läßt die Zigarette fallen und im gleichen Augenblick stößt er die Faust direkt gegen das Gesicht des Soldaten.

Aber weiß es der Himmel – der Leutnant, sonst ein so geschickter Boxer, hat heute keinen guten Tag. Hölzern prallt die Faust auf das Holz des Karabinerschaftes. Ein brennender Schmerz durchzuckt Hand und Arm, dann trifft ihn der Kolben mit aller Gewalt vor der Brust, rücklings taumelnd fällt der Leutnant – es ist ihm, als könne er nie wieder atmen.

Doch wie er so daliegt, um Luft kämpfend, immer den achtsamen Blick des Postens auf sich, als sei er ein wildes Tier, eine Art reißender Wolf, den man nicht aus dem Auge lassen darf – wie er bedenkt, daß der Posten ihn nun doch nicht festgenommen hat, nicht in die Kaserne gebracht hat, nicht auf ihn geschossen hat – wie er sich weiter trübe im Hundertstel einer Sekunde der Pistole in der eigenen Tasche erinnert, mit der er die Schmach des Schlages heimzahlen könnte –

Da durchfährt es ihn mit schneidender Schärfe, daß er nicht nur die Kameraden über den Verrat des Waffenlagers getäuscht, daß er ihnen nicht nur jetzt ganz grundlos neue Schwierigkeiten gemacht hat, sondern daß er wirklich nichts wie ein Feigling ist. Daß er alle diese Dinge nur tut, um die Fahrt in den Schwarzen Grund zu verzögern, um die Entdeckung der Wahrheit hinauszuschieben, um sich ein paar Stündchen Leben zu stehlen! Der Lack platzt, die schöne Farbe blättert ab, morsch, verfault sieht er das Holz seines Lebensschiffes; ›Dies bist du!‹ spricht die Stimme.

Und während er sich mühsam von der Erde hochtastet, während er mit schmerzenden Gliedern weitergeht, ohne auf den Posten zu achten, ohne auch nur an ihn zu denken – so völlig hat die neue Erkenntnis alles eben Geschehene in ihm ausgelöscht –, muß er immer wieder an jenen Sommermorgen im Wald denken, wie er den kleinen Meier mit der Pistole in der Faust vor sich her trieb, wie er den erbärmlichen Feigling verachtet hat, welch Ekel ihn überkam vor seinem Betteln – und peinigend nagt an ihm die Angst: ›Werde ich auch so feige sein? Werde ich überhaupt den Mut haben, loszudrücken? – Wie werde ich sterben?‹

Dieser Gedanke wird immer stärker in ihm, wenige Minuten, und er beherrscht alles!

Wie werde ich sterben: als Kerl oder als Feigling? Wird meine Hand vielleicht zittern, und ich werde mich blind schießen wie damals der kleine Rakow? Gott, was hat er geschrien!

Er schaudert, fester umfaßt er den kühlen, glatten Pistolenschaft in der Tasche, als könnte er ihm das Selbstbewußtsein geben, an dem es ihm sein ganzes Leben lang nie gefehlt hat, und das nun, da es ans Sterben geht, ihn völlig verläßt. Ich muß schnell machen, denkt er verzweifelt. Ich muß schnell hinfahren in den Schwarzen Grund, damit ich Gewißheit habe. Wie kann ich denn leben, wenn ich nicht einmal weiß, ob ich mutig genug zum Sterben bin?!

Aber während er dies alles denkt, während doch jede Fiber in ihm zur Entscheidung zu drängen scheint, geht er mühsam, aber beharrlich immer weiter von seinem Rad fort, vom Schwarzen Grund fort, vom Tod fort, zur Ausführung eines widerlichen Spionenauftrages, der doch längst für ihn gegenstandslos geworden ist. Er denkt nicht darüber nach, diese Inkonsequenz fällt ihm schon nicht mehr auf. Aber als er eine kleine Kneipe sieht, in der er manchmal gesessen hat, fällt ihm ein, daß er sich unmöglich mit so beschmutzten Kleidern vor dem Dienstmädchen Frieda sehen lassen kann, und er tritt ein. Er bestellt sich beim Wirt ein Glas Bier und fragt ihn, ob er nicht irgendeine Jacke hat, die er statt des verdreckten Dings anziehen kann.

Der Wirt sieht ihn einen Augenblick schweigend an; er weiß natürlich ungefähr, was der Leutnant vorstellt. Dann verschwindet er und kommt mit einer nagelneuen Windjacke zurück.

Ich glaube, das Ding müßte Ihnen passen, sagt er. Was haben Sie denn mit Ihrer angefangen?

Hingefallen, murmelt der Leutnant.

Er hat seine Windjacke abgestreift und sieht auf der Außenseite des Unterarms einen großen, schwarz unterlaufenen Blutfleck. Gedankenverloren schiebt er das Hemd über der Brust auseinander und findet dort die Spuren des Kolbens. Als er das Hemd wieder zuknöpft, begegnet er dem Blick des Wirtes.

Es geht doch nicht etwa schon los? fragt der Wirt leise.

Nein, antwortet der Leutnant und zieht die Windjacke über. Paßt wie nach Maß.

Ja, ich sah gleich, daß Sie eine Figur mit meinem Jungen haben. Ich habe meinem Jungen die Windjacke für morgen gekauft. Mein Junge geht auch mit, Herr Leutnant.

Schön, sagt der Leutnant und trinkt einen Schluck Bier.

Nicht wahr, Herr Leutnant? bittet der Wirt. Sie sorgen dafür, daß die Windjacke heute abend zurück ist? Er möchte doch auch anständig aussehen, wenn er morgen mitgeht – es ist das erste Mal, daß er so was mitmacht.

Geht in Ordnung, sagt der Leutnant nur. Was bin ich schuldig?

Oh, nichts! antwortet der Wirt eilig. Eine Frage, wenn Sie es nicht übelnehmen ...

Nun?

Waren Sie in der Kaserne?

Nein, ich war nicht in der Kaserne.

So – dann wissen Sie also auch nichts. Es soll dicke Luft sein in den Kasernen ...

Er sieht den Leutnant abwartend an, vielleicht denkt er jetzt an die blauschwarzen Flecke auf des Leutnants Körper. Aber der Leutnant sagt nichts. Der Wirt meint bittend: Sie glauben doch auch nicht, Herr Leutnant, daß es morgen ernstlich was geben könnte –?

Ernstlich was geben könnte –?

Na, ich meine bloß – ernstlich. – Kämpfe, Schießen und so was – dann würde ich nämlich meinen Jungen nicht mitgehen lassen ...

I wo! lacht der Leutnant herzlich. Was bilden Sie sich denn ein? Kämpfen, Schießen – so was gibt's doch gar nicht mehr! So ein Putsch ist eine höchst vergnügte Sache! Heldentod gibt's auch nicht mehr, Heldentod ist seit Achtzehn abgemeldet ... Er bricht plötzlich ab, wie angeekelt.

Der Wirt erklärt ernsthaft: Ich weiß nicht, ob Sie im Ernst reden. Aber ich frage ganz im Ernst, Herr Leutnant. Weil ich nämlich bloß den einen Jungen habe. Wer soll denn die Kneipe übernehmen, wenn dem was passiert? Man will doch auch nicht umsonst gearbeitet haben in seinem Leben! Sie hätten die Kneipe mal sehen sollen, wie ich sie vor zwanzig Jahren gekauft habe ein Hundeloch! Und jetzt! Nein, wenn ich wüßte, es könnte was Ernstliches geben – dafür wäre mir mein Junge zu schade. Aber sonst soll er gerne mitgehen – es ist auch gut fürs Geschäft, weil wir viele Stammgäste vom Militär haben.

Der Leutnant versichert noch einmal, daß alles in Ordnung und ganz ungefährlich ist. Er verspricht noch einmal, die Windjacke am Abend rechtzeitig zurückzuschicken – und nun geht er weiter. Er weiß, er hat den Wirt belogen, aber das macht nichts. Auf ein bißchen weniger oder mehr Lüge kommt es nun auch nicht an. Aus der Nähe betrachtet, ist es zum Kotzen, aus welchen Gründen solche Leute mitmachen, aber für Herrn Richter ist es aus der Nähe betrachtet vielleicht auch zum Kotzen, aus welchen Gründen der Leutnant mitmacht. Die seltsame Erkrankung des Hirns, die Schwächung seines Selbstgefühls hat schon solche Fortschritte gemacht, daß der Leutnant dies einsieht.

Die kurze Rast in der Kneipe, die zwei Schluck Bier haben ihm gut getan. Er schreitet nun schneller aus, er kommt bald in die kleine Villenstraße, die sein Ziel ist. Die Hecken und Bäume um die Villen sind schon durchsichtiger belaubt: der Leutnant geht rasch, er hat die Mütze deckend in die Stirn gezogen, er würde hier nicht gerne gesehen und erkannt werden, wo soviel Offiziere wohnen.

Die Villa, in die er will, bewohnt ein Oberst, ein aktiver Oberst von der Reichswehr. Nach seiner gesellschaftlichen Stellung könnte der Leutnant gut und gerne den Klingelknopf drücken, um den eine Inschrift läuft ›Nur für Herrschaften‹. Aber der Leutnant drückt diesen Knopf nicht, er geht zehn Schritt weiter, bis zu einer kleinen eisernen Gartentür mit dem Schild ›Für Lieferanten‹. Er stößt die Tür auf, er geht einen fliesenbelegten Gang – der Herrschaftsweg ist schwarz-weiß gekiest – um die Villa herum zu ihrer Hinterfront, dorthin, wo Teppichstange und Mülltonnen stehen. Er steigt auch nicht wie die Herrschaften fünf Stufen hinauf in die Beletage mit den Spiegelscheiben, sondern fünf Stufen abwärts in das Souterrain mit Traljen vor den Fenstern, er geht den Küchenweg ...

Der Leutnant hat immer an den Satz geglaubt, daß der Zweck die Mittel heiligt. Er hat sich nie geschämt, aus dem früher ganz ordentlichen Mädchen Frieda eine liederliche Hausspionin zu machen, denn er hat dadurch schon manchmal Interna aus der Garnison erfahren, die zu wissen recht nützlich war. Wenn er dieses Mal den Weg sehr viel unlustiger als sonst geht, so liegt das nicht nur daran, daß ja seine ganze Gemütsverfassung nicht gerade rosig ist, sondern vor allem daran, daß er diesen Weg bisher noch nie bei Tageslicht gemacht hat. Ein anderes Gesicht tragen unsere Taten bei Tag, ein anderes bei der Nacht. Der Oberst oben in der Beletage hat zwei Töchter, der Leutnant hat sogar mit diesen Töchtern schon getanzt; es wäre ihm sehr peinlich, wenn ihn diese Töchter beim Besuch im Küchenrevier sähen. Nicht seiner Taten schämt sich der Leutnant, aber er schämt sich, bei seinen Taten gesehen zu werden!

Der Leutnant hat Glück: als er in den Gang tritt, begegnet er niemand anderem als dem Mädchen Frieda. Sie kommt aus ihrem Zimmer, Handfeger und Kehrichtschaufel in der Hand.

Tag, Friedel! grüßt der Leutnant.

Die Friedel, etwa zwanzig Jahre, vollbusig, von jener etwas robust ländlichen Schönheit, von der mit dem fünfundzwanzigsten Jahre jede Spur verschwunden ist, schreckt ein wenig zusammen. Bist du das, Fritz? fragt sie. Kommst du jetzt auch am Tage? Ich habe aber keine Zeit für dich.

Dabei stellt sie doch Schaufel und Handfeger an den Rand des Ganges.

Na, Friedel? fragt der Leutnant etwas lahm. Freust du dich denn gar nicht, daß ich gekommen bin –?

Sie macht keine Anstalten, ihm näher zu kommen, ihn in die Arme zu nehmen, zu küssen wie sonst. Sonst hat sie gestrahlt, wenn sie ihren Leutnant sah. Wer weiß, was das Mädel sich alles eingebildet hat! Eine hingebende Verliebtheit, demütige Willigkeit. Und jetzt –?

Jetzt sagte die Friedel recht schnippisch: Das habe ich schon den ganzen Morgen gewußt, daß du heute kommen würdest!

Nanu! spielt der Leutnant den Verwunderten. Hast du jetzt Ahnungen? Du hast wohl von mir geträumt, Frieda? Ja, mir war so ... Ich denke, siehst doch mal nach der Friedel ...

Es ist zum Verzweifeln, der Leutnant kann sich keinen Schwung geben. Er sieht das Mädchen an, er sieht es recht mit Absicht an. Jawohl, es ist ein Mädchen, es hat eine angenehme Brust, kräftige Hüften, schöne Beine mit ein wenig zu derben Knöcheln ... ach, es wird nichts, er kommt nicht in Gang! Es ist irgendein beliebiges Frauenzimmer, völlig gleichgültig – und so dumm ist die Friedel nun doch nicht, das merkt sie auch!

Spöttisch sagt sie: So, dir war so, Fritz?! Du hast wohl auch was läuten gehört, daß ihr hinten runtergerutscht seid mit euerm Putsch, und nun willst du ein bißchen horchen bei deiner Friedel, was?

Hinten runtergerutscht, wieso? fragt er und hofft, sie wird ins Sprechen kommen.

Tu nur dumm! ruft sie zornig. Du weißt ganz gut Bescheid. Schiß hast du, darum bist du zu mir gekommen, ein Schisser bist du! Wie ich heute früh gehört habe, was der Oberst der gnädigen Frau erzählt hat, da habe ich mir gleich gesagt: woll'n mal sehen, Friedel. Wenn er heute kommt, dann kommt er nicht deinetwegen, Friedel. Dann kommt er bloß, um zu horchen, dann bist du bloß sein Spion. Und siehst du, noch keine zwei Stunden, und schon bist du da. Und du willst mir einreden, dir war so!

Sie sieht ihn zornig, verächtlich an, sie schnauft ein bißchen, ihre starke Brust bewegt sich heftig, der Leutnant sieht es. ›So können wir nicht weiterreden‹, denkt der Leutnant verloren und betrachtet die atmende Brust. ›Ich muß ja erfahren, was der Oberst seiner Frau gesagt hat ...‹

Und ganz plötzlich geht er ohne ein Wort an dem Mädchen vorbei, er geht in ihr Zimmer, in ihre Kammer – Das Bett ist noch nicht gemacht, aufgeschlagen liegt es dort, hier hat sie gelegen, hier hat sie geschlafen ...

Nun will ich dir zeigen, wie mir ist, sagt er hastig und nimmt das Mädchen einfach in die Arme. Er kümmert sich nicht um ihr Sträuben, er hat nie auf die Abwehr der Mädchen geachtet, das ist alles bloß jüngferliche Zimperlichkeit, Anstellerei! Sie hat die Fäuste gegen seine Brust gestemmt, gegen die schmerzende Brust, aber er deckt ihr Gesicht mit dem seinen zu, er legt seinen Mund auf ihren, der sich fest, abweisend schließt. Aber er küßt, er küßt sie ...

›Jetzt küsse ich noch‹, denkt er verloren. ›Gleich wird sie nachgeben, ihre Lippen werden sich öffnen – und dann muß ich sterben. Durch mein Küssen kommt es, daß ich sterben muß, durch mein Küssen wird sie plaudern, sie wird mir alles erzählen – Und dann muß ich hingehen in den Schwarzen Grund und muß tun, was ich der Violet gesagt habe – verdammte Violet –!‹

Ohne es zu wissen, hat der Leutnant den Namen der Verhaßten laut gesprochen, schon hatte er vergessen, daß er ein Mädchen küßte, er hatte sie nur noch lose im Arm gehalten.

Mit einer wilden Kraft fühlt er sich zurückgestoßen, er fällt polternd gegen den Schrank.

Mach, daß du rauskommst! ruft das Mädchen zornig. Du Lügner, du! Ich soll für dich spionieren, und du denkst dabei an andere –?!

Sie atmet heftig.

Der Leutnant steht mit einem verlorenen, verlegenen Lächeln am Kleiderschrank. Er macht keinen Versuch mehr, sich zu erklären, sich zu rechtfertigen.

Na ja, Friedel, sagt er schließlich, immer mit demselben verlegenen Gesicht. Es ist schon eine komische Welt. Du hast ganz recht. Auf der Schule haben wir schon so was gelernt: nemo ante mortem beatus, oder so ähnlich, ich weiß nicht mehr genau. Das heißt: niemand ist vor seinem Tode glücklich zu preisen, und niemand weiß vor seinem Tode, was er wirklich ist. Du hast ganz recht: ich bin ein Lügner. – Tjüs, Friedelchen, und nichts für ungut!

Er streckt ihr die Hand hin. Sie nimmt sie zögernd, ihr Zorn ist verflogen, seine Verlegenheit hat sie angesteckt. Gott, Fritz, sagt sie, und weiß gar nicht recht, was sie zu seinen unverständlichen Sprüchen sagen soll. Du bist so komisch. Ich war ja nur wütend, weil du dir gar nichts aus mir machst ...

Er machte eine abwehrende Bewegung.

Na, schön, ich sage ja nichts. Aber wenn du es gerne erfahren willst, ich will dir auch erzählen, was der Herr Oberst heute früh ...

Er läßt ihre Hand los: Nein, danke, Friedel. Das ist nicht mehr nötig. Es ist, grübelt er schon wieder, alles wirklich verdammt komisch. Das geht mich nun auch nichts mehr an. Na, tjüs, Friedel. Sieh, daß du bald unter die Haube kommst, es ist das Beste für dich ...

Und damit geht er. Er vergißt sogar, sie noch einmal zum Abschied anzusehen. Auch das Mädchen Frieda ist schon völlig für ihn versunken, er hört nicht, was sie ihm nachruft. Tief in Gedanken geht er den Kellergang entlang, die kleine Treppe hinauf, den fliesenbelegten Weg durch den Vorgarten auf die Straße. Er trägt seine Mütze in der Hand, es ist ihm völlig gleichgültig, ob ihn andere sehen und erkennen. Augenblicklich ist er sich der Existenz anderer auf dieser Erde nicht klar bewußt. Er hat mit sich selbst zu tun.

Freilich dann, an der nächsten Straßenecke, da muß er denn doch noch einmal aus der stillen Welt seiner Gedanken auf diesen windigen, gefährlichen Stern zurückkehren: Denn eine Hand legt sich auf seine Schulter und eine Stimme sagt zu ihm: Einen Augenblick bitte, Herr Leutnant.

Der Leutnant blickt hoch und sieht in das eisige Auge des dicken Kriminalisten.

7

Ohne den Kellner im Goldenen Hut wäre die hingesunkene Violet noch lange auf dem Fußboden der Gaststube liegen geblieben. Der Rittmeister von Prackwitz war zu nichts zu gebrauchen. Einmal wollte er dem Leutnant nach und sich mit ihm schießen; nun rief er die Gäste zu Zeugen auf, wie schmählich der Herr seine Tochter behandelt hätte ... Er kniete neben Violet, mit seinem Taschentuch wischte er ihr den Mund ab, er rief klagend: Violet, nimm dich zusammen – du, eine Offizierstochter!

Und aufspringend verlangte er Portwein für sich –: Aber nicht aus diesem Glas, dieses Glas ist beschmutzt, es muß zerbrochen werden! Er zerbrach es. Wo ist meine Frau? Meine Frau ist nie da, wenn sie wirklich gebraucht wird! Ich rufe Sie zu Zeugen an, meine Herren, daß meine Frau nicht hier ist –!

Der Kellner ließ den Chauffeur hereinrufen. Zu dreien hoben sie Violet auf, sie wollten sie aus dem Haus tragen, in den Wagen setzen, heimfahren lassen. Als Violet aufgehoben wurde, fing sie zu schreien an – sie schrie pausenlos hintereinander, kein Wort, einen irren Klagelaut, wie ein Tier. Die Männer hätten sie beinahe fallen gelassen. Violet wurde auf ein Sofa gelegt, auf eines jener schrecklichen Wachstuchsofas, mit weißen, gerieften Nägeln, von denen alles abrutschte. Da lag sie ineinandergefallen, ein Reisender versuchte, ihr den Rock über den Knien zurechtzuziehen. Sie sah nichts, sie hörte nichts, ihre Augen waren geschlossen. Sie war kein junges Mädchen mehr, sie war nichts mehr, sie war ein Ding aus Fleisch, das schrie, das schrecklich schrie ...

Der Rittmeister saß zerfahren an einem Tisch, den fast weißen Kopf in die Hände gestützt. Er hielt sich die Ohren zu, er murmelte: Nehmt sie weg! Laßt sie nicht mehr schreien! Ich kann es nicht anhören! Bringt sie ins Krankenhaus! Meine Frau soll kommen!

Der letzte Wunsch war der einzig erfüllbare: der Chauffeur Finger fuhr los, mit dem glänzenden Horch, dem schon wieder vergessenen, neuesten Spielzeug des großen Kindes, die gnädige Frau zu holen.

Die Hoteliere erschienen, ein Zimmer im zweiten Stock wurde vorbereitet, nach einem Arzt telefoniert. Schließlich wurde Violet hinaufgetragen. Sie schrie immer weiter. Der Rittmeister weigerte sich, mit seiner Tochter hinaufzugehen. Ich kann das Schreien nicht hören, sagte er. Er hatte erreicht, daß jetzt eine ganze Portweinflasche vor ihm auf dem Tisch stand. Er hatte die Rettung der Lebensuntüchtigen gefunden: den Alkohol, der Flucht vor den Sorgen ist, der Vergessenheit bringt – und ein hundertmal schwereres Erwachen am nächsten Tag.

Mit einem Stubenmädchen zusammen zog die Wirtin Violet aus, sie schrie. Sie schrie weiter, als sie im Bett lag.

Ja, Dora, sagte die Wirtin. Ich muß zu meinen Pötten, die Herren kommen gleich zum Mittagstisch. Bleib du hier erst mal sitzen und ruf mich, wenn der Doktor kommt.

Die Herren unten hatten sich dahin geeinigt, daß es die Wehen wären, die das Mädchen so schreien machten, trotzdem man es ihm gar nicht angesehen hätte. Morgen würde der ganze Kreis wissen, was mit der Tochter des Rittmeisters von Prackwitz, einer Millionenerbin, los war. Und so ein Schnösel von Kerl!

Der Rittmeister achtete nicht auf das Geschwätz, er hatte zu trinken, er trank.

Oben schrie Violet.

Das Mädchen Dora hatte ein paarmal zu ihr gesagt: Fräulein! Schreien Sie doch nicht so! Es tut Ihnen doch keiner was! – Warum schreien Sie denn so? Tut Ihnen was weh?

Umsonst, das Ding schrie weiter. Mit einem Achselzucken, Na, denn nicht!, mit dem Gefühl, für Freundlichkeit Undank geerntet zu haben, setzte sich das Mädchen neben das Bett, aber nicht, ehe es sein Strickzeug geholt hatte. Dora saß und strickte an ihrem Pullover; in der Gaststube unten saß Herr von Prackwitz und trank; Violet, tödlich in ihrem Lebenszentrum verletzt, schrie nur noch. Keiner ist so geboren, daß Unheil ihn nicht erreichen könnte – dem Mädchen Violet, einem halben Kinde, verspielt, ohne jede Ahnung vom wirklichen Leben, hatte sich der Wolfsrachen dieses Lebens aufgeschlagen. Nur noch Dunkel und Dämmer gab es, und aus der Finsternis den einen, ewig wiederholten Schrei: mir ist angst.

Der Arzt ließ auf sich warten, der Rittmeister trank zuviel. Umsonst hatten ihm Kellner und Wirtin zugeredet, etwas zu essen, und sei es bloß ein Teller Suppe. Herr von Prackwitz blieb bei seinem Portwein. Nur noch eine dämmernde Erinnerung von dem, was ihm an diesem Vormittag zugestoßen, war in den Dünsten des Alkohols verblieben. Aber diese letzte, blasseste Erinnerung, Unheil sei ihm widerfahren, sie war irgendwie mit Portwein verknüpft, und so hielt er sich an den Portwein. Allmählich, wie aus der ersten Flasche die zweite, aus der zweiten die dritte wurde, fing sein Gesicht purpurn an zu glühen, seine Haare schienen schlohweiß. Jetzt hob er den Kopf wieder straffer, er sah grade vor sich hin. Manchmal lachte er plötzlich auf, oder er schrieb mit geschwindem Zeigefinger viele Zahlen auf das Tischtuch und schien zu rechnen.

Der Kellner hatte ein wachsames Auge auf ihn. Der Goldene Hut war ein altrenommiertes Haus, so leicht konnte nichts seinen Ruf untergraben. Aber am Ende war es genug an einem Gast, der im Lokal gelegen hatte, nach der Tochter mußte es nicht auch noch den Vater treffen. Frau Eva von Prackwitz, die so eilig in den Wagen steigt und allen Ärger und alle Schererei mit der Entente-Kommission dem jungen Pagel überläßt, dem einzig übriggebliebenen Vertreter von Herrschaft und Beamtenschaft des Gutes Neulohe – Frau Eva ahnt nicht, daß weder Mann noch Tochter sie sehnlich erwarten. Nur ein Oberkellner wünscht sie herbei, daß es nicht noch eine Szene gebe. Frau Eva sagt zu dem Chauffeur: Fahren Sie rasch! – Der Chauffeur antwortet: Jawohl, gnädige Frau – aber die Wege!

Sie lehnt sich in ihre Ecke, sie überläßt sich ihren Sorgen, Gedanken, Ängsten. Unheil fällt ihr Haus an, alles löst sich auf. Zehnmal ist sie in Versuchung, die Scheibe wieder aufzustoßen und Herrn Finger neu zu befragen. Aber sie bleibt dann doch in ihrer Ecke, es ist nutzlos, der Mann weiß nichts. Er ist erst gerufen worden, als Violet bewußtlos in der Gaststube lag. Als man sie dann in den Wagen hat tragen wollen, fing sie an zu schreien.

Glauben Sie denn, daß sie sich was gebrochen hat? hat Frau Eva gefragt.

Gebrochen? Nein, hat Herr Finger geantwortet.

Aber warum hat sie denn geschrien, Finger? hat Frau Eva gefragt.

Doch darauf hat Finger keine Antwort gewußt. Und kein Wort, keine Botschaft von ihrem Mann – Ach, Achim, Achim! seufzt Frau Eva wieder einmal und weiß noch gar nicht, wie sehr sie Ursache hat, über ihren Mann zu seufzen.

Denn jetzt erzürnt sich der Rittmeister in der Gaststube. Ein paarmal ist er aufgestanden von seinem Stuhl, er hat sich am Tisch festgehalten und argwöhnisch auf den Marktplatz gespäht. Was ist denn? Ist etwas nicht in Ordnung? hat der Kellner besorgt gefragt. Darf ich vielleicht etwas zu essen bringen? Brathuhn ist heute sehr gut.

Der Rittmeister hat den Kellner böse angestarrt, mit einem wildflackernden, geröteten Blick. Er hat ihn ohne Antwort gelassen, sich aber wieder hingesetzt und ein neues Glas Portwein getrunken, während er leise und böse vor sich hin murmelt. Aber einen Augenblick später sieht der Rittmeister wieder aus dem Fenster, ein Gedanke hat von seinem Hirn Besitz ergriffen: er hat doch ein Auto gehabt! Er hat es doch hier vorm Hotel halten lassen! Wo ist das Auto geblieben –? Sie haben es ihm gestohlen!

Der Rittmeister wirft einen vorsichtigen Blick durch das Lokal. Da sitzen sie und essen, aber zu trauen ist ihnen nicht. Er begegnet so vielen Blicken – warum starren ihn alle so an? Wissen sie vielleicht schon, daß er bestohlen ist, und warten nur darauf, daß er es merkt?

Der Rittmeister kehrt mit seinem Blick an den eigenen Tisch zurück, leise schwankt die Portweinflasche wie ein Halm im Winde. Das Glas fährt fort und plötzlich ist es wieder ganz nahe und sehr groß. Der Rittmeister benutzt diesen Augenblick, er neigt den Hals der Portweinflasche über das Glas, aber nur eine klägliche Neige tröpfelt heraus.

Suchend sieht er sich nach dem Kellner um, aber im Augenblick hat der Kellner die Gaststube verlassen. Der Rittmeister benutzt dies, er steht auf. Nachdenklich steht er vor dem Garderobenständer, an dem Mütze und Mantel hängen, neben Jackett und Hut von Violet.

›Was ist mit Violet?‹ fällt ihm ein.

Aber eine neue Welle von Trunkenheit schwemmt den Gedanken weg. Er hat auch schon wieder vergessen, daß er seinen Mantel anziehen wollte, er geht aus der Gaststube, vorsichtig steigt er ein paar Stufen hinunter. Noch eine Tür – und nun ist Herr von Prackwitz auf der Straße.

Ein feiner Regen fällt. Barhaupt, in einem Grau in Grau gemusterten Anzug steht der Rittmeister draußen und sieht die Straße auf und ab. Wohin soll er gehen? Dann meint er, am Ende der Straße den Tschako eines Schutzmannes blinken zu sehen, achtsam, sehr grade, aber mit ein wenig weichen, unsicheren Knien geht er auf den Schutzmann zu.

Am Ende der Straße angelangt, sieht er, daß der blinkende Schutzmannstschako ein blinkendes Messingbecken ist, das über einem Rasierladen hängt. Der Rittmeister streicht nachdenklich über sein Kinn: die Stoppeln knirschen. Er ist heute früh nicht zum Rasieren gekommen. So tritt er jetzt in den Laden ein.

Der Barbierladen sieht etwas anders aus, als der Rittmeister erwartete: es stehen ein paar Tische und Stühle darin, es gibt keine Spiegel. Aber es ist dem Rittmeister recht, er setzt sich gerne ein wenig. Er stützt den Kopf in die Hand und sofort versinkt er wieder in den trüben See der Trunkenheit.

Nach einer Weile merkt er, daß jemand ihm die Hand auf die Schulter gelegt hat. Er sieht hoch und sagt mit schwerer Zunge in ein bleiches, junges Gesicht hinein: Rasieren, bitte!

Hinter ihm lacht es schallend los, der Rittmeister möchte zornig werden: hat der etwa über ihn gelacht? Er will sich umdrehen.

Der junge Mensch sagt ganz freundlich: Ein bißken einen gekümmelt, wat, Herr Graf? Rasieren möchten Sie sich lassen? Das können Sie nachher auch haben. Jetzt sind Sie erst mal in einer Kneipe ...

Wir rasieren Sie ganz gerne! Wir balbieren Sie liebend gerne über dem Löffel! schreit die freche Stimme hinter dem Rittmeister.

Stille biste! zischt der Bleiche. Herr Graf, hören Sie bloß nicht auf den, der hat ja einen Zacken! Darf ich Ihnen wat zu trinken bringen?

Portwein, murmelte der Rittmeister.

Jawoll, natürlich, Portwein, wird jemacht! Bloß, daß wir hier keinen Portwein haben. Aber der Korn ist erstklassig! Ick darf mir doch auch einen mitbringen? Und für meinen Freund auch? Na also! Wir sind hier so gemütlich ganz unter uns, da können wir doch mal einen schmettern! Herr Wirt, Aujust, drei große Korn, und stell die Flasche man gleich auf den Tisch. Der Herr hat uns eingeladen – nicht wahr, Sie haben uns doch eingeladen, Herr Graf –?

Der Rittmeister sitzt halb schlafend zwischen den beiden. Manchmal fährt er hoch, Tatendrang erfaßt ihn: er muß sein Auto suchen!

Die beiden beruhigen ihn. Gleich werden sie mit ihm suchen gehen, er soll man erst noch einen trinken – Der Korn ist doch knorke, was, Herr Graf?

Der Rittmeister von Prackwitz sinkt wieder in sich zusammen. –

Als der Kellner im Goldenen Hut das Verschwinden seines Gastes bemerkt, beunruhigt er sich nicht sofort. Er wird auf die Toilette gegangen sein, denkt er und beeilt sich, mit seinen Mittagsgästen weiterzukommen. Nachher wird er gleich einmal nachsehen; oft schlafen solche Angetrunkene auf der Toilette ein. Schadet auch nichts, da ist er wenigstens sicher aufgehoben.

Der Kellner serviert eifrig. Er läuft, schleppt Tabletts, bringt Bier, rechnet ab – obwohl heute die Offiziere ausgeblieben sind, geht das Geschäft ausgezeichnet. Sie haben schon über sechzig Tischgäste gehabt – fast nur einzelne Herren, die wohl vom Lande ein bißchen horchen gekommen sind, was eigentlich morgen werden soll. Vielleicht muß man doch noch schnell Anschluß suchen?

Während der Kellner arbeitet, kommt der Arzt. Er wird in den zweiten Stock gewiesen, er findet dort ein junges Mädchen im Bett, das in kurzen Abständen mit einem tierischen Schmerzlaut aufschreit und dabei den Kopf mit geschlossenen Augen hin und her rollt. Das Mädchen am Bett kann dem Arzt keine Auskunft geben, sie weiß nicht, wer die Kranke ist, was ihr fehlt – aber sie wird die Wirtin rufen.

Der Arzt steht allein am Bett der Kranken. Er wartet eine Weile, aber es bleibt alles wie es ist: die Kranke schreit und niemand kommt. Um etwas zu tun, fühlt der Arzt den Puls. Dann spricht er ein paar Worte zu der Kranken, ob sie Schmerzen habe, was ihr passiert sei? Die Kranke hört nicht. Versuchshalber schreit er die Kranke auch an, sie soll still sein, aber sie reagiert nicht, sie hört ihn nicht. Er hält ihr den Kopf fest, der Kopf liegt still zwischen den Händen, aber sobald er ihn losläßt, fängt er wieder an zu rollen und zu schreien.

So zuckt der Arzt die Achseln und stellt sich wartend ans Fenster, das graue Wetter zu betrachten. Der Ausblick ist nicht tröstlich, die Schreie sind nicht tröstlich – außerdem hat der Doktor nach einem schweren Vormittag Hunger. Er findet, die Wirtin könnte endlich kommen.

Endlich kommt sie denn, sie hat schlecht aus ihrer Küche weggekonnt, und auch jetzt ist sie sehr in Eile.

Gott sei Dank, Herr Doktor, daß Sie endlich da sind! Was ist denn mit der Kleinen –?

Genau das, was der Doktor wissen möchte.

Ja, und nun ist der Vater auch verschwunden. Rittmeister von Prackwitz-Neulohe, wissen Sie, der Schwiegersohn von dem alten Geizkragen Teschow, hat drei Flaschen Portwein getrunken und ist völlig duhn in den Regen gelaufen, ohne Hut und Mantel. Ich lasse schon nach ihm suchen. Was es auch alles gibt! An manchen Tagen kommt alles zusammen! Was wollen Sie nun mit der Kleinen machen? Die Mutter ist im Auto unterwegs – in ein, zwei Stunden kann sie hier sein!

Was ist denn mit dem kleinen Fräulein passiert?

Die Wirtin weiß es auch nicht recht, der Kellner wird gerufen –: Mein ganzer Betrieb kommt durcheinander, grade heute muß das passieren, wo wir soviel Tischgäste haben!

Aber der Kellner weiß auch nicht mehr zu sagen, als daß es irgendeine Auseinandersetzung mit einem jungen Mann gegeben hat.

Also eine Liebesgeschichte, sagt der Arzt. Wahrscheinlich ein schwerer Nervenschock. Ich werde die Kleine erst mal schlafen lassen – und dann, wenn die Mutter da ist, komm ich noch mal vorbei ...

Ja, machen Sie nur, daß sie schläft, Herr Doktor! Das Geschrei kann man ja nicht mehr anhören, und ich kann auch nicht immer jemand an ihrem Bett sitzen lassen. Wir haben hier auch unsere Arbeit, wir sind kein Krankenhaus ...

Der Doktor hört sich das an, ähnliches muß er am Tag hundertmal hören. Er wundert sich immer von neuem darüber, daß die Menschen nicht müde werden, dem Arzt zu erzählen, daß sie grade jetzt nicht die geringste Zeit für Krankheiten haben, daß die Krankheit kein erwünschter Gast ist. Aber die Menschen erzählen das ihren Ärzten immer wieder.

Der Arzt zieht in seiner Spritze ein leichtes Schlafmittel auf. Er sticht die Nadel in den Unterarm ein – und die Kranke zuckt zusammen, für einen Augenblick unterbricht sie ihr Geschrei!

Nachdenklich steht der Arzt da, er drückt noch nicht auf den Kolben der Spritze. Dieses Zucken, diese Unterbrechung passen nicht zu so einem schweren Nervenschock. Sie dürfte den leichten Stich gar nicht gespürt haben – sie hat ihn aber gespürt! Also ist sie bei Bewußtsein, sie simuliert nur Bewußtlosigkeit!

Es ist kein junger Arzt mehr, der da an dem Krankenbett von Violet von Prackwitz steht. Es ist ein älterer Mann, er ärgert sich nicht mehr, wenn seine Patienten schwindeln. Er hat soviel Menschen unter den Händen gehabt ach, Menschen, Menschen –! Er hat keine lehrhaften, erzieherischen, moralischen Absichten mehr. Wenn dieses junge Mädchen so schreit, derart in Krankheit und Bewußtlosigkeit flieht, dieses blutjunge Ding aus guter Familie, so muß eine panische Angst es beherrschen vor etwas Bösem. Vielleicht nur vor einer Auseinandersetzung, vielleicht vor etwas Schlimmerem. Der Arzt weiß, wie sehr die Menschen in der Angst vor den dunklen Gaben des Lebens das Nirwana suchen, und er weiß auch, daß ein tiefer, traumloser, alles vergessen machender Schlaf die Kraft schenken kann, vorher Unerträgliches zu ertragen.

Still zieht der Arzt die Spritze aus der Nadel. Er hat der Kleinen zwei, drei Stunden Ruhe schenken wollen, er wird ihr lieber einen langen, tiefen Schlaf geben. Ruhe aus, versäume die schlimme Stunde!

Er zieht eine andere, stärkere Spritze auf. Noch ehe alle Lösung in den Arm gedrungen ist, bricht das Schreien ab. Violet von Prackwitz legt den Kopf auf die Seite, ihr Körper streckt sich, einen Arm schiebt sie unter den Kopf, sie schläft ein.

Es ist kurz nach halb eins.

So, sagt der Arzt zur Wirtin, jetzt wird sie zehn, zwölf Stunden fest schlafen. Also, wenn die Mutter da ist, rufen Sie mich an. Er geht.

Es ist kurz nach halb eins.

Anderthalb Stunden später kommt Herr Finger mit Frau Eva an. Jetzt ist es drei Uhr. Die Essenszeit ist vorüber, die Wirtin hat Zeit, auch der Kellner hat ein wenig Zeit.

Mancherlei bekommt Frau Eva zu hören, von einem unbekannten jungen Mann, von einem ausgeschwenkten Portweinglas, von einer Auseinandersetzung. ›Fritz, ach Fritz!‹ – hat die nun so fest schlafende Tochter gerufen, der Herr Gemahl hat ein bißchen getrunken, auf nüchternen Magen, und nun ist er fort und noch nicht zurück. Nein, er hat nicht hinterlassen, wohin er gegangen ist. Der Arzt meint, es ist ein Nervenschock, er wird gleich angerufen werden ... Ja, Hut und Mantel hat er hängen lassen, zwei Stunden ist er jetzt mindestens weg, ob er vielleicht zu einem Bekannten gegangen ist –?

Bruchstückweise hört Frau von Prackwitz dies, aber einen rechten Vers kann sie sich nicht darauf machen. Sie ist ein tätiger Mensch, ihre Familie ist in einer schlimmen Lage, der Mann angetrunken herumirrend im Regen, die Tochter in einer unbekannten Gefahr, doch tief schlafend – Sie möchte etwas tun, ändern, bessern. Aber sie muß tatenlos neben dem Bett sitzen und auf einen Arzt warten, der natürlich auch nichts sagen kann.

Sie steht am Fenster, sie sieht auf den trostlosen, verregneten Hotelhof, die Teerpappendächer glänzen matt. Der Hausdiener schmiert die Räder seines Packkarrens. Mit unendlicher Langsamkeit, mit Pausen zwischen jedem Handgriff, zieht er ein Rad von der Achse, lehnt es gegen die Wand. Er holt eine Blechbüchse mit Schmiere, stellt sie neben die Achse, sieht die Achse an. Er holt einen flachen Holzspan, nimmt mit dem Span etwas von der Schmiere aus der Büchse, sieht das Zeug an – und fängt langsam an, die Achse einzuschmieren ...

›Und damit vertrödeln wir unser Leben!‹ denkt Frau Eva bitter. ›Es war also doch eine Liebesgeschichte – Fritz, ach Fritz! – Ich habe recht gehabt! Aber was nützt es mir, daß ich recht hatte – und vor allem, was nützt es ihr?‹

Frau Eva dreht sich um, sie betrachtet die Schläferin. Eine stürmische Ungeduld erfüllt sie. Sie möchte die ruhende Tochter bei den Schultern packen, wachrütteln, befragen, raten, beraten, etwas tun! Aber an den matten Schläfen, an dem tiefen, ein wenig rasselnden Atem spürt sie, daß alles Rütteln umsonst wäre, daß Violet sich ihrer Tatkraft, ihrer Ungeduld entzogen hat, genauso wie der einzige, der nun noch Auskunft geben könnte, wie Achim sich ihr entzogen hat.

›Warum ist Studmann nicht hier?‹ denkt sie zornig. ›Wozu ist er verläßlich, wenn er nicht da ist, sobald man seine Verläßlichkeit einmal wirklich braucht? Ich kann nicht herumlaufen in der Stadt, um nach Achim zu suchen, ich kann nicht in jede Kneipe gucken, ich kann nicht einmal die Bekannten anrufen. Vielleicht ist er gar nicht betrunken, und ich blamiere ihn bloß.‹

Aber nun hat sie endlich eine Idee, ihr ist ein Einfall gekommen. Rasch läuft sie die Treppe hinunter, sie gibt dem Chauffeur Finger den Auftrag, langsam durch die Straßen der Stadt zu fahren und nach dem Rittmeister auszuschauen. Vielleicht irrt sie sich, aber ihr scheint, Herr Finger hat sie ein wenig bedenklich angesehen. Sie ist sich noch immer nicht ganz klar darüber, ob Herr Finger ein richtiger Chauffeur oder mehr ein Beauftragter der Lieferfirma ist, der auf den unbezahlten Wagen zu achten hat, und der plötzlich eine Rechnung präsentieren wird. Jedenfalls muß ihm das rittmeisterliche Haus seltsam vorkommen, ein wenig ungeordnet – es ist reichlich viel geschehen in den knapp zwei Tagen, die er bei ihnen ist!

Sie bleibt auf der Hoteltreppe im Regen stehen. Herr Finger nimmt würdig hinter dem Steuer Platz. Der Wagen grollt auf und fährt langsam los – Frau Eva geht zurück ins Hotel. Nun läuft sie die Treppen hinauf, sie hat das Gefühl, oben müsse unterdes etwas geschehen sein, ihr Herz klopft rascher. Ach, wenn doch etwas geschehe, wenn Violet doch aufgewacht wäre! Daß man mit ihr sprechen könnte! Jetzt könnte sie mit ihr sprechen ...

Aber Violet schläft fest.

Jetzt könnte sie mit ihr sprechen, aber es geht nicht. Weio schläft. Ihre Mutter sitzt am Bett, sie sieht das Kind an – sie müßte ihr erzählen können! Frau Eva hat plötzlich begriffen, wieviel sie falsch gemacht hat, sie begreift gar nicht mehr, wie sie zu einer so würdelosen Schnüffelei gekommen ist. Grade dadurch, daß sie ihr nachspionierte, hat sie sich die Tochter fremd und feindlich gemacht. Sie wird nie wieder in diesen Fehler verfallen. Sie hat gelernt, daß ihr Kind jetzt eigene Bezirke hat, in die der Mutter der Eintritt verboten ist. Grade der Mutter, weil sie nicht nur Mutter, sondern auch Frau ist!

Es klopft!

Nun kommt also der Arzt. Es ist ein älterer, hagerer Herr mit merkwürdig blassen Augen hinter einer unmöglichen Nickelbrille, mit recht ungeschickten Manieren, sicher ein Junggeselle. Sie wird schon ungeduldig, wie sie ihn umständlich den Puls prüfen, so zufrieden mit dem Kopf nicken sieht – als sei er der liebe Gott, der diesen Pulsschlag kräftig gemacht hat. Natürlich weiß der Mann gar nichts! Er redet etwas von einem Schock, von der Notwendigkeit, eine längere Zeit zu schlafen, eine Pause einzulegen, auch nach dem Erwachen alles Fragen zu lassen, das verletzte Gemüt des Mädchens zu schonen ...

Was weiß dieser langweilige Kaspar von dem verletzten Gemüt ihrer Tochter! Er hat sie ja nur ohne Besinnung, ohne Bewußtsein gesehen! Nicht einmal mit Achim hat er gesprochen, wie sich nun herausstellt, auch über ihn kann er keinerlei Auskunft geben.

Wie lange wird Violet schlafen? Bis Mitternacht, wahrscheinlich bis zum nächsten Morgen? Wahrhaftig, dies ist das einzige, was dieser Tölpel fertiggebracht hat, ihr die Weio grade in den Stunden, wo sie am meisten mütterliche Liebe gebraucht, zu entziehen!

Kann man das Mädchen wenigstens aus diesem schrecklichen Hotelzimmer heute noch nach Haus bringen? Wann –? Nun, sobald ihr Mann zurück ist! Er hat keine Bedenken? Sie wird auch auf einer Autofahrt nicht erwachen?

Schön, schön, also wir fahren dann, sobald Herr von Prackwitz zurück ist. Ich danke Ihnen, Herr Doktor. Darf ich das Honorar gleich erledigen, oder schicken Sie uns Ihre Liquidation?

Es kommt, gnädige Frau, sagt der Arzt und hat sich ohne Aufforderung gesetzt, alles auf den Augenblick des Erwachens an ...

Er sieht sie freundlich, aber sehr fest an.

Ja, natürlich. Das versteht Frau von Prackwitz auch. Darum will sie Violet ja aus diesem trostlosen Hotelzimmer in die gewohnte freundliche Umgebung bringen!

Vielleicht ist grade das falsch, sagt der Arzt. Vielleicht darf sie nichts Gewohntes sehen, wenn sie aufwacht. Nicht ihr altes Zimmer, kein bekanntes Gesicht – vielleicht nicht einmal Sie, gnädige Frau.

Aber warum glauben Sie denn das, Herr Doktor? ruft Frau von Prackwitz ärgerlich. Ich weiß doch, was geschehen ist. Irgendeine kleine Liebesgeschichte, die meine Tochter tragisch genommen hat. Ich bin kein Moralfex, ich werde ihr nicht die geringsten Vorwürfe machen ...

Eben, eben, lächelt der Arzt. Sie sagen kleine Liebesgeschichte – und das Fräulein verliert darüber fast den Verstand. Das sind zwei Welten, gnädige Frau, zwei ganz verschiedene Welten, die sich nie verstehen können ...

Violet wird darüber wegkommen ... fängt Frau von Prackwitz an.

Aber der Arzt unterbricht sie ganz formlos: Ich habe seit heute mittag darüber nachdenken müssen, gnädige Frau, vielleicht habe ich einen Fehler gemacht. Ich hätte heute mittag vor der Spritze das kleine Fräulein sprechen lassen müssen. Sie war nicht bewußtlos, nein, gnädige Frau, sie war es nicht, sie hat Bewußtlosigkeit nur simuliert ... Sie hat irgend etwas Schreckliches erlebt, aber sie hat noch mehr Angst vor etwas Schrecklichem, das sie erleben soll. – Verzeihen Sie, gnädige Frau, sagt der Arzt. Natürlich kann ich mich irren. Ich habe es mir zurechtgelegt, es kann so sein, einige Wahrscheinlichkeit spricht dafür. Sie spielt die Bewußtlose, sie denkt, das Unheil geht dann an ihr vorüber. – Vielleicht gibt es auch eine Frist für dieses Unheil, wir wissen ja nichts ...

Aber was soll denn jetzt noch für Unheil kommen?! ruft Frau von Prackwitz recht ärgerlich aus. Der Kerl hat sie sitzenlassen, das habe ich mir schon lange gedacht. Hier hat sie ihn zufällig wiedergetroffen, er hat eine Auseinandersetzung mit meinem Mann gehabt. Der Bursche hat sich als Lump erwiesen, sonst hätte ihm mein Mann den Wein nicht ins Gesicht gegossen. Das alles hat sie namenlos aufgeregt. Sie hat einen Nervenzusammenbruch gehabt – schön, oder vielmehr schlimm genug –, aber was soll denn nun noch für Unheil kommen?

Das ist ja eben, was wir nicht wissen, gnädige Frau, und was wir wahrscheinlich auch nicht wissen sollen. – Sehen Sie, sagt der Arzt überredend, denn Frau Eva bleibt bei all seinen Worten ungläubig und ablehnend, wenn es so wäre, wie Sie annehmen, so müßte das kleine Fräulein ja eigentlich erleichtert gewesen sein nach dieser Auseinandersetzung. Daß der Vater, und damit die Eltern, nun endlich ihr Geheimnis kannten, mußte sie doch eher erleichtern. – Warum verstellt sich denn ein so junges Ding noch, warum greift es zu so einem doch ganz fernliegenden Mittel?

Aber Sie nehmen doch nur an, daß Violet sich verstellt hat, Herr Doktor. Sie haben doch nicht mit ihr geredet.

Nein, das habe ich leider nicht getan. Es ist alles bloß eine Annahme, da haben Sie recht, gnädige Frau.

Nun gut, und was würden Sie denn raten zu tun?

Geben Sie Ihre Tochter in das hiesige Krankenhaus, da wäre sie gut aufgehoben, wahrscheinlich fühlt sie sich dort sicher. Wenn sie aufwacht, wenn sie nach Ihnen verlangt, können Sie in zehn Minuten bei ihr sein. Wenn sie nach Hause will – es kann sofort geschehen.

Frau von Prackwitz sah den Arzt nachdenklich an. Sie dachte nicht über den Vorschlag des Arztes nach, dafür fand sie ihn viel zu töricht. Sie kannte doch ihre Violet, ein paar Worte, und alles würde zwischen Tochter und Mutter wieder in Ordnung sein. Natürlich würde sie Violets Geheimnis achten, ganz von Frau zu Frau – sie hatte sich das schon ohne all dieses Gerede von Unheil und größerem Unheil fest vorgenommen. Nein, wenn Frau Eva jetzt nachdachte, dachte sie darüber nach, warum ihr dieser Arzt wohl solch einen Vorschlag machte, hinter dem etwas anderes stecken mußte.

Leichthin fragte sie: Und Sie würden unsere Violet auch im hiesigen Krankenhaus behandeln?

Ahnungslos sagte der Arzt: Wenn Sie es wünschen, gnädige Frau, sehe ich natürlich dann und wann nach ihr.

Für Frau Eva ist die Sache klar: dieser kleine Kassenarzt hat Geld gewittert, er warnt vor Unheil, um eine lange, kostspielige Behandlung zu rechtfertigen. Sie steht auf: Also ich danke Ihnen sehr, Herr Doktor. Ich werde Ihren Vorschlag mit Herrn von Prackwitz besprechen. Wenn wir darauf zurückkommen sollten, geben wir Ihnen noch Nachricht ...

Sie steht da, ganz kühle Abweisung – keiner kann aus seiner Haut. Sie ist sonst eine recht vernünftige, klar sehende Frau, aber im Augenblick ist sie nur die Tochter des reichen Mannes. Sie mißtraut den Beweggründen all derer, die gezwungen sind, um ihren Lebensunterhalt für Geld etwas zu tun. ›Er will ja bloß Geld verdienen‹, dieser törichte Satz macht aus einem weise besorgten Rat ein eigennütziges, niedriges Geschäft.

Und endlich versteht sie auch der alte Mann. Eine kleine Röte steigt in seine dünnen Backen, er macht eine hilflose Verbeugung, er tritt noch einmal an das Bett. Er kann nichts mehr tun. Er hat ihr ein bißchen Schlaf geben können, aber was nach dem Schlaf kommt, das hat er ihr nicht leichter machen dürfen. So ist es auf dieser Welt: mit gebundenen Händen sieht der Hilfreiche die Verdammten, die Unglücklichen, die Gefährdeten ihre Wege gehen. Er kann bloß warnen. Aber seine Stimme verhallt zwischen Gelächter und Todesgeschrei, unbeachtet steht er am Wege ...

Sehr behutsam bei dem Erwachen ... sagt er noch einmal und geht.

Unruhig wandert Frau von Prackwitz im Zimmer auf und ab, hin und her. Wo Achim bleibt? Und keine Nachricht von dem Chauffeur Finger. Nun ist es bald vier, fast eine Stunde sitzt sie schon in diesem elenden Hotelzimmer. Um irgend etwas zu tun, geht sie hinunter an das Telefon. Sie kann zwar nicht sprechen, wie sie möchte, denn das Telefon hängt offen an der Wand, aber es tut schon gut, die ruhige, ein wenig langsame Stimme des jungen Pagel zu hören ...

Jawohl, alles ist soweit in Ordnung. Das Auto mit den Herren ist längst abgefahren. Jawohl, Redereien -. die Unterschrift der Protokolle habe er verweigert, er sei nicht bevollmächtigt, na ja! Sie hätten eben so abfahren müssen. – Übrigens noch eines, es werde die gnädige Frau amüsieren: Amanda Bades, sie wisse doch, die Geflügelmamsell, sie habe dem kleinen Meier vor versammelten Herren ein paar Ohrfeigen gelangt. Mit dem Ruf ›Verräter!‹ Nein, nichts sei erfolgt, keiner der Herren habe für Meier die Hand gerührt. – Jawohl, ausgezeichnet, ganz ausgezeichnet. In ihrer Art eine famose Person, ein Stück Pöbel, aber großartig ... Wie es dem gnädigen Fräulein übrigens gehe –?

Nicht gut? Oh! – Jawohl, das werde er machen, auch heizen lassen, den Badeofen auch, jawohl. Er vergesse es nicht. – Nein, mit den Mädchen sei es diesmal kein Problem, die Weiber seien alle gerade klatschnaß vom Kartoffelbuddeln heimgekommen – hier regne es jetzt sehr stark. – Er werde sich drei oder vier von den geeignetsten aussuchen und mit ihnen persönlich die Villa saubermachen ...

Ein famoser Junge. Beinahe lächelnd hängt Frau von Prackwitz das Telefon wieder an. Sie bestellt sich, ehe sie hinaufgeht, noch einen Kaffee. Ja, bitte aufs Zimmer. Und nun wieder zurück. Aber genau wie vorhin überkommt sie auf der Treppe ein Angstgefühl, ihr Herz klopft schneller. Was ist mit Violet geschehen? Sie läuft; ihre Röcke schlagen gegen ihre Knie, so läuft sie.

Aber dann im Zimmer unverändert, ohne Bewegung die tief Schlafende.

Die Angst fällt ab, eine trübe Verzweiflung tritt an ihre Stelle. Als kehrte man zu einer Gestorbenen zurück, denkt sie plötzlich. Sie macht sich wieder an das qualvolle Warten.

Frau Eva weiß noch nicht, wie gut es sein kann, zu einer Gestorbenen zurückzukehren.

8

Was soll denn das?! ruft der Leutnant empört. Sie sind mir wohl nachgelaufen? Sie möchten mich wohl verhaften –?

Reden Sie doch keinen Unsinn, Mann, sagt der Dicke ruhig. Wie kann ich Sie denn verhaften? Wir sind doch nicht legal.

Bin ich jetzt schon ein Mann, kein Leutnant mehr? fragt der Leutnant höhnisch. Was wollen Sie also von mir?

Zu Beispiel gerne wissen, was Sie hier ausgerichtet haben?

Ich werde schon Herrn Richter darüber Bericht erstatten, sagt der Leutnant höhnisch. Alles wie befohlen.

Ich habe mir so gedacht, entgegnet der Dicke, daß Sie es vielleicht vergessen könnten. Darum bin ich Ihnen entgegengegangen.

Warum soll ich das vergessen? Ich habe in meinem Dienst noch nie was vergessen.

Ich habe es eben gedacht, meint der Dicke entschuldigend. Weil wir nämlich jetzt die Nachricht haben, welches Waffenlager ausgehoben ist.

Er bleibt stehen, aber nur, weil der Leutnant auch stehengeblieben ist. Er richtet seinen kalten, erbarmungslosen Blick auf den Leutnant, er sagt sehr leise: Na, Sie wissen schon, Freundchen. Sie haben es schon drinnen gewußt beim Herrn Richter: Ihres ist es.

Ich habe es nicht gewußt! schreit der Leutnant fast.

Ruhig, ruhig, Freundchen, sagt der Dicke und legt ihm die Hand auf die Schulter. Aber nicht beruhigend, sondern so, daß der Leutnant merkt, der andere hat Kräfte wie ein Ochs. Es fragt sich nun nur, ob Sie mir erzählen wollen, wer geschwatzt hat. Ach, sagen Sie nichts, meint er überlegen. Sie kennen ihn oder Sie kennen sie, und wir möchten nun auch gerne Bescheid wissen. Für die Zukunft, verstehen sie?

Ich weiß nichts, leugnet der Leutnant hartnäckig.

Reden Sie nicht! Der ehemalige Inspektor Meier aus Neulohe hat im Wagen von der Kontrollkommission gesessen, und der hat den Schnüfflern das Waffenlager gezeigt – das wissen wir nun auch. Machen Sie doch keine Geschichten, Mensch. Sie erzählen es mir doch nicht, damit ich einen Vorteil davon habe, sondern für Ihre früheren Kameraden, daß die nicht noch einmal reinfallen.

Den Leutnant überläuft es, wie der da von seinen ›früheren Kameraden‹ spricht, aber er packt den Stier bei den Hörnern, er erklärt trotzig: Ich hab gesagt, ich steh für das Waffenlager mit meinem Leben ein. Und wenn es wirklich futsch ist, tu ich, was ich gesagt hab.

Mein Lieber, lächelt der andere und legt ihm wiederum die Hand auf die Schulter, aber nur sachte – und doch erzittert der Leutnant. Mein Lieber, bilden Sie sich doch nichts ein, Sie sind erledigt, so oder so. Sie haben Mist gemacht, Sie haben gelogen – nein, Freundchen, Sie sind futsch ...

Er sieht den Leutnant mit seinem gefrorenen Blick an. Der Leutnant bewegt die weißen, dünnen Lippen, aber er bringt kein Wort heraus.

Nein, wiederholt der Dicke und nimmt die Hand zurück. Um Sie handelt es sich nicht mehr, es handelt sich um die andern. Die wollen wir kennen ...

Sie wissen ja doch alles, sagt der Leutnant mühsam. Sie sagen, der kleine Meier hat im Auto gesessen – da kennen Sie doch den Verräter!

Es gibt ein Verbindungsglied zwischen Ihnen und dem Verräter, das müssen wir kennenlernen.

Ich bin kein Verräter! ruft der Leutnant.

Habe ich das gesagt? fragt der Dicke gleichmütig. Glauben Sie, ich hätte Sie aus der Stube beim Richter gelassen, wenn Sie ein Verräter wären –? Nein, Sie sind bloß ein Windhund – und eine Art von Ehre haben Sie schon noch im Leibe ... Trotzdem es ein besonderes Ding von Ehre sein muß – denn Sie haben bei Ihrer Ehre geschworen, das Waffenlager wäre sicher, und da wußten Sie schon, es war hops.

Ich habe es nicht gewußt! ruft der Leutnant verzweifelt.

Sie sind feige und dumm. Sie sollten nicht soviel an sich denken, Herr. Es ist gar nicht so wichtig, ob Sie leben. Geben Sie Ihrem Herzen einen Stoß und sagen Sie mir alles, was Sie wissen.

Er bleibt stehen, er richtet seinen kalten Blick auf den Leutnant.

Der Leutnant scheint nachzudenken, aber dann sagt er bloß: Warten Sie einen Augenblick. Ich gehe hier mal rein.

Er geht in die kleine Kneipe, vor der sie gerade stehen. Aber der Dicke wartet nicht, er geht ihm nach, er hört zu, wie der Leutnant sagt: Hören Sie, Herr Wirt, hier ist Ihre Windjacke wieder. Ich habe sie schon ausgebraucht. Geben Sie mir meine Lumpen zurück.

Aber so eilig wäre es doch nicht gewesen, Herr Leutnant. Herr Leutnant können doch nicht in der schmutzigen Jacke gehen! Warten Sie wenigstens, bis meine Frau sie ein bißchen ausgebürstet hat ...

Geben Sie mir meinen Lappen zurück, beharrt der Leutnant. Und während er die Windjacke wechselt, flüstert er leise: Ich würde sie meinen Jungen morgen doch nicht anziehen lassen, nein!

Des Wirtes Augen werden töricht vor Erstaunen.

Wiedersehn und danke schön, Herr Wirt, sagt der Leutnant und geht wieder aus der Kneipe.

Immer Theater, sagt der Dicke mißbilligend. Auf die Windjacke wäre es nun auch nicht angekommen. Sie werden in Ihrem Leben schon mehr verdorben haben als eine Windjacke. Aber edel vor sich dastehen, ja, das möchten alle. Ich habe noch keinen Mörder getroffen, der gesagt hat, er hat wegen Geld gemordet. Eigentlich hatten alle eine edle Entschuldigung ...

Hören Sie! schreit der Leutnant. Wenn Sie mir schon nachlaufen, halten Sie Ihre Schnauze! Oder ...

Oder was –? sagt der andere drohend, legt seine Hand um den Oberarm des Leutnants und drückt ihn zusammen. Der Druck verstärkt sich mehr und mehr, er scheint alle Muskeln zu zerdrücken, die Adern wollen platzen. Der Leutnant muß die Zähne zusammenbeißen, um nicht zu schreien.

Ich weiß, Sie haben eine Pistole in der Hosentasche. Versuchen Sie es, holen Sie das Ding doch raus, wenn ich nicht will.

Nein, der Leutnant versucht es nicht einmal, dieser fürchterliche Griff zermürbt auch noch das Gefühl von Kampfkraft, das er immer gehabt hat.

Der Dicke läßt den Arm los, er sagt gleichmütig: Im übrigen laufe ich Ihnen nicht nach, sondern ich bringe Sie.

Und wohin bringen Sie mich?

In den Goldenen Hut. Ich nehme Ihren Vorschlag an. Wir wollen einmal Herrn von Prackwitz und seine Tochter wegen des Waffenlagers befragen. Besonders seine Tochter.

Nein! ruft der Leutnant und bleibt stehen.

Warum nein? fragt der Dicke. Sie haben es selbst vorgeschlagen, Herr Leutnant!

Ich stehe nicht wie ein Angeklagter – grade vor diesen Leuten!

Die Sie nur vom Sehen kennen. Der Dicke lacht. Sie sind recht aufgeregt, junger Mann, bei der Aussicht, mit mir zu Fräulein von Prackwitz zu gehen?

Das Fräulein von Prackwitz kann mir – schreit der Leutnant.

Richtig! lacht der Kriminalist. Genau, was ich annahm, Leutnant. Sie haben einen kleinen Privathaß auf das Fräulein – warum wohl?

Das Fräulein ist mir ganz gleichgültig.

Selbst jetzt, wo Sie sich zusammennehmen, können Sie nicht von ihr sprechen, ohne daß Ihr Gesicht zuckt. – Also, wie ist es, Leutnant, Goldener Hut oder stille Beichte?

Goldener Hut, sagt der Leutnant entschlossen.

Sie mußten längst fortgefahren sein, wie sollten sie dort noch immer sitzen, jetzt, zwei, drei Stunden später? Nach dem Auftritt! Sie war geflohen, sie hatte ein Ansehen zu bewahren – aber selbst wenn sie nicht geflohen waren, vor die Augen von Vater und Tochter würde sich der Leutnant von diesem dicken Kriminalisten nicht führen lassen.

Er würde schon eine Gelegenheit finden zu fliehen, er würde sich nicht noch das Letzte nehmen lassen: seine Rache an ihr, aus freiem Willen. Er wollte nicht gerichtet sein – er wollte sie richten!

An etwas klammert sich der Mensch, ehe er zum Sterben geht, besonders, wenn er noch jung ist. Ehe er von dieser Erde scheidet, möchte er wissen, daß er nicht spurlos ausgewischt ist von der großen Schiefertafel des Daseins. Der Leutnant hatte keine Kinder, er hatte nichts zu vererben, an niemanden war ein Abschiedsbrief zu schreiben. Ausgelöscht würde er sein, als sei er nie gegangen über diese Erde. Lebend noch unter den Lebenden, waren schon abgefallen von ihm Ehre und Ziel, Selbstbewußtsein und Manneskraft. Aber –:

Verweile doch, du bist so schön! Noch immer so schön! Da ist das weiße, in der Lust zergehende Gesicht, das du nie hast lieben können, nun kannst du es doch hassen. Hinter der Stirn liegt ein Hirn, in das du dich einschreiben wirst, so lange es denkt. In der Brust klopft ein Herz, dessen Schlag angstvoll wird beim Gedanken an dich – noch in dreißig Jahren, wenn nichts mehr von dir da sein wird auf diesem Stern. Kleine Ewigkeit des Gestorbenen in jener, die noch wandelt im Licht; Spuren des Vergangenen in der Überdauernden!

Zum erstenmal gehen die beiden schweigsam nebeneinander, der Leutnant die Hände in den Taschen, mit einem rachsüchtigen Lächeln; der Kriminalist mit dem wachsamen Ausdruck im kalten Blick eines Hundes, der die Spur wittert.

Aber erst einmal hat der dicke Mann kein Glück. Der Kellner, der einen argwöhnischen, fast bösen Blick auf den Leutnant wirft, teilt mit, daß Herr von Prackwitz fortgegangen und daß das gnädige Fräulein erkrankt ist. Nein, nein, unmöglich sie zu sehen. Der Arzt war schon da, das gnädige Fräulein ist bewußtlos ...

Der Kellner dreht sich um, er fragt nicht einmal nach den Wünschen dieser Gäste. Bestimmt legt er auf ihr Bleiben keinen Wert, er geht wieder an seine Arbeit.

Etwas höhnisch fragt der Leutnant: Und was wird nun?

Eine Spur gereizt sagt der andere: Sie fragen ein bißchen zu höhnisch. Sie verraten damit, wie froh Sie sind, daß aus dieser Unterhaltung noch nichts geworden ist. Nun, wir werden einfach hier auf Herrn von Prackwitz warten. Kellner, ein Helles!

Der Leutnant ist entschlossen, nicht auf den Rittmeister zu warten, er hat sich einen Plan zurechtgemacht.

Hören Sie zu, sagt er. Ich habe noch ein bißchen Geld in der Tasche, das mir gehört. Ich möchte das einem Mädchen schenken. Gehen wir rasch einmal dort hin, es dauert keine halbe Stunde.

Dem Mädchen beim Obersten –? Das hätten Sie vorhin besorgen können. Was hat sie Ihnen übrigens erzählt –? Ober, ein Helles!

Gar nichts! antwortet der Leutnant bereitwillig. Sie hatte eine Wut auf mich, weil ich nur käme, wenn ich etwas hören wollte. Wir wären Schisser, und unser Putsch wäre auch Scheiße, irgend so etwas hat sie gesagt. Aber ich meinte jetzt ein anderes Mädchen, in der Neustadt.

Schisser und Scheiße, das ist schon alles mögliche, meint der Dicke. Das hat sie nicht aus sich, darum ist sie wahrscheinlich auch wütend auf Sie gewesen. Solche Weiber werden immer wütend auf ihren Kerl, wenn irgendein Idiot schlecht von ihm spricht. – Ob der Kellner mir kein Bier bringen will? Herr Ober, ein Helles!

Lassen Sie Ihr Bier! bittet der Leutnant, lassen Sie mich jetzt zu dem Mädchen gehen. Es dauert keine halbe Stunde – hinterher treffen wir den Herrn von Prackwitz immer noch.

Der Ober setzt das Glas Bier hin. Zwanzig Millionen! sagt er unhöflich.

Zwanzig Millionen! entrüstet sich der Dicke. Was habt ihr denn hier für Helles –?! Überall kostet es dreizehn Millionen.

Seit heute mittag. Der Dollar kommt jetzt mit 242 Millionen!

So, knurrt der Dicke unzufrieden und zahlt. Hätte ich das gewußt, hätte ich mir kein Bier gekauft. 242 Millionen! Sie sehen, was das für einen Zweck hat, dem Mädchen Geld zu geben, davon wird sie auch nicht glücklich. Alles bloß Theater!

Ich habe da auch noch Briefe liegen, die ich wegholen möchte.

Briefe! Was denn für Briefe? Sie wollen bloß weg.

Also schön, bleiben wir sitzen. Dann trinke ich eben für mein Geld 'ne Flasche Wein. – Ober ...

Halt! sagt der Dicke. Wo ist das?

Was –?

Wo das Mädchen wohnt?

In der Neustadt, Festungspromenade. Keine zwanzig Minuten hin.

Vorhin haben Sie gesagt, keine halbe Stunde hin und zurück. Was sind denn das für Briefe? Liebesbriefe?

Ich werde meine Liebesbriefe bei einem Mädchen aufheben, was?

Also gehen wir, sagte der Dicke, trank aus und stand auf. Aber das sage ich Ihnen, wenn Sie mir Geschichten machen, wie vorhin bei der Kaserne ...

Das haben Sie also auch gesehen –?

Ich stoß Sie nicht bloß vor die Brust – ich nehme den Bauch, daß Sie nie wieder grade gehen können!

Etwas flammt auf in dem eiskalten Blick, drohend wird der Leutnant angesehen. Aber diesmal wirkt es nicht auf ihn, er lächelt bloß.

Ich mache schon keine Geschichten, sagt er beruhigend. Und übrigens habe ich, scheint mir, nicht mehr viel grade zu gehen, wie? Drohen hat bei so einem wie ich eigentlich wenig Zweck, was?

Der Dicke zuckt die Achseln, aber er schweigt, und schweigend gehen die beiden nebeneinander durch die verregneten, menschenleeren Straßen der Stadt.

Der Leutnant möchte überlegen, wie er von seinem Peiniger loskommt, er weiß von keinem Mädchen, er weiß nichts von Briefen in der Neustadt. Aber er hat gedacht, hier draußen müßte es leichter sein, auszureißen, irgendwie diesen Schnüffler abzuschütteln, um das zu tun, was getan werden muß, ohne neue Demütigung, ohne quälende Aufsicht. (Werde ich denn auch wirklich Mut genug haben – dafür?)

Aber es wird nicht so leicht sein, diesen Wachhund zu täuschen. Obwohl der Mann anscheinend ganz gleichgültig neben ihm herschlendert, der Leutnant weiß wohl, was diese Hand immer in der Hosentasche bedeutet. Er weiß, warum der andere so nahe neben ihm geht, daß bei jedem Schritt Schulter die Schulter streift. Macht er nur die geringste überraschende Bewegung, die Faust des andern wird nach ihm langen, mit diesem zermürbenden, mutlos machenden Griff. Oder aber es wird ein-, zweimal knallen, hier mitten auf den Straßen der Stadt, und dann wird wieder etwas über einen ›Fememord‹ in den Zeitungen stehen.

›Nicht so! Nicht so!‹ denkt der Leutnant fieberhaft aufgeregt, und er versucht, sich die Ortsverhältnisse aller Kneipen auf ihrem Weg vorzustellen, wo etwa die Möglichkeit besteht, von den Toiletten über den Hof zu entkommen. Aber er kann sich nicht auf seine Aufgabe konzentrieren, so sehr er sein Hirn zwingen will, es verweigert ihm den Dienst ...

Immer wieder kommt ihm das Bild von Violet von Prackwitz dazwischen, sie liegt bewußtlos, hat der Kellner gesagt. Eine grimmige Freude erfüllt ihn –:

›Jetzt liegst du schon bewußtlos – von meinen bißchen Drohungen. Aber du sollst erst sehen, wie dir dieses Leben schmecken wird, wenn ich meine Drohung wahrgemacht habe ... Ach, ich will an die Kneipen denken. Also, jetzt kommen wir gleich an der Feuerkugel vorbei ...‹

Ach, der Leutnant, der Leutnant – er ist wie getränkt von diesem Mädchen! Jetzt, knapp vor seinem Tode bekommt der Flüchtige noch einen Lebensinhalt, dieser Mann der hundert Weibergeschichten, der nie geliebt hat, entdeckt den Haß – ein Gefühl, für das zu leben sich lohnt! Er malt sich aus, wie es sein wird, wenn sie ihn sieht, er meint, in seinen Ohren ihre Schreie zu hören. Sie muß ja dazukommen, es kann gar nicht anders sein, er wünscht es zu stark. ›Die Wünsche der Sterbenden gehen in Erfüllung‹, denkt er – und fährt zusammen.

Was ist los?! fragt der Dicke völlig wach.

›Die Wünsche der Sterbenden gehen in Erfüllung‹, denkt der Leutnant wiederum, von einer starken Freude erfüllt. Und sagt laut: Da, der Herr von Prackwitz! Und boshaft: Sie wollten ihn ja wohl sprechen. Bitte sehr!

Ihr Weg nach der Neustadt hat die beiden in die alten, längst geschleiften, viel zu eng gewordenen Festungsanlagen geführt. Die Stadtväter haben aus Wall und Graben eine Promenade für die Bürger geschaffen. Da, wo sie jetzt gehen, ist Festungsgraben, steil steigen rechts und links die Wälle, mit Bäumen und Gebüsch bestanden, empor. Die beiden sind um eine Biegung gekommen, sie übersehen ein Stück Weg, eine einsame, abgelegene Stelle.

An dem Weg steht eine Bank, eine regentriefende Bank. Auf der Bank hockt der Rittmeister von Prackwitz. Jawohl, da hockt er, aber er wacht nicht, sein Kopf hängt tief auf die Brust, er schläft den bewußtlosen, röchelnden Schlaf des völlig Betrunkenen. Von Zeit zu Zeit, wenn der Atem zu hinderlich röchelt, gibt der Kopf sich einen Ruck, er richtet sich fast grade auf und sinkt dann langsam, stoßweise doch wieder erst auf eine Schulter, dann auf die Brust zurück ...

Es ist ein kläglicher Anblick, es ist ein beschämender Anblick, den der Herr von Prackwitz bietet – die beiden Beschauer stehen einen Augenblick stumm, still. Der Rittmeister ist ja nicht umsonst in diesem einsamen Anlagenwinkel auf der Suche nach seinem Auto gelandet – er ist hierher verschleppt worden, er ist hier ausgeplündert worden!

Die sind wie die Aasgeier! ruft der Dicke wütend. Das Gesindel wittert seine Beute immer noch schneller als wir.

Und er wirft einen raschen, argwöhnischen Blick die Wälle hoch.

Aber kein Zweig knackt in den Büschen, kein flüchtiger Fuß läßt einen Stein die Abhänge hinabrollen. Sie sind längst fort mit ihrer Beute, die Geier. Ausgeraubt, ausgezogen bis auf die Unterwäsche, eine lächerlich-beweinenswerte Figur, schläft der Rittmeister Joachim von Prackwitz-Neulohe seinen betrunkenen Schlaf im Nieselregen. Zu schwach, zu schwach – an den Widerständen, an den Widrigkeiten, die die Kraft des Starken anfachen, zerbricht er, flieht in das Nirwana, in die schmutzigen Betäubungen des Alkohols um wie zu erwachen?!

Sie wollten den Herrn ja wohl sprechen?! höhnt der Leutnant noch einmal.

Und innerlich frohlockend: ›Die Wünsche des Sterbenden erfüllen sich! Wie wirst erst du entwürdigt werden, da es schon deinem Vater so ergeht.‹

Verdammte Schweinerei! wütet der Dicke und läßt kein Auge von dem Leutnant.

Er ist genau in der Lage jenes Fährmannes, der einen Wolf, eine Ziege und einen Kohlkopf übersetzen soll – und in seinem kleinen Nachen hat immer nur eines von den dreien Platz. Er kann auf den Leutnant aufpassen oder er kann dem Rittmeister helfen – beides wird sich kaum vereinigen lassen.

Lassen Sie den Herrn von Prackwitz nur sitzen, rät der Leutnant boshaft. Es hat keiner gesehen, daß wir ihn hier gefunden haben. Und ich, ich werde ja meinen Mund halten müssen.

Der Dicke antwortet nicht, er steht nachdenklich da. Leutnant! sagt er dann eifrig. Geben Sie sich einen Stoß! Sagen Sie mir, wer das Waffenlager verquatscht hat – und ich lasse Sie laufen.

Der Leutnant sagt zögernd: Es ist allein meine Sache. Ich will nicht, daß irgend jemand anders seine Nase darein steckt. Aber ich gebe Ihnen mein heiliges Ehrenwort darauf, daß alles bloß blöder Weiberklatsch und Tratsch war, kein böser Wille ...

Der Dicke steht nachdenklich da. Ich muß die Namen wissen, sagt er dann. Es ist nicht nur das Fräulein von Prackwitz gewesen ...

Es ist nicht das Fräulein von Prackwitz gewesen –! ruft der Leutnant hastig.

Er bekommt einen fürchterlichen Schlag in die Magengrube. Der Dicke ist über ihm wie ein plötzlich losbrechendes Gewitter. Vor einem Hagel von Schlägen kommt er überhaupt nicht zur Gegenwehr. Er ist am Boden, ehe er sich noch besonnen hat. Der andere greift in seine Tasche, er zieht die Pistole heraus. Er schimpft: Ungesichert in der Hose – Ihr seid Scheißkerle! So, mein Jungchen, nun tu, was du nicht lassen kannst, ohne Waffe! – Aber ich habe dich wieder, ehe du denkst ...

Der Leutnant liegt am Boden, er kann nicht einmal antworten. Der ganze Leib schmerzt ihn, aber viel schlimmer ist die wütende Verzweiflung. Dieser Dicke, dieser erbarmungslose, brutale Koloß – er ist schon an der Bank, er hat schon den Rittmeister auf den Armen ...

›Ich muß auf! Ich muß fort ...‹ denkt der Leutnant.

Im Vorüberlaufen versetzt ihm der Dicke noch einen fürchterlichen Tritt in die Seite, er meint ihn lachen, ihn kichern zu hören im Forteilen ...

›Er will mich zu Schanden machen, daß ich ihm nicht fortlaufen kann‹, denkt der Leutnant – und ist allein.

Er liegt da, er wartet auf das Wiederkommen der Kräfte, auf ein bißchen Atem, auf die Segnung eines Entschlusses ...

›Es ist meine letzte Chance‹, denkt er. ›Ich muß ja fort, in den Schwarzen Grund, in den Schwarzen Grund. – Aber ich habe keine Waffe – von den Kameraden gibt mir keiner eine. Die wissen alle schon Bescheid ... Ach, ich muß ja fort ...!‹

Taumelnd erhebt er sich, der zweite Niederschlag an diesem Tage, aber der zweite war der schlimmere.

›Ich darf nicht so schleichen, ich muß schnell gehen, ich muß laufen‹, flüstert er zu sich und bleibt stehen, hält sich an einem Baum fest. Sein ganzes Gesicht brennt wie blutiges, offenes Fleisch. ›Ich kann doch nicht so in die Stadt, ich muß schlimm aussehen, er hat mich schrecklich zugerichtet, dieses brutale Schwein! Das hat er grade gewollt!‹

Er weint fast vor Mitleid mit sich, er weint fast, weil es so feige ist, zu weinen. Er stöhnt: ›O mein Gott, mein Gott, ich will ja gerne sterben. Warum lassen sie mich denn nicht in Ruhe sterben ...?! Hilft mir denn kein einziger, mein Gott?!‹

Eine Weile später merkt er, daß er wieder geht. Er ist schon aus den Anlagen heraus, er ist in den Stadtstraßen.

›Aber ich muß viel schneller gehen‹, denkt es in ihm. ›Der erwischt mich bestimmt, spätestens in meinem Gasthof. Ja, glotz nur, du Affe, so sieht einer aus, den sie vertrimmt haben!‹

Und laut, herausfordernd, krakeelig wie ein Betrunkener: Glotz nur, Affe!

Guten Tag, Herr Leutnant, sagt eine höfliche, eine sehr höfliche Stimme zu ihm. Herr Leutnant erinnern sich meiner vielleicht nicht mehr –?

Durch den Nebel aus Schmerz und Betäubung versucht der Leutnant das Gesicht zu erkennen. In all seiner schmachvollen Entwürdigung berührt ihn die höfliche, kühle, leidenschaftslose Stimme angenehm. Ihm ist, als habe seit Ewigkeiten kein Mensch mehr so zu ihm gesprochen.

Räder, hilft ihm der andere. Mein Name ist Hubert Räder. Ich war der Diener in Neulohe – nicht beim Geheimrat, bei den jungen Leuten, dem Rittmeister ...

Ach, Sie sind der, ruft der Leutnant, fast erfreut aus, der mir damals nicht auf die Kastanie geholfen hat. Jawohl, ich weiß noch ...

Jetzt aber würde ich dem Herrn Leutnant gerne behilflich sein. Wie bereits gesagt, ich bin nicht mehr Diener in Neulohe. Herr Leutnant sehen aus, als wenn Sie Hilfe brauchten ...

Ja, murmelt der Leutnant. Ich bin gefallen. Er überlegt: Ich bin überfallen worden.

Wenn ich Herrn Leutnant irgendwie zu Diensten sein kann –?

Hauen Sie ab, Mensch, belästigen Sie mich nicht! schreit der Leutnant plötzlich. Ich will nichts mit euch Leuten aus Neulohe zu tun haben – ihr bringt mir alle Unglück!

Und er versucht schneller zu gehen, um von seinem Begleiter loszukommen.

Aber Herr Leutnant! sagt die ruhige, leidenschaftslose Stimme neben ihm. Ich bin doch nicht aus Neulohe. Und, wie gesagt, ich bin dort auch nicht mehr tätig, kurz gesagt, man hat mich hinausgeworfen ...

Der Leutnant bleibt plötzlich stehen. Wer hat Sie rausgeworfen? fragt er.

Der Herr Rittmeister, Herr Leutnant, sagt der andere. Herr Rittmeister hat mich engagiert und Herr Rittmeister hat mich auch hinausgeworfen – sonst wäre doch niemand gesetzlich dazu berechtigt gewesen.

Er sagt dies mit einer gewissen albernen Genugtuung. Der Leutnant versucht, das Gesicht vor sich zu erkennen, eine Erinnerung kommt ihm: Violet hat ihm von diesem Diener erzählt, einem eingebildeten Dummkopf.

Warum sind Sie denn rausgeworfen worden? fragt der Leutnant wieder.

Das gnädige Fräulein hat es so gewünscht, berichtet der Diener kurz. Ich habe dem gnädigen Fräulein von Anfang an nicht zugesagt. Es gibt eben solche Antipathien – ich habe es in einem Buch gelesen, wissenschaftlich heißen sie Idio-syn-kra-si-en!

Wieder fährt dem Leutnant der Satz durch den Kopf: Die Wünsche der Sterbenden gehen in Erfüllung. Er möchte diese so gelegen kommende Hilfe in Anspruch nehmen. Aber irgend etwas in der eigenen Brust warnt ihn, diese Hilfe kommt gar zu gelegen, ein Argwohn ist in ihm wach.

Hören Sie zu, sagt er zu dem Diener, gehen Sie schnell in den Goldenen Hut. Dem Herrn Rittmeister ist ein Unfall zugestoßen. Sie werden dort empfangen werden wie der liebe Heiland – wieder angestellt werden Sie, das Gehalt wird Ihnen verdoppelt, Mensch!

Zum erstenmal trifft den Leutnant voll der trübe graue Blick des Fischauges.

Nein, erklärt der Diener und schüttelt den Kopf. Herr Leutnant verzeihen, aber wir haben schon auf der Dienerschule gelernt, man soll nie auf eine Stelle zurückgehen, von der man einmal fortgegangen ist. Es ist praktisch erprobt, daß dies nicht zweckmäßig ist.

Der Leutnant ist völlig erschöpft. Dann hauen Sie ab, Mensch! sagt er müde. Ich kann keinen Diener brauchen, ich kann keinen Diener bezahlen, lassen Sie mich also in Frieden!

Er geht weiter. Er denkt wieder an den dicken Kriminalisten. Er hat hier soviel Zeit vertrödelt, er hat kaum noch Zeit – und es ist noch so weit bis in seinen Gasthof!

Was wollen Sie denn immer noch?! ruft er ärgerlich zu seinem stummen Begleiter.

Ich möchte Herrn Leutnant gerne behilflich sein, lautet die unerschütterliche Antwort. Der Herr Leutnant brauchen Hilfe.

Nein! schreit der Leutnant.

Wenn Herr Leutnant gestatten, flüstert die hartnäckige Stimme, ich habe hier ganz nahebei ein kleines Zimmer genommen. Herr Leutnant könnten sich dort in aller Ruhe waschen. Ich würde unterdes die Kleider vom Herrn Leutnant reinigen ...

Ich scheiß auf die Kleider! ruft der Leutnant ärgerlich.

Jawohl, Herr Leutnant! Und Herr Leutnant würde vielleicht einen starken Mokka mit einem doppelten Cognac gut gebrauchen. Mit einem leicht vertraulichen Unterton: Ich kann mir ja denken, daß der Herr Leutnant seine Kräfte heute noch nötig haben wird.

Was können Sie sich denken, Sie Esel! ruft der Leutnant zornig. Was wissen Sie von meinen Kräften!

Nun, wegen des verbotenen Waffenlagers doch! erklärt die höfliche, kalte Stimme. Ich kann mir doch denken, daß Herr Leutnant nicht so ohne weiteres hinnehmen wird, was ihm das gnädige Fräulein angerichtet hat ...

Der Leutnant steht wie vom Donner gerührt. Seine geheimsten Gedanken im Hirn dieses hergelaufenen Trottels! Er begreift es nicht.

Aber dann sagt er hastig: Also, kommen Sie her, zeigen Sie mir Ihr Zimmer. Aber wenn Sie die geringste Hinterlist vorhaben –!

Ich werde dem Herrn Leutnant erklären. Es ist alles ohne weiteres faßlich. Bitte, hier entlang, Herr Leutnant. Wenn ich den Arm vom Herrn Leutnant nehmen dürfte, würde es schneller gehen ...

+++

Eine halbe Stunde später sitzt der Leutnant schon einigermaßen erholt in der tiefen Sofaecke des Räderschen möblierten Zimmers. Er hat einen Mokka mit sehr viel Cognac getrunken, und der Diener ist grade dabei, ihm einen zweiten fertig zu machen.

Nachdenklich schaut der Leutnant dem ruhigen Hantieren des wunderlichen Menschen zu, schließlich sagt er: Hören Sie mal her, Herr Räder!

Einen Augenblick bitte, Herr Leutnant. Sie werden entschuldigen, daß es nicht schneller geht, es ist alles sehr primitiv hier.

Und er mustert die Bude mit einem verächtlichen Blick.

Warum sind Sie eigentlich nach Ostade gekommen, Mensch? fragt der Leutnant. Doch nicht etwa, weil Sie mich treffen wollten –?

Und der Leutnant lacht, so unwahrscheinlich kommt ihm selber dieser Verdacht vor.

Aber der Diener antwortet ernsthaft: Doch, Herr Leutnant. Ich hoffte, den Herrn Leutnant zu finden. Ostade ist ja kein größerer Ort.

Er stellte den Mokka vor den Leutnant, ohne der Wirkung seiner Worte irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken. Dann rückt er die Cognacflasche griffrecht.

Ich würde jetzt zu etwas weniger Cognac raten, Herr Leutnant sind schon wieder ganz mobil. Und Herr Leutnant wollen doch sicher einen klaren Kopf behalten?

Er richtet den fischigen, ausdruckslosen Blick auf den jungen Mann, den es leise schaudert.

Wenn dieser Kerl kein Dummkopf ist, dann ist er ein abgrundtiefer Schurke, denkt er plötzlich.

Und laut: Und warum wollten Sie mich finden? Aber sagen Sie jetzt nicht, um mir behilflich zu sein!

Weil ich dachte, es würde den Herrn Leutnant interessieren, wie das Lager verraten wurde.

Und wie wurde es verraten?

Weil der Herr Leutnant doch nicht mehr zu dem gnädigen Fräulein kamen und auch die Briefe nicht aus dem hohlen Baum nahmen, hat das gnädige Fräulein das von dem Waffenlager an den Herrn Meier geschrieben, weil das gnädige Fräulein doch wußten, daß der Herr Meier auch solche Wut auf den Herrn Leutnant hatten.

Das lügst du!

Wie der Herr Leutnant meinen. Die Antwort klingt unerschüttert. Wieviel Cognac befehlen Herr Leutnant? Der Mokka ist grade richtig heiß.

Na, gieß schon. Die Tasse kann ruhig voll werden, das wirft mich nicht um. Der Leutnant sieht scharf in das graue, trübe Gesicht. Selbst wenn es wahr wäre, das Fräulein würde es Ihnen nicht gesagt haben.

Wo ich doch die Adresse von dem Herrn Meier habe für das gnädige Fräulein ermitteln müssen.

Der Leutnant trinkt langsam einen Schluck. Dann brennt er sich eine Zigarette an. Und darum kommen Sie hierher, bloß um mir das zu erzählen? Wo ist denn Ihr Interesse?

Das kalte, leblose Auge richtet sich wieder auf den Leutnant. Weil ich doch ein rachsüchtiger Mensch bin, Herr Leutnant. Es ist alles leicht faßlich, wie ich schon bemerkt habe.

Weil sie gewollt hat, daß der Rittmeister Sie rausschmeißt?

Auch, sagt der Diener. Und auch noch wegen anderem – es sind gewissermaßen diskrete Dinge, Herr Leutnant.

Hören Sie zu, alter Freund! ruft der Leutnant hitzig. Spielen Sie hier nicht den Gentleman, kramen Sie aus, was Sie wissen – oder Sie erleben was! Ich habe Sie im Verdacht, daß Sie ein ganz gerissener Hund sind ...

Der Leutnant sieht mit Staunen, daß das graue Gesicht des andern sich ein wenig rötet. Ein unangenehm süßlicher, geschmeichelter Ausdruck liegt darauf.

Ich suche mich zu bilden, sagt der Mann. Ich lese Bücher; nein, keine Romane, wissenschaftliche Werke, oft mehrere hundert Seiten stark ...

Wieder denkt der Leutnant: Wenn dieser Kerl kein Idiot ist, ist er ein abgrundtiefer Schurke. – Aber natürlich ist er ein Idiot, einen so gerissenen Schurken gibt es nicht!

Und laut: Also erzählen Sie Ihre diskreten Heimlichkeiten. Haben Sie keine Angst, ich werde schon nicht rot werden.

Es ist, berichtet der Diener wieder ganz leblos, weil das gnädige Fräulein mich nicht wie einen Menschen behandelt hat. Es hat sich ausgezogen und angezogen in meiner Gegenwart, als sei ich ein Stück Holz. Und wenn die Herrschaften auswärts waren, die Herren Eltern meine ich, dann hat das gnädige Fräulein mich immer in das Badezimmer befohlen, daß ich es abtrockne.

Und Sie waren natürlich verliebt in die Violet?

Jawohl, Herr Leutnant. Ich bin noch in das gnädige Fräulein verliebt.

Und sie hat das gewußt, hat Sie bloß quälen wollen?

Jawohl, Herr Leutnant. Das war die Absicht dabei.

Stille. Schweigen.

Der Leutnant sieht von der Seite den Diener an, er denkt: Und so was, dieser Stockfisch und Dummkopf, hat also auch Gefühle. Das leidet und quält sich, genau wie ein richtiger Mensch ...

Und warum rächen Sie sich nicht selbst -?

Ich bin gewissermaßen ein friedliches Temperament, Herr Leutnant. Gewalttätigkeiten liegen mir nicht.

Sie sind also feige?

Jawohl, Herr Leutnant. Ich bin friedfertig.

Der Leutnant denkt nach. Dann sagt er lebhaft: Hören Sie zu, Herr Räder. Gehen Sie in den Goldenen Hut, Sie werden da einen dicken Herrn treffen, Sie werden ihn schon erkennen, einen Kriminalbeamten, mit steifem schwarzem Hut. – Wenn Sie dem das von Violets Brief an Inspektor Meier erzählen, dann wird die junge Dame nicht mehr viel frohe Stunden im Leben haben.

Verzeihung, Herr Leutnant, sagt der Diener hartnäckig. Ich bin nicht für die Polizei. Ich bin für den Herrn Leutnant.

Eine Weile war es still im Zimmer. Der Leutnant stocherte nachdenklich mit dem Löffel in seiner Tasse herum. Der Diener stand in einer aufmerksamen und doch indifferenten Haltung da. Dann faßte der Leutnant über den Tisch nach der Cognacflasche, er goß die Tasse mit Cognac voll und nahm einen Schluck.

Nun sah er den Diener an und sagte leise: Ich werde diese Sache aber vielleicht etwas anders erledigen, als Sie sich denken, Räder.

Es wird schon recht sein, Herr Leutnant.

Wenn Sie denken, ich werde gewalttätig gegen das Fräulein ...

Herr Leutnant werden schon alles überlegt haben, wie es am wirksamsten ist.

Am wirksamsten, ja ... antwortet der Leutnant.

Und nun sind sie lange still. Der Leutnant trinkt in kleinen Schlucken seinen Cognac, der Diener steht unter der Tür.

Räder! ruft endlich der Leutnant.

Jawohl, Herr Leutnant?

Wann wird es jetzt eigentlich dunkel?

Räder tritt an das Fenster, er sieht in den trüben, rieselnden Abend hinaus. Bei so bedecktem Himmel – kurz nach sechs, entscheidet er.

Sie müssen mir also ein Mietauto besorgen, für Viertel nach sechs, hier an die Tür. Es muß mich bis an die Grenze der Neuloher Forst fahren. Vereinbaren Sie vorher den Preis.

Jawohl, Herr Leutnant.

Wenn Sie aus dem Haus kommen und auch auf den Straßen – sehen Sie, ob irgendwo dieser dicke Kriminalbeamte herumschnüffelt, von dem ich Ihnen sagte. So ein fetter, bartloser Mann, blasses, aufgeschwemmtes Gesicht, ein merkwürdiger Blick – wie Eis. Schwarzer Überzieher mit Samtkragen, schwarzer, steifer Hut ... Ungeduldig: Sie werden ihn schon erkennen, Mensch!

Jawohl, Herr Leutnant, wenn ich ihn sehen sollte, werde ich ihn erkennen. Darf ich dann jetzt gehen?

Ja ... antwortet der Leutnant nachdenklich, und plötzlich lebhaft, aber doch verlegen: Hören Sie, Räder, ich habe noch einen Auftrag für Sie ...

Bitte sehr –?

Ich brauche noch, sagt der Leutnant zögernd. Ich brauche noch eine Schußwaffe – ich habe meine verloren ...

Jawohl, Herr Leutnant.

Werden Sie das erledigen können?

Jawohl, Herr Leutnant.

Aber es wird nicht so einfach sein, heute hier eine Pistole zu bekommen. – Und natürlich etwas Munition, Räder!

Jawohl, Herr Leutnant.

Sie sind sicher?

Ganz sicher, Herr Leutnant.

Wegen der Kosten ...

Ich bin Herrn Leutnant gerne behilflich.

Ich habe noch etwas Geld. Ob es freilich für Auto und Waffe reicht ...

Ich regle das, Herr Leutnant – Ich werde also in einer Stunde zurück sein.

Hubert Räder ist lautlos gegangen, der Leutnant ist allein in der möblierten Stube. Eine kleine Schwarzwälder Uhr tickt laut an der Wand, in der Küche raschelt und klappert manchmal die Wirtin. Der Leutnant liegt in Unterwäsche auf dem Sofa – seine Kleider trocknen noch am Ofen.

Er sieht auf den Tisch – dort steht die leere Tasse vor der Cognacflasche, die noch dreiviertel voll ist. Die Hand des Leutnants tastet sich langsam über den Tisch zu der Flasche hin – und zieht sich wieder zurück. ›Herr Leutnant brauchen einen klaren Kopf‹, klang die unausstehliche, immer etwas belehrende Stimme des Dieners.

›Wieso braucht man denn dazu einen klaren Kopf?‹ denkt der Leutnant, ›Sag mir das doch, du Schafskopf!‹

Aber trotzdem schenkt er sich nichts mehr ein. Schon jetzt steigt die Trunkenheit wie eine Welle in ihm hoch, sinkt wieder und steigt neu und höher ... Er wirft einen Blick auf die Uhr: fünf Minuten vor halb sechs. Noch eine gute Dreiviertelstunde hat er allein für sich, beharrt er gewissermaßen noch im Leben – dann wird er immer schneller seinem Ende zueilen. Er heftet den Blick auf den Minutenzeiger. Er bewegt sich unendlich langsam, nein, er bewegt sich gar nicht, man sieht nichts davon, daß sich der kleine Zwischenraum zwischen Minuten- und Stundenzeiger verringert. – Und doch wird es urplötzlich Viertel nach sechs geworden sein, wird die letzte freie Zeit seines Lebens für ihn verstrichen sein.

Er versucht an Violet von Prackwitz zu denken, er will seinen Zorn wieder anfachen. Aber auf einer neuen Welle von Trunkenheit schwankt Räders fischiger, ledriger Kopf herauf mit den grauen, toten Augen ... ›Der Kerl macht nie den Mund auf beim Reden, ich habe nicht einmal seine Zähne gesehen‹, denkt er plötzlich voller Ekel. ›Sicher hat er lauter verdorbene schwarze Stummel im Maul. Darum macht er das Maul nicht auf beim Reden – alles verschimmelt und verfault!‹

Der Leutnant will noch einmal nach der Uhr sehen, aber er kriegt den Kopf nicht mehr hoch von der Sofalehne. Er schläft. Er verschläft seine letzte freie Lebenszeit, schläft, schläft ...

+++

Das Auto fährt durch die Nacht – im Licht seiner weißen Scheinwerfer glänzen die regenfeuchten Stämme auf und sind schon wieder dunkel, schwarz, vorbei, ehe sie das müde, gequälte Auge noch recht erfaßt hat. In der Wagenecke sitzt der Leutnant, er liegt halb, er schläft noch beinahe, er kann noch immer nicht recht wach werden ...

Ein bohrender Schmerz sitzt in seinem Schädel, er hindert ihn am klaren Denken. Der Leutnant bekommt es nicht heraus, ob es richtig ist, daß da vorn, auf der andern Seite der trennenden Glasscheibe, neben dem Chauffeur der Diener Räder sitzt. Es ist ihm, als hätte er nicht gewollt, daß dieser ekelhafte Kerl mitfährt. Aber dann fällt ihm wieder ein, daß ja der Diener dies Auto bezahlt. Mag er also in seinem Auto fahren, soviel er will, die Hauptsache ist, daß er gleich wieder umkehrt.

Der Leutnant ist fast froh, daß er trotz seiner Kopfschmerzen diese Lösung gefunden hat. Nun braucht er über nichts mehr nachzudenken. Es ist alles gut und in Ordnung, auch der Dicke hat ihn nicht mehr erwischt. Von jetzt an geht alles von selbst, er wird bis an den Ort gefahren – und dann ist es nichts wie ein leichter Knips. Es ist wirklich nur ein Knips, die einfachste Sache von der Welt, man braucht sich gar keine Gedanken deswegen zu machen. Der Leutnant hat es ja schon öfters gesehen ...

Er sucht unruhig auf seinem Sitz, in seinen Taschen herum. Er versucht sich zu erinnern, ob der Diener ihm die Pistole gegeben hat oder nicht. Aber er war so verschlafen, als er losging, er weiß es nicht mehr. Der Leutnant will zornig werden, als er auf dem Sitz nur die Cognacflasche findet. Siehe da, trotz aller Verschlafenheit, die hat er nicht vergessen! Der Leutnant nimmt einen ordentlichen Schluck aus der Flasche, er spült sich den Mund mit Cognac aus.

Der Cognac spült den Schlaf fort, flammend klar wird es in des Leutnants Hirn: ›Ich bin auch bloß ein Feigling!‹

Und die Flamme sinkt zusammen. Der Rausch flüstert: Aber du wirst es ja doch tun – die Hauptsache ist, daß du es tust. Daß du dabei feige gewesen bist, erfährt keiner.

Doch, der dicke Kriminalist weiß es! sagt die flammende Klarheit.

Was der mich schon angeht! flüstert der Rausch.

Ach, laßt mich alle zufrieden! ärgert sich der Leutnant.

Jetzt wird es hell in dem Wagen, eine dämmrige, rasch immer weißer werdende Helle erfüllt das Wageninnere.

›Was ist das nun wieder?!‹ denkt der Leutnant mühsam. ›Kann ich denn gar nicht in Frieden gelassen werden?‹

Aber die Helle wird immer stärker, jetzt dreht sich auch der Diener Räder um, er steht halb auf – der Wagen brennt doch nicht etwa? Räder sagt etwas zum Chauffeur, eine Hupe ruft – eine Hupe antwortet. Und vorbei schiebt sich ein großer, rascher Wagen – vorbei, vorbei! Es ist wieder dunkel im Wagen.

Räder stößt die Scheibe vom Vordersitz her auf. Das war der Wagen vom Rittmeister! ruft er, und es klingt wie Triumph in seiner Stimme.

Schön, schön, antwortet der Leutnant kaum verständlich. Ich habe es Ihnen ja immer gesagt, Räder. Die Wünsche der Sterbenden erfüllen sich.

Der Wagen stößt und schlägt schrecklich auf den verfahrenen Landwegen. Der Diener ruft: Das gnädige Fräulein hat sich also wieder erholt.

Halt deine Schnauze! ruft der Leutnant, und der Diener schiebt die Scheibe zu.

Der Leutnant muß wieder geschlafen haben, er wacht davon auf, daß der Wagen nicht mehr fährt, sondern steht. Mühsam richtet er sich auf, er ist halb vom Sitz geglitten. Er bekommt die Türklinke zu fassen, er stolpert aus dem Wagen.

Sie halten mitten im Wald, es ist unbegreiflich still. Kein Windhauch, kein Regentropfen mehr. Vorne, zehn oder zwölf Schritt vor dem Wagen, stehen zwei Männer, sie scheinen den Waldboden zu betrachten.

Heh! Ihr – was macht ihr da?! ruft der Leutnant, und noch im Rufen dämpft er schon seine Stimme.

Der Diener macht eine Kehrtwendung, er geht langsam auf den Leutnant zu und bleibt zwei Schritt vor ihm stehen.

Jawohl, wir sind da, sagt er halblaut. Herr Leutnant brauchen nur den Autospuren nachzugehen ...

Welchen Autospuren –? fragt der Leutnant ärgerlich.

Von dem Auto doch, Herr Leutnant! Von dem Auto von der Kontrollkommission.

Wie soll ich denn die in der Dunkelheit erkennen? sagt der Leutnant ungeduldig.

Ich habe doch eine Taschenlampe, antwortet der Diener geduldig. Er wartet einen Augenblick, aber der Leutnant sagt nichts.

Wollen Herr Leutnant jetzt gleich gehen? fragt Räder schließlich.

Jawohl, jetzt gleich, sagt der Leutnant mechanisch. Geben Sie mir das Zeug!

Hier ist die Taschenlampe, Herr Leutnant, und hier – Herr Leutnant müssen entschuldigen, ich habe nur einen Trommelrevolver bekommen – er ist aber noch ganz neu.

Geben Sie das Ding schon her. Ich werde schon damit zurechtkommen. Er steckt den Revolver unbesehen in die Tasche. Also dann gehe ich jetzt.

Jawohl, Herr Leutnant.

Aber der Leutnant geht nicht.

Hören Sie, befiehlt er plötzlich heftig. Sie fahren jetzt auf der Stelle zurück! Ich will Sie hier nicht haben, verstehen Sie? Sie sind ein Schwein! Es ist alles gelogen, was Sie mir erzählt haben! Aber – es ist mir egal! Sie kommen sich mächtig schlau vor, wie? Aber das ist auch egal – alles ist egal. Schlau oder dumm, Schwein oder anständig – alle müssen wir sterben!

Wenn ich noch etwas bemerken dürfte, Herr Leutnant ...

Was denn noch?! Sie sollen machen, daß Sie fortkommen!

Es ist doch immer möglich, daß noch jemand – an der Stelle ist. Es ist kaum neun. Und die Leute sind neugierig. Ich würde möglichst leise sein, Herr Leutnant ...

Ja, ja, sagt der Leutnant und lacht plötzlich. Ich will gerne so leise sein, wie Sie wünschen, mein schlauer Herr Räder. Aber einmal, ein einziges kleines Mal erlauben Sie mir doch ein bißchen Lärm, wie –?

Er starrt den andern haßerfüllt an. Hauen Sie ab, Mensch, ich kann Ihre Fresse nicht mehr sehen! Oder, so wahr mir Gott helfe, ich knalle erst mal auf Sie!

Aber dann, als die beiden schon im Wagen sitzen, macht der Leutnant doch noch einmal eine Bewegung zu warten. Er hat etwas vergessen, etwas ungeheuer Wichtiges, etwas, ohne das ein Mensch keinesfalls sterben kann. Er sucht danach im Wagen, auf dem Rücksitz, unter den auf den Boden geglittenen Decken. Dann knallt er die Wagentür zu: Fort mit euch! Meinethalben in die Hölle!

Der Wagen fährt an. Laut klingt das Motorengeräusch zwischen den Bäumen. Der Leutnant steht am Wege, in seiner notdürftig gereinigten, halbnassen Windjacke, die gerettete Cognacbuddel in der Hand. Die beiden letzten Menschen, die er in diesem Leben sehen wird, sind von ihm fortgefahren nun gut, was weiter? Aber der Cognac ist bei ihm geblieben – getreu bis in den Tod!

Der Leutnant horcht und horcht. Er möchte sich einbilden, daß dies Geräusch, das er hört, noch immer Motorengeräusch ist, daß er noch nicht ganz allein ist. Aber es ist so still, so still, und das, was er hört, das ist das eigene Herz, das in der Brust klopft – ach, so angstvoll! Ach, so feige!

Der Leutnant zuckt die Achseln, er ist nicht für seinen Herzschlag verantwortlich, er spitzt den Mund, als wolle er pfeifen, aber es kommt kein Laut. Die Lippe zittert ... ›Meine Lippe zittert, mein Mund ist hohl und trocken.‹

Er sieht gegen den Himmel, aber nichts vom Himmel ist zu sehen. Schwärze, Sternenlose, trostlose Schwärze. Es bleibt ihm wirklich weiter gar nichts, als in den Schwarzen Grund hinunterzusteigen ... Kein Vorwand ist zu entdecken, warum man dies noch immer weiter hinausschieben sollte ...

Der Lichtschein der Taschenlampe blitzt auf, der Leutnant fängt in ihm die Spuren des Autos – langsam und sachte geht er diesen Spuren nach. Er merkt, es ist nicht nur die Spur eines Autos, nein, zwei Autos sind hier gefahren.

Nachdem der Leutnant eine Weile nachgedacht hat, nickt er befriedigt mit dem Kopf. Es ist alles in Ordnung, genau wie es sein muß: das Auto von der Kontrollkommission und das Lastauto, mit dem sie die Waffen fortgeschafft haben. Das heißt, ein richtiges Lastauto ist es nun auch wieder nicht gewesen. Das würde man an der Bereifung sehen, es war wohl mehr ein größerer Lieferwagen. Wieder nickt der Leutnant befriedigt mit dem Kopf. Jawohl, sein Gehirn arbeitet ausgezeichnet, er fährt nicht als abgewelkter Greis in die Grube, in der Vollkraft seiner Jahre – oder wie es in den Todesanzeigen heißt. Aber bei ihm wird es keine Todesanzeige geben!

Aha, hier haben die Autos gehalten, hier ging es für die Wagen nicht tiefer hinab in den Grund. Aber ein Fußgänger braucht darum nicht zu zögern, für die Fußgänger ist der Weg deutlich genug ausgetreten. Der Leutnant geht hin und her, mit seinem Laternchen prüft er alles nach. Jawohl, wiederum in bester Ordnung. Nachdem die Herren hier gehalten haben, sind sie in der Richtung Neulohe weitergefahren. Alles ist ordnungsgemäß erledigt, ›faßlich‹ würde dieser Hund Räder gesagt haben. Ach, dieser Hund, dieses Schwein – gottlob, daß er abgehauen ist. Der Dicke ist auch weg. Es riecht im Wald nicht die Spur nach Weibern – also kann man seine Angelegenheiten endlich mit sich alleine erledigen. Man muß keine frisierte Fresse ziehen, man hat keine Haltung zu bewahren – juckt es einen, so kratzt man sich; will man einen Schluck aus der Buddel nehmen, so tut man das, und hinterher rülpst man. Völlig ungeniert! Jawohl! Das kleine Kind, dem Leben kaum gegeben, benimmt sich ziemlich schändlich, nahe dem Tode wird es wieder so – aus dem Nichts kommend, in das Nichts gehend, führt man sich recht gewöhnlich auf – es ist alles faßlich. Sagt der Knabe Räder!

Eine gespenstische, lautlose Lustigkeit erfüllt den Leutnant. Der letzte Schluck Cognac war ziemlich kräftig, der Leutnant fällt den kleinen Fußpfad in den Waldgrund eher hinunter, als daß er ihn geht. Aber unten verfliegt diese Lustigkeit sofort wieder, aus der wirbelnden Trunkenheit wird ein zähflüssiger Brei –

Ernsthaft schaut er sich an, wie diese Kerle hier gehaust haben, die haben sich wahrhaftig nicht geniert, diese Brüder! Tiefe Löcher im Boden, Erdhaufen, Kistendeckel – wahrhaftig, jetzt trifft der Schein der Lampe sogar eine liegengelassene Schaufel! ›Ich hatte alles so gut und sauber versteckt‹, denkt der Leutnant. ›Und diese Schweine machen mir alles so unordentlich! Bei mir war nichts zu sehen – und wie sieht es jetzt aus!‹

Tief traurig setzt sich der Leutnant auf einen Erdhaufen, mit den Beinen baumelt er in einer Grube. Ein Sterbender kann eigentlich nicht passender sitzen – aber daran denkt er jetzt nicht. Er stellt die Flasche neben sich in die weiche Erde, er greift in die Hosentasche, er zieht den Revolver hervor. Mit der einen Hand leuchtet er ihn an, mit der andern hält er ihn ins Licht und befingert ihn. Jawohl, er hat es sich gleich gedacht: es ist so ein Dreckdings, Fabrikschund, Massenware – ein Knalldings, um Hunde wegzuscheuchen, gut dafür, daß sich Portokassenjünglinge damit umbringen – aber doch nichts für ihn, für einen Mann, der Waffen liebt! Ach, seine schöne, präzis gearbeitete Pistole, ein Ding, sauber wie ein Flugzeugmotor – der Dicke schlug ihn gegen den Bauch und stahl ihm das herrliche Ding!

Trostlos starrt der Leutnant vor sich hin – und als er nun gar entdeckt, daß nur die sechs Patronen in der Trommel stecken, daß dieser Schurke Räder ihm keine Munition gegeben hat – und er hat es ihm doch extra aufgetragen!

Er flüstert vor sich hin: Ich muß den Revolver doch einschießen, er ist doch noch neu, er ist doch noch gar nicht beschossen! Ich habe ihn doch erst einschießen wollen, so weiß ich ja gar nicht, ob er zu hoch oder zu tief schießt ...

Eine Stimme möchte ihm einreden, daß es für einen auf der Schläfe aufgesetzten Schuß ganz gleichgültig ist, ob der Revolver zu tief schießt, aber er beharrt darauf: Ich habe mich doch gefreut auf das Einschießen, ein bißchen Freude muß man dem Menschen doch auch gönnen!

Der Kummer überwältigt ihn, fast hätte er geweint. Man kann doch auch sechsmal vorbeischießen, flüstert er, so etwas ist schon vorgekommen – und was mache ich dann?

Da sitzt er, bleich, mit hängender Unterlippe, seine Augen irren überall umher. Sein Gesicht ist entstellt, nicht einmal so sehr von den Schlägen, als von einem Ausdruck verzweifelter Angst. Er weiß, daß er mit sich theatert, daß er das Letzte nur immer wieder hinausschieben will. Aber er will es nicht wissen, er denkt gar nicht mehr an dieses Letzte, o nein, es ist noch so vieles vorzubereiten, zu bedenken. Er erinnert sich genau, er hat schon so lange nicht mehr an diese Violet gedacht; Haß, Ekel vor diesem Frauenzimmer haben ihn erfüllt – er möchte das noch einmal fühlen.

Aber in seiner Brust scheint nur noch Platz zu sein für diese elende Unruhe, ein weiches, verdammtes Gefühl –: ›Oh, so schwach, ich bin doch kein gottverfluchter Negermeier! Nein, ich schwöre, ich will mich nicht bessern, ich will mich nicht ändern! Ich war grade so richtig, wie ich war, mit Zähnen zum Beißen, Wolf unter Wölfen –!‹

Der Leutnant tut einen tiefen Schluck aus der Flasche. Sie gluckert beim Trinken, sie gluckert beim Hinsetzen – aber, verdammt noch mal, es war nicht das einzige Geräusch, das er gehört hat! Der Leutnant springt mit einem Satz hoch, den Revolver in der einen, die Taschenlampe in der andern Hand, schreit er wild in den Wald hinein: Wer ist da? Steh – oder ich schieße!

Er lauscht, er hört nichts – aber nun schleicht es! Dort –? Wo –? Dort im Gebüsch? Steh oder ich schieße! Oh, ich habe es ja gehört, wie das Motorengeräusch im Wald plötzlich alle war, dies Schwein, der Räder hat halten lassen. Er ist mir nachgeschlichen, er will sehen, ob ich mich für sein Geld auch erschieße! Dort – dort, jetzt habe ich es gehört! Steh! Da – es knallt!

Siehe da, dies Pistölchen schießt nicht schlecht, es pufft – hast du Angst? Haben wir dich gekitzelt?! Ach, du läufst, warte, ich laufe dir nach, steh! Knall, Bruch! – Was ist das? Auch in meinem Rücken läuft es, kommt da noch wer? Wer bist du denn? Zeigt sich auch nicht, ist auch feige – Knall! Bumm!

Natürlich, das ist der Dicke, die Herren Kameraden wollen wissen, ob ich ihren ungesprochenen Urteilsspruch vollziehe – Prost die Mahlzeit, erst vollziehe ich einen Dicken. Knall! Das klatscht zu sehr, die Kugel hat sich an einem Stamm breitgeschlagen.

Meine Herrschaften, hier stehe ich, sehen Sie zu! Ist die Dame Violet auch da? Sehen Sie her, mein Fräulein, diesen Schluck auf ein langes Leben für Sie! Mögen Sie sich meiner recht oft und recht lange erinnern!

Weg mit der Flasche! Krach – entzwei! Schade, es war ein guter Cognac darin!

Meine Herren, meine Damen, ich hatte bedauert, daß ich nur sechs Schüsse in der Trommel hatte – sehen Sie, meinen fünften feure ich in den Himmel ab, ein Ehrensalut für meine Dame, daß es ihr ewig in den Ohren gellen möge von mir. – -Und der sechste Schuß: ein Schuß reicht für mich. Sehen Sie so, über der Nasenwurzel angesetzt – sehen Sie so ... Wenn SIE mich wirklich besuchen sollte, werde ich ein ausgezeichneter Anblick sein für SIE!

O mein Gott, mein Gott, kommt denn keiner, geschieht denn gar nichts, sie können mich doch hier nicht verrecken lassen! Es muß doch irgendeiner kommen und sagen, daß alles ein Irrtum war. – Jetzt zähle ich bis drei, und wenn dann nichts geschehen ist, schieße ich los –: Eins! – Zwei! – Drei! –

Nichts, wirklich nichts? So ist der ganze Dreck auch nichts wert! Es war alles Dreck, was ich erlebt habe, und das Sterben ist auch Dreck, feiger, hündischer Dreck, und hinterher wird Dreck kommen, das weiß ich nun auch schon! Ich habe viel zuviel Angst gehabt, es lohnt sich nicht, um diesen Dreck Angst zu haben. Jetzt bin ich ganz ruhig. Es wäre nett gewesen von dem Posten heute mittag, wenn er auf mich geschossen hätte, Er hätte mir wirklich was abgenommen. Aber ich kann das auch. Allein gelebt, allein gestorben – Gebt Feuer – und was nun –? Ach ...

Ja, und was nun –? Ach!

Im Schwarzen Grund, in der Waldsenke, liegt eine Taschenlampe an der Erde, ihr kleiner Lichtkegel fällt auf ein paar Gräser, ein Stück bemoosten Stein, etwas Erde ... Es ist ganz still, ganz still ... Der kleine weiße, einsame Schein in der stillen Nacht, die eben noch so laut war ...

Jetzt kommt ein Geräusch von den Büschen her, jemand räuspert sich, hustet ...

Stille dann, Stille, lange ...

Leise, vorsichtig kommt ein Schritt näher, zögert, hält ein.

Wieder Husten.

Stille, nichts, nur Stille ...

Der Schritt kommt wieder näher, ein Fuß, ein Fuß in einem schwarzen Lederschuh erscheint in dem weißen Lichtkegel der Taschenlampe.

Einen Augenblick später ist die Lampe aufgehoben. Ihr Schein wandert, hält inne ... Zögernd, als klebe er am Boden, geht der Schritt noch einmal weiter, der stille Besucher sieht hinunter auf das, was stiller liegt.

Lange Stille, lange Stille ...

Dann räuspert sich der Mann. Der Lichtkegel der Laterne sucht wieder, rechts davon, links davon.

›Er wird doch nicht darauf gefallen sein –?!‹

Aber dann ist der Revolver gefunden. Der ihn fand, untersucht die Trommel, mit dem Stecher wirft er die leeren Patronenhülsen aus. Der Revolver wird neu geladen. Noch einmal richtet sich der Schein der Laterne auf den Toten. Dann entfernt er sich rasch, den Hang hinauf, die Schneise entlang, den Weg nach Neulohe.

Es ist dunkel im Schwarzen Grund.

9

Keine Stütze, keine Hausfrau hätte die Villa sorglicher vorbereiten können, als es der junge Pagel getan hatte. Die Zimmer waren aufgeräumt und warm, der Badeofen war geheizt. In der Küche wartete ein Abendessen auf die Heimkehrenden, und der junge Mann hatte es sogar fertiggebracht, aus dem von Sommerhitze ausgedörrten, in Herbstregen ersoffenen Garten ein paar Sträuße zusammenzuholen: Gladiolen, Dahlien, Astern ...

Wo Frau Eva von Prackwitz eine von Hilfskräften entblößte Wüste hinterlassen hatte, da fand sie wieder ein Heim vor, und sogar das trostlose Mädchen Lotte, das fest entschlossen gewesen war, auch zu fliehen, war so munter und aufgeräumt wie kaum je zuvor. Denn der ›junge Mann‹ hatte das Scheuerfest zu einer Lustbarkeit gemacht: mit den räumenden Weibern war er mitgewandert, das Koffergrammophon in der Hand, und wie es sich kehren ließ, wie sich Betten machten, wenn dazu Musik erscholl, wie ›Puppchen, du bist mein Augenstern‹ oder ›Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen‹ – das war gar nicht zu sagen! In einem halben Jahr war nicht so viel und nicht so herzlich in der Villa gelacht worden wie an diesem einen Abend.

Aber dem Lachen folgt Weinen, Regen vertreibt den Sonnenschein, und es ist nicht alle Tage Sonntag. Dem schneidigen Horchwagen sah man es nicht an, als er vorfuhr, welche Unglücksfuhre er barg. Eher schon dem recht betreten aussehenden Herrn Finger, der den Schlag noch vor dem herbeieilenden jungen Pagel öffnete. Als man dann in den Wagen sah ...

Das gnädige Fräulein freilich schlief noch immer, und etwas so Beängstigendes dieser starre, bleiche Schlaf auch hatte; er allein hätte die Gesichter nicht so ernst und verlegen gemacht. Aber der Rittmeister, dieser unselige Rittmeister von Prackwitz! Er war noch nicht wieder bei Besinnung, aber er hatte während der Fahrt zu brechen angefangen – kaum bekleidet, stöhnend, beschmutzt hoben sie ihn aus dem Wagen.

Die gnädige Frau mußte fürchterliche Stunden hinter sich haben, sie sah fahl und alt aus. Ihrer schöner, voller Mund war fest geschlossen, traurig und bitter sah sie aus.

Ja, nickte sie streng, ich bringe das Unglück ins Haus.

Sie warf einen kurzen Blick auf die Gesichter um sich, geisterhafte Gesichter im spärlichen Schein der Außenlampe. Der junge Pagel, der Chauffeur Finger, Lotte, erschrocken und angstvoll, ein paar Frauen aus dem Dorf nein, es gab kein Versteckenspielen, kein Heimlichtun mehr. Das Unglück war in die Villa eingekehrt. Aber Frau Eva trug auch das – trug es? Nein, es machte sie stark, im wirklichen Unglück vergeht die Anstellerei ...

Herr Finger, Herr Pagel, Sie sind so freundlich und tragen meinen Mann hinauf. Am besten legen Sie ihn erst auf die Chaiselongue im Badezimmer, bis ein Bad fertig ist. Es ist fertig? Schön! Ihr Mädchen helft mir bei Fräulein Violet. Habe doch keine Angst, Lotte, sie ist nicht tot, sie ist nur betäubt. Der Arzt hat ihr ein Mittel gegeben. So – nun los!

Brennen die Lampen plötzlich düsterer im Haus? Hat es hier eben noch gesungen, geklungen und gelacht? Was sollen die Blumen in den Vasen? Das Unglück kam heim – alle gehen auf den Zehen, alle flüstern – Horch, was ist das? Es ist nichts, es ist nur der Rittmeister, er stöhnt wieder. Die Außenlampe an der Villa brennt weiter, für nichts werfen die Scheinwerfer des Autos ihre Lichtkegel in die Nacht.

Die beiden Männer, Pagel und Finger, haben den Rittmeister ausgezogen, in die Badewanne gelegt.

Nein, ich habe keine Zeit für ihn. Tun Sie das. Violet ist jetzt wichtiger ...

Und sie hat sich neben das Bett der Tochter gesetzt, sie verläßt das Zimmer nicht – denkt sie an eine Mahnung? Ist sie noch nicht geborgen – hier, in ihrem Heim? Um Neulohe steht der Wald, ferne ist die Welt, wie kann noch größeres Unheil kommen –? Noch größeres Unheil als eine geschändete, verwirrte Tochter, ein Mann, der nun endgültig allen Halt verloren hat –? Noch größeres Unheil –?

Lotte, sagt sie. Gehen Sie sofort hinunter. Schließen Sie alle Türen ab, im Souterrain und im Erdgeschoß. Sehen Sie nach, daß alle Fenster wirklich zu sind. Machen Sie niemandem die Tür auf, ehe Sie mich nicht gefragt haben.

Das Mädchen geht, angstvoll, verwirrt. Die Frau sitzt neben dem Bett. Um halb eins, eins wird die Tochter erwachen. Auf diesen Moment kommt alles an, das weiß sie vom Arzt. Die Stunde soll sie bereit finden. Keinen Schritt aus diesem Zimmer! Es ist Violets Zimmer – hier hat sie als Kind, als junges Mädchen gewohnt. Was sie damals war, ach! vor noch so kurzer Zeit, das muß ihr die Kraft geben, zu überwinden, was sie geworden ist!

Die beiden Männer arbeiten stumm an dem Rittmeister. Der junge Pagel wäscht ihn sorgfältig ab, der Chauffeur hält ihn, denn die weichen, schlafenden Glieder verlieren immer wieder den Halt in der Wanne. Trotzdem scheint es, als ob Besinnung in den Körper zurückkehren will, die Augenlider bewegen sich, zucken, der Mund flüstert.

Bitte sehr, Herr Rittmeister?

Was zu trinken ...

Jawohl, etwas wie Erinnerung regt sich in dem betäubten Hirn, die erste wieder erwachende Ahnung von dem Unheil, das diesen Mann befallen hat. Und schon verlangt er, der noch nicht wieder denken kann, nach neuer Betäubung, neuer Flucht ...

Pagel sieht den Chauffeur an. Herr Finger bewegt verneinend den Kopf. Er bricht ja schon Galle. Der Magen nimmt nichts mehr an.

Pagel nickt.

Es ist nicht leicht, den bewußtlosen, nassen, glatten Körper aus der Wanne zu heben. Der Rittmeister widersetzt sich, er murmelt heftig. Portwein! murmelt er. Ober, noch eine Flasche ...

Was ist –? ruft Frau Eva aus der Tür von Violets Zimmer.

Wir bringen Herrn Rittmeister jetzt ins Bett, berichtet Pagel. Er möchte zu trinken haben, gnädige Frau.

Er bekommt nichts, entscheidet sie. Keinen Schluck Alkohol. Sehen Sie nach, Herr Pagel, in meinem Nachtschränkchen muß Veronal sein. Geben Sie ihm eine Tablette ...

Schließlich liegt der Rittmeister im Bett, erschöpft, in einem unruhigen Halbschlaf. Das Veronal hat er bekommen, aber sofort wieder erbrochen.

Herr Finger sagt zögernd: Ich müßte meinen Wagen aus dem Regen fahren. Es ist ein ganz neuer Wagen, es ist schade um ihn.

Ihre Firma wird das Geld schon kriegen, sagt Pagel.

Es ist überhaupt schade um den Wagen! meint der Chauffeur ärgerlich. Wie der eingesaut ist! – Und ich habe den ganzen Tag auch nichts Rechtes zu essen gekriegt, immer draußen in der Nässe und Kälte ...

Ich werde mit der gnädigen Frau sprechen, sagt Pagel bereitwillig. Bleiben Sie bitte solange bei Herrn Rittmeister.

Er spricht mit Frau von Prackwitz. Dann läßt er den Chauffeur, die Frauen, auch Lotte aus dem Haus.

Alle haben es eilig, aus der Villa fort zu gehen, die vom Unheil heimgesucht ist.

Wolfgang Pagel selbst kehrt auf seinen Wachtposten bei dem Rittmeister von Prackwitz zurück. Der Mann ist sehr krank, das ist nicht schwer zu sehen, aber nicht nur sein Körper ist krank, vergiftet von Alkohol, noch kränker ist seine Seele. Das Selbstbewußtsein des Mannes ist tödlich verletzt worden. Er windet sich qualvoll unter den düsteren Gedanken, die ihn heimsuchen.

Alle seine Fehler fallen ihm ein – dann möchte er die Augen schließen.

Aber das hilft nichts. Er setzt sich auf im Bett, er starrt den jungen Mann im Sessel am Bettrand an; er möchte wissen, ob der auch weiß, ob alle wissen, wie jämmerlich, wie klein, wie hohl er ist, war, sein wird ...

Aber alles verwirrt ihn, es ist eine Jagd, die Lampe brennt so trüb, es sind Bilder, Schatten von Bildern ... Warum ist die Nacht so still –? Warum atmet er allein, leidet er allein –!?

Wo ist meine Frau? Wo ist Weio?! Kümmert sich denn keiner um mich? Soll ich denn ganz allein und verlassen sterben? O Gott!

Es ist tiefe Nacht, Herr Rittmeister. Die gnädige Frau und das gnädige Fräulein schlafen. Versuchen Sie auch ein bißchen zu ruhen.

Der Kranke legt sich zurück im Bett, er scheint nachzudenken, beruhigt durch die Auskunft. Dann setzt er sich wieder auf, er fragt, mit einem listigen Ton in der Stimme: Nicht wahr, Sie sind doch der junge Pagel?

Jawohl, Herr Rittmeister.

Und Sie sind doch mein Angestellter?

Jawohl, Herr Rittmeister.

Und Sie haben zu tun, was ich Ihnen befehle?

Jawohl, Herr Rittmeister.

Dann – er macht nun doch eine Pause, aber dann sagt er erst recht herrisch: Dann holen Sie mir sofort eine Flasche Cognac herauf.

Jawohl, Pagel, Wolfgang, hier hilft keine Liebenswürdigkeit, nicht Nachgeben, noch Fortsehen – der Rittmeister sieht dich gespannt, fast haßerfüllt an. Er will seinen Cognac haben, und wenn du nicht hart bist, wird er ihn bekommen!

Sie sind krank, Herr Rittmeister, Sie müssen erst schlafen. Morgen früh sollen Sie Cognac haben.

Ich will ihn jetzt haben. Ich befehle es Ihnen!

Es ist nicht möglich, Herr Rittmeister. Die gnädige Frau hat es verboten.

Meine Frau hat mir gar nichts zu verbieten! Holen Sie jetzt den Cognac, oder –!

Die beiden sehen einander an.

Ah, wie die Welt nackt geworden ist, wie der Flitter der Redensarten abfiel, der holde Dunst der Phrasen sich verflüchtigte! Hinein in das Familienleben – die Schminke ist abgewischt, und der hohle Totenkopf des Egoismus grinst dich mit seinen schwarzen Augenhöhlen an. Wie ein Gespenst sieht Pagel sich plötzlich neben Peter im Zimmer der Pottmadamm liegen, die Vorhänge hängen in der stickigen Luft gelblich-grau. Wie ein Symbol scheint ihm das jetzt, nein, wie die Vorstufe einer schwereren Probe. Damals noch hatte er sein Köfferchen nehmen und sich feige drücken können, hier gab es das nicht mehr! Vorbei die holde Lüge, die uns so gut schmeckt, vorübergeweht die zärtliche Gestalt der Liebe – Mensch gegen Mensch, Wolf unter Wölfen mußt du dich entscheiden, wenn du dich vor dir selbst behaupten willst –!

Nein, Herr Rittmeister. Es tut mir leid, aber ...

Dann hole ich mir meinen Cognac alleine! Sie sind entlassen!

Mit einem Satz ist der Rittmeister aus dem Bett. Nie hätte Wolf gedacht, daß der kranke Mann, dessen Glieder sie eben noch zu zweien nur mit Mühe aus der Wanne gehoben haben, solche Beweglichkeit, solche Kraft entwickeln könnte.

Herr Rittmeister! bittet Wolf.

Sie werden es doch nicht wagen, Ihren Arbeitgeber anzurühren, wie?! schreit der Rittmeister mit verzerrtem Gesicht und läuft im Pyjama gegen die Tür.

Es ist der entscheidende Moment. Doch! antwortet Pagel und faßt den Rittmeister um.

Lassen Sie mich los! schreit der Rittmeister. Die Wut, die nie erlebte Entwürdigung, die Sucht nach Alkohol geben ihm Kräfte.

Achim, Achim! Was soll das? ruft es von der Tür her. Der Lärm des Kampfes, das Geschrei haben die gnädige Frau herübergerufen, von dem Krankenbett der Tochter, das sie doch nicht verlassen will.

Du! Du! schreit der Rittmeister voller Wut und strebt nur um so stärker, sich aus Pagels Armen loszureißen. Du hast diesen jungen Bengel gegen mich aufgehetzt! Was heißt das, daß ich keinen Cognac haben soll?! Bin ich hier der Herr oder du?!

Ich ...

Er strebt aus Pagels Armen, als wollte er sich auf seine Frau stürzen.

Bringen Sie ihn ins Bett, Herr Pagel! befiehlt Frau Eva zornig. Genieren Sie sich nicht, fassen Sie ordentlich zu. Achim! mahnt sie, Achim, drüben liegt Violet krank, nimm dich zusammen, sei einmal ein Mann! Sie ist so krank ...

Ich gehe ja schon, sagt der Rittmeister, plötzlich fast weinerlich. Wenn ich krank bin, machst du gar kein Aufhebens. Ich will nur einen Cognac trinken, einen einzigen, kleinen Cognac ...

Geben Sie ihm noch ein Veronal. Geben Sie ihm zwei Veronal – daß er endlich Ruhe hält, Herr Pagel, ruft Frau Eva verzweifelt aus. Ich muß zurück zu Violet.

Und von ihrer Angst getrieben, eilt sie zurück in das Zimmer der Tochter. Als sie über den Gang läuft, klopft ihr Herz so wild – was wird sie jetzt sehen –?!

Aber – und das Herz geht ruhiger – sie sieht nichts anderes, als was sie verließ: die Tochter liegt ruhig schlafend im Bett, sehr weiß, das Gesicht eine Spur gedunsen, mit einem Ausdruck, als grüble sie.

Frau Eva faßt nach dem Puls, er schlägt langsam, aber kräftig spürbar. Keine Angst – Violet wird erwachen, man wird mit ihr sprechen oder nicht sprechen, ganz wie es die Stunde verlangt. Sie wird wieder gesund werden, man wird fortgehen von Neulohe, in einem stillen Winkel leben. Der Vater wird mit sich reden lassen wegen des Geldes. Keiner braucht zu verzweifeln wegen einer Niederlage, auch Violet nicht. Eigentlich besteht das Leben, genau betrachtet, aus lauter Niederlagen. Aber der Mensch lebt doch weiter und freut sich am Leben, der Mensch, dieses zäheste, dieses widerstandsfähigste aller Geschöpfe ...

Frau Eva von Prackwitz, geborene von Teschow, sieht hoch, es ist fünf Minuten nach zwölf Uhr. Die entscheidende, die verhängnisvolle Stunde hat begonnen.

Sie fröstelt, jawohl, es herrscht eine drückende Hitze im Zimmer. Sie öffnet das Fenster, leise geht in der dunklen Nacht der Wind, leise fallen die Tropfen von den Bäumen. Sie sieht hinaus, aber sie erkennt nichts, nur Schatten im Schatten. Und aus dieser Schattenwelt soll die Gefahr kommen, die ihre Menschenwelt bedroht –?!

Sie fröstelt wieder. ›Was tue ich denn?‹ denkt sie erschrocken. ›Ich friere, und ich mache das Fenster auf! Ich bin ja auch ganz verwirrt! Es ist alles zuviel für einen Menschen ...‹

Und sie legt sorgfältig die Halter zwischen die Fensterflügel, damit sie vom Wind nicht klappern.

In diesem Augenblick schlägt laut gellend unten im Haus die elektrische Klingel an.

10

Über den Flur hin, ein jedes in die Tür seines Krankenzimmers getreten, sahen sich Frau von Prackwitz und Pagel an. Der junge Mann verstand nicht die weiße Angst auf dem Gesicht der Frau ...

Es hat geklingelt, flüsterte sie ...

Es wird der Chauffeur sein, antwortete er beruhigend. Er hat irgendwo im Dorf zu Abend gegessen und will jetzt ...

Nein! Nein! rief sie angstvoll.

Wieder gellte die Klingel.

Machen Sie nicht auf! bat sie. Bitte, Herr Pagel, es kommt Unheil ...

Oder es wird Lotte sein, versuchte er wieder. Lotte ist auch noch fortgegangen. Wir können das Mädchen doch nicht aussperren. Der Herr Rittmeister ist grade ruhig, lassen Sie mich schnell aufmachen ...

Bitte nicht, Herr Pagel, bat sie wie ein Kind. Als könne man das Unglück aussperren, das aus einem falsch geführten Leben erwächst.

Aber er lief schon die Treppen hinunter, leicht und rasch lief er, sein Kopf dachte klar, sein Körper war für jede Gefahr bereit. Es war töricht, aber etwas wie Freude erfüllte ihn; er war nicht umsonst auf der Welt, er erfüllte eine Aufgabe, und war es nur die ganz kleine, der Frau dort oben zu beweisen, daß sie umsonst Angst hatte. Zum erstenmal begriff er innerlich, mit seinem ganzen Wesen, mit Leib und Seele, daß das Leben nur dem Freude bringt, der eine Aufgabe erfüllt, unbeirrbar, sei sie klein oder groß. Daß Lebenserfüllung nur aus dem eigenen Ich kommen kann, nicht aus der Umwelt, nicht aus einem Spielgewinn ...

Die Klingel gellte zum drittenmal.

Die gnädige Frau oben rief etwas Unverständliches.

Im Vorbeilaufen sah er in der Flurgarderobe einen dicken Eichenknüppel stehen, den der Rittmeister sonst für seine Waldwege benutzt hatte Er ergriff ihn, wirbelte ihn einmal durch die Luft, wobei er die Flurlampe in Gefahr brachte, und den Knüppel schlagbereit in der Faust, öffnete er die Tür, gerade als es zum viertenmal klingelte.

Vor der Tür stand, mit gerötetem, etwas ärgerlichem Gesicht, Herr von Studmann, einen ersichtlich recht schweren Kupeekoffer in der Hand.

Sie, Herr von Studmann! rief Pagel verblüfft und ließ seine lächerliche Waffe beschämt sinken.

Jawohl, ich! sagte Herr von Studmann, und war so gereizt, wie es ihm nur immer möglich war. Und ich weiß wirklich nicht, was heute in Neulohe los ist! Ich denke, sprach er ziemlich gekränkt, ich werde mit Sehnsucht und Spannung erwartet, ich bringe eine immerhin nicht unbeträchtliche Summe Geldes –: und kein Wagen ist an der Bahn, das Beamtenhaus dunkel und verschlossen, das Schloß dunkel, aber voll Trara, als würden die größten Feste gefeiert, doch keiner macht auf ... Und hier darf ich zehn Minuten im Regen stehen und klingeln ...

Herrn von Studmanns Stimme war immer vorwurfsvoller geworden, als ihm der Leidensweg, den er durch die Unzuverlässigkeit der andern hatte gehen müssen, beim Aufzählen so recht klarwurde ...

Hören Sie zu, Herr von Studmann, flüsterte Pagel eilig, zog den Verdutzten auf die Diele und schloß die Tür sorgfältig hinter ihm ab, hier oder vielmehr in Ostade scheint unterdeß ein Unglück geschehen zu sein. Das Fräulein Violet ist schwer krank aus Ostade zurückgekommen und der Rittmeister – nun, schwer angeduhnt. Näheres weiß ich auch nicht. Das schlimmste ist, daß die gnädige Frau auch ganz verwirrt ist, sie scheint noch weiteres Unglück zu fürchten, ich habe keine Ahnung, was ... Und ich bin ganz allein mit ihnen. Ja, richtig, die Schnüffelkommission war auch hier, sie hat in der Forst ein Waffenlager ausgehoben, wußten Sie davon –?

Ich –?! rief Herr von Studmann voll Empörung und setzte den Handkoffer schwer nieder. Ich sollte ...

Jawohl, gnädige Frau, rief Pagel nach oben. Es ist alles in bester Ordnung. Herr von Studmann ist hier. Darf er zu Ihnen kommen?

Herr von Studmann! rief Frau Eva. Jawohl. Gleich, sofort! Gott sei Dank, Herr von Studmann, daß Sie wieder da sind, ich brauche so nötig Hilfe ... Ich kann hier nicht weg ...

Pagel ging still in sein Zimmer zu dem Rittmeister. Der Chef schien zu schlafen, dieses Mal hatte er das Veronal – zwei Tabletten – bei sich behalten. Aber zu trauen war ihm nicht. Er lag mit geschlossenen Augen, ruhig atmend, aber auch ein Wachender kann mit geschlossenen Augen ruhig atmen. Pagel hatte das Gefühl, als stimmte etwas nicht. Er hatte auch das Gefühl, als sei der Rittmeister in der Zwischenzeit aus dem Bett gewesen. Er hatte keinen Anhalt dafür, aber so war sein Gefühl. Er fand auch, daß des Rittmeisters Gesicht einen verbissenen, bösartigen Ausdruck trug, und beschloß, auf seiner Hut zu sein. Oberwachtmeister Marofke sollte ihm nicht umsonst eine Lehre gegeben haben ...

Mittlerweile hörte Pagel auf die Stimmen aus dem Zimmer von Violet. Wenn er auch kein Wort verstehen konnte, zu unterscheiden waren die Stimmen gut, denn hier wie dort standen die Türen zum Flur halb offen. Es war nicht zu verkennen, daß die Stimme Herrn von Studmanns ein wenig gekränkt klang, und zu verwundern war das nicht. Da war er gelaufen und hatte gehandelt, da war er tüchtig gewesen und hatte Glück gehabt, da brachte er Geld die Menge, so sehnsüchtig erwartetes, so notwendiges Geld und kein Wagen war an der Bahn, kein Mensch zu seinem Empfang da, das Geld ist so belanglos, was er geleistet hat, so unwichtig! Wir sind ja indessen krank geworden, wir beschäftigen uns nun mit andern Dingen, einem Unglück zum Beispiel, einem geschehenen und einem kommenden, wichtigeren Dingen ...

Armer Herr von Studmann! Pagel sieht ihn so deutlich vor dem dunklen Beamtenhaus stehen, mit dem schweren Koffer, den er nicht einen Augenblick aus der Hand läßt. Dieses gute Kindermädchen, das die ewige Enttäuschung aller Kindermädchen erlebt: es hat ein ersehntes Spielzeug besorgt, aber das Kind sieht es gar nicht an, es spielt längst mit etwas anderem!

In dieser stillen Nachtstunde, ein bißchen schläfrig, denn seit halb fünf Uhr morgens ist er auf den Beinen, begreift der junge Pagel, warum der freundliche, der tüchtige, der hilfsbereite Herr von Studmann allein geblieben ist, ein älterer, recht isolierter Junggeselle. Der Mensch liebt seine Retter nicht – ist er aus der Gefahr, nimmt er ihnen ihre Überlegenheit übel!

Die Stimmen drüben in dem Zimmer gehen hin und her. Pagel sieht auf seine Armbanduhr, es ist beinahe halb eins. ›Eigentlich ginge ich ganz gern ins Bett‹, denkt er schläfrig. ›Bettreif bin ich, und der Rittmeister hat sich die letzte Viertelstunde nicht gerührt, der pennt auch. Aber ich kann die Frauen drüben nicht im Stich lassen, der Studmann wird auch nicht mehr lange bleiben, die Stimme der gnädigen Frau klingt immer gereizter ... Ach, wenn ich doch wenigstens einen Kaffee hätte, einen schönen, dicken schwarzen, steifen Kaffee –!‹

Und nun sieht er sich hinabgehen in die Küche der Villa ... sie haben da einen Tauchsieder, er hat ihn heute nachmittag gesehen, es geht ganz schnell. Er würde sich eine tüchtige Portion Kaffee mahlen, so ein halbes Lot, rein in die Tasse, kochendes Wasser darüber, drei Minuten ziehen lassen, mit kaltem Wasser abspritzen, und nun trinken das Zeug, glühend heiß, mit Satz und allem: ›Ach! Ich würde frisch werden wie ein Fisch im Wasser!‹

Aber er kann ja nicht fort, diesen herrlichen, munter machenden Kaffee, den ihm manchmal der Peter aufgebrüht hat, ehe er zum Spielen ging, er kann ihn nicht trinken, weil er hier bei diesem dammligen Rittmeister sitzen muß, der bestimmt nicht schläft. Warum hat er nur so die Hände unter der Bettdecke? Verdöst, wie Wolfgang jetzt ist, hält er es sogar für möglich, daß der Rittmeister sich ein Messer geholt hat, als er vorhin aus dem Bett war. Aber war er wirklich aus dem Bett –?

Wolfgangs immer schläfriger werdender Kopf weigert sich energisch, dieser Frage irgendwelches Interesse zu schenken. Dafür taucht das Bild der Kaffeetasse wieder auf, er sieht sie förmlich vor sich, sie dampft, die bräunlichstumpf-silbrige Oberfläche ist fein gemahlener, im siedenden Wasser gequollener Kaffee ... Ah, wie gut so etwas gegen die Müdigkeit ist –! Und mit einer tiefen Erleichterung fällt es Wolfgang Pagel plötzlich ein, daß er ja nicht hinunter muß, den Kaffee zu brühen, daß Lotte noch kommen muß. Auch der Chauffeur wird noch kommen, aber vor allem Lotte, die ihm den Kaffee brühen wird. Wo steckt das Mädel? Es ist gleich halb eins ... Sie muß ihm noch den Kaffee brühen, es ist gleich ...

Mit einem Ruck fährt Pagel aus seiner Döserei auf. Vielleicht war es ein Rascheln der Bettdecke, obwohl der Rittmeister jetzt still liegt – aber war es nicht so, als hätte der nackte Fuß aus dem Bett gelangt –?

Nein, er liegt ganz ruhig, auch die Stimmen drüben sind still geworden ... Ja, richtig, was hat Studmann doch gesagt? Das Schloß dunkel, aber voll Trara, und keiner macht auf ... Er hat vorhin darüber hingehorcht, aber es ist in ihm sitzen geblieben, ein Widerhaken, der ihn jetzt plötzlich aus seiner Döserei geweckt hat. Die Lotte noch nicht da, und das Schloß dunkel, aber voller Trara ...

Es wird nichts weiter sein, der alte Elias ist vertrauenswürdig, und die Mäuse feiern eben, wenn die Katze aus dem Hause ist. Trotzdem wird man den Studmann ein bißchen anstoßen müssen deswegen! Denn ein ungemütliches Gefühl bleibt; das Erlebnis mit dem Oberwachtmeister Marofke hat Pagel etwas wacher gemacht, er schlendert nicht mehr so durch Gelände und Menschheit, er fühlt sich verantwortlich. Verantwortlich für was? Verantwortlich für das, was er tut! Vor sich selbst! Nein, er wird nicht vergessen, Herrn von Studmann anzustoßen. –

Drei Minuten später ist es dann soweit. Es ist zehn Minuten nach halb eins, Herr von Studmann tritt in die Tür und sagt etwas kurz: Würden Sie mich bitte aus dem Haus lassen, Pagel? Und mir den Schlüssel zum Beamtenhaus geben? Sie bleiben wohl noch hier?

Pagel wirft einen Blick auf seinen Patienten und fragt dann flüsternd: Haben Sie eigentlich den Eindruck, daß Herr Rittmeister schläft? Fest schläft?

Herr von Studmann wirft einen kurzen, sehr ungnädigen Blick auf den Rittmeister und erklärt ärgerlich: Natürlich schläft er. Wieso?

Flüsternd sagt Pagel: Mir kommt es vor, als ob er sich nur verstellt und nicht schläft.

Der Blick, mit dem Herr von Studmann Pagel ansieht, ist voller Mißtrauen. Hören Sie, Pagel, haben Sie sich etwa mit der gnädigen Frau verabredet? Ich verstehe das nicht!

Verabredet – wieso?

Weil mich nämlich Frau von Prackwitz mindestens zehnmal gefragt hat, ob ich glaube, das Fräulein schläft wirklich? Sie habe den Eindruck, das Mädchen sei längst wach und verstelle sich bloß ... Genau so wie Sie jetzt ...

Die beiden sehen sich einen Augenblick fest an.

Also gehen wir hinunter, Studmann, lächelt Pagel plötzlich, mit all seiner liebenswürdigen Frische. Sie sind übermüdet, und ich kann mir vorstellen, daß Sie schlechten Dank für Ihre große Mühe geerntet haben.

Das Gesicht des andern bewegt sich nicht, aber darum schiebt Pagel seinen Arm doch unter den von Studmann.

Kommen Sie, Studmann, ich lasse Sie jetzt hinaus. Sie müssen wirklich ins Bett.

Er geht mit dem andern langsam die Treppe hinunter.

Ich versichere Ihnen, es ist reiner Zufall, daß die gnädige Frau und ich die gleiche Frage an Sie gestellt haben. Mein Ehrenwort, Studmann ... Es ist eine komische Atmosphäre hier im Haus ... Die Tochter ist ein bißchen krank, Töchter sind eben mal krank; und der Vater hat einen Schluck zuviel getan, nun, auch das sollen Väter manchmal tun. – Also nichts Außergewöhnliches, aber es ist eine Atmosphäre hier, als hätten alle dunklen Schicksalsgötter das Haus befallen ...

Verstehen Sie das denn, Pagel? ruft Studmann plötzlich lebhaft. Er steht auf der Diele, dem jungen Pagel gegenüber, er ist jetzt nicht mehr verärgert, nur noch hilflos. Ich werde überschwenglich empfangen, aber um das, was ich geleistet habe, und es war wirklich schwierig, kümmert man sich gar nicht. Ich frage, was eigentlich los ist, ich erfahre die Situation, ich sehe nichts Beängstigendes. Ich sage ein paar beruhigende Worte und werde kühl zurückgewiesen. Ich sei verständnislos ... Verstehen Sie denn das? Wissen Sie etwas -?

Ich verstehe nichts und ich weiß nichts, sagt Pagel lächelnd. Da es die gnädige Frau zu beruhigen scheint, sitze ich neben dem Bett des Rittmeisters und versuche, nicht einzuschlafen. Das ist alles.

Herr von Studmann sieht ihn ernst an, aber das Auge des jungen Pagel ist lächelnd und ohne Arg. Also dann gute Nacht, Pagel, sagt Herr von Studmann. Vielleicht klärt sich alles morgen früh ...

Gute Nacht, Studmann, antwortet Pagel mechanisch. Er weiß, er wollte noch etwas sagen, er sieht dem in die Nacht Hineingehenden, der schwer an seinem Handkoffer trägt, gedankenvoll nach. Plötzlich hat er es. Herr von Studmann, einen Augenblick noch, bitte! ruft er.

Ja, fragt Herr von Studmann und dreht sich noch einmal um.

Die beiden Herren gehen einander entgegen, etwa zehn Schritt von der Haustür treffen sie sich.

Was ist noch? fragt Herr von Studmann etwas ärgerlich.

Ja, was mir eben noch einfiel ... antwortet Pagel gedankenverloren. Sagen Sie, Herr von Studmann: Sind Sie sehr müde? Müssen Sie sofort ins Bett –?

Wenn ich Ihnen noch einen Gefallen tun kann – sagt Studmann, sofort wieder hilfsbereit.

Ich muß immerzu daran denken, was Sie vorhin erzählt haben, als Sie ankamen. Sie erinnern sich doch: das Schloß dunkel, aber voller Trara, so sagten Sie doch, nicht wahr?

Pagel macht eine kleine Pause, dann setzt er hinzu: Sie wissen doch, daß Geheimrats verreist sind –?

Richtig! ruft Herr von Studmann überrascht aus. Daran hatte ich gar nicht gedacht.

Es wird ja nichts Besonderes sein, meint Pagel beruhigend. Irgendein kleines Fest der Dienstboten; der alte Elias wird schon dafür sorgen, daß es nicht zu schlimm wird ... Aber ich würde mich doch einmal überzeugen, Studmann, natürlich nur, falls Sie nicht zu müde sind ...

I wo, keine Spur! erklärt Studmann fast begeistert, froh, daß er eine Aufgabe vor sich sieht. Ich muß natürlich erst das Geld im Geldschrank verwahren ...

Ich würde nicht unten klingeln, schlägt Pagel nachdenklich vor. Ich würde auch nicht rufen. Ich habe darüber nachgedacht, Studmann, sagt Pagel und erkennt verwundert, daß er wirklich darüber nachgedacht hat, ohne es zu wissen. Vor Ihrem Fenster ist doch das Teerpappendach, und von dem Teerpappendachkönnen Sie ohne Schwierigkeit auf die Veranda des Schlosses. Auf der können Sie beinahe ganz rund ums Schloß gehen, in der Höhe des ersten Stocks und in alle Fenster schauen, ohne gesehen zu werden. – Ja, so würde ich es machen, schließt Pagel mit einem gewissen Nachdruck.

Studmann starrt ihn verwundert an. Aber warum in aller Welt?! ruft er. Was versprechen Sie sich davon? Was glauben Sie, daß ich sehen werde ...

Hören Sie, Studmann, antwortet Pagel plötzlich sehr ernsthaft. Ich kann Ihnen gar nichts sagen. Ich weiß nichts und ich verstehe nichts, aber ich würde es so machen.

Aber ... protestiert von Studmann. Solch nächtliche Spioniererei ...

Erinnern Sie sich noch der Nacht, als wir uns bei Lutter & Wegner trafen? fragt Pagel lebhaft. Damals hatte ich auch das Gefühl, es war eine besondere Nacht, eine Schicksalsnacht, wenn man so sagen darf. Warum soll es schließlich so etwas nicht geben – eine Nacht, in der sich alles entscheidet –? Heute habe ich dies Gefühl wieder. Eine schlimme Nacht, eine böse ...

Er sieht in die Nacht hinein, als könne er gewissermaßen ihr Gesicht entdecken in der Schwärze, ihr böses, lauerndes Gesicht. Aber davon kann natürlich keine Rede sein. Er empfindet nur eine leicht durchwehte, tropfende Dunkelheit.

Na also, Herr von Studmann, schließt Pagel plötzlich. Machen Sie's gut. Ich muß wieder zu meinem Rittmeister. Gute Nacht.

Gute Nacht, Pagel, antwortet Herr von Studmann und starrt dem wieder ins Haus gehenden Pagel erstaunt nach, denn derartige mystische Anwandlungen liegen Herrn von Studmann wenig. Er hört, wie die Haustür zufällt und abgeschlossen wird. Dann erlischt das Außenlicht an der Villa, und er steht im Dunkeln. Mit einem kleinen Seufzer nimmt er seinen schweren Handkoffer hoch und macht sich auf den Weg zum Beamtenhaus. Er beschließt, erst einmal fleißig um das Schloß zu horchen und zu spähen, ehe er dem Pagelschen Ratschlag folgt. Dieses nächtliche Einsteigen in fremden Besitz scheint ihm doch recht bedenklich. –

Der junge Pagel steht auf der Diele der Villa und lauscht in das stille Haus.

Die seltsame Stimmung, die ihn seit seinem Halbschlaf am Krankenbett umfangen hält, will nicht abfallen von ihm. Ein Blick auf die Uhr zeigt, daß er kaum fünf Minuten mit Studmann zusammen war. Es ist gleich dreiviertel eins. Es kann nichts geschehen sein, er hat immer die Haustür im Auge behalten, er hat ihr ganz nahe gestanden: niemand kann sich eingeschlichen haben. Das Haus ist still.

Und doch sagt ihm sein Gefühl, daß etwas geschehen ist.

Langsam, lautlos – so langsam und lautlos, wie man sich manchmal im Traum bewegt – steigt er die Treppe hinauf. In der Tür von Violets Zimmer erscheint Frau Evas weißes, geängstigtes Gesicht. Er nickt ihr kurz zu, er sagt leise: Alles in Ordnung.

Er geht in des Rittmeisters Zimmer.

Er sieht auf den ersten Blick: das Bett ist leer. Das Bett ist leer!

Er steht ganz still, er sucht mit den Augen das Zimmer ab, es ist niemand darin, die Fenster sind verschlossen. ›Was würde Marofke tun?‹ denkt er und steht noch immer still. Aber die Antwort auf diese Frage ist nur negativ: Marofke würde nichts Übereiltes tun.

Die Tür des Badezimmers kommt in sein Blickfeld. Er stößt sie auf, macht Licht; auch das Badezimmer ist leer. Pagel geht wieder zurück, er tritt auf den Gang hinaus.

Die Tür von Violets Zimmer steht jetzt weit offen. Frau Eva geht dort ruhelos auf und ab. Sie bemerkt ihn sofort, sie geht auf ihn zu, ihr ganzes Wesen ist fieberhafte Unruhe.

Was ist los, Herr Pagel? Es ist etwas geschehen, ich sehe es Ihnen doch an!

Ich will mir einen Kaffee kochen, gnädige Frau, lügt Pagel, ich bin todmüde.

Und mein Mann –?

Alles in Ordnung, gnädige Frau.

Ich bin so in Angst, spricht sie fieberhaft. Lieber Herr Pagel, nach dem, was der Arzt sagte, sollte sie jetzt aufgewacht sein, und sie ist aufgewacht, ich spüre es. Aber sie rührt sich nicht bei allem, was ich ihr sage. Sie tut weiter so, als wenn sie schläft. Oh, Herr Pagel, was soll ich nur tun? Mir ist so angst! Ich bin noch nie so gewesen ...

Sie spricht fieberhaft erregt, ihr weißes Gesicht zuckt, sie hat seine Hand gefaßt und drückt sie, ohne es zu spüren. Sie bittet ihn: Sehen Sie Violet einmal an, Herr Pagel! Reden Sie einmal ein Wort mit ihr. Vielleicht hört Weio auf Sie ...

Dem jungen Pagel ist es heiß und kalt, er muß doch den Rittmeister suchen. Was kann der Rittmeister unterdes alles anrichten! Aber er läßt sich an das Bett ziehen. Unsicher schaut er auf das schlafende, stille Gesicht, unsicher sagt er: Sie scheint mir zu schlafen ...

Sie irren sich! Sie irren sich bestimmt! Sagen Sie etwas zu ihr! – Violet, unsere Weio, Herr Pagel ist hier, er möchte dir guten Morgen sagen ... Sehen Sie, jetzt hat sich ihr Lid bewegt!

Pagel war es auch beinahe so; plötzlich kommt ihm der Gedanke, die verstellt Schlafende anzurufen: Der Leutnant ist da!

Es ist nur ein Gedanke, er wird sofort wieder verworfen, denn tut man so etwas? Tut man so etwas vor der Mutter? Warum soll man sie schließlich nicht in Ruhe lassen, wenn sie durchaus Ruhe haben will? Und er muß den Rittmeister suchen ...

Nein, sie schläft bestimmt, gnädige Frau, wiederholt er beruhigend. Und ich würde sie auch schlafen lassen. Jetzt will ich uns einen Kaffee kochen ...

Er lächelt Frau Eva von Prackwitz noch einmal ermutigend zu, er spielt noch ein etwas schmähliches Theater, indem er vor der nachschauenden Frau in das leere Schlafzimmer des Rittmeisters geht und kopfnickend: ›Alles in Ordnung‹ wieder herauskommt. Dann steigt er langsam und ohne Hast – von ihren Augen verfolgt – die Treppe in das Erdgeschoß hinab.

Sein Instinkt führt ihn sofort richtig. Von den sechs Türen, die auf die Diele gehen, wählt er die in das Herrenzimmer, denn er hat heute abend beim Reinmachen gesehen, daß in diesem Zimmer die beiden Dinge stehen, die nach des Rittmeisters Zustand in Frage zu kommen scheinen: der Gewehrschrank und der Likörschrank.

Bei dem Geräusch der sich öffnenden Tür fährt der Rittmeister mit der Gebärde eines erwischten Diebes herum. Er lehnt am Tisch, mit der einen Hand hält er sich an der Lehne eines großen, ledernen Ohrenstuhls, in der andern Hand hält er die so oft gewünschte Schnapsflasche.

Pagel zieht die Tür sachte hinter sich zu. Da es nur die Schnapsflasche, nicht der Revolver ist, glaubt er scherzhaft sein zu können. Heiter ruft er: Hallo, Herr Rittmeister! Lassen Sie mir etwas drin. Ich bin hundemüde und kann eine kleine Auffrischung auch gebrauchen!

Aber der heitere Ton ist verfehlt. Wie viele Betrunkene, denen das Schmähliche ihres Tuns sehr wohl klar ist, hält der Rittmeister jetzt besonders auf seine Würde. Er fühlt nur die freche Vertraulichkeit im Ton seines jungen Mannes, er schreit zornig: Was wollen Sie hier?! Was schleichen Sie mir nach?! Ich verbitte mir das! Scheren Sie sich auf der Stelle fort! Er schreit dies sehr laut, aber sehr undeutlich. Die von Alkohol und Veronal fast gelähmte Zunge weigert sich, die Worte genau zu artikulieren: er spricht mit dicker Zunge, wie durch ein Tuch. Das erhöht seinen Zorn nur, mit geröteten Augen und unruhig zuckendem Gesicht sieht er haßerfüllt seinen Peiniger an, diesen jungen Burschen, den er aus dem Sumpf der Großstadt aufgelesen hat, der ihn nun kommandieren will.

Pagel erkennt nicht die Gefährlichkeit seines Gegners, er merkt nicht, daß er es mit einem fast Wahnsinnigen zu tun hat, der zu allem fähig ist. Achtlos geht er auf den Rittmeister zu und sagt freundlich überredend: Kommen Sie, Herr Rittmeister, Sie müssen wieder ins Bett. Sie wissen doch, Ihre Frau will nicht, daß Sie noch etwas trinken. Seien Sie nett, geben Sie mir die Flasche.

Alles Dinge, die der Rittmeister durchaus nicht hören will, die ihn tödlich beleidigen.

Der Rittmeister streckt dem ehemaligen Fahnenjunker die Flasche hin, halb zögernd ... Aber in dem Augenblick, da Pagel zufassen will, wird die Flasche erhoben und fällt mit einem Krach, in dem die ganze Welt zu zerfallen scheint, auf seinen Schädel nieder.

Da hast du es, Bürschlein! schreit der Rittmeister triumphierend! Dich will ich parieren lehren!

Pagel, die beiden Hände zum Kopf erhoben, ist zurückgewichen. Trotz des betäubenden, fast bewußtlos machenden Schmerzes begreift er erst in dieser Sekunde ganz die Größe des Unheils, das dieses Haus heimsuchte. Er begreift, was die gnädige Frau oben schon seit vielen Stunden weiß, daß es sich nicht um einen betrunkenen, sondern um einen irren Chef handelt. Und was das junge Mädchen anlangt ...

Nehmen Sie Haltung an, Fahnenjunker! schreit der Rittmeister befehlend. Stehen Sie nicht so nachlässig vor Ihrem Vorgesetzten!

Trotz der wahnsinnigen Schmerzen, trotzdem er kaum den Kopf in den Nacken zurückbringen kann, zwingt sich Pagel, stramm militärische Haltung anzunehmen. Um Gottes willen! Die Frau dort oben darf nicht gestört werden! Es kann sich nur um ein paar Minuten handeln, und Schnaps und Veronal werden ihr Werk an diesem Mann getan haben. Er wird ruhig geworden sein, Pagel kann es nicht auf einen Kampf ankommen lassen. Alle Glieder zittern ihm noch – und dann der Lärm ...

Stillgestanden! schreit der Rittmeister.

Noch einmal flackert der Lebenswille in ihm auf. Noch einmal darf er kommandieren, er selbst sein. Das Wort ist in seinen Mund gelegt, das Wort der erbarmungslosen Macht, der gehorcht werden muß, ohne Wimpernzucken. Höher als Alkohol berauscht ihn ein letztes Mal die Macht.

Stillgestanden, Fahnenjunker Pagel! Zwei Schritt – vorwärts! Kehrt! Stillgestanden! Stillgestanden, sage ich! Warum wackeln Sie, Mensch?

Was ist das? sagt die Stimme der Frau von der Tür her. Achim, kannst du denn keine Ruhe geben? Du quälst mich so ...

Der Rittmeister hat sich blitzschnell umgewendet. Ich dich quälen? schreit er. Ihr quält mich! Laßt mich doch alleine, laßt mich verrecken, laßt mich saufen – zu was bin ich denn nütze?! Plötzlich, ganz unvermittelt, in mildem Ton: Sie dürfen rühren, Fahnenjunker Pagel. Ich hoffe, ich habe Sie nicht zu arg geschlagen, es lag nicht in meiner Absicht.

Wieder wirrer: Ich weiß nicht, was es ist, daß ich so etwas tue. Es ist in mir, es ist immer in mir gewesen, ich habe es unten gehalten, aber nun will es heraus. Keiner kann es halten, es will heraus. Aber wenn es zu trinken bekommt, wird es ruhig, es schläft ein ...

Er murmelt immer leiser vor sich hin. Mit dem Fuß hat er die auf dem Boden liegende, ausgelaufene Flasche angestoßen. Er hat den Kopf geschüttelt, nun wendet er sich wieder zum Likörschrank.

Fassen Sie an, Herr Pagel! sagt Frau Eva von Prackwitz tonlos. Können Sie ihn noch auf einer Seite anfassen, daß wir ihn die Treppe hochkriegen? Ich sehe Ihren Kopf oben gleich nach. Ich muß zurück. – Ach, lassen Sie ihn, lassen Sie ihn doch ruhig seinen Schnaps mitnehmen, es ist jetzt ja doch alles egal. Es ist ja doch alles vorbei – oh, Pagel, wenn die Violet nicht wäre, wozu sollte ich dann noch leben –?! Ich tät's ja am liebsten auch wie die beiden, mich ins Bett legen und schlafen und von nichts mehr etwas wissen. – Ach, sagen Sie doch, Herr Pagel, was hat das denn für einen Sinn, wozu hat man geheiratet und einen Mann gerngehabt und ein Kind gekriegt und nun wird einem alles zerschlagen, Dreck zu Dreck, Mann und Kind, Dreck zu Dreck ... Sagen Sie doch, Herr Pagel –?

Aber Pagel antwortet nicht.

Die kleine, jammervolle Prozession tastet, stolpert jetzt die Treppe in den ersten Stock hinauf. Der Rittmeister ist kaum noch bei Bewußtsein, aber seine Flasche Wodka hält er fest. Die Frau ist so fieberhaft erregt, daß sie immer wieder stehenbleibt, daß sie den Transport des Rittmeisters völlig vergißt und nur auf Pagel einredet, eine Antwort von ihm haben will ...

Und der noch halb betäubte Pagel hört dieses Gerede, aber er hört auch etwas anderes, und in seinem gequälten Hirn taucht langsam der Gedanke auf, daß er etwas Schreckliches hört, etwas Grauenhaftes ...

Nein, das Haus ist nicht mehr ganz still. Zwischen den Redefetzen der gnädigen Frau hört er aus dem ersten Stock ein Geräusch, das er in dieser Nacht noch nicht gehört hat, ein grausiges, schreckliches Geräusch, trocken, hölzern, seelenlos:

Klapp – Klapp!

Und wieder:

Klapp – Klapp – Klapp ...

Und mitten in das Gerede der gnädigen Frau hinein hebt Pagel den Finger (er läßt den Rittmeister einfach auf den Treppenabsatz niedergleiten), sieht sie starr an und flüstert: Da!

Und sofort verstummt Frau Eva und sie hebt den Kopf und sieht Pagel an, und sie lauscht dabei nach oben, und es ist ganz still ...

Klapp – Klapp ...

Und das Kinn der gnädigen Frau fängt an zu zittern, ihr weißes Gesicht wird ganz gelb, wie von einer plötzlichen Krankheit verwüstet, ihre Augen füllen sich langsam mit Tränen –

Und da kommt es wieder: Klapp ...

In demselben Augenblick ist der Bann gebrochen, und gleichzeitig stürmen sie die Treppe hinauf. Sie laufen über den kurzen Gang, sie treten in Violets Zimmer ...

Ruhig liegt das Zimmer im Licht der Deckenlampe, weiß schimmert das Bett. Aber das Bett ist leer. Die unbefestigten Fenster klappern im Nachtwind, langsam, seelenlos, hölzern: Klapp, Klapp ...

Und nun kommt das, was Pagel die ganze Zeit fürchtete, vor dem er gebebt hat, und das er doch erwartet hat ... Es kommt der Schrei der Frau, der schreckliche, nicht enden wollende Schrei der Frau, der in hundert, in tausend kleine Schreie zerbricht, wie ein höllisches Gelächter, nicht wieder aufhörend: die Kreatur, zerbrechend von ihrer Qual.

Immer von neuem sagt sich Pagel, während er Frau Eva auf das Sofa legt, während er ihre Hände streichelt, auf sie einredet, um ihr Ohr wieder den Klang einer befreundeten, menschlichen Stimme hören zu lassen – immer von neuem sagt er sich, daß dies kein bewußter Schrei ist, daß die Frau fast völlig betäubt von dem irrsinnigen Schmerz ist, den sie fühlt ... Aber dann ist ihm doch wieder, als schrien in dieser einen Stimme alle Mütter, die ihre Kinder verlieren müssen – alle Mütter alle Kinder, langsam oder schnell. ›Denn wir verweilen hier nicht.‹

Zwischendurch geht er zum Fenster und schließt es, um das unerträgliche, hölzern klappernde Geräusch abzustellen. Er wirft dabei eilig einen Blick auf das Wandspalier, er meint, eine zertretene Ranke zu sehen – und er schließt das Fenster. Er weiß ja doch genug: der Schluß Waffenlager – Leutnant – Violet ist für ihn so leicht! Vor einer halben Stunde war er in der Versuchung, der verstellt schlafenden Violet zuzurufen: Der Leutnant kommt! Er hat es nicht getan, aber nun ist der Leutnant wirklich gekommen, meint er; er versteht alles, denkt er. Aber was soll er davon der sinnlosen Frau sagen ...?

Und er redet ihr zu, er sagt immer wieder, daß das Mädchen im Fieber in den Wald gelaufen sei, daß die gnädige Frau doch nur einen Augenblick mit ihm hinunter ans Telefon kommen möge, damit er Herrn von Studmann benachrichtigen kann. Dann werden sie Fräulein Violet suchen und finden ...

Aber Frau Eva von Prackwitz erreicht kein gütiges, kein überredendes Wort. Sie liegt da und stöhnt und weint. Er darf nicht weg von ihr, und er ist allein im Haus, der Rittmeister aber verschläft den Verlust der Tochter auf dem Treppenabsatz ...

Bis das Telefon unten im Hause schrillt und lärmt. Was die menschliche Stimme nicht vermochte, vermag diese Klingel: Frau von Prackwitz fährt hoch aus ihrer Betäubung und ruft: Laufen Sie ans Telefon! Sie haben meine Weio gefunden!

Sie läuft mit ihm, sie steht hinter ihm, sie nimmt den zweiten Hörer. Sie stehen sich so nahe, die Augen brennen, sie sind wie Gespenster, die nicht leben noch sterben ... sie lauschen ...

Aber es kommt nur die Stimme Herrn von Studmanns, der aufgeregt berichtet, im Schloß feiern die Mädchen eine Orgie mit den entflohenen Zuchthäuslern: Und alle sind toll und voll besoffen und, Pagel, es ist eine großartige Gelegenheit ...

Mit einem Ruck hängt die gnädige Frau ihren Hörer wieder an; Pagel sieht sie langsam, wie ohne Bewußtsein die Treppe wieder hinaufsteigen. – Und leise sagt er mit eiligen Worten dem Herrn von Studmann, daß Fräulein Violet aus dem Hause verschwunden sei. Man brauche sofort Polizei auf Motorrädern und Suchhunde, und auch zwei, drei zuverlässige Frauen hier in der Villa ... Die Tür sei offen ...

Und er hängt an und schließt die Tür weit auf, er läßt sie einfach offen stehen, hinaus in die Nacht des Unglücks –: mehr Unglück kann dies Haus nicht befallen. Er eilt die Treppe hinauf, er steigt achtlos über den schlafenden Rittmeister fort, und er findet Frau Eva von Prackwitz, kniend vor dem Bett der entflohenen Tochter. Sie hat die Hände unter die Decke geschoben, sie spürt vielleicht das letzte, was ihr von ihrem Kind verblieben ist, das bißchen Leibeswärme, das vom Bett festgehalten ist ...

Wolfgang Pagel sitzt still neben der stillen Frau, er stützt den Kopf in die Hand. Und hier, angesichts des größten Schmerzes, den er je gesehen, verfällt er in Gedanken an eine andere, eine Ferne, eine so Geliebte ... Vielleicht denkt er daran, was Menschen den Menschen in Liebe, Gleichgültigkeit und Haß antun können ... Er faßt wohl kaum einen Entschluß, mit den ausgedachten Entschlüssen ist es nicht soweit her – aber er läßt etwas wachsen in sich, was sachte schon immer in ihm war. Er gibt ihm allen Raum, einer sehr einfachen Sache: so gut und so anständig zu sein, wie nur immer möglich. (Denn wir sind alle nur aus Fleisch gemacht ... )

Dann hört er die Stimmen und Schritte der Leute unten. Und nun wird sofort alles undeutlich, wie immer, wenn man unter die Leute gerät. Er steht auf und läßt den Rittmeister ins Bett bringen. Er ruft den Arzt an, und die gnädige Frau wird auch schlafen gelegt, und er hat überhaupt sehr viel zu tun.

Aber das macht die wesentlichen Dinge nur unklarer. So gut und so anständig wie nur immer möglich. Darin liegt es. Das hält für ein Leben vor.

11

Nacht ist es – der Wind ist um die dritte Morgenstunde stärker geworden. Er wirft sich brausend in den Wald, aus den Kronen bricht er das morsche, das tote Holz. Krachend fällt es zur Erde. Es ist Herbst, es geht auf den Winter zu! Manchmal jagen die eilig ziehenden Wolken einen raschen Schauer herab, aber der Hund, ein einziger Spürhund, bleibt gut auf der Fährte.

Wieviel Menschen, wieviel Menschen sind unterwegs! Ganz Neulohe ist auf den Beinen, in keinem Haus schlafen die Menschen, überall brennen die Lampen!

Eine große Sache, eine ungeheuerliche Sache: die entflohenen Zuchthäusler, sie hatten im Schloß gesteckt! Sie waren überhaupt nicht fort gewesen, in den Kammern der Mädchen verborgen, hatten sie der Liebe und dem guten Essen gelebt. Dann, als die Herrschaft abgereist war, hatte man ein großes Fest gegeben. Der Übermut war ihnen zu Kopf gestiegen, die Tollheit – sie hatten sogar den alten würdigen Elias bei ihrem Bacchanal zusehen lassen, in einen Teppich gewickelt, ein Tuch vor dem Mund! Diese Mädchen – sie waren ja ohne jede Scham und allen Anstand gewesen, sie hatten mit den Zuchthäuslern Freundschaft geschlossen. Von ihren Mädchenkammern war in die Schnitterkaserne zu schauen gewesen, es waren Zeichen getauscht worden, Neckereien zuerst nur, aber dann hatten sie sich sehr gut verstanden. Der alte Marofke hatte die richtige Witterung gehabt!

Ja, es war etwas faul gewesen, hüben wie drüben, in der Villa wie im Schloß. Im Schloß hatten sie viel gebetet, aber Beten allein tut es freilich nicht – die alte gnädige Frau, wie würde sie über diese schlimme Nachricht hinwegkommen? Ihr Haus mußte ihr ja geschändet vorkommen!

Die Gendarmen hatten leichte Arbeit gehabt. Sie hatten überhaupt keine Arbeit gehabt, als sie mit Herrn von Studmann unter Hände hoch! in den großen Speisesaal eindrangen! Die Verbrecher hatten gelacht, sie hielten es für einen guten Witz! Sie hatten eine köstliche Zeit gehabt, saftige Dinge hatten sie zu erzählen, sie würden die Helden des Zuchthauses werden – und was konnte ihnen viel passieren?! Oben in den Kammern der Mädchen lag fein zusammengelegt ihre Zuchthauskluft, kein Stück fehlte. Unterschlagung kam nicht in Frage, Einbruch kam nicht in Frage – mit einem halben Jahr, mit drei Monaten würde die Sache für sie abgemacht sein. Und das war sie ihnen wert!

Die Mädchen freilich weinten. Oh, was die dicke Mamsell heulte, als man ihrem Liebsten, dem Verbrecher Matzke, die Handschellen anlegte! Sie zog den Rock ganz über ihren Kopf, sie heulte darunter wie ein Hündlein, sie schämte sich so –!

Wolfgang Pagel, der hereinsah, um die Gendarmen zur Eile anzutreiben, denn wichtiger als diese Zuchthäusler schien ihm jetzt das gnädige Fräulein – Wolfgang Pagel also sah Amanda Backs an einem Saalfenster stehen, dieses große, stramme, derbe Mädchen, das jetzt einen merkwürdig gespannten Zug im Gesicht hatte. Grimmig leuchtend beobachteten ihre Augen das betrunkene, heulende, lachende, schimpfende Treiben im Saal. (Da nicht genug Gendarmen zur Absperrung da waren, hatten sich viel zuviel Neugierige eingedrängt.)

Mit einem Gefühl der Enttäuschung sah Pagel das Mädchen da stehen, er hatte sie gestern nachmittag noch so großartig gefunden, als sie den Verräter Meier vor der Entente-Kommission geohrfeigt hatte.

Sie auch –? fragte er betrübt.

Amanda Backs wandte ihm das Gesicht voll zu und sah ihn an. Bei Ihnen piept's wohl? sagte sie verächtlich. Mit schlechten Kerlen hab ich genug zu tun gehabt. Nee, danke, davon bin ich kuriert. Wenn kein Anständiger, dann lieber gar nicht! Pagel nickte, und die Backs sagte erklärend: Ich wohn doch wegen der Hühner unten, weil ich immer so früh raus muß und die Gnädige nicht stören sollte. Und die wohnen alle oben. – Aber jewußt habe ich es natürlich – das sind doch bloß alles Jänse, und Jänse ohne Schnattern gibt es nich.

Sie sah wieder in das Getümmel und fragte nachdenklich: Ob sie's nun schon gemerkt haben? Ich verstehe es nicht. Es waren doch immer fünfe, und viere haben sie bloß geklappt. Ob der fünfte getürmt ist, oder ob er gar nicht hier im Schloß war – ich weiß es nicht.

Pagel sieht das Mädchen mit aufleuchtenden Augen an. Liebschner, Kosegarten, Matzke, Wendt und Holdrian, sagt er wie aus der Pistole geschossen her. Und welcher fehlt, Amanda?

Liebschner, sagte sie. Der Kerl mit dem unruhigen schwarzen Blick, so 'n Schleicher, Sie wissen doch, Herr Pagel!

Pagel nickt ihr kurz zu und geht zu den Gendarmen, um sich zu erkundigen. Aber dort hat man das Fehlen des fünften auch schon gemerkt – wie hätte es anders sein können? Selbst wenn die Gendarmen nicht daran gedacht hätten, das treffliche Gedächtnis des Herrn von Studmann sagte ebenso fehlerlos wie das Pagelsche her: Holdrian, Wendt, Matzke, Kosegarten, Liebschner ...

Ja, eine Weile sah es so aus, als sollte die Suche nach dem gnädigen Fräulein über diesem fehlenden fünften Mann vertrödelt werden, trotz alles Drängens von Wolfgang Pagel. Aber dann, gegen die dritte Stunde, kamen rasch neue Mannschaften. Die Neugierigen wurden aus dem Saal getrieben, schnelle Vernehmungen kamen in Gang, sehr gefördert durch einen plötzlich aus der Nacht aufgetauchten Kriminalbeamten oder ehemaligen Kriminalbeamten, den aber die Gendarmen zu kennen schienen, einen dicken, völlig verschmutzten und durchnäßten Mann mit einem merkwürdig gefrorenen Blick.

Zwei Minuten – und es war klar, dieser Liebschner war bei der Orgie im Saal nicht anwesend gewesen.

Weitere drei Minuten – und es war erwiesen, er war auch nie im Schloß gewesen. Ach, die dicke, heulende Mamsell – jetzt fuhr sie doch wirklich aus ihrem Rock heraus, dieser weinende, seufzende Fleischberg. Sie rief: Wir haben doch nur zu vieren oben geschlafen – was hätten wir wohl mit fünf Kerlen machen sollen?! Nein, pfui, was solche Männer alles von uns denken!

Und verschwand flennend wieder unter ihrem Rock.

Nochmals zwei Minuten – und sie wußten: der Liebschner war den andern vieren schon im Wald verlorengegangen, gleich nach der Flucht ...

Was ist er? Hochstapler? Halten wir uns nicht auf, sprach der dicke Kriminalist. Der Junge ist längst in Berlin – für so einen feinen Herrn ist Neulohe kein Pflaster. Der hat gewußt, was er wollte. Mit dem bekommen unsere Kollegen vom Alex zu tun – hoffentlich recht bald. – Ab mit den Leuten! Sie, bitte, Herr von Studmann, gehen mal rüber in die Villa. Sagen Sie dem Arzt, er soll mitkommen. Es ist schon besser, das Fräulein ist im Hemd losgelaufen – oder im Pyjama, bei dieser Witterung dasselbe.

Frau von Prackwitz – wandte Studmann ein.

Die gnädige Frau schläft, hat ein Spritzecken gekriegt. Der gnädige Herr schläft – hat auch genug. Der Arzt hat Zeit, sage ich Ihnen. Halt, bringen Sie irgendein Kleidungsstück von dem gnädigen Fräulein mit, damit der Hund immer wieder Witterung nehmen kann, irgend etwas, das sie direkt auf dem Leib getragen hat. – Noch einer! Hier soll es einen Förster geben, ollen Krachstiebel, Kniebusch oder so was. Raus mit dem aus dem Bett – der Mann wird ja seinen Wald kennen ...

Ich werde den Förster holen, sagte Pagel.

Halt! Junger Mann, Herr Pagel, nicht wahr? Mit Ihnen wollte ich grade sprechen.

Der große Saal hatte sich geleert, zwei oder drei der für die ›Orgie‹ verhängten Birnen brannten nur noch, die Luft war eisig und wie voller Schmutz. Von einem Fenster hing halb heruntergerissen der Vorhang und zeigte die nachtblinde Scheibe.

Der Dicke hatte sich neben Pagel gestellt, er nahm ihn leicht am Arm, er zwang ihn zum Hin- und Hergehen. – Eine verdammte Kälte. Ich bin Eis bis aufs Mark. Was das kleine Fräulein frieren muß! Jetzt ist sie beinahe zwei Stunden draußen! Nun los, erzählen Sie mir alles, was Sie von der jungen Dame wissen. Sie sind doch Beamter hier auf dem Gut, junge Männer interessieren sich für junge Damen, also los!

Und die eisigen Augen sahen Pagel durchdringend an.

Aber Pagel hatte manches gesehen und beobachtet, er war nicht mehr der junge, ahnungslose Mann, der sich jedem mit Autorität auftretenden Anspruch beugte. Er hatte wohl gehört, wie ein Gendarm unmutig gerufen hatte: Was will der dicke Speckjäger schon wieder bei uns?! Er hatte beobachtet, wie der dicke Mann wohl jedem Zivilisten Weisungen gab, nie aber einem Gendarmen. Und wie die Gendarmen taten, als sei der Dicke eigentlich gar nicht da, nie mit ihm sprachen ...

So sagte er dann langsam unter dem durchdringenden Blick dieser Augen: Erst einmal müßte ich wissen, im Auftrage welcher Behörde Sie hier sprechen!

Wollen Sie ein Blechschild sehen? rief der andere. Ich könnte Ihnen eines zeigen, bloß, es gilt nichts mehr. Ich bin ein rausgeschmissener Beamter. In den Zeitungen heißt so was: ›Wegen nationaler Gesinnung gemaßregelt‹.

Rascher sagte Wolfgang: Sie sind der einzige Mann hier, der wegen der Nachsuche von Fräulein von Prackwitz gedrängt hat. Welches Interesse haben Sie an ihr?

Keines! sprach der Mann eisig. Er beugte sich nahe zu Pagel, er faßte ihn am Rock, er sagte eilig: Sie haben Glück, junger Mann, Sie haben ein angenehmes Gesicht, nicht solche Bulldoggenfresse wie ich. Die Menschen werden immer Vertrauen zu Ihnen haben – mißbrauchen Sie es nicht! Nun, ich habe auch Vertrauen zu Ihnen; ich will Ihnen was verraten: ich habe großes Interesse an allem, was mit ausgenommenen Waffenlagern zusammenhängt.

Wolfgang sah vor sich hin; er sah wieder auf, er sagte: Violet von Prackwitz war fünfzehn Jahre. Ich glaube nicht, daß sie ...

Der Kriminalist sah ihn eisig an. Herr Pagel, sagte er, überall, wo Verrat geschehen ist, war eine Frau im Spiel, als Antrieb oder als Werkzeug. Oft als blindes Werkzeug. Immer! – Erzählen Sie!

Da erzählte Pagel, was er wußte.

Der Dicke ging neben ihm her, er schnaufte, er räusperte sich, er sah verächtlich die Wände an, er riß wütend an einer Vorhangschnur, er spuckte aus, er rief: Dummheiten, elende Dummheiten! Kotz! Er wurde leiser, schließlich sagte er: Danke schön, Herr Pagel, jetzt ist es schon ein bißchen heller.

Werden wir das Fräulein finden –? rief Pagel. Der Leutnant ...

Blind! sagte der dicke Mann. Blind hinein geboren in eine Welt von Blinden. Sie denken an den Leutnant. Nun, Herr Pagel, flüsterte er, Sie werden diesem Herrn Leutnant in einer Stunde guten Morgen sagen können – ich fürchte, es wird Ihnen nicht gefallen.

Es war ganz still im Saal. Die Lampen glimmten nur noch. Das dicke weiße Gesicht sah Pagel groß an. Ihm war, wie durch einen Schleier, als nicke es, als nicke es ihm zu, dieses böse Gesicht der Menschheit, das alle Gemeinheit, alle nackte Brutalität, alle Sünde des Menschenherzens kennt, und das doch weiterlebt, Ja sagend. Er sah hinein, sah hinein, ich war auch auf dem Wege sagte er, hatte er es gesagt?

Plötzlich hörte er wieder den Wind vor den Scheiben, ein Hund jaulte laut auf, ein anderer antwortete. Der Dicke faßte ihn bei der Schulter: Los, junger Mann, wir haben keine Zeit mehr.

Sie gingen in den Wald ...

Der Wind ging, in den unsichtbaren Kronen rauschte es, Holz brach krachend von oben, Stimmen schienen zu schreien, kurzer Regen stäubte – stumm gingen die Männer. Manchmal leise hechelnd zog der Hund unentwegt an der Leine; ihm zusprechend, sanft ihn lobend, ging sein Herr ihm nach. Gleich darauf folgten Pagel und der Kriminalbeamte, dann der Arzt mit Herrn von Studmann, dann zwei Gendarmen ... Der Förster fehlte, der Förster war nicht zu erreichen gewesen, der Förster sollte außerhalb sein. – Den lange ich mir noch! hatte der Kriminalist in einem Ton gesagt, den Pagel nicht gerne hörte.

Aber dann ging er ganz still neben dem jungen Mann. Einmal ließ er den Schein seiner Taschenlampe aufblinken, er blieb stehen, er sagte gleichmütig: Bitte hier nicht herzutreten! und ließ die andern vorübergehen. Sehen Sie, sagte er zu Pagel und wies auf irgend etwas am Boden, das Pagel nicht unterscheiden konnte. Er hat an alles gedacht. Hier hat sie schon Schuhe an, und einen Mantel oder so etwas wird er ihr auch mitgebracht haben.

Wer hat an alles gedacht? fragte Pagel müde. Er fragte nur so, es interessierte ihn nicht, er war unerträglich müde, und sein Kopf schmerzte immer stärker. Er würde den Arzt nachher fragen, was denn eigentlich mit ihm los war.

Wissen Sie es denn noch immer nicht? fragte der Kriminalist. Sie haben es mir doch selber gesagt.

Ich weiß es wirklich nicht, wenn es nicht der Leutnant ist, sagte Pagel verdrossen. Und ich bekomme es heute nacht auch nicht mehr heraus, wenn Sie es mir nicht sagen.

Wenn das Blut zu fein wird, erklärte der Dicke rätselhaft, dann verliert es an Kraft. Es will wieder hinunter. – Aber jetzt wollen wir schneller gehen. Meine Kollegen sind weit genug voraus, damit sie den Ruhm des Fundes haben ...

Wissen Sie denn schon, was wir finden werden? fragte Pagel immer mit der gleichen müden Verdrossenheit.

Was wir jetzt finden werden, ja, das weiß ich. Aber was wir dann finden werden, nein, das weiß ich nicht, das kann ich mir nicht einmal vorstellen.

Nun gingen sie wieder schweigend weiter. Sie gingen immer rascher, die vorne schienen auch rascher gegangen zu sein. Sie kamen zwei Minuten zu spät, die andern waren schon alle um ihn herum.

Es war ein Murmeln, und oben ging der Wind. Aber im Schwarzen Grund, hier war es still, der Kreis schob sich hin und her – der weiße Lichtkegel von der Taschenlampe des Arztes lag unerträglich grell auf dem, was einmal ein Gesicht gewesen war.

Hat sich selbst noch sein Grab gegraben, völlig verdreht.

Aber wo ist das Fräulein?

Gemurmel. Stille.

Ja, es war wohl kein Zweifel, dieses war der Leutnant, von dem Pagel so oft hatte reden hören, dem er so gerne einmal begegnet wäre. Hier lag er, eine sehr stille, eine sehr fragwürdige Figur – geradezu gesagt: ein ziemlich besudelter Haufen Lumpen, unverständlich, daß es je um dies Haß und Liebe gegeben haben sollte. Mit einem unerklärlichen Gefühl von Kälte, fast von Abneigung, sah er auf dieses Etwas hinab, gänzlich unerschüttert –: Warst du denn so großer Dinge wert? hätte er fragen mögen.

Der Arzt richtete sich auf. Unzweifelhaft Selbstmord, stellte er fest.

Kennt einer der Herren aus Neulohe den Mann? fragte ein Gendarm.

Über den Kreis weg sahen sich Pagel und von Studmann an.

Nie gesehen, antwortete Studmann.

Nein, sagte Pagel und sah sich nach dem dicken Kriminalisten um. Aber wie er schon erwartet hatte, war der nirgends zu sehen.

Dies ist doch wohl der Platz, wo –?

Ja, sagte Pagel. Ich habe heute nachmittag, gestern nachmittag zu einem Protokoll hierher gemußt. Dies ist der Platz, wo die Entente-Kommission ein Waffenlager beschlagnahmt hat.

Toter also unbekannt, sprach eine Stimme im Hintergrund, abschließend.

Aber unzweifelhaft Selbstmord! rief der Arzt eilig, als stellte er etwas richtig.

Eine lange Stille entstand. Die Gesichter der Männer in dem kleinen Lampenschein waren fast mürrisch, sie standen so unentschlossen herum ...

Und wo ist die Waffe –? fragte schließlich der Hundeführer doch.

Eine kleine Bewegung entstand.

Nein, hier ist sie nicht. Wir haben schon alles abgesucht. Weit hätte sie nicht wegfallen können.

Wieder diese lange, verdrossene Stille. ›Das ist ja wie eine Gespensterversammlung‹, dachte Pagel unerträglich gepeinigt und versuchte, näher an den Hund zu kommen, um dessen schönen Kopf streicheln zu können. ›Denkt denn keiner mehr an das Mädchen –?‹

Da sagte es schon einer: Und wo ist das Fräulein?

Wieder eine Stille, aber belebter, nachdenklicher.

Dann meinte ein Gendarm: Vielleicht – es ist doch ganz einfach. Er hat sich zuerst erschossen, und das Fräulein hat die Waffe genommen und hat es auch tun wollen. Aber dann hat sie es nicht gekonnt und ist mit der Waffe weiterlaufen ...

Wieder Nachdenken.

Darauf ein anderer: Ja, so kann es gewesen sein, du hast recht.

Dann wollen wir also erst mal rasch weitersuchen.

Das kann die ganze Nacht durch gehen – Neulohe bringt uns kein Glück.

Los! Jetzt nicht trödeln!

Eine Hand legte sich von hinten fest auf Pagels Schulter, eine Stimme flüsterte in Pagels Ohr: Drehen Sie den Kopf nicht um. Ich bin nicht da. Fragen Sie den Arzt, wie lange der Tote schon tot ist.

Einen Augenblick bitte! rief Pagel in die Bewegung des Aufbruchs hinein. Seine Stimme klang so, daß jeder sofort still stand. Können Sie uns wohl sagen, Herr Doktor, wie lange dieser Mann hier schon tot ist?

Der Arzt, ein vierschrötiger, untersetzter Landarzt mit einem merkwürdig schütteren schwarzen Bart um das Kinn, sah zögernd auf den Toten, dann in Wolfgang Pagels Gesicht. Seine Miene erhellte sich ein wenig, er sagte langsam: Ich habe hierin nicht die Erfahrung meiner Herren Kollegen von der Polizei. Darf ich fragen, warum Sie diese Frage stellen?

Weil ich das Fräulein von Prackwitz noch um halb eins schlafend in ihrem Bett gesehen habe.

Der Arzt sah auf die Uhr. Wir haben gleich halb vier, sagte er rasch. Um halb eins war dieser Mann schon Stunden tot.

Also muß ein anderer Mann das Fräulein von Prackwitz aus ihrem Zimmer hierher geholt haben, schloß Pagel.

Die Hand, die schwere Hand, die all diese Zeit über auf seiner Schulter wie eine Last gelegen hatte, wurde fortgenommen, ein leises Geräusch im Rücken verriet ihm, daß der Dicke sich entfernte.

Es ist also nichts mit deiner Erklärung, Albert! sagte einer der Gendarmen laut und ärgerlich.

Wieso? Warum nicht?! verteidigte sich der andere. Sie kann ja allein hierher gelaufen sein, den Toten gefunden haben. Nimmt den Revolver, läuft weiter ...

Unsinn! sagte der Hundeführer hart. Wir haben ja immer die zwei Spuren vor Augen gehabt, Mann und Frau – bist du denn blind? – Dies ist eine böse Sache, sie geht weit über unsere Zuständigkeit ... Wir müssen die Mordkommission benachrichtigen ...

Dies hier ist ein Selbstmord, widersprach der Arzt.

Wir müssen nur das Fräulein suchen, mahnte Pagel. Schnellstens!

Junger Herr, sagte der Hundeführer. Sie wissen etwas – oder Sie haben einen Verdacht, da Sie eben den Arzt so gefragt haben. Sagen Sie uns doch, was Sie glauben. Lassen Sie uns nicht im Dunkeln herumlaufen ...

Alle Gesichter sahen auf Pagel. Er schaute hinunter auf den Toten, er dachte an jene Unterredung mit Violet im Park, als sie ihn küßte, später bedrängte sie ihn. Er hätte jetzt gern die feste Hand auf der Schulter gespürt, eine Stimme im Ohr – aber wenn wir uns entscheiden müssen, sind wir allein, und wir müssen es sein.

Ich weiß ja nichts, klang es verzweifelt in ihm. Er horchte den Worten nach. Dann hörte er die rauhe Stimme wieder, den bösen und doch traurigen Klang, mit dem sie gesprochen hatte: Das Blut will hinab ... – Das Blut will hinab ... Er sah auf von dem Toten, er sah in die Gesichter der Männer. Er sagte: Ich weiß gar nichts ... Aber vielleicht habe ich etwas erraten ... Heute früh hat der Herr Rittmeister von Prackwitz seinen Diener entlassen, nach einem schweren Streit. Das Mädchen im Haus hat mir heute abend erzählt, es sei um einen Brief gegangen, den das Fräulein geschrieben ... Das Fräulein war sehr jung, und dieser Diener war nach allem, was ich von ihm weiß, ein sehr schlechter Mensch. Ich könnte mir denken ...

Er sah fragend in die Gesichter.

Also irgend etwas wie eine Erpressung – das hört sich schon anders an! rief ein Gendarm. Bloß nicht solche verfluchten Geschichten mit Waffenlagern, Verrätern, Feme –!

Sein Kollege räusperte sich laut, fast drohend.

Los mit dem Hund! Laß ihn am Hemd riechen. Bleibt alle stehen. Geh mit der Minka einen Kreis um den Kessel ab, hier ist alles zertrampelt ...

Keine fünf Minuten, und der Hund schoß einen kleinen Pfad hinauf, die Leine spannend. Eilig folgten die Männer. Aus dem Kessel heraus, oben ging es klar eine Schneise entlang, immer weiter fort von Neulohe ...

Plötzlich war der Dicke wieder neben Pagel. Das haben Sie ganz gut gemacht, sagte er anerkennend. Haben Sie es also endlich doch erraten?

Ist es denn wirklich wahr?! rief Pagel erschrocken und blieb stehen. Es kann doch nicht sein!

Weiter, junger Mann! mahnte der Dicke. Jetzt haben wir Eile, obwohl ich überzeugt bin, wir kommen zu spät. – Natürlich ist es wahr – wer soll es denn sonst sein?

Ich glaube es nicht! Dieses graue, fischige Vieh ...

Ich muß ihn gestern auf den Straßen von Ostade gesehen haben, sagte der Dicke. Ich habe so eine Ahnung von dem Gesicht ... Aber man sieht zuviel Gesichter heute, die nach Verbrechen aussehen, gewesenen und zukünftigen – Gnade Gott dem Burschen, wenn ich ihn finde –!

Wenn wir sie nur finden!

Halt! Vielleicht ist Ihr Wunsch jetzt in Erfüllung gegangen ...

Es gab einen Aufenthalt, quer ab von der Schneise zerrte der Hund in eine dicht bestandene Tannendickung. Mühsam, mit den Zweigen kämpfend, mit den Lämpchen leuchtend, drangen die Männer vor. Keiner sprach ein Wort. Es war so still, daß man das laute, ungeduldige Hecheln des Hundes hörte wie die Stöße einer Dampfmaschine.

Die Spur ist ganz frisch! flüsterte der Dicke in Pagels Ohr und brach rascher durch die Zweige.

Aber die kleine Lichtung, auf die sie traten, kaum größer als ein Zimmerchen, war leer. Mit einem leisen Aufheulen stürzte der Hund auf etwas, was auf der Lichtung lag – der Hundeführer griff danach. Ein Damenschuh! rief er.

Und noch einer! rief der dicke Kriminalist. Hier hat er –

Er brach ab. Los, meine Herren! rief er, wir sind direkt hinter ihm. Er kann nicht mehr schnell vorwärts, mit dem Mädchen in Strümpfen. Loben Sie Ihren Hund, Mensch, vorwärts!

Und sie liefen!

Kreuz und quer ging die wilde Jagd, durch Tannen und Wacholder, der Hund jammerte lauter, immer wieder prallten die Männer im Dunkeln gegen Stämme, Rufe wurden laut: Ich höre sie! – Seid doch still! – Schrie da nicht eine Frau?

Der Wald wurde lichter, noch rascher kamen sie vorwärts, und plötzlich, fünfzig, vierzig Meter vor ihnen wurde es hell zwischen den Zweigen, ein weißer, strahlender Schein ...

Einen Augenblick standen sie Atem holend, ohne Verständnis ...

Ein Auto! Er hat ein Auto! schrie plötzlich einer.

Sie stürmten vorwärts. Laut klang das Tacken des Motors zwischen den Stämmen. Dann brauste er auf, der Lichtschein schwankte, wurde schwächer, sie liefen im Dunkeln ...

Auf der Schneise standen sie, in der Ferne leuchtete es noch, der Schein wanderte weiter. Ein Gendarm stand, die Pistole in der Hand, er ließ sie wieder sinken: Unmöglich, die Reifen noch zu treffen!

Rasch wurde vereinbart, nach Neulohe zurück zu eilen. Es sollte telefoniert werden, mit dem Prackwitzschen Auto wollte man die Spuren des entflohenen Autos verfolgen ...

Alles brach auf, von Studmann rief ungeduldig: Pagel, kommen Sie noch nicht?

Pagel sagte: Einen Augenblick. – Ich komme dann sofort nach.

Der Dicke hielt ihn am Arm. Hören Sie zu, junger Mann, flüsterte er. Ich gehe nicht mit euch, ich gehe zurück nach Ostade. Die da sind voll Optimismus, weil sie den Feind aufgespürt haben, und weil es nicht nach Fememord riecht. Verfolgung von Fememördern – das mögen die nicht und müssen es doch. – Aber, junger Mann, Sie sind das einzig vernünftige Gesicht auf dem Hof – machen Sie sich keine Hoffnung, und machen Sie den andern auch keine Hoffnung. Vor allem der Mutter nicht, bringen Sie es ihr langsam bei ...

Was? Was soll ich ihr beibringen?

Wie wir da in die Tannendickung eindrangen, da dachte ich auch: er hat's getan. Aber als wir nur die Schuhe fanden ...

Wir haben ihn gestört.

Vielleicht! Aber der hat seine Zeit auf die Minute berechnet! Pagel, ich sage Ihnen, so einen Kerl wie den, den können Sie nicht einmal in Ihrem schlimmsten Traum träumen. Es ist ja möglich, daß er es noch tut, aber ich glaube es nicht. Es ist viel schlimmer ...

Pagel stand still, er fragte nichts.

Es gibt solche, sagte der Dicke. Meistens, in gesunden Zeiten, lassen die andern sie nicht hoch kommen, aber in einer kranken, verfaulten Zeit, da wird es geil, solch Gewächs ... Glauben Sie doch nicht, Pagel, daß das ein Mensch ist, daß der fühlt und denkt wie ein Mensch. – Das ist ein Scheusal, ein Wolf, der mordet, nicht um zu fressen, sondern um zu morden!

Aber Sie sagen doch: er wird es nicht tun?

Wissen Sie, was das ist: hörig –? Können Sie sich das überhaupt vorstellen: hörig? Von dem Atemzug, dem Blick solch eines Scheusals abhängig zu sein, nichts tun zu können ohne seinen Wunsch und Willen? Das ist Ihr kleines Fräulein! Und da er nun fort ist, wird er das Schlimmste tun, was er tun kann: er wird sie immer beinah ermorden und dann wird er sie wieder ein bißchen leben lassen. Was er so leben nennt, grade noch, daß der Lebensfunke Todesangst empfinden kann ...

Sie schwiegen beide, der Wind ging und ging, es war völlig dunkel ...

Pagel, sagte der Dicke plötzlich. Ich gehe jetzt. Wir werden uns kaum wiederbegegnen. Aber es hat mich, wie man so sagt, gefreut. – Pagel! sagte er noch einmal dringlich. Beten Sie zu Gott, daß diese Mutter ihre Tochter nie wiederfindet – es wäre keine Tochter mehr ...

Er war lautlos fort. Wolfgang Pagel stand allein im dunkeln, windigen Wald.

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