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Wolf unter Wölfen. Zweiter Teil. Das Land in Brand

Hans Fallada: Wolf unter Wölfen. Zweiter Teil. Das Land in Brand - Kapitel 3
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleWolf unter Wölfen. Zweiter Teil. Das Land in Brand
publisherro ro r
year1952
printrun
isbn3499110571
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel.
Es kommen des Teufels Husaren

1

Es ist eine Unverschämtheit! schrie der Rittmeister.

Ich wußte ja, du würdest dich aufregen, sprach sanft Frau von Prackwitz.

Ich lasse mir das nicht gefallen! schrie der Rittmeister noch stärker.

Es war bloße Fürsorge, beruhigte Frau von Prackwitz.

Wo ist der Brief? Ich will meinen Brief haben! Es ist mein Brief! brüllte der Rittmeister.

Die Sache ist sicher längst erledigt, vermutete Frau von Prackwitz.

Ein drei Wochen alter Brief an mich – und ich bekomme ihn nicht zu sehen! Wer ist hier der Herr?! donnerte der Rittmeister.

Du! sagte die Frau.

Jawohl – und das werde ich ihm beweisen! schrie der Rittmeister, aber schwächer, denn lauter konnte er nicht mehr schreien.

Er lief zur Tür. Der bildet sich ja Sachen ein –!

Du vergißt deinen Brief, erinnerte die Frau.

Welchen Brief –? Der Rittmeister stand wie angedonnert. Außer dem einen Brief konnte er an keinen andern mehr denken.

Den dort – aus Berlin.

Ach so! Der Rittmeister stopfte ihn in die Tasche. Er sah seine Frau düster drohend an und sagte: Daß du mir nicht mit dem Kerl telefonierst!

I wo! Rege dich bloß nicht so auf. Die Leute müssen jeden Augenblick kommen.

Die Leute können mir –

Als wirklich gebildeter Mann sagte der Rittmeister es erst außerhalb des Zimmers seiner Frau, was die Leute ihm könnten. Die gnädige Frau lächelte. Gleich darauf sah sie ihren Gatten, die mageren, langen Glieder mächtig bewegt, barhaupt, den Weg zum Gut entlangstürmen.

Frau von Prackwitz trat zum Telefon, sie drehte die Kurbel, sie fragte: Sind Sie das, Herr Pagel? Können Sie mir mal rasch Herrn von Studmann geben? Danke schön! – Herr von Studmann? Mein Mann ist im Ansturm. Er ist sauwütend, daß wir ihm den Brief wegen des elektrischen Stroms unterschlagen haben. Lassen Sie ihn sich bitte ein bißchen ausbrüllen. Das Schlimmste hat er schon bei mir abgeladen. – Ja, natürlich, danke schön. – Oh, nein, mir macht es schon lange nichts mehr. Also im voraus besten Dank.

Sie legte den Hörer wieder auf, sie fragte: Du wünschest, Weio?

Darf ich eine halbe Stunde spazierengehen?

Frau von Prackwitz sah auf ihre Uhr. Du kannst in zehn Minuten mit mir zum Schloß gehen. Ich muß sehen, ob es mit der Kocherei für die Leute klappt.

Ach, immer nur zum Schloß, Mama! Ich wäre so gerne mal wieder in den Wald gegangen. Darf ich nicht in den Wald? Und schwimmen –? Ich bin seit vier Wochen nicht zum Schwimmen gekommen!

Du weißt, Violet ... Trockenster Ton – gegen das eigene Herz.

Oh, du quälst mich so! Du quälst mich so, Mama! Ich halte es nicht mehr aus! Dann hättest du mir früher nicht soviel Freiheit lassen sollen, wenn du mich jetzt so an die Kette legen willst! Wie eine Gefangene! Aber ich halte es nicht mehr aus! Ich werde verrückt in meinem Zimmer! Manchmal träume ich, alle Wände fallen auf mich – Und dann sehe ich die Gardinenschnur an und überlege, ob sie hält. Und dann möchte ich zum Fenster hinausspringen. Und in die Scheiben möchte ich schlagen, ich möchte sehen, wie mein Blut läuft, damit ich doch spüre, daß ich lebe ... Ihr seid mir alle wie Gespenster, und ich bin mir auch wie ein Gespenst, als lebten wir gar nicht richtig – aber ich will nicht mehr. Ich tue etwas, es ist mir egal, was ich tue, es kommt mir nicht darauf an ...

Ach, Weio! Weio! sagte die Mutter. Wenn du uns doch die Wahrheit sagen wolltest! Glaubst du denn, es wird uns leicht? Aber solange du uns weiter belügst, können wir doch gar nicht anders ...

Du! Du allein! Papa hat auch gesagt, du machst es viel zu schlimm! Und Papa glaubt mir auch, daß ich die Wahrheit gesagt habe, daß es kein fremder Mann war, sondern der Förster Kniebusch. Alle glauben es mir – nur du nicht. Du willst uns alle beherrschen, Papa sagt es auch ...

Also mach dich fertig, sagte Frau von Prackwitz müde. Ich will sehen, daß wir hinterher noch ein Stündchen in den Wald gehen.

Ich will nicht mit dir in den Wald gehen! Ich brauche keinen Aufseher ... Ich will keine gebildeten Gespräche führen ... Ich lasse mich nicht einsperren von dir! Ich – ich hasse dich überhaupt! Ich mag dich nicht mehr sehen! Ach, ich will, ich will nicht mehr ...

Da hatte sie es wieder, das Schreien war gekommen, dann das immer wieder erstickte, fortgeschriene Schluchzen, das schließlich doch übermächtig aus ihr hervorbrach, sie verkrümmte, hinwarf – in ein jammervolles, von Krämpfen geschütteltes Bündel Geschrei und Gewimmer verwandelte.

Frau von Prackwitz sah sie an. Sie hatte ein festes Herz, sie weinte nicht schon darum, weil andere weinten. Ein grenzenloses Mitleid mit dem armen, verlaufenen, ratlosen Kind erfüllte sie. Aber sie dachte auch: Du lügst doch! Wenn du kein Geheimnis zu verteidigen hättest, würdest du dich nicht so steigern.

Sie drückte auf den Klingelknopf. Als sie den Schritt des Dieners hörte, öffnete sie die Tür und sagte: Kommen Sie jetzt nicht herein, Hubert. Rufen Sie mir Armgard oder Lotte – dem gnädigen Fräulein ist schlecht geworden ... Ja, und dann bringen Sie mir die Hoffmannstropfen aus dem Apothekenschränkchen.

Während die gnädige Frau sachte wieder die Tür schloß, lächelte sie traurig. Als sie mit dem Diener gesprochen hatte, hatte sie weiter auf das Wimmern und Weinen gelauscht. Merklich war es leiser geworden, als sie dem Diener ihre Weisungen gab, es war fast verstummt, als die verhaßten Hoffmannstropfen bestellt wurden.

›Es geht dir wohl schlecht, mein Kind‹, dachte Frau von Prackwitz. ›aber es geht dir nicht so schlecht, daß dich nicht mehr interessiert, was mit dir wird. Es hilft nichts, wir müssen durchhalten, bis eine nachgibt. Hoffentlich du!‹

2

Der Rittmeister kam auf das Büro gestürmt.

Halloh! sagte von Studmann. Das heiße ich eilig! Kommen die Leute –?

Die Leute können mir im Mondschein begegnen! schrie der Rittmeister, dem sein Sturmlauf frischen Zornesmut gegeben hatte. Wo ist mein Brief? Ich will meinen Brief haben!

Du mußt nicht so schreien! meinte Studmann kühl. Ich höre noch immer ausgezeichnet. Was für ein Brief –?

Das wäre ja noch schöner! schrie der Rittmeister lauter. Mir werden meine Briefe unterschlagen, und ich soll nicht einmal meine Meinung sagen dürfen?! Ich verlange meinen Brief –

Herr Pagel, bitte, seien Sie so freundlich und schließen Sie die Fenster. Es braucht ja schließlich nicht ganz Neulohe zu hören, was wir hier ...

Pagel, Sie lassen die Fenster offen! Sie sind mein Angestellter, verstanden?! Ich will endlich den Brief haben – drei, vier, fünf Wochen ist er alt ...

Ach so, den Brief meinst du, Prackwitz ...

Mir werden also noch mehr Briefe unterschlagen?! Du hast Heimlichkeiten mit meiner Frau, Studmann –

Hier platzte der junge, leichtfertige Pagel heraus.

Der Rittmeister stand starr. Erst faßte er es nicht. Der junge Pagel hatte gelacht. Man hätte das Sirren einer Mücke auf dem Büro gehört, so still war es.

Der Rittmeister machte zwei lange Schritte auf Pagel zu. Sie lachen? Sie lachen, Herr Pagel, wenn ich zornig bin –?

Verzeihen, Herr Rittmeister – es klang nur so komisch ... ich habe nicht über Herrn Rittmeister gelacht ... Nur, es klang so komisch ... Herr Studmann hat Heimlichkeiten mit der gnädigen Frau ...

So. – So! Eiskalter Blick, Mustern von oben bis unten. Sie sind entlassen, Herr Pagel. Sie können sich von Hartig zum Drei-Uhr-Zug auf die Bahn fahren lassen. Lauter: Keine Widerworte, bitte! Verlassen Sie das Büro. Ich habe hier geschäftliche Verhandlungen.

Ein wenig weiß, doch in guter Haltung verließ der junge Pagel das Büro.

Herr von Studmann lehnte jetzt gegen den Kassenschrank, geärgert, mit gerunzelter Stirn sah er aus dem Fenster hinaus. Der Rittmeister betrachtete ihn von der Seite. Das ist ein ganz unverschämter Bengel! knirschte er probeweise, aber Herr von Studmann reagierte nicht.

Ich bitte jetzt endlich um meinen Brief, sagte der Rittmeister.

Ich habe den Brief bereits Herrn von Teschow zurückgegeben, berichtete von Studmann kühl. Ich habe den Herrn Geheimrat davon überzeugen können, daß seine Forderung unberechtigt war. Er bat um Rückgabe des Briefes, damit die Sache wie nicht gewesen sei ...

Das glaube ich! lachte der Rittmeister bitter. Hast dich von dem alten Fuchs reinlegen lassen, Studmann! Hat sich blamiert, und du gibst ihm den Beweis seiner Blamage zurück. Köstlich!

Die Verhandlung mit Herrn Geheimrat von Teschow war nicht ganz leicht, sagte Studmann. Wie immer konnte er sich formaljuristisch auf diesen unseligen Pachtvertrag berufen. Was ihn schließlich bestimmte, waren Erwägungen wegen seines Rufs, euer verwandtschaftliches Verhältnis ...

Verwandtschaftliches Verhältnis! Ich bin überzeugt, du hast dich einseifen lassen, Studmann.

Bitte, er hängt scheinbar sehr an Tochter und Enkelin. – Und wie habe ich mich einseifen lassen können, da alles beim alten geblieben ist?

Das ist mir ganz egal, erklärte der Rittmeister trotzig. Ich hätte den Brief lesen müssen.

Ich glaubte mich bevollmächtigt. Du hast mich ausdrücklich gebeten, dir alles Unangenehme fernzuhalten.

Wann hätte ich das gesagt?

Gelegentlich der festgestellten Felddiebe ...

Studmann! Wenn ich mich nicht mit diesen kleinen Diebereien abgeben will, so heißt das noch nicht, daß du mir Briefe vorenthalten darfst!

Gut, sagte von Studmann. Es wird nicht wieder vorkommen. Er lehnte am Kassenschrank, kühl, ein wenig zurückhaltend, aber doch nicht unverbindlich. Ich habe mir eben die Kocherei in der Waschküche angesehen. Das scheint zu klappen. Die Backs ist wirklich tüchtig.

Wir werden einen schönen Stunk mit diesen Zuchthäuslern erleben! Ich hätte mich nie darauf einlassen sollen! Aber wenn alle auf einen einreden! Zehnmal lieber hätte ich die Berliner Leute genommen! Da hätte ich doch aus meiner Schnitterkaserne keine Kasematte zu machen brauchen. Was das alles gekostet hat! – Und nun – auch Frechheiten von diesen Berliner Kerls! Da, lies mal –!

Und er zog den Brief aus der Tasche, reichte ihn Studmann. Der las ihn unbewegt, gab ihn Prackwitz zurück und sagte: So etwas war zu erwarten!

Das war zu erwarten –?! schrie der Rittmeister fast. Du findest das noch selbstverständlich! 700 Goldmark verlangt der Kerl für die Jammerlappen, die ich nicht mit der Kohlenzange anfassen möchte! Und das findest du selbstverständlich?! Studmann, ich bitte dich ...

Die Aufrechnung liegt ja dabei: zehn Goldmark Vermittlungsprovision pro Kopf macht 600 Mark, sechzig Stunden Zeitversäumnis zu einer Mark, sonstige Kosten vierzig Mark ...

Aber du hast sie doch gesehen, Studmann, das waren doch keine Arbeiter! Siebenhundert Goldmark für eine Botanisiertrommel mit Säugling – nein, dem Kerl mußt du einen Brief hinfetzen, Studmann!

Natürlich, was wünschest du, daß ich schreibe?

Aber das weißt du doch selber am besten, Studmann!

Ich soll die Forderung zurückweisen?

Natürlich!

Ganz –?

Ganz und gar! Nicht einen Pfennig zahle ich dem Kerl!

Gemacht, sagte Studmann.

Du bist doch einverstanden? fragte der Rittmeister argwöhnisch.

Ich einverstanden? Nein, nicht die Spur, Prackwitz. Du verlierst den Prozeß bestimmt!

Ich verliere den Prozeß ... Aber Studmann, das waren doch keine Leute, keine Landarbeiter ...

Einen Augenblick, Prackwitz ...

Nein, einen Augenblick, Studmann ...

Also bitte ...

Herr Rittmeister von Prackwitz war seinem Freund von Studmann doch recht böse, als der ihn am Ende davon überzeugt hatte, man müsse versuchen, zu einem Vergleich zu kommen.

Das kostet alles ein Geld ... seufzte er.

Leider werde ich dich heute noch um mehr Geld bitten müssen ... sagte Herr von Studmann. Er hatte sich über einen Rechenblock gebeugt und warf eilig Zahlen hin, endlose Zahlen mit sehr vielen Nullen.

Wieso Geld? Ich habe nichts Nennenswertes da. Die Rechnungen haben Zeit, sagte der Rittmeister, schon wieder ärgerlich.

Da du den jungen Pagel entlassen hast, sagte Herr von Studmann und schien sehr mit seinen Zahlen beschäftigt, wirst du deine Spielschuld regulieren müssen. Ich habe es eben ausgerechnet: nach dem gestrigen Dollarkurs würden es 97 Milliarden 200 Millionen Mark sein. Man kann schon sagen: 100 Milliarden ...

100 Milliarden! rief der Rittmeister atemlos. 100 Milliarden! – Und du sagst so hin: Prackwitz, ich werde dich um Geld bitten müssen ... Er brach wieder ab, völlig fassungslos. – Dann, in einem ganz andern Ton: Studmann! Mensch! Alter Gefährte! Ich habe jetzt immer das Gefühl, du bist irgendwie böse mit mir ...

Ich böse mit dir –? Eben sah es ganz so aus, als seiest du böse mit mir!

Der Rittmeister überhörte es: Als machtest du mir absichtlich Schwierigkeiten –!

Ich – dir – Schwierigkeiten –?

Aber Studmann, überlege doch einmal ruhig: wo soll ich denn das Geld hernehmen?! Eben erst diese wahnsinnigen Ausgaben für den Umbau der Schnitterkaserne, nun dieser Berliner Kerl mit 700 Goldmark, dem ich deiner Ansicht nach auch was geben soll, und schon wieder Pagel ... Ja, lieber Studmann, ich bin doch nicht aus Geld gemacht! Ich kann dir schwören, ich besitze keine Banknotenpresse, ich habe keinen Dukatenkacker irgendwo rumstehen, ich kann kein Geld aus den Rippen schwitzen – und du kommst mit derartig exorbitanten Forderungen –! Ich verstehe dich nicht ...

Prackwitz! sagte Studmann eifrig. Prackwitz, setze dich sofort hier in den Schreibtischsessel. So – du sitzt gut? Schön, warte einen Augenblick. Gleich wirst du etwas sehen –! Ich muß nur mal in Pagels Zimmer nachschauen ...

Aber was soll das?! fragte der Rittmeister völlig verwirrt.

Doch war Studmann schon in Pagels Zimmer entschwunden. Der Rittmeister hörte ihn dort rumkramen. ›Was hat er bloß?‹ dachte er. ›Jetzt stehe ich aber auf! Ernste geschäftliche Unterredung, und er fängt irgendeinen Quatsch an –‹

Nein, bleib sitzen! rief Studmann herbeieilend. Jetzt sollst du etwas sehen! – Was ist das –?!

Ein wenig blöde sagte der Rittmeister: Ein Rasierspiegel! Vermutlich Pagels. Aber was in aller Welt –

Halt, Prackwitz! Wen siehst du in dem Spiegel?

Na mich. Der Rittmeister sah sich wirklich an. Wie alle Männer strich er mit dem Finger am Kinn entlang und horchte auf das leise Knirschen der Stoppeln. Dann rückte er an seinem Schlips. – Aber ...

Und wer ist das ›mich‹? Wer bist du?

Nun sage aber mal, Studmann ...

Da du es noch immer nicht weißt, Prackwitz, will ich es dir sagen: der dich aus dem Spiegel anschaut, ist der geschäftsunerfahrenste, kindlichste, geld- und weltfremdeste Mann, der mir in meinem ganzen Leben begegnet ist!

Ich muß doch sehr bitten, sagte der Rittmeister mit gekränkter Würde. Ich will ja deine Verdienste gewiß nicht unterschätzen, Studmann, aber immerhin habe ich Neulohe auch vor deiner Zeit recht erfolgreich geleitet ...

Sieh ihn an! sagte Studmann eifrig. Um der Sache alles Kränkende zu nehmen (denn wahrhaftig, wenn ich nicht dein wirklicher Freund wäre, Prackwitz, ich würde noch in dieser Stunde mein Bündel schnüren und von hinnen gehen), wollen wir also den bewußten Herrn Herrn Spiegel nennen. Herr Spiegel begibt sich erstens nach Berlin, um Leute zu engagieren. Er gerät in eine Spielhölle. Gegen den Rat seines Freundes spielt er. Er borgt sich, als er ratzekahl ist, von einem jungen Menschen an die zweitausend Goldmark und verspielt die auch. Der junge Mensch wird Herrn Spiegels Angestellter; er ist anständig, er mahnt nicht wegen des Geldes, trotzdem er Geld wahrscheinlich sehr nötig hat, denn seine Zigaretten werden alle Tage schlimmer, Prackwitz. Da setzt Herr Spiegel den jungen Mann raus und beschwert sich darüber, daß er nun zahlen muß.

Aber er hat doch über mich gelacht, Studmann! – Studmann! Nimm wenigstens den verdammten Spiegel weg!

Herr Spiegel, fuhr Studmann erbarmungslos fort und folgte mit dem Spiegel dem ausweichenden Kopf des Rittmeisters, Herr Spiegel engagiert in Berlin Leute, er sagt dem Vermittler ausdrücklich: ganz egal, wie sie aussehen, ganz egal, was sie gelernt haben! Aber als Herr Spiegel dann die Leute sieht, bekommt er doch einen Schreck, und mit Recht. Statt nun aber einen Vergleich mit dem Vermittler zu suchen, drückt Herr Spiegel sich vor der Auseinandersetzung, flieht vor dem Feind, scheut die offene Feldschlacht ...

Studmann!

Und macht aller Welt, nur sich nicht Vorwürfe, daß er nun zahlen muß.

Ich mache dir doch keine Vorwürfe, Studmann. Ich frage dich nur, woher ich das Geld nehmen soll!

Aber das sind Lappalien, sagte Studmann, den Spiegel niederlegend. Das Wichtige, das Unangenehme kommt erst.

O Gott, Studmann! Nein, bitte jetzt nicht! Du kannst mir glauben, für einen Vormittag ist mein Bedarf an Ärger völlig gedeckt. Außerdem müssen die Leute gleich kommen ...

Die Leute können uns – sagte auch Herr von Studmann energisch. Kreuzweis! Du mußt jetzt zuhören, Prackwitz. Es hilft nichts, wenn du dich windest, du kannst nicht wie ein blindes Huhn in der Welt herumlaufen. Studmann ging ans Fenster, er rief: Ach, bitte, gnädige Frau, können Sie einen Augenblick hereinkommen?

Frau von Prackwitz sah zweifelnd erst Weio, dann Herrn von Studmann an. Ist es so wichtig?

Meine Frau ist ganz überflüssig, protestierte der Rittmeister. Sie versteht überhaupt nichts von Geschäften.

Sie versteht mehr davon als du! flüsterte Studmann zurück. Ach, Pagel, nehmen Sie sich ein bißchen des gnädigen Fräuleins an. Nett. Also bitte, gnädige Frau!

Ein wenig widerstrebend, ein wenig zweifelhaft ging Frau von Prackwitz auf das Büro. Von der Schwelle sah sie noch einmal zurück auf das Paar.

Wohin befehlen gnädiges Fräulein? fragte Pagel.

Ach, hier so ein bißchen vor den Fenstern auf und ab.

Frau von Prackwitz trat in das Büro.

3

Wollen Sie vielleicht auch die Massenkocherei im Schloß besichtigen? fragte Pagel. Da herrscht jetzt Hochbetrieb!

Ach, da muß ich nachher mit Mama hin! Wer kocht denn?

Fräulein Backs und Fräulein Kowalewski.

Von der Amanda verstehe ich es. Aber daß die Sophie sich nicht zu fein vorkommt, für Zuchthäusler zu kochen –!

Jeder verdient sich heute gern ein bißchen Geld.

Sie anscheinend nicht, wenn Sie in der Arbeitszeit hier rauchend herumlaufen, sagte Violet streitsüchtig.

Stört meine Zigarette? fragte Pagel und nahm sie aus dem Mund.

I gar nicht. Ich rauche selber gern. Wir können uns nachher, wenn die auf dem Büro nicht mehr an uns denken, ein bißchen in den Park verkrümeln. Dann schenken Sie mir eine.

Wir können doch auch gleich gehen! Oder glauben Sie, Ihre Mama hält mich für so gefährlich, daß Sie nicht mit mir in den Park dürfen?

Sie und gefährlich! Weio lachte. Nein, aber ich habe eigentlich Stubenarrest.

Sie dürfen also eigentlich nur mit Ihrer Mama gehen?

Was Sie nicht alles rauskriegen! rief sie spöttisch. Seit drei Wochen redet die ganze Gegend davon, daß ich Stubenarrest habe, und Sie merken es auch schon!

Aber Fräulein Violets Gereiztheit machte auf Pagel gar keinen Eindruck. Er lächelte vergnügt und fragte: Danach darf man sich wohl nicht erkundigen, warum Sie Stubenarrest haben? War es sehr schlimm?

Seien Sie nicht indiskret! sagte Weio sehr von oben herab. Ein feiner Mann ist nicht indiskret.

Ich werd wohl nie ein feiner Mann werden, gnädiges Fräulein, gestand Pagel betrübt und strich verstohlen lächelnd über seine Brusttasche. Aber wenn Sie meinen, daß die im Büro jetzt laut genug reden, könnten wir in den Park entwetzen und eine Zigarette rauchen.

Warten Sie, sagte Weio. Sie lauschte. Man hörte Herrn von Studmanns Stimme, ruhig, aber sehr nachdrücklich. Nun sprach der Rittmeister hastig, protestierte klagend gegen irgend etwas – und jetzt sagte Frau von Prackwitz sehr bestimmt, sehr klar sehr vieles. Mama ist in Fahrt, also los!

Sie bogen um Fliederbusch und Goldregen, dann gingen sie langsam den breiten Weg zwischen Rasenflächen in den eigentlichen Park hinunter.

So, jetzt können sie uns nicht mehr sehen. Jetzt dürfen Sie mir eine Zigarette schenken. – Donnerwetter, Sie rauchen ja eine fabelhafte Marke – was kostet die denn?

Irgendwelche Millionen. Ich kann es nie behalten, es ändert sich alle Tage. – Ich bekomme sie übrigens von einem Freund, einem gewissen Herrn von Zecke, der in Haidar-Pascha wohnt. Wissen Sie, wo Haidar-Pascha liegt?

Wie soll ich das denn wissen? Ich will doch nicht Steißtrommlerin werden!

Nein, natürlich nicht! Entschuldigen Sie ... Haidar-Pascha liegt auf der asiatischen Seite des Bosporus ...

Gott, hören Sie bloß mit dem Quatsch auf, Herr Pagel, was mich das schon interessiert –! Warum grinsen Sie eigentlich immer so –? Stets, wenn ich Sie sehe, grinsen Sie!

Das ist doch eine Verletzung aus dem Krieg, gnädiges Fräulein. Verletzung des Nervus sympathicus in seiner zentralen Führung – na, das interessiert Sie wieder nicht. Wissen Sie, so wie die Schüttler schütteln, so grinse ich ...

Ziehen Sie mich nun durch den Kakao? rief sie empört. Ich lasse mich nicht von Ihnen auf den Arm nehmen ...

Aber, gnädiges Fräulein, ganz bestimmt, es ist eine Kriegsverletzung! Wenn ich weinen muß, sieht es aus, als lachte ich Tränen – in die unangenehmsten Lagen bin ich schon dadurch gekommen!

Mit Ihnen weiß man nie, wie man dran ist, erklärte sie unzufrieden. Männer wie Sie finde ich einfach ekelhaft.

Dafür bin ich aber ungefährlich, das ist wieder ein Vorteil, gnädiges Fräulein.

Ja, das sind Sie wirklich! meinte Weio verächtlich. Ich möchte wirklich wissen, wie Sie sich anstellen würden, wenn ...

Wenn, was –? Ach, sagen Sie es doch bitte, gnädiges Fräulein! Oder haben Sie Angst –?

Angst vor Ihnen –?! Machen Sie sich doch nicht lächerlich! Ich meine, wie Sie sich anstellen würden, wenn Sie einem Mädchen einen Kuß geben wollten?!

Ja, das weiß ich auch nicht, gestand Pagel kläglich. Die Wahrheit zu sagen, gnädiges Fräulein, ich habe es mir schon tausendmal überlegt, aber ich bin so schüchtern, und da ...

Was? fragte Weio und sah ihn überlegen an. Sie haben noch nie einem Mädchen einen Kuß gegeben?!

Hundertmal habe ich es mir vorgenommen, auf Ehrenwort, gnädiges Fräulein! Aber der Mut, in der entscheidenden Sekunde ...

Wie alt sind Sie –?

Beinahe vierundzwanzig ...

Und Sie haben noch nie ein Mädchen geküßt?

Ich sage Ihnen doch, gnädiges Fräulein, meine Schüchternheit ...

Feigling! rief sie voll tiefster Verachtung.

Eine Weile gingen beide schweigend die Allee hoher Linden hinunter, die auf den Teich zuführte.

Dann fing Pagel wieder vorsichtig an: Gnädiges Fräulein, darf ich Sie was fragen?

Ungnädig: Na, man los, Sie – Held!

Aber Sie dürfen mir auch nicht böse werden!

Fragen Sie!

Bestimmt nicht?

Sehr ungeduldig: Nein! Fragen Sie doch!

Also – wie alt sind Sie, gnädiges Fräulein?

Sie Schafskopf! – Sechzehn!

Sehen Sie, da werden Sie schon böse – und ich fange doch erst mit Fragen an.

Wütend mit dem Fuß aufstampfend: Also fragen Sie doch schon – Sie Jammerkerl!

Und Sie werden auch bestimmt nicht böse? –

Sie sollen fragen –!!!

Gnädiges Fräulein – haben Sie schon mal – einen Mann geküßt –?

Ich? Sie denkt nach. Natürlich. Hundertmal.

Das glaube ich nicht!

Tausendmal!

I was!

Doch – den Papa nämlich! Und sie bricht in ein schallendes Gelächter aus.

Na also! sagt Pagel schließlich, als sie sich beruhigt hat. Sie haben auch nicht den Mut.

Weio ist empört: Ich habe nicht den Mut –?

Nein, Sie sind genauso feige wie ich.

Doch habe ich einen Mann geküßt! Nicht bloß den Papa. Einen jungen Mann, einen mutigen Mann – ihre Stimme singt jetzt fast – Nicht so einen Jämmerling wie Sie ...

Das glaube ich nicht ...

Doch ... Doch ... Er hat sogar einen Schnurrbart, eine kleine blonde Bürste, die sticht – und Sie haben keinen!

Na also! sagte Pagel niedergeschlagen. Und Sie sind wirklich erst sechzehn, gnädiges Fräulein?

Ich bin sogar erst fünfzehn, erklärt sie triumphierend.

Sie haben aber Mut, sagt er bewundernd. Ich würde nie so mutig sein können. Aber natürlich, tröstet er sich, haben Sie nie einen Mann geküßt. Sie haben sich nur von einem Mann küssen lassen. Das ist noch etwas anderes! So einen Mann beim Kopf kriegen und abküssen, das könnten Sie auch nicht.

Das könnte ich nicht? ruft sie mit flammenden Augen. Was denken Sie denn von mir?

Er schlägt vor ihren Blicken die Augen nieder. Bitte, bitte, gnädiges Fräulein! Ich habe nichts gesagt. Doch, doch, Sie können es, ich glaube es auch so ... Bitte, bitte, tun Sie es nicht ... Ich habe solche Angst ...

Aber sein Flehen hilft ihm nichts. Ihre flammenden Augen, ihr halbgeöffneter Mund sind ihm näher gekommen, er mag Schritt für Schritt hinter sich treten. Und nun legt sich ihr Mund auf den seinen ...

Doch im gleichen Augenblick spürt Weio eine Verwandlung. Als hätten ihre Lippen ihm Kraft eingeflößt, fühlt sie sich eisern festgehalten zwischen seinen Armen, seine Lippen erwidern den Kuß ... Jetzt will sie sich ihm entziehen, jetzt bekommt sie Angst ... Aber der Kuß dieser Lippen wird heißer und heißer, noch möchte sie widerstreben, und schon fühlt sie sich nachgeben – Der eben noch stolz aufgerichtete Kopf fügt sich, schmiegt sich ... Ihr Rücken wird weich, sie hängt in seinen Armen ...

Oh! seufzt sie und geht schon unter in dem langentbehrten Meer. Oh, du ...

Aber sein Arm hält sie nicht mehr, er stellt sie zurück, fest auf die Erde. Sein Gesicht ist wieder fern ihrem Gesicht, es sieht jetzt ernst aus, nichts mehr von dem Lächeln ...

So, gnädiges Fräulein, das war das! sagt Pagel ruhig. Wer so schwach wie Sie ist, sollte nicht mit Männern spielen!

Sie sind gemein! ruft sie mit flammenden Wangen, zwischen Zorn und Scham. So etwas tut ein feiner Mann nicht.

Es war gemein! gibt er zu. Aber ich mußte etwas von Ihnen wissen, und die Wahrheit hätten Sie mir nie gesagt. Jetzt weiß ich es. – Hier, er greift in die Tasche, diesen Brief, diesen Durchschlag einer Abschrift fand ich auf dem Büro, in einem Buch versteckt, er ist doch wohl von Ihnen –?

Och, der olle, dumme Brief! sagte sie verächtlich. Darum machen Sie nun so ein Theater! Was der Meier sich einbildet, daß er davon eine Abschrift macht! Sie hätten das Dings ruhig zerreißen sollen, statt mich so gemein reinzulegen ...

Pagel sieht sie prüfend an, während er den Brief in kleinste Stücke zerreißt. So, sagt er, schüttelt das Häufchen und steckt es dann in die Tasche. Das wird umgehend verbrannt. – Aber eine Abschrift gibt es mindestens noch auf der Welt, und wenn die nun dieser Herr Meier an Ihren Vater schickt – was dann?

So was kann sich doch jeder zurechttippen! ruft sie.

Sicher! gibt er zu. Aber Sie haben schon Stubenarrest – es scheint also bereits ein Verdacht zu bestehen. Ohne den Verdacht hätte die Abschrift wenig Beweiskraft. Aber mit dem Verdacht –?

Ich habe das Original wieder. Wenn ich nichts zugebe, kann man mir gar nichts beweisen!

Aber man kann Sie überlisten!

Mich doch nicht!

Von mir haben Sie sich sehr schnell überlisten lassen!

Es sind nicht alle so heimtückisch wie Sie!

Kleines Fräulein, mahnt Pagel freundlich, jetzt wollen wir ausmachen, daß Sie von nun an höflich zu mir sind, genauso, wie ich höflich zu Ihnen bin. Wir wollen diesen Brief, der jetzt zerrissen ist, vergessen. Was ich getan habe, sieht nicht sehr hübsch aus. Aber es ist doch immer noch besser, als wenn ich zu Ihrer Frau Mutter gegangen wäre und geklatscht hätte, nicht wahr? – Vielleicht müßte ich das sogar tun, aber ich mag's nicht ...

Tun Sie bloß nicht so feierlich! spottet sie. Sie werden auch schon Liebesbriefe geschrieben und bekommen haben. Aber ihr Spott hat die alte Kraft nicht mehr.

O ja, sagte er ruhig, aber ich bin noch nie ein Lump gewesen. Ich habe noch nie fünfzehnjährige anständige Mädchen verführt. – Kommen Sie, sagt er und faßt sie am Arm, wir wollen zu Ihrer Mutter gehen. Sicher macht sie sich schon Sorgen.

Herr Pagel! sagt sie flehend und wehrt sich gegen das Weitergehen. Er ist doch kein Lump!

Natürlich ist er das, und Sie wissen es auch ganz gut!

Nein! ruft sie und kämpft mit Tränen. Warum sind alle jetzt so schlecht zu mir?! Früher war es doch anders!

Wer ist schlecht zu Ihnen –?

Ach, Mama, die mich ewig quält, und Hubert ...

Wer ist Hubert? Heißt er Hubert?

Nein doch! Unser Diener, Hubert Räder ...

Der weiß davon?

Ja, sagt sie weinend, lassen Sie doch bitte meinen Arm los, Herr Pagel, Sie drücken ihn ja kaputt!

Verzeihung. – Der Diener quält Sie also?

Ja ... Er ist so gemein ...

Und wer weiß noch davon?

Was Bestimmtes keiner.

Inspektor Meier nicht?

Ach der! Der ist doch abgereist!

Also der auch. – Wer noch?

Der Förster – aber der weiß nichts Bestimmtes.

Wer noch?

Keiner – bestimmt nicht, Herr Pagel! Sehen Sie mich nicht so an, ich habe Ihnen alles gesagt. Ganz bestimmt!

Und der Diener quält Sie? Wie quält er Sie?

Er ist gemein – er sagt gemeine Sachen, und er steckt mir gemeine Bücher unters Kopfkissen.

Was für Bücher?

Ich weiß doch nicht – von der Ehe, mit Bildern ...

Kommen Sie, sagt Pagel und faßt wieder ihren Arm. Seien Sie mutig. Jetzt gehen wir zu Ihren Eltern und sagen ihnen alles. Sie sind in den Händen von lauter Lumpengesindel; die quälen Sie, bis Sie nicht mehr aus noch ein wissen – bestimmt, Ihre Eltern verstehen das. Jetzt sind sie ja nur mit Ihnen böse, weil sie fühlen, Sie lügen ... Kommen Sie, gnädiges Fräulein, seien Sie mutig – ich bin doch von uns beiden der Feigling. Und er lächelt ihr ermutigend zu.

Bitte, bitte, lieber lieber Herr Pagel, tun Sie das nicht! Ihr Gesicht ist von Tränen überströmt, sie hat seine Hände gefaßt, als wolle er ihr fortlaufen mit der schlimmen Botschaft, sie streichelt ihn ... Wenn Sie es meinen Eltern sagen, ich schwöre Ihnen, ich gehe ins Wasser ... Wozu wollen Sie es ihnen denn sagen? Es ist ja doch alles aus!

Es ist alles aus?

Ja, ja, weint sie. Seit drei Wochen kommt er doch schon nicht mehr.

Er denkt nach, er überlegt.

(Es ist unvermeidlich, daß in dieser Sekunde das Bild einer – ach! entschwundenen – Petra vor seinen Augen steht. Schon seit vielen Sekunden, schon, als er diese Lippen unter den seinen spürte, diesen Körper schwach werden fühlte, der sofort der Verlockung der Lust nachgab, nicht der Lockung der Liebe – Schon stieg das Bild auf, fern, aber klar, ein Gesicht, hold und gefaßt, aus den Zeiten ihn grüßend. Er wollte es nicht, aber ohne es zu wollen, mußte er fortwährend vergleichen: was hätte sie hier getan? Hätte sie das gesagt? So würde sie nie gehandelt haben ...

Und das holde, ferne Gesicht, tausendmal angesehen, das Gesicht des Mädchens, das ihn verlassen hatte, das er verlassen hatte, triumphierte über das Gesicht der behüteten höheren Tochter.

Es triumphierte – und aus dem Triumph der Verlassenen kam es wie eine Mahnung, wenigstens zu dieser gut zu sein, ihr nicht die ganze Last aufzuladen ... Bist du bei mir zu hart gewesen, sei es nicht wieder bei dieser! klang es.)

Er denkt nach, er überlegt, sie liest auf seinem Gesicht.

Was ist er? fragt er.

Leutnant.

Bei der Reichswehr?

Ja!

Kennen ihn Ihre Eltern?

Ich – glaube nicht. Ich weiß nicht genau.

Wieder denkt er nach. Daß es ein Offizier ist, ein Mann also, der, er mag sein, wie er will, einem gewissen Ehrenkodex unterliegt, ist eine kleine Beruhigung. Wenn der Junge sich einmal vergessen hat, sich dann erschrocken zurückzog, ist es gewissermaßen nicht so schlimm. Dann war's irgendeine Unüberlegtheit, vielleicht im Rausch – keine Wiederholung ist zu fürchten. Man müßte das wissen. Er müßte fragen. Er sieht sie prüfend an. Aber kann man denn ein so junges Mädchen fragen, ob es nur einmal geschah, ob es Folgen hatte –?

Wenn es nur einmal geschehen ist, denkt er, war es eine Unüberlegtheit. Ist es mehrere Male geschehen, war es eine Gemeinheit. Dann muß man es den Eltern sagen.

Er sieht sie wieder an. Nein, er mag nicht danach fragen. Vielleicht muß er sich später Vorwürfe machen, aber er mag es nicht. (Wieder das ferne Bild.)

Es ist bestimmt ganz aus? fragt er noch einmal.

Ganz bestimmt! beteuert sie.

Sie schwören das? fragt er, obwohl er weiß, wie nutzlos solche Schwüre sind.

Ich schwöre es!

Er hat ein ungemütliches Gefühl. Irgend etwas stimmt nicht, in irgendeinem Punkt muß sie ihn belogen haben.

Wenn ich schweigen soll, müssen Sie mir eins versprechen. Aber ehrenwörtlich.

Ja, gerne ...

Wenn dieser Herr – Leutnant sich wieder an Sie wenden sollte, geben Sie mir sofort Nachricht. Versprechen Sie mir das? Geben Sie Ihre Hand!

Ehrenwort! sagt sie und gibt ihm ihre Hand.

Also gut. Gehen wir. Suchen Sie irgendeinen Vorwand, daß Sie mir heute abend möglichst spät Ihren Diener Räder rüberschicken.

Großartig! ruft sie begeistert. Was werden Sie mit ihm machen?

Ich werde den Jungen sein eigenes Geschrei hören lassen, sagt er grimmig. Er wird Sie nicht wieder quälen.

Und wenn er zu Papa läuft?

Das müssen wir riskieren. Aber er wird nicht zu Papa laufen, ich werde ihm so Angst machen, daß ihm die Lust dazu vergeht. Erpresser sind immer feige.

Horchen Sie mal, ob die auf dem Büro noch reden? Gott, ich sehe sicher schrecklich aus. Bitte, geben Sie mir mal schnell Ihr Taschentuch, ich muß meins verloren haben – nein, ich habe gar keins eingesteckt. Sie will ich nie wieder belügen, selbst nicht in Kleinigkeiten. Gott, was sind Sie für ein Kerl, das hätte ich nie gedacht – Wenn ich nicht schon verliebt wäre, würde ich mich auf der Stelle in Sie verlieben.

Die Sache ist aus, gnädiges Fräulein, sagte Pagel trocken. Vergessen Sie das bitte nicht – Sie haben es mir geschworen.

Aber natürlich. Und nun denken Sie, daß Sie –

Pagel hebt die Achseln. Mein liebes, gnädiges Fräulein, sagt er, niemand kann einem Menschen helfen, der mit Gewalt in den Dreck will. Mir ist wirklich nicht nach Witzen zumute. – So, und nun wollen wir uns mal unter dem Fenster bemerkbar machen. Die Debatte dort drin scheint wirklich uferlos.

4

Gnädige Frau, hatte Herr von Studmann gesagt und Frau von Prackwitz den Schreibtischstuhl zurechtgerückt, den der Rittmeister seiner Frau gerne einräumte. Entschuldigen Sie, wenn ich Sie rief. Aber wir haben hier eine Besprechung, bei der Sie dabei sein müßten. Wir reden nämlich vom Geld ...

Wirklich? sagte Frau Eva, nahm den Rasierspiegel auf und betrachtete sich prüfend darin. Das ist freilich ein ganz neues Thema für mich! Achim redet davon nicht häufiger als jeden Tag ...

Ich bitte dich, Eva! rief der Rittmeister.

Und warum redet mein Freund Prackwitz alle Tage von Geld? Weil er keines hat. Weil die kleinste Rechnung ihn schon in Aufregung bringt. Weil die Pachtzahlung am 1. Oktober wie ein Albdruck auf ihm lastet. Weil er immer daran denkt, ob er es auch schaffen wird ...

Sehr richtig, Studmann, ich mache mir eben Sorgen. Ich bin ein vorsorglicher Kaufmann ...

Wir wollen uns einmal deine finanzielle Situation ansehen. Reserven hast du keine, die laufenden Ausgaben werden aus laufenden Einnahmen bezahlt, das heißt aus Viehverkäufen, aus Frühkartoffel-Verkäufen, aus der Ernte ... Reserven hast du keine ...

Studmann rieb sich nachdenklich die Nase. Die gnädigste Frau bespiegelte sich. Der Rittmeister lehnte am Ofen, war gelangweilt, hoffte aber inbrünstig, daß Studmann (›Dieses ewige Kindermädchen!‹) wenigstens so viel Takt besitzen würde, nicht von den Spielschulden anzufangen.

Nun kommt der 1. Oktober, sagte von Studmann, immer noch sehr nachdenklich. An diesem 1. Oktober ist die Jahrespacht bar auf den Tisch des Herrn Geheimrat von Teschow zu legen. Die Jahrespacht beträgt, wie bekannt sein dürfte, 3000 Zentner Roggen. Soweit ich mich unterrichtet habe, ist etwa ein Preis von 7 bis 8 Goldmark pro Zentner anzusetzen, das wäre eine Summe von 20 000 bis 25 000 Goldmark, in Millionen und Milliarden nicht ausdrückbar. Schon darum nicht, weil uns der Roggenpreis in Papiermark am 1. Oktober nicht bekannt ist ... Von Studmann sah seine Opfer versonnen an, aber sie merkten noch nichts.

Sondern der Rittmeister sagte: Ich finde es sehr dankenswert, Studmann, daß du mich mit allen diesen Dingen beschäftigst. Aber sie sind uns – verzeih! – bekannt. Die Pacht ist etwas hoch, aber ich habe ja eine ganz nette Ernte draußen stehen, und da ich jetzt die Leute bekomme ...

Entschuldige, Prackwitz, unterbrach Studmann, du siehst das Problem noch nicht. Du hast am 1. Oktober Herrn von Teschow den Wert von 3 000 Zentner Roggen zu übergeben. Da die Goldmark ein fiktiver Begriff ist, in Papiermark, zum Roggenpreis am 1. Oktober ...

Das verstehe ich alles, lieber Studmann, es ist mir bekannt, daß ...

Du kannst aber, fuhr der unerbittliche Studmann fort, nicht 3 000 Zentner Roggen an einem Tag dem Händler abliefern. Du brauchst, nach deinen Arbeitsbüchern zu urteilen, etwa vierzehn Tage dazu. Sagen wir also, du lieferst am 20. September 300 Zentner Roggen ab. Der Händler gibt dir, sagen wir mal, 300 Milliarden dafür. Du legst die 300 Milliarden in deinen Geldschrank für die Zahlung am 1. Oktober. In der Zeit vom 20. September bis zum 30. fällt die Mark weiter, wie wir es in der letzten Zeit erlebt haben. Für die 300 Zentner am 30. September bekommst du vom Händler, sagen wir mal 600 Milliarden. Dann stellen die 300 Milliarden in deinem Geldschrank nur noch den Wert von 150 Zentner Roggen dar. Du müßtest noch einmal 150 Zentner nachliefern ... Das ist doch klar?

Erlaube mal, sagte der Rittmeister verwirrt. Wie war das? 300 Zentner sind plötzlich nur 150 Zentner ...

Herr von Studmann hat ganz recht, rief Frau von Prackwitz lebhaft. Aber das ist ja schrecklich. Das kann ja kein Mensch leisten ...

Es ist durch vierzehn Tage ein Wettlauf mit der Inflation, sagte Herr von Studmann. Und uns wird dabei der Atem ausgehen.

Aber die Inflation braucht doch nicht immer so weiterzugehen! rief der Rittmeister empört.

Nein, natürlich nicht. Aber das weiß man nicht. Es hängt von so vielem ab: von der Haltung der Franzosen an der Ruhr, der Festigkeit der jetzigen Regierung, die den Ruhrkampf unter allen Umständen fortsetzen will, also Geld über Geld braucht, von der Haltung Englands und Italiens, die jetzt noch gegen das Ruhrabenteuer Frankreichs sind. Von tausend Dingen also, auf die wir keinen Einfluß haben – aber wir müssen jedenfalls am 1. Oktober zahlen.

Und man kann das, Herr von Studmann?

Man kann das, gnädige Frau.

Sieh da! rief der Rittmeister halb lachend, halb ärgerlich. Unser lieber Studmann! Erst ängstigt er uns, und nun hat er die Rettung in der Hand!

Es gibt nämlich, sagte Studmann ganz ungerührt, Leute, die an einen bodenlosen Fall der Mark glauben, die auf Baisse spekulieren, wie man so sagt. Die sind bereit, dir schon heute dein Korn abzukaufen, Prackwitz, zahlbar am 1. Oktober, lieferbar Oktober-November ... Ich habe da ein paar Angebote ...

Ein Heidengeld werden die Brüder an meinem Korn verdienen! rief der Rittmeister erbittert.

Aber du kannst Papa die Pacht pünktlich und richtig geben, Achim! Darauf kommt es doch an.

Gib mir die Wische, Studmann, sagte Prackwitz grämlich. Ich seh sie mir mal durch. So eilig wird es ja nicht sein. Jedenfalls bin ich dir sehr dankbar ...

Die zweite Frage ist die, begann Herr von Studmann nun, ob es überhaupt einen Zweck hat, die Pachtung zu bezahlen ...

Er schwieg und sah die beiden an. ›Aus den Wolken gefallen‹, dachte er. ›Wie die Kinder ...‹

Aber wie –? fragte Frau von Prackwitz verwirrt. Papa muß doch sein Geld haben?

Was du dir da wieder ausgedacht hast, Studmann! widersprach der Rittmeister sehr ärgerlich. Als wenn es nicht schon ohnedies Schwierigkeiten genug gäbe! Sich auch noch Schwierigkeiten ausdenken –!

Es steht doch im Vertrag, rief Frau von Prackwitz wieder, daß wir die Pachtung sofort verlieren, wenn nicht pünktlich und vollständig gezahlt wird!

Ich erfülle meine Verpflichtungen –! erklärte der Rittmeister eisern.

Wenn du es kannst! meinte Herr von Studmann. Und eifriger: Hör zu, Prackwitz, unterbrich mich mal nicht. Hören Sie bitte auch zu – Es wird ein wenig peinlich, ich muß von Ihrem Herrn Vater sprechen ... Nun, reden wir von Verpächter und Pächter. Denn auch für dich wird einiges Bittere abfallen, mein lieber Prackwitz, für dich, den Pächter ...

Das Studium dieses Pachtvertrages ist nicht uninteressant. Wenn man sich hineinvertieft, wird man an den Vertrag von Versailles erinnert, über dem die Devise steht: In die Hölle mit dem Besiegten! Über diesem Pachtvertrag stehen die Worte: Wehe, dem Pächter!

Mein Vater ...

Der Verpächter, gnädige Frau, nur der Verpächter. Ich will nicht von all den kleinen niederträchtigen Bestimmungen reden, die sich zu Katastrophen auswachsen können. Der Fall mit dem elektrischen Licht hat mir die Augen geöffnet. Mein lieber Prackwitz, wäre ich nicht gewesen, du wärst schon über diese Kleinigkeit gestürzt, und du solltest darüber stürzen. Aber ich war da, und der Gegner zog sich zurück. Er wartet, daß du über die Pachtzahlung fallen sollst, und du wirst darüber fallen ...

Mein Schwiegervater ...

Mein Vater ...

Der Verpächter, sprach von Studmann mit starker Stimme, hat den Pachtpreis mit anderthalb Zentnern Roggen pro Morgen festgesetzt. Erste Frage: ist das eine tragbare Pacht?

Sie ist vielleicht ein bißchen hoch ... fing der Rittmeister wieder einmal an.

Die staatlichen Domänen hier in der Nähe zahlen 60 Pfund Roggen pro Morgen, du zahlst weit über das Doppelte. Und wohlgemerkt: die Domänenpächter hatten zum letzten Termin nur Abschlagszahlungen zu leisten und werden beim kommenden Termin wahrscheinlich gar nichts zahlen. Sie verlieren darum ihre Pachtung nicht; du aber, wenn du nicht pünktlich und vollständig zahlst, nun, du weißt ja, deine Frau hat es eben gesagt ...

Mein Bruder in Birnbaum ...

Richtig, gnädige Frau, Ihr Herr Bruder in Birnbaum zahlt, wie er überall stöhnend erzählt, dem Verpächter die gleiche Pacht. Aber, was dem einen Kinde recht ist, ist dem andern Kinde – zu teuer. Man hört nämlich überall, daß Ihr Bruder in Wirklichkeit nur 90 Pfund bezahlt, seinem Vater aber hat versprechen müssen, nur von 150 Pfund zu reden. Warum er das tun soll ...

Mein lieber Studmann, das wäre ja so etwas wie Betrug. Ich bitte dich sehr ...

Mein Bruder ... mein Vater ...

Kann man diese Pachtsumme also schon als recht hoch bezeichnen, so könnte ja Neulohe immerhin ein so vorzügliches Gut sein, daß selbst eine ungewöhnlich hohe Pachtsumme berechtigt wäre. Ich habe in diesem Büro, sagte Herr von Studmann und ließ einen ernsten, mißbilligenden Blick über die Regale schweifen, keine mustergültige Ordnung vorgefunden. Nein, verzeihe bitte, Prackwitz. Aber eines war mustergültig: nicht ein Buch aus der Zeit deines Vorgängers war mehr aufzufinden, nichts, aus dem man über Erträge Neulohes in früheren Jahren Aufschluß bekommen könnte. Aber schließlich gibt es andere Wege. Der Leutevogt hat Druschlisten geführt, auf dem Finanzamt gibt es Aufzeichnungen, die Händler führen Eingangsbücher – nun, mit einiger Mühe bin ich schließlich zu dem Ergebnis gekommen, daß Neulohe auch in früheren Jahren nur einen Durchschnittsertrag von fünf bis sechs Zentnern Roggen auf den Morgen hatte ...

Viel zu niedrig, Studmann! rief der Rittmeister triumphierend. Du bist eben kein Landwirt ...

Ich habe bei dem – Verpächter eine Stichprobe gemacht. Er wußte ja nicht, warum ich fragte, er wollte mich ein bißchen reinlegen, er denkt wie du, ich bin kein Landwirt ... Aber ich bin ein Mann, der rechnen kann; wer reingelegt wurde, war der andere, Herr von Teschow. Der Verpächter hat mir gegen seinen Willen bestätigt: fünf bis sechs Zentner Durchschnittsertrag, mehr darf man nicht annehmen. Es ist eben viel Sand in den Außenschlägen, sagte der Verpächter.

Aber dann zahle ich ja ... Der Rittmeister hielt bestürzt inne.

Jawohl, sagte Studmann unbeugsam, du zahlst 25 bis 30 Prozent deiner Roherträge als Pacht. Das dürfte wohl kaum tragbar sein. – Wenn Sie sich erinnern wollen, gnädige Frau, erklärte Herr von Studmann freundlich, damals, im Mittelalter, zahlten die Bauern an ihren Grundherrn den ›Zehnten‹, den zehnten Teil ihrer Roherträge also. Das war nicht tragbar, schließlich empörten sich die Bauern und schlugen ihre Herren tot. Ihr Herr Gemahl zahlt nicht den Zehnten, nein, er zahlt den Vierten – aber einem Totschlag möchte ich doch widerraten.

Herr von Studmann lächelte, er war glücklich. Das Kindermädchen konnte erziehen, der Lehrer durfte belehren – er vergaß darüber ganz die Verzweiflung seiner Hörer. Ein Kind, dem sein Spielzeug entzweigegangen ist, findet es nicht sehr tröstlich, wenn es darüber belehrt wird, wie es dieses Entzweigehen hätte vermeiden können ...

Aber was sollen wir tun? flüsterte die gnädige Frau tonlos. Was sollen wir bloß anfangen –?

Mein Schwiegervater hat sicher keine Ahnung von all dem, sagte der Rittmeister. Man muß ihm das einmal vorstellen. Du bist so geschickt und ruhig, Studmann ...

Und das Schweigegebot an den Sohn in Birnbaum?

Der Rittmeister verstummte.

Von neuem begann Herr von Studmann: Bis hierher kann man noch immer an einen Verpächter glauben, der sehr gern Geld verdient. Zu gerne. Etwas gierig, nicht wahr? Aber leider ist es noch schlimmer ...

Bitte nicht, Herr von Studmann! Es ist jetzt wirklich genug.

Nein, hör wirklich auf ...

Man muß alles wissen, sonst handelt man falsch. Die Roggenpacht beträgt 3 000 Zentner – anderthalb Zentner pro Morgen –, sie entspricht einer Gutsgröße von 2 000 Morgen. Und als so groß ist das Gut auch im Pachtvertrag angegeben ...

Stimmt das auch wieder nicht?

Ich habe immer gehört, daß Neulohe 2 000 Morgen groß ist, schon viel früher, sagte die gnädige Frau.

Es ist auch richtig, Neulohe ist 2 000 Morgen groß, bestätigte Herr von Studmann.

Na also –! rief der Rittmeister aufatmend.

Neulohe ist 2 000 Morgen groß – aber wie groß ist die Fläche, die du bestellst, Prackwitz? Von den 2 000 Morgen gehen Wege und Unland ab, Feldraine, Wasserlöcher in den Schlägen, Steinhaufen. Es gehen auch ein paar Stücke ehemaliges Ackerland ab, die mit Fichten aufgeforstet sind – da kannst du dir einen Weihnachtsbaum holen, Prackwitz, ohne den Forstbesitzer fragen zu müssen.

Na ja, so Kleinigkeiten. Ich weiß, die eine Kuschelecke ...

Es geht aber auch ab: der Riesenhofplatz, die Leutehäuser, hier das Beamtenhaus, deine Villa mit Garten, es geht auch ab –: das Schloß und der Park –! Ja, mein lieber Prackwitz, du zahlst deinem Schwiegervater Roggenpacht noch für das Haus, in dem er wohnt!

Der Teufel soll mich holen, wenn ich das tue! schrie der Rittmeister.

Sachte, sachte – das wäre ein bequemer Weg für dich, aus allen Schwierigkeiten zu kommen. Das möchtest du wohl. Ich habe es mir auf der Flurkarte ausgerechnet, die Größe des tatsächlich genutzten Bodens beläuft sich auf wenig über 1 500 Morgen, in Wirklichkeit zahlst du also zwei Zentner Roggenpacht.

Ich fechte den Vertrag an! Ich verklage den Kerl! schrie der Rittmeister und schien aus der Tür fahren zu wollen, wie er ging und stand, hin zum nächsten Gericht.

Ach, Achim! klagte Frau von Prackwitz.

Setz dich hin! rief Herr von Studmann. Du weißt nun alles. Jetzt wollen wir über den Schuldigen zu Gericht sitzen, nämlich über dich. Ruhig, Prackwitz! Wie hast du diesen Schandvertrag unterschreiben können? Sie haben ihn übrigens mitunterschrieben, gnädige Frau. – Na, sprich, Prackwitz. Du kannst jetzt reden.

Wie kann man denken, daß man so gemein hereingelegt wird – unter Verwandten! rief der Rittmeister unmutig. Ich habe gewußt, daß mein Schwiegervater knietschig und hinter dem Geld her ist wie der Kater hinter dem Baldrian. Aber daß er seiner eigenen Tochter den Hals abschneidet, nee, Studmann, ich kann es noch immer nicht glauben ...

Herr von Teschow ist kein dummer Mann, meinte Herr von Studmann. Wenn er so einen Vertrag machte, wußte er auch, daß er nicht zu erfüllen war. Er muß doch eine Absicht dabei gehabt haben – kannst du darüber etwas sagen, Prackwitz? Bitte auch Ihre Ansicht, gnädige Frau ...

Ich weiß doch nicht, was mein Vater sich denkt ... sagte Frau Eva, aber sie wurde rot unter dem prüfenden Blick Studmanns.

Ich schmeiße ihm den Krempel vor die Füße! schrie der Rittmeister. Ich gehe zum Gericht ...

Nach § 17 löst jeder Einwand gegen eine Bestimmung des Vertrages das Pachtverhältnis. Wenn du die Klage eingereicht hast, bist du schon nicht mehr Pächter. – Wie ist der Vertrag zustande gekommen? Er ist doch neu, du wirtschaftest doch schon länger hier ...

Ach, das sind ja doch alles olle Kamellen, das hat hiermit gar nichts zu tun. Als ich aus dem Baltikum wiederkam, hatten wir gar nichts. Meine Pension sollte ich nicht kriegen, ich war ja ein Vaterlandsverräter. Da sind wir hier erst als ›Besuch‹ untergekrochen. Ich hatte nichts zu tun. Ich bin mit dem Herrn Schwiegervater über die Felder gelaufen, habe geholfen – tüchtig geschuftet habe ich! Hat mir damals Spaß gemacht. Na, und eines Tages sagte er: Ich bin alt, nehmen Sie den Knaatsch, wie er steht und geht, mal erbt die Eva doch alles. Und da habe ich eben alleine zu wirtschaften angefangen ...

Ohne allen Vertrag?

Ja, ohne Vertrag.

Und was hast du für Pacht gezahlt?

Da war gar nichts abgemacht. Wenn er Geld gebraucht hat, habe ich es ihm gegeben, wenn ich welches hatte; und wenn ich keines hatte, hat er eben gewartet.

Und weiter?

Ja – eines Tages hat er dann gesagt: Nun wollen wir einen Vertrag machen. Und da haben wir diesen Schandvertrag gemacht, und nun sitze ich drin!

Einfach so gesagt ›Vertrag machen‹ – da muß doch etwas vorgekommen sein?

Gar nichts ist vorgekommen! rief der Rittmeister eilig. Ich habe mir gar nichts dabei gedacht.

Da fehlt was, beharrte Studmann. Nun, gnädige Frau –?

Sie war schon wieder rot. Nun, Achim, sagte sie zögernd. Wollen wir es nicht lieber sagen? Es ist doch besser ...

Ach, die alten Geschichten! grollte der Rittmeister. Studmann, du bist ein richtiger Bohrer. Was nützt es dir denn, wenn du das auch noch weißt – davon wird der Vertrag nicht anders.

Gnädige Frau! bat Studmann.

Eine Weile, ehe das mit dem Vertrag kam, sagte Frau von Prackwitz leise, habe ich einen Streit mit Achim gehabt. Er dachte mal wieder, er müßte eifersüchtig sein ...

Ich bitte dich, Eva, mach dich nicht lächerlich!

Doch, Achim, so war es. Nun, Sie kennen Ihren Freund, und ich kenne ihn auch. Er kocht dann gleich über, er macht einen Krach, man denkt, die Welt geht unter. Schreit von Scheidung, Ehebruch – nun, es hört sich nicht schön an. Aber ich bin es ja nun fast zwanzig Jahre gewöhnt und weiß, er denkt sich wirklich nichts dabei ...

Liebe Eva, sprach der Rittmeister mit steifer Würde, wenn du weiter so über mich reden willst, darf ich wohl das Büro verlassen. Doch blieb er unter der Tür stehen. Und im übrigen war ich völlig im Recht. Dieser Flirt mit Truchseß ...

... ist Jahre her, unterbrach Studmann eilig. Bitte, setze dich wieder, Prackwitz. Vergiß nicht, wir verhandeln hier wegen deines Geldes.

Ich will nichts mehr von diesen Geschichten hören, rief der Rittmeister drohend, setzte sich aber doch.

Weiter, gnädige Frau, bat Herr von Studmann. Es gab also eine kleine eheliche Auseinandersetzung –?

Ja, und leider hörte sie mein Vater mit an, ohne daß wir es wußten. Von da an war er fest überzeugt, daß Achim mich quälte und mißhandelte ...

Lächerlich, knurrte der Rittmeister. Ich bin der ruhigste, friedfertigste Mensch ...

Wochenlang lag er mir in den Ohren, ich sollte mich von Achim scheiden lassen ...

Was?! schrie der Rittmeister und sprang mit einem Satz auf. Das ist ja das Neueste! Du sollst dich von mir scheiden lassen?

Setze dich, Prackwitz, mahnte Studmann. Es sind ja, wie du sagst, ganz alte Geschichten. Deine Frau ist nicht geschieden ...

Nein, Papa sah ein, daß ich nicht wollte. Er hängt viel mehr an mir, als man denkt. Sie war wieder sehr rot. Ja, und da kam schließlich dieser Vertrag ...

Nun verstehe ich ihn, sagte Herr von Studmann und war wirklich sehr zufrieden. Und du verstehst ihn hoffentlich auch, Prackwitz, und weißt, wie du dich verhalten mußt. – Ihr Mann soll die Nerven verlieren, er soll unerträglich werden, er soll wirtschaftlich ruiniert werden, seine Unfähigkeit soll bewiesen werden, er soll Schulden über Schulden haben ...

Und das Ganze nennt man Schwiegervater, rief der Rittmeister empört. Ich habe ihn ja nie leiden mögen, aber ich habe doch immer gedacht: schließlich ist er in seiner Art ein ganz guter Kerl ...

Lieber Prackwitz, sagte Studmann etwas spitz, manche Leute halten die andern nur deswegen für gut, weil es ihnen so am bequemsten ist. – Wenn du dich jetzt aber nicht zusammennimmst und deinen Schwiegervater etwas von dem merken läßt, was du weißt, dann bist du glatt verloren.

Das ist ausgeschlossen, rief der Rittmeister zornig. Ich muß ihm meine Meinung sagen können. Wenn ich nur an ihn denke, wird mir schon rot vor Augen.

So machst du einfach kehrt, wenn du ihn aus der Ferne siehst. Prackwitz, tu deiner Frau die Liebe, nimm dich zusammen. Versprich uns, daß du dich nicht gehenläßt, keinen Streit anfängst, dich nicht reizen läßt. Geh weg, sag: Herr von Studmann ordnet das – fertig. Das ist deinem Schwiegervater viel unangenehmer, als wenn du loskollerst – das will er ja grade!

Ich kollere nicht, sagte der Rittmeister gekränkt. Puter kollern – ich bin kein Puter.

Also du versprichst es uns – schön! Großartig! Du wirst doch jetzt deine Ernte nicht im Stich lassen –

Wenn ich sie ihm doch geben muß ...

Laß mich das machen. Laß mir alles Geschäftliche. Ich werde schon Wege finden. Jetzt nimmst du doch erst einmal Geld ein, viel Geld, Resultat deiner Arbeit – was wir dann im Winter tun werden, werden wir ja sehen ...

Herr von Studmann hat recht, sagte Frau von Prackwitz eifrig. Dies wäre der falscheste Augenblick, die Pachtung aufzugeben. Überlaß ihm alles ...

Na ja, ich bin ja nur so ein Trottel, brummte der Rittmeister. Das ist ein Mann, der Studmann. Kapiert in drei Wochen mehr als ich in drei Jahren. Ich –

Die Leute kommen! stürzte Weio ins Büro.

Langsamer folgte ihr Pagel.

Also! sagte der Rittmeister erfreut, dem verhaßten Büro entfliehen zu können. Kommen sie endlich! Ich dachte, da gäbe es auch schon wieder Schwierigkeiten! – Lieber Pagel, kümmern Sie sich mal ein bißchen darum, daß die Kerls gleich Essen fassen können, daß das Arbeitsgerät richtig ausgegeben wird und so weiter. Sie brauchen dann heute nachmittag nicht aufs Feld ...

Pagel sah seinen Chef mit hellen Augen freundlich an. Jawohl, Herr Rittmeister! Er knallte mit den Absätzen und verließ das Büro.

Aber Prackwitz, was machst du denn?! rief Studmann. Du hast doch Pagel entlassen! Um drei soll er doch abfahren!

Ich Pagel entlassen –? Ach, sei doch nicht albern, Studmann! Du siehst doch, der Junge hat mich ganz richtig verstanden. Mal ein ordentliches Donnerwetter, wenn so ein junger Hund frech wird – und erledigt! Ich bin doch nicht nachtragend!

Nein, du nicht! sagte Studmann. Na, sehen wir uns mal die Leute an. Ich bin doch gespannt, wie so eine Kollektion von fünfzig Zuchthäuslern aussieht!

5

Ja, da kamen sie –!

Dort, wo die Landstraße nach Meienburg-Ostade in Neulohe einmündet, tauchten sie auf, in Viererreihen, an der Seite jeder vierten Reihe ein Wachtmeister – und sie sangen laut, schallend und gefühlvoll das Lied vom schönsten Platz, den ich auf Erden hab, dem Elterngrab.

Gott, da singen sie auch noch! stöhnte am Schloßfenster Frau Belinde von Teschow zu ihrer Freundin Jutta. Nicht genug, daß in meiner anständigen Waschküche das Essen für diese Mörder gekocht wird, soll ich nun auch noch ihr Grölen anhören! Elias, sagen Sie dem Herrn Geheimrat, er möchte doch einmal zu mir kommen. Mörder, die singen – es ist nicht erhört!

Sie kommen! Sie kommen! riefen auch die Kinder im Dorf, und was nicht auf den Feldern zur Arbeit war, das ließ stehen, was stand, und fallen, was nicht stehen wollte, stellte sich an den Straßenrand und starrte – starrte mit allen Leibesöffnungen.

Die Zuchthausverwaltung hatte sich nicht lumpen lassen. Trotz der schlechten Zeiten hatte sie ihre Leute frisch eingekleidet. Da gab es keine verbrauchten Monturen, bei denen ein Flicken am andern hackt, keine Hosen nur bis zur halben Wade für die Langen, keine Jacken zum Ertrinken für die Kurzen – hell und sauber, heil und passend saß ihnen die Tracht, stolz sangen sie jetzt ihr Lied: Schmucke schlimme Husaren sein's wir!

Die Leute an der Dorfstraße sperrten die Mäuler immer weiter auf. Wo waren denn nun die kahlgeschorenen Köpfe, von denen immer erzählt worden war? Wo waren die Ketten und Handschellen, die sie tragen sollten? Wo war das finstere, düster brütende Schweigen? Wo die bösen, rot unterlaufenen Blicke? Kein Kainsmal, kein Tierkopf, kein Rothaariger –: Wenn du den Mund lange genug offen gehalten hast, machst du ihn doch wieder zu, Mutter? rief einer, und alle lachten.

Nein, Neulohe hatte sich zuviel erwartet, Neulohe hatte jedenfalls etwas ganz; anderes erwartet, Was da einmarschierte, war eine Schar Männer in allen Altersklassen, große und kleine, dicke und dünne, hübsche, gleichgültige, häßliche – und jetzt waren sie alle in der besten Stimmung, dem öden, toten Zwang der Mauern aus Eisen, Glas und Zement entronnen, waren sie glücklich, die Welt wieder sehen zu können, die ganze freie Welt, nicht nur den kleinen, ihnen auch noch verbotenen Ausschnitt des Zellenfensters. Die frische Luft hatte sie frisch gemacht, die Sonne hatte sie durchwärmt, nicht mehr das ewige graue Einerlei, ein Tag wie der andere – neue Arbeit, ein anderer Speisezettel, Fleisch und Tabak, der Anblick, ach, schon der Anblick junger Mädchen, einer Frau, die eilig noch den Ärmel über den nackten Arm, der in das Mehlfaß gelangt hatte, hinunterschob.

Sie sangen:

Wir sind des Teufels Husaren,
Wir wagten einst jeden Ritt,
Wir haben die Sünde erfahren,
Doch auch die Lie-be da-mit!

Und die Wachtmeister lächelten auch. Auch die Wachtmeister waren froh, der Anstalt entronnen zu sein, dem einschläfernden Dienst, mit seinem Kübeln, seinen ewigen Vorführungen, dem ständigen Streiten, Meckern, Beschwerden, der nie aufhörenden Sorge vor Widersetzlichkeiten, Ausbrüchen, Revolten. Die Leute würden genug zu essen und zu rauchen kriegen, sie würden friedlich sein, es würde keinen Klamauk geben – trotzdem man das nie ganz sicher wissen konnte! –

Fast mit Wohlwollen blickten die Wachtmeister auf ihre Jungen. Es waren ja die Leute, denen sie ihre ganze Lebensarbeit widmeten, und nachdem die Beamten alle Gefühlsstufen von Verzweiflung, Haß, Gleichgültigkeit durchlaufen hatten, waren sie beinahe dahingekommen, ihre Gefangenen zu lieben. Sie sahen so sauber aus, adrett in dem neuen Zeug, das sie gefaßt hatten, sie waren so lustig, sie sangen so vergnügt! – Herr Wachtmeister, haben Sie den Hasen gesehen? – Herr Wachtmeister, das Latschen macht Kohldampf heute mittag kriege ich aber drei Schläge! – Herr Wachtmeister, was gibt's heute mittag – Gänsebraten?

Sie waren ja wie die Kinder! Oh, die Wachtmeister wußten Bescheid: es waren natürlich keine Mörder unter ihnen, es gab überhaupt keine Langstrafigen in dem Kommando. Vier Jahre war schon hoch, die meisten waren Kurzstrafige, und die hatten auch alle schon über die Hälfte der Strafe abgerissen, oder fast alle. – Es waren keine schweren Jungen darunter, nicht die großen Kanonen des Ganoventums – aber trotzdem, trotz Singen und Fröhlichkeit, blieben sie doch immer Strafgefangene, das heißt Leute, denen man die Freiheit genommen hatte, und von denen viele alles, oder fast alles tun würden, sich diese Freiheit wiederzuerobern. Mit Wohlwollen blickten die Beamten auf die Gefangenen und vergaßen doch nie, daß sie vielleicht das eigene Leben daransetzen mußten, diesen Gefangenen die begehrte Freiheit vorzuenthalten.

Die Liebste sprach: ich lasse dich nicht,
Du darfst nicht von mir fahren!
Weiße Arme und Ketten halten mich nicht –
Wir sind des Teufels Husaren!

sangen sie.

Sie kommen! Sie kommen! rief Amanda Backs in der Waschküche des Schlosses und warf die Holzkelle in ihre Speckerbsen, daß es spritzte. Komm, Sophie, wir wollen sie uns angucken. Vom Kohlenkeller aus können wir die Schnitterkaserne sehen.

Ich weiß gar nicht, was du hast! antwortete Sophie kühl. Solche Zuchthäusler – für die mache ich doch keinen Schritt! Wir werden uns noch genug über die Kerle ärgern müssen beim Essenholen. Das sind doch alles Verbrecher!

Aber sie ging doch hinter der andern her und lehnte mit ihr in der kleinen, schmutzigen Luke des Kohlenkellers – und rascher atmend sah sie hinüber. Sie sah den Zug, und sie hörte den Sang, und sie schaute und schaute und fand ihn doch nicht zwischen dem Gewimmel und fragte sich: Wenn er nun nicht dabei ist? Wenn sie ihn nicht mitgeschickt haben?

Was stöhnst du denn so, Sophie? fragte Amanda erstaunt.

Ich –? Wieso stöhne ich? Ich stöhne doch nicht! Warum sollte ich wohl stöhnen?

Das frage ich auch, sagte Amanda ziemlich spitz und sah wieder aus dem Fenster. Denn Freundinnen waren die beiden noch nicht, weil die Frage bisher ungeklärt war, wer von den beiden die Köchin und wer die Gehilfin der Köchin war. –

Hinter dem Zug der Zuchthäusler fuhren zwei Leiterwagen des Rittergutes, die das Zeug der Leute mitgebracht hatten: Decken und Schüsseln, Bestecke und Apotheke, Waschkannen, Eimer, Spaten, Hacken ... Zwischen den Leiterwagen und dem Zug aber marschierte ganz allein der Oberwachtmeister Marofke, ein kleiner Mann, aber fein, Oberkommandierender des Arbeitskommandos Fünf, Zuchthaus Meienburg, in Neulohe, unbedingter Herr über fünfzig Gefangene und vier Wachtmeister. Er hatte sehr dünne kurze Beine, aber sie steckten in gut gebügelten grauen Hosen. Seine Stiefelchen waren die einzigen, die fast blank waren – ein Gefangener hatte sie ihm vor dem Einmarsch in Neulohe im Straßengraben ›wienern‹ müssen.

Herr Marofke hatte einen mächtigen Spitzbauch, der in einem blauen Waffenrock schaukelte, aber gegürtet war mit einem ledernen Koppel, an dem ein Säbel hing. Was das Gesicht anging, so war es trotz der fünfzig Jahre des Herrn Marofke zartfarbig wie bei einem jungen Mädchen, weiß, rosa. Aber bei der geringsten Erregung lief es Scharlach an. Der katerhaft gesträubte Schnurrbart war rötlichgelb, das Auge blaßblau, die Stimme krähend und schneidig.

Doch trotz aller Schneidigkeit und Schärfe war Herr Oberwachtmeister Marofke die Gutmütigkeit selbst – solange seine Autorität nicht angezweifelt wurde. Geschah das aber, wurde er sofort bösartig, heimtückisch, rachsüchtig wie ein Panther.

Das Ganze halt! krähte er.

Die Zuchthäusler standen.

Kehrt!

Sie machten, übrigens nicht sehr militärisch, denn 1923 war alles Militärische den meisten Menschen verhaßt, eine Kehrtwendung. Sie drehten jetzt ihrer Schnitterkaserne den Rücken und sahen das Beamtenhaus und den Hof an.

Der junge Pagel trat auf den kleinen Herrscher zu. Herr Oberwachtmeister Marofke, nicht wahr? Ihr Direktor hat uns geschrieben. Mein Name ist Pagel, ich bin hier so eine Art – Lehrjunge. Wenn ich Sie dem Chef vorstellen darf, bitte, dort steht er ...

Unter den letzten Bäumen, den Ausläufern des Parkes neben dem Beamtenhaus, stand der Rittmeister mit seiner Familie und Herrn von Studmann.

Stolz geschwellt, als ginge er auf Luft, als stieße ihn jeder Schritt von der niederen Erde ab, ging Oberwachtmeister Marofke auf den Rittmeister zu. Er schlug die Hacken zusammen, legte die Hand an die Mütze und meldete: Melde gehorsamst, Herr Rittmeister, Oberwachtmeister Marofke mit zwei Wachtmeistern und zwei Hilfswachtmeistern sowie fünfzig Zuchthausgefangenen als Arbeitskommando Fünf angetreten!

Danke, Oberwachtmeister, sagte der Rittmeister gnädig. Er schaute sich amüsiert den kleinen Kerl an. Altgedient, was?

Zu Befehl, Herr Rittmeister. Zweiunddreißiger Train.

Ach so, Train! Natürlich. Sieht man. In des Oberwachtmeisters Auge glomm ein Funke auf. Felde jewesen?

Zu Befehl, Herr Rittmeister, nein. Ich hatte ...

Keuchhusten? Na ja! Also lassen Sie die Leute einrücken, Oberwachtmeister. Essen ist wohl fertig. Sie sorgen für alles, Herr Pagel, wie? Und daß mir stramm gearbeitet wird, Oberwachtmeister, ich will diese Unsummen nicht umsonst ausgegeben haben! Ich danke, Oberwachtmeister!

Flammend rot ging der Oberwachtmeister zu seinen Leuten zurück.

Es war nicht zu vermeiden gewesen: Herr von Studmann und die gnädige Frau hatten einen Blick gewechselt. Verzweifelt hatte Frau von Prackwitz die Achseln gehoben, Herr von Studmann hatte beruhigend geflüstert: Ich renke das schon wieder ein, gnädige Frau.

Alles können auch Sie nicht wieder einrenken, hatte die gnädige Frau leise geantwortet und Tränen in den Augen gehabt.

Was macht ihr denn für Gesichter?! hatte der Rittmeister sich umdrehend erstaunt gefragt. Komische Kruke das, der Oberwachtmeister. Bildet sich 'nen Sack voll ein. Natürlich ein Drückeberger. Na, ich schleif mir den Bruder schon, der soll noch sehen, was Dienst heißt. Komm, Eva, komm, Weio. Mahlzeit, Studmann, will sehen, daß ich auch was runterkriege – du hast freilich heute früh reichlich dafür gesorgt, daß ich keinen Appetit habe ... Also, Mahlzeit!

6

Warum sagt er zu Ihnen Herr und zu mir bloß Oberwachtmeister – verstehen Sie das?! fragte der kleine Oberwachtmeister hitzig den jungen Pagel. Wir sind hier nicht auf dem Kasernenhof, er ist nicht mein Vorgesetzter!

Sie saßen in dem Stübchen des Oberwachtmeisters. Draußen, in der Kaserne, lärmten die Gefangenen, lachten, schimpften, sangen, nagelten die Bilder ihrer Liebsten und seit langem geheim gehaltene Fotos von Revuestars an die Wände, pfiffen, bauten Betten, klapperten auch schon mit ihren blechernen Eßgeschirren ...

Kohldampf! schrie eine Stimme.

Zigarette gefällig? fragte Pagel und hielt das Etui über den Holztisch. Aber Herr Marofke dankte für Zigaretten.

Müßte 'ne hübsche Decke her auf Ihren Tisch, sagte Pagel musternd. Überhaupt ein paar nette Sachen, Spiegel, Bilder, anständige Aschenbecher. Man müßte den jungen Mädchen Bescheid stoßen – na, Sie werden das Kind schon schaukeln. Sie haben sicher immer mächtig Anlauf bei den jungen Mädchen gehabt, Herr Oberwachtmeister.

Aber der Haken saß zu tief. Wenn Herr Direktor zu mir Oberwachtmeister sagt, so ist das richtig. Aber er – er hat gar kein Recht dazu! Dann kann ich zu ihm auch Rittmeister sagen.

Möchte mal sehen, was der für ein Gesicht zöge!

Kohldampf! schrien zwei Stimmen. Löffel schlugen taktmäßig gegen Kochgeschirre.

Mit dem Chef ist das komisch, sagte Pagel nachdenklich. Vor 'ner guten Stunde hat er mich rausgeschmissen! Jawoll, Herr Oberwachtmeister, sofortiger Rausschmiß wegen Lachens im Dienst. Ich kohle Ihnen nichts vor, Ehrenwort! – Na, ich habe ihm wohl wieder leid getan; weil ich nischt bin und habe, behält er mich nun doch. Aber weil er noch wütend auf mich ist, sagt er Herr zu mir. – Wenn er guter Laune ist, sagt er bloß immer Pagel oder junger Hund.

Pagel saß wundervoll über den Tisch gelümmelt, blies beim Sprechen kunstvolle Rauchringe und sah seinen Gesprächspartner gar nicht an.

Der musterte ihn argwöhnisch von der Seite. Warum redet er dann von Keuchhusten mit mir?! Wo ich einen doppelten Leistenbruch habe! Nicht jeder kann einen Heimatschuß kriegen.

Och –! machte Pagel verächtlich. Aus Schüssen macht sich der Rittmeister doch gar nichts! Zu Schüssen sagt er auch Keuchhusten. Das ist so ein Wort von ihm. – Na, Schwamm drüber!

Kohldampf! schrien sie draußen lauter.

Aus was macht sich der Rittmeister denn was? fragte der Oberwachtmeister neugierig. Das habe ich doch noch nie gehört, daß jemand zu Schüssen Keuchhusten sagt! Wenn einem nun ein Bein amputiert wird?

Sagt er auch Keuchhusten. Na, Schwamm drüber. Besser verbrennt man sich seinen Mund nicht. – Herr Wachtmeister, ich habe eine große Bitte an Sie ...

???

Kohldampf!!

Wenn Sie mit den Leuten Essen holen, da sind nämlich in der Küche zwei Mädchen. Auf die eine hab ich speziell ein Auge geworfen, wenn Sie da so kameradschaftlich sein wollten, mir nicht in die Quere zu kommen –? Die andere ist nämlich auch ganz hübsch ...

Junge! sagte der Oberwachtmeister Marofke, nun doch sehr geschmeichelt, ist gemacht! Hab man keine Angst –

Danke auch bestens, Herr Oberwachtmeister! stieß Pagel verwirrt hervor.

Aber, Mensch, wie ich so alt war wie Sie! Ich weiß nicht, was mit euch jungen Leuten heute los ist! Ich hätte in Ihrem Alter einen Fuffziger wie mich bitten sollen! Na, ist ja gemacht, is ja gut, schäm dich man bloß nicht. Ich paß auch auf die Wachtmeister auf, da sind nämlich zwei Unverheiratete zwischen, Sie geben mir dann einen Wink, welches Ihre ist. Ich werde das Essen wohl meistens selber holen ...

Kohldampf!!! Kohldampf!!!

Ja, es wird Zeit. Sagen Sie mir noch schnell, was mit Ihrem Chef los ist. Es macht dir doch nichts, wenn ich manchmal du sage? Es ist nur aus guter Meinung. Ich tu's natürlich nicht, wenn die andern dabei sind.

Danke, Herr Oberwachtmeister, ehrt mich ja nur! Und mit dem Chef aber Sie müssen mir versprechen, daß Sie unter allen Umständen dichthalten ...

Ich –? Ich red doch nicht. Ich bin doch Beamter – von mir erfährt nicht mal der Staatsanwalt was.

Also schön – ganz unter uns: der Chef ist verschüttet. Den haben sie für tot aus dem Unterstand rausgezogen. Seitdem ...

So sieht er auch aus! Marke: aufgewärmte Leiche!

Seitdem hat er nur ›verschüttet‹ auf der Rechnung. Zu allem andern sagt er Keuchhusten!

Also: er spinnt, dein Chef! Schön, hab man keine Angst, ich reiß dich nicht rein ...

Guten Tag, die Herren, sagte Herr von Studmann. Na, alles in Ordnung? Zufrieden, Herr Oberwachtmeister? Haus dicht genug gemacht? Ich glaub, da reißt Ihnen kein Bengel aus. – Entschuldigen Sie, meine Name ist von Studmann, ich bin hier so eine Art kaufmännischer Leiter. Wenn Sie was brauchen, ganz egal, was, wenn's nicht klappt mit dem Essen, wenden Sie sich immer vertrauensvoll an mich – dem Rittmeister kommen Sie besser mit solchen Sachen nicht ...

Der Oberwachtmeister warf einen Blick tiefsten Verständnisses auf den jungen Pagel. Jawohl, Herr, wenn ich vielleicht um eine Tischdecke und einen Aschenbecher bitten dürfte?

Sollen Sie alles haben, sagte Herr von Studmann freundlich. Sie sollen sich hier wohl fühlen. – Pagel, gehen Sie essen, es steht schon auf dem Tisch. Ich werde mit Herrn Oberwachtmeister Essen fassen.

Pagel warf einen Blick tiefsten Schmerzes auf den Oberwachtmeister, der ihm beruhigend zunickte, sagte: Jawohl, Herr von Studmann, und entschwand.

Kollege Siemens, rief der Oberwachtmeister mit Krähstimme in den Flur. Lassen Sie vier Mann zum Essenholen antreten. Suchen Sie alte Leute aus, verheiratete, es sollen hübsche junge Mädchen in der Küche sein.

Ein Gesumme, Gelächter, Gejohle erhob sich in der Kaserne.

Wer hat Ihnen denn das erzählt von den hübschen jungen Mädchen? fragte von Studmann verwundert. Etwa der junge Pagel?

Ein Strafanstaltsbeamter muß all so was sofort wissen, schmunzelte der Oberwachtmeister stolz. Bei meinen Jungen muß ich auf dem Draht sein die gehen ran!

Sie haben mir noch nicht gesagt, von wem Sie Ihre Wissenschaft haben, Herr Oberwachtmeister, sagte von Studmann trocken. Es war doch Pagel –?

Na ja, sagte der Oberwachtmeister gönnerhaft, ich glaub, der Junge hat sein Herz in Heidelberg verloren. Unter uns, streng vertraulich: er hat mich gebeten, ein Auge auf sein Mädchen zu haben, daß nichts passiert, verstehen Sie ...

So, so, der Pagel, meinte Herr von Studmann sehr verwundert, welche von beiden ist es denn: die Amanda oder die Sophie? Natürlich die Sophie, nicht wahr?

Das hat er mir noch nicht gesagt. Er wollte sie mir beim Essenholen zeigen, aber da kamen Sie ja dazwischen.

Tief bedauerlich! lachte Herr von Studmann. Nun, er wird es ja nachholen können ...

Nachdenklich ging Studmann hinter dem Kommandoführer her. Nachdenklich hörte er eine etwas erregte Auseinandersetzung mit an, weshalb nicht vier verheiratete ältere Leute zum Essenholen bereitstanden, sondern nur drei – und der vierte war ein junger Mensch mit einem unsympathisch glatten, hübschen Gesicht, mit falschen Augen und einem zu starken Kinn.

Ich will den Liebschner nicht! schrie Herr Marofke. Wenn ich ältere Leute sage, heißt das nicht Liebschner! Der hat sich reingemogelt – du gehörst überhaupt nicht in mein Kommando, du gehörst in die Zelle ›Mattenflechten‹! Der Brandt hat sich Blasen an die Füße gelaufen und kann nicht Essen holen? – Ich hab auch 'ne Blase, und sogar im Bauch, und kann doch! Beifälliges, brüllendes Gelächter. Wenn ich dich noch mal beim Essenholen erwische, Liebschner, marschierst du den gleichen Tag in den Bunker zurück, verstanden?! Heh, du da, Wendt, faß du den Essenkessel mit an! Abmarsch!

Nachdenklich hörte sich das Herr von Studmann an. Aber er hörte es gar nicht recht, es ging zum einen Ohr herein und zum andern Ohr hinaus. Der ehemalige Oberleutnant dachte über den jungen Pagel nach. Der junge Pagel interessierte ihn. Von Studmann gehörte zu den Menschen, die immer über etwas nachdenken und grübeln müssen, aber niemals über sich. Er tat, was getan werden mußte, alles war ganz selbstverständlich, er war ein völlig uninteressanter Mensch. Doch der Pagel zum Beispiel war hochinteressant. Der Oberleutnant hatte ihn aufmerksam beobachtet, der Junge tat seine Arbeit ordentlich und fleißig. Er war immer gleichmäßig gut gelaunt, nicht übelnehmerisch, fand sich überraschend in die fremde Landarbeit. Griff mit zu. Er war ein Spieler gewesen – aber nichts verriet, daß er sich nach dem Spiel zurücksehnte. Er hatte keinen Hang zum Alkohol – und daß er viel zuviel rauchte, war eine Zeitkrankheit, von der auch Herr von Studmann nicht frei war. Immerzu wurde angebrannt, losgepafft, weggeworfen, schon wieder angebrannt.

Der junge Pagel war in Ordnung, es war kein Fehl und Tadel an ihm, er tat seine Sache!

Aber er war doch nicht in Ordnung! Es war kein Leben in ihm, er ging nicht aus sich heraus, er begeisterte sich nicht, er erzürnte sich nicht. Gott, der Bursche war dreiundzwanzig Jahre alt – da konnte er doch nicht ewig mit diesem halben, versteckten Lächeln herumlaufen und sich und alles unwichtig nehmen. Als sei die ganze Welt ein Schwindel, und ausgerechnet er habe es entdeckt! Er war, wenn man an ihn dachte, wie durch einen Schleier gesehen, unscharf, verschwimmend – als lebe er nicht, als vegetiere er bloß, als habe sein Gefühlsleben eine Lähmung erlitten!

Das alles hatte Herr von Studmann schon lange beobachtet, und er hatte sich dabei beruhigt, daß diese Stumpfheit eine Übergangserscheinung sei: Pagel war ein Genesender. Er hatte da eine Liebesgeschichte gehabt, sie war ihm tiefer gegangen, als er geglaubt hatte, er litt noch darunter. Vielleicht war es falsch gewesen, jede Aussprache über diese Sache abzulehnen, aber Herr von Studmann meinte, daß man Wunden in Ruhe lassen soll.

Und nun diese Nachricht, daß Pagel eine neue Liebelei hatte, daß er mit anderen davon sprach, daß er mit Angst an ein Mädchen dachte! Aber dann war ja alles ganz anders, dann war etwas faul im Staate Dänemark, dann war er kein Verletzter, kein Gelähmter; kein Genesender! Dann war er einfach ein fauler Kopf, ein indolenter Bursche, den man auf den Trab bringen mußte!

Studmann nahm sich vor, Pagel noch viel schärfer zu beobachten, noch kameradschaftlicher zu behandeln – es war ja noch immer eine unsichtbare Wand zwischen ihnen! Ein dreiundzwanzigjähriger Bursche – der keine näheren Beziehungen zu irgendeinem Menschen auf der Welt unterhielt, der solch nähere Beziehungen nicht einmal wollte – das war ja direkt unheimlich! Man wurde doch mit dreiundzwanzig kein Eremit! Soviel Herrn von Studmann bekannt war, hatte Pagel auch noch immer nicht an seine Mutter geschrieben – das war auch nicht richtig, da zuerst würde er eingreifen. Alle Kindermädcheninstinkte waren plötzlich in Herrn von Studmann erwacht – er fühlte eine Aufgabe, und er würde über sie nachdenken, grübeln, sie lösen –!

Der gute Studmann – wenn er einmal über sich nachgedacht hätte statt über andere, es wäre ihm klargeworden, daß er sich mit solchem Eifer auf diese neue Aufgabe stürzte, weil er mit seiner alten gescheitert war. Nach der Unterredung am heutigen Vormittag hatte er, ohne es zu wissen, den Rittmeister aufgegeben. Der Rittmeister war nicht zu retten, er war ein unverbesserlicher Hitzkopf – aus einer Übereilung gerettet, stürzte er mit allem Elan in die nächste! Er war ein Kind, das seine Aufgabe nie lernen würde, der Lehrer mußte sein Amt niederlegen. Wenn der Oberleutnant jetzt an den Rittmeister dachte, so dachte er nicht mehr: Wieder einen Schritt vorwärts!, sondern: Was wird er nun wieder anrichten? Er wollte den Rittmeister nicht verlassen, es war da eine Frau, eine Tochter (auch begehrenswerte Aufgaben), aber der Rittmeister war ohne Interesse für ihn: ein Rätsel, das wir haben raten wollen, und von dem sich herausstellt, es ist gar kein Rätsel, sondern nur eine Anhäufung von Widersinnigkeiten, das lockt uns nie wieder.

Nachdenklich läßt Herr von Studmann seinen freundlichen braunen Blick abwechselnd auf der Amanda Backs und der Sophie Kowalewski ruhen. Die Amanda, derb wie ein starkknochiges, belgisches Pferd, scheint ihm nicht in Frage zu kommen. (Obwohl man über den Liebesgeschmack eines andern nie urteilen kann!) Die Sophie – nun ja, ganz hübsch, aber bei näherem Zusehen findet Studmann doch, daß ihr Gesicht manchmal durch die mädchenhaften Züge hindurch etwas Böses, Scharfes bekommt. Dann sind ihre Augen wie Stecknadeln, ihre Stimme wird fast heiser.

So, als sie jetzt zu dem Oberwachtmeister Marofke sagt: Soll das etwa ein Mißtrauen gegen uns sein?!

Der Herr Marofke mag vielleicht eine putzige Kruke sein, vor allem leicht zerbrechlich, ein erfahrener Strafanstaltsbeamter ist er doch. Studmann denkt, es hätte schlimmer kommen können.

Marofke hat die vier Essenholer mit dem Kollegen Siemens vor der Waschküchentür warten lassen. Er hat sich von den Mädchen einen Löffel Essen zum Abschmecken geben lasse, er hat sie sogar belobigt: Da steckt Murr drin! Da werden meine Jungen lachen!

Dann hat er ihnen gezeigt, wie sie das Mannschaftsessen bereitstellen sollen, und nun hat er ihnen gesagt, daß sie sich, ehe die Leute zum Essenholen hereinkommen, in den Kellergang zurückzuziehen haben. Darauf hat Fräulein Sophie sehr böse gefragt: Soll das etwa ein Mißtrauen gegen uns sein?!

I wo, sagt der kleine Marofke ganz friedlich. Das gilt für alles Weibliche nicht bloß für so 'ne kleine Hübsche!

Sophie Kowalewski wirft den Kopf zornig in den Nacken und ruft: Wir machen uns nicht mit solchen Zuchthäuslern gemein! So was müssen Sie nicht von uns denken!

Aber meine Jungen machen sich schrecklich gern mit Ihnen gemein, Fräulein, erklärt der Oberwachtmeister.

Komm doch, Sophie! mahnt auch Amanda. Was mir schon daran liegt, die Kerle zu sehen!

Aber Sophie ist seltsam hartnäckig – ach, sie hat den Kopf verloren, nur um sofort zu erfahren, ob er mitgekommen ist, setzt sie alles so listig Begonnene aufs Spiel! Wozu hat sie sich denn um den Posten in dieser alten, häßlichen Küche beworben, macht ihre gepflegten Hände mit Kartoffelschälen und Kaltwasserpanscherei rot und häßlich, hat auf ihre schöne freie Zeit verzichtet – wenn sie ihm hier nicht einmal begegnen soll?! Nun ist sie ja schlechter daran als alle andern: hätte sie vor der Schnitterkaserne, an der Dorfstraße gestanden, dann hätte sie ihn doch wenigstens vorübermarschieren sehen!

Sie wagt alles, sie stellt kopflos sogar ihre guten Beziehungen zu Herrn von Studmann auf die Probe, sie sagt zu ihm: Nicht wahr, Herr von Studmann, der Herr darf mich doch nicht aus meiner eigenen Küche schicken? Der Herr hat mir doch gar nichts zu sagen!

Herr von Studmann denkt immerzu scharf nach, er beobachtet genau, aber er kann den Schlüssel zu diesem Rätsel nicht finden! Seien Sie vernünftig, Fräulein Sophie, sagt er freundlich, erschweren Sie dem Herrn seinen Dienst nicht noch.

Herr von Studmann ist überrascht von dem bösen, scharfen Blick, den Sophie auf den Oberwachtmeister wirft, ein Blick voller Haß. Aber warum in aller Welt soll Sophie den kleinen spitzbäuchigen Herrn hassen?! Es ist nur dieser eine Blick; nun, nachdem alles umsonst war, rettet Sophie, was zu retten ist.

Natürlich gehe ich gerne aus meiner Küche, wenn mir das gesagt wird, zieht sie sich zurück. Nur können Amanda und ich dann für nichts hier aufkommen – die gnädige Frau hat uns alles zugezählt, Tücher und Geschirr ...

Damit klappt die Tür zum Kellergang, die beiden Mädchen sind fort. Der Oberwachtmeister ruft seine Leute herein, die vorsichtig das bereitgestellte Essen in die Tragkessel umschütten. Dabei flüstert Herr Marofke dem Oberleutnant zu: Ich habe erst gedacht, es ist die schlanke Hübsche – die von Herrn Pagel, verstehen Sie? Aber es muß die andere sein. Die kleine Hübsche ist scharf auf meine Jungen, scharf wie Gift. Auf die werde ich ein Auge haben, die will sich was anlachen!

Aber nein! protestiert Herr von Studmann nicht ganz überzeugt. Ich kenne Fräulein Sophie als sehr anständig ...

›Ich kenne sie ja gar nicht‹, denkt er plötzlich. ›In der Eisenbahn damals hatte ich sogar einen ausgesprochen schlechten Eindruck von ihr ...‹

Sie ahnen ja nicht, sagt der Oberwachtmeister belehrend, während die beiden hinter den Essenholern zur Kaserne zurückgehen, wie komisch das mit den Weibern ist. Manche sind ganz verrückt nach unsern Jungen ... Kennen Sie gar nicht; aber grade, weil es Zuchthäusler sind! Früher haben wir in Meienburg im Winter, wenn Schnee lag, die Straßen gefegt. Sie können sich nicht denken, was manche Frauen aufgestellt haben, um Briefe einzuschmuggeln ... Nee, Herr von Studmann, darin sind die Weiber ein völliges Rätsel, und die schlanke Hübsche ...

Jawohl, sagt Herr von Studmann von Zeit zu Zeit. Er findet dies auch rätselhaft. Aber er wird das Rätsel schon lösen. Vorerst steht er einmal in dem Gemeinschaftsraum und sieht zu, wie die Kerls es sich schmecken lassen. Jawohl, es schmeckt ihnen, und während sie hastig an dem einen Schlag löffeln, schielen sie schon wieder nach dem Kessel, ob wohl noch ein zweiter und womöglich ein dritter Schlag darin ist.

Aber der Clou, der Gipfel sind doch die Salzkartoffeln! Kartoffeln, nicht in der Suppe mitgekocht, in der sie ja doch nur hart werden, sondern extra gekocht, in einem Riesentopf! Das haben die Jungen nicht mehr gehabt, seit sie ›drin‹ sind. Manche rollen die heißen Kartoffeln von einer Hand in die andere und essen sie so, ohne Suppe, sobald sie ein wenig abgekühlt sind.

Großartig, Herr Chef! rufen sie zu Studmann. Können Sie uns nicht mal Pellkartoffeln und Hering machen lassen –?

Könnt ihr haben, verspricht Herr von Studmann.

Ick hab den Matjes gerne mit Sahne! ruft eine Stimme. Und schön auf Eis, wat, Herr Chef?

Ick, ruft ein dritter, muß zu den Pellkartoffeln aber 'ne Braut haben, die die Pelle abschält ... Wenn Se dat machen könnten, Herr Chef?

Brüllendes Gelächter.

So sind sie, schlimmer sind sie nicht, aber besser sind sie auch nicht. Zutraulich und frech, leicht zufrieden und gierig – sie haben viel von Kindern, denkt Herr von Studmann, nur nicht deren Unschuld.

Jetzt stürmen sie auf Herrn von Studmann ein. Ihr Hunger ist gesättigt. Nun betteln sie um Tabak! Tabak, das beste auf der Welt, solange man ihn entbehrt; das Selbstverständliche, wenn man ihn hat. Sie wissen, sie haben erst ein Anrecht auf ihn, wenn sie eine Woche gearbeitet haben: kommenden Sonntag sind zwei Päckchen Tabak pro Kopf fällig. Aber auch darin sind sie wie die Kinder, eine Freude, die erst morgen, die erst Sonntag kommt, ist gar keine Freude – gleich muß es sein!

Nun, Herr von Studmann läßt sich auch breitschlagen, er verspricht, den jungen Pagel mit fünfzig Paketen Tabak zu schicken. Er geht ins Beamtenhaus. Die Gefangenen finden, daß er ein großartiger Kerl ist, sie werden ihm noch das Fell von den Rippen schwatzen, schwören sie. Den werden wir noch tüchtig melken, sagen sie, das ist einer, den man auf die süße Tour nehmen muß. Sie schnattern durcheinander, es ist ein Höllenlärm. Nun fahren die Wachtmeister dazwischen, denn die Zucht darf nicht aufgegeben werden. Sie sind nicht auf Ferien hier, sie sollen arbeiten! –

Als Herr von Studmann die Tür zum Büro öffnet, sieht er da Herrn von Teschow und den jungen Pagel in trautem Verein sitzen. Die beiden Herren, der älteste und der jüngste Landwirt von Neulohe, scheinen sich ausgezeichnet zu verstehen: sie haben beide sehr vergnügte Gesichter.

Ich erzähle Ihrem Jüngling grade, sagt Herr von Teschow dröhnend, was ich so als angehender Forkenjünger zu fressen kriegte. Schweinskotelett mit Spinat an einem hundsgemeinen Wochentag –? O je, o je! Dreimal in der Woche aufgebratene Mehlklöße! Schließlich schmissen wir sie an die Decke, und da blieben sie kleben, so kleisterig waren sie. Als ich wegging von dem Gut, klebten sie noch immer da.

Und was aßen Sie tatsächlich? fragt Herr von Studmann höflich, um so höflicher, da er sich schändlich ärgert. Denn von der vorhergegangenen Unterredung mit dem Rittmeister liegen noch alle möglichen Schriftstücke offen auf dem Schreibtisch. Es ist ja nichts Verfängliches, aber der Alte ist schlau, der errät aus einer Andeutung einen ganzen Kriegsplan.

Wir klauten wie die Raben! sagt Herr von Teschow. Speisekammer, Räucherkammer, Äpfelkammer – zu jedem Loch hatten wir Nachschlüssel ...

So daß am Ende Schweinskotelett mit Spinat für den Arbeitgeber doch vorteilhafter ist, meint Herr von Studmann trocken. Pagel, wollen Sie so freundlich sein und in die Schnitterkaserne fünfzig Pakete Tabak bringen ...

Sie fangen ja gut an! ruft der Geheimrat dröhnend. Noch keinen Schlag gearbeitet, die Aasbande, und schon fünfzig Pakete Tabak! Bei Ihnen möchte ich auch Arbeiter werden –! Na, ich rede Ihnen nichts rein ...

Pagel entschwindet, dem Geheimrat freundlich mit der Hand zuwinkend. Herr von Studmann sieht Herrn von Teschow auffordernd an, denn der alte Mann hat sich auf Studmanns Platz gesetzt, nämlich an den Schreibtisch, nämlich genau vor die verstreuten Briefe – er sieht den Besitzer Neulohes auffordernd an. Aber der Besitzer sitzt, wo er sitzt. So nimmt Studmann die Briefe vom Tisch und fängt an, sie in die gehörigen Mappen zu schieben.

Der Kram hätte mich auch nicht weiter gestört, sagt der alte Herr gönnerhaft. Wenn ich Briefe nicht beantworten muß, stören sie mich gar nicht. – Aber Sie schreiben wohl gerne?

Herr von Studmann murmelt irgend etwas, es kann eine Antwort sein, es braucht aber keine zu sein.

Ich sag immer, ein Landwirt braucht überhaupt nicht schreiben zu können. Ein bißchen Lesen, meinethalben, damit er die Vieh- und Kornpreise in der Zeitung lesen kann, aber schreiben – zu was denn? Damit sie Wechsel querschreiben können, heh? Die ganze Bildung ist 'ne Erfindung von den Roten! Sagen Sie mal, was hat so 'n Landarbeiter davon, daß er schreiben kann? Daß er unzufrieden wird, das hat er davon!

Waren früher alle zufrieden? fragt Herr von Studmann. Er hat seine Briefe abgelegt und lehnt nun rauchend am Ofen. Eigentlich müßte er unbedingt auf den Hof hinaus und nach der Wirtschaft sehen. Aber er ist entschlossen, geduldig abzuwarten, was der alte Herr will. Denn wenn er es nicht anhört, wird es sich der Rittmeister anhören müssen, und dann geht es bestimmt schief.

I wo! sagte der alte Herr. Zufrieden waren wir früher auch nicht. Der Mensch ist zum Meckern geboren, das sage ich Ihnen, mein lieber Herr von Studmann! Wenn der Mensch geboren wird, dann meckert er gleich los wie ein junges Zicklein, und wenn er stirbt, röchelt er wie ein oller Ziegenbock. Und die ganze Zwischenzeit meckert er feste weiter. Nee, zufrieden waren wir natürlich auch nicht, früher! Aber es ist ein Unterschied, mein Verehrtester. Früher wollte jeder nur mehr haben, als er grade hatte; heute will jeder partout das haben, was der andere hat!

Da ist was Wahres dran! bestätigt Herr von Studmann und überlegt sich in aller Eile, was er gerne hätte, was jetzt andere haben. Es fällt ihm sogar etwas ein.

Und ob da was Wahres dran ist! sagt der Alte triumphierend. Er ist jetzt ganz zufrieden. Der junge Pagel hat ihm gut getan, und der Herr von Studmann hat ihm auch gut getan. Es sind beides umgängliche Leute – nicht so was wie sein Schwiegersohn.

Hören Sie zu, Herr von Studmann, meint er darum gemütlich. Wir sprechen vom Meckern. Nun, was meine Gnädige ist, die meckert auch. Und darum sitze ich hier.

Herr von Studmann sieht ihn fragend an.

Ja, mein lieber Herr von Studmann, Sie haben Schwein, Sie sind Junggeselle. Aber ich alter Mann –! Diesmal sind es Ihre Teufelshusaren –!

Wer?!

Na, die Zuchthäusler dort, sie nennen sich doch selber so! Seit sie vor gut einer Stunde angekommen sind, gibt sie keine Ruhe: Horst-Heinz, ich ertrage es nicht, in unserm lieben Neulohe Zuchthäusler! Und wenn ich aus dem Fenster sehe, dann sehe ich sie, und es sind doch alles Mörder und Räuber, und nun singen sie auch noch – Mörder dürften doch nicht singen ...

Soviel ich gehört habe, singen sie aber ganz einwandfreie Lieder.

Was ich ihr gesagt habe, mein verehrter Herr von Studmann! Genau meine Worte! Sie singen ja sogar die Rasenbank am Elterngrab, habe ich ihr gesagt. Aber nein, ihr will es nicht in den Kopf, daß Mörder singen. Mörder müssen ihr ganzes Leben lang bereuen, denkt sie.

Es sind gar keine Mörder darunter! sagt Herr von Studmann, eine Spur ärgerlich, denn er merkt, daß dieses Geschwätz doch auf etwas Ernsteres hinauswill. Es sind Diebe und Betrüger, alles verhältnismäßig Kurzstrafige mit guter Führung ...

Meine Worte, Herr von Studmann, genau, was ich der Frau gesagt habe! Aber sagen Sie einer Frau was, wenn sie etwas anderes im Kopf hat! Warum sind sie denn im Zuchthaus, wenn sie keine Mörder sind? sagt sie. Für die Diebe sind doch die Gefängnisse da. Ich kann der Frau doch nicht das ganze Strafgesetzbuch auseinanderpolken!

Und was soll werden? fragt Herr von Studmann. Was wünscht die gnädige Frau?

Und dann ist da noch die Sache mit unserer Waschküche, fährt der Geheimrat fort. Nun ja, meine Frau hat sie zur Verfügung gestellt fürs Essenkochen. Aber nun will sie plötzlich nicht mehr. Sie kennen das nicht so, Sie sind Junggeselle. Nun jammert sie über ihre schönen Kessel, in denen sonst unsere Wäsche kochte, und nun das Essen für Ihre Brüder. – Entschuldigen Sie bloß, so habe ich das nicht gemeint, Ihre Brüder sind's natürlich nicht. Aber mit der Backs ist es auch nicht mehr recht, daß die nur noch halb fürs Geflügel da ist. Heute morgen wären's schon weniger Eier als gestern ...

Die Hühner haben heute morgen aber bestimmt noch nicht gewußt, daß die Zuchthäusler kommen! meint Herr von Studmann lächelnd.

Da haben Sie recht! Hähähä! lacht der bärtige Greis und haut knallend auf den Schreibtisch. Das muß ich meiner Frau erzählen! Das wird sie mächtig ärgern. Großartig! Die Hühner haben's noch nicht gewußt! Meine Frau hat sonst ein Faible für Sie, Herr von Studmann – na, das wird sie kurieren! Wirklich ausgezeichnet!

Herr von Studmann ärgert sich schändlich über seinen Fehler. Der Alte ist in seiner Biedermännischkeit ein so ungeheuerliches Aas, er nützt jede Blöße, die sich der andere gibt, so rücksichtslos aus – nun, man muß eben noch viel mehr aufpassen. Und nie die Geduld verlieren, denn das will er ja bloß.

Wir wollen gewiß Ihrer Frau Gemahlin mit unsern Leuten nicht lästig fallen, sagt er höflich. Wir werden tun, was wir können. Die Waschküche wird geräumt werden. Die Kocherei wird sich auch irgendwo anders einrichten lassen, in der Futterküche oder in der Villa, ich werde sehen. Die Backs wird abgelöst. Ich werde zu der Kowalewski noch die Hartig nehmen ...

Die Sophie –?! ruft der alte Herr erstaunt aus. Das wissen Sie noch nicht?! Na, Sie wissen ja großartig in Ihrem eigenen Betrieb Bescheid, muß ich sagen. Wie ich hier hinüber latsche, stand doch die Sophie im Kellergang und heulte, Ihr Wachtmeister hätte sie beleidigt, sie machte nicht mehr mit ... Ich hab ihr natürlich zugeredet, aber Sie wissen ja, wie so Mädchen sind ...

Jedenfalls danke ich Ihnen bestens, daß Sie ihr zugeredet haben, Herr Geheimrat, sagt Herr von Studmann ein wenig schärfer. Auch für Sophie Kowalewski wird sich Ersatz finden. – Das Singen in der Schnitterkaserne werde ich untersagen. – Damit wären also alle Mängel behoben, nicht wahr?

Reizend von Ihnen! ruft der alte Herr strahlend. Mit Ihnen kann doch ein vernünftiger Mensch noch verhandeln! Wenn das mein Schwiegersohn gewesen wäre! Fett und Feuer!! Aber – aber, der Geheimrat schüttelt betrübt den Kopf, es ist ja leider noch immer nicht alles, mein lieber Herr von Studmann. Wenn meine Frau am Fenster sitzt – und dann sieht sie diese Zuchthäuslertracht ... Sie erträgt es nicht, Verehrtester, es regt sie ständig auf, es ist 'ne alte Frau, ich muß auf sie Rücksicht nehmen ...

Ich darf die Leute leider nicht anders einkleiden, sagt Herr von Studmann. Seien Sie überzeugt, ich würde sonst auch das tun! Aber das Schloß hat vier Fronten – wenn Ihre Frau Gemahlin vielleicht ein Fenster an einer der drei andern Fronten wählen würde?

Mein verehrter Herr von Studmann, antwortet der Geheimrat, meine Frau hat, sagen wir, netto fünfzig Jahre an ihrem Fenster gesessen. Da können Sie wirklich nicht erwarten, daß sie auf ihre alten Tage noch umzieht, bloß weil Sie Zuchthäusler nach Neulohe importieren!

Und was wünschen Sie, daß wir tun? fragt Herr von Studmann.

Aber Herr von Studmann! sagt der alte Geheimrat strahlend. Diese Leute dahin zurückschicken, wohin sie allein gehören: ins Zuchthaus! – Und am besten heute noch!

Und die Ernte –?! rief Herr von Studmann entsetzt.

Der Geheimrat hob lächelnd die Achseln.

Sie verlangen es nicht im Ernst?! fragte Studmann ungläubig.

Mein lieber Herr! sagte der Geheimrat grob. Glauben Sie, ich stell mich in der Mittagszeit 'ne halbe Stunde hin und quassele aus Spaß mit Ihnen?! Die Leute kommen weg aus Neulohe, und das heute noch!

Der Geheimrat war aus seinem Sessel aufgestanden und sah Herrn von Studmann böse funkelnd an.

Aber da es nun ein Kampf sein sollte, war der ehemalige Oberleutnant ruhig. Herr Geheimrat, sagte er, Ihr Einwand kommt zu spät. Sie wissen seit vierzehn Tagen von unserm Vorhaben, ein Zuchthauskommando kommen zu lassen. Sie haben keine Einwendung dagegen erhoben. Im Gegenteil: Sie haben uns Ihre Waschküche und Ihre Geflügelmamsell dafür zur Verfügung gestellt. Damit haben Sie Ihr Einverständnis erklärt ...

Kieke da! spottete der Geheimrat. Der kleine Rechtsanwalt in der Westentasche! Aber wenn andere schlau sind, ich bin noch schlauer. Nach § 21 des Pachtvertrages hat Pächter jede Beeinträchtigung des Wohnrechtes des Verpächters sofort abzustellen. Ihre Verbrecher sind eine Beeinträchtigung des Wohnrechtes. Sofort, als sich diese Beeinträchtigung herausstellte, habe ich bei Ihnen Abhilfe verlangt. Nun her mit der Abhilfe! Und weg mit den Leuten!

Wir weigern uns! sagte Herr von Studmann. Wir werden den Nachweis führen, daß eine mit polnischen Schnittern, ihren Weibern und Kindern besetzte Kaserne sehr viel störender wirkt als die unter strammer Zucht stehenden Strafgefangenen. Wir werden weiter nachweisen ...

Vor Gericht, was? rief der Geheimrat verächtlich. Rufen Sie nur das Gericht an, mein kluger Herr! Jedes Anrufen des Gerichts löst das Pachtverhältnis! § 17 des Vertrages! Rufen Sie man an – ich übernehme die Ernte gerne ...

Studmann trocknete sich die Stirn. ›Oh, mein lieber Prackwitz!‹ dachte er. ›Wenn du hier stündest! Aber du hast keine Ahnung, und du wirst nie eine Ahnung haben ...‹ Er sah nach dem Schreibtisch hin: ›Der geht aufs Ganze. Er hat sicher die Briefe mit den Angeboten der Getreidehändler gelesen. Pagel ist viel zu achtlos, zu vertrauensselig. Er ist gierig – er will nicht nur den Schwiegersohn weg haben, er möchte jetzt auch noch die Ernte dazu ... Es muß mir ein Ausweg einfallen ...‹

Na, Herr von Studmann? sagte der alte Herr zufrieden. Landwirtschaft ist noch was anderes als Hotelbetrieb, wie? Wozu wollen Sie sich hier ärgern? Mein Schwiegersohn dankt Ihnen das bestimmt nicht. Schicken Sie die Leute weg, und wenn Sie vernünftig sind, reisen Sie auch. Das ist hier doch 'ne geplatzte Blase, da kriegen Sie auch keine Luft wieder rein ...

Herr von Studmann stand am Bürofenster. Einen Augenblick, sagte er, er sah nach der Kaserne hinüber. Jetzt traten aus der Tür: Pagel; eins, zwei, drei Zuchthäusler; nun ein Wachtmeister ... Sie gingen ab, verschwanden den Weg hinunter, wohl zum Geräteschuppen ...

›Das hat die alte Frau nun auch oben gesehen‹, dachte er. ›Da kann man nichts machen. Da gibt's keinen Ausweg. – Natürlich möchte er vor allem mich weghaben, mit Prackwitz hat er leichtes Spiel, der schmeißt ihm den Kram heute noch vor die Füße und schenkt ihm die schöne Ernte ... Nein, nein.‹

Ein Gedanke kam ihm, gleich verwarf er ihn. Aber er sah schärfer nach der Kaserne. Sie stand mit dem spitzen roten Giebel zu Beamtenhaus und Schloß hin. In dem Giebel saßen Tür und ein Dachfenster, den Anblick der beiden Längsseiten entzogen Flieder- und Schneeballbüsche. Studmann sah, blinzelte. Nein, der Gedanke war doch nicht schlecht, es war der Gedanke ...

Er drehte sich mit einem Ruck um.

Es wurden vier Ausstellungen vom Verpächter gemacht? sagte er. Erstens die Backs ...

Stimmt! bestätigte der Geheimrat vergnügt.

Die Backs wird freigegeben. Ist erledigt?

Stimmt! grinste der Alte.

Die Benutzung der Waschküche wird aufgegeben.

In Ordnung! lachte der Alte.

Es wird nicht mehr gesungen.

Schön. Schön. Und den vierten hohlen Backenzahn füllen Sie mit all Ihrer Schlauheit nicht, Studmännchen.

Ich bin nicht Dentist. Vierter Einwand: die Leute sind vom Schloß zu sehen.

Stimmt! grinste der Herr von Teschow.

Sonst nichts? fragte Herr von Studmann.

Sonst nichts! lachte der Alte.

Wird behoben! sagte Herr von Studmann und konnte nicht hindern, daß Triumph in seiner Stimme klang.

Nanu? rief der Alte verblüfft. Sie werden doch nicht –?

Was werde ich nicht?

Die Kaserne fortfahren? Geht nicht. Die Leute umlegen? Geht auch nicht, von wegen der sicheren Verwahrung. Und sonst ...? Der Alte grübelte ...

Sie entschuldigen mich, Herr Geheimrat, sprach Herr von Studmann so freundlich-gnädig, wie nur ein Sieger freundlich-gnädig sein kann. Ich muß sofort die nötigen Anweisungen geben, damit spätestens am Abend der Schaden behoben ist ...

Da möchte ich doch wissen ... sagte der alte Herr und ließ sich ohne allen Protest durch Studmann aus dem Büro schieben. Wenn aber am Abend nicht alles in Ordnung ist –! rief er mit einem Rückfall in das frühere Drohen.

Es ist am Abend alles in Ordnung, erklärte Herr von Studmann vergnügt und schob den Büroschlüssel ostentativ in die Tasche, statt ihn wie üblich in das blecherne Briefkästchen zu legen. Ich bitte um die besten Empfehlungen an die Frau Gemahlin ... Er entschritt, dem Hof zu, wie ein Sieger. Der Geheimrat sah ihm verblüfft nach.

7

All die Zeit, während Herr von Studmann mit dem Geheimrat verhandelt, geredet, gestritten hatte, während er dann auf den Gutshof gelaufen war, Leute zusammengetrommelt, seine Weisungen gegeben hatte – all die Zeit, während Studmann dann an der Schnitterkaserne den jungen, langsam immer mehr aufleuchtenden Pagel instruiert und es dabei nicht unterlassen hatte, ihn nochmals vor jeder Vertraulichkeit mit älteren Iodenen und rauschebärtigen Herren zu warnen – und jene Zeit auch, in der Herr von Studmann mit den Hilfswachtmeistern, den Wachtmeistern und dem Oberwachtmeister des Kommandos gesprochen und ihnen zugeredet hatte, damit sie bloß nicht gekränkt waren – den halben Nachmittag also, an dem Studmann geredet, geschmeichelt, gescholten, ermahnt, geschwitzt und gelächelt hatte, um seinen Freund von Prackwitz vor den Anfeindungen des Schwiegervaters zu retten – von der Essenszeit bis nach der Kaffeezeit hatte der Rittmeister Joachim von Prackwitz wütend auf seiner Couch gelegen und mit seinen Freund von Studmann geschmollt.

Der Rittmeister hat sich empört über Studmann, den Vormund; hat geschimpft über Studmann, das Kindermädchen; hat Hohn gelacht über Studmann, den Besserwisser; hat verächtlich gelächelt über Studmann, die Unke!

Was hinwiederum den alten Geheimrat von Teschow anging, so hatte er durch einen Vorhang des Schloßzimmers nur einen Blick auf die beginnenden Studmannschen Arbeiten geworfen, hatte dann sofort anerkennend mit dem Kopf genickt und gesprochen: Köpfchen bleibt eben doch Köpfchen. So einen Mann hätte ich als Schwiegersohn haben müssen, nicht so 'ne langschinkige Donnerbüchse ...

Der Rittmeister hatte erkannt, daß er bis auf die Knochen blamiert war. Frau und Freund waren in einen Wettstreit darüber eingetreten, wer ihn am meisten blamieren könnte. Während die Frau ihn mit Aufbauschung eines kleinen Ehe-Intermezzos, bei dem er übrigens vollkommen im Recht gewesen war, vor dem Freund blamiert hatte, hatte der Freund ihn vor der Frau als einen vollkommenen geschäftlichen Trottel hingestellt. Er hatte ihm die ganze Geschäftsführung abgelistet, und dann hatte er ihm sogar noch das Wort abgenommen, seinem Schwiegervater nicht einmal die Meinung zu sagen. Der Rittmeister war überzeugt, daß alles Gerede über Gefährlichkeit dieses Vertrages Gefasel war. Indem er es sorgfältig vermied, an Einzelheiten zu denken, stellte er fest, daß es ihm bisher auf Neulohe immer noch recht gut gegangen war, daß er sein Auskommen gehabt hatte – und daß er sich wirklich nicht darum kluge Herren aus Berlin kommen ließ, um zu beweisen, daß er dies Auskommen nicht hatte.

Der Rittmeister hatte einen Freund haben wollen, sprich, einen unterhaltsamen Gesellschafter, keinen Vormund: Das verbitte ich mir! schrie er innerlich. Daß man den Schrei nicht hörte, machte ihn nicht weniger intensiv. Der gute Studmann hatte gefürchtet, der Rittmeister würde in einen hemmungslosen Zorn auf seinen Schwiegervater geraten. Was sein Schwiegervater, dieser lächerliche Greis von 70 Jahren in Kniehosen, tat, das war dem Rittmeister völlig piepe – auf seinen Freund hatte er eine Stinkwut, sein Freund hatte ihn tödlich verletzt.

An der Schnitterkaserne schien alles in Ordnung. Schwitzend rannte Herr von Studmann in die Waschküche des Schlosses. Drei eilig zusammengetriebene Dorfweiber folgten ihm mit fliegenden Schürzenbändern, halblaut glucksend wie die Hühner, voll geschwätziger Erwartung, was denn nun wieder los sei. Nachdem er den Umzug der Gerätschaften in die Futterküche des Viehhauses angeordnet hatte, nachdem er eine geradezu verklärte Sauberkeit der Teschowschen, durch Zuchthäusleressen entweihten Waschkessel befohlen hatte, rannte von Studmann was hast du, was kannst du ins Dorf, in die Wohnung des Leutevogts Kowalewski, um von dem Mädchen Sophie zu hören, was denn da nun eigentlich los war. Er wollte dem Mädchen den Kopf zurechtsetzen und vielleicht ganz nebenbei auch erfahren, worin eigentlich das gute Zureden des Geheimrats bestanden hatte. Aber die Sophie sollte zu einer Freundin am andern Dorfende gegangen sein. Da Herr von Studmann doch einmal schwitzte, konnte es auf ein bißchen mehr Schweiß nicht ankommen. Herr von Studmann rannte zum andern Dorfende.

Herr von Teschow, der alte Geheimrat, sah vom Park aus, wie er rannte. Renne du! sagte er wohlgefällig zu sich. Und wenn du mit allen Erzengeln und den himmlischen Heerscharen meiner Belinde auf den Fersen rennen würdest – du rettetest meinen Schwiegersohn doch nicht.

Damit ging der Geheimrat tiefer hinein in den Park, zu einer ihm gut bekannten Stelle. Spät kommt ihr, doch ihr kommt. Fuchs, du hast die Gans gestohlen. Wer zweimal eine Grube gräbt, der kommt zum Ziel.

+++

Gnädige Frau bitten den Herrn Rittmeister zum Kaffee!

Danke, Hubert. Soll mich zufrieden lassen. Will keinen Kaffee. Bin krank.

+++

Du bist krank, Achim?

Du sollst mich zufrieden lassen.

Hubert sagt, du bist krank.

Ich weiß am besten, was ich gesagt habe! Ich bin nicht krank! Ich will nicht ewig bevormundet werden!

Entschuldige, Achim – du hast recht, du bist wirklich krank!

Himmel, Herrgott, laß mich zufrieden, ja?! Ich bin nicht krank! Ich will meine Ruhe haben ...

Er hatte sie bereits, Frau von Prackwitz war schon gegangen. Nun hörte er sie nebenan leise mit der Weio reden, beim Kaffeetrinken. Sie sollten ruhig laut reden, sonst kam man nur auf den Gedanken, sie redeten über einen selbst! Natürlich redeten sie über ihn!! Sie sollten nicht so flüstern! Er war nicht krank! Er hatte es ihr doch gesagt! Gott im Himmel, sie zwangen ihn, einen ruhebedürftigen Mann, aufzustehen und sich mit an den Kaffeetisch zu setzen, bloß um ihren Willen zu haben!

Er würde es gerade nicht tun! Aber sie sollten nicht so flüstern, sonst mußte er es doch tun!

Redet doch laut! brüllte der Rittmeister empört durch die geschlossene Tür. Dies Flüstern macht einen ja ganz nervös! Wie soll man bei dieser Tuschelei ruhen können –!

+++

Was machen die Leute bloß da? sagte Frau von Teschow zu Fräulein von Kuckhoff. Ich glaube, sie wollen mauern.

Die beiden alten Damen saßen jede auf ihrem Fensterplatz und sahen auf den heute interessantesten Fleck in Neulohe, die Schnitterkaserne. (Sonst schliefen sie um diese Zeit.)

Wer warten kann, der ist der Mann, antwortete Jutta von Kuckhoff, aber auch ihr wurde das Warten schwer. Du hast recht, Belinde, es sieht nach Mauern aus.

Aber was können sie denn bloß mauern?! fragte wieder die alte Dame aufgeregt. Seit Horst-Heinz 97 die Schnitterkaserne gebaut hat, ist sie so. Ich bin an sie gewöhnt. Und nun plötzlich Änderungen, ohne jede Vorbereitung! Bitte, Jutta, klingle nach Elias.

Es wurde geklingelt; bis der Elias kam, wurde weitergeschaut.

Dieser junge Mensch, dieser sogenannte Herr Pagel, führt das Kommando. Ich habe seinem Gesicht nie getraut, Jutta! Warum läuft er immer in feldgrauen Röcken herum, wo er zwei Koffer voll Anzüge haben soll?! – Elias, hat dieser junge Mensch nicht andere Anzüge?

Doch, gnädige Frau, in einem Schrankkoffer und in einem großen Kupeekoffer. Minna sagt, er hat auch seidene Hemden, ganz durchzuknöpfen wie die vom Herrn Rittmeister. Seidene, nicht Linon. Aber er zieht sie nicht an.

Und warum zieht er sie nicht an?

Elias bewegte die Schultern.

Verstehst du das, Jutta? Ein junger Mensch, der seidene Hemden hat und sie nicht anzieht?

Vielleicht gehören sie ihm nicht, Belinde?

Ach, wo, wenn er sie im Koffer hat! – Dahinter steckt was – nimm mein Wort, Jutta, denke daran, daß ich es jetzt gesagt habe. Wir müssen aufpassen: wenn er das erste Mal ein Seidenhemd an hat, dann ist etwas los –! Bestimmt!!

Die drei alten Leute sahen sich an, mit funkelnden Augen, neugierig und gierig; alte Raubvögel, die das Aas schon wittern, wenn es noch lebt. Sie verstanden sich, auch Elias war lange genug Diener, um zu verstehen, mitzuwittern.

Der junge Mann war heute früh mit dem gnädigen Fräulein im Park, sagte er.

Mit meiner Enkelin, mit Fräulein Violet –? Sie irren sich, Elias. Violet hat Stubenarrest, sie darf nicht einmal zu uns ...

Ich weiß doch, gnädige Frau, antwortete Elias.

Und –?

Sie waren reichlich zweiundzwanzig Minuten im Park, hinten, unter den Bäumen, nicht vorne auf dem Rasen.

Elias! Meine Enkelin –

Geraucht haben sie auch. Er hat ihr Feuer gegeben, nicht mit dem Streichholz, sondern von seiner Zigarette. Ich sage, wie es ist, gnädige Frau. Das habe ich gesehen – nachher habe ich nichts gesehen, weil dann die Bäume kamen. Darüber kann ich nichts sagen.

Die drei schwiegen. Sie sahen sich an, sie sahen wieder voneinander fort, als hätten sie sich bei etwas ertappt.

Schließlich flötete die alte Gnädige: Und wo war meine Tochter?

Die junge gnädige Frau war auf dem Büro – bei Herrn von Studmann.

Die beiden alten Weiblein saßen starr, auch jetzt sahen sie einander nicht an. Dann, als Elias sicher war, der Haken saß fest, sagte er sanft: Der Herr Rittmeister war auch auf dem Büro ...

Freundin und Freundin regten sich langsam, wie aus einem tiefen Schlaf heraus. Fräulein von Kuckhoff räusperte sich energisch, völlig männerhaft, sie warf einen zweifelnden Blick auf Elias ... Die gnädige Frau sah lieber zum Fenster hinaus.

Und was machen sie dort, Elias? fragte sie.

Elias brauchte nicht hinzusehen, er wußte Bescheid, und wo er nicht Bescheid wußte, da erriet er. Sie mauern dort die Tür zu, sagte er. Weil die gnädige Frau der Anblick von den Verbrechern stört ...

Sie mauern die Tür zu ...

Frau von Teschow saß starr, sie versuchte zu erkennen, ob dies eine Kränkung oder eine zarte Rücksichtnahme war. Beides konnte sich so ähnlich sein, es kam ganz darauf an, wie man es auffaßte.

Und wie kommen die Leute aus der Kaserne heraus? fragte sie endlich.

Sie machen doch aus dem zweiten Fenster in der großen Leutestube eine Tür, erklärte Elias. Grade hinter den Büschen, nein, auf der andern Seite nach dem Hof zu ... Gnädige Frau werden nichts mehr sehen ...

Es ist sehr rücksichtslos von meinem Schwiegersohn, mir meine Aussicht zuzumauern, fing Frau von Teschow bitter an.

Der Herr Rittmeister weiß nichts davon, beeilte sich Elias. Herr Rittmeister ist gleich nach Haus gegangen, als die – Leute kamen. Das hat Herr von Studmann angeordnet ...

Wie kommt Herr von Studmann dazu, mir meinen alten Ausblick auf die Schnitterkaserne zu verbauen?!! rief Frau von Teschow hitzig.

Herr von Studmann macht doch einen sehr angenehmen Eindruck, sagte Fräulein von Kuckhoff warnend.

Herr Geheimrat haben lange heute mittag mit Herrn von Studmann verhandelt, meldete Elias. Herr Geheimrat haben einmal sehr laut – geschrien.

Es war sehr rücksichtsvoll von Horst-Heinz, daran zu denken, sagte Frau von Teschow. Ich wußte nichts davon – er wollte mich damit überraschen.

Sie sah nachdenklich nach der Schnitterkaserne hinüber. Zwei Steinschichten waren schon gelegt. Dieser junge Mensch in Feldgrau verhandelte eifrig mit den beiden Gutsmaurern, ein Wachtmeister stand mit neugierigem Gesicht dabei – nun lachten alle vier los. Noch lachend sahen sie alle zum Schloß hinüber, zu den Fenstern. Die gnädige Frau rückte eilig ihren Kopf aus der Sonne – aber auch ohne dies wäre sie auf ihrem Fenstertritt nicht zu sehen gewesen, halb hinter der Gardine versteckt.

Noch lachend liefen die beiden Maurer nach dem Gutshof hinüber – der junge Pagel hielt dem Wachtmeister sein Zigarettenetui hin. Auch die beiden lachten.

Das hätte Horst-Heinz nicht tun sollen! dachte die gnädige Frau ärgerlich. Den ganzen Sommer auf die kahle Wand starren! Sicher höre ich Geschichten von all diesen Verbrechern, was sie getan haben, warum sie sitzen – und ich weiß nicht einmal, wie sie aussehen. Ich müßte ...

Sie war in Versuchung, den Diener Elias hinüberzuschicken, sagen zu lassen, der Umbau sei nicht notwendig, aber sie wagte es nicht. Der Herr Geheimrat, ihr Gatte, war nur so lange gemütlich, als man seinen meist geheimen Plänen nicht zuwiderhandelte. Er konnte so nervenzerstörend brüllen! Und er lief dann so blaurot an – Sanitätsrat Hotop sagte immer, ein Schlaganfall würde ihm gefährlich werden ...

Bitten Sie Herrn Geheimrat zu mir, Elias, sagte die gnädige Frau sanft.

Herr Geheimrat sind fortgegangen, teilte Elias mit. Soll ich es ihm sagen, wenn er zurückkommt?

Nein, nein, es müßte jetzt sein. (Eine Tür ist so schnell vermauert!) Aber Sie könnten einmal zu meiner Tochter gehen, Elias, und ihr sagen, ich ließe bitten, mir Fräulein Violet ein Stündchen zu schicken ...

Elias nickte.

Wenn meine Tochter etwas von Stubenarrest sagen sollte, deuten Sie an, Elias – aber vorsichtig, ganz unauffällig! –, daß Fräulein Violet heute mittag im Park spazierengegangen ist ...

Elias verbeugte sich.

Von dem jungen Mann brauchen Sie vor meiner Tochter nichts zu erwähnen, sagte die gnädige Frau. Ich spreche mit meiner Enkelin selbst darüber ...

Elias' Gesicht zeigte, daß er alles gut verstanden hatte, daß alles bestens erledigt werden würde. Er fragte, ob noch weitere Wünsche da seien. Aber weitere Wünsche waren nicht da. Elias ging, würdig, ruhevoll, stets der Besitzer eines enormen Vermögens.

Wenn Violet heute nicht kommt, gehe ich in die Villa! Die gnädige Frau setzte sich energisch auf. Wenn auch Horst-Heinz schilt! Ich lasse mir meine Enkelin nicht verschimpfieren!

Darf ich mit, Belinde? fragte Fräulein von Kuckhoff gespannt.

Ich will mal sehen. Jedenfalls müssen wir es so abpassen, daß mein Schwiegersohn nicht im Haus ist. Und sieh du gleich einmal, ob du die Minna nicht findest. Vielleicht weiß sie was.

+++

Der junge Pagel hatte einen Einfall gehabt. Fünfzig Mann in der Schnitterkaserne lachten, fünf Beamte lachten, die Maurer lachten – bald würde das ganze Dorf lachen!

Zuerst war die Stimmung recht gereizt gewesen. Dieses befohlene Zumauern einer Tür, gewiß eine gute Lösung des Herrn von Studmann, war keine gute Begrüßung des Kommandos.

Wenn sie uns nicht sehen mögen, brauchen sie uns auch nicht für ihre Arbeit zu holen, maulten die Zuchthäusler. Wenn wir nicht zu schlecht sind, ihnen ihre Eßkartoffeln auszubuddeln, muß ihnen auch von unserm Anblick nicht schlecht werden! schimpften sie. Wer weiß, wie der sein Geld verdient hat; zusammengebetet wird er sich seinen Steinbaukasten auch nicht haben! meinten sie.

Und auch die Beamten hatten den Kopf geschüttelt und die Münder verzogen. Sie fanden, sie hatten – mit zwei oder drei Ausnahmen – ein sehr ordentliches Kommando. Es gingen oft ganz andere Arbeitsabteilungen aus Meienburg fort. Wenn die Leute sich anständig benahmen und gut arbeiteten, mußte man sie nicht immerzu daran erinnern, daß sie bloß Zuchthäusler waren. Das machte sie nur unruhig und erschwerte den Beamten ihre Pflicht.

Aber nun hatte der junge Pagel seinen Einfall gehabt. Nun lachten sie alle, nun grinsten sie alle. Da können sie beten für uns, das erinnert sie alle Tage! sagten sie. Der junge Mann ist in Ordnung – so muß man es mit denen machen. Immer so 'ne Raffkes durch den Kakao ziehen – das ist das Beste!

Vor Vergnügen hätten sie am liebsten wieder losgesungen, irgendwas geschmettert: Wacht auf, Verdammte dieser Erde! oder so was, was denen in den Ohren gellte. Aber sie wollten dem jungen Mann keine Ungelegenheiten machen! Mit vergnügten Gesichtern sägten sie an ihren Brettern, nagelten die Regale, die Gerätestände zusammen, paßten und zählten die Wäsche. Heute war nur halber Arbeitstag, heute schafften sie erst einmal die Ordnung, die Herr Oberwachtmeister Marofke für unerläßlich hielt, alles in Reih und Glied, alles in Falten und geputzt – genau wie daheim im Zuchthaus Meienburg. Nummern an jedem Eßnapf und Nummern an jeder Waschschüssel, Nummern an den Betten, Nummern an jedem Schemel, jeder Platz am Eßtisch numeriert.

Schwierige, flüsternde, sich erhitzende Beratungen unter den Beamten, wer am besten neben wem am Tisch saß, wer zusammen auf eine Stube gelegt werden konnte – eine falsche Zuteilung, und die Keimzelle zu einem Ausbruchsversuch oder zu einer Meuterei war geschaffen –!

Aber während all dem schlich immer wieder einer an das langsam zuwachsende Türloch, sah, erkundigte sich. Und die Gefährten drinnen fragten grinsend: Wie weit sind sie denn nun schon? Sieht man's schon? Erkennt man's schon?

Sie sind erst bei der sechsten Schichte. Nee, richtig zu erkennen ist es erst, wenn der Querbalken kommt.

Von Studmann erkannte es auch nicht. Er kam aus dem Dorf, schließlich hatte er die Sophie gefunden, aber die Sophie hatte ihm diesmal gar nicht gefallen. Verstockt, hinterhältig, verlogen.

Was nur in das Mädchen gefahren sein mag? Sie ist ganz verändert! Ob der Geheimrat dahintersteckt? Sicher, der hat sie irgendwie aufgehetzt. Das kann er! Den ganzen Tag denkt er nur darüber nach, wie er uns Schwierigkeiten macht. Na ja, die Ernte ... Es wird Zeit für ihn, jedes bißchen, das wir dreschen und verkaufen, tut ihm weh! Ich muß gleich zu Prackwitz, daß er nicht wieder Dummheiten macht. Ach Gott, und die Amanda muß ich auch fragen, was hinter dem Gerede der Kowalewski steckt. Zu irgendwelcher vernünftigen Arbeit kommt man heute wieder einmal überhaupt nicht. Ewig rennt man hinter irgendwelchem Gewäsch her und rückt die Töpfe vom Feuer, daß sie bloß nicht überkochen! Ich hätte es nie geglaubt – aber es ist wirklich fast noch schlimmer als im Hotel!

Was stellt das nun wieder vor, Pagel?! sagte er etwas ärgerlich und sah das Werk der Maurer an. Hinter dem Viehhaus stehen noch genug rote Steine warum diese häßlichen weißen Zementsteine dazwischen?!

Die beiden Männer sahen sich an und grienten unter ihren Maurerbärten. Aber nach der Art solcher Leute taten sie, als hörten sie nichts, sondern sie mauerten geruhig weiter fort. Schwapp spritzte der fette Zementbrei. Ein Hilfswachtmeister, der musternd mit dem Kopf aus der Öffnung gefahren kam, zog ihn beim Anblick des Herrn von Studmann hastig wieder zurück.

Nun? fragte Herr von Studmann recht ärgerlich.

Der junge Pagel sah seinen Vorgesetzten und Freund lächelnd an. Aber er lächelte eigentlich nur mit den Augen, sie wurden ganz hell davon. Pagel warf seine Zigarette in das Gebüsch, hob die Achseln und sagte mit einem Seufzer: Es ist ein Kreuz, Herr von Studmann ... Und er ließ die Achseln wieder sinken.

Was ist ein Kreuz? fragte Herr von Studmann sehr ärgerlich, denn nörgelnde Kritik an einer notwendigen Arbeit war ihm verhaßt.

Das! sagte Pagel und zeigte mit dem Finger auf die Türöffnung.

Die beiden Maurer prusteten los.

Herr von Studmann starrte auf die Wand, auf die Türöffnung, auf die Steine, weiß und rot ... Plötzlich ging ihm ein Licht auf, er rief: Sie meinen, das wird ein Kreuz, Pagel –?

Ich dachte, es wirkt gefälliger, sagte Pagel grinsend. So 'ne glatte rote Wand ist ein langweiliger Anblick. Dachte ich. Aber mit einem Kreuz – Kreuz regt gewissermaßen zur Einkehr an.

Man muß sagen, die Gutsmaurer mauerten mit einem geradezu gegenrevolutionären Eifer, sie wollten das Kreuz vor einem Verbot so weit wie möglich in Sicherheit bringen.

Aber Herr von Studmann lachte nach einem Augenblick des Nachdenkens auch. Sie sind ein Frechling, Pagel, sagte er. Nun, wenn es zu schlimm wirkt, kann man die weißen Steine immer noch rot anpinseln. – Sehen Sie zu, daß Sie bald fertig werden, sagte er zu den Maurern. Mit einem Rucks hoch, verstanden? Jetzt kann man wohl drüben vom Schloß noch nicht sehen, was es werden soll?

Jetzt noch nicht, sagten die Maurer. Und wenn wir erst bei dem Querbalken sind, kann der junge Herr vielleicht ein bißchen weggehen? Wenn die schicken, wir tun nur, was uns gesagt wird.

Das sollen Sie auch! erklärte Herr von Studmann gebieterisch. Er wollte kein Komplott mit den Leuten gegen die alte Herrschaft.

Hören Sie, Pagel, sagte er zu dem Ex-Fahnenjunker. Ich gehe jetzt zur Villa und bringe dem Prackwitz das hier bei. Umfassende Handbewegung zwischen Schloß und Schnitterkaserne. Sie halten hier indessen unter allen Umständen die Stellung – einschließlich – Ähemm! – Kreuz!

Kreuzstellung wird gehalten, Herr Oberleutnant! sagte Pagel. Er schlug die Hacken zusammen und legte die Hand, da er nichts als seinen Haarschopf trug, an die Stirn. Er sah Herrn von Studmann nach, der aber nicht nach seinen Worten zur Villa ging, sondern in das Beamtenhaus. Es war dem Oberleutnant nämlich eingefallen, daß er in der Villa unter Umständen die Damen treffen würde. Unmöglich konnte er dort so verschwitzt auftreten, zum mindesten einen frischen Kragen mußte er sich umbinden. Bei einem Studmann ist von einem frischen Kragen zu einem frischen Hemd nur ein Schritt. Also wusch sich der Oberleutnant von oben bis unten kühl ab – und in der Zwischenzeit nahm das Verhängnis seinen Lauf.

Während Herr von Studmann sich wusch, kreuzte das Unheil flügelschlagend den Weg nach der Villa, hinter den letzten Häusern des Dorfes.

+++

Der alte Elias hatte recht gesehen: sein Brotherr war in den Park gegangen. Wenn uns gar nichts Neues mehr einfällt, fällt uns wenigstens immer noch ein, was von unsern alten Plänen unerledigt ist. Herrn Geheimrat von Teschow war auch so etwas eingefallen. Ohne zu zögern, aber doch mit sorglichem Rundblick aus seinen kugligen, leicht geröteten Seehundsaugen, begab er sich an jene Stelle des Parkzauns, an der er nächtens schon einmal gestanden hatte. Wie damals brachte er als Werkzeug nichts als seine Hände mit. Aber mit dem Gedächtnis ist es eine wunderbare Sache: was wir behalten wollten, das behalten wir auch. Trotz dunkler Nacht und manchem seitdem verstrichenen Tag hatte der Geheimrat nicht vergessen, wo die lose Latte saß. Ein Zug, ein Stemmen, ein Drücken – die sich aus dem Zaunholz ziehenden Nägel schrien nicht sehr erheblich, und der Geheimrat hielt die Latte in der Hand.

Ein wenig schnaufend sah er sich um. Wiederum arbeitete sein Gedächtnis ausgezeichnet: er sah scharf nach dem Busch, in dem er damals die Amanda Backs zu sehen geglaubt hatte. Jetzt bei Tageslicht erkannte er, daß es ein Pfaffenhütchenbusch war – und keiner und keine steckten im Busch. Der Geheimrat ging und setzte mitten in ihn hinein die losgebrochene Latte. Er ging rund um den Busch herum. Der Busch erfüllte alle auf ihn gesetzten Erwartungen – die Latte war unsichtbar geworden.

Befriedigt nickte der Geheimrat und ging auf die Suche nach Attila. Es war nicht des Geheimrates Art, ein Loch in einen Zaun zu machen und es nun den Gänsen zu überlassen, daß sie eines Tages, und wahrscheinlich gerade im falschen Augenblick, dieses Loch finden würden – dies war die Stunde! Sozusagen waren die Gänse in dieser Minute der Tropfen, der den Becher in des Rittmeisters Galle zum Überlaufen bringen mußte – jetzt ging also der Geheimrat auf die Suche nach Attila!

Er fand die Gänse – anderthalb Dutzend an der Zahl – auf der Wiese beim Schwanenteich, wo sie mißvergnügt an dem sauren Parkgras herumbissen. Sie begrüßten ihn mit mißbilligendem, aufgeregtem Gezeter. Sie verdrehten ihre Hälse, sie legten ihre Köpfe auf die Seite, sie schielten von unten himmelblaugiftig nach ihm und zischten böse. Aber der Geheimrat kannte seine Gänse, wenn sie ihn auch nicht erkannten. Diese böse zischenden Damen waren vorübergehende Erscheinungen; Gottes Stellvertreter hier auf Erden, in diesem Falle Frau Geheimrat von Teschow, überlieferte sie alljährlich dem Schlachtmesser der Mamsell, bis auf drei, vier Zuchttiere. Sie hatten keine Ruhestatt dahier, flüchtige Gäste waren sie nur auf des Geheimrats Parkwiesen, kaum erwachsen, wandelte sich ihr junges Fleisch in Spickbrust und Pökelkeulen.

Bleibend, Geschlechter und Geschlechter überdauernd, war nur Attila, der Zuchtganter, ein schwerer Gänserich von einundzwanzig Pfund. Stolz und überlegen hielt er sich für der Schöpfung Nabel, biß die Kinder, flatterte zornig den Briefträgern in die Räder, sie zu Fall bringend, haßte die neuerdings immer länger aus den Röcken reichenden Frauenbeine, die er blutrünstig zwackte. Strenger Herrscher in seinem Harem, völliger König und Autokrat, vertrug er Widerspruch gar nicht, war der Schmeichelei unzugänglich, gehorchte niemandem und hatte nur einen weichen Platz in seinem Gänseherzen – für den Herrn Geheimrat Horst-Heinz von Teschow.

Zwei gleichgestimmte Seelen hatten sich erkannt und liebten einander!

Abseits von dem unvernünftigen Weibervolk wandelnd, wahrscheinlich irgendwelchen Betrachtungen über gänsische Probleme hingegeben, hatte er die Ankunft des guten Freundes nicht beachtet. Nun aufmerksam geworden, sah er einen Augenblick mit seinen blaß vergißmeinnichtblauen Augen zu der spektakelnden Schar hinüber. Er erkannte den Anlaß des Spektakels, und mit weit ausgebreiteten Flügeln flatterte er knatternd auf den Geheimrat zu.

Attila! rief der. Attila!

Die Gänse schnatterten aufgeregt. Der Ganter eilte näher in nicht zu hemmender Eile ... von seinen starken Flügelschlägen getroffen flogen und taumelten die bestürzten Frauen zur Seite – und an die Beine des Geheimrats geschmiegt, den Hals gegen seinen Bauch gelegt, mit dem Kopf sanft gegen den Fettball klopfend, schnatterte der Ganter leise und zärtlich vieles, mit jedem Ton bedingungslose Liebe des Freundes zum Freunde bekundend.

Schief die Köpfe, langsam wellenförmig die Hälse schlängelnd, stand das Volk der Gänse rundum.

Attila! sprach der Geheimrat und kraulte ihm den Kopf dort, wo sich Gänse ihn nie kraulen können, direkt über dem Schnabelansatz. Sanft drückte mit einem leichten, wie einschlafenden Schnattern der Ganter den Schnabel gegen den sacht wogenden Bauch. Dann, als die kraulenden Finger lässiger wurden, schob er mit einer plötzlichen, geschickten Bewegung den Kopf zwischen Weste und Hemd und blieb so ruhend, völlig selig, des höchsten Erdenglückes wieder einmal teilhaftig geworden.

Eine Zeitlang mußte der Geheimrat dem Freunde schon solch friedvolles Verweilen zugestehen. Er stand auf der Parkwiese, von Sommerschatten und Sommersonne getüpfelt, seine Zigarre langsam weiterschmauchend, ein bärtiger, rotbackiger Greis in ziemlich durchschwitztem Loden, und Geschöpf dieser Erde, gewährte er willig dem Mitgeschöpf Frieden an seinem Bauche.

Attila! sagte er von Zeit zu Zeit behaglich. Attel!

Und unter der Weste hervor klang ein friedvolles Zischen zur Antwort. Die Liebe seines Ganters zu enttäuschen, wäre ihm frevelhaft erschienen, über die Liebe zu Verwandten dachte er – anders!

Schließlich aber löste er sanft den Freund vom Freunde. Noch einmal kraulte er den Schnabelflaum, dann sprach er auffordernd Attila! und ging dem Ganter voran, der unverzüglich, leise und zufrieden mit sich schnatternd, ihm folgte. Wie es in den Büchern steht und auf den Bildern für Kinder zu sehen ist, folgten im Gänsemarsch sämtliche Gänse. Erst die alten Legegänse, dann die groß gewordenen Gössel der Frühjahrsbrut, der jämmerliche Rückständer hinterdrein.

So wanderten sie dahin durch den sommerlichen Park; für einen ahnungslosen Beschauer wäre es ein erheiternder Anblick gewesen, eine Kennerin freilich wie die Geflügelbacks hätte schlimmer Ahnungen voll den Kopf geschüttelt. Leider war die Backs in diesem Augenblick grade damit beschäftigt, den schon verspäteten Herrn von Studmann auf der Dorf Straße mit ihrem Protest aufzuhalten: ihr Wunsch sei es nicht gewesen, aus der Küche abgelöst zu werden. Sie schaffe auch das noch neben ihrem Geflügel, und sie hätte sich gerne das Geld dazu verdient, sie brauche Geld. Aber Herr Geheimrat habe ja gesagt ...

Also die Backs sah nichts, und im Park war um diese Stunde sonst auch keiner: auf dem Lande ist nur ab Dunkelwerden ein Park ein besuchterer Ort. So erreichte der Zug ungesehen, unbemerkt die Zaunlücke. Der Geheimrat trat zur Seite, und Attila stand vor dem Zaunloch ...

Schöne Wicken, Attila, saftige Wicken, und mich jedenfalls kosten sie nischt, sprach der Geheimrat überredend. Attila legte den Kopf zur Seite und sah seinen Freund prüfend an. Er schien nahe Zärtlichkeiten ungewissem und fernem Futter vorziehen zu wollen. Rasch bückte sich der Geheimrat und fuhr mit dem Arm erklärend durch das Loch. Sieh doch, Attila, hier kannste durch –!

Der Ganter fuhr zu und faßte zärtlich, aber fest ein Haarbündel aus dem rötlich gelbgrauen Backenbart.

Willst du mal, Attila! sagte der Geheimrat böse und versuchte sich aufzurichten. Es ging nicht, Attila hielt fest. Ein einundzwanzigpfündiger Ganter kann sehr fest halten, zumal mit seinem Schnabel, zumal Haare. Der Geheimrat stand ungeschickt tief gebückt, genau gesagt war sein Kopf tiefer als das Ende seines Rückens. Dies ist eine Haltung, die auch jüngeren Männern auf die Dauer unbequem wird. Wie denn erst einem etwas zu vollblütigen Alten, der Anlage für Schlaganfälle hat. Leise und zärtlich schnatterte der Ganter, vermutlich durch die Nase, denn die Backenbarthaare ließ er darum nicht los.

Attila! flehte der Geheimrat.

Die weiblichen Gänse fingen an, seinen geneigten Leib und sein Hinterteil zu untersuchen.

Dies ist unerträglich! stöhnte der Geheimrat, dem schwarz vor Augen wurde. Mit einem Ruck richtete er sich auf. Taumelig und schwindlig stand er da. Die Backe brannte wie Feuer. Mit leisem Vorwurf schnatterte Attila, der Busch Barthaare klebte noch an seinem Schnabel.

Verdammtes Vieh! knurrte der Geheimrat und schob mit einem Ruck den Ganter durch das Zaunloch. Der Gänserich schnatterte lauten Protest, doch schon folgten ihm seine Frauen, Was ihn, der durch den Zaun nur den Freund sah, die Liebe nicht erblicken ließ, merkten seine Frauen sofort: die langentbehrte Weite der Felder. Sie breiteten, aufgeregt und immer lauter schnatternd, ihre Flügel aus, wehten hinein in die hinter den Arbeiterhäusern sich erstreckenden Leutekartoffeln, eine weiße, aufgeregte, lärmende Wolke –

Attila sah seine Frauen weit voraus. Er wußte Weg und Atzung. Der Freund war vergessen – wie darf eine Gans einem Ganter vorausfliegen?! Er breitete die Flügel aus – flatternd und schnatternd eilte er den Seinen nach, überholte sie und setzte sich an ihre Spitze. Hinter den Arbeiterhäusern vorbei, den Feldern, den weiten, fruchttragenden Feldern zu ging ihr Eilmarsch. Denn sie eilten sich. Sie wußten, sie waren auf verbotenen Wegen.

Sie wußten, kaum wurden sie bemerkt, eilten die verhaßten Menschen mit Stöcken und Peitschen herzu, sie auf das saure Gras des Parks zurückzujagen. Leiser waren sie darum nicht, aber eiliger ...

Einen Augenblick noch sah der Geheimrat den weißen Vögeln nach, sie wurden kleiner. Er rieb sich die Backe. Hoffentlich lohnt es die Barthaare, überlegte er. Aber jedenfalls wird es das beste sein, wenn ich die nächsten Stunden nicht erreichbar bin. Passiert den Gänsen was, steht Belinde auch allein ihren Mann.

Er ging rasch durch den Park, auf der andern Seite hinaus, über Feldraine dem Waldrand zu. Der Wind stand ihm entgegen. Darum hörte er die Schüsse nicht. Aufatmend tauchte er in den Schatten seiner Bäume.

+++

Der junge Pagel ist nun mit seinen Maurern schon bei den Querbalken des Kreuzes. Jetzt ist auch auf größere Entfernung nicht mehr zu verkennen, was dies werden soll. Darum wird auch nicht mehr gelacht, darum werden die Köpfe nicht mehr zusammengesteckt, darum wird nicht mehr zu den Schloßfenstern hinübergeschielt.

Die sitzen doch da und linsen, sagt der Maurer Tiede. Und wenn wir hinschielen, ist's ganz verkehrt.

Also wird nicht hingeschielt, sondern rein sachlich gearbeitet.

Aber so ist es auch verkehrt, die alte Gnädige fliegt am ganzen Leib ob der ihr angetanen Kränkung. Mädchen und Mamsell laufen wie die Hühner im Schloß umher und suchen umschichtig den Diener Elias und den Herrn Geheimrat ...

Aber wenn man die Männer braucht, sind sie sicher nie da! krächzt Jutta von Kuckhoff.

Mit dem Heiligsten treiben sie heute ihren Spott, stöhnt die alte Frau. Aber merke es dir, Jutta, dieser junge Mensch wird auch im Zuchthaus enden.

Was eine Schweinsborste werden will, ist in der Jugend keine Flaumfeder, bestätigt die Kuckhoff und gießt ihrer Freundin ein Glas Portwein ein.

Zwei Flintenschüsse klingen aus der Ferne herüber. Aber in dem allgemeinen Trubel achtet niemand auf sie. – Herr von Studmann hat die Schüsse näher gehört, ganz nahe. Er hat sich von der Amanda schließlich frei gemacht, er hat ihr versprochen, noch einmal mit dem Geheimrat zu reden. Nun geht er langsam, um nicht wieder in Schweiß zu geraten, durch die sommerliche Nachmittagshitze der Villa zu.

Er fährt zusammen, als er in nächster Nähe die Schüsse knallen hört. Was für ein Idiot schießt hier direkt bei den Häusern! denkt er in plötzlichem Zorn.

Die schnatternd und spektakelnd über den Weg flüchtenden Gänse bringt er zuerst nicht mit den Schüssen in Verbindung. Dann sieht er eine Nachzüglerin, wehmütig klagend, mit hängendem, wohl gebrochenem Flügel. Dann sieht er drei, vier, fünf weiße Flecke auf dem grünen Feld. Einer dieser Flecke bewegt noch krampfhaft Füße und Kopf, und wird still.

Aber das sind doch zahme Gänse, keine Wildgänse! denkt Studmann verwundert, der noch lange nicht alle Neuloher Zusammenhänge kennt.

Jetzt erblickt er den Rittmeister in einem Parterrefenster der Villa, die Flinte in der Hand. Der Rittmeister ist schneeweiß im Gesicht, er zittert am ganzen Leibe vor Aufregung. Er sieht den Freund starr an, als erkennte er ihn nicht. Dann schreit er viel zu laut: Bestelle meinem Schwiegervater einen Gruß – und da hätt er Gänsebraten von mir!

Der Rittmeister schreit's, sieht Studmann noch einmal starr an, mit zitternden Lippen, und ehe Studmann noch antworten kann, hat er das Fenster zugeworfen.

Unglück, Unheil, Mißgeschick! fühlt Studmann, ohne noch alles zu verstehen.

Er rennt die paar Stufen zum Eingang hinauf, er vergißt das Klingeln, aber das macht nichts, die Tür ist offen. Auf der kleinen Diele stehen Frau von Prackwitz, Violet von Prackwitz, der alte Diener Elias ...

Ach, wenn Unglück einen Mann befallen soll, kommt es unaufhaltsam; kein Kindermädchen Studmann, keine geduldige Frau Eva können es aufhalten! Wäre die gnädige Frau am Kaffeetisch sitzen geblieben, sie hätte durch das offene Fenster das schnatternde Herannahen der feindlichen, der gefürchteten Gänse gehört. Sie hätte die jähzornigen schlimmen Schüsse verhindern können ... Aber da brachte der Diener Elias die Botschaft, das gnädige Fräulein möge zur gnädigen Frau auf das Schloß kommen – man durfte den Rittmeister nicht reizen, und man mußte vertraulich mit Elias sprechen ... Man trat auf die Diele hinaus – keine zwei Minuten vergingen, und es fielen die verhängnisvollen Schüsse!

Weinend eilte die gnädige Frau auf Herrn von Studmann zu. Der große Kummer hat alle Schranken zerbrochen, sie faßt seine Hände, verzweifelt sagt sie: Ach, Studmann, nun ist alles entzwei – nun hat er geschossen!

Die Gänse? fragt Herr von Studmann und sieht die ernsten, bestürzten Gesichter reihum an.

Mamas Zuchtgänse! Papas Lieblingsganter Attila! Eben ist er gestorben ...

Aber es sind doch nur Gänse! Es wird sich einrenken lassen ... Schadenersatz ...

Das verzeihen ihm meine Eltern nie! weint sie. Und zornig: Und es war auch häßlich von ihm! Es war ihm gar nicht um das bißchen Wicken! Er wollte meine Eltern verletzen ...

Oberleutnant von Studmann sieht sich fragend um, aber die ernsten Gesichter des alten Dieners, des jungen Mädchens sagen ihm: hier ist mehr zerschossen als eine Gänsebrust!

Die Treppe aus dem Kellergeschoß kommt sachte auf Gummisohlen der Diener Hubert Räder herauf. Er stellt sich neben die Treppe, in achtsamer Haltung; sein graues, faltiges Gesicht sieht teilnahmslos, doch dienstbereit aus. Keinen Blick wirft er auf die weinende Frau oder aus dem Fenster auf die Opfer des Mordes. Aber er ist da; falls er gebraucht werden sollte, ist er bereit und da.

Was soll ich nur tun?! Oh, was soll ich nur tun?! weint Frau von Prackwitz. Was ich auch tue, ihnen ist es nicht recht, und ihm ist es auch nicht recht ...

Aus seiner Stube fährt wie der Teufel aus der Springschachtel der Rittmeister. Nun ist sein Gesicht nicht mehr weiß, sondern rotfleckig, wodurch der Übergang aus wortlosem Grimm zu schimpfseligem Zorn deutlich wird.

Hab dich bloß nicht so! schreit er seine Frau an. Wegen ein paar lächerlicher Gänse plärrst du vor der ganzen Dienerschaft. Ich ...

Ich bitte dich dringend, ruft Studmann erzürnt, deine Frau nicht anzuschreien! Als Lehrer gibt er einen Lehrsatz hinten nach: Man schreit seine Frau nicht an.

Das ist ja reizend! sagt der Rittmeister empört und sieht sich protestierend in der Runde um. Habe ich nicht hundertmal darum gebeten, gefleht, protestiert: macht euern Zaun dicht, haltet die Gänse in Verwahrung, laßt sie nicht auf meine Wicken! Habe ich nicht dreihundertmal gewarnt: es passiert was, wenn ich sie noch mal in den Wicken sehe?! Und wo nun etwas passiert ist, weint meine Frau, als ginge die Welt unter, und mein Freund schreit mich an! Es ist wirklich ganz reizend!

Und der Rittmeister warf sich empört in einen Dielensessel, daß es krachte. Mit langen, zitternden Fingern zog er an den Bügelfalten seiner Hose herum.

Ach, Achim! klagte seine Frau. Du hast uns die Pachtung zerschossen! Das verzeiht dir Papa nie!

Gleich fuhr der Rittmeister wieder heraus aus seinem Sessel. Er hatte eine Erleuchtung: Glaubst du etwa, daß die Gänse zufällig in die Wicken gegangen sind, nach all dem, was heute geschehen ist –?! Nein, die sind dort hingebracht worden. Man hat mich reizen und herausfordern wollen. Gut – habe ich also geschossen!

Aber Achim, das kannst du doch nie beweisen!

Wenn ich im Recht bin, brauche ich das nicht zu beweisen ...

Der Schwächere hat immer Unrecht ... fing Studmann weise an ...

Das wollen wir einmal sehen, ob ich der Schwächere bin! schrie der Rittmeister, durch den weisen Satz frisch erzürnt. Ich lasse mich nicht verhöhnen! Elias, gehen Sie sofort in die Wicken, nehmen Sie die toten Gänse, bringen Sie sie meiner Schwiegermutter, bestellen Sie ihr von mir ...

Herr Rittmeister, sagte der alte Diener, ich war hier mit einem Auftrag meiner gnädigen Frau. Halten zu Gnaden, Herr Rittmeister, ich bin im Schloß beschäftigt ...

Sie werden tun, was ich sage, Elias! sprach der Rittmeister mit starker Stimme. Sie nehmen die toten Gänse und sagen meiner Schwiegermutter ...

Ich werde es nicht tun, Herr Rittmeister. Ich könnte es auch gar nicht, wenn ich es selbst wollte. Fünf oder sechs Gänse sind zuviel für mich alten Mann. Der Attel wiegt allein einen viertel Zentner.

Der Hubert soll Ihnen helfen! Hubert, Sie nehmen also die toten Gänse ...

Guten Tag, gnädige Frau. Guten Tag, Herr Rittmeister. Der Diener Elias ging.

Trottel! – Und bestellen meiner Schwiegermutter einen schönen Gruß von mir, aber wer nicht hören will, muß fühlen.

Einen schönen Gruß vom Herrn Rittmeister, aber wer nicht hören will, muß fühlen, wiederholte der Diener Räder, die fischigen Augen ausdruckslos auf seinen Herrn geheftet.

Richtig! sprach der Rittmeister sanfter. Nehmen Sie sich meinethalben eine Karre, holen Sie sich einen Mann vom Hof zur Hilfe ...

Jawohl, Herr Rittmeister. Hubert ging zur Tür.

Hubert!

Der Diener blieb stehen. Er heftete den Blick auf seine Herrin: Bitte, gnädige Frau?

Sie werden nicht gehen, Hubert. Ich werde selbst gehen. Bitte, Herr von Studmann, begleiten Sie mich ... Es gibt eine schreckliche Auseinandersetzung, aber wir wollen retten, was zu retten ist.

Selbstverständlich, gnädige Frau, sagte Herr von Studmann.

Und ich?! schrie der Rittmeister. Und ich –?! Ich werde überhaupt nicht mehr gebraucht?! Ich bin gänzlich überflüssig?! – Hubert, Sie gehen auf der Stelle mit den Gänsen los, oder Sie sind entlassen.

Jawohl, Herr Rittmeister! sagte der Diener Hubert gehorsam, sah aber seine Herrin an.

Gehen Sie jetzt, Hubert, oder ich schmeiße Sie raus! schrie der Rittmeister in einem neuen Anfall von Wut.

Tun Sie, wie der Herr Rittmeister sagt, Hubert, sagte die gnädige Frau. Kommen Sie, Herr von Studmann, wir müssen möglichst noch vor Elias bei meinen Eltern sein.

Auch sie ging eilig. Herr von Studmann warf einen Blick auf die beiden Gestalten in der Diele, zuckte hilflos mit den Schultern und folgte Frau Eva von Prackwitz.

Papa! fragte Weio, die gespannt darauf gewartet hatte, daß ihre Mutter sie zum erstenmal seit zwei Wochen vergessen würde. Darf ich ein bißchen raus und baden gehen?

Na, Weio –! sagte der Rittmeister. Die beiden haben sich aber wichtig, was? Wegen ein paar Gänsen! Ich will dir sagen, wie es kommt. Die reden einen halben Tag und eine halbe Nacht, und dann bleibt alles so, wie es ist.

Ja, Papa, sagte Weio. Und darf ich baden gehen?

Du weißt, daß du Stubenarrest hast, Weio, erklärte der konsequente Vater. Ich kann dir nicht erlauben, was deine Mutter verboten hat. Aber meinetwegen komm mit, ich gehe ein bißchen in den Wald.

Jawohl, Papa, sagte die Tochter und ärgerte sich maßlos, daß sie gefragt hatte. Denn der Vater hätte sie bestimmt auch vergessen.

8

Was die Verhandlungen im Schloß so sehr erschwerte, das waren die ermordeten Gänse. Nicht die Tatsache, daß sie standrechtlich wegen Felddiebstahls erschossen worden waren – diese Nachricht hatte der alte Elias natürlich ganz ungewöhnlich, ganz unwürdig eilend noch vor der gnädigen Frau in das Schloß getragen, die war also bekannt. Nein, die Leichname der Ermordeten selbst, ihre entflohenen Seelen, ihre Gespenster geisterten immer von neuem durch die tränenreichen Verhandlungen.

Da saßen sie oben zu viert in dem Zimmer der gnädigen Frau, das so angenehm sommerlich grün verhangen war von hohen Lindenkronen. Das helle Klingling der Maurerhämmer war verhallt, die Tür war zugemauert, und das Kreuz nach einer von Herrn von Studmann im Vorübergehen hastig geflüsterten Weisung rot übermalt worden. Der alte Geheimrat trieb sich noch immer in seinen Kieferkuscheln herum und wußte gottlob von nichts, so daß man Zeit hatte, die alte gnädige Frau zu beruhigen und versöhnlich zu stimmen ...

Und Frau von Teschow saß jetzt auch schon gefaßter in ihrem großen Armsessel und führte nur noch selten ihr Tüchlein an die alten, so leicht und mühelos weinenden Augen. Das Fräulein Jutta von Kuckhoff sprach ab und an ein gesalzenes oder ungesalzenes Sprichwort, lieber aber ein gesalzenes. Der Herr von Studmann saß mit einem sehr geziemenden, verbindlichen und ein wenig betrübten Gesicht dabei und warf dann und wann ein kluges Wort ein, sanft wie Wundbalsam –

Und Frau Eva von Prackwitz hockte vor ihrer Mutter, zu ihren Füßen, auf einer Art Schemelchen, und hatte schon so durch die Wahl ihres Sitzplatzes klug angedeutet, wie völlig sie sich ihrer Mutter unterordnete. Sie bewies, daß sie das Hauptstück aus jedem Ehekatechismus in- und auswendig wußte, daß es meistens nämlich die Ehefrauen sind, die für die Sünden, Laster und Dummheiten ihrer Ehemänner zu büßen haben. Nicht einen Augenblick vergaß sie den Satz, den sie Herrn von Studmann beim Fortgehen aus der Villa gesagt hatte, daß sie nämlich retten wollte, was noch zu retten war. Und ohne Wimperzucken ließ sie sich von ihrer Mutter nicht nur Dinge sagen, die einer Frau nicht so viel ausmachen wie nämlich über den Gänsemord, das Backsteinkreuz, die Zuchthäusler oder den Rittmeister. Sondern auch Dinge, die eine Frau nicht einmal von ihrer Mutter ertragen mag: also über die Erziehung der Violet, ihren Verbrauch an seidener Unterwäsche, ihre verschwenderische Neigung für Hummer (Aber Mama, es sind ja bloß japanische Taschenkrebse!), über ihren Lippenstift, über ihre Neigung zum Starkwerden und ihre viel zu tiefen Blusenausschnitte ...

Gewiß, Mama, ich werde mehr darauf achten. Du hast sicher recht, sagte Frau von Prackwitz gehorsam.

Sie war eine Heldin, Herr von Studmann gab es sich unumwunden zu. Sie zuckte nicht und sie zögerte nicht. Sicher fand sie des Siegers Joch nicht leicht, aber davon ließ sie sich nichts anmerken. Doch für wen, fragte sich der aufmerksam dabei sitzende Herr von Studmann, für wen ertrug sie diese bitteren Demütigungen? Für einen Mann, der es nie verstehen würde, der heute abend, wenn alles glücklich wieder eingerenkt wäre, triumphierend behaupten würde: Na also, habe ich es dir nicht gleich gesagt?! Geplärr wegen gar nichts! Das wußte ich doch, aber du mußt dich immer anstellen und kannst nie auf mich hören.

Es war erschrecklich, wie rasch eine lange Kameradschaft aus Friedens- und Kriegsjahren sich in diesen Zeiten, unter diesen Verhältnissen auflöste! Herr von Prackwitz war sicher nie ein besonders glänzender, ein sehr befähigter Offizier gewesen. Das hatte Herr von Studmann auch nie geglaubt. Aber er war ein zuverlässiger Kamerad gewesen, ein mutiger Mann und ein angenehmer Gesellschafter. Und was war davon geblieben –? Er war nicht zuverlässig – er schickte seine Beamten gegen Felddiebe aus, aber wenn die Diebe gefaßt waren, drückte er sich in ein Gebüsch. Er war nicht mehr Kamerad – er war nur noch Vorgesetzter, und ein ungerecht nörgelnder Vorgesetzter dazu. Er war nicht mehr mutig, lieber ließ er seine Frau allein zu einer unangenehmen Auseinandersetzung gehen. Er war keine angenehme Gesellschaft mehr – er sprach nur noch von sich, von den Kränkungen, die er erlitt, von den Sorgen, die er hatte, von dem Geld, das ihm knapp war.

Und während Herr von Studmann bei sich diese Betrachtungen anstellte, während er sich zugab, daß alle diese schlimmen Eigenschaften des Rittmeisters von Prackwitz in der Wurzel schon früher bei ihm vorhanden gewesen waren, daß die Ungunst der Zeiten sie nur so üppig in den Halm hatte schießen lassen – während all dem hatte Herr von Studmann ein anderes Bild vor Augen. Da saß diese Frau des Rittmeisters, und wo der Mann feige war, war sie mutig. Wo er nur an sich dachte, blieb sie Kamerad. Oben saß die alte Frau, ein dürrer, trockener kleiner Vogel mit einem spitzen Schnabel, mit dem sie hacken konnte, und unten saß die junge, blühende Frau. Ja, sie war noch jung, sie blühte, das Land wollte ihr wohl, sie war reif wie goldfarbener Weizen, ein Reiz lag über ihr – sie war reif! Als die alte Frau von den tiefen Blusenausschnitten gesprochen hatte, war es dem Oberleutnant doch geschehen, daß er einen raschen Blick auf die sanft atmende Bastseide geworfen und den Blick gesenkt hatte, wie ein erwischter Unterprimaner –!

Oh, Herr von Studmann sah nur Vorzüge an dieser Frau – je verzerrter, je fehlerhafter er des Rittmeisters ehemals freundschaftliche Figur sah, um so fehlerloser sah er die Frau. Theoretisch gab er zu, daß sie eine Frau, ein Mensch war, und also fehlerhaft wie alles Menschliche – ja, sie mußte auch ihre Schattenseiten haben. Aber er hätte seinen ganzen Kopf durchsuchen können, er hätte nichts an ihr auszusetzen gefunden –! Für ihn war sie fehlerlos geworden, ein Bote des Himmels – aber an wen? An einen Narren! An einen Wirrkopf!

Wie sie alles nicht nur schweigend ertrug, nein, noch dazu lächelte, noch darauf antwortete, versuchte, aus der Bußpredigt der Mutter einen Dialog zu machen, ein Gespräch, den alten Haufen Gift aufzumuntern! Ach, sie tut es ja gar nicht für ihren Mann, dachte Herr von Studmann plötzlich. Sie tut es nur für ihr Kind! Über ihren Mann kann sie gar nicht anders als ich denken, sie hat ja eben erst auf der Diele gesehen, wie er ist! Mit ihrem Mann kann sie überhaupt nichts mehr verbinden. Es ist nur noch die Tochter, Violet ... Und natürlich möchte sie sich das Gut erhalten, auf dem sie groß geworden ist ...

Von der Verurteilung des Freundes bis zu seinem Verrat war nur ein Schritt. Aber es muß Herrn von Studmann zugute gehalten werden, daß er nicht klar über diese Dinge nachdachte. Der Lehrer wäre über den Abgrund im eigenen Herzen erschrocken. Herr von Studmann dachte nicht, er sah nur. Er sah diese blühende Frau, ein wenig tiefer sitzend als er, wie das Haar über dem Nacken hochgebunden war, wie der Nacken sich straffte, sich beugte. Die schönen weißen Schultern, die unter der Bastseide der Bluse verschwanden. Sie bewegte einen Fuß, und die Fessel im Seidenstrumpf war schön. Sie hob die Hand, leise klimperten die Armbänder, und der Arm war voll und makellos weiß – es war die Eva, die alte, ewig junge Eva.

Sie hatte seine Fähigkeit, nachzudenken, zu zergliedern, sich Rechenschaft abzulegen, gelähmt. Herr von Studmann war über fünfunddreißig Jahre alt, er hatte nicht mehr geglaubt, daß er dieses noch einmal erleben würde, in solcher Frische, mit solcher Gewalt. Ja, er wußte noch nicht einmal, daß er dies erlebte. Er saß untadelig dabei, sein Auge verriet nichts, sein Wort blieb bedacht und maßvoll – aber es saß in ihm!

Wenn nur diese verfluchten Gänseleichen nicht gewesen wären! Immer von neuem geistern die Gespenster der Erschlagenen in die sich langsam beruhigende Unterhaltung hinein, machen die Tränen der alten Frau neu fließen! Immer von neuem klopfen der Diener Elias, die Mamsell, die Geflügelbacks an: der Diener von der Villa sei da mit den toten Gänsen – wohin sie damit sollten? Immer von neuem macht Hubert Räder einen Ansturm aufs Schloß, so oft er auch zurückgewiesen wird. Immer an einer andern Stelle macht der undurchschaubare Intrigant aus der Bedientenstube einen weiteren Versuch, die Leichen zu übergeben – und trägt neuen Zündstoff herbei.

Auf einen flehenden Blick von Frau Eva entschließt sich Herr von Studmann. Er verläßt das Zimmer seiner Bezauberung, und über die Schwelle geschritten, aus Sicht der Frau, ist er wieder der kühle, überlegte Geschäftsmann, mit allen Dienstbotenschlichen aus mehrjähriger Hotelpraxis vertraut.

Er findet das Souterrain des Schlosses in einer Art Verteidigungszustand. Nachdem der Diener Räder bereits bei jedem der dort Beschäftigten vergeblich versucht hat, die Ermordeten abzugeben, unternimmt er es anscheinend, sich ihrer heimlich zu entledigen, sie auf Fensterbrettern, vor Kellertüren niederzulegen. Nur vereitelt die Wachsamkeit der Einwohner jeden derartigen Versuch. Aber hartnäckig wie ein Maultier, völlig unbegreiflich umrundet Hubert Räder, gefolgt von einem Tagelöhner, der die Karre mit den Opfern schiebt, von neuem das Schloß, grau, fischig, kalt späht er nach einem offenen Fenster, erwägt die Möglichkeiten des Hühnerstalles ...

Diesem Unfug macht Herr von Studmann ein Ende. Er schickt die Schloßbediensteten an ihre Arbeit und kauft sich den Knaben Räder. Aber Herr Räder ist unbegreiflich kühl und abweisend. Er scheint Herrn von Studmann nicht für voll anzusehen. Er habe von Herrn Rittmeister den strikten Auftrag, die Gänse hier im Schloß abzugeben – bei Verlust seiner Stellung! Und auch die gnädige Frau habe diesen Auftrag bestätigt!

Umsonst versichert Herr von Studmann, daß er eben von der gnädigen Frau mit dem Befehl komme, sofort mit den Gänsen zu verschwinden. Hubert Räder ist nicht geneigt, dies als eine Löschung des rittmeisterlichen Auftrages anzusehen. Wo er übrigens mit den Gänsen hin solle? In die Villa? Herr Rittmeister würde ihn auf der Stelle hinausfeuern.

Herr von Studmann müßte eigentlich den Diener Räder für einen sehr getreuen Diener ansehen, er findet ihn aber nur ekelhaft widerborstig. Herr von Studmann möchte wieder hinauf in das große grün-goldene Zimmer. Er muß wissen, was dort verhandelt wird – und hier steht er nun schon fünf Minuten und redet auf diesen Esel ein!

Schließlich befiehlt er Abmarsch bis zum Beamtenhaus; der Tagelöhner folgt, mit der Karre quietschend. Aus dem Souterrain des Schlosses starren alle Gesichter der Prozession nach, protestierend folgt der Diener Räder – Herr von Studmann fühlt, daß er eine etwas lächerliche Figur ist.

Auf dem Büro ergreift Studmann das Telefon –: Ich werde jetzt mit Herrn Rittmeister sprechen, sagt er milder. Sie sollen keine Angst um Ihre Stellung haben müssen!

Er dreht an der Kurbel. Kühl bis ans Herz hinan steht der Diener Räder dabei. In der Villa meldet sich niemand. Herr von Studmann dreht die Kurbel des Telefons eifriger, er kann nicht umhin, wütende Blicke auf den Diener Räder zu werfen. Aber an den sind sie verloren, der Diener Räder beobachtet das Spiel der Fliegen um den geleimten Fliegenfänger. Als sich schließlich doch jemand in der Villa meldet, ist es die Köchin Armgard, die mitteilt, daß der Rittmeister mit dem gnädigen Fräulein aufs Feld gegangen sei. Der Diener Räder sieht aus, als habe er dies Ergebnis erwartet.

Also bringen Sie die Gänse in die Villa, Herr Räder, sagt Herr von Studmann milde. Sie können sie irgendwo in den Keller legen. Ich regle die Sache mit Herrn Rittmeister – Sie brauchen keine Angst zu haben!

Ich soll die Gänse im Schloß abgeben, sonst fliege ich, erklärt Hubert Räder unbeugsam.

Also lassen Sie die Gänse meinethalben hier im Büro! ruft Herr von Studmann ärgerlich. Weg müssen die Biester, und sollte ich sie noch einmal umbringen müssen!

Verzeihung, widerspricht der Diener Räder höflich, aber ich soll die Gänse im Schloß abgeben.

Zum Donnerwetter! ruft Herr von Studmann ärgerlich ob solcher Widerborstigkeit.

Zum Donnerwetter! brüllt vor der Bürotür eine gewaltigere, schimpfgeübtere Stimme los. Was ist hier mit meinen Gänsen?! Was ist mit meinen Gänsen auf deiner Schubkarre?! Wer hat mir meine Gänse umgebracht –!?

Herr von Studmann läßt den Diener stehen, wo er steht und ist mit drei Sätzen aus dem Büro. Draußen steht der alte Geheimrat von Teschow, scharlachrot vor Wut. Er brüllt wie ein angeschossener Löwe, er schwingt seinen Knüppel, er bedroht den Gutsmaurer Tiede, der mit machtlos verhallenden Sprüchen ausweicht.

Ich bitte, Herr Geheimrat, sagt Herr von Studmann mit all jener mühsam erlernten Ruhe, die ihn auch der hysterischsten Hotelbesucherin gegenüber nicht verlassen hatte. Der Mann hat mit den Gänsen gar nichts zu tun. Ich werde ...

Haben Sie meine Gänse totgeschlagen? Meinen Attila?! Ich werde Sie lehren, mein Söhnchen! Auf der Stelle machen Sie, daß Sie von meinem Hof herunterkommen! – Lassen Sie meinen Stock los, Herr –!

Der Stock war in gefährlicher Nähe von Studmanns Gesicht gewesen. Herr von Studmann aber war nicht zurückgewichen, mit raschem Griff hatte er den Stock gefaßt und hielt ihn eisern fest.

Ich bitte, Herr Geheimrat, bat er, während der andere nun schon blau werdend an dem Stock zerrte, hier vor den Leuten –!

Die Leute sind mir scheißegal! röchelte der Alte. Haben Sie sich vor den Leuten geniert, mir meine Gänse totzuschlagen?! Aber ich sage Ihnen, nicht eine Stunde mehr dulde ich Sie auf diesem Hof –! Kommt aus Berlin, denkt, er ist wer weiß wie klug, schwatzt wie 'n Linksanwalt ...

Ach, der alte Geheimrat! Er war ja so froh, daß er diesem Studmann die mehrfach erlittenen Niederlagen heimzahlen konnte! Daß er ihn im Feuer eines halb gespielten Zornes beschimpfen durfte! Er war ja viel zu schlau, wirklich zu glauben, Herr von Studmann hätte seine Gänse erschlagen. Aber er konnte doch so tun, als glaubte er es, um volle Schimpffreiheit zu haben –!

Herr von Studmann aber, der lange nicht alle Zusammenhänge dieses Gänsemassakers kannte, hielt dem alten Herrn wohl einen gewaltigen Zorn zugute, fühlte dabei aber, daß nicht alles an diesem Zorn echt war. Er ließ plötzlich den Stock los und sagte mit aller Bestimmtheit, was der alte Herr ja doch erfahren mußte: Sie irren sich, Herr Geheimrat. Ihr Schwiegersohn hat auf die Gänse geschossen. Es sollte nur ein Schreckschuß sein, leider aber ...

Sie lügen! schrie der alte Herr noch zorniger. Das lügen Sie in Ihren Hals hinein –!

Ich nehme jedenfalls an, es sollte ein Schreckschuß sein ... sagte Herr von Studmann blaß werdend.

Mein Schwiegersohn –?! Sie lügen ja! Ich bin eben mit meinem Schwiegersohn eine halbe Stunde in der Forst zusammen gewesen, und mein Schwiegersohn hat mir kein Wort von den Gänsen gesagt! Wollen Sie behaupten, mein Schwiegersohn lügt, mein Schwiegersohn ist feige –! Nein, Sie lügen, Sie sind feige –!

Herr von Studmann, schneeweiß im Gesicht, hatte wirklich die allergrößte Lust, hier auf der Stelle kehrtzumachen, seine Koffer zu packen und in geruhigere Gefilde abzureisen – etwa nach Berlin. Oder dem alten Herrn so gefährlich auf die Zehen zu treten, daß er auf der Stelle umkippte. Da stand der Maurer Tiede und war mit offenem Mund und kreisförmigen Naslöchern das Lauschen in Person; auf dem Büro der Diener Räder war nicht sichtbar, hörte aber bestimmt alles. Und ganz dicht, gleich hinter den nächsten Büschen, war das Schloß, und fraglos war auch dies gut mit Ohren gefüllt. Der tobende Greis wurde immer beleidigender, aber Herr von Studmann hatte das untrügliche Gefühl, daß dieser Greis nur tobte, um beleidigen zu können, daß er die Wahrheit kannte.

Wirklich, Herr von Studmann hatte alle Neigung, seine Fähigkeiten einem fruchtbareren Acker zuzuwenden – trug er doch sogar einen Brief mit einem derartigen Angebot seit zwei Tagen in der Tasche! Und die Nachricht, daß der Rittmeister seinem Schwiegervater nichts von dieser neuesten Heldentat berichtet hatte, trug nicht dazu bei, seine Neigung zum Weggang zu verringern. (Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß der alte Herr in diesem Punkt die Wahrheit gesagt hatte: er hatte den Schwiegersohn wirklich im Wald getroffen, und der Rittmeister hatte kein Wort gesagt.)

Wenn also Herr von Studmann doch nicht zum Kofferpacken auf sein Zimmer im Beamtenhaus ging, wenn er statt dessen kurzerhand von den toten Gänsen und dem tobenden Greis fort auf das Schloß zuging, so bestimmte ihn dazu nicht die Freundestreue, auch nicht die Erinnerung an die schöne, hilflose Frau dort oben. Auch nicht Pflichtgefühl. Sondern allein die jedem rechten Mann angeborene Widerbockigkeit: er fühlte, der Alte wollte ihn weggraulen, für immer und ewig. Darum blieb er. Er ging, wenn es ihm paßte; nicht, wann der wollte. Nun grade nicht! (spricht jeder Mann).

Herr! schrie der alte Geheimrat, was wollen Sie da? Was wollen Sie in meinem Park? Ich verbiete Ihnen meinen Park ...!

Herr von Studmann ging wortlos weiter. Jetzt war Herr von Teschow im Nachteil. Sollten seine Bannflüche den Verbrecher erreichen, mußte er ihm nacheilen. Im Laufen schimpfte es sich für einen an sich schon kurzatmigen Mann schlecht. Zwischen den einzelnen Atemstößen schrie der Geheimrat: Ich verbiete Ihnen – meinen Park – Sie haben mein Haus nicht zu betreten! – Elias, du läßt ihn nicht rein! – Es ist Hausfriedensbruch! – Laß ihn nicht die Treppe rauf!

Klapp! fiel oben die Tür zum Zimmer seiner Frau zu.

Seinem Elias winkend flüsterte der alte Herr fast ganz normal: Was will er denn da?

Die junge gnädige Frau ist oben, flüsterte Elias zurück.

Hausfriedensbruch! brüllte der Geheimrat noch einmal. Es war der Kanonenschuß, der den Rückzug decken sollte. Schon lange? flüsterte er gleich wieder.

Über zwei Stunden.

Und Frau von Teschow?

Gott, gnädiger Herr, sie weinen ja wohl alle beide ...

Verdammt! flüsterte der Alte.

Papa! rief es von oben sacht zu ihm hinunter, willst du nicht zu uns heraufkommen?

Denke nicht daran! schrie er. Muß meinen Attila begraben! Gänsemörder, verdammte!

Tripptrapptreppe! Ihre Schuhe kamen so rasch die Treppe hinab, als sei sie noch immer siebzehn, als lebe sie noch in seinem Haus, in jener fernen, glücklichen Zeit ...

Papa! sagte sie und faßte ihn unter den Arm. Ich brauche doch deine Hilfe.

Helfe keinen Mördern! Und aufwallend: Der Kerl soll raus aus dem Haus, ich tue keinen Schritt, solange der Kerl noch oben ist!

Also, Papa, komm!

Schon setzte er den ersten Fuß auf die Treppe.

Du weißt ganz genau, daß Herr von Studmann der anständigste und hilfsbereiteste Mann ist. Vor mir mußt du dich nicht verstellen!

Es klang etwas anderes in diesen letzten Worten mit, ein fremder, trauriger Ton.

Der alte Herr sagte: Man sollte nicht alt werden, Evachen. Und wütend über die Schulter: Elias, wenn Herr von Prackwitz, mein sogenannter Schwiegersohn, kommt, sagst du ihm, ich sei nicht für ihn zu sprechen! Er soll sich gefälligst eine andere Pacht suchen – und das heute noch! Leise zu seiner Tochter: Evachen, du denkst, du kannst mit mir machen, was du willst. Aber nur, wenn der Herr Schwiegersohn aus Neulohe wegkommt, verstanden –?!

Wir werden alles in Ruhe bereden, Papa, sagte Frau Eva.

Jawoll, bereden möchste mich, Evchen, knurrte der Alte und drückte ihren Arm.

9

Also: der Geheimrat von Teschow hatte in diesem Punkt wirklich die Wahrheit gesagt: er hatte seinen Schwiegersohn in der Forst getroffen, und wenn die beiden auch keine halbe Stunde miteinander geredet hatten, so hatten sie sich doch ganz freundlich guten Tag gesagt. Zwei Fünftel der dann folgenden Unterhaltung hatten dem Rehwild gegolten, und drei Fünftel dem Mädchen Violet, das der Großvater so lange nicht gesehen hatte. So war keine Zeit für den Bericht des Gänsemassakers übriggeblieben – auch dieser Punkt der Teschowschen Behauptungen war richtig gewesen.

Wenn Herr von Studmann aber grade wegen dieses Verschweigens seinen ehemaligen Freund Prackwitz noch niedriger eingeschätzt und sogar bei sich Feigling gescholten hatte, so war er damit kaum im Recht. Feige war der Rittmeister nicht, aber launisch – das war er! Launisch wie ein Backfisch, der die Kinderschuhe auszieht, launisch wie eine junge Frau, die ihr erstes Kind erwartet, launisch wie eine Primadonna, die nie eins gehabt hat und nie eins kriegen wird, launisch also wie nur eine Frau war der Herr Rittmeister. Feige aber war er nicht!

Es wäre ihm gar nicht darauf angekommen, seinem Schwiegervater auf der Stelle alles von den Gänsen zu erzählen und mit ihm in den heftigsten Streit zu geraten, ohne jede Rücksichtnahme auf alle möglichen Folgen, wenn er in der Laune zu streiten gewesen wäre. Aber nachdem er am Vormittag und an einem guten Teil des Nachmittags seiner Streitlaune gefrönt hatte, war er nun in der Friedenslaune.

Der Rittmeister hatte sich tagsüber verausgabt, mit den beiden Schüssen war aus der Flinte auch sein Zornesmut hinausgeflogen. Der Rittmeister sah den schwitzenden, lodengekleideten Greis an, die Stirn des alten Mannes war mit Schweißtropfen bedeckt – ›Was du wissen mußt, wird dich noch heißer machen!‹ dachte der Rittmeister und sagte seinem Schwiegervater höflich zu, mit Eva darüber zu sprechen, ob der Stubenarrest insoweit gemildert werden könne, um Besuche Weios bei den Großeltern zu erlauben.

Mächtig spack und blaß siehste aus, Weiochen, sagte der Großvater. Na, komm, Kindting, gib deinem ollen Opa 'nen Kuß – Na, nicht so stürmisch, erst will ich mich mal ein bißchen trocken legen.

Und der Greis zog ein ungeheures Taschentuch aus der Hose, bunt mit den Insignien des Heiligen Hubertus bedruckt.

Indigniert sah der Rittmeister hin und dann weg. Wenn er etwas empörend fand, so war es, daß dieser kommune Greis mit bedruckten Baumwolltaschentüchern einmal seine Tochter küssen durfte, zum andern ihn durch einen elenden Vertrag zwicken und zwacken konnte. Der Rittmeister sah in die Fichten, zwischen deren Zapfen in der Sonne Vögel ab und zu flatterten, und nach einer Weile fragte er trocken: Wenn wir uns verabschieden dürften –?

Jewiß doch, Verehrtester! krähte der Alte fröhlich, der sich über die Gefühle seines Schwiegersohnes nicht im geringsten unklar war, aus dessen ›Feinheitsfimmel‹ er schon manches reine Vergnügen gesogen hatte. Na, denn noch mal ran, Weiochen, an die großväterliche Brust! Und er rief mit dem versoffenen Stimmklang eines Berliner Wursthändlers: Warm sind se noch! Dick sind se ooch ...

Also bitte, Weio!! befahl der Rittmeister scharf. (Man konnte nicht fünf Minuten mit dem Alten zusammen sein, ohne sich über ihn zu ärgern!)

Geh zu, Weiochen! krähte der Alte. Ich bin für deinen Vater wieder mal nicht fein genug! Komisch bloß, daß ihm mein Gut fein genug ist!

Und nach diesem Kernschuß trabte der Alte ab, nicht ohne vergnügt in sich hineinzumeckern.

Schweigend ging der Rittmeister eine Weile neben seiner Tochter her – er ärgerte sich also doch wieder, und er wollte sich doch nicht ärgern, er vertrug Ärger nicht! Gewaltsam verbannte er jeden Gedanken an den Schwiegervater aus dem Kopf, dachte an einen Horchwagen, den er sich brennend gerne gekauft hätte, den er sich in diesem Herbst nach dem ersten Dreschen unbedingt hatte kaufen wollen – und auf den freilich der rechnende Studmann heute früh jede Aussicht zerstört hatte. Und warum – bloß weil dieses alte Ekel ihn mit einem betrügerischen Vertrag hereingelegt hatte!

Dein Großvater muß mich doch auch immer ärgern, Violet! beklagte er sich.

Ach, Großpapa meint es doch nicht so, Papa! tröstete ihn Weio. Und aus ihren Gedanken heraus: Du, Papa, was ich dich fragen wollte ...

Und ob er es so meint! Der meint noch viel mehr, als er sagt! Der Rittmeister köpfte mit seinem Stock das Kraut am Wegrand. – Na, was wolltest du denn fragen?

Die Irma hat mir doch geschrieben, Papa, log Violet kühn. Denke dir, die Gustel Gallwitz will heiraten!

So? fragte der Rittmeister uninteressiert, denn die Gallwitzens saßen im Pommerschen und waren mit den Prackwitzens weder verwandt noch verschwägert. Wen denn?

Ach, ich weiß nicht. Irgend jemand – du kennst ihn doch nicht, einen Leutnant. Aber was ich fragen wollte, Papa ...

Von der Reichswehr?

Ich weiß nicht. Ja, ich glaube. Aber, Papa ...

Dann muß er was haben, oder die Gallwitzens geben ihr was mit ... Von den paar Kröten, die er als Leutnant bezieht, können sie sicher nicht existieren.

Aber Papa! rief Weio verzweifelt, da sie ihren Vater ständig auf falscher Fährte sah. Das meine ich doch gar nicht! Ich will doch was ganz anderes fragen! Die Gustel ist doch nicht älter als ich –!

Na – und? fragte der Rittmeister verständnislos.

Aber Papa! rief Weio. (Sie wußte sehr gut, daß sie mit ihrer Mutter dies Gespräch nicht hätte führen dürfen, die hätte gleich Lunte gerochen. Aber der gute Papa merkte ja nie etwas.) Die Gustel ist doch erst fünfzehn! Darf man denn mit fünfzehn Jahren schon heiraten –?

Nee! erklärte der Rittmeister mit Entschiedenheit. Ganz ausgeschlossen! Das ist ja Verführung Min – Er biß sich auf die Lippen. Nein, sagte er. Das ist nicht zulässig. Das steht sogar im Strafgesetzbuch.

Was steht im Strafgesetzbuch, Papa –? rief Weio erschrocken.

Daß solche Küken wie du noch nichts von solchen Sachen wissen dürfen! bremste der Rittmeister mit etwas gespielter Munterkeit. Grade noch zur rechten Zeit war ihm eingefallen, daß Frau Eva sehr unzufrieden über dieses väterliche Gespräch mit Violet gewesen wäre, daß sie sogar den Verdacht hatte, Violet sei nicht mehr ganz so ahnungslos, wie ihre Eltern glaubten. Für alle Fälle setzte er darum mit finsterer Miene hinzu: Und Kerls, die sich mit fünfzehnjährigen Mädels einlassen, sind Lumpen und kommen ins Gefängnis – das steht im Strafgesetzbuch.

Aber der Mann braucht es doch nicht zu wissen, daß sie erst fünfzehn Jahre ist! rief Violet aufgeregt.

Der Rittmeister blieb stehen und sah seine Tochter an. Wer sich mit einem Mädchen einläßt und weiß nicht einmal, wie alt sie ist, der ist schon darum ein Lump. Solche Kerle verteidigt man nicht, Violet. Na, komm.

Sie gingen weiter. Der Rittmeister dachte schon wieder an seinen Schwiegervater und den Horchwagen – es mußte zu machen sein. Alle Bekannten hatten einen Wagen, er allein ...

Aber Papa, fing Violet vorsichtig neu an, er will doch die Gustel heiraten! Es muß doch also gehen mit der Heirat, auch wenn sie erst fünfzehn ist ...

Na schön, wenn's geht, dann geht es – seine Sorge! rief der Rittmeister ärgerlich. Ich glaube, man kann da ein Gesuch machen beim Innenminister, was weiß ich! Ich würde es jedenfalls meiner Tochter nicht erlauben!

Ich will ja auch gar nicht, Papa! lachte Weio. Denkst du, ich will –? Gott, Papa, ich bin so froh, daß ich mit dir durch den Wald laufen kann. Alle andern Männer finde ich eklig, bloß dich nicht! Sie hing sich in seinen Arm und schmiegte sich an ihn, und er, er hätte nicht der Rittmeister Joachim von Prackwitz sein müssen, um ihr nicht auf den Leim zu gehen.

Na, Weiochen, daß du noch keine Männer im Kopf hast, das habe ich der Mama schon zehnmal gesagt! rief er vergnügt und drückte ihren Arm kräftig.

Aua, Papa, du tust mir ja weh! – Aber weißt du, Papa, das mit der Gustel interessiert mich doch brennend. Wenn die Irene es schreibt, muß es doch stimmen. Erklär mir alles davon, Papa, alles über die Gesetze, und was sie tun müssen ...

Na, was denn noch, Weiochen? Ihr Weiber seid doch alle gleich, wenn von Heiraten die Rede ist, werdet ihr neugierig wie die Ziegen.

Pfui, Ziegen, Papa! Ich bin keine Ziege! – Aber wenn der Innenminister Ja sagt, dann muß der Vater doch auch Ja sagen?

Wieso denn? fragte der Rittmeister, dem die Zusammenhänge dieser verdammten pommerschen Heirat immer unklarer wurden. Der Vater muß doch erst den Innenminister um Heiratserlaubnis bitten!

Der Vater? Nicht die Gustel –?

Aber die ist doch erst fünfzehn, Kind, die ist doch noch nicht mündig!

Und wenn er nun ein Gesuch an den Innenminister macht, der Leutnant, meine ich!

Ohne die Erlaubnis vom alten Gallwitz kann die Gustel nie heiraten! Wundert mich überhaupt, daß er die gegeben hat!

Nie, Papa –?

Na, jedenfalls nicht vor ihrem einundzwanzigsten Jahr!

Warum denn nicht eher? Viele heiraten doch schon mit siebzehn und achtzehn, Papa!

Himmel Herrgott, Weio, du machst mich ja rein verrückt! – Die haben eben die Erlaubnis von Ihrem Vater!

Und ohne die –

Und ohne die, schrie der Rittmeister, heiratet überhaupt kein anständiges Mädchen, verstanden, Weio?!

Aber natürlich, Papa! sagte Weio unschuldsblau. Ich frage dich doch bloß, weil du alles weißt, und keiner kann mir alles so gut erklären wie du. Nicht einmal die Mama.

Wahrhaftig, Weio, sagte der Rittmeister, aber schon halb besänftigt, du fragst heute der Kuh das Kalb ab.

Weil ich doch alles wegen der Gustel wissen möchte! Die Irene schreibt nämlich, der alte Gallwitz ist gar nicht so recht einverstanden, aber der Leutnant will durchaus und die Gustel auch – und sie wollen unter allen Umständen heiraten. Es muß doch also gehen, Papa!

Jawohl, Weio, sprach der Vater. Wenn sie ein schlechtes, unfolgsames Mädchen ist, dann reißt sie mit ihm aus, und sie fahren nach England. Da ist ein Schmied, und der Schmied darf sie trauen, und dann sind sie verheiratet. Aber es ist eine Lumpenheirat – und kein solches Mädchen darf wieder in ihr Elternhaus, und der Leutnant muß seinen Rock ausziehen und darf nie wieder Offizier sein ...

Aber sie sind richtig verheiratet, Papa –? fragte Weio süß.

Jawoll, richtig verheiratet! schrie der Rittmeister kirschrot. Aber ohne ihrer Eltern Segen! (Der Rittmeister ging nie in die Kirche.) Und der Eltern Segen baut den Kindern ein Haus auf, aber des Vaters Fluch reißt es nieder, oder wie es in der Bibel heißt. (Seit seiner Konfirmationszeit hatte der Rittmeister nie wieder in die Bibel gesehen.) Und ich verbiete dir, Weio, diesen beiden albernen Gänsen, die dich auf so dumme Gedanken bringen, je wieder zu schreiben! Und den Brief gibst du mir sofort heraus, wenn wir nach Haus kommen!

Jawohl, Papa! sagte Weio gehorsam. Den Brief habe ich aber schon zerrissen.

Das Schlaueste, was du tun konntest! knurrte der ahnungslose Vater.

Und nun gingen die beiden schweigend weiter durch den Wald. Der Rittmeister, der sich nun doch wieder geärgert hatte, versuchte zuerst vergeblich, an seinen Horch zu denken. Es kam immer ein störender Gedanke dazwischen. Erst, als er sich intensiver mit der Inneneinrichtung beschäftigte und an die ernste Frage herantrat, Polsterung oder Leder, und welche Farbe – erst da gelang es ihm, wieder ruhig zu werden und behaglich einherzugehen durch den schönen sommerlichen Wald, an der Seite seiner gottlob nun endlich verstummten, manchmal doch recht weiblichen Tochter.

Und ebenso behaglich ging Violet neben ihrem Vater her, denn sie wußte nun endlich, was sie schon lange wissen wollte. Daß es eben doch eine Möglichkeit gab, ihren Leutnant zu heiraten. Und was der Vater sonst noch gesagt hatte, von dem Fluch der Eltern und dem Ausziehen der Uniform, das wog vor diesem neuen herrlichen Wissen federleicht. Wenn sie wirklich daran dachte, so dachte sie nur, daß sie ihren Vater noch immer herumgekriegt hatte, und warum denn nicht nach einer Heirat –?! Und ihr Fritz war so geschickt, der konnte eigentlich alles werden und brauchte kein Leutnant zu sein, und da sie als einziges Kind doch einmal alles hier erben würde, wie sie sehr wohl wußte, so konnte er ebensogut gleich hier wirtschaften und dem Papa helfen, statt immer auf einem Rad durchs Land zu fahren!

So ging es dem Mädchen in Kopf und Herzen durcheinander, aber sie merkte es gar nicht. Sondern die ganze Zukunft erschien ihr wie ein mit Maienreisern besteckter Spiegel, in dem sie nur ihr eigenes strahlendes Gesicht sah. Wenn aber heute schon zum zweitenmal das Wort Lump an ihr Ohr schlug, so kümmerte sie das auch nicht und machte sie kein bißchen nachdenklich. Sondern hier konnte man mit einem Wort aus Jutta von Kuckhoffs Sprichwörterschatz sagen, daß die Liebe auch einen Besenstiel grün macht: Da er aus Liebe zu ihr ein Lump geworden war, verzieh sie ihm stracks kraft ihrer Liebe sein Lumpentum. Ja, sie bewunderte ihn gar noch wegen seines Heldenmutes, daß er um ihretwillen weder Strafgesetzbuch noch Gefängnis gescheut hatte.

Aber all dies bewegte sich nur unscharf und ohne feste Gestalt in ihr, was sie wach träumend deutlicher sah, das war die heimliche Flucht zu Lande und zu Wasser in das ferne Reich England. Plötzlich freute sie sich, daß sie bei der Mama Englisch weiter getrieben hatte, denn nun konnte sie sich mit den Leuten drüben verständigen. Und sie freute sich, daß kein Krieg mehr war, denn sonst hätte sie sich ja nicht in England mit ihm trauen lassen können!

Und nun kam gleich der trauende Schmied, daß es gerade ein Schmied war! Und sie sah die kleine Schmiede, ganz wie die Gutsschmiede hier in Neulohe, und vor der Tür waren unter einem kleinen Dach die Pferde angebunden, die beschlagen werden sollten. Und rechts von der Tür lehnten die großen Wagenräder, auf die Reifen zu binden waren, und gerade durch die Tür sah man das offene Schmiedefeuer, das unter dem fauchenden Blasebalg rot erglühte – und nun trat der Schmied aus der Tür, groß und dunkel, mit einem Lederschurzfell, und über dem Amboß wurden Violet von Prackwitz und der Leutnant Fritz getraut!

Ach, dieser unselige Schmied von Gretna Green – daß es auch gerade ein Schmied sein mußte! Wäre es ein Schornsteinfeger oder ein Schneidermeister gewesen, nie hätte er in den Köpfen von zwei Generationen soviel Unheil anrichten können, letzte Hoffnung aller verzweifelten blutjungen Liebenden!

Aber ein Schmied – in der bürokratischen Papierwelt erschien er allen denen, die ihre Papiere nicht zusammenkriegen konnten, wie ein Recke der Vorzeit, Eisen und Blut, Fleisch und Hammersang, der nach göttlichem Recht, traute, nicht nach papiernem.

Er hat so viele Köpfe verdreht, dieser sportelnfette Ehemacher – warum sollte er nicht auch noch der Weio den Kopf verdrehen? Sie sah die Schmiede und sie sah den Schmied, er konnte trauen und er traute, und nun gab es keine Heimlichkeiten mehr und kein verzweifelndes Warten. Kein Stubenarrest, kein schamloser Diener Räder und kein frecher Herr Pagel – es gab nur noch den Fritz, morgens, mittags, abends, tags wie nachts, alltags wie sonntags ...

Und diese Träume waren so schön, und sie verstrickten die Weio so sehr, und sie spann sich darin ein wie in ein warmes, beschützendes Netz, daß sie gar nicht mehr an Weg und Vater dachte, sondern ganz selbstvergessen, leise vor sich hinsummend einherging. Bei der Tochter war es der Leutnant, bei dem Vater war es der Horchwagen, sie träumten alle beide, ihrem Lebensalter angemessen –

Und so bekamen sie alle beide den gleichen Schreck, als ein Mann aus einem Busch heraustrat, ein Mann in einer ziemlich abgerissenen feldgrauen Montur, aber mit einem Stahlhelm auf dem Kopf, einem Gewehr unter dem Arm, und am Gürtel nicht nur eine Pistolentasche, sondern auch ein halbes Dutzend Handgranaten.

Dieser Mann befahl sehr entschieden: Stehenbleiben!

Nach dem ärgerlichen Zusammentreffen mit dem Geheimrat hatte den Rittmeister sein Wunsch nach Einsamkeit unversehens immer tiefer in die Forst geführt; längst hatten Vater und Tochter die halbwegs begangenen Schneisen verlassen, und auf einer Art Pirschpfad waren sie in einen verlassenen Waldteil geraten, der nur ›Der schwarze Grund‹ hieß. Hier, an den äußersten Grenzen des Teschowschen Waldreviers, sah es düster und verwildert aus. Selten nur kamen die Forstarbeiter hierher, um aufzuräumen und durchzulichten. Das sonst fast handflache Land warf hier Wellen und Buckel, zwischen denen dunkle Tälchen saßen, in deren Kessel Quellen versickerten, grade kraftvoll genug, auch einen trockenen Sommer zu überdauern und einen Morast zu bilden, in dem das Schwarzwild sein fast unzugängliches Standlager hatte. Die Fichten und Tannen ragten hoch und dunkel, weithin bildeten die Brombeeren undurchdringliche Dickichte – nicht einmal für Wilderer war hier etwas zu holen, der Schwarze Grund war zu dicht.

Und mitten in dieser tiefen Waldesverlassenheit stand nun ein schwer bewaffneter Mann und sprach ganz ohne jeden Rechtsgrund zu dem Schwiegersohn des Besitzers: Stehenbleiben! Und sprach es auch noch unhöflich.

Violet von Prackwitz hatte im ersten Schreck einen kleinen Schrei ausgestoßen. Aber nun stand sie ruhig, doch tief atmend da – irgend etwas sagte ihr, daß dieser Soldat mit ihrem Leutnant zu tun haben müßte, daß sie ihn nach so langer Trennung vielleicht sogar zu sehen bekommen würde ...

Der Herr Rittmeister aber, der im ersten Schrecken bloß: Nanu! gesagt hatte, war über dieses ›Stehenbleiben‹ in der Forst, wo er eigentlich der Erste für solche Befehle gewesen wäre, gar nicht so ärgerlich, wie man denken sollte. Denn der Mann, der ihm diesen unhöflichen Befehl gab, trug eine Uniform, und der Rittmeister trug keine Uniform. Und wenn der Rittmeister von der Richtigkeit eines Satzes durchdrungen war, so von dem, daß eine Uniform jedem Zivilisten befehlen kann. Diesen Satz hatte er mit der Muttermilch eingesogen, sein ganzes Offiziersleben hindurch wahr befunden – und so stand er denn auch sofort still, sah den Posten an und wartete, was nun geschehen würde. (Auch das wortlose Warten gehörte dazu. Echte Zivilisten hätten natürlich neugierig gefragt, ein altgedienter Mann hält die Schnauze und wartet.)

Und richtig, als der Mann sah, daß seine beiden Leute keine Miene zu Widerstand und Ausreißen machten, setzte er eine kleine Pfeife an seinen Mund und trillerte – nicht zu laut und nicht zu leise.

Dann setzte er seine Pfeife wieder ab und sagte ganz freundlich: Der Herr Leutnant wird gleich kommen.

Wäre der Rittmeister nicht so außerordentlich von diesen lang entbehrten militärischen Vorgängen gefesselt gewesen, so hätte ihm seine Tochter ein wenig wunderlich erscheinen müssen. Nun wurde sie rot, nun wurde sie blaß, nun faßte sie nach seinem Arm, nun ließ sie ihn wieder los, nun schluckte sie, jetzt lachte sie beinahe ...

Aber der Rittmeister achtete auf nichts Derartiges, er freute sich, wie sich nur ein verabschiedeter Offizier freuen kann, daß er nach all dem zivilen Ärger in eine militärische Übung hineingeraten war. Er sah den Posten wohlwollend an, und der Posten sah wieder die rot-blasse Weio wohlwollend an.

Nun rauschte es in den Büschen – nicht umsonst war getrillert worden, es klappte alles – und hervor trat der Herr Leutnant, ein magerer Hecht mit einem trockenen Kopf und scharfen, kalten Augen, einige fliegende, rötliche Haare am Kinn. Weio sah ihn mit immer größer, immer strahlender werdenden Augen an, denn es war ja nun wirklich und wahrhaftig und endlich der Leutnant, ihr Leutnant!

Aber der Leutnant sah Violet nicht an, er sah auch den Rittmeister nicht an, sondern er trat zu dem Posten.

Der Posten meldete: Zwei Zivilisten, Herr Leutnant!

Der Leutnant nickte, und als bemerke er erst jetzt die beiden, richtete er seinen scharfen, klaren Blick auf sie.

Schade, daß Fritz nicht auch einen Stahlhelm auf hat! Ich hätte ihn gar zu gerne einmal im Stahlhelm gesehen! schoß es Violet durch den Kopf.

Aber der Leutnant sah nur unter seiner Feldmütze hervor die beiden überlegend an. Er schien Weio nicht zu kennen, er schien auch von dem Rittmeister nichts zu wissen, er fragte kühl: Wer sind Sie?

Leben kam in den Rittmeister, er stellte sich vor, und er berichtete militärisch kurz, daß er als Schwiegersohn des Besitzers auf einem Spaziergang durch diese seine Waldungen – kurz hocherfreut, eine militärische Übung – zweifelsohne Reichswehr ...

Danke! sagte der Leutnant kurz. Und: Wollen Sie bitte denselben Weg, den Sie gekommen sind, ohne Aufenthalt zurückgehen! Und wollen Sie bitte unbedingtes Stillschweigen über dieses Zusammentreffen bewahren?! Strengste Geheimhaltung liegt im Staatsinteresse! Er schwieg und sah den Rittmeister ernst an. Er setzte hinzu: Ich bitte, dies auch der jungen Dame begreiflich zu machen!

Weio sah ihren Fritz vorwurfsvoll-flehend an. Sie sollte ihn verraten können, sie, die allen Erpressungsversuchen ihrer Mutter erfolgreich widerstanden hatte! Nein, es war nicht nett von Fritz! Daß er sie vor dem Vater nicht erkannte, war richtig, obwohl auch dies Nichterkennen durch ein rasches Augenzwinkern nicht beeinträchtigt worden wäre. Aber daß er so tat, als könnte sie schwatzen, sie, die so treu zu ihm hielt, nein, das war nicht nett von ihm!

Und auch der Rittmeister war von soviel sachlicher Strenge nicht angenehm berührt. Dieser junge Dachs von Leutnant hatte unrecht, ihn wie einen völligen Zivilisten zu behandeln. Er hätte den alten Offizier, den Kameraden auch unter dem zivilen Sakko wittern müssen! Glaubte dieser junge Fant etwa, einem erfahrenen Offizier Sand in die Augen streuen zu können –?! In der ersten Überraschung, hier im tiefsten Winkel der Forst Militär zu finden, hatte der Rittmeister es übersehen können ... Dieser Fant sprach von Staatsinteressen, aber der Rittmeister erkannte an den zusammengestoppelten, recht abgerissenen Uniformstücken, am Fehlen aller Abzeichen, daß es sich hier nicht um Reichswehr handelt, sondern höchstens um das, was man Schwarze Reichswehr nannte, die kaum die Interessen heutiger Regierung, jetzigen Staates vertrat.

Aber in den Ärger, so unkameradschaftlich behandelt, für so dumm gehalten zu werden, mischte sich bei dem Rittmeister die Neugierde, endlich einmal zu erfahren, was hier in der Gegend hinter seinem Rücken vorging. Er hatte schon in Berlin mit Herrn von Studmann über diese ungemütliche Unsicherheit gesprochen, über dieses ahnungsvolle Nichtwissen – hier war er an der Quelle, hier konnte er endlich erfahren, was sich vorbereitete, und danach seine eigenen Maßnahmen treffen!

Als darum der Leutnant mit neuer Strenge: Bitte sehr! wiederholte und unmißverständlich den Waldpfad hinunter deutete, sagte der Rittmeister rasch:

Wie gesagt, ich bin der Besitzer von Neulohe – der Pächter vielmehr. Ich habe einiges gehört – von gewissen Vorbereitungen. Ich bin – ähemm! nicht einflußlos. – Wenn ich um eine kurze Unterredung bitten dürfte –?

Er sah aufgeregt diesen jungen Mann an, der ihn unverwandt betrachtete. Als der Rittmeister aber etwas atemlos geendet hatte, fragte der Leutnant kurz und knapp: Zu welchem Zweck?

Nun, antwortete der Rittmeister eifrig, ich möchte mich orientieren, klar sehen, verstehen Sie. Man hat ja auch seine Entscheidungen zu treffen ... In meinem Betrieb arbeiten immerhin fünfzig Mann, zum größten Teil altgediente Leute ... Ich könnte unter Umständen eine wertvolle Hilfe –

Danke! unterbrach der Leutnant schneidend dies Gestammel. Unter allen Umständen verhandelt man derartige Dinge nicht vor jungen Damen! – Posten, Sie sehen, daß die Herrschaften sofort den Platz verlassen. – Guten Tag!

Und damit tauchte der Leutnant wieder in die Büsche, ferner raschelten die Zweige ...

Fritz! hätte Weio beinahe gerufen und sich an seine Brust geworfen. Oh, sie verstand so gut seine Kälte, sie hatte es alle diese Tage schon gefürchtet, als er nicht mehr kam und keine Nachricht von ihm: er hatte ihr die Scherereien mit ihrem törichten Liebesbrief nicht verziehen, er fürchtete, sie gefährde seine Sache; sie war für ihn ein dummes, schwatzhaftes kleines Mädchen, er hatte sie aufgegeben! Vielleicht tat auch ihm das Herz weh, aber er ließ sich nichts merken, er war stahlhart! Sie hatte es immer gewußt, er war ein Held! Aber sie würde ihm beweisen, daß sie seiner würdig war, nie würde jemand etwas von ihr erfahren, und eines Tages ...

Bitte sehr!! befahl der Posten fast drohend.

Also komm, Violet! mahnte der Rittmeister, aus seiner Erstarrung hochschreckend, und nahm den Arm der Tochter. Kind, du siehst ja ganz blaß aus, und eben warst du noch feuerrot. Du hast wohl einen ordentlichen Schrecken bekommen –?

Er war ein bißchen sehr grob, nicht wahr, Papa?

Gott, Weio, er ist eben Offizier und im Dienst! Wo kämen die hin, wenn sie allen Auskunft geben wollten?! Ich bin überzeugt, er macht seinen Vorgesetzten Meldung. Die erkundigen sich über mich, und einer von den Herren sucht mich dann auf ... So ist es eben beim Militär, alles muß exakt klappen ...

Aber er war doch richtig häßlich zu dir!

Ach, so ein junger Leutnant! Der schießt leicht mal übers Ziel hinaus. Weil er sich noch unsicher fühlt, wird er grob.

War es denn wirklich ein Leutnant? Er sah so – abgerissen aus.

Der Posten hat es doch gesagt! Es ist eben keine reguläre Truppe.

Und wie fandest du ihn?

Na ja, Weio, ich verstehe dich ja, du bist jetzt ärgerlich auf ihn, weil er ein bißchen grob war und gar nicht höflich zu einer Dame. Aber ich fand eigentlich, er machte einen ganz schneidigen Eindruck, nicht wahr? Sicher ein fähiger junger Offizier ...

Wirklich, Papa?! Hast du auch gesehen, was für schöne gepflegte Hände er hatte –?

Nein, Weio, darauf habe ich wirklich nicht geachtet. Aber bei mir hätte er nicht so unrasiert herumlaufen dürfen, wie gesagt, es ist eben keine reguläre Truppe!

Aber, Papa ...

Weio hätte gern dieses zärtliche Versteckspiel mit ihrem Vater, das ihr schweres Herz so erleichterte, bis nach Haus weitergespielt. Doch kam der Förster Kniebusch dazwischen. Aus zwei Wacholdern trat er heraus und grüßte Vater und Tochter.

Na, Kniebusch! fragte der Rittmeister erstaunt. Was machen Sie denn hier hinten? Ich dachte, in diese Revierecke hier kämen Sie nie.

Man muß eben überall mal nachsehen, Herr Rittmeister, sagte der Förster bedeutungsvoll. Man denkt, es passiert nichts, aber es passiert immer was.

Nanu?! fragte der Rittmeister und blieb erstaunt stehen. Waren Sie etwa auch dahinten?

Im Schwarzen Grund? Zu Befehl, Herr Rittmeister, meldete der Förster, den seine Wissenschaft wieder einmal brannte.

So, so, meinte der Rittmeister gleichgültig. Und haben Sie was Besonderes gesehen?

Jawohl, Herr Rittmeister, sagte der Förster, der wußte, daß eine gleich hergegebene Neuigkeit nichts wert ist. Den Herrn Rittmeister und Fräulein Tochter habe ich gesehen.

Im Schwarzen Grund?

So weit sind der Herr Rittmeister ja nicht gekommen!

Ach so, meinte Herr von Prackwitz sehr unzufrieden, daß ein anderer die ärgerliche Szene mit angesehen haben sollte, Sie haben wohl gesehen, wie wir angehalten wurden?

Jawohl, Herr Rittmeister, das habe ich gesehen.

Haben Sie auch gehört, was wir geredet haben?

Nein, Herr Rittmeister, dafür war ich zu weit ab. Nach einer kleinen Spannungspause: Ich war ja zwischen dem Posten und den andern Leuten.

So, es waren noch andere da? fragte der Rittmeister möglichst gleichgültig. Wie viele denn?

Dreißig Mann, Herr Rittmeister.

So, ich dachte, es wären mehr. – Vielleicht haben Sie nicht alle gesehen?

Ich war doch von Anfang da! Ich hatte das Auto gehört. Ich muß doch wissen, was in meinem Wald vorgeht, Herr Rittmeister! Ich habe mich doch gleich zu Anfang versteckt. Dreißig Mann, zusammen mit dem Leutnant Fritz!

Fritz heißt der Leutnant –? rief der Rittmeister erstaunt.

Na ja, sagte der Förster und wurde dunkelrot unter dem Blick des gnädigen Fräuleins. Seine Leute haben wenigstens so zu ihm gesagt, stotterte er verlegen. Ich hab das so verstanden.

Seine Leute haben ihn Fritz gerufen, Kniebusch –? fragte der Rittmeister ungläubig.

Nein, nein, beeilte sich der Förster. Die Leute haben Herr Leutnant gesagt, aber da war noch ein anderer da, vielleicht war das auch ein Leutnant, der hat Fritz gesagt ...

So ist das, meinte der Rittmeister beruhigt. Das wäre ja auch unerhört gewesen, wenn die Mannschaften ihren Offizier Fritz genannt hätten! So etwas gibt es auch bei einer irregulären Truppe nicht.

Nein, verbesserte sich der Förster, es ist wohl der andere Leutnant gewesen, so ein ganz dicker!

Na ja, sagte der Rittmeister. Und ein Auto hatten sie auch dabei?

Jawohl, Herr Rittmeister! Der Förster war froh, von dem gefährlichen Thema loszukommen – selbst unter Preisgabe seines Geheimnisses. Ein Lastauto, dicke voll geladen.

Haben Sie denn gesehen, mit was?

Jawohl, Herr Rittmeister. Der Förster sah sich nun doch um; als er aber nur lichten Hochwald sah, in dem kein Lauscherohr versteckt sein konnte, sagte er, doch sehr leise: Waffen, Herr Rittmeister! Gewehre, Munitionskisten, Handgranaten. – Zwei leichte Maschinengewehre, drei schwere ... sie graben alles ein ...

Der Rittmeister wußte alles, was er wissen wollte. Er richtete sich straffer auf, er blieb stehen.

Hören Sie, Förster Kniebusch! sprach er feierlich. Ich hoffe, Sie sind sich darüber klar, daß Sie sich mit Ihrer Wissenschaft um Kopf und Kragen reden können! Es liegt im Staatsinteresse, daß hierüber unverbrüchliches Stillschweigen gewahrt wird. Wenn die Schnüffel-Kommission davon erfährt –! Besser hätten Sie gar nichts gesehen! Sie sind viel zu neugierig, Förster Kniebusch. Sobald Sie sahen, es war Militär, wußten Sie doch, die Sache war in Ordnung – da hatten Sie sich gar nicht in den Büschen zu verstecken, verstanden?!

Jawohl, Herr Rittmeister! sagte der Förster kläglich.

Am besten vergessen Sie alles, Förster. Wenn Sie daran denken, müssen Sie sich sagen: das habe ich bloß geträumt. Das ist alles nicht wahr. Verstanden?

Jawohl, Herr Rittmeister!

Und noch eins, Kniebusch. – Solche staatspolitischen Dinge verhandelt man überhaupt nicht vor Damen – selbst wenn es die eigene Tochter ist! Merken Sie sich das für alle Zukunft!

Jawohl, Herr Rittmeister.

Der Rittmeister hatte sich gerächt, nach einem alten Satz hatte er den Tritt, den er bekommen hatte, weitergegeben, und so ging er zufrieden an der Seite seiner Tochter.

Und was macht Ihr Gefangener, der Bäumer? fragte er leutselig.

Ach, Herr Rittmeister, der Lump –!

Ein tiefer Seufzer entrang sich des Försters Brust. Es schien, daß Bäumer nun endlich zur Besinnung gekommen war, und sie gingen ja um mit ihm wie mit einer Zuckerpuppe. Nun hatten sie ihn in die Klinik nach Frankfurt geschafft, und nur noch ein paar Tage, so sollte der Förster ihm am Krankenbett gegenübergestellt werden ...

Und ich weiß schon, wie es dann kommen wird, Herr Rittmeister! Dann werde ich nicht erzählen dürfen, was er alles verbrochen hat. Sondern er wird lügen, daß ich ihn halb totgeschlagen habe! Wo ich doch den Stein im Wald zeigen kann, auf den er gefallen ist! Aber das wollen die Herren nicht hören! Der Oberlandjäger sagt, es ist schon ein Strafverfahren in Gang gegen mich, wegen Körperverletzung oder Mißbrauch der Amtsgewalt. – Und am Ende komme ich noch ins Gefängnis, wo ich doch schon siebzig bin, und der Wilddieb, der Bäumer ...

Ja, ja, Kniebusch, sagte der Rittmeister, sehr zufrieden, daß andere auch ihre Sorgen hatten. So ist eben die Welt heute, das verstehen Sie bloß nicht. Wir haben den ganzen Krieg durch gesiegt und sind nun die Besiegten. Und Sie sind Ihr ganzes Leben ehrlich gewesen und kommen jetzt ins Gefängnis. Das ist alles ganz in Ordnung – nehmen Sie mich zum Beispiel. Mein Schwiegervater ...

Und der Rittmeister sprach dem alten Förster den ganzen Rest des Weges weiter tröstlich zu.

10

Es wurde schon dunkel, als Herr von Prackwitz mit seiner Tochter aus dem Wald nach Haus kam. Trotzdem war die gnädige Frau noch immer nicht aus dem Schloß zurück. Weio stieg hinauf in ihr Zimmer, unten ging der Rittmeister unmutig auf und ab. Er war in der besten Laune aus dem Wald heimgekehrt, er hatte heimlichen militärischen Operationen zugeschaut, die auf den bereits vorbereiteten Sturz der jetzigen verhaßten Regierung schließen ließen, und wenn er auch unter allen Umständen Diskretion üben würde, so konnte er doch in Andeutungen Eva seine neue Wissenschaft ahnen lassen.

Und nun war keine Eva da! Statt dessen stand im Arbeitszimmer am Fenster die abgeschossene Flinte und erinnerte ihn an den albernen, ärgerlichen Zwischenfall. Seit fünf, seit sechs Stunden saß seine Frau wegen dieser Geschichte, bei der er sonnenklar in seinem Recht gewesen war, im Schloß, und der tüchtige Freund Studmann saß sicher mit! Es war lächerlich, es war kindisch, es war nicht auszuhalten! Der Rittmeister klingelte nach dem Diener Räder und erkundigte sich, ob seine Frau nichts wegen des Abendessens hinterlassen habe? Mit vorwurfsvollem, gereiztem Ton versicherte er, Hunger zu haben. Der Diener Räder meldete, die gnädige Frau habe keine Weisungen gegeben. Nach einer kurzen Pause fragte er dann, ob er für den Herrn Rittmeister und das gnädige Fräulein den Abendbrottisch decken solle?

Der Rittmeister beschloß, ein Märtyrer zu werden, und sagte, nein, er wolle warten. – Als der Diener aus der Tür ging, kam seinem Herrn doch noch die Frage über die Lippen, die er hatte hinunterschlucken wollen, ob die Gänse im Schloß abgegeben worden seien.

Räder drehte sich um, sah seinen Herrn ausdruckslos an und sagte: nein, der Herr Studmann habe es nicht leiden wollen. –

Damit ging der Diener.

Die Dunkelheit fiel rascher, in den Zimmern war es sehr grau – so grau kam dem Herrn von Prackwitz sein Leben vor. Er war im Wald gewesen, er hatte Interessantes erlebt, das hatte ihn fröhlich gemacht. Aber kaum heimgekommen, fiel alles Graue wieder über ihn her, es gab keine Rettung, es war wie ein zäher, erbarmungsloser Sumpf, der ihn jeden Tag tiefer einsog.

Der Rittmeister stützte den Kopf in die Hände, er hatte nicht einmal mehr Kraft für seinen raschen Zorn. Er sehnte sich nach einer andern Welt, in der einem nicht alles Schwierigkeiten bereitete, sogar Frau und Freund. Er wäre gern fortgewesen aus Neulohe. Wie alle schwachen Menschen klagte er ein imaginäres Schicksal an: warum muß mich das alles befallen?! Ich tue doch keinem Menschen etwas! Ich bin ein bißchen jähzornig, aber ich meine es nicht böse, ich bin immer gleich wieder gut. Ich stelle doch wahrhaftig keine großen Anforderungen, ich bin ganz bescheiden! Andere haben dicke Autos, fahren alle Wochen nach Berlin, haben Frauenzimmergeschichten! Ich bin anständig und stecke ewig in Verlegenheiten ...

Er stöhnte, er hatte starkes Mitleid mit sich. Er hatte auch sehr starken Hunger. Aber kein Mensch kümmerte sich um ihn. Allen war es egal, wie es ihm ging. Er konnte verrecken, da guckte kein Mensch danach, seine Frau schon gar nicht. Gesetzt den Fall, er schösse sich in seiner tiefen Verzweiflung eine Kugel durch den Kopf – ein etwas weicherer Mensch als er wäre in seiner Situation dazu imstande! Sie käme heim und fände ihn hier liegen! Sie würde ein schönes Gesicht machen; dann, wenn es zu spät war, würde es ihr leid tun. Zu spät würde sie einsehen, was sie an ihm gehabt hatte!

Die Vorstellung seines einsamen Todes, der Gedanke an seine verzweifelt trauernde Witwe erschütterte den Rittmeister, daß er aufstand, Licht machte und sich am Likörschrank einen Wodka einschenkte. Dann brannte er sich eine Zigarre an und löschte das Licht wieder. In einem Sessel hockend, die langen Beine von sich gestreckt, versuchte er noch einmal, sich sein Sterben auszumalen. Aber zu seiner Betrübnis mußte er feststellen, daß beim zweitenmal die Bilder lange nicht mehr so stark wirkten wie das erste Mal.

+++

Der Diener Räder, dieser aus unbegreiflichen Erwägungen heraus handelnde Mensch, dieser verschlagene Diplomat der Dienerstube, der ein ganz bestimmtes Ziel vor Augen hatte, das er mit tausend Ränken und Kniffen verfolgte – der Diener Räder stieg leise wieder in das Zimmer des gnädigen Fräuleins hinauf, nachdem er den Pfeil gegen Herrn von Studmann in das Herz seines Herrn abgeschossen hatte. Fräulein Violet saß am Tisch und schrieb eifrig.

Nun, was wollte Papa? fragte sie.

Der Herr Rittmeister wußte nicht, wie es mit dem Abendessen werden sollte.

Und wie wird es?

Herr Rittmeister wollen warten.

Wenn Mama noch im Schloß bliebe, könnte ich selber den Brief hinbringen ... zögerte Weio.

Wie gnädiges Fräulein wünschen, sagte der Diener Räder kühl.

Weio schloß den Brief sorgfältig, hielt ihn in der Hand und sah Räder prüfend an. Heute vormittag hatte sie noch vorgehabt, ihn einer kräftigen Tracht Prügel, vom jungen Pagel verabreicht, auszuliefern. Aber man löst sich nicht so leicht von einem Mitverschworenen und Mitwisser. Immer wieder stellt sich heraus, daß man ihn braucht. Weio war fest überzeugt, daß der Leutnant heute abend nach dem Vergraben der Waffen noch ins Dorf kommen würde. Er hatte sich vierzehn Tage nicht im Dorf sehen lassen, so lange war er noch nie abwesend gewesen. Anders als die andern hatte er keinen Stahlhelm aufgehabt, Beweis, daß er noch einen Weg vorhatte! Schon sicherheitshalber würde er in dem Baum nach Botschaft von ihr sehen, aber noch sicherer würde es sein, ihm den Brief persönlich auszuhändigen. Und sie konnte nicht weg, Räder war der beste Bote ... und Räder war jetzt auch gar nicht frech ...

Ach, die kleine, verlaufene, arme Weio! Sie hatte vergessen, daß sie ihrem Fritz geschworen hatte, nie wieder einen Brief zu schreiben. Sie hatte vergessen, daß sie Pagel geschworen hatte, die Sache sei zu Ende. Sie hatte vergessen, daß sie sich geschworen hatte, sich nie wieder mit dem stets unheimlicher werdenden Räder einzulassen! Sie hatte vergessen, daß sie ihren Vater und ihren Freund Fritz in Gefahr brachte, wenn sie in einem solchen Brief von den vergrabenen Waffen schrieb!

Ihr Herz hatte sie alles vergessen lassen, das Herz war ihr mit Sinn und Verstand durchgegangen, sie dachte nur daran, daß sie ihn liebte, daß sie sich vor ihm rechtfertigen mußte, sie dachte nur daran, daß sie ihn wiedersehen wollte um jeden Preis, daß er sie nicht so kalt beiseite lassen durfte, daß sie nicht mehr warten konnte, daß sie ihn brauchte!

Violet nimmt den Brief und reicht ihn dem Diener: Also Sie besorgen den gut, Hubert.

Räder hat keinen Blick von ihrem Gesicht gelassen, seine bleifarbenen, in den Winkeln fast violetten Lider tief über die Augen gesenkt, hat er das junge Mädchen beobachtet. Nun nimmt er den Brief und sagt: Ich kann doch nicht versprechen, daß ich den Herrn Leutnant finde!

Ach, Sie werden ihn schon finden, Hubert!

Ich kann doch nicht die ganze Nacht herumlaufen, gnädiges Fräulein. Vielleicht kommt er gar nicht? Wann soll ich ihn denn in den Baum stecken?

Wenn Sie den Herrn Leutnant nicht bis zwölf oder eins gefunden haben!

So lange kann ich aber nicht herumlaufen, gnädiges Fräulein, ich brauche meinen Schlaf. Ich werde ihn um zehn in den Baum stecken.

Nein, Hubert, das ist viel zu früh. Jetzt ist es ja schon neun, und wir haben noch nicht gegessen. Vor zehn kommen Sie gar nicht aus dem Haus.

Die Herren Ärzte sagen aber, gnädiges Fräulein, daß der Schlaf vor Mitternacht der gesündeste ist.

Ach, Hubert, sei bloß nicht so albern. Du willst mich nur wieder ärgern.

Ich will doch das gnädige Fräulein nicht ärgern ... Mit dem Schlaf ist es doch so. – Und man müßte einmal wissen, was man eigentlich für so was kriegt. Wenn die Herrschaft das erfährt, bin ich entlassen, und auf Zeugnis und Referenz kann ich dann auch nicht rechnen.

Ach, Hubert, wer soll denn das erfahren?! Und was soll ich Ihnen denn geben? Ich habe doch nie Geld!

Es muß ja nicht immer Geld sein, gnädiges Fräulein ...

Hubert spricht immer leiser, und unwillkürlich paßt Violet ihre Stimme seiner Lautstärke an. Zwischen den einzelnen, verlorenen, leisen Sätzen hört man den in die Nacht hinübergleitenden Sommerabend mit einem Ruf vom Dorf her, dem Klappern eines Eimers, dem summenden Liebestanz der Mücken über den Gartenbüschen.

Was wollen Sie denn haben, Hubert? Ich weiß wirklich nichts ...

Sie vermeidet es, in sein Gesicht zu sehen. Sie blickt im Zimmer umher, als suchte sie etwas unter den Gegenständen hier, was sie ihm schenken könnte ... Er aber sieht sie immer eindringlicher an, sein totes Auge bekommt Leben, auf den Backenknochen sitzt ein roter Fleck ...

Wenn ich Ruf und Stellung für das gnädige Fräulein riskiere, möchte ich das Fräulein Violet auch um etwas bitten dürfen ...

Sie wirft einen blitzschnellen Blick auf ihn und sieht sofort wieder weg. Etwas von der schon einmal vor ihm empfundenen Angst steigt in ihr hoch. Sie wird trotzig, sie will dagegen an, sie versucht ein Lachen, sie fordert ihn heraus: Sie wollen doch nicht etwa einen Kuß von mir, Hubert?!

Er sieht sie unverwandt an, ihr Lachen ist schon wieder vorbei, es hat häßlich und falsch geklungen. ›Mir ist nicht zum Lachen‹, denkt sie.

Nein, keinen Kuß, sagt er fast verächtlich. Ich bin nicht für die Knutscherei ...

Aber was denn, Hubert? Sagen Sie doch endlich ...

Sie vergeht vor Ungeduld. Er aber hat erreicht, was er wollte: ihr ist auch der tollste, aber ausgesprochene Wunsch lieber als dieses peinvolle, ungewisse Warten.

Es ist nichts Ungebührliches, was ich mir von dem gnädigen Fräulein erbitte, sagt er mit seinem alten, steifen, lehrhaften Ton. Es ist auch nichts Unanständiges ... Ich möchte nur meine linke Hand eine Weile auf das Herz vom gnädigen Fräulein legen dürfen ...

Sie schweigt, jetzt sieht sie ihn an, vorgebeugt, mit weit geöffneten Augen. Sie bewegt die Lippen, sie möchte etwas sagen, aber sie schluckt nur und schweigt wieder.

Er macht keine Bewegung, ihr näher zu kommen. Er steht in seiner ordentlichen Dienerhaltung unter der Tür, er hat eine livreeartige Jacke mit grauen Wappenknöpfen an, auf seinem ölglänzenden Scheitel liegt jedes Haar ordentlich.

Da das gnädige Fräulein unterrichtet sind, sagt er wieder in seinem leblosen Ton, darf ich sagen, daß ich nichts Unkeusches im Sinne habe. Es kommt mir nicht auf die Berührung der Brust an ...

Sie verharrt in ihrer Starre. Er sieht zu ihr hinüber. Sie sind fast durch die ganze Zimmerbreite getrennt.

Der Diener Hubert Räder macht so etwas wie eine ganz leichte Verbeugung. (Sie hat sich nicht bewegt, sie ist ganz starr.) Er geht langsam durch das Zimmer auf sie zu – ohne Bewegung sieht sie ihn näher kommen: so erwartet das schreckstarre Opfer den tödlichen Schlag des Mörders. – Er sieht sie an ...

Dann legt er den Brief vor sie auf den Tisch zurück, dreht sich um und geht gegen die Tür.

Sie wartet, sie wartet endlos lange, er faßt schon nach der Klinke, da bewegt sie sich. Sie räuspert sich – und Hubert Räder dreht sich wieder um, sieht sie an ... Sie will etwas sagen, aber die Bezauberung liegt über ihr, sie deutet nur mit einer fahrigen, wirren Bewegung auf den Brief – und denkt doch gar nicht mehr an Brief und Empfänger ...

Der Mann hebt die Hand, er dreht an dem Lichtschalter neben der Tür, und das Zimmer liegt im Dunkeln.

Sie möchte schreien, es ist so dunkel, sie steht hinter dem Tisch, sie sieht nichts von ihm, nur die beiden Fensterrechtecke, schräg links, treten grau aus dem Dunkel heraus. Sie hört nichts von ihm, immer geht er so leise, ach, wäre er nur erst da –!

Stumm, stumm, kein Laut, kein Atemzug –

›Wenn ich schreien könnte, aber ich kann ja nicht einmal atmen!‹

Und nun fühlt sie seine Hand auf ihrer Brust. Leiser kann sich kein Schmetterling auf der Blüte niederlassen, doch mit einem Schauder, der ihren ganzen Leib schüttelt, weicht sie zurück ... Die Hand folgt dem ausweichenden Leib, sie legt sich kühl über die Brust ... Sie kann nicht mehr zurückweichen, auch der Schauder vergeht ... Kühl dringt es durch den leichten Stoff des Sommerkleides, Kühle dringt durch die Haut, dringt bis zum Herzen vor ...

Die Angst ist vorbei, sie fühlt die Hand nicht mehr, nur eine immer tiefer eindringende Kühle ...

Und die Kühle ist Ruhe ...

Sie hört keinen Laut, sie möchte etwas denken, sie möchte sich sagen: Es ist ja nur der Hubert, ein ekliger, lächerlicher Kerl ... Aber es wird nichts daraus. Es fliegt fort, wie in Fetzen die Bilder aus dem Ehebuch durch ihren Kopf wehen, einen Augenblick sieht sie die Seiten, wie in hellem Lampenlicht, die eckige Form der Buchstaben – und vorbei ...

Nun hört sie eine Melodie, ganz deutlich tönt es zu ihr herauf: Hupf, mein Mädel, hupf recht hoch ... Einen Augenblick weiß sie, daß es ihr Vater ist, dem das Warten langweilig wurde. Er hat sich das Grammophon aufgedreht – Hupfe, hupfe, hupfe doch! Hoffentlich hast du im Strumpfe kein Loch ...

Aber jetzt ist es, als würde die Melodie schwächer und schwächer, als verlöre sie ihre Kraft in der immer tiefer eindringenden Kälte. – Ihre Sinne werden stumpf für die Außenwelt, sie spürt nur noch die Hand ... Und spürt jetzt die andere Hand ...

Die Finger berühren leise tastend ihren Nacken, sie schieben die Haare zurück ... Nun gleitet die Hand ganz um ihren Hals, mit einem leichten Druck liegt der Daumen auf dem Kehlkopf, dabei verstärkt sich der Druck auf ihrem Herzen ...

Sie macht eine rasche Bewegung mit ihrem Kopf, um ihren Hals von der Hand zu befreien – umsonst, fester liegt der Daumen auf ...

›Aber es ist doch bloß der Diener Hubert – er kann mich doch nicht ersticken wollen ...‹

Sie atmet schwer. In ihren Ohren braust das Blut. Im Kopf wird es ihr leicht schwindlig ...

Hubert! will sie schreien ...

Da ist sie frei – nach Atem ringend, starrt sie in das Dunkel, das schon hell wird. An dem Lichtschalter steht der Diener Hubert, untadelig, grau, kein Härchen in seiner Tolle verschob sich ...

Hupfe, hupfe, hupfe doch ... klingt es wieder von unten.

Ich danke auch vielmals, gnädiges Fräulein, sagt er so unbewegt, als habe sie ihm einen Taler geschenkt. Der Brief wird bestens besorgt.

Er hat ihn schon wieder in der Hand, muß ihn sich im Dunkeln vom Tisch genommen haben.

Auf dem Weg vor dem Hause erklingt die Stimme ihrer Mutter, nun die des Herrn von Studmann.

Es wird sofort Abendessen geben, gnädiges Fräulein, sagt der Diener Räder und gleitet aus dem Zimmer.

Sie sieht sich um. Es ist ihr Zimmer, unverändert. Es war auch der alte, unveränderte, alberne Diener Räder, und auch sie hat sich nicht verändert. Ein wenig mühsam, als hätten ihre Glieder das volle Leben noch nicht zurück, geht sie vor den Spiegel und sieht ihren Hals an. Aber von dem feuerroten Striemen, den sie sich einbildete; ist nichts zu sehen. Keine noch so leise Rötung der Haut. Er hat sie nur ganz sachte angefaßt, wenn er sie überhaupt angefaßt hat. Vielleicht hat sie sich das meiste nur eingebildet. Er ist eben ein verrückter, ekelhafter Kerl; wenn eine kleine Zeit vergangen ist, daß er nicht denkt, es geht von ihr aus, muß sie bei Papa und Mama erreichen, daß ein anderer Diener ins Haus kommt ...

Plötzlich, sie hat sich schon das Gesicht gewaschen, überkommt sie ein Gefühl grenzenloser Verzweiflung, als sei alles verloren, als habe sie um ihr Leben gespielt und habe es verloren ... Sie sieht ihren Leutnant Fritz, plötzlich aufflammend und nun wieder ganz kalt, fast häßlich zu ihr ... Sie hört Armgard zur Mutter flüstern, daß Hubert ein Unhold sei, und der Gedanke schießt ihr durch den Kopf, daß Hubert vielleicht auch der dicken Köchin Armgard die Hand so auf die Brust, so um den Hals gelegt hat – und daß sie den Diener darum haßt ...

Mit einer fast gleichgültigen Neugierde betrachtet sich Violet im Spiegel. Sie sieht das weiße Fleisch ihrer Arme, des Halses an, sie streift den Brustausschnitt zurück. Das Fleisch müßte fleckig und verdorben aussehen, so beschmutzt kommt sie sich vor. (Dieselbe Hand, die Armgard angefaßt hat ... )

Aber das Fleisch ist weiß und blühend ...

Abendessen, Weio! ruft die Stimme der Mutter von unten.

Sie schüttelt die quälenden Gedanken ab, wie ein Hund Wasser aus seinem Fell schüttelt. ›Wahrscheinlich sind die Männer alle so‹, denkt sie. ›Alle ein bißchen eklig. Man muß eben nicht daran denken.‹

Sie läuft die Treppe hinunter, vor sich hinsummend: Hupf, mein Mädel, das Bein recht hoch –!

11

Es stellte sich heraus, daß Frau Eva mit Herrn von Studmann schon drüben im Schloß bei den alten Teschows zu Abend gegessen hatte. Tief gekränkt saß der Rittmeister mit seiner Tochter am Tisch, während die beiden, auf die er so heroisch gewartet hatte, leise miteinander redend, im Nebenzimmer saßen. Die Tür stand offen, vernehmlich brummte und knurrte der Rittmeister, ließ abgebrochene Sentenzen über Pünktlichkeit und Rücksichtnahme fallen und bellte von Zeit zu Zeit seine Tochter an, die behauptete, keinen Appetit zu haben.

Der Diener Räder stand mit einer Serviette unter dem Arm an der Tür und war der einzige, der die Billigung des Rittmeisters hatte: unfehlbar erriet er, welche Platte der Rittmeister wünschte; zur Sekunde schenkte er das Bierglas nach.

Lieber Studmann! rief der Rittmeister schallend, der endlich klar den Rauchgeruch erschnuppert hatte, tu mir den einzigen Gefallen und rauche wenigstens nicht, solange ich esse!

Entschuldige, Achim, ich rauche! rief seine Frau von drüben.

Um so schlimmer! knurrte der Rittmeister.

Mit einem Ruck stand er endlich auf und ging zu den beiden andern.

Geschmeckt? fragte seine Frau.

Reizende Frage! Wo ich eine Stunde umsonst auf dich gewartet habe. Er stand an seinem Likörschrank und schenkte sich höchst ärgerlich wiederum einen Wodka ein. Höre mal, Eva, sagte er dann kriegerisch, der Studmann muß morgens um vier aus dem Bett. Du hättest ihn besser schlafen lassen sollen, statt ihn hierher zu verschleppen! Oder soll etwa das Gerede um diese lächerlichen Gänse noch einmal losgehen?!

Violet! rief Frau Eva. Komm, sage gute Nacht. Du kannst dich hinlegen, es ist gleich zehn. – Hubert, schließen Sie noch die Türen ab, Sie sind jetzt frei ...

Und als die drei allein waren, zu ihrem Mann: Also ja! Jetzt soll das lächerliche Gerede noch einmal losgehen. Du darfst dich übrigens bei deinem Freund von Studmann bedanken, ohne ihn brauchten wir nicht zu reden, sondern nur unsere Koffer zu packen und abzureisen. Mit Neulohe wäre es ohnehin vorbei gewesen.

Frau von Prackwitz' Stimme klang schärfer, als sie je mit ihrem Mann gesprochen hatte. Sechs Stunden Kampf mit einer weinerlichen Mutter, einem verschlagenen Vater hatten ihre Geduld erschöpft.

Großartig! rief der Rittmeister. Ich soll mich bedanken, daß ich in Neulohe bleiben darf? Was mir schon an Neulohe liegt! Ich finde überall in der Welt eine Stellung, besser als die hier. Und in einem plötzlichen Übergang: Ihr wißt eben nicht, was in der Welt vorgeht! Die Armee braucht wieder Offiziere!

Sprechen wir doch ruhig! bat Herr von Studmann, der besorgt den aufkommenden Sturm beobachtete. Du hast sicher recht, Prackwitz, eine Offiziersstellung würde dir am meisten liegen, aber das Hunderttausendmannheer ...

Ah! rief der Rittmeister zornig, du hältst dich wohl schon für einen tüchtigeren Landwirt, als ich es bin?!

Wenn dir, sprach Frau von Prackwitz zornig, so wenig an Neulohe gelegen ist, so wird dir unser Vorschlag nur recht sein, erst einmal ein paar Wochen zu verreisen ...

Ich bitte dich, Prackwitz ...! flehte Herr von Studmann. Gnädige Frau ...!

Ich soll verreisen! schrie der Rittmeister. Nie! Ich bleibe!

Und er setzte sich mit Hast in einen Sessel, als könnten ihm die beiden sogar den Platz im Sessel streitig machen. Er starrte sie finster glühend an.

Es ist leider eine Tatsache, sagte Herr von Studmann leise, daß deine Schwiegereltern beide von einer augenblicklichen starken Verstimmung gegen dich ergriffen sind. Deine Schwiegermutter hat hundert Wünsche, dein Schwiegervater nur einen: den Pachtvertrag zu lösen.

Also soll er ihn lösen, zum Himmeldonnerwetter! rief der Rittmeister. Er findet nie wieder einen Trottel wie mich, der ihm dreitausend Zentner Roggenpacht gibt. – Trottel!

Da es unmöglich ist, heute mit Familie von einer Rittmeisterpension zu leben ...

Wieso unmöglich? Tausende tun es!

... Und da die Pachtung eine gewisse Lebensbasis bietet ...

... Du hast heute früh erst das Gegenteil behauptet!

... Wenn nämlich der Verpächter wohlgesinnt ist ...

... Was dein Herr Vater noch nie in seinem Leben war, liebe Eva ...

... So hat deine Frau eingewilligt, für die nächsten Wochen allein zu wirtschaften, während du ein bißchen reist. Bis nämlich bei deinen Schwiegereltern eine gewisse Beruhigung eingetreten ist, daß man wieder mit ihnen verhandeln kann.

So, eingewilligt hat sie, höhnte der Rittmeister bitter. Ohne mich zu fragen. Ist ja auch nicht nötig. Über mich wird einfach verfügt. Hübsch. Sehr hübsch. Darf ich vielleicht auch hören, wohin ich zu reisen habe?

Ich hatte die Idee ... fängt Herr von Studmann an und faßt nach einer Tasche.

Nein, nicht, Herr von Studmann, winkt die gnädige Frau ab. Da er ja doch nicht verreisen will, brauchen wir ihm keine Vorschläge zu machen. – Mein lieber Achim, sagt sie energisch und sieht ihn mit ihren schönen, ein wenig vorstehenden Augen ärgerlich an, wenn du nicht einsehen willst, daß Herr von Studmann und ich nur deinetwegen sechs Stunden lang mit den Eltern geredet haben, dann ist jedes Wort umsonst. Wer hat ewig Schwierigkeiten mit Papa? Wer hat auf die Gänse geschossen? Doch nur du! Und schließlich geht es um deine Zukunft! Violet und ich, wir können immer in Neulohe bleiben, wir stören keinen, wir haben keine Schwierigkeiten mit den Eltern ...

Also bitte! rief der Rittmeister. Wenn ich euch störe, ich kann sofort reisen! Bitte wohin, Studmann?

Er war tödlich verletzt.

Jaha ... sagte Studmann zögernd, rieb sich die Nase und betrachtete nachdenklich den gekränkten Freund. Ich habe da so eine Idee gehabt ... Es war nämlich meine Idee ...

Der Rittmeister sah ihn finster an, sagte aber kein Wort.

Der Oberleutnant griff in seine Tasche und brachte einen Brief hervor. Da ist nämlich dieser ulkige Vogel, der Geheimrat Schröck, der dir soviel Spaß gemacht hat, Prackwitz ...

Der Rittmeister sah nicht nach Spaß aus.

Er hat mir ein paarmal geschrieben, wegen dieser Entschädigung von dem Baron, du erinnerst dich, Prackwitz ...

Der Rittmeister gab kein Zeichen, daß er sich erinnerte.

Nun, ich habe natürlich alles abgelehnt, du kennst ja meine Einstellung ...

Ob der Rittmeister sie kannte oder nicht – er blieb stumm und finster.

Fröhlicher fuhr Studmann fort, und er schwenkte den Brief –: Und da ist nun dieses letzte, vorgestern gekommene Schreiben des Geheimrats Schröck ... Er scheint ja wirklich ein komischer Kauz zu sein, mit seltsam plötzlichen Sympathien und Antipathien. Du erzähltest mir ja, wie sehr er diesen Patienten, den Baron von Bergen, zu hassen schien. Nun, für mich scheint er sein Herz entdeckt zu haben, sehr komisch auch, wenn man bedenkt, daß er mich nie gesehen hat, nur von mir weiß, daß ich betrunken eine Hoteltreppe hinuntergefallen bin ... Also in diesem Brief macht er mir einen neuen Vorschlag, von sich aus, es hat nichts mit diesem Baron von Bergen zu tun ...

Herr von Studmann ist wieder bedenklich geworden. Nachdenklich sieht er den Brief an, dann den so ungewohnt schweigsamen Freund, dann rasch die stille Frau Eva. Frau Eva nickt ihm ermutigend zu. Es ist eigentlich kaum ein Nicken, mehr nur ein Schließen der Lider, das Ja bedeuten soll. Wieder blickt Studmann seinen Freund an, ob der etwas von diesem Zeichen bemerkt hat. Aber von Prackwitz steht still und schweigend am Fenster.

Jaha ... sagt Herr von Studmann und bringt sich wieder in Gang. Es ist natürlich nur eine Idee von mir, ein Vorschlag ... Herr Geheimrat Schröck hat daran gedacht, einen kaufmännischen Direktor für sein Sanatorium einzustellen. Es sind ziemlich umfangreiche Betriebe, über zweihundert Patienten, an die siebzig Angestellte, Riesenpark, auch etwas Landwirtschaft ... Nun, du verstehst, Prackwitz, es gibt da so allerlei zu tun ... Und wie gesagt, Herr Geheimrat Schröck hat da an mich gedacht ...

Studmann sieht seinen Freund freundlich an, aber der Freund sieht ihn nicht wieder an. Er schenkt sich vielmehr einen Wodka ein und trinkt ihn aus. Dann schenkt er sich einen zweiten Wodka ein, den er aber noch nicht trinkt. Frau Eva rückt auf ihrem Sessel hin und her und räuspert sich, aber sie sagt nichts – auch nicht gegen die Wodkas.

Natürlich will mich Herr Geheimrat Schröck nicht blindlings engagieren, so weit gehen selbst seine Sympathien nicht, fährt Herr von Studmann fort. Er lädt mich ein, erst einmal einige Wochen als Gast zu ihm zu kommen und damit ich mich diese Zeit bei ihm nicht überflüssig fühle, führte er beweglich Klage über eine fast australische Kaninchenplage, die ihm Park und Feld verheert. Er meint, wenn ich mal mit seinem Frettierer und mit Netzen und Flinte dagegen vorginge – Er scheint ein ganz praktischer Mann zu sein, der alte Herr ...

Wieder sieht Herr von Studmann den Freund freundlich an. Der Rittmeister erwidert diesen Blick finster, statt einer Antwort kippt er den zweiten Wodka und gießt sich einen dritten ein. Frau von Prackwitz trommelt leise auf der Lehne ihres Sessels, aber sie schweigt auch. Die Last des Redens liegt weiter auf dem Oberleutnant, sie wird allmählich drückend.

Ja, du bist doch nun so ein passionierter Jäger und glänzender Schütze, Prackwitz, fängt Herr von Studmann wieder an. Und wir haben gedacht – ich habe gedacht, ein bißchen Ausspannung wird dir sehr gut tun. Denke einmal, die Ruhe, das gute Essen in so einem Sanatorium – Und dann den ganzen Tag draußen, es soll dort ja Tausende von Karnickeln geben ... Herr von Studmann schwenkt aufmunternd den Brief. Und da ich, wie die Dinge nun einmal liegen, hier eine Beschäftigung gefunden habe, und wegen deines Schwiegervaters nicht gut abkömmlich bin ... Er wünscht nämlich so etwas wie eine feste kaufmännische Hand ... Da habe ich gedacht, wenn du als mein Stellvertreter hinfahren würdest? Wie gesagt, die Ruhe, kein Ärger – und daß du mich warm für den Direktorenposten empfehlen würdest, davon bin ich ja gottlob fest überzeugt ... Herr von Studmann versucht zu lachen, aber es gelingt ihm nicht ganz. Also sag was, Prackwitz, ruft er darum, mit einer etwas gemachten Munterkeit, steh da nicht so finster und so bleich! Dein Schwiegervater wird sich wieder beruhigen ...

Sehr fein ausgedacht, sagt der Rittmeister finster. Großartig eingefädelt ...

Aber Prackwitz! ruft Studmann erschrocken. Was ist denn mit dir los –?

Das habe ich kommen fühlen ... murmelt Frau Eva, lehnt sich in ihren Sessel zurück und legt die Handflächen vorsorglich gegen die Ohrmuscheln.

Und richtig bricht der Rittmeister nach so langem Schweigen doppelt betäubend los.

Aber daraus wird nichts! schreit er und hebt drohend einen dünnen, zitternden, langen Finger. Er ist schneeweiß im Gesicht und fliegt an allen Gliedern. Für verrückt möchtet ihr mich erklären! In eine Irrenanstalt wollt ihr mich sperren!! Oh, listig, tüchtig!!

Prackwitz! ruft Studmann verzweifelt. Ich beschwöre dich! Wie kannst du das denken! Hier, lies den Brief vom Geheimrat Schröck, handschriftlich ...

Der Rittmeister schiebt Brief und Arm und Freund beiseite.

Fein ausgedacht, aber ich danke! Ich durchschaue euch! Der Brief ist bestellt – das ist ein Komplott mit meinem Schwiegervater! Ich soll ausgebootet werden, von mir will man sich scheiden lassen – der Ersatzmann ist zur Stelle, was, Eva?! Irrsinnig! Aber ich verstehe jetzt alles! Das Geschwätz über den Vertrag heute früh – war es überhaupt der richtige Vertrag? War der etwa auch unterschoben wie dieser Brief?! Nur um mich zu reizen! Dann die Gänse – wahrscheinlich von euch selbst hierhergelockt. Die Flinte – wieso war die Flinte geladen? Ich hab sie entladen in den Gewehrschrank gestellt! Alles vorbereitet, und nun, wo ich euch in die Falle gegangen bin, wo ich wirklich geschossen habe, gegen meinen Willen ... ich schwöre, gegen meinen Willen!! ... Nun soll ich für verrückt erklärt werden! Abgeschoben – in eine Klappsmühle! Entmündigt – in eine Gummizelle ...

Er schien vor Kummer überwältigt. Aber schon packte ihn neu die Wut. Aber ich weigere mich! Keinen Schritt gehe ich aus Neulohe! Ich bleibe! Ihr könnt machen, was ihr wollt! – Aber vielleicht sind schon die Irrenwärter da, die Zwangsjacke ... Er besann sich auf einen Namen, wie ein Strahl aus dem Himmel fuhr er in sein Hirn. Wo ist Herr Türke? Wo ist der Irrenwärter Türke –?

Er sprang zur Tür. Vor ihm lag die kleine Diele still und schweigend.

Sie können versteckt sein, murmelte er. Herr Türke, kommen Sie vor, ich weiß doch, daß Sie da sind ... schrie er in das dunkle Haus.

Nun ist es aber genug! rief Frau Eva zornig. Du brauchst nicht auch noch das ganze Personal an deinem Rausch teilnehmen zu lassen! Du bist einfach betrunken! – Er verträgt Schnaps nie, wenn er aufgeregt ist. Dann kriegt er einfach einen Koller, flüsterte sie Studmann zu.

Irrsinnig! klagte der Rittmeister jetzt. Er stand am Fenster und hatte den Kopf gegen die Scheibe gelegt. Von der eigenen Frau und dem Freund verraten! Entmündigt!! Eingesperrt!!!

Gehen Sie lieber jetzt, flüsterte sie Herrn von Studmann zu, der von dem Gedanken besessen war, seinem Freund vernünftig zuzureden, ihm alles erklären zu müssen. Jetzt gehört er einfach ins Bett. Morgen früh ist er dann zerknirscht. Er war schon einmal so – Sie wissen, die Sache mit Herrn von Truchseß, die meinen Vater so böse gemacht hat ...

Ich gehe nicht! schrie der Rittmeister in einem neuen Wutanfall und schlug gegen die Scheiben.

Eine Scheibe zersprang. Aua! schrie der Rittmeister und hielt seiner Frau die blutende Hand entgegen. Ich habe mich geschnitten. Ich blute ...

Beinahe hätte sie gelacht über sein verändertes klägliches Gesicht. Ja, komm rauf, Achim, ich verbinde dich. Du mußt gleich ins Bett. Du brauchst Schlaf.

Ich blute ... flüsterte er und stützte sich kläglich auf ihren Arm. Dieser Mann, der im Kriege dreimal verwundet worden war, wurde bleich von einem blutenden Ritz in seiner Hand, kaum zwei Zentimeter lang.

Herr von Studmann hielt es bei diesem Anblick wirklich für geraten, zu gehen. Nicht die Frau war hier die Schutzbedürftige.

Mit einem letzten Anfall unbeugsamer Entschlossenheit blitzte der Rittmeister ihm nach: Ich reise – nie!

Es war gar kein Wunder, es war eigentlich selbstverständlich, daß der Rittmeister von Prackwitz doch reiste – am nächsten Mittag, und recht aufgeräumt sogar, und zwar zu Herrn Geheimrat Schröck, mit drei Flintenfutteralen und einem Leukoplaststreifen auf der rechten Hand. Wogegen er sich am Abend mit Geschrei gewehrt hatte, Irrsinn und Klappsmühle, dem stimmte der Rittmeister am Morgen auf das erste freundliche Wort der Frau fast begeistert zu. Es war nicht nur der Kater, es war nicht nur der Wunsch, dem Freund, vor dem er sich so sehr hatte gehen lassen, aus den Augen zu kommen. Nein, es war ganz offen die Freude an der Veränderung: eine Reise, Weidwerk statt Geldsorgen ... Und es war nicht zuletzt das hochfeine Sanatorium, die Erholungsstätte des Adels – ein Reichsfreiherr statt des schwitzenden Schwiegervaters ...

Veranlasse nur, daß regelmäßig ausreichend Geld geschickt wird, sprach er besorgt zu seiner Frau. Ich möchte mich doch nicht blamieren –

Frau Eva versprach es.

Ich denke, ich gehe in Berlin noch einmal bei meinem Schneider vorbei, meinte der Rittmeister sinnend. Ich habe eigentlich keinen ganz frischen Jagdanzug mehr ... Du bist doch einverstanden, Eva?

Frau Eva war einverstanden.

Ihr müßt dann eben sehen, wie ihr hier zurechtkommt. Ich reise nur auf euren Wunsch, vergiß das nie! Bitte keine Klagen, daß etwas nicht klappt. Mir liegt nichts an der Reise. Ich kann auch hier Karnickel schießen!

Willst du dich nicht noch von Studmann verabschieden, Achim?

Ja, natürlich! Wenn du meinst. Erst einmal werde ich packen. Und die Flinten müssen auch noch gefettet werden. Jedenfalls grüße ihn schön von mir, wenn ich ihn nicht mehr sehen sollte. Er wird jetzt wohl immer deinen Herrn Vater um Rat fragen. Er kann ja nicht Winter- und Sommergerste unterscheiden! Ihr werdet hier Sachen anrichten! Der Rittmeister lächelte freudig. Na, wenn es gar zu schlimm wird, kannst du mich rufen. Ich komme natürlich sofort. Ich bin nicht übelnehmerisch, ich nicht!

12

An der Tür lauschend, hatte Violet nur den Anfang der Auseinandersetzung im Zimmer ihres Vaters angehört. Dann, als sie sich überzeugt hatte, der Streit werde wohl noch eine Weile weitergehen und die Mutter in Atem halten, war sie durch die dunkle Küche aus dem Haus geschlüpft. Einen Augenblick stand sie zaudernd an der Hinterfront. Noch einmal überlegte sie, ob sie es wagen sollte. Kam ihre Mutter dahinter, daß sie bei Nacht statt ins Bett aus dem Hause gegangen war, konnte kein noch so trotziges Lügen sie vor der angedrohten Einschließung in ein strenges Töchterpensionat retten! Außerdem hatte sie Hubert Räder mit dem Brief losgeschickt – fand er den Leutnant, erreichte der Brief ihn, so würde Fritz noch in dieser Nacht unter ihr Fenster kommen, und da war an der Wand das Spalier! Ging sie fort, verfehlte sie ihn vielleicht ...

Zögernd stand sie. Alles sprach dafür zu bleiben und zu warten. Aber da war die warme, voll ausgestirnte Augustnacht ... Die Luft war wie etwas Lebendiges, das sich an ihre Haut schmiegte – sie war wie eine Verbindung zu ihm, der auch in dieser weichen Nacht draußen war, vielleicht ganz in ihrer Nähe ... Sie fühlt das Blut leise in ihren Ohren singen, diesen süßen, verführerischen Lockgesang, den der Körper singt, wenn er bereit ist ... Sie möchte doch lieber gehen – ihr wird ganz traurig, als sie daran denkt, daß sie die Nacht umsonst auf ihn warten könnte ...

Ein kleiner Lichtfleck ganz unten am Hause, fast in der Erde, erregt ihre Aufmerksamkeit. Unentschlossen, wie sie ist, geht sie erst einmal auf ihn zu, froh über jede Ablenkung, die den Entschluß hinausschiebt. Sie geht ganz leise; nun, neben dem Lichtschein angelangt, läßt sie sich aufs Knie nieder und späht. Was sie im Keller sieht, ist die erleuchtete Kammer des Dieners Räder. Aber so weit sie sich auch vorbeugt: die Kammer ist leer, für niemanden brennt das Licht. Es kann auch nicht anders sein, sagt sie sich. Er ist fortgegangen, um ihren Brief zu besorgen. Sie kann beruhigt hinauf in ihr Zimmer gehen: ist der Leutnant heute nacht in Neulohe, kommt er auch unter ihr Fenster. Der ordentliche Räder hat beim eiligen Weggehen vergessen, das Licht auszuknipsen.

Violet will sich schon wieder aufrichten, als die Tür am andern Ende der Kammer sich öffnet. Es ist komisch, und es ist ein bißchen unheimlich: sie hier, im Dunkeln mit der ganzen Nacht um sich, sieht unbemerkt auf eine kleine, helle Bühne, die lautlos ist. Und komisch und dabei doch ein wenig unheimlich ist auch der Anblick, der sich ihr bietet: wer jetzt sorgfältig die Tür schließt, ist der Diener Hubert Räder. Aber nicht mehr der förmliche junge Mann in grauer Livree, sondern etwas Lächerliches in einem übermäßig langen weißen Nachthemd mit bunter Borte. Über diesem weißen Engelsgewand aber sitzt der graue, fischige Kopf mit den blicklosen Augen – und seit heute abend kann Violet diesen Kopf nicht mehr dumm und albern finden, sondern ein leises Grauen erfüllt sie ...

Nachdem der Diener Räder die Tür sorgfältig geschlossen hat, geht er zum Schrank in der Ecke. In seiner Hand trägt er ein Glas mit einer Zahnbürste. Er schließt den Schrank auf, und setzt das Glas mit der Bürste hinein ... So sind die Menschen! Nachdem Hubert Räder heute abend vielleicht doch eine ungewöhnliche Sensation erlebt hat, etwas, das man vielleicht die Probe auf einen Mord nennen kann, zieht er sich wie alle Abend ein Nachthemd an und putzt sich die Zähne ... Er ist nicht immer ein Mörder, meistens ist er nur ein kleiner, ganz gewöhnlicher Bürger, das macht ihn so gefährlich! Einen Tiger erkennt man an seinen Streifen, aber ein Mörder putzt sich wie alle andern die Zähne, er ist unkenntlich.

Und nun soll Violet etwas noch Seltsameres sehen ...

Aber Violet beobachtet jetzt nicht sehr, sie denkt auch nicht weiter über den Diener Räder nach, sie rechnet ...

›Höchstens fünf Minuten habe ich an der Tür gelauscht‹, rechnet sie. ›Dann bin ich gleich hier rausgegangen. Höchstens drei Minuten habe ich dann am Küchenausgang gestanden. Hubert hat noch abzudecken gehabt – das hat er getan, während ich gute Nacht sagte. Dann das Geschirr wegsetzen – Aber er kann gar nicht aus dem Haus gewesen sein! Sich ausziehen, waschen, Zähne putzen – und mein Brief? Mein Brief –?!‹

Mein Brief! möchte sie schreien und gegen die Scheibe schlagen und ihn zurückfordern. Es ist nicht nur die Scheu, das Haus jetzt aufmerksam zu machen, es ist nicht nur die Abneigung gegen eine langwierige, alberne Verhandlung mit dem verschrobenen, verlogenen Kerl, die sie zurückhält.

›Ach, laß den Brief!‹ denkt sie plötzlich ganz ruhig. ›Ich brauche ihn gar nicht, ich finde Fritz auch so. .. Er wird ihn unterschlagen haben, nicht um ihn den Eltern zu bringen, nein, um wieder einmal eine Belohnung zu verlangen!‹

Sie sieht sich dastehen im Dunkeln und auf ihn warten. Sie fühlt die Hand auf ihrem Herzen, die kalte, unmenschliche Hand, und wieder spürt sie etwas von dem Geschmack des Grauens im Mund. ›Wenn ich es Fritz sage, schlägt er ihn tot; Fritz hat den kleinen Meier schon wegen viel weniger totschlagen wollen ...‹ Aber sie spürt, daß sie es Fritz nicht sagen wird, daß dies für Fritz immer ein Geheimnis bleiben muß, es gehe aus, wie es wolle. Eigentlich müßte sie ja nun erschrecken, daß sie mit dem Räder zusammen ein Geheimnis hat. Aber es erschreckt sie nicht. Eine düstere Verführung liegt in dieser bösen Dienerhand, sie versteht es nicht, aber sie fühlt es ...

Während ihr all dies durch den Kopf schießt – und es vergeht ja kaum eine Sekunde über diesen Erwägungen und Befürchtungen – ist der Diener Hubert Räder am Fußende des Bettes niedergekniet. Da hockt er in seinem langen weißen Nachthemd, die Hände gefaltet, und betet sein Nachtgebet wie ein Kind. Aber der graue, böse Kopf hat nichts Kindliches. Violet, wie sie ihn kaum drei Meter entfernt auf dem Boden der tiefen Kellerstube, auf der kleinen, nur für sie erleuchteten Bühne knien und beten sieht gleich einem frommen Kind, ihn, der eben noch seine Hand um ihren Hals gelegt – Violet, wie ihr einfällt, ob er jetzt wohl dem lieben Gott dankt, daß er das mit ihr hat tun dürfen –, Violet packt ein grausiger Lachkrampf, sie kann sich nicht halten mehr, sie springt auf und läuft gradewegs in die Nacht hinaus, wie es kommt, ohne an die Leute zu denken, die sie nicht sehen dürfen. Und an den Fritz, den sie sehen muß ...

Sie läuft durch den Garten, immer weiter, einen Grasrain zwischen den Feldern hinauf. Ihre Brust keucht. Es ist, als müßte sie fortlaufen von alldem, von sich und allem. Aber am Ende bezwingt ihr Körper das Grausen doch, und sie wirft sich hin, wo sie steht, und sieht in den gestirnten, sehr dunklen Nachthimmel, auf dessen unfaßbar tiefem Grund die Sterne um so heller funkeln. Endlich schläft sie ein ...

Aber sie kann nur ganz kurz geschlafen haben, die Sterne sind nicht weitergerückt, seitdem sie die Augen schloß. Es ist ihr, als habe sie etwas sehr Leichtes, Heiteres geträumt, aber sie weiß nichts mehr davon, ein Gefühl nahender Gefahr hat sie geweckt. Doch es ist nichts von Gefahr zu sehen, es ist nur Stille, ländliche Nacht um sie. Jetzt ist auch das Dorf schlafen gegangen, kein Laut ist mehr von dort zu hören.

›Nein, es ist keine Gefahr‹, sagt sie, ihr pochendes Herz beruhigend. Aber plötzlich fällt ihr ein, daß sie allein auf den Feldern und daß ihr Rufen zu fern ist, um einen Menschen im Dorf zu wecken ... Und sie, die hundertmal zu Nachtzeiten draußen in Feld und Wald ohne den Gedanken auch nur an Angst gewesen ist, sie packt plötzlich feige, zähneklappernde Angst, er könne kommen in seinem weißen Hemd, den Feldrain entlang, und wieder seine Hand auf ihr Herz legen wollen. ›Ich könnte mich ja nicht wehren!‹ denkt sie.

Und fängt wieder an zu laufen; sie läuft fort von der Villa, aus der er ihr nachkommen kann, sie läuft gegen die dunkle Baummasse des Parks zu. Sie überklettert den Zaun, eine Bahn ihres Kleides reißt scharf an einer Nagelspitze durch. Vornüber taumelt sie in das Gras, aber sie springt gleich wieder auf ihre Füße und läuft hinein in den Park, dem Schwanenteich zu, an den hohlen Baum ... Sie faßt hinein in die Höhlung, aber es liegt kein Brief darin; so hat er ihn also schon herausgenommen und ist auf dem Weg zu ihr ...

Da läuft sie wieder, aber schon im Anlaufen fällt ihr ein, daß er den Brief gar nicht bekommen hat, daß der Brief noch in Räders Besitz ist, und eine rasende Wut gegen den Bengel Räder faßt sie ... Aber sie vergeht, denn während sie weiterläuft, muß sie darüber nachdenken, warum sie noch immer läuft. Es hat ja keinen Zweck mehr, zu laufen, natürlich ist er überhaupt nicht im Dorf, natürlich kehrt man nach einer solchen Waffenvergrabung zu seinem Truppenteil zurück und macht Meldung, daß alles gut abgegangen ist, statt auf Liebesabenteuer in die Dörfer zu gehen. Aber trotzdem sie weiß, daß sie nicht mehr zu laufen braucht, läuft sie weiter, als hetzte sie irgend etwas, und sie hält erst inne, als sie durch die Bäume ein helles gelbes Lichtrechteck schimmern sieht ...

Sie ändert ihren Schritt in vorsichtiges Schleichen und nähert sich katzenleise dem hellen Fenster. Es steht weit offen, aber die Gardinen sind vorgezogen. Violet überquert den Weg, tritt auf den schmalen Grasstreifen unter dem Fenster und schiebt die Gardinen vorsichtig auseinander. Sie ist so verwirrt diese Nacht, daß ihr nicht einen Augenblick der Gedanke kommt, sie tue etwas Unzulässiges, ja nur Ungewöhnliches. Nachdem sie einen ersten musternden Blick in das Zimmer geworfen hat, schiebt sie den Kopf ganz durch die Gardinen, und so bleibt sie beobachtend stehen: mit dem Leib draußen in der Nacht, aber mit dem Kopf in der hellen Stube.

Am Tisch sitzt der junge Wolfgang Pagel und schreibt einen Brief. Es war ein ziemlich zerfahrener Tag gewesen, er hatte ihn unlustig und traurig gemacht, auf diese Art schmeckte auch Landarbeit nicht. Am Vormittag der Krakeel mit dem Rittmeister, der ihn hinauswarf; dann das Durcheinander mit den Zuchthäuslern; die zugemauerte Tür mit dem weißen Kreuz, das wieder rot überpinselt werden mußte; der verdrehte Diener Räder mit seinem Karren voller Gänseleichen; der geheimnisvoll im Schloß beratende Studmann – alles war überreizt, zerfahren, so wenig ländlich wie nur denkbar gewesen!

Als er dann schließlich ärgerlich sein einsames Nachtessen hinuntergewürgt hatte – Studmann war durch den Diener Elias entschuldigt worden –, hatte er mit seinem Abend dagestanden, unfähig zu schlafen, unlustig, noch etwas zu tun. Es war ihm sogar der Gedanke gekommen, in den Gasthof zu gehen; man konnte ein bißchen trinken, um sich aufzumöbeln, und vielleicht einen kleinen Skat dreschen ... Schließlich hatte er die Idee gehabt, ins Dorf zu bummeln und nach der Sophie Kowalewski auszuschauen. Alles in allem war sie ein ganz nettes Mädchen und wahrscheinlich, da berlinisch angehaucht, ohne allzuviel Ziererei. Das gnädige Fräulein, Violet von Prackwitz, mit seinen Vormittagsküssen, wäre gefährlicher gewesen.

Aber da fiel ihm ein, daß er nicht aus dem Haus konnte, weder in den Gasthof noch zu Sophie! Er hatte einen Auftrag angenommen, er erwartete einen Besuch, den er zu vertrimmen hatte: den besagten dämlichen Diener mit dem Fischkopp, Hubert Räder.

Eine Weile war Wolfgang Pagel nun durch die Dämmerung in seinen beiden Gemächern auf und ab gegangen, jetzt im Büro, jetzt in seinem Zimmer. Aber es verbessert eine schlechte Stimmung entschieden nicht, wenn man Viertelstunden lang auf und ab geht und überlegt, wie man einen schuftigen Kerl bedrohen, einschüchtern und verhauen wird. So etwas erledigt man am besten ohne jede Überlegung aus dem Handgelenk. Aber was dann tun –?

Es war eine ziemlich auffallende Geschichte: wenn er sich mit irgendeinem Mädchen beschäftigte, heiße es nun Violet, Amanda oder Sophie, so lief es am Ende stets auf ein Erinnern an Peter hinaus. Nun, Peter war endgültig versunken und vergessen, Friede ihrer Asche, ein gutes, freundliches Mädchen, aber wie gesagt: Friede ihrer Asche! Immerhin konnte er endlich einmal seiner Mutter schreiben, ihr von seinen neuen Lebensumständen einiges berichten und zu größerer Beruhigung die Liquidation der Masse Petra Ledig melden. Das wäre immerhin erheblich besser, als hier tatenlos auf eine klägliche Schlägerei zu warten. Der Kerl war bestimmt ein Feigling!

Kurz entschlossen schaltete Pagel das Licht in seinem Zimmer ein, zog die Gardinen vor und holte sich Schreibgerät aus dem Büro. Nur noch das Jackett aus: in Sporthemd und Gürtelhose saß er bequem und luftig am Tisch und fing an zu schreiben.

Zuerst störte ihn noch der Gedanke an das Kommen Räders, aber bald vergaß er diesen Knaben Pflaumenweich ganz und ließ seine Feder laufen. Er schrieb von seinem Leben in Neulohe, ein bißchen schnoddrig, ein bißchen flapsig, wie man eben schreibt, wenn man dreiundzwanzig Jahre alt ist und nicht zugeben will, daß einem etwas Spaß macht. In fünf Sätzen zeichnete er ein Bild seines ›Brötchengebers‹, dann des rauschebärtig biederen Schwiegervaters, der aus allen Knopflöchern nach List und Heimtücke stank. Von vergangenen Dingen schrieb er nichts, nichts von einem weggenommenen Bild, nichts von dem Verbleib einer immerhin beträchtlichen Geldsumme, gar nichts von einer in die Luft gegangenen Heirat. Weder Scham noch Verstocktheit hinderten Wolfgang, von diesen weniger angenehmen Dingen zu schreiben. Sondern solange man noch wirklich jung ist, glaubt man noch, daß das Vergangene auch wirklich vergangen sei, nämlich völlig abgetan. Man glaubt, daß man jeden Tag ein ›neues Leben‹ anfangen kann, und man setzt bei all seinen Mitmenschen den gleichen Glauben voraus – bei der Mutter zumal. Man weiß noch nichts von jener Kette, die man ein ganzes Leben hinter sich dreinschleppen wird; jeder Tag, jedes Erlebnis fügen an diese Kette ein neues Glied. Man hört ihr Klirren noch nicht, man hat noch nicht die entmutigende, hoffnungslose Bedeutung des Satzes begriffen: weil du dieses tatest, mußt du dieses sein!

Nein, dreiundzwanzig Jahre, hin ist hin, vergangen ist vergangen – Wolfgangs Feder läuft über das Papier. Jetzt zeichnet sie ein Bild Studmanns, des Kindermädchens und hauptamtlichen Belehrers; Pagels Laune steigt, der Geist seines Vaters fährt in ihn ... Er entwirft am Rande des Briefes eine Karikatur Studmanns, er zeichnet ihn als ein betrübt vor seinem Bau sitzendes Kaninchen. Das Kaninchen sieht weise und töricht zugleich in die Welt – vor allem aber betrübt.

Pagel betrachtet zufrieden flötend sein Werk, es ist wirklich ähnlich. Dann hebt er den Blick und begegnet dem Auge des gnädigen Fräuleins: Violet von Prackwitz.

Hoppla! sagt Pagel ohne sonderliches Erstaunen über diesen ungewöhnlichen Zaungast. Dann: Der Knabe Räder ist ausgeblieben?

Sie schüttelt den Kopf. Dabei gleitet eine Schulter durch den Vorhang, und sanft legt sich unter ihr die Brust auf das Fensterbrett. Der durch die vorgebeugte Haltung weit offene Ausschnitt läßt die zarte Haut sehen, so verführend milchweiß neben dem dunklen Braun des Halses.

Nein, sagt Violet nach einem Augenblick des Zögerns. Sie sagt es langsam, als spräche sie unlustig, aus einem Schlaf heraus. Räder hat noch für Papa zu tun. Ich konnte ihn nicht schicken.

Pagel wirft einen Blick auf das Mädchen. Und Sie, meine Gnädigste? fragt er gezwungen leicht. Noch so spät unterwegs? Kein Stubenarrest mehr?

Wieder wartet sie eine ganze Zeit mit der Antwort, während sie ihn unverwandt ansieht. Ich war bei den Großeltern, erklärt sie schließlich. Ich wollte Ihnen doch Bescheid sagen ...

Danke! sagt Pagel, ein bißchen zu spät.

Es ist so still, warm und still. Die Brust auf dem Fenster, der atmende Mund, Geheimnis atmend, Erfüllung versprechend. Es ist so lange her ... Alles wächst, reift, gedeiht ... Verweile doch –!

Ja ... sagt Pagel nach einer Weile, verloren, träumerisch.

Dann ist wieder alles still, stille, dunkle, treibende Nacht.

Kommen Sie einmal her ... flüstert sie plötzlich.

So leise sie flüsterte, er fährt zusammen, als habe er einen Schlag bekommen.

Ja –? fragt er halblaut und ist doch schon aufgestanden von seinem Stuhl.

Bitte, ja ... flüstert sie wieder, und er geht ihr langsam näher.

Ohne daß er es weiß, hat sein Gesicht einen andern Ausdruck bekommen, einen bitter entschlossenen Ausdruck, als schmecke er die Frucht schon, die nicht süß sein kann. Ihr Gesicht aber sieht weiter aus wie da, als sie in das Zimmer mit dem betenden Diener hineinspähte: halb schlafend, als spüre sie Grauen und Verzweiflung und Lust und Verlangen.

Näher! flüstert sie, als er einen Schritt vor ihr stehenblieb. Noch näher! Es ist die Verführung der Stunde, und es ist die Verführung des hungrigen Fleisches, aber es ist auch die Verführung ihres Verlangens. Dieses Verlangen ist wie ein Netz, das ihn unspürbar umfängt, ihn näher zieht ...

Nun –? fragt er leise, und sein Gesicht ist direkt bei dem ihren.

Möchten Sie ... sagt sie stockend, möchten Sie mich nicht noch einmal küssen –?

Und sie hebt ihm ihren Kopf entgegen; mit einer entschlossenen und doch kindlichen Bewegung bietet sie ihm die Lippen. Plötzlich stehen in ihren Augen Tränen ... Ach, es ist nicht nur Verderbtheit, die sie die Lust in des andern Umarmung suchen läßt – es ist auch die Angst vor dem, der unaufhaltsam in ihr vordringt! Er hatte die Hand auf ihr Herz gelegt, von ihr Besitz ergriffen ...

Da! sagt sie ratlos, und ihre Lippen begegneten sich. So blieben sie eine endlose Zeit. Auf seiner Hand, die sich auf das Fensterbrett stützte, lag ihre Brust, er fühlte durch den seidigen Stoff ihre Schwere und Reife, schöner als jede Frucht – Waren es die Grillen, die draußen im Park zirpten –? Eine dünne, süße Melodie, wie von seinem Blut gesungen, weiter, immer weiter, ohne Absetzen, als sänge die Erde sie selbst, diese gute, fruchtbare Mutter Erde, die die Liebenden liebt ... Eine endlose Zeit bliebt sein Mund auf ihren Lippen liegen ...

Dann spürt er, daß sie unruhig wird. Sie möchte etwas sagen. Er will diese Lippen nicht loslassen, den Zauber nicht unterbrechen ... Mit einer gelenkigen Bewegung schlüpft ihre linke Schulter aus dem Kleid. Während ihre linke Hand weiter auf seiner Schulter liegt, befreit die rechte die Brust ...

Da! sagt sie klagend. Leg deine Hand darauf – es ist so kalt ...

Und ehe er noch seinen Willen befragen kann, hat sich seine Hand schon um ihre Brust geschlossen. Oh! seufzt sie und drängt ihre Lippen fester gegen die seinen.

Was denkt er? Denkt er überhaupt etwas? Die Flamme steigt und steigt. Er sieht etwas wie Bilder, eilige Bilder, vorüberfliegen, ein Gespensterspiel des Ehemals auf der Bühne seines Hirns. Das Zimmer bei der Pottmadamm, als er erwacht und begegnet dem Blick Peters ... die Flamme steigt und steigt ... Darf ich nicht mitkommen? – so oder ähnlich fragte sie, und dann kam sie mit; in der gipsernen Marmorpracht eines Berliner Treppenvestibüls stellten sie sich einander vor: Petra Ledig – unvergeßliche Stunde.

Die Grillen feilen noch immer, aber es sind keine Grillen, Grillen leben nicht in einem Park, Grillen leben in Häusern – es sind Grashüpfer, Heuschrecken, die so singen, grüne, ziemlich grotesk ausschauende Tiere ...

Da ist die Brust wieder in deiner Hand, du spürst sie wieder. Es ist die Brust, es war nur die Verführung des Fleisches, nicht die der Liebe. Lose, leise; lockere den Mund, wir dürfen das kleine Mädchen nicht erschrecken, es ist bloß verdorben. Aber es hat nichts für seine Verdorbenheit eingetauscht, nicht einmal Wissen. Es weiß nichts von sich, es ist wie eine Schlafwandlerin, man darf es nicht plötzlich aufwecken. Peter war anders – oh, Peter war ganz anders! Sie wußte alles – aber sie war unschuldig wie ein Kind. Es kann unmöglich stimmen, was sie mir auf der Wache von ihr erzählt haben. Peter war nicht verderbt, sie wußte, aber sie war immer unschuldig ...

Was ist Ihnen? fragt Weio und sieht ihn verständnislos an. Woran denken Sie?

Ach – sagt er verloren. Ich habe mich eben an was erinnert ...

Erinnert –?! fragt sie.

Ja, sagt er. Erinnert. Ich gehöre einer andern Frau. Er sieht die plötzliche Veränderung ihres Gesichtes, das Erschrecken. Er sagt eilig: So, wie Sie einem andern Mann gehören.

Ja –? fragt sie folgsam. Sie ist so leicht zu lenken, ein junges Pferd, das Maul ist noch zart. Sie folgt jedem Zügelzug. Und die andere Frau – ist es auch vorbei?

Ich habe es gedacht, sagt er eilig. Aber eben fiel mir ein, daß es vielleicht doch nicht vorbei ist.

Eben –?

Sie steht da, im Fenster, zwischen den Vorhängen, wie er sie mitten im Kuß vergaß, das Haar unordentlich, die Brust noch immer entblößt, die Unterlippe weinerlich zitternd –: die Stätte der Lust, von der Lust verlassen ... Sie sieht bemitleidenswert aus.

Auch bei Ihnen ist es ja nicht wirklich vorbei, tröstet er hastig. Sie brauchen nur ein wenig zu warten, Sie wissen doch. Es ist nur ehrenhaft von ihm, daß er sich so lange zurückzog.

Meinen Sie –? fragt sie lebhafter. Sie meinen, er kommt wieder? Es sind nur meine dummen fünfzehn Jahre?

Natürlich! sagt er. Warten Sie, ich mache mich schnell zurecht, ich bringe Sie nach Haus. Wir können noch über alles reden.

Er dreht sich um, er geht zum Spiegel, kämmt sich das Haar. Brauchen Sie auch einen Kamm? ruft er. Da!

Er zieht sich seine Jacke an, wäscht sich die Hände, unterdes ist auch sie fertig geworden. Los! sagt er und schwingt sich durch das Fenster. Das Licht kann ruhig brennen bleiben, ich bin ja gleich wieder zurück.

Sie gehen gemächlich nebeneinander her, die Nacht ist lind und windstill, sie verlockt zum Bummeln und Schlendern. Als sich im Gehen ihre Hände zweimal gestreift haben, faßt er ihre Hand, und so gehen sie weiter, Hand in Hand, wie zwei gute Freunde.

Wissen Sie was, Weio, sagt Pagel, ich will Ihnen sagen, was ich eben entdeckt habe. – Eigentlich schickt es sich ja nicht, über so was mit jungen Mädchen zu sprechen, aber wer soll es Ihnen sonst erzählen? Ihre Eltern doch bestimmt nicht –!

Die! sagt Weio verächtlich. Die denken ja, ich glaube noch an den Klapperstorch!

Siehste! meint Pagel vergnügt. Wahnsinnig rückständig – was die sich einbilden! Bei den Schlagern heute soll sich ein junges Mädchen wohl keine Gedanken machen? Also, passen Sie auf – aber wie sage ich es meinem Kinde? Verdammt komisch, von solchen Sachen zu sprechen; man geniert sich, und ist wütend, daß man sich geniert ...

Ihre Entdeckung ... erinnert Weio.

Jaha! Also, ich habe Ihnen doch gesagt, ich gehöre einer andern Frau, und glauben Sie mir, die Minute vorher habe ich das noch nicht gewußt ...

Hören Sie mal! ruft Weio und bleibt stehen. Sie sagen mir reizende Sachen ...

Ach, Quatsch, Weio, haben Sie sich bloß nicht so! Das ist doch keine Beleidigung für Sie, Sie sind doch jung und hübsch – na, und so weiter! Also, die Sache ist so: ich hab's nicht gewußt, daß ich der andern gehöre. Früher, ehe ich sie kannte, habe ich so rumgeflirtet, mal da, mal dort ... Und ich habe gedacht, das ist immer so, das bleibt auch immer so: man verkracht sich, und dann ist eine andere da. Man hat die eine über, her mit der nächsten! Die Mädchen sind ja auch nicht anders, sagt er ein bißchen beschämt, zur Entschuldigung seines krassen Männerstandpunktes ... Denken Sie bloß an das Lied: Wenn an der nächsten Straßenecke schon ein andrer steht ...

So ist es doch auch, wenn's der eine nicht ist, ist's eben der andere! stimmt Violet zu.

Sehen Sie! sagt Pagel triumphierend. Das ist eben der Quatsch! Auf den Leim bin ich auch gekrochen! Aber es ist gar nicht wahr! Wie ich mit dem Peter angefangen habe, ich habe meine Freundin nämlich immer Peter genannt, eigentlich heißt sie Petra ...

Komischer Name! meint Weio abfällig.

Na, Violet ist nun auch nicht grade hinreißend! ärgert sich Pagel, lenkt aber sofort ein. Na also, das ist ja Geschmackssache. Mir gefällt Peter ausgezeichnet. Wie ich da mit Peter also ein Jahr zusammengehaust habe ...

Sie haben mit ihr richtig zusammen gelebt?!

Natürlich! Wie denn sonst? Da findet doch heute kein Mensch mehr was bei! Ich hab gedacht, das ist genauso wie mit den früheren. Diese ist friedlicher und netter, deswegen hält's ein bißchen länger. Und wie es dann doch zu Ende war, grade ehe ich hierher kam, dachte ich: nun also! Weg mit Schaden! Wird sich schon eine andere finden! Wissen Sie, sagt Pagel, sich besinnend, eigentlich, wenn man es sich jetzt so überlegt, ist es hundsgemein, so zu denken. – Aber was soll man tun, alle reden sie so, alle tun sie so, und dann denkt man, das ist auch so ...

Das ist auch so! erklärt Weio trotzig!

I wo, Schiete! ruft Pagel übermütig. Das ist ja grade meine Entdeckung! Die ganzen Wochen laufe ich hier nun schon in Neulohe herum, und soweit gefällt es mir ja ganz gut, danke schön, aber einen richtigen Mumm habe ich doch nicht gehabt. Früher, wenn ich morgens bloß aufwachte, freute ich mich schon, ganz ohne besonderen Grund, bloß weil ich da war; heute denke ich: ach, wieder so 'n Tag, na, rin ins Hemde, daß er rasch verbraucht wird ...

Genau wie bei mir, sagt Weio. Mich freut auch nichts mehr.

Dieselbe Krankheit, meine Dame! ruft Pagel. Ich puhle Ihnen das noch genau auseinander! Also keinen Mumm mehr und keinen Spaß mehr, und körperlich ist einem auch so unfrisch ...

Ich will Ihnen was sagen, erklärt Violet wichtig. Ich habe das gelesen: Sie haben einfach Abstinenzerscheinungen – wo Sie doch ganz mit ihr zusammen gelebt haben.

I du Donnerwetter! ruft Wolfgang Pagel verblüfft. Für Ihr Alter war das ganz hübsch, gnädiges Fräulein!

Er schweigt einen Augenblick nachdenklich. Bedenken steigen in ihm auf: ist es auch richtig, daß er einem so jungen Mädchen, grade diesem jungen Mädchen, von seiner Entdeckung erzählt –? Aber er beruhigt sich wieder; wäre sie wirklich, wie dieser Ausspruch vermuten läßt, sie hätte ihn nicht getan! Wirklich verdorbene Menschen suchen ihre Verderbtheit zu verbergen.

Nein, sagt er darum wieder nach einer Weile. Es gibt Mädchen genug im Dorf. Das ist es ja grade, was ich entdeckt habe, daß nicht an jeder Ecke eine andere steht. Oder eben doch: eine andere. Aber man sucht dieselbe. Glücklich kann nur dieselbe machen. Und auch Sie suchen denselben ...

Sie denkt eine Weile nach, dann sagt sie: Ich weiß es nicht, ich verstehe es nicht. Ich bin so ruhelos, immerzu treibt es mich um, und dann eben, wie ich in Ihr Fenster sah, dann ist mir so, als wäre es ganz gleich, wer es ist, als könnte jeder mir Ruhe geben ...

Ich, sagte Pagel, habe es jetzt erst begriffen. Wenn ich ein Mädchen sehe, und es mag mir noch so gut gefallen, ich muß es gleich mit Peter vergleichen, und dann weiß ich, es ist nichts.

Verstehen Sie das? fragt Weio und hat kaum auf ihn gehört. Nach so etwas kann man nun keinen Menschen fragen! Die Eltern nicht, keinen. Ich denke den ganzen Tag daran und nachts träume ich davon. Manchmal glaube ich, ich werde noch verrückt. Wenn Papa und Mama fort sind, schleiche ich in Papas Zimmer und sehe im Konversationslexikon nach. Aber wenn man darin liest, und man liest in Räders Buch, dann klingt es so, als wäre alles nur Körper. Und manchmal ist mir dann so, als stimmte es, und ich werde traurig. Und dann wieder sage ich mir: so kann es doch nicht sein ...

Natürlich ist es nicht nur der Körper, sagt Pagel. Das haben sie sich so zurecht gemacht. Wenn es nur der Körper wäre, dann wäre ja jeder für jede richtig, und da braucht man sich ja nur die andern anzusehen, um zu wissen, daß das nicht stimmen kann.

Da haben Sie recht, meint sie. Aber – vielleicht ist es doch so, daß mehrere stimmen? Vielleicht sehr viele? Bloß nicht alle! Alle natürlich nicht.

Ich denke jetzt: nur eine! sagt Pagel. Ich bin schrecklich froh, daß ich das gefunden habe ...

Herr Pagel ... sagt sie halblaut.

Ja –?

Herr Pagel – ich wäre – vorhin – schrecklich gern zu Ihnen ins Zimmer gekommen.

Er schweigt.

Sie sagt trotzig: Es ist sicher schrecklich gemein von mir, daß ich das sage, aber es ist doch so. Bei allen muß ich lügen, auch bei Fritz. Da will ich bei Ihnen einmal die Wahrheit sagen können.

Sie hätten sicher einen schrecklichen Kater bekommen, sagt er vorsichtig. Und ich auch.

Sagen Sie, fängt sie wieder an, vorhin, da an Ihrem Fenster – waren Sie darum so, weil ich erst fünfzehn bin, und weil man ein Lump ist, wenn man sich mit einer Fünfzehnjährigen einläßt?

Nein! sagt er verblüfft. Daran habe ich gar nicht gedacht.

Sehen Sie! ruft sie triumphierend. Dann braucht mein Leutnant auch kein Lump zu sein.

Sie ist stehengeblieben, sie sind oft stehengeblieben auf diesem Weg durch das Dorf – es ist ja nach elf Uhr, um diese Stunde schläft in der Erntezeit alles. Sie hat seine Hand losgelassen, er spürt, daß sie etwas sagen möchte.

Nun? fragt er.

Ich, bittet sie stockend und doch mit einer verzweifelten, fast flehenden Hartnäckigkeit. Ich möchte furchtbar gerne noch einmal mit Ihnen umkehren ...

Nein, nein, wehrt er ganz leise ab.

Da hat sie schon die Arme um seinen Hals geworfen, sie drückt sich an ihn, sie lacht und sie weint in einem Atem, sie überschüttet ihn mit ihren Küssen, sie möchte ihn verführen ...

Und unter dieser Verführung wird es ganz kalt in ihm, er drängt sie nicht zurück, er hält sie sogar lose in seinen Armen, damit sie nicht fällt. Er vergißt nicht wieder, daß sie ein halbes Kind ist ... Sein Mund bleibt kalt und sein Blut bleibt kalt, keine Flamme steigt mehr empor ...

Aber aus dem Dunkel wächst das Bild der andern, keiner behüteten andern, keiner höheren Tochter, keiner Erbin – wahrhaftig nicht! ›Es gibt etwas anderes‹, denkt er plötzlich erschüttert, immer stärker erschüttert, aufgewühlt und angefaßt. ›Man kann durch den Schmutz gegangen sein und viel Schlimmes erlebt haben, und man muß doch nicht schmutzig und schlimm geworden sein. Sie, sie, sie hat mich geliebt, und sie war rein – aber ich habe es nicht gewußt!‹ Und es scheint ihm so gleichgültig, was sie ihm da von Krankheit und Strich erzählt haben, es ist nicht wahr!

Und während er all dieses flüchtig bedenkt, bedrängen ihn ihre Küsse, ihre Zärtlichkeiten immer weiter. ›ach, wenn es ihr doch über würde, wenn sie es doch aufgäbe!‹ denkt er angeekelt. Aber es ist, als machte sie die eigene Zärtlichkeit immer närrischer und toller, sie stöhnt leise, sie faßt seine Hand und drückt sie wieder gegen ihre Brust ... ›Ich werde doch nicht noch grob werden müssen!‹ denkt er besorgt.

Da tönen Schritte aus dem Dunkel, schon ganz nahe ... Blitzschnell läßt sie von ihm und gleitet gegen den nächsten Zaun, an dem sie mit von der Dorfstraße abgewandtem Gesicht stehenbleibt ... Auch Pagel dreht sich halb ab ...

Und nun geht Herr von Studmann, das ewige Kindermädchen, dieses Mal das Kindermädchen, ohne es zu wissen, an ihnen vorüber. Er scheint durch das Dunkel nach ihnen zu spähen, ja, er rückt sogar an seinem Hut, er sagt höflich: Guten Abend.

Pagel knurrt etwas, und vom Zaun kommt ein Laut – ist es Lachen? Ist es Weinen? Dann verhallen die Schritte.

Das war Herr von Studmann, Fräulein Violet, sagt Pagel.

Ja, ich muß schnell nach Haus, meine Eltern werden jetzt schlafen gehen. Gott, wenn Mama in meinem Zimmer nachsieht! Sie läuft eilig neben ihm her, sie stößt wütend hervor: Und alles wegen gar nichts! So ein trauriger Mond!

Ich denke, Sie waren bei Ihren Großeltern? fragt Pagel, ein wenig spöttisch.

Ach, Quatsch! ruft sie wütend. Sie können mir ja leid tun, wenn Sie noch nicht kapiert haben, was ich gesucht habe!

Pagel antwortet nicht mehr, und auch sie schweigt nun. Sie erreichen die Villa. Gottlob, sie sind noch unten! ruft sie. Aber grade, wie sie es sagt, geht das Licht in des Rittmeisters Zimmer aus, und die schräg aufsteigenden, bunten Fensterchen des Treppenhauses werden hell. Los, das Spalier hoch! Vielleicht schaffe ich es noch! ruft Violet.

Sie laufen um das Haus herum.

Bücken Sie sich, ich steige Ihnen auf den Buckel! ruft sie und lacht. Das ist ja doch das einzige, wozu Sie taugen!

Immer gerne zu Diensten, erklärt Pagel höflich. Sie steht schon oben, angelt nach einer Spalierlatte.

›Eine Elfe bist du auch nicht‹, denkt Pagel, er merkt, wie sie ihn mit Vergnügen ihr volles Gewicht spüren läßt. Aber jetzt ist sie schon höher, er tritt in einen Busch, die Glyzinienranken rascheln, nun verschwindet der helle Schatten in der dunklen Fensterhöhle.

Pagel sieht noch vier andere Fenster hell werden, er hört durch das offene Fenster den Rittmeister klagen, schimpfen und jammern.

›Klingt ziemlich besoffen‹, sagt er überrascht zu sich.

Er macht sich auf den Heimweg. ›Ich muß der Mama doch noch von Petra schreiben‹, denkt er. ›Sie muß sich erkundigen, was aus ihr geworden ist. Und habe ich in einer Woche keinen Bescheid, fahre ich nach Berlin. Ich werde sie schon finden ... Die Weio ist ein schwerer Fall ... Na, laß!‹

Aber die Zeitungen ...

Aus dem Sommer wurde langsam der Herbst, die gelben Getreideschläge leerten sich, der Schälpflug bräunte die helle Stoppel, die Leute auf dem Lande sagten: Ja, das hätten wir wieder einmal geschafft! Sie spuckten in die Hände und mähten das Grummet, manche fingen schon mit den Kartoffeln an!

Ja, es war etwas getan worden, eine gewisse Menge Arbeit war geleistet. Aber schlugen sie dann die Zeitungen auf – selten am übermüden Feierabend, eher noch am Sonntag – und lasen in ihnen: Was war nun draußen geschafft worden? Was hatte man in der Welt für Arbeit geleistet?

Die Leute lasen in den Zeitungen, daß die Regierung Cuno gestürzt worden war. Die Regierung Stresemann tauchte auf, der die Franzosen freundlicher gesinnt sein sollten – aber die Franzosen wurden nicht freundlicher.

Sie lasen davon, daß jetzt sogar in der Reichsdruckerei gestreikt wurde. Nun gab es eine Weile gar kein Geld mehr, nicht einmal das Dreckgeld.

Sie lasen davon, daß ein Krieg anhob, erst noch ein Papierkrieg, zwischen dem Reichswehrminister und dem sächsischen Ministerpräsidenten. Sie lasen auch von einem Kampf der bayerischen Regierung gegen die Reichsregierung.

Sie lasen davon, daß England seinen Widerstand gegen die französische Ruhrbesetzung aufgegeben habe; sie lasen von Separatisten-Demonstrationen in Aachen, Köln, Wiesbaden, Trier; sie lasen davon, daß das Reich in einer Woche an Unterstützungen für Rhein und Ruhr 3 500 Billionen Mark ausgegeben habe. Dann lasen sie von der Aufgabe des passiven Widerstandes an der Ruhr und am Rhein, der Kampf gegen die widerrechtliche Besetzung durch die Franzosen wurde aufgegeben.

Sie lasen davon, daß der Export aufgehört habe, daß die deutsche Wirtschaft vernichtet sei; sie lasen auch von Kämpfen zwischen Separatisten und Polizei – die Polizisten aber wurden von den Franzosen in die Gefängnisse gesteckt.

In dieser Zeit, in diesen wenigen Erntewochen stieg der Dollar von vier Millionen Mark auf hundertsechzig Millionen!

Wofür arbeiten wir? fragten die Leute. Wofür leben wir? fragten sie. Die Welt geht zugrunde, alles zerfällt, sagten sie. Laßt uns noch fröhlich sein und unsere Schmach vergessen, ehe wir dahin müssen!

So sagten sie, dachten sie, handelten sie.

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