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Wolf unter Wölfen. Erster Teil. Die Stadt und ihre Ruhelosen

Hans Fallada: Wolf unter Wölfen. Erster Teil. Die Stadt und ihre Ruhelosen - Kapitel 7
Quellenangabe
authorHans Fallada
titleWolf unter Wölfen. Erster Teil. Die Stadt und ihre Ruhelosen
publisherro ro r
year1952
printrun
isbn3499110571
firstpub1937
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel.
Das Gewitter ist vorbei, aber es bleibt schwül

1

Nach dem ersten Ansturm von minderen und hohen Angestellten des Hotels war es still um das Freundespaar Prackwitz und Studmann geworden. Der Empfangschef lag auf einer alten, recht löchrigen Chaiselongue in einem Kellerraum des Hotels und schlief. Er schlief den bleiernen und häßlichen Schlaf der Betrunkenen, mit hängendem Kinn, feuchtem Mund und einem gedunsenen Gesicht, dessen Haut plötzlich stopplig aussah, als sei sie lange nicht rasiert. Über die Stirn lief eine rote Schramme von dem Treppensturz her.

Von Prackwitz sah den Freund an, dann die Kellerstube. Es war kein einladendes Gemach, in das sie ihren Empfangschef getragen hatten. Eine große elektrische Rolle nahm den meisten Platz ein. In der Ecke waren leere Waschkörbe zusammengestellt, zwei Bügelbretter lehnten an der Wand.

Als ein Kellner hereinspähte – alles schien sich im Recht zu glauben, ohne jeden Umstand hereinzuschauen, an der Tür ungenierte Bemerkungen zu machen, ja, zu lachen – fragte Rittmeister von Prackwitz recht ärgerlich: Herr von Studmann muß doch hier im Hotel sein eigenes Zimmer haben. Warum ist er nicht in sein Zimmer geschafft worden?

Der Kellner zuckte die Achseln und sagte mit einem neugierigen Blick auf den Schlafenden: Woher soll ich denn das wissen? Ich habe ihn doch nicht hierhergeschleppt!

Von Prackwitz bezwang sich. Schicken Sie mir – bitte – jemanden von der Leitung.

Der Kellner verschwand. Prackwitz wartete.

Aber es kam niemand. Es kam lange Zeit niemand. Der Rittmeister lehnte sich auf dem Küchenstuhl zurück, schlug die Beine übereinander und gähnte. Er war müde und abgespannt. Er fand, er hatte reichlich viel erlebt, seit heute morgen sein Zug, von Ostade her kommend, in den Schlesischen Bahnhof eingefahren war. Zu viel eigentlich für einen schlichten Landbewohner, der großstädtischen Erregungen entfremdet war.

Der Rittmeister brannte sich eine Zigarette an, vielleicht würde die ihn ein bißchen frisch machen. Nein, es kam immer noch niemand. Es mußte sich ja eigentlich auch bei der Leitung des Hotels herumgesprochen haben, daß der Empfangschef und Subdirektor angesichts der überfüllten Hotelhalle – nach einigen wirren Reden – die Treppe hinabgestürzt war. Trotzdem bemühte sich keiner von den Herren. Der Rittmeister runzelte unwillig die Stirn. Es war kein Zweifel: irgend etwas bei dieser Sache stimmte nicht. Es war kein einfaches Fallen von der Treppe gewesen, wie es einmal – durch die Tücke des Objekts – auch dem Besterzogenen passieren kann. Die Zudringlichkeit des unteren, das Fernbleiben des oberen Hotelpersonals, der Atem des Schläfers verrieten es zur Genüge: Oberleutnant von Studmann war betrunken, sinnlos betrunken gewesen. War es noch.

Von Prackwitz überlegte, ob Studmann vielleicht ein Trinker geworden sei? Möglich war das. Möglich war in diesen verfluchten Zeiten alles. Aber der Rittmeister verwarf den Gedanken an gewohnheitsmäßiges Trinken trotzdem sofort wieder. Einmal fällt ein Gewohnheitstrinker keine Treppen hinunter – so etwas geschieht nur den Dilettanten im Trinken; zum andern behält die Leitung keines großen Hotels einen Trinker in ihren Diensten.

Nein – und Rittmeister von Prackwitz stand auf und fing an, in der Rollkammer auf und ab zu gehen -, dieser Fall Studmann lag anders. Irgend etwas ganz Unerwartetes war geschehen, etwas, das man schon erfahren würde, über das sich aber jetzt den Kopf zu zerbrechen sinnlos war. Es kam nur darauf an, welche Folgen diese Sache für Studmann haben würde. Aus dem Benehmen des Personals schloß Prackwitz, daß diese Folgen sehr unangenehm sein würden. Er war entschlossen, den Freund, solange er nicht selbst verhandlungsfähig war, zu verteidigen – mit Zähnen und Krallen!

›Mit Zähnen und Krallen!‹ wiederholte der Rittmeister bei sich, sehr zufrieden mit dieser kriegerischen Formulierung.

›Wenn aber‹, dachte er weiter bei sich, ›alles nichts hilft (und man kennt ja diese kalten Geldsäcke), so ist vielleicht auch das nicht so ganz übel. Ich könnte ihn vielleicht überreden ...‹

Jetzt denkt der Rittmeister an seinen einsamen Weg durch die Lange Straße zur Schnitter-Vermittlung. Er denkt daran, wie viele Wege er seit seiner Militärzeit einsam marschiert ist, immer jenen einen bewußten imaginären Punkt vor Augen. Er erinnert sich, wie oft ihm ein Kamerad gefehlt hat. In der Kadettenanstalt, beim Kommiß, im Kriege – stets hatte es Kameraden gegeben, mit denen man schwatzen konnte, Kerle gleicher Gesinnung, gleicher Interessen, gleicher Ehre. Seit dem Kriege war es mit all dem vorbei, jeder war für sich allein; es gab keinen Zusammenhalt, keine Gemeinsamkeit mehr.

›Als Gast würde er aber nicht kommen mögen‹, überlegt der Rittmeister und denkt weiter nach. Warum soll er sich denn etwas vormachen? Heute

früh auf der Schnitter-Vermittlung hat er einen Fehler gemacht, und als er dem Vorschnitter auf dem Schlesischen Bahnhof die Dollars gab, hat er wieder einen Fehler gemacht. Sein Benehmen auf dem Polizeipräsidium war vielleicht auch nicht ganz richtig, und als er sich vor einer Stunde, nach endloser Lauferei und Rederei, von einem Vermittler sechzig Leute aufschwatzen ließ, die er überhaupt erst morgen früh zu Gesicht bekommen soll, bloß um endlich diese ekelhafte Geschichte zu einem Schluß zu bringen, war das vielleicht auch nicht sehr klug.

Er ist eben zu hitzig, unbesonnen, drauf und dran, Zieten aus dem Busch – aber dann plötzlich gelangweilt, angeekelt von allem. Außerdem: er versteht vieles nicht gut genug«; sein Schwiegervater, der alte Geheimrat von Teschow, hat vielleicht recht: er wird nie ein richtiger Geschäftsmann werden!

Der Rittmeister wirft seinen erloschenen Stummel in eine Ecke und brennt sich eine neue Zigarette an. Jawohl, er legt sich selbst Entbehrungen auf, er raucht diesen Schund statt seiner Lieblingsmarke. Er fängt auch mit seiner Frau Streit an, wenn sie sich wieder einmal zwei Paar seidene Strümpfe gekauft hat. Aber wenn der Viehhändler da ist und handelt mit ihm um die Fettochsen, und redet eine Stunde und handelt die zweite Stunde, und läßt sie wegschicken und ist wieder da, und klebt und ist demütig, wenn er angebrüllt wird – schließlich gibt dann der Herr Rittergutspächter von Prackwitz nach. Er ist weich geworden oder gelangweilt oder angeekelt, und verkauft nun die schönen Ochsen zu einem Preis, der den alten Geheimrat, wenn er ihn nur hört, leise juchzen macht. Worauf er natürlich sofort sagt: Entschuldigen Sie, Joachim. Ich rede Ihnen natürlich nicht in Ihre Wirtschaft rein. Nur – ich habe nie Geld genug gehabt, um es aus dem Fenster zu schmeißen!

Nein, er würde unschwer Studmann davon überzeugen können, daß er eine sehr notwendige, sehr brauchbare, gar nicht hoch genug zu bezahlende Hilfskraft auf Neulohe sein würde, von der Kameradschaft ganz zu schweigen. Mit Meier würde es auf die Dauer ja doch nicht gehen. Was da Violet vorhin am Apparat gesagt hatte (als er wegen der Wagen morgen vormittag telefonierte), daß Meier nicht einfahren ließ, sich dafür aber am frühen Nachmittag dumm und duhn getrunken hatte, mitten im Dienst, das ging ihm denn doch über die Hutschnur!

Des Rittmeisters Blut entzündet sich an der Vorstellung eines im Dienst betrunkenen Feldinspektors Meier: ›Ich schmeiß den Bruder morgen früh achtkantig raus! Viel zu gutmütig bin ich immer mit den Kerls! Achtkantig fliegt er –!‹

Bis sein Blick auf den schlafenden Freund fällt und ihn sein Sinn für Recht mahnt, daß auch der sich im Dienst betrunken hat.

›Bei Studmann ist das natürlich eine ganz andere Sache!‹ Will sich der Rittmeister einreden. ›Bei ihm müssen besondere Verhältnisse vorliegen.‹

Aber schließlich steht nichts der Annahme im Wege, daß auch beim Feldinspektor Meier besondere Verhältnisse vorgelegen haben – auch seine Gewohnheit war es bisher nicht, sich im Dienst zu betrinken.

›Natürlich bloß, weil ich verreist bin!‹ sagt sich der Rittmeister ärgerlich, aber auch das verfängt nicht recht, denn er war schon öfter verreist, ohne daß Ähnliches geschah. Und so verliert er sich denn doch wieder in Vermutungen zu dem Fall Studmann einerseits und zu dem Fall Meier andererseits, als es gottlob klopft und ein dunkel gekleideter, älterer Herr eintritt und sich mit einer Verbeugung als Doktor Zetsche, Hotelarzt vorstellt.

Auch von Prackwitz nennt seinen Namen und erklärt, er sei ein Freund von Herrn Studmann, alter Regimentskamerad.

Ich war zufällig grade in der Halle, als der Unfall geschah.

Der Unfall, ja, meinte der Arzt und sah, nachdenklich mit einem Finger die Nase reibend, den Rittmeister an. Sie nennen es also einen Unfall?

Wenn jemand eine Treppe hinunterfällt, nicht wahr? sagte der Rittmeister abwartend.

Trunkenheit! stellte der Arzt bei von Studmann fest. Völlige Trunkenheit. Alkoholvergiftung. Die Schramme auf der Stirn hat nichts zu bedeuten.

Wissen Sie –? fing der Rittmeister vorsichtig an.

Etwas Eumed oder Aspirin oder Pyramidon – was grade zur Hand ist, wenn er aufwacht, verordnete der Arzt.

Hier dürfte, sagte der Rittmeister mit einem Blick durch die Rollstube, nichts zur Hand sein. Können Sie nicht veranlassen, daß mein Freund auf sein Zimmer geschafft wird? Es war ein böser Fall.

Es ist ein böser Fall! rief der Arzt mit Nachdruck. Sechs Leute oben – genauso betrunken –, alles Angestellte des Hotels. Eine Orgie – unter der Leitung Ihres Freundes. Und der einzige nicht betrunkene Teilnehmer, der Gast des Hotels, Herr Reichsfreiherr Baron von Bergen – niedergeschlagen von Ihrem Freund!

Aber ich verstehe nicht ... sagte der Rittmeister, ganz verwirrt von diesen märchenhaften Enthüllungen.

Ich verstehe es auch nicht! sagte der Arzt fest. Und ich will es auch gar nicht verstehen!

Aber erklären Sie mir doch ... bat der Rittmeister.

Es gibt keine Erklärung! sagte der Arzt unerschütterlich. Der Gast, ein Reichsfreiherr – niedergeschlagen von dem betrunkenen Empfangschef!

Es müssen, rief der Rittmeister hitziger, besondere Umstände vorgelegen haben. Ich kenne Herrn von Studmann schon lange, er hat stets, auch unter schwierigsten Verhältnissen, seine Pflicht getan.

Zweifelsohne, sagte der Arzt höflich und zog sich vor dem Erregten gegen die Tür zurück.

Als er den Türgriff in der Hand hatte, rief er, plötzlich auch erregt: Das eine Frauenzimmer war halbnackt – in der Gegenwart des Reichsfreiherrn!

Ich verlange, rief der Rittmeister mit starker Stimme, daß Herr von Studmann in ein menschenwürdiges Gelaß gebracht wird!

Er eilte dem fliehenden Arzt nach.

Ich mache Sie verantwortlich, Doktor!

Ich lehne, rief der Arzt dahinfliehend über die Schulter, ich lehne jede Verantwortung an dieser Orgie und ihren Teilnehmern ab!

Und er stürzte in einen Seitengang.

Der Rittmeister stürzte ihm nach.

Er ist krank, Herr Doktor!

Der Doktor hatte sein Ziel erreicht. Leicht sprang der alte Herr in den offenen Paternosterfahrstuhl.

Er ist betrunken, rief er, schon mit den Füßen in Bauchhöhe des anstürmenden Gegners. Der hätte ihn gerne mit Gewalt seinen Pflichten zugeführt – umsonst, schon tauchte die nächste Fahrstuhlzelle vor ihm auf, der pflichtvergessene Arzt war endgültig seinen Blicken entflohen.

Von Prackwitz, der mit all seinem Eifer nichts – außer der belanglosen Verordnung von Pyramidon – für seinen Freund erreicht hatte, stieß einen Fluch aus und machte sich auf den Rückweg zur Rollstube. Doch der Wirrwarr der weißen Gänge mit den immer gleichen Türen machte ihn ratlos. Auf der Jagd nach dem Arzt hatte er nicht darauf geachtet, welche Haken dieser Hase geschlagen hatte, er ging suchend, unsicher hin und her – einmal mußte er doch alle Gänge untersucht haben. Blieb er nur ausdauernd, fand er auch die Tür, er erinnerte sich genau, sie offengelassen zu haben.

Er ging und er ging. Weiße Türen, weiße Gänge. Sein Ortssinn wollte ihm einreden, daß er sich immer mehr von seinem Ziel entfernte, aber schließlich müssen die Kellerräume selbst eines großen Hotels einmal ein Ende nehmen. Aber da waren nun die Treppen. Hatte er vorhin eine Treppe passiert? Aufwärts oder abwärts? Er stieg abwärts, überzeugt, daß dies falsch war, und traf auf ein ältliches weibliches Wesen, mit einem strengen Blick hinter einem Klemmer, das in völliger Einsamkeit Wäsche in Schränke ordnete.

Das Fräulein drehte sich beim Klang seiner Schritte um und musterte ernst den Fremden.

Von Prackwitz, im Bewußtsein, hier ganz unbefugt zu wandern, grüßte sehr höflich. Die Wäschebewahrerin neigte ohne ein Wort ernst den Kopf. Von Prackwitz entschloß sich: Ach, bitte, wie komme ich hier zur Rollstube?

Sein höfliches Lächeln milderte in nichts den Ernst der Dame. Sie schien nachzusinnen, dann machte sie eine umfassende Handbewegung: Wir haben hier so viele Rollstuben ...

Prackwitz versuchte, ihr die seine zu schildern, ohne Studmann erwähnen zu müssen. In der Ecke stehen Wäschekörbe, beschrieb er. Ach richtig! Und eine Chaiselongue mit blaugeblümter Bespannung. Ziemlich zerrissen, setzte er nicht ohne Bitterkeit hinzu.

Wieder dachte sie nach. Schließlich sagte sie abweisend: Ich glaube nicht, daß wir eine fehlerhafte Chaiselongue haben. Bei uns wird immer alles gleich repariert.

Dies war nun eigentlich nicht die Wissenschaft, die sich Prackwitz auf seine Fragen gewünscht hatte. Aber er hatte in seinem früheren wie in seinem jetzigen Beruf stets mit Menschen zu tun gehabt, und so war ihm diese Spezies, die auf eine Frage nie exakt zu antworten weiß, wohlbekannt.

Trotzdem versuchte er es noch einmal. Wo ist wohl die Hotelhalle, fragte er.

Prompt kam die Antwort: Den Gästen aus dem Hotel ist das Betreten der Wirtschaftsräume gänzlich untersagt.

Gans, sagte der Rittmeister ernst.

Wie –?! schrie sie fast und verlor völlig Strenge und Haltung, bekam etwas hühnerhaft Gescheuchtes.

Ganz oder besser noch strengstens untersagt, verbesserte der Rittmeister. Nicht gänzlich. – Guten Abend also und besten Dank!

Er grüßte mit Würde, als sei sie die Kommandeuse des Regiments und er ein junger Leutnant. Er entschritt. Ganz oder gänzlich verwirrt blieb sie zurück.

Der Rittmeister ging jetzt ruhiger in die Irre, der kleine Zwischenfall hatte ihn aufgefrischt. Zwar hatte er wiederum nichts für den Freund erreicht, wie er mit Bedauern bei sich feststellte, aber immerhin tat so etwas gut. Außerdem schritt er jetzt auf Teppichen, und wenn er sich vielleicht auch immer mehr von Studmann entfernte, näherte er sich womöglich bewohnten Gegenden des Hotels.

Plötzlich stand er vor einer langen Türenreihe aus matt gewachster Eiche, festen, Vertrauen erweckenden Türen.

›Kasse I‹ las er. ›Kasse II‹ las er. Er ging weiter. Es kamen die Betriebskasse, Einkauf A und Einkauf B, Angestelltenfragen, Syndikus, Arzt.

Der Rittmeister sah das Arztschild mißbilligend an, zuckte dann die Achseln und ging weiter.

›Sekretariat‹.

›Höher hinauf‹, entschied der Rittmeister.

›Direktor Hasse‹.

Er besann sich. Nein. Weiter. Noch weiter.

›Direktor Kainz‹. ›Direktor Lange‹. ›Direktor Niedergesäß‹.

›Sehr anziehend, zweifelsohne.‹

Er überlegte. Ein Direktor Niedergesäß mußte etwas Anziehendes haben ein Mensch, der solchen Namen zum Trotz Direktor wurde, war unbedingt eminent tüchtig.

Aber dann fiel dem Rittmeister ein, daß er es den Leuten ja unbedingt zeigen wollte, und er ging noch eine Tür weiter. Er hatte recht getan, an dieser Tür hing ein Schild ›Generaldirektor Vogel‹.

›Dieser Vogel soll mir singen‹, dachte der Rittmeister, klopfte kurz entschlossen und trat ein.

Hinter dem Schreibtisch saß ein grauer, fahler, großer, massiger Mann, der einer sehr hübschen jungen Sekretärin etwas in die Maschine diktierte. Er sah kaum auf, als der Rittmeister sich vorstellte.

Bitteangenehmbittenehmensieplatz ... sagte er hastig, mit der zerstreuten, wesenlosen Höflichkeit der Männer, die beruflich immer wieder neue Menschen kennenlernen müssen. Einen Augenblick bitte. – Wie weit waren wir, Fräulein? – Rauchen Sie, bitte, bedienen Sie sich!

Das Telefon klingelte.

Sehr leise sprach er in den Apparat, doch sehr deutlich: Vogel. – Ja, Vogel selbst. – Sein Arzt kommt? – Wie heißt er? Wie –? Buchstabieren Sie! Wie heißt er? Schröck? Geheimrat Schröck? – Wann kommt er? In fünf Minuten? Schön, sofort zu mir. – Ja, doch, es läßt sich machen. – Ich habe nur noch etwas zu diktieren und eine kurze Besprechung – er sah den Rittmeister nachdenklich, zerstreut über das Telefon hin an ... drei Minuten. – Schön. Also keinesfalls hinauf nach 37, sondern zu mir. Danke.

Der Hörer wurde eilig, doch sorgfältig aufgelegt.

Wie weit waren wir, Fräulein?

Das Fräulein murmelte etwas, der Generaldirektor fing wieder an zu diktieren.

›Drei Minuten gibst du mir‹, dachte der Rittmeister ärgerlich. ›Na, warte, du sollst dich geirrt haben! Ich werde dir zeigen ...‹

Seine Gedankenkette riß ab. Er hörte einen Namen, stutzte, hörte genauer hin ...

Der Direktor diktierte eilig, tonlos: Wir bedauern es außerordentlich, daß Herr von Studmann, dessen menschliche wie fachliche Qualitäten wir während seiner anderthalbjährigen Tätigkeit in hiesigem Betriebe so überaus schätzen gelernt haben ...

Der Generaldirektor holte Atem ...

Einen Augenblick! rief der Rittmeister lebhaft und stand auf.

Einen Augenblick! sagte der Direktor tonlos. Ich bin sofort fertig. – Wie weit waren wir, Fräulein –?

Nein, Fräulein, protestierte der Rittmeister. Bitte – wenn ich recht verstanden habe, diktieren Sie ein Zeugnis für Herrn von Studmann? Herr von Studmann ist mein Freund.

Ausgezeichnet, sagte der Direktor grau. So werden Sie sich seiner annehmen. Wir waren in Verlegenheit ...

Herr von Studmann liegt auf einer zerrissenen Chaiselongue in einer Plättstube, klagte der Rittmeister erbittert. Keine Seele kümmert sich um ihn.

Sehr bedauerlich, gab der Direktor höflich zu. Ein Mißgriff, den ich mit der augenblicklich durch das Ereignis geschaffenen Unordnung zu entschuldigen bitte. – Fräulein, rufen Sie an. Herr von Studmann ist unauffällig in sein Zimmer zu bringen. Unauffällig, Fräulein, bitte, unauffällig!

Sie wollen Herrn von Studmann rausschmeißen! rief der Rittmeister empört und zeigte auf den Stenogrammblock. Man verurteilt keinen Angeklagten, ohne ihn zu hören.

Das Fräulein telefonierte. Der Generaldirektor sagte unberührt, grau: Herr von Studmann wird sofort auf sein Zimmer geschafft.

Sie dürfen ihn nicht ohne weiteres entlassen! rief von Prackwitz.

Wir entlassen ihn nicht, widersprach der Generaldirektor.

Von Prackwitz hatte den Eindruck, als könne dieser graue Koloß von keiner Erregung, keiner Bitte, keinem menschlichen Gefühl erreicht werden.

Wir bewilligen Herrn von Studmann einen längeren Urlaub.

Herr von Studmann braucht keinen Urlaub! versicherte der Rittmeister, zwar ahnungslos, aber heftig. Doch spürte er schon, wie sein Zorn vor diesem unangreifbaren, leidenschaftslosen Grau zerrann.

Herr von Studmann braucht Urlaub, beharrte der andere. Seine Nerven sind angegriffen.

Sie verurteilen ihn ohne Anhören, rief der Rittmeister schwächer.

In dem von dem Reichsfreiherrn Baron von Bergen bewohnten Zimmer, sagte der Generaldirektor eintönig, als lese er ein Protokoll vor, fanden wir neunzehn Sektflaschen, davon fünfzehn geleert. Vier Cognacflaschen – leer. Zwei Boys des Hotels – völlig betrunken. Zwei andere männliche, aber erwachsene Angestellte des Hotels – völlig betrunken. Ein mangelhaft bekleidetes Zimmermädchen des Hotels – völlig betrunken. Eine aushilfsweise beschäftigte Reinmachefrau – völlig betrunken. Den Gast, Herrn Baron von Bergen – völlig nüchtern, aber mit blau geschlagenem Auge, aber nahezu besinnungslos infolge mehrerer brutaler Schläge über den Kopf. Wo wir Ihren Freund Herrn von Studmann fanden, das wissen Sie vermutlich.

Doch etwas betreten neigte Rittmeister von Prackwitz den Kopf.

Einerseits, sagte der Generaldirektor nicht mehr ganz so farblos, ehrt Sie die Freundestreue. Andererseits frage ich Sie: beteiligt sich ein gebildeter Mensch mit gesunden Nerven an solchem Bacchanal?

Aber es muß doch eine besondere Ursache vorgelegen haben! rief von Prackwitz verzweifelt aus. Ohne das würde Herr von Studmann nie ...

Können Sie sich eine besondere Ursache denken, aus der Sie sich an solcher Orgie beteiligen würden, Herr von ...?

Prackwitz, half von Prackwitz aus.

Herr von Prackwitz. Es muß Ihnen doch verständlich sein, daß wir einen so kompromittierten Mann nicht weiter in unserem Betrieb beschäftigen können. Schon wegen der Angestellten ...

Es klopfte kurz, kriegerisch.

Auf flog die Tür, und herein stürmte ein kleiner, säbelbeiniger Greis mit hoher, schöner Stirn, funkelnden blauen Augen und einem vergilbenden, früher wohl brandroten Vollbart. Ihm folgte langsamer ein untersetzter, kräftiger Mann, dem das Jackett über den Schultern stramm saß wie bei einem Preisboxer.

Haben Sie ihn noch?! schrie der gerötete Greis mit Krähstimme. Wo haben Sie ihn?! Lassen Sie ihn um Gottes willen nicht weg! Türke, kümmern Sie sich! Tummeln Sie sich!! Lassen Sie ihn nicht fort! Laufen Sie! – Seit vierundzwanzig Stunden rase ich durch ganz Berlin diesem Burschen nach! Ich glaube, es gibt kein Nuttenlokal in dieser elenden Stadt, in das ich nicht schon meine kummervolle Nase gesteckt habe! Verdammt!!

Er hatte mit der Hand die besagte Nase ergriffen und sah atemlos die Erstarrten im Kreise an. Hinter ihm hielt sich noch immer, ohne sich zu tummeln, der Vierschrötige im zu engen Jackett, vermutlich also Herr Türke.

Als Erster enttauchte der Generaldirektor seiner Erstarrung – wahrscheinlich hatte ihn sein Beruf gegen die wildesten Ausgeburten menschlicher Spezies abgehärtet.

Vogel, stellte er sich vor. Vermutlich spreche ich mit Herrn Geheimrat Schröck?

Nein, ich spreche mit Ihnen! schrie der Greis. Er ließ seine Nase los. Der Übergang von Ruhe zu stärkstem Ausbruch war so plötzlich, daß alle – ausgenommen der unerschütterliche Herr Türke – erschraken. Ein unbändiges Temperament mußte in diesem säbelbeinigen Alten stecken. Ich frage Sie seit drei Minuten, ob der Kerl noch hier ist!

Wenn Sie den Reichsfreiherrn Baron von Bergen meinen, fing grau und verschollen der Generaldirektor wieder an, so ist er meines Wissens auf Zimmer 37 ...

Türke! schrie der Geheimrat Schröck, haben Sie es gehört: Zimmer 37 –? Gehen Sie rauf, bringen Sie mir den infamen Bengel runter, wie er geht und steht. Passen Sie auf, Sie kennen seine Mätzchen! Denken Sie daran, daß er Ihren Kollegen in seinem Zimmer eingesperrt hat ...

Der Vierschrötige nickte brummig: Mir kommt er schon nicht aus. Mit mir hätte er so was nicht machen dürfen, Herr Geheimrat ...

Er schob sich langsam aus der Tür.

Ein ausgezeichneter Irrenpfleger! murmelte der Geheimrat. Ein Mann ohne eine Spur Sentimentalität! Und mit plötzlich neu erwachender Besorgnis: Er wird doch nicht etwa wieder ausgerissen sein –?

Nein, nein, beruhigte der Generaldirektor vorsichtig den Irrenarzt. Er kann nicht fort. Es ist leider einiges vorgefallen ... Mit einem Blick auf den Rittmeister: Ich berichte Ihnen sofort, wenn ich diesen Herrn ...

Mit einem erleichterten Seufzer ließ sich Geheimrat Schröck in einen Sessel sinken. Er trocknete sich die Stirn. Also er kann nicht weg. Gottlob! Es ist etwas vorgefallen. Wohin der Bursche auch kommt, fällt etwas vor. Mit einem Seufzer der Ergebung: Polizei? Staatsanwalt?

Nein, nein, beeilte sich der Generaldirektor Vogel, das wird nicht nötig sein. Der Herr wird sicher Abbitte leisten. Mit einem bösen, eiligen Blick auf den Rittmeister: Wir werden jeden Schaden ersetzen. Einer unserer Angestellten hat sich leider so weit vergessen, den Herrn Baron zu schlagen.

Der Greis schnellte aus dem Sessel hoch. Wo ist er? Wer ist es? Auf den Rittmeister zu: Sind Sie es?

Er hat ihm anscheinend eine Sektflasche an den Kopf geworfen! klagte in fahler, aber unverbindlicher Betrübnis der Generaldirektor.

Ausgezeichnet! schrie der Greis. Eine Sektflasche – großartig! Sie nicht –? Ihr Freund? Lassen Sie mich Ihren Freund sehen! Ich muß ihm danken. Es geht nicht? Warum geht es nicht?

Ihr Pflegling scheint meinen Freund – und noch ein halbes Dutzend andere – auf rätselhafte Weise betrunken gemacht zu haben.

Na also, sagte Geheimrat Schröck. Also die übliche Schweinerei! Er setzte sich ergeben. Ich werde das in Ordnung bringen, niemand soll Schaden erleiden. Sie da, mein sehr verehrter Herr Generaldirektor, scheinen noch von dem Titel ›Reichsfreiherr‹ und so weiter geblendet zu sein. Lassen Sie sich sagen, dieser Reichsfreiherr ist der windigste, verdorbenste, gemeinste, sadistischste Bengel der Welt! Und feige dazu!!

Herr Geheimrat! bat der Generaldirektor förmlich.

Es ist so! funkelte der Geheimrat. Er bildet sich ein, weil er wegen Verschwendungssucht entmündigt worden ist, und weil er einmal in einer bösen Sache auf den §51 freigesprochen wurde, er kann nun tun, was er will. Faul und ohne Respekt, ohne eine Spur menschlichen Gefühls ... Er flammte neu auf. Morgens und abends müßte der Bengel Prügel haben, in ein Gefängnis müßte er, zum mindesten in eine staatliche Irrenanstalt ... da würden ihm seine Späße schon ausgetrieben werden –!

Er ist doch aber in Ihrem Sanatorium – ein armer Kranker! flehte der Generaldirektor.

Leider! schimpfte der Geheimrat. Leider immer noch. Ich biete ihn meinen Kollegen an wie saures Bier, aber keiner will ihn, trotzdem er mein höchstzahlender Patient ist. Ach was, Patient –! Einfach ein bösartiger Affe! – Wenn ich ihn jetzt wieder in meine Anstalt bringe, natürlich auf die geschlossene Abteilung, hinter Gitter und sichere Türen, hält er sich vier Wochen, hält er sich auch acht Wochen ruhig – besonders wenn ihn Ihr Freund ordentlich verdroschen hat ...

Vor einer Viertelstunde war er fast ohne Besinnung, sagte der einschwenkende Generaldirektor.

Ausgezeichnet! – Dann aber sticht ihn wieder der Hafer. Er quält wehrlose Kranke bis aufs Blut, stiehlt Zigaretten, reizt alle Pfleger, treibt mich und meine Assistenten zum Wahnsinn ... Und dann ist er ja nicht dumm, er ist teufelsschlau, dann bricht er wieder aus. Wir können aufpassen, soviel wir wollen, immer findet er einen Dummen, den er übertölpelt ... Er pumpt sich Geld, er stiehlt es ... Und ich kann nichts machen, knirschte der Alte. Ich werde ihn nicht los. Das Gesetz ist für ihn: nicht im Vollbesitz seiner Geisteskräfte ...

Er saß plötzlich alt und recht erschöpft da: Seit vierundzwanzig Stunden jage ich in meinem Wagen hinter ihm drein. Der Geheimrat sah sich im Kreise um, müde. Wenn ich ihn bloß loswürde! stöhnte er wieder verzweifelt. Aber womöglich kommt er dann in Freiheit – nein, ich kann es nicht verantworten. Er besann sich: Versuchen wir wenigstens das letzte, die Kosten. Vielleicht wird es seiner Mutter – er hat nur eine Mutter, leider – doch einmal über, für ihn zu bezahlen. Herr Direktor, ich darf um eine Rechnung bitten, eine Aufstellung ...

Ja, sagte der Direktor zögernd, es ist reichlich viel Alkohol konsumiert worden, Sekt, Cognac ...

Unsinn, erboste sich der Geheimrat. Das sind Lappalien. Sekt! Cognac!! Nein, jeder Geschädigte hat Anspruch auf eine Entschädigung. Ich höre von einem halben Dutzend Menschen, die er betrunken gemacht hat ... Ihr Freund zum Beispiel –?

Ich weiß nicht, ob mein Freund ... begann von Prackwitz zögernd.

Um des Himmels willen! erboste sich der Geheimrat. Seien Sie kein Narr! Verzeihen Sie, das sollte ich natürlich nicht sagen, aber seien Sie wirklich kein Narr. Je mehr Kosten entstehen, um so eher ist Aussicht da, daß die Mutter den Bengel wirklich eines Tages einmal in eine handfeste Irrenanstalt sperrt. Sie tun der Menschheit einen Dienst ...

Der Rittmeister sah erst den Generaldirektor, dann die Schreibmaschine mit dem noch immer eingespannten Entlassungszeugnis an.

Mein Freund, hier Subdirektor und Empfangschef, soll allerdings von der hiesigen Hotelleitung entlassen werden, weil er sich im Dienst betrunken hat ... sagte er zögernd.

Ausgezeichnet! rief der Geheimrat, aber diesmal unterbrach der Generaldirektor.

Ich muß Herrn von Prackwitz leider widersprechen, sagte er eilig. Wir bewilligen Herrn von Studmann einen längeren Urlaub, sagen wir ein viertel, sagen wir sogar ein halbes Jahr. Während dieser Zeit wird Herr von Studmann bei seiner Tüchtigkeit unschwer eine andere Stellung finden. Wir entlassen ihn, sprach der Generaldirektor energisch, aber grau, nicht wegen Trunkenheit im Dienst. Wir bitten ihn, sich nach einer andern Tätigkeit umzusehen, weil ein Hotelmann unter keinen Umständen auffallen darf. Herr von Studmann ist leider sehr aufgefallen, als er vor vielen Angestellten und noch mehr Gästen mangelhaft bekleidet und völlig betrunken die Hallentreppe hinunterfiel.

Es kommt, sagte der Geheimrat zufrieden, außer der Entschädigung für eine verlorene Stellung zweifelsohne auch ein Schmerzensgeld in Frage. Das freut mich aufrichtig, ich sehe Licht. Es sollte mich nicht wundern, wenn dies dem Knaben Bergen erst einmal den Rest geben würde. Wie erreiche ich Ihren Freund? Bei Ihnen? Danke schön. Ich notiere mir Ihre Adresse. Sie hören von mir in zwei bis drei Tagen. Wirklich ausgezeichnet. Übrigens zahlen wir natürlich wertbeständig. – Ich versichere Ihnen, es können nicht Kosten genug entstehen. – Ach, machen Sie sich doch keine Gedanken! Glauben Sie, ich geniere mich?! Ich geniere mich den Deubel! Tut keinem weh, leider nicht.

Der Rittmeister stand auf. Seltsam war dieses Leben. Hier war wirklich einmal einer die Treppe hinuntergefallen und dadurch seine Sorgen los. Herr von Studmann konnte nach Neulohe kommen, ein sorgenloser Mann, seinetwegen paying guest, er war nicht mehr allein.

Er verabschiedete sich; nochmals bedauerte der Geheimrat, dem Freund für den trefflichen Niederschlag nicht doch die Hand schütteln zu dürfen.

Als von Prackwitz aus der Tür wollte, ging sie auf, und herein wankte, vom Pfleger Türke halb gestützt, halb abgeführt, ein rotes, gelb geflammtes Wesen, jämmerlich anzuschauen mit dem blau geschlagenen Auge, dem verschwollenen Gesicht. Verächtlich anzuschauen mit dem feige kriechenden Blick.

Bergen! krähte die Stimme des Geheimrats grell wie Hahnenschrei. Bergen, kommen Sie hier mal her!

Der Feigling knickte zusammen; in seinem Schlafanzug; prächtig und jammervoll fiel er auf die Knie.

Herr Geheimrat! flehte er. Tun Sie mir nichts, schicken Sie mich nicht in eine Irrenanstalt, ich habe nichts getan, die haben den Sekt ganz gerne getrunken ...

Bergen! erklärte der Geheimrat. Zuerst werden Ihnen Ihre Zigaretten entzogen.

Herr Geheimrat, bitte, tun Sie das nicht! Sie wissen, ich halte es nicht aus. Ich kann nicht leben ohne Rauchen! Und ich hab auch nur in die Decke geschossen, als der Herr nicht trinken wollte ...

Von Prackwitz zog leise die Tür hinter sich zu. Es war eine doppelte, eine gepolsterte Tür, das Jammern des elenden Kerls, dieses Jammern eines Kindes ohne die Reinheit und Unschuld des Kindes, war verhallt.

›Wäre ich doch erst wieder in Neulohe!‹ dachte von Prackwitz. ›Ich finde Berlin zum Kotzen. Nein, es ist nicht nur die toll gewordene Banknotenmaschine‹, dachte er weiter und sah den sauberen Gang mit den dunklen, gepflegten, eichenen Türen entlang. ›Es sieht alles noch aus wie ordentliches, sauberes Leben, aber es ist faul. Angefressen. Ob es noch immer der Krieg ist, der ihnen in den Knochen steckt? Ich weiß es nicht. Und jedenfalls verstehe ich es nicht.‹

Er ging langsam den Gang entlang, kam in die Halle, fragte nach dem Zimmer des Freundes. Ein Fahrstuhl fuhr ihn hinauf unter das Dach. Auf dem Bettrand saß von Studmann, den Kopf in den Händen.

Ich habe einen widerlichen Brummschädel, Prackwitz, sagte er hochsehend. Hast du Zeit, mit mir eine halbe Stunde in die frische Luft zu gehen?

Ich habe alle Zeit von der Welt, sagte der Rittmeister plötzlich fröhlich. Für dich und für frische Luft. Gestatte, daß ich dir erst einen Kragen umbinde ...

2

Der kleine Feldinspektor Meier hatte sich, den Kopf dick und dumm vom Rausch, auf sein Bett geworfen, so wie er war: in schmutzbespritzten Schuhen, die Kleider regennaß. Draußen vor dem offenen Fenster rauschte es noch immer vom Himmel. Vom Kuhstall, vom Schweinestall her klang Geschimpfe, Meier hörte halb hin, er mochte wollen oder nicht.

›Was tun die nur?‹ dachte er. ›Was haben die? Ach was, ich will schlafen. Ich muß schlafen, vergessen; wenn ich aufwache, ist alles nicht wahr.‹

Er legte die Hand vor die Augen, nun wurde es dunkel um ihn. Ach, sie war gut, diese Dunkelheit! Dunkelheit war schwarz, schwarz war das Nichts; wo das Nichts ist, ist auch nichts gewesen, nichts geschehen, nichts verbockt.

Aber das Dunkel wird grau, und das Grau wird heller. Aus dem Helleren löst es sich: da steht der Tisch, da steht die Flasche, da stehen die Gläser ... da liegt der Brief!

›O Gott, was soll ich nur tun?‹ denkt der kleine Meier und preßt die Hand fester gegen die Augen. Ja, es wird wieder schwarz. Aber aus dem Schwarz drehen sich leuchtende Räder heraus. In vielen Farben drehen sie sich, immer schneller kreisen sie. Ihm wird schwindlig, übel.

Jetzt sitzt er halb im Bett und starrt durch das noch taghelle Zimmer. Es ekelt ihn, er kennt es viel zu genau, von dem ewig riechenden Toiletteneimer neben dem Waschtisch an bis zu den übergesehenen Nacktfotos von Mädchen um den Spiegel herum, die er sich aus allen möglichen Magazinen ausgeschnitten und in die Tapete gepinnt hat.

Sein Zimmer ekelt ihn, sein Zustand ekelt ihn ebenso wie das Geschehene; er möchte etwas tun, aus seiner jetzigen Lage herauszukommen, etwas ganz anderes sein. Aber er sitzt nun da, haltlos, mit verschwollenem Gesicht, hängender, feuchter Unterlippe und hervorquellenden Augen – er kann gar nichts tun. Alles wird über ihn hereinbrechen, er muß nur still halten, warten – und er hat doch nichts Böses gewollt! Wenn er doch wenigstens schlafen könnte –!

Gottlob klopft es – als erwünschte kleine Abwechslung – an die Tür des anstoßenden Büros. Er brüllt heiser Herein!, und als der Klopfende drüben zögert, schreit er noch lauter: Komm doch nur rein, du Ochse!

Gleich aber kriegt er einen Schreck: vielleicht ist es jemand, den er nicht ›Ochse‹ nennen darf, der Geheimrat oder die gnädige Frau, dann hat er es schon wieder verbuttert – au wei!

Aber es ist nur der alte Leutevogt Kowalewski.

Wat is denn?! schreit Meier ihn gleich an, froh, jemanden gefunden zu haben, an dem er seine Wut auslassen kann.

Ich wollte nur fragen, Herr Inspektor, sagt der alte Mann demütig, die Mütze in der Hand. Wir haben nämlich ein Telegramm von unserer Tochter aus Berlin gekriegt, sie kommt morgen früh mit dem Zehn-Uhr-Zug ...

So, das wollten Sie also fragen, Kowalewski, sagt Meier höhnisch. Na, nun hast du's also gefragt, nun kannst du wieder gehen.

Es ist nur wegen des Gepäcks, sagt der Leutevogt. Fährt morgen wohl ein Wagen zur Bahn?

Sicher, sicher, sagt Meier. Morgen fahren 'ne ganze Menge Wagen zur Bahn. In Ostade und in Meienburg und in Frankfurt bestimmt auch.

Ich meine nur, erklärt Kowalewski beharrlich, ob einer von unsern Wagen zur Bahn fährt, der ihr Gepäck mitnehmen kann?

Ach, das meinst du! spottet Meier. Du bist ja ein mächtig feiner Pinkel, Vogt, daß du von ›unsern Wagen‹ redest!

Der alte Leutevogt gibt den Mut noch nicht auf. Er hat Generationen von Inspektoren erlebt, dieser ist sicher der schlimmste von allen. Aber ein armer Mann muß hundertmal bitten, ehe ein mächtiger einmal Ja sagt, und manchmal ist der kleine Meier auch anders. Er ist nun mal so, er macht sich gerne einen Spaß mit den Leuten, das darf man ihm nicht übelnehmen.

Es ist ja nur wegen des Koffers, Herr Inspektor, bittet er. Gehen macht der Sophie gar nichts, sie geht gerne.

Und noch lieber legt sie sich lang hin, was, Kowalewski? grinst Meier.

Der alte Mann steht ruhig da, er verzieht das Gesicht nicht. Vielleicht fährt auch einer von den Bauern zur Bahn, überlegt er halblaut bei sich.

Aber nun ist Meier zufrieden. Er hat seine Wut ein bißchen ausgetobt, er hat gefühlt, daß er nicht ganz ohne Macht ist.

Na, nu mach man, daß du rauskommst, Kowalewski, sagt er ganz gnädig. Mit dem Zehn-Uhr-Zug kommen ja auch die Schnitter und der Rittmeister, da wird schon Platz für deine Sophinka sein. – Hau ab, alter Rabe, du stinkst! schreit er plötzlich wieder, und mit einem gemurmelten Danke auch schön und Guten Abend geht der Leutevogt ab.

Meier, Negermeier, ist wieder allein mit sich und mit seinen Gedanken, und sofort verfällt seine Stimmung. ›Wenn ich doch wenigstens schlafen könnte!‹ murrt er wieder bei sich. ›Jedes Aas kann schlafen, wenn es soviel getrunken hat, aber ich nicht, ich habe natürlich immer Pech!‹

Es kommt ihm der Gedanke, daß er vielleicht noch nicht genug getrunken hat. Als er im Gasthof abträllerte, war er eigentlich ganz hübsch duhn, nur daß alles jetzt schon wieder verflogen ist. Er könnte ja noch mal in den Krug gehen, aber er ist zu faul dazu. Außerdem müßte er dann bezahlen, was er sich da alles genommen hat, und ihm graust vor der Aufrechnung. Na, die Amanda läßt sich sicher heute abend noch mal sehen, dann kann die hinlaufen und ihm noch 'ne Flasche Schnaps holen. Hat sie wenigstens 'ne Beschäftigung, er kann heute Weiber nicht riechen. Von denen hat er heute die Nase voll – hätte die Weio sich nicht so vor ihm geaalt, er hätte nie all diese Dummheiten gemacht! Aber so was muß einen Kerl ja verrückt machen!

Meier ist schwerfällig aus dem verschmutzten, feuchten Bett aufgestanden und schlingert torkelig in der Stube herum. Mancherlei geht ihm durch den Kopf. Zum Beispiel, daß der Förster gesagt hat, er soll seine Koffer packen und machen, daß er fortkommt.

Die Koffer liegen oben auf dem Kleiderschrank. Er hat zwei Handkoffer, ein gewöhnliches Bruchdings aus beklebter Pappe und einen schnieken Lederkoffer, den er von der letzten Stellung mitgenommen hat. Er stand da so rum auf dem Boden. Meier legt den Kopf in den Nacken und schielt wohlgefällig zu dem Koffer hinauf: er freut sich immer wieder über diese billige Erwerbung.

Wenn man Koffer sieht, denkt man an Reisen. Und wenn man an Reisen denkt, fällt einem das Reisegeld ein. Ganz von selbst, ohne daß er auch nur einen Blick durch die angelehnte Bürotür tut, fällt Meier der Geldschrank nebenan ein, ein massiger, grüngestrichener Klotz, dessen vergoldete Arabesken mit den Jahren schmutziggelb geworden sind.

Gewöhnlich hat der Rittmeister den Schlüssel zu diesem Geldschrank und rückt nur vor jeder Löhnung oder sonstigen Ausgabe das nötige Geld heraus. Meier ist zwar vollkommen zuverlässig in Geldsachen, aber der Rittmeister ist nun mal ein großer Mann und mißtrauisch. Es geschähe ihm schon recht, wenn er grade mit seinem Mißtrauen einmal gründlich reinfiele!

Meier stößt mit der Schulter die Tür zum Büro auf und pflanzt sich nachdenklich vor den Geldschrank hin. Gestern abend hat ihm der Rittmeister den Bestand vorgezählt, sogar zweimal – da liegt ein ganz hübscher Klumpatsch Geld im Schrank, mehr als Inspektor Meier in drei Jahren verdienen kann. Versonnen befingert Meier den Geldschrankschlüssel in seiner Tasche. Aber – er nimmt ihn nicht raus. Aber – er schließt den Schrank nicht auf.

Nee, so dumm! denkt Meier.

Was er sonst macht, ist alles ganz schön und gut, er kann deswegen mal rausfliegen, aber ins Kittchen kommt er darum nicht. Rausfliegen, das macht nichts. Nach einer Weile kriegt man doch immer wieder eine neue Stellung; weswegen man rausflog, schreibt eigentlich nie ein Chef ins Zeugnis. Aber gegen Kittchen hat Meier eine lebhafte Antipathie.

›Ich hau das Geld ja doch bloß in einer Woche oder in vierzehn Tagen auf den Kopf‹, denkt Meier bei sich. ›Dann steh ich blank da und kann keine neue Stellung annehmen, weil sie mich suchen. Nee, lieber nicht –!‹

Trotzdem bleibt er noch lange vor dem Geldschrank stehen, er fasziniert ihn eben doch.

›Raus aus all dem Dreck!‹ denkt er. ›Sie kitschen lange nicht alle. In Berlin soll man falsche Papiere billig kriegen. Ich möcht nur wissen, wo. Wie lange das wohl dauert, bis der Leutnant erfährt, ich hab den Brief nicht abgegeben –? Na, heute abend verpassen sich die beiden erst mal. Wirst du hungrig ins Bettchen müssen, liebe Weio –!‹

Er grinst schadenfroh.

Es klopft wieder und rasch tritt Meier von dem Geldschrank fort und lehnt sich möglichst ungezwungen gegen die Wand, ehe er Herein ruft – diesmal ganz manierlich. Der Umstand wäre aber gar nicht nötig gewesen, es ist auch diesmal niemand Rechtes, sondern bloß die Aufwartung, die Kutscherfrau mit den sieben Bälgern, die Hartig, die reinkommt.

Abendessen, Herr Inspektor, sagt sie.

Meier möchte nicht gerne, daß sie das verdreckte Bett drüben in seinem Zimmer sieht (das kann nachher die Amanda ein bißchen zurechtmachen!), er hat jetzt keine Lust auf Stunk. Stell's da auf den Schreibtisch, sagt er. Was gibt's denn?

Ich weiß nicht, was die Weiber mit Ihnen haben, sagt die Hartig und nimmt einen Deckel von der Schüssel. Jetzt fängt auch die Armgard von drüben an ... Frisch gebratenes Fleisch und Rotkohl am Abend für den Inspektor ...

Schiete! sagt Meier. Mir wäre ein Hering lieber. – Äx – all das Fett! – Ich habe nämlich einen gehoben.

Das sieht man, bestätigt die Hartig. Daß ihr Männer das Saufen nicht lassen könnt! Wenn wir Frauen es nun auch so machten? – War die Amanda auch mit?

I wo! Die brauch ich doch nicht zum Saufen! Er lacht. Plötzlich ist er ganz munter und aufgekratzt. Wie ist es denn, Hartig? Magst du den Fraß? Ich eß heut nicht.

Die Hartig strahlt. Da wird mein Oller aber lachen! Ich koch uns noch schnell ein paar Kartoffeln dazu, dann reicht's für ihn und mich!

Nee! sagt Meier gedehnt von seiner Wand her. Das ist für dich, Hartig, nicht für deinen Ollen. Denken Sie, ich füttere den zu Kräften?! So blau! Nee, wenn Sie den Fraß wollen, dann müssen Sie ihn hier aufessen. Und gleich!

Er starrt sie an.

Hier –? fragt die Hartig und starrt Negermeier wieder an.

Ihre Stimmen sind beide anders geworden, fast leise.

Hier! antwortet Negermeier.

Dann will ich mal, sagt die Hartig noch leiser, die Fenster zumachen und die Vorhänge ein bißchen vorziehen. Wenn mich jemand hier essen sieht ...

Meier antwortet ihr nicht, aber er folgt ihr mit den Augen, wie sie die beiden Fenster schließt und sorgfältig die Gardinen vorzieht. Schließ auch ab! sagt er leise.

Sie sieht ihn an, dann tut sie es. Sie setzt sich vor das Tablett, das auf dem Schreibtisch steht. Na, das soll mir aber schmecken! sagt sie mit gemachter Munterkeit.

Er antwortet wieder nicht. Er sieht ihr aufmerksam zu, wie sie das Fleisch auf den Teller legt, dann Kartoffeln, dann den Rotkohl. Nun löffelt sie die Soße darüber ...

Hartig, hör mal! sagt er leise.

Was denn? fragt sie ebenso und sieht nicht auf, scheinbar ganz mit ihrem Essen beschäftigt.

Was ich sagen wollte ... sagt er gedehnt. Ja, du – ist deine Bluse eigentlich vorn oder hinten zum Knöpfen?

Vorne, sagt sie ganz leise, sieht nicht hoch, sondern fängt an, das Fleisch zu schneiden. Willst du mal sehen?

Ja, sagt er. Und ungeduldig: Nu mach bloß los!

Mußt du selber machen, antwortet sie. Sonst wird mein Essen kalt. – Ach du ... ach ... Ja, du Süßer ... das schöne Essen ... ja ... ja ...

3

Weio von Prackwitz sitzt mit ihrer Mutter beim Abendessen.

Der Diener Räder steht mit ernster Haltung an der Anrichte. Räder gehört, obwohl wenig über zwanzig, zu dem ernsten Dienertyp. Er ist ganz von dem Gefühl durchdrungen, daß seine Herrschaft eines Tages aus dieser ›Bruchbude‹ in das Schloß der alten Leute drüben ziehen wird, daß er dann dort nicht mehr der Diener, sondern der ›Butler‹ sein wird, mit einem Dienerlehrling unter sich. Er sieht darum auch – trotz untadelig gewahrter, äußerer Formen – den alten Geheimrat und seine Frau wie Leute an, die seiner Herrschaft etwas vorenthalten, was ihr eigentlich zusteht. Vor allem aber haßt er den alten Elias drüben, der über das Familiensilber gebietet – wie man schon Elias heißen kann! Der Diener Räder heißt Hubert – und so wird er von seiner Herrschaft auch gerufen.

Hubert hat ein Auge auf den Tisch, ob sie dort etwas brauchen, und beide Ohren auf das Gespräch. Trotzdem er keine Miene seines etwas faltigen Gesichtes verzieht, ist er doch von hoher Freude erfüllt, wie das gnädige Fräulein die gnädige Frau anschwindelt. Hubert hat nämlich in dem kleinen Haushalt neben der Köchin Armgard und dem Mädchen Lotte wenig zu tun, so hat er sich eine Beschäftigung daraus gemacht, alles zu erfahren, alles zu sehen, alles zu wissen. Hubert weiß sehr viel – er weiß zum Beispiel genau, wie das gnädige Fräulein seinen Nachmittag verbracht hat. Was die gnädige Frau nicht weiß.

Hast du heute nachmittag auch nach Großpapas Gänsen gesehen? hört Hubert Frau von Prackwitz fragen.

Frau Eva von Prackwitz ist eine sehr gut aussehende Frau, vielleicht eine Spur zu voll, aber das merkt man erst, wenn sie neben dem langen, mageren Rittmeister steht. Sie hat all den sinnlichen Reiz einer Frau, die gerne Frau ist, die glücklich ist, Frau zu sein, die zudem das Landleben liebt, und der das Land diese Liebe mit unerschöpflicher Frische zu danken scheint.

Weio zieht eine vorwurfsvolle Schnute: Aber Mama, heute nachmittag war doch Gewitter!

Hubert versteht: Fräulein Violet spielt heute abend das ganz kleine Mädchen; das tut sie gerne, besonders dann, wenn sie etwas besonders Erwachsenes ausgefressen hat. So kommen ihre Eltern nicht auf falsche – heißt auf richtige Gedanken.

Du tust mir wirklich einen Gefallen, Violet, sagt Frau von Prackwitz, wenn du gut auf Großpapas Gänse paßt. Du weißt, Papa ärgert sich so, wenn die Gänse in seine Wicken gehen. Und das Gewitter fing doch erst um sechs an!

Wenn ich eine Gans wäre, möchte ich auch nicht in Großpapas ollem, feuchtem Park sein mit dem sauren Gras, erklärt Weio, immer noch mit Flunsch. Ich finde, der Park stinkt!

Diener Hubert, wissend, wie oft und gerne das gnädige Fräulein geheim im geheimrätlichen Park weilt, ist von der vorsorglichen Naivität dieser Antwort: hoch begeistert.

Aber Weio – stinken und bei Tisch! Ihr Blick streift (mit lächelnder Ruhe) den Diener Räder, der ein untadeliges, wenn schon völlig unjunges und faltiges Gesicht macht.

Na ja, Mama, ich geh nicht rein, ich find, er st ... riecht nach Leichen ...

Nein, Weio! Die gnädige Frau klopft sehr energisch mit ihrem Gabelstiel auf den Tisch. Nun ist es aber genug. Manchmal finde ich jetzt wirklich, du könntest schon ein bißchen erwachsener sein.

Ja, Mama? Warst du schon erwachsener, als du so erwachsen warst wie ich?

Weio macht bei dieser Frage ein ganz strahlendes, völlig unschuldiges Gesicht – trotzdem erwägt der Diener Räder, ob diese kleine Einfalt vielleicht etwas läuten gehört hat von den Jugendstreichen der Frau Mama. Es gibt da so ein Gerücht von dem alten Geheimrat, der einen Bauernjungen aus dem Schlafstubenfenster der Tochter geprügelt hat. Vielleicht ist dies Gerücht sogar wahr, jedenfalls findet Hubert, daß die nächste Frage der gnädigen Frau sehr gut zu diesem Gerücht paßt.

Sie lautet: Was hattest du eigentlich heute nachmittag so lange mit Inspektor Meier zu reden?

Och! sagt Weio wegwerfend und macht wieder eine Schippe. Der olle Negermeier! Plötzlich lacht sie. Denk mal, Mama, alle Mädchen und Frauen hier im Dorf sollen ihm nachlaufen – und er ist doch so häßlich wie ... ach, ich weiß nicht, wie der olle Abraham –! (Abraham ist der im Pferdestall gehaltene Ziegenbock, der nach altem Kavalleristenglauben alle Krankheiten austreiben soll.)

Der Nachtisch, Hubert! mahnt die gnädige Frau mit aller Ruhe, aber mit recht gefährlich funkelnden Augen.

Räder marschiert aus dem Zimmer, wenn auch nicht ohne Bedauern. Fräulein Weio ist ausgerutscht, jetzt wird ihr todsicher der Kopf gewaschen. Sie hat ein bißchen dick aufgetragen in ihrem Übermut, völlig töricht ist die gnädige Frau nun auch nicht.

Hubert hörte gerne, was die gnädige Frau jetzt sagt, und vor allem, was das Fräulein antwortet. Aber Hubert lauscht nicht an Türen, er marschiert schnurstracks in die Küche. Wenn man einen männlichen Grips hat, gibt es viele Wege, etwas zu erfahren, man muß nicht das Vertrauen der Herrschaft auf einen musterhaften Diener durch solches Lauschen erschüttern.

In der Küche sitzt am Küchentisch wartend der alte Förster Kniebusch.

Guten Abend, Herr Räder, sagt er sehr höflich. Denn der ganz für sich lebende, schweigsame Diener Räder wird für eine Macht gehalten. Ist das Essen schon vorbei?

Der Nachtisch, Armgard! sagt Räder und fängt an, das Geschirr auf dem Tablett zurechtzustellen. Guten Abend, Herr Kniebusch. Wen wollen Sie denn sprechen? Der Herr Rittmeister kommt erst morgen wieder.

Ich wollte mal die gnädige Frau, sagt Förster Kniebusch vorsichtig. Nach langem Überlegen ist er nämlich zu dem Entschluß gekommen, daß er seine Wissenschaft besser bei der älteren Generation verwertet. Das gnädige Fräulein ist wirklich zu jung, um einem so alten Mann etwas nützen zu können.

Ich werd Sie melden, Herr Kniebusch, sagt Räder.

Herr Räder! bittet Kniebusch vorsichtig. Wenn es sich so machen ließe, daß Fräulein Weio nicht dabei wäre –?

Das faltige Gesicht Räders wird noch faltiger. Um Zeit zu gewinnen, fährt er die Köchin an: Machen Sie doch zu, Armgard. Hundertmal habe ich Ihnen schon gesagt, Sie sollen die Käseplatte garnieren, ehe ich komme!

Bei der Hitze! höhnt die Köchin, die den Diener haßt. Die ganzen Butterkügelchen würden aneinanderkleben!

Die Butter nehmen Sie im letzten Augenblick aus dem Eisschrank! Aber wenn Sie jetzt erst den Käse schneiden –! Und zum Förster halblaut: Warum soll denn das gnädige Fräulein nicht dabei sein?

Der Förster wird sichtlich verlegen: Ja, wissen Sie ... ich dachte so ... Es ist doch noch nicht alles für junge Mädchen ...

Räder betrachtet den Verlegenen mit götzenhaftem Ernst. Was ist denn noch nicht für junge Mädchen, Herr Kniebusch? fragt er, aber ohne alle spürbare Neugier.

Kniebusch wird rot vor lauter Anstrengung, eine Lüge zu erfinden. Na ja, Herr Räder, Sie verstehen doch, wenn man so jung ist, und dann ist da die Brunft ...

Räder weidet sich an seiner Verlegenheit. Jetzt gibt es doch keine Brunft! sagt er verächtlich. Na, ich verstehe schon. Danke. Uniform – U-ni-form heißt die Parole!

Er sieht den zerschmetterten und verwirrten Förster mit seinem ausdruckslosen, fischigen Auge an. Dann wendet er sich zu der Köchin: Na, endlich, Armgard! – Aber wenn die gnädige Frau schilt, sage ich es ihr, an wem es liegt. – Sprechen Sie mich bitte nicht an! Ich rede überhaupt nicht mit Ihnen!

Er geht, das Servierbrett auf der Hand, aus der Küche ernst, unjung, ziemlich geheimnisvoll.

Wir sprechen uns noch, Herr Kniebusch, nickt er und verschwindet, die erbetene Anmeldung völlig im ungewissen lassend.

Was so ein Affe sich bloß einbildet! schimpft die Köchin Armgard hinter ihm drein. Lassen Sie sich bloß mit dem nicht ein, Herr Kniebusch! Der horcht Sie bloß aus – und hinterher tratscht er alles dem Rittmeister.

Ist er denn immer so mit Ihnen? erkundigt sich der Förster.

Immer! ruft sie empört. Nie ein nettes Wort zu Lotte oder mir! Herr Rittmeister ist lange nicht so fein wie der Affe. Glauben Sie, der ißt mit uns an einem Tisch?! Sie starrt den Förster an, der verlegen irgend etwas Unverständliches murmelt. Nee, den Teller in der Hand geht er in seine Kammer! Ich glaube, Herr Kniebusch, flüstert sie geheimnisvoll, der ist überhaupt anders. Der hat mit Frauen überhaupt nichts im Sinn. Der ist ...

Ja –? fragt der Förster erwartungsvoll.

Nein, mit so etwas will ich nichts zu tun haben, erklärt Armgard energisch. Glauben Sie, er geht auch nur an die Zigaretten vom Rittmeister?

Ja, das tut er doch? sagt der Förster voller Hoffnung. Das tun doch alle Diener! Elias raucht auch immer die Zigarren vom alten Herrn. Ich rieche das, weil mir der Geheimrat manchmal eine schenkt.

Was?! Das wissen Sie von dem Elias?! Das werde ich dem ollen Knacker aber unter die Nase reiben! Von wegen Zigarren von der Herrschaft klauen – und mich anpöbeln, weil ich mir die Schuhe am Schloßeingang nicht ordentlich abgetreten habe –!

Um Gottes willen, Armgard! Nein, nein, sagen Sie ihm bloß nichts! Ich kann mich ja auch irren! Der alte Mann überstürzt sich in seinen Ängsten. Es ist sicher eine ganz andere Zigarre, und Sie haben auch gesagt, daß der Hubert des Rittmeisters Zigaretten raucht ...

Das habe ich nicht gesagt! Grade das Gegenteil habe ich gesagt! Daß er nicht raucht und daß er nicht trinkt, und daß er nicht an den Türen lauscht, daß er sich für so was viel zu fein hält, der dumme Lausejunge ...

Verbindlichsten Dank! schnarrt es, und die beiden sehen tief erschrocken dem Diener Räder ins Gesicht (›Olles Froschgesicht!‹ denkt die Armgard wütend). Ich bin also ein dummer Lausejunge. Gut, wenn man das weiß, wie die Leute über einen denken. – Gehen Sie jetzt zur gnädigen Frau, Armgard, sie will mit Ihnen sprechen. Nicht daß ich Sie wegen Ihrer Käseplatte verklatscht hätte, dafür sind Sie mir viel zu dumm! Sie können ihr aber sagen, daß ich ein dummer Lausejunge in Ihren Augen bin ... Kommen Sie, Herr Kniebusch!

Und gehorsam, aber sehr bedrückt von all den Komplikationen des täglichen Lebens folgt ihm der Förster, verlegen nach der Köchin Armgard schielend, die hochrot mit Tränen kämpft.

Die Kammer des Dieners Räder ist nur ein schmales Handtuch, im Souterrain der Villa, zwischen Kohlenkeller und Waschküche. Schon dies ist wiederum ein Grund für den Diener Räder, dem Diener Elias zu grollen, denn Elias hat ein richtiges, großes, zweifenstriges Zimmer im Obergeschoß des Schlosses, sehr gemütlich mit alten Möbeln ausgestattet. Die Kammer des Dieners Hubert aber hat nur ein eisernes Feldbett, einen eisernen Waschständer, einen eisernen alten Klappstuhl aus dem Garten und einen alten, wackligen Schrank aus Fichtenholz. Nichts verrät, daß in dieser Kammer ein Mensch wohnt. Kein Kleidungsstück ist sichtbar, kein kleiner Gebrauchsgegenstand des Bewohners; nicht einmal Seife und Handtuch sieht man beim Waschständer, denn Hubert Räder wäscht sich im Badezimmer.

So, sagt der Diener Räder, lehnt die Tür aber nur an. So – Sie können sich jetzt noch auf den Stuhl setzen, bis sie kommt. Dann stehen Sie auf und machen ihr Platz.

Wer kommt –? fragt Kniebusch verwirrt.

Sie sollten nicht so viel quackeln, Herr Kniebusch, erklärt der Diener mit ernster Mißbilligung. Ein Mann quackelt nicht – vor allem nicht mit Weibern.

Ich habe gar nichts gesagt, verteidigt sich der Förster.

Jetzt muß sie sich natürlich erst das Gesicht waschen, weil sie geheult hat, sagt der faltige Götze. Aber wenn sie dann bei der gnädigen Frau ist, kommt sie.

Wer kommt, wer ist bei der gnädigen Frau? fragt der Förster, vollkommen verwirrt.

Eine Uniform ist eine Uniform, belehrt ihn der Diener. Meine Livree gilt natürlich nicht, und Ihre grüne auch nicht, weil Sie bloß Privatförster sind. Wären Sie Staatsförster, wäre das auch wieder anders.

Kniebusch sagt verloren: Jaja. – Natürlich, er hofft immer noch, daß er schließlich etwas von den Räderschen Rätselsprüchen verstehen wird.

Ein Zivilist soll sich nicht in die Uniformen mischen, verkündet der Diener ernst. Er denkt lange nach, die Stirn in vielen Falten. Dann drückt er die Tür ein wenig auf.

Er lauscht. Nun nickt er, geht quer durch die Kammer zum Förster hin und sagt leise, voller Vorwurf: Sie sind ein Zivilist, Herr Kniebusch, und Sie wollten sich unter die Uniformen mischen.

Aber nein, ruft der Förster entsetzt.

Das ist Ihnen noch gar nicht aufgefallen, Herr Kniebusch, sagt der Diener, und ist auf seinen Horchposten bei der angelehnten Tür zurückgekehrt, was der Herr Geheimrat am liebsten mag?

Nein. Wieso? wundert sich der Förster. Ich weiß überhaupt nicht, was Sie eigentlich wollen, Herr Räder.

Wissen Sie es wirklich nicht?

Nein. Ich glaube aber, seine Forst.

Der Diener nickt. Ja, die will er nicht hergeben, ehe er stirbt. – Und wem vermacht er sie dann?

Er sieht erwartungsvoll den Förster an.

Da ist die alte gnädige Frau, sagt der Förster nachdenklich, und dann ist da der Sohn in Birnbaum. Und hier ist der Herr Rittmeister ...

Er überlegt den Fall.

Na, wem wird er denn die Forst geben? fragt der Diener gönnerhaft, wie man etwa ein zurückgebliebenes Schulkind nach etwas ganz Leichtem fragt. Oder läßt er sie teilen, in zwei Stücke oder drei?

Teilen – seine Forst?! Der Kniebusch ist völlig Verachtung. Nee, so was bilden Sie sich bloß nicht ein, Herr Räder! Ich glaub, der käme noch aus dem Grabe und risse die Grenzsteine aus, wenn sie die Forst nach seinem Tode teilten. Aber er wird's schon aufgeschrieben haben, wie es mit der Forst werden soll.

Und was wird er aufgeschrieben haben, Herr Kniebusch? bohrt der Diener beharrlich weiter. Etwa die alte gnädige Frau?

Ausgeschlossen! Wo sie doch immer sagt, sie geht nicht in den Wald wegen Schlangen. Nein, Herr Räder, kommt überhaupt nicht in Frage.

Oder der Birnbaumer?

Glaube ich auch nicht, sagt der Förster. Auf den schimpft er immer, weil er ihm zu fein ist und ewig nach Geld kommt – und jetzt hat er sich ein Rennauto gekauft ... ›Daß er vor seinen Schulden wegrennen kann!‹ hat der Alte geschimpft.

Das mit dem Rennauto weiß der alte Herr also auch schon, meint der Diener Räder nachdenklich. Das haben Sie ihm sicher erzählt, Herr Kniebusch.

Der Alte will hochrot protestieren, aber Hubert achtet gar nicht darauf. Er sagt abschließend: Dann erbt also den Forst die gnädige Frau hier oben. Und er deutet mit dem Daumen zur Decke.

Wo er doch den Herrn Rittmeister gar nicht leiden kann? fragt der Förster besorgt dagegen. Und das mit den Gänsen geht auch nicht gut aus.

Wer erbt dann also die Forst? beharrt der Diener.

Ja, ich weiß doch nicht ... sagt der Förster verwirrt. Er hat ja noch die Schwesterkinder in Hinterpommern, aber ...

Hat er nicht ein Enkelkind? fragt der Diener.

Wen –? Dem Förster steht der Mund offen. Meinen Sie wirklich? Aber das Fräulein Violet ist doch erst fünfzehn ... Der starre Blick des Dieners verändert sich nicht, und der Förster überlegt laut: Freilich, sie ist die einzige, die er auf den Anstand mitnimmt, so viel muß wahr sein ... Und wenn er das Holz nachmißt, muß sie auch immer mit, mit Zollstock und Kluppe – o Gott, Herr Räder, und das weiß noch niemand, und das gnädige Fräulein weiß es vielleicht selber noch nicht ...

Und Sie haben sich unter die Uniformen mischen wollen, Herr Kniebusch, stellt der Diener Räder voller Verachtung fest.

Ehe aber der Förster noch hat protestieren können, klappt es eilig auf dem Gang, und Weio kommt herein.

Gottlob, doch noch geschafft. Ich könnt und könnt ja nicht weg! Die Armgard hat der Mama so was vorgeheult, daß Sie immer so gemein zu ihr wären, Hubert – sind Sie denn wirklich so gemein –?

Nein, antwortet Hubert ernst. Ich bin bloß streng mit ihr, und ich mache mich mit Frauenzimmern überhaupt nicht gemein.

Gott, Hubert, wie ernst Sie mal wieder aussehen! Wie ein Karpfen aus den Teichen. Trinken Sie eigentlich viel Essig? Ich bin doch auch bloß ein Frauenzimmer.

Nein, erklärt Hubert. Einmal sind Sie eine Dame, und dann sind Sie meine Herrschaft, so kommt Gemeinmachen mit Ihnen gar nicht in Frage, gnädiges Fräulein.

Danke schön, Hubert. Sie sind wirklich großartig. Ich glaube, Sie platzen noch einmal vor Eingebildetheit und Stolz.

Sie sieht ihn sehr vergnügt mit ihren leicht vorstehenden, glänzenden Augen an. Plötzlich wird sie ernst, sie flüstert geheimnisvoll: Ist es denn wahr, was die Armgard der Mama gesagt hat, daß Sie ein Unhold sind?

Der Diener Räder sieht das neugierige Mädchen mit seinen fischigen Augen unbewegt an. Nicht eine Spur von Farbe steigt in seine grauen, faltigen Wangen.

Das hat die Armgard aber nicht vor Ihren Ohren gesagt, gnädiges Fräulein, stellt er unerschütterlich fest. Da haben Sie wieder an der Tür gelauscht.

Auch Violet ist nicht die Spur verlegen. Mit Staunen sieht der Förster, wie vertraut das seltsame Paar miteinander ist. ›Der Räder ist ja noch viel schlauer, als ich gedacht habe. Vor dem muß ich mich ja noch viel mehr in acht nehmen‹, denkt er bei sich.

Weio aber lacht bloß. Seien Sie doch nicht albern, Hubert! Wenn ich nicht ein bißchen lausche, erfahre ich überhaupt nichts. Mama erzählt mir nie was, und wie ich Papa neulich auf der Wiese fragte, als wir den Storch sahen, ob es denn wirklich wahr sei, lief er ganz rot an. Gott, der arme Papa! Wie verlegen er war! – Und Sie sind also ein Unhold?

Da ist auch noch der Förster Kniebusch, lenkt Räder unerschüttert ihr Interesse ab.

Ja, natürlich. Guten Abend, Kniebusch. Was ist denn bloß los? Hubert tut ja so geheimnisvoll, aber Hubert tut immer geheimnisvoll. Was haben Sie denn nur?

Gott, gnädiges Fräulein, sagt der Förster jämmerlich, denn er sieht mit Schrecken den Augenblick kommen, da er berichten muß. Und schon geht ihm alles durcheinander, und er weiß nicht mehr, was er wirklich gesehen hat und was er nur vermutet. Und dann hat er auch gar nicht den Mut, ihr das jetzt alles ins Gesicht zu sagen, und vielleicht hat der Negermeier nicht geprahlt, sondern sie liebt ihn wirklich, und dann ist er ja schön hereingefallen.

Ich weiß ja nicht ... Ich wollte ja nur mal fragen ... Ich hab den Sechserbock wieder gespürt, den der Rittmeister so gerne kriegen wollte, und wenn der Rittmeister nun heute abend noch käme ... Er stand doch im Klee, aber jetzt geht er in Haases Seradella ...

Weio sieht ihn aufmerksam an.

Räder aber betrachtet ihn kalt und verächtlich. Er wartet in aller Ruhe, bis der Förster sich vollständig verhaspelt hat, dann sagt er mitleidslos: Es ist wegen der U-ni-form, gnädiges Fräulein! Und ohne mich hätte er es der gnädigen Frau und nicht Ihnen gesagt ...

Pfui, Kniebusch! schilt Violet. Schämen Sie sich was! Immer petzen und hinter dem Rücken Geschichten erzählen ...

Und nun muß der Förster, schon um sich ein bißchen zu entlasten, alles auskramen, von dem Bestellgang durchs Dorf bis zum Anruf aus der Kneipe. Dann berichtet er stockend, halblaut, maßlos verlegen, von dem besoffenen Geschwätz des Negermeier. Er möchte um den Brei herumreden, aber das gelingt ihm nicht. Weio wie Räder sind unerbittliche Forscher: Nein, da fehlt noch was, Kniebusch, sagen Sie alles! Ich werde bestimmt nicht rot.

Aber das wurde die fünfzehnjährige Weio doch. Sie stand an der Wand, sie hatte die Augen bis auf einen schmalen Spalt geschlossen, aber ihre Lippen zitterten, und sie atmete hastig.

Doch sie gibt nicht nach, sie fragt unermüdlich weiter: Los, Kniebusch, was hat er dann gesagt?

Und nun kam die Sache mit dem Brief.

Hat er alles vorgelesen? Was hat er vorgelesen? Sagen Sie jedes Wort, das er vorgelesen hat ... So, und Sie Idiot haben geglaubt, ich hab ihm das geschrieben, ihm, diesem Kerl –?!

Nun kam die Erleuchtung unter dem Haaseschen Brettergiebel.

Was?! Sie haben den – Herrn gesehen und Sie haben ihm nichts gesagt?! Nicht einmal einen Wink gegeben?! Von allen Schafsköpfen, Kniebusch, sind Sie der größte!

Der Förster steht verdattert und schuldbewußt vor ihr; jetzt sieht er auch ein: er hat alles ganz falsch gemacht.

Der Schulze war dabei, ließ sich Räder vernehmen.

Richtig! Aber den Brief hätt er ihm doch zustecken können!

Den Brief hat der Förster ja gar nicht gehabt! (Wieder Räder.)

Ach ja, ich bin ganz durcheinander! Aber Meier hat ihn noch – sitzt vielleicht mit ihm im Krug, zeigt ihn andern ... Sie müssen sofort los, Hubert!

Der Meier ist doch längst wieder auf seinem Zimmer, sagte Hubert unerschüttert. Ich hab Ihnen doch selbst erzählt, daß er ganz betrunken nach sechs aus der Schenke heimgekommen ist. Aber ich schlage vor, die U-ni-form ...

Stimmt! Los, Hubert, sagen Sie ihm Bescheid. Sie finden ihn schon, sicher ist er noch bei Haase. Nein, erzählen Sie ihm gar nichts, sagen Sie ihm bloß, ich muß ihn sofort sprechen. Aber wo? Sagen Sie, an der alten Stelle ... Aber wie kann ich hier weg? Mama läßt mich doch jetzt nicht mehr fort!

Pssst! Die gnädige Frau! warnt ganz unerschüttert Hubert Räder.

Nun, was ist denn hier für eine Verschwörung? sagt Frau von Prackwitz und steht sehr erstaunt auf der Schwelle der Dienerkammer. Ich such dich überall, Violet, und hier finde ich dich –! Sie sieht von einem Gesicht zum andern. Warum seht ihr denn alle so verlegen aus? Mit schärferer Stimme: Ich will wissen, was hier los ist! Wird's bald, Weio?!

Verzeihen, gnädige Frau, daß ich spreche, läßt sich der Diener Räder vernehmen. Es hat ja doch keinen Zweck mehr, gnädiges Fräulein, wir müssen es der gnädigen Frau sagen.

Atemlose Stille, verzweifelte Herzen.

Stille. Schweigen.

Es ist, gnädige Frau, grade heraus gesagt, wegen des Bocks!

Wegen welchen Bockes?! Was ist das für ein Unsinn?! Weio, ich ersuche dich –!

Doch wegen des Bocks im Klee, von dem der Herr Rittmeister auch gesprochen hat, sagt Räder. Verzeihung, gnädige Frau, daß ich es gehört habe. Es war vorgestern beim Abendessen, ich servierte grade die Schleie.

Räders leidenschaftslose, immer leicht belehrende Stimme hüllt alles in einen grauen Nebel ein.

Und nun war der Bock doch plötzlich verschwunden, grade, als Herr Rittmeister auf den Ansitz ging, und Herr Rittmeister legte doch solchen Wert darauf, gnädige Frau haben es selber gehört ...

Ich habe noch immer nicht gehört, was das hier für eine Versammlung ist –!

Und nun hat der Förster den Bock doch heute ausgemacht, gnädige Frau, in Haases Seradella, und heute abend muß er geschossen werden, weil er immerzu hin und her wechselt. Und da hatten wir gedacht, weil der Herr Rittmeister doch weg ist, daß das gnädige Fräulein den Herrn Rittmeister überrascht. Es war ja nicht recht von uns, gnädige Frau, daß wir es heimlich tun wollten ... Aber ich bin es gewesen, der es vorgeschlagen hat, daß wir warten, bis die gnädige Frau schlafen geht, weil wir Vollmond haben, und es ist Büchsenlicht genug, sagt Herr Kniebusch ...

Nun hören Sie aber endlich mit Ihrem schrecklichen Gedröhne auf, Hubert! sagt die gnädige Frau, merklich erleichtert. Sie sind ein gräßlicher Mensch. Tagelang wünscht man sich: wenn er doch endlich mal den Mund auftäte! Aber wenn Sie ihn dann aufmachen, hat man bloß den einen Wunsch, daß Sie ihn recht schnell wieder schließen. – Und zu den Mädchen könnten Sie auch etwas netter sein, Hubert, davon fällt Ihnen kein Stein aus Ihrer Krone!

Jawohl, sagt Diener Räder unbewegt.

Und du, Weio, fährt die gnädige Frau in ihrer Strafpredigt fort, bist eine rechte Gans. Dies hättest du mir ruhig erzählen dürfen, die Überraschung für Papa wäre dadurch nicht kleiner geworden. Eigentlich sollte ich dich zur Strafe nicht gehen lassen, aber wenn der Bock nur diesen Abend in der Seradella ist ... Sie gehen ihr aber keinen Schritt von der Seite, Kniebusch ... Gott, was haben Sie denn wieder, Kniebusch, was weinen Sie denn!?!

Ach, es ist ja bloß der Schreck, gnädige Frau, der Schreck, wie Sie in der Tür standen, jammerte der alte Mann. Und ich kann es dann nicht halten. Aber es war ein freudiger Schreck, es sind Freudentränen ...

Ich denke, Hubert, sagte die gnädige Frau trocken, Sie machen sich auch ein bißchen zurecht und gehen mit. Sonst, wenn sie im Wald einen Holzdieb treffen, bricht unser guter Kniebusch auch in Freudentränen aus, und Weio kann dann sehen, wie sie allein fertig wird ...

Ach, Mama, sagte Weio, ich hab vor Holz- und Wilddieben keine Angst.

Du solltest lieber vor vielen Dingen Angst haben, meine liebe Violet, sagte Frau von Prackwitz energisch. Vor allen Dingen solltest du Angst vor Heimlichkeiten haben. – Also, es bleibt dabei, Hubert kommt mit.

Jawohl, Mama, sagte Weio gehorsam. Wartet bloß einen Augenblick, ich hab mich gleich umgezogen.

Damit lief sie nach oben, die gnädige Frau aber war mit den beiden Männern allein und wusch ihnen wegen der ›Heimlichkeiten, mit dem Kinde, der Weio‹ gehörig den Kopf. Sie tat es sehr gründlich, aber mit dem Ergebnis war sie nicht ganz zufrieden. Als rechte Frau hatte sie nämlich das untrügliche Gefühl, daß irgend etwas nicht stimmte. Da die Weio aber noch ein rechtes Kind war, würde es am Ende so schlimm nicht sein, und sie beruhigte sich bei dem Gedanken, daß Weios Untaten sich immer noch ziemlich harmlos aufgeklärt hatten. Ihre schlimmste Untat war bisher das Verschandeln ihres schönen langen Haars zu einem Bubikopf gewesen. Und ein so schlimmes Verbrechen läßt sich gottlob nur einmal begehen.

4

Die Frauenzelle im Polizeigefängnis Alexanderplatz ist völlig überfüllt. Als dieses Gefängnis erbaut, als die Zelle fertig wurde, malte man an die grüne, eisenbeschlagene Tür auch den Luftinhalt der Zelle: soundso viel Kubikmeter schrieb man daran, völlig ausreichend für eine Insassin. Daß man dann noch ein zweites Bett hineingesetzt hatte, das war schon sehr lange her; zwei Betten in der Zelle war auch für die ältesten Beamten eine Normalbelegung.

Dann aber kam die Inflation. Die Flut der Festgenommenen schwoll und schwoll. Man stellte über die zwei Betten zwei weitere Betten und verdoppelte so mit einem Schlag die Belegungsfähigkeit des Gefängnisses. Aber auch das reichte schon längst nicht mehr aus. Nun wurden sie, wie sie in endlosem Zuge Tag für Tag in den grünen ›Lumpensammlern.› der Polizei ankamen, wahllos in die Zellen gestopft. Abends warf man dann ein paar Matratzen, ein paar Wolldecken hinterher; nun seht, wie ihr euch einrichtet!

Selten hatte sich Petra Ledig verlassener, einsamer gefühlt als in der überfüllten Zelle des Gefängnisses. Es wollte und wollte nicht dunkel werden.

Wohl gehörte sie nicht zu jenen Mädchen aus gesicherten Kreisen, denen die Tatsache, im Gefängnis zu sein, Zusammenbruch und Schande bedeutete. Sie lebte im Alltag, sie wußte, daß dies Leben eine schwer zu übersehende Sache blieb für einen, der arm und freundlos war, der nie wußte, was einem noch geschehen konnte, aus welcher Ecke der Unheilswind nun hervorbrach.

Sie wußte, nach einer zweiten, sehr flüchtigen Vernehmung hier im Präsidium, ziemlich genau, was man ihr vorwarf. Sie wußte, daß diese Beschuldigungen zum Teil veraltet, zum Teil unrichtig waren. Aber sie wußte nicht, was für sie dabei herausschauen würde. Es war möglich, daß es Arbeitshaus gab, oder den Kontrollschein, oder Gefängnis, Wochen oder Monate. Das alles lag in Händen von Menschen, die ihr so fremd waren wie Menschen einer andern Welt, zu denen man nicht sprechen kann.

Sie war gleich zum Arzt geführt worden. Aber da standen sie in endloser Reihe vor der Tür, und schließlich hieß es: Keine Vorführungen mehr! Der Medizinalrat ist nach Haus gegangen.

So war Petra wieder in ihre Zelle geführt worden, und sie hatte gefunden, daß dort unterdes das Abendessen ausgegeben war und daß die andern ihren Anteil aufgegessen hatten. Es machte ihr nicht viel aus, sie fand, sie hatte vorhin auf der Wache erst einmal genug gegessen. Nur mit halbem Ohr hörte sie auf das Gezänk der andern, die sich umschichtig beschuldigten. Es konnte schon stimmen, was die dicke Frau in dem unteren Bett (die älteste Zelleninsassin, schon seit zwei Tagen hier) sagte, daß die Hühnerweihe ihr das Essen gestohlen hatte.

Aber es war gleich. Es wäre besser gewesen, sie schwiegen davon. Nun wurde ja die Hühnerweihe auch wieder wild und fiel mit Beschimpfungen und Geschrei über Petra her. Es war nicht angenehm, daß grade sie in dieselbe Zelle mit der Hühnerweihe gekommen war, aber auch das mußte ertragen werden. Das Mädchen würde es auch nicht lange aushalten mit diesem Geschrei und Getobe. Als sie in die Zelle gekommen war, war sie noch schlapp gewesen wie ein nasses Handtuch. Aber jetzt war sie wieder unruhig; immer von neuem drang sie auf Petra ein und hätte sie wohl am liebsten geschlagen. Nur hatte sie nicht mehr so viel Kraft wie früher, Alkohol und Kokain hatten ihr Werk getan, Petra konnte sie sich mit einer Hand vom Leibe halten. Sie antwortete ihr überhaupt nicht, trotzdem schrie die Hühnerweihe immer wilder.

Das war lästig. Unter diesen ständigen Angriffen und diesem Geschrei konnte Petra nicht nachdenken, wie sie gerne getan hätte. Da war die Sache mit Wolfgang: kam er heute noch, kam er überhaupt? Sie wußte ja jetzt, was sie von ihr glaubten, sicher würde man ihm das auf der Wache erzählen – und was würde er nun glauben? Setzte sie sich an seine Stelle, sie wäre um so schneller gekommen, aber bei ihm konnte man es nicht wissen.

Petra sah sich in der Zelle um. Gerne hätte sie die alte, grauhaarige Frau auf dem Bett nach den Besuchszeiten gefragt, aber die Hühnerweihe schrie immer schlimmer. Die andern schien es freilich gar nicht zu stören, nicht einmal zu interessieren. Die beiden braunschwarzen Zigeunerinnen mit ihren frechen, unruhigen Vogelaugen hockten beieinander in einer Ecke auf der Matratze und wisperten halblaut mit vielen raschen Fingergebärden, sie sahen niemanden sonst in der Zelle an. Das lange, blasse Mädchen, die das andere untere Bett hatte, war schon unter die Decke gekrochen; man sah nur ihre Schultern, die zuckten. Sie weinte wohl. – Eine kleine Dicke hatte sich auf den Schemel gesetzt und bohrte mit finsterem Gesicht in ihrer Nase herum.

Jetzt sah die grauhaarige Frau, die auf ihrer Bettkante saß, hoch und sagte ärgerlich: Halt doch endlich deine Fresse, du dummes Aas! – Hau ihr ein paar aufs Maul, Kittchen, daß sie Zähne spuckt! Mit der Anrede ›Kittchen‹ war Petra gemeint. Die alte Frau nannte sie wohl darum so, weil sie als einzige der Zellenbewohnerinnen die blaue Gefängniskluft trug. Man hatte sie bei der Einlieferung sofort eingekleidet.

Aber Petra mochte die Hühnerweihe nicht schlagen. Es hatte ja keinen Sinn, sie war vor Gier nach Kokain oder Alkohol von Sinnen. Ein paarmal hatte die Nachtwache schon gegen die Zellentür geklopft und hatte Ruhe geboten. Dann war die Hühnerweihe stets rasch an die Tür gesprungen und hatte gebettelt: Ach, bitte, gebt mir doch einen Schnaps! Einen einzigen, kleinen! Ihr könnt's doch, Jungen! Ihr kippt doch auch mal gerne einen! Ach, bitte gebt mir doch einen, Jungens ...

Doch die Schritte der Nachtwache waren ohne Antwort verhallt, höchstens, daß einer halblaut lachte. Dann hatte die Hühnerweihe einen Wutausbruch bekommen, sie hatte mit den Fäusten gegen die Eisentür getrommelt und hatte den Wärtern Beschimpfungen nachgeschrien.

Aber langsam veränderte sich die Hühnerweihe. Wie die Zeit vorrückte, der Himmel hinter dem Zellenfenster matt und dunkel wurde, das elektrische Licht über der Tür aufflammte, war es immer stärker, als wisse das Mädchen nicht mehr recht, wo es war, was um es war. Wahrscheinlich glaubte sie, in der Hölle zu sein. Wie ein Tier rannte sie auf und ab, immer von einer Wand zur andern, blind für die Gefährtinnen. Dabei murmelte sie ununterbrochen halblaut vor sich hin. Plötzlich dann blieb sie stehen und schrie mit hoher, gellender Stimme, wie aus wilden Schmerzen heraus.

Wieder klopften die Wärter, wieder gab ihr Anruf der Gequälten Anlaß zu neuem, herzzerreißendem Betteln, dann wilden Beschimpfungen. Dieses Mal fiel sie hin an der Tür; das Haupt gegen das Eisen der Tür gelehnt, hockte die jämmerlich zerraufte Hühnerweihe da, als lausche sie auf etwas. Sie fing an zu murmeln: Es läuft, murmelte sie. Es krabbelt in meinem Bauch. Oh, so viel Beine! Sie wollen heraus, mein ganzer Leib ist voll von ihnen, und nun wollen sie heraus!

Mit zitternden Fingern riß sie an ihren Kleidern herum, versuchte sich den Leib freizumachen. Ameisen! klagte sie. Rote, durchsichtige Ameisen! Sie laufen in mir. – Oh, gebt Ruhe! bat sie. Ich habe ja nichts. Ich kann euch kein Koks geben!

Sie sprang auf. Gebt mir Koks! schrie sie. Du sollst mir Koks geben, hörst du! Du hast Koks!

Mit einem schwachen Schrei war die grauhaarige Frau hintenüber gesunken; ohne einen Versuch der Gegenwehr lag sie unter der Tobenden, leise wimmernd.

Die Zigeunerinnen auf ihrer Matratze unterbrachen das unverständliche Gewisper und sahen grinsend den Überfall an. Die Schultern des langen Mädchens im Bett hörten zu zucken auf. Langsam wandte sie den Kopf und sah mit ihren angstvollen Augen und der großen, bleichen Nase nach dem Bett gegenüber, jederzeit bereit, sich völlig unter die Bettdecke zu verkriechen. Die dicke Mißmutige auf dem Schemel schalt unmutig: Ach, gebt doch Ruhe! Wie kann eines nachdenken, wenn ihr soviel Krach macht?!

Petra war zugesprungen. Leicht war es, das schmächtige, verwüstete Geschöpf rückwärts zu ziehen, von der unter ihr Liegenden fort; unmöglich aber, die klammernde Hand aus den Haaren der Überfallenen zu lösen.

Wollt ihr Ruhe geben, ihr Weiber! schimpften die Wärter durch die Tür. Hat sich bei den Haaren, das Gesindel! Wartet nur, gleich gibt es Kloppe!

Petra wandte sich um, zur Tür rief sie zornig: Kommen Sie doch rein! Das Mädchen hat einen Anfall! Helfen Sie uns doch!

Einen Augenblick war Stille hinter der Tür. Dann sagte eine höfliche Stimme: Wir dürfen doch nicht, Fräulein. Nach Einschluß dürfen wir in keine Frauenzelle. Sonst heißt es gleich, wir haben was mit euch.

Und eine andere Stimme: Wer weiß, ob das nicht bloß ein Trick von euch ist?! Auf so was fallen wir lieber nicht rein.

Und Petra: Aber das geht doch nicht so! Sie ist doch schon halb wahnsinnig. Es muß doch eine Wärterin hier im Hause sein. Oder ein Arzt. Bitte, schicken Sie doch einen Arzt.

Alle schon weg! sagte die höfliche Stimme. Die hätte das bei der Einlieferung sagen müssen. Dann wäre sie auf die Krankenabteilung gekommen. Ihr Fünfe werdet mit der einen schon fertig werden.

Es sah nicht so aus. Die Zigeunerinnen saßen lautlos, die Dicke hockte mißmutig auf ihrem Schemel, die Längliche war unter ihre Decke gekrochen – und die alte Frau wimmerte weiter unter dem schmerzenden Klammern der Hühnerweihe.

Eine Weile hatte die Hühnerweihe leise schluchzend neben der alten Frau im Bett gelegen, nun fing sie wieder an zu schreien. Dabei riß sie die Frau ohne Gedanken, aber wild an ihren dünnen Zotteln. Auch die Frau schrie jetzt.

Sie müssen helfen! schrie Petra empört und trommelte mit den Füßen gegen die eisenbeschlagene Tür. Es dröhnte. Oder ich mache solchen Krach, daß das ganze Gefängnis zu schreien anfängt!

Es war schon fast so weit. Aus vielen Zellen klangen wütende Rufe nach Ruhe. Eine hohe Frauenstimme fing an, die Internationale zu singen.

Die Tür flog auf; uniformiert und bewaffnet, aber auf leisen Filzschuhen, den sachten Schlaf der Gefangenen nicht zu stören, standen zwei Wärter in der Tür.

Aber rein zu euch gehen wir nicht! sagte ein großer Blauäugiger mit rotblondem Schnurrbart. Wir sagen Ihnen, was Sie tun sollen. Sie sind ja ganz vernünftig, Fräulein. – Schnell, los, holen Sie eine Prise Salz aus dem Schränkchen.

Petra lief, der Wachtmeister befahl: Du alte Vogelscheuche da auf der Matratze, nimm eine Wolldecke! Kannst auch was tun!! Du andere auch!

Die beiden Zigeunerinnen sprangen auf, grinsend taten sie, was er gesagt.

Du da, kleine Hübsche auf dem Bett, rief der Wärter von der Zellenschwelle. Hoch mit dir jetzt! Nun gibt's Koks!

Mit einem Freudenschrei sprang die Hühnerweihe auf, lief taumelnd auf die Wärter zu. Ihr seid Kerle -!

Die alte Frau richtete sich ächzend auf, tastete mit vorsichtigen Händen nach ihren Haaren.

Weg da! rief der Rotblonde zur Hühnerweihe. Drei Schritt vom Leibe! Und nach einem prüfenden Blick: Ja, die simuliert wirklich nicht. Das ist eine Kokserin wie nur eine.

Von dem Befehl zurückgescheucht, von dem Versprechen ermuntert und gehorsam gemacht, stand die Hühnerweihe aufmerksam da. Mit hängenden Armen und hündisch erwartungsvollem Blick sah sie die Männer an. Petra, die Zigeunerinnen warteten auch. Nur die Lange, Blasse hatte sich vor den Männerblicken ganz unter die Bettdecke verkrochen, und die Dicke murmelte ärgerlich: Ach, haut ab mit eurem Quatsch! Laßt eins doch nachdenken!

Leg dich lang auf die Erde, du! befahl der Rotblonde. Ja, tu's. Sonst gibt's keinen Koks.

Die Kranke zögerte, dann, mit einem leisen, enttäuschten Schrei, legte sie sich auf den Zellenboden.

Die Arme an den Leib! befahl der Wärter. Du, mach keine Geschichten! So, nun rollt sie erst in eine Decke! Fester! Fester! Ganz fest, so fest ihr könnt! Ach Quatsch, das tut ihr nicht weh! Zeig ihr den Koks, daß sie sich nicht wehrt! – Das Salz mein ich doch, Dumme! Zeig's ihr, sie glaubt's schon. – Ja, meine Gute, mein Lamm! Kriegst du gleich, sei nur jetzt erst artig!

Das Mädchen stöhnte. O bitte, bitte! Quält mich nicht so! Gebt mir Koks! flehte sie.

Nur noch einen Augenblick! Jetzt die andere Decke – nein, entgegengesetzt umgerollt. Dreht sie ruhig um wie ein Paket. Davon geht sie noch lange nicht kaputt. Du da, Dicke auf dem Schemel, nimm den Finger aus der Nase, tu auch was! Hol die beiden Laken aus den oberen Betten – ja doch, meine Gute, gleich ist es soweit! Siehst du nicht, was für 'ne Menge Koks das ist?! Gleich kriegst du deine Prise!

Nach der Weisung des Wärters wurden die Laken wie Stricke fest um das Paket geschnürt. Willig ließ es sich das Mädchen gefallen. Es wandte den Blick nicht von der Hand, die die Erlösung, das Kokain, das Salz hielt. Oh, gebt mir doch! murmelte sie. Wie könnt ihr so hart sein?! Es ist schön ... Ich halte es nicht mehr aus ...

So, sagte der Wärter nach einem prüfenden Blick. Das wird halten. Na, eigentlich ist es ja überflüssig, sie wird's doch gleich merken, aber gib ihr immerhin das Salz ...

Ja, Koks. Bitte, bitte, Koks! bettelte die Gefesselte.

Zögernd, widerwillig hielt Petra ihr das Salz auf der Handfläche unter die Nase. Und sah, seltsam angefaßt, die Verwandlung in dem Gesicht der Gequälten.

Näher! flüsterte die mit unwilligem, ernstem Blick. Halte es doch unter die Nase! Sie zog es tief ein. Oh, das tut gut!

Ihr scharfes, zerrissenes Gesicht glättete sich, die Lider sanken in der Entspannung fast ganz über die Augen. Wo unter den Wangenknochen nur schwarze Höhlungen gewesen waren, wölbte sich wieder sanftes Fleisch. Die scharfen Falten um den Mund verschwanden, die rissigen, spröden Lippen wölbten sich, sachte ging der Atem ...

Oh, selig -!

›Es ist ja nur Salz!‹ dachte Petra erschüttert. ›Gemeines Kochsalz – aber sie glaubt daran, und so macht es sie wieder jung!‹

Und in plötzlicher Gedankenverbindung mußte sie an Wolfgang denken, an Wolfgang Pagel, den sie den ganzen Abend, sie wußte es wohl, doch immer erwartet hatte, von Minute zu Minute – wie sahen ihn die andern -? ›Es ist ja nur Salz!‹

Da – jetzt kommt's! sagte der Wärter halblaut.

Das Gesicht, nahe unter dem Gesicht der knienden Petra, hatte sich erschreckend gewandelt. Der Mund war eine schwarze, tiefe Höhle, die Augen weit aufgerissen, in Schreck, in Zorn.

Ihr Hunde! Ihr Schweine! schrie sie. Das ist kein Koks! Ihr habt mich betrogen! Oh – oh – oh!!

Ihr ganzer Körper bäumte sich auf, ihr Kopf fuhr hoch. Dunkelrot, blaurot wurde ihr Gesicht unter der Anstrengung, sich freizumachen.

Laßt mich los! schrie sie. Ich will es euch zeigen!

Petra war zurückgesprungen. Solcher Haß, solche Verzweiflung schlugen ihr aus dem eben noch ganz erlösten Gesicht entgegen.

Keine Bange, Kleine! sagte der Wärter. Das hält! Paß auf, du Blaue, du bist noch die Vernünftigste! Laß sie ruhig auf der Erde liegen, mach sie nicht frei, was sie euch auch erzählt. Aber paß auf, daß sie nicht den Kopf auf dem Steinboden zerschlägt, sie ist dazu imstande. Wenn sie zu sehr schreit, leg ihr ein nasses Handtuch auf den Mund, aber sieh zu, daß sie nicht erstickt ...

Nehmen Sie sie doch raus! sagte Petra böse. Ich will das nicht. Ich bin kein Gefangenenwärter! Ich mag Menschen nicht quälen ...

Sei nicht dumm, kleine Blaue, sagte der Wärter gleichmütig. Quälen wir sie denn? Die Sucht quält sie, das Koks quält sie. Haben wir's ihr angewöhnt –?

Sie gehört in ein Krankenhaus! sagte Petra unwillig.

Glaubst du, da geben sie ihr Koks? fragte der Wärter wieder. Los muß sie davon, hier, überall. Ist sie denn so noch ein Mensch? Kuck sie doch an, Kleine!

Sie sah wirklich kaum noch menschlich aus, ein zitternder, rasender Kopf, jetzt voller Wut und Haß, nun weinend, schon verzweifelnd, nun bittend, wie ein Kind bittet, voller Glauben, der Gebetene vermöge alles.

Ich will sehen, daß ich auf dem Lazarett ein Schlafmittel für sie kriege, sagte der Rotblonde nachdenklich. Aber ich weiß nicht, ob einer da ist, der den Schlüssel zum Medikamentenschrank hat. Das sind Zeiten, sage ich dir ... Also verlaß dich nicht drauf!

Kannst ihr immer noch ein paarmal zwischendurch Salz geben, mischte sich der andere ein. Die fällt noch zehnmal drauf rein. Der Mensch ist so. Na, gute Nacht.

Die Tür fiel zu. Das Schloß knackte laut unter den Schlüsseln. Nun klirrte der Riegel. Petra hockte sich neben die Kranke. Die warf jetzt den Kopf von einer Seite auf die andere, ununterbrochen, mit geschlossenen Augen, immer schneller, immer schneller ... Koks, flüsterte sie dabei. Koks! Koks! Gutes Koks ...

›Die fällt immer wieder auf Salz rein‹, wiederholte Petra bei sich trübe. ›Der Mensch ist so.‹ Und: ›Recht hat er: der Mensch ist so. – Aber ich möchte nicht mehr so sein. Ich nicht!‹

Sie sah gegen die Tür. Die Scheibe des Spions blinkte wie ein böses Auge. ›Wolf kommt nicht mehr‹, dachte sie entschlossen bei sich. ›Er hat geglaubt, was die ihm erzählt haben. Ich will nun auch nicht mehr auf ihn warten!‹

5

Auf dem ›Schloß‹ in Neulohe, bei den alten Leuten, bei den Teschows, aßen sie Punkt sieben Uhr zu Abend. Um halb acht waren sie damit fertig, und dann hatten die Mädchen nur noch den Abwasch und das Aufräumen in der Küche, was spätestens um acht fertig war. Darauf hielt die alte Gnädige: ›auch ein Dienstbote muß einmal Feierabend haben!‹

Freilich kam dann noch 8 Uhr 15 die Abendandacht, zu der alle im Schloß frisch gewaschen zu erscheinen hatten – bis auf den alten Herrn von Teschow natürlich, der zum immer neuen Ärger seiner Frau gerade um diese Stunde stets einen eiligen, völlig unaufschiebbaren Brief schreiben mußte.

Nein, heute geht es wirklich nicht, Belinde! Und überhaupt – ich höre mir deinetwegen schon alle Sonntage an, was uns der alte Lehnich von der Kanzel erzählt. Ich muß ja sagen, es klingt ganz schön, aber ich kann mir nichts Rechtes darunter vorstellen, Belinde. Und ich glaube, du auch nicht. Wenn ich mir so ausmale, wir fliegen da einmal als Engel im Himmel herum, du, Belinde, und ich – so in weißen Hemden wie auf den Bildern in der großen Bilderbibel ...

Du spottest mal wieder, Horst-Heinz!

I bewahre, keine Spur! – Und ich treff da meinen alten Elias, und der flattert auch so rum und singt auch ewig, und dann flüstert er mir zu: Na, Geheimrat, du hast auch Schwein gehabt, wenn ich dem lieben Gott all das von deinem Rotspohn erzählt hätte, und was du manchmal für lästerliche Reden geführt hast ...

Richtig, Horst-Heinz, sehr richtig!

Und alles ohne Standesunterschied und einfach per Du, in so einer Art von Nachthemden und mit Gänseflüchten – Ja, verzeih, Belinde, es sind nämlich Gänseflüchten. Es sollen ja wohl Schwanenflüchten sein, aber Schwan und Gans sind so ziemlich dasselbe ...

Ja, geh nur rauf, Horst-Heinz, und schreibe deinen wichtigen Geschäftsbrief. Ich weiß schon, du spottest bloß, und gar nicht mal über die Religion, sondern nur über mich. Aber das macht mir nichts, das trage ich, das ist sogar besser. Denn wenn du über die Religion spottetest, wärest du verworfen für immer und ewig – aber wenn du über mich spottest, bist du bloß unhöflich. Und das darfst du ruhig sein, wir sind ja bereits zweiundvierzig Jahre miteinander verheiratet, da bin ich einen unhöflichen Ehemann schon gewöhnt!

Damit rauschte die Gnädige kurz ab zum Betsaal, der alte Herr aber stand lachend auf dem Treppenabsatz und sprach: I du Donner, da habe ich es mal wieder und gründlich! Aber recht hat sie – und so will ich denn mal wirklich wieder zu einer von ihren Andachten gehen, morgen oder übermorgen. Es muntert sie doch ein bißchen auf, und man soll auch einmal etwas für seine Frau tun, selbst wenn man schon zweiundvierzig Jahre verheiratet ist. – Wenn sie bloß nicht immer den Hickauf kriegen würde, sobald sie gerührt ist! Es ist genauso, wie wenn einer beim Billardspielen kiekst – ich kann das Kieksen nicht hören und ich kann den Hickauf nicht hören, und warte doch immer darauf. – Na, nun will ich noch ein bißchen rechnen, ich bin überzeugt, mein Herr Schwiegersohn zahlt viel zuwenig für den elektrischen Strom ...

Damit stieg der Geheimrat hinauf in sein Arbeitszimmer und war drei Minuten später, von den Wolken einer Brasil eingehüllt, in seine streitbaren Rechnungen versunken, ein wohl alter, aber nicht umzubringender Rauschebart. Die Rechnungen waren aber darum so streitbar, weil er mit ihnen seinem Schwiegersohn zu Leibe wollte.

Der zahlte, wie für alles, auch für den elektrischen Strom dem Schwiegervater viel zuwenig, wie dieser fand; viel zuviel, wie er selbst fand. Neulohe war bei keiner Überlandzentrale angeschlossen, sondern erzeugte sich seinen Strom selber. Die stromerzeugende Maschine, ein hochmoderner Rohöl-Dieselmotor, stand mit den Akkumulatoren im Schloßkeller, und weil sie dort stand, war sie nicht dem Schwiegersohn, für den sie hauptsächlich arbeitete, verpachtet, sondern der alte Herr hatte sie für sich behalten, obwohl er nur ›drei Funzeln in seinem Katen‹ brannte. Die Abmachung wegen des Strompreises war auch ganz einfach gewesen: jeder von beiden Teilen hatte seinen Anteil an den Kosten je nach dem Anteil am Verbrauch zu zahlen.

Aber auch die einfachste, die klarste Abmachung versagt dort, wo zwei sich nicht ausstehen können. Der alte Herr von Teschow fand, sein Schwiegersohn sei kein Landwirt, aber ein großer Herr von Habenichts, der auf Grund der schwiegerväterlichen Tasche gut leben wollte. Der Rittmeister von Prackwitz fand, daß sein Schwiegervater ein Neidhammel, ein Geizkragen und dazu ein gut Teil ›plebejischer‹ sei, als er ertragen konnte. Der alte Herr sah sein Barvermögen unter der Inflation dahinschwinden, und je wertloser das in vielen Jahren Angehäufte wurde, um so dringender schien ihm die Jagd nach neuem Gelde. Der Rittmeister merkte, wieviel schwieriger das Wirtschaften von Monat zu Monat wurde, spürte, wie ihm die zu Geld verwandelte Ernte unter den Händen zerrann, sorgte sich und fand es höchst filzig von dem alten Herrn, daß er ewig mit neuen Forderungen, Einwendungen, Mahnungen kam.

Im ganzen fand der Geheimrat von Teschow, daß sein Schwiegersohn viel zu gut lebte. Warum rauchte er nicht wie ich Zigarren, an denen man 'ne Stunde suckeln und nuckeln kann? Nee, das müssen Zigaretten sein, diese Sargnägel, von denen man nur braune Fingernägel kriegt und die in drei Minuten weggepafft sind. Er ist nach dem Kriege mit einem Offizierskoffer hier angerückt, und mehr als schmutzige Wäsche ist da auch nicht drin gewesen! Nee, Belinde, wenn einer seine Zigaretten bezahlt, so sind wir es – aber natürlich bezahlt er sie gar nicht, sondern kauft auf Rechnung.

Alle jungen Leute rauchen heute Zigaretten, hatte Belinde bemerkt und ihren Mann mit dieser Bemerkung erst recht in Fahrt gebracht. Ehefrauen, überhaupt Eheleute, haben für solche irritierenden Bemerkungen ein besonderes Geschick.

Ich werde ihn lehren! So jung ist er doch nicht mehr! hatte der Geheimrat schließlich drohend und blaurot angelaufen ausgerufen. Der Herr Schwiegersohn soll noch einmal lernen, wie schwer Geld verdient wird!

Und so saß denn der alte Herr an seinem Schreibtisch und rechnete, in der Absicht, schwer Geld zu verdienen. Er rechnete aber aus, was seine Lichtanlage kosten würde, wenn er sie heute, zum Dollarkurs von 414 000 Mark, anschaffen würde. Und diese Anschaffungskosten verteilte er auf zehn Jahre.

Denn länger hält die Anlage bestimmt nicht – und wenn sie auch länger hält, in der Zeit will ich sie bestimmt abgeschrieben haben.

Es war ein ganz hübsches Sümmchen, was da nun auf dem Papier stand: auch wenn man jeden Monat nur mit einem Zwölftel belastete, war es noch immer eine gewaltige Zahl, mit sehr vielen Nullen.

›Der wird morgen früh gucken, der Herr Schwiegersohn‹, sagte der Geheimrat bei sich, ›wenn er diese frohe Botschaft liest. Geld hat er natürlich nicht; das bißchen, was er noch hatte, wird er in Berlin gelassen haben. Aber ich werde ihm schon auf der Pelle sitzen, daß er rasch drischt; und das Druschgeld jage ich ihm dann ab, und er mag sehen, wie er durch den Winter kommt!‹

Es war eigentlich unbegreiflich, daß der alte Mann solchen Haß auf den Schwiegersohn hatte. Früher, als der Rittmeister noch Offizier gewesen war und in irgendwelchen weit abgelegenen Garnisonen gelebt hatte, und dann, als Krieg gewesen war, da hatten sich die beiden, wenn sie sich einmal sahen, eigentlich ganz gut vertragen. Der wirkliche Haß war erst aufgekommen bei dem alten Herrn, seit der Rittmeister hier in Neulohe als Pächter lebte, seit unter den Augen des alten Herrn sich das Prackwitzsche Familienleben abspielte ...

Der alte Herr war ja gar nicht so dumm und dickköpfig, er sah ganz gut, wie der Rittmeister sich plagte und sorgte. Sicher war der Schwiegersohn ein verabschiedeter Reiteroffizier und kein Landwirt, darum packte er vieles ungeschickt und auch falsch an. Sicher war er oft zu milde und manchmal zu hitzig. Sicher trug er englische Anzüge von einem sehr teuren Schneider in London, dem er immer sein Maß schickte, und Oberhemden, die von oben bis unten durchgeknöpft wurden (›Ekelhaft weibisch‹ – obwohl nie ein Weib solch Oberhemd getragen hat), während der alte Geheimrat nur Lodenanzüge und Jägerhemden trug. Sicher – und so gab es noch zehn, noch zwanzig Einwendungen gegen den Rittmeister. Aber jede für sich und alle zusammen gaben noch keinen Grund für solchen Haß ab.

Der Geheimrat von Teschow ist fertig mit seiner Rechnerei; den Brief an den Schwiegersohn wird er nachher schreiben, jetzt greift er nach der Oder-Zeitung. Doch er kommt nicht zum Lesen, er entdeckt, daß der Dollar nicht mehr auf 414 000, sondern auf 760 000 steht. Das müßte ihn eigentlich ärgern. Er hätte in die Zeitung sehen müssen, ehe er mit seiner Rechnerei anfing. Nun muß er alles noch einmal machen.

Aber es ärgert ihn nicht. Er macht sich gerne an die neue Rechnerei – muß der Herr Schwiegersohn um so mehr bezahlen!

›Ich kriege ihn doch noch kaputt!‹ denkt er flüchtig, und die Hand mit der Feder bleibt einen Augenblick still stehen, als sei sie über den Gedanken erschrocken. Aber gleich schreibt sie weiter. Der Geheimrat hat nur mit den Schultern gezuckt. Das war ein dummer Gedanke, natürlich legt er es nicht im geringsten darauf ab, den Herrn von Prackwitz zu ruinieren. Der soll nur bezahlen, was sich gehört. Mehr verlangt er gar nicht. ›Meinethalben kann er da drüben leben, wie er mag, in Seidenhemden und Büxen!‹ denkt der Geheimrat grimmig und schreibt weiter.

Durch das alte Schloß klingen die klagenden und jetzt fast leichtfertig flötenden Töne des Harmoniums. Geheimrat von Teschow nickt und tritt mit den Füßen den Takt – beschleunigend: ›Schneller, Belinde, schneller! Bei diesem Tempo müssen die Leute ja einschlafen.‹

Er ist ja nicht nur der Rittmeister von Prackwitz – er ist doch auch der Mann unserer einzigen Tochter hat, Belinde neulich gesagt. Eben, eben; wie 'ne Frau so was sagen kann, als sei es die selbstverständlichste Sache von der Welt: der Mann der einzigen Tochter!

Wenn der alte Geheimrat durch das Dorf geht und er sieht irgendein Mädchen, so kräht er laut über die ganze Dorfstraße: Na, was ist denn das für ein reizendes Kind?! – Na, komm doch mal rüber, meine kleine Süße, laß dich doch mal anschauen! Du bist ja ganz reizend, meine Kleine – Donnerschlag, was hast du für Augen!

Und er tätschelt ihre Backen und faßt sie unters Kinn, alles öffentlich vor dem ganzen Dorf!! Und öffentlich vor dem ganzen Dorf geht er mit ihr zum Kaufmann und kauft ihr eine Tafel Schokolade, oder er tritt mit ihr beim Gastwirt ein und läßt ihr einen Süßen geben. Und dann faßt er sie noch einmal um die Taille, recht sichtbar, und nun entläßt er sie und geht in den Forst, befriedigt bei sich schmunzelnd.

Aber er schmunzelt nicht wegen des Mädchens, das verlegen und doch geschmeichelt wirklich reizend ausgesehen hat – da läuft kein Mädchen mehr auf der grünen Erde, das ihm noch sein altes Blut erwärmen kann. Er schmunzelt, weil er ihnen allen wieder mal Sand in die Augen gestreut hat. Der Pastor Lehnich wird's hören, und er wird's der Belinde sachte beipuhlen, und Belinde, das arme Huhn, wird umherlaufen, als hätte sie ein Lineal geschluckt – und keiner, keine wird etwas ahnen!

Bis auf eine – der alte Herr weiß es wohl. Sie ahnt es, mehr noch, sie weiß es. Er sieht sie kaum noch, und nie unter vier Augen. Und nach der ersten schlimmen Zeit, als dies ihn ganz unvermutet heimsuchte, gibt er sich ja auch keine Mühe mehr, sie zu treffen. Nein, der Geheimrat weiß: einen Greisen brennen keine hellen Feuer mehr. Ein stiller Funke, eilig huschend durch die zugedeckte Asche – das ist alles.

Aber wenn da so ein Rittmeister von Habenichts und Kannichts, aber Willsehrviel kommt – so soll er sich gesagt sein lassen: wir haben unsere Tochter nicht für dich aufgezogen! Der Ehemann der einzigen Tochter, jawohl, bitte schön – aber wieso eigentlich? Das ist ja ganz wunderbar ausgedacht wir haben unsere Tochter erzogen, ein Mädchen wie keines, damit du dein Vergnügen hast?! Und nicht einmal das – man kommt ja nicht selten an der Villa vorbei, man hört es schon: du schreist Evchen an?! Nein, mein lieber Herr Schwiegersohn, das wollen wir dir zeigen, und nun macht es uns gar nichts aus, daß der Strompreis bei uns genau elfmal so hoch wird wie beim Kraftwerk Frankfurt – das sollst du trotzdem blechen müssen, nein, gerade weil du der Mann unserer Tochter bist!

Der alte Mann malt seine Zahlen mit einer zornigen Entschlossenheit hin. Es ist ihm egal, daß es Krach geben wird, es kann gar nicht genug Krach geben! Er wird auch wieder in den Parkzaun ein Loch machen, daß die Gänse Belindes in die Wicken vom Schwiegersohn gehen können. Belinde beruhigt die Stürme um den Schwiegersohn noch immer. Aber wenn er ihren Gänsen etwas tut, wie er gedroht hat, wird sie die Stürme nicht mehr beruhigen!

Herr Geheimer Ökonomierat Horst-Heinz von Teschow ist in Fahrt. Er ist nun gerade in der rechten Stimmung, den Brief an den Schwiegersohn zu schreiben. Natürlich, wie das zur Sache gehört: kühl, knapp, geschäftlich. (Man soll verwandtschaftliche Gefühle nicht in die Geschäfte mengen!)

Bedaure außerordentlich, aber die immer schwierigeren Verhältnisse auf dem Geldmarkt zwingen mich usw. usw. Anliegend Aufstellung. Mit bestem Gruß Ihr H.-H. von Teschow.

Punktum! Fertig! Abgelöscht!! Den Brief kann der Elias morgen früh als erstes rübertragen. Dann findet ihn der Herr sofort bei seiner Rückkehr aus Berlin. Das wird ihm den Kater, den er bestimmt aus Berlin mitbringt, feste gegen den Strich streichen! Herr von Teschow hebt schon die Hand, um nach Elias zu klingeln, als ihn die Harmoniumklänge von unten daran erinnern, daß die Andacht noch immer in Gang ist. Belinde macht es heute wieder einmal gründlich. Sicher hat sie ein räudiges Schaf in der Herde, das noch vor dem Schlafengehen der Buße zugeführt werden muß. Kann er den Elias also nicht rufen. Und er sähe den Brief doch schon so gerne unterwegs!

Übrigens weiß er natürlich, wer das räudige Schaf ist, Belinde hat es ihm erzählt: die Geflügelfee Amanda mit den rotlackierten Backen und der kleine Meier mit den Wulstlippen. Empfehlen sich als Verlobte. Na, die Verlobung haben sie wohl schon hinter sich. Und den halben Ehestand obendrein auch noch! Na, laß sie!

Der Geheimrat grient ein wenig, und dabei fällt ihm ein, daß es viel besser ist, dem Feldinspektor Meier den Brief zur Besorgung auszuhändigen. Das wird den Schwiegersohn am meisten ärgern. Denn der weiß ganz gut, daß sein Schwiegervater ganz gerne mal mit Meier einen kleinen Schnack hält. Und wenn er dann so einen Brief durch den kleinen Meier bekommt, denkt er natürlich, sein Schwiegervater hat mit Meier über den Inhalt des Briefes gesprochen. Ist aber natürlich viel zu fein, seinen Beamten nach so was zu fragen, und das wieder vermehrt noch den Ärger!

Der alte Herr steckt den Brief in die Joppentasche, nimmt Stock und Lodenhut und steigt langsam die Treppe hinunter. Die Abendandacht scheint endgültig vorüber zu sein, zwei von den Mädchen gehen an ihm vorbei die Treppe hoch. Sie sehen sehr amüsiert aus, gar nicht nach frommer Erbauung, sondern als könnte es bei der Andacht einen kleinen Zwischenfall gegeben haben. Von Teschow ist im Begriff, sich zu erkundigen, aber dann läßt er es lieber. Wenn Belinde ihn auf der Treppe sprechen hört, kommt sie womöglich dazu und fragt, wohin er noch will, und bietet ihm ihre Begleitung an – nee, lieber nicht.

Er tritt also allein hinaus in den Park, der schon ziemlich dunkel ist, gerade recht für sein Vorhaben. Er weiß natürlich genau, wo die Gänse seiner Frau immer ein Loch im Zaun suchen, er hat es ja erst vorgestern auf ihre Bitte hin zumachen lassen. Was man zumachen kann, kann man auch wieder aufmachen, denkt er, und rüttelt bedächtig an den Latten. Er muß schließlich doch eine lockere finden, die er mit den Händen abreißen kann.

Während er so beschäftigt ist, hat er plötzlich das Gefühl, als sähe ihm jemand zu. Rasch dreht er sich um, und wirklich steht da neben dem Gebüsch so etwas wie ein menschlicher Schatten. Die kugligen großen Augen des alten Herrn sehen noch recht gut, selbst im Schummern –: Amanda! ruft er.

Aber nichts antwortet, und wie er genauer hinsieht, ist es überhaupt kein menschlicher Schatten, sondern nur der Rhododendron und der Jasmin dahinter. Na, laß – und wenn sie's wirklich gewesen ist, ihr kann es gleich sein und ihr muß es gleich sein, er hat natürlich nur nachgesehen, ob die Latten festsitzen. Er verzichtet aber für diesen Abend auf das Lockern und macht sich auf den Weg zur Bude vom Negermeier.

Ins Beamtenhaus hinein geht er nun freilich lieber nicht – im Gegensatz zu seiner Frau hat der alte Geheimrat nicht die geringste Neigung, Dinge zu sehen, die wider die guten Sitten verstoßen. Er nimmt bloß den Stock und klopft gegen das offenstehende Fenster.

Heh! Herr Meier – stecken Sie Ihre verehrte Birne mal durch die Gardinen! ruft er.

6

Geflügelmamsell Amanda Backs hätte sich gerne, wie so manches Mal schon, von dem Besuch dieser Abendandacht gedrückt – wenn sonst aus den mehr allgemeinen Gründen der Langeweile und des Wasanderesvorhabens, so diesmal, weil sie sich sehr genau denken konnte, wohin die Gnädige mit ihren Buß- und Betgedanken zielen würde. Aber die dicke Mamsell und die schwarze Minna ließen Amanda nicht aus den Augen.

Komm, Manding, jetzt helfen wir dir schnell noch die Hühner durchzählen, und dann hilfst du uns, die Pötte scheuern!

Ich versteh immer Bahnhof, sagte Amanda mit der beliebtesten Redensart der Zeit, und das meinte genau das gleiche, was ihre Mutter mit Nachtigall, ich hör dir trappsen! gemeint hatte.

Aber die beiden gingen einfach mit, todsicher hatte ihnen die Gnädige schon einen Vers vorgepfiffen.

Immer dieselben! schalt Amanda Backs die paar verspäteten Hühner, die eilfertig, unter aufgeregtem Gegacker, von der Wiese dem Hühnerhaus zustrebten. Aber ich mach euch noch mal den Schlag vor der Nase zu, und dann könnt ihr sehen, wie euch der Fuchs gute Nacht sagt! – Und du solltest überhaupt nicht so dämlich tun, Minna! Was die Mamsell angeht, mit ihren netto zwei Zentnern, da wird es mit den Männern ja schon schwierig, und sie kann nichts dafür, wenn sie ewig dasteht wie ein Engel aus Waschseife! Aber du mit deinen sechs Rotzneesen, die mindestens zehn verschiedene Väter haben –

Huch, Mandchen! Sei bloß nicht so gemein! hatte die schwarze Minna protestiert. Die gnädige Frau meint es doch wirklich so gut mit uns!

Ich versteh immer Bahnhof, hatte die Amanda Backs wiederum gesagt und die Debatte abgebrochen. Denn mit der schwarzen Minna – daß die Gnädige ausgerechnet die ihr zur Aufpasserin bestellt hatte, das war nun wirklich zu lächerlich. Aber man wußte ja, wie kindisch sich die alte Gnädige mit diesem verzottelten, ältlichen Frauenzimmer hatte! Wenn wieder so ein Unfall passierte – und die Gnädige merkte es wirklich immer erst, wenn die Hebamme schon da war, obwohl es doch schon lange vorher bei dem dürren, knochigen Weibsbild für jedes Auge sichtbar war –, dann geriet die Gnädige in hellen Zorn und beschimpfte die schwarze Minna und verstieß sie für immer und ewig aus ihren Augen und aus dem Neuloher Armenkaten als gänzlich unverbesserlich.

Dann schrie die schwarze Minna und spektakelte, aber sie lud auch weinend ihr bißchen Kram auf ein Handwägelchen – beileibe aber nicht alles, nur so viel, daß die Gnädige einen schönen Anblick hatte. Vor allem aber ihre sämtlichen Gören. Und so zog dann dieses Weib heulend und Gesangbuchlieder singend durch das Dorf. Und vorm Schloß hielt sie noch einmal an, drückte auf den messingnen Klingelknopf und bat den Diener Elias unter vielen Tränen, er möge doch der lieben, guten gnädigen Frau ihre Segenswünsche sagen und ihren herzlichen Dank dazu! Und ob sie ihr nicht zum Abschied noch die Hand küssen dürfe –?

Der Elias, der dies Theater auch schon kannte, sagte dann immer Nein. Da weinte die schwarze Minna noch bitterlicher und zog ab in die wilde, weite Welt, mit ihren vaterlosen Kindern – bis zum Prellstein an der Einfahrt zum Schloß. Da saß sie und weinte und wartete, und je nach dem Zorn, den die Gnädigste auf sie hatte, mußte sie ein, zwei oder auch fünf Stunden warten, und manchmal sogar einen halben Tag.

Daß sie aber nicht umsonst warten würde, das wußte sie, und wenn sie's nicht aus Erfahrung gewußt hätte, dann sah sie's – nämlich an den Gardinen im Schloß. Denn die schob die alte Dame mit zitternden Händen hin und her, und konnte es nicht lassen, auf ihr verirrtes Lieblingslamm zu schauen.

Wenn aber der Fall wieder einmal ganz schlimm lag, und Frau von Teschow wußte es vom Schulzen Haase über ihren Mann, daß dieses Mal bestimmt drei Männer in Frage kamen, und vielleicht waren es sogar fünf, nicht zu reden von denen, die die schwarze Minna aus ›Sympathie‹ verheimlichte (denn die schwarze Minna unterschied bei ihrem Umgang genau zwischen ›sympathischen‹ Männern und belanglosen Mitläufern) – dann verhärtete die Gnädige ihr weiches, weltunerfahrenes Herz und bedachte all dies Sodom und Gomorrha und erinnerte sich, wie oft die schwarze Minna ihr schon Besserung gelobt hatte.

Und sie ließ die Gardine aus ihrer Hand und sagte zu ihrer Freundin, dem alten Fräulein von Kuckhoff, die immer bei ihr lebte: Nein, Jutta, diesmal lasse ich mich nicht wieder erweichen. Und ich will auch nicht mehr aus dem Fenster nach ihr sehen ...

Und das alte Fräulein von Kuckhoff, mit dem schwarzen Samtband um den Hals, nickte energisch mit ihrem alten kleinen Raubvogelkopf und sagte in ihrer blumigen, aber deutlichen Art: Gewiß, Belinde – ein Kamel säuft schließlich auch einen Brunnen aus.

Ja, und dann verging sicher keine halbe Stunde, daß es sanft an die Tür klopfte und der alte Elias meldete: Halten zu Gnaden, gnädige Frau, aber ich soll es ja melden: jetzt macht sie sich frei.

Und richtig, wenn dann die beiden Damen jede an ein Fenster stürzten, da saß dann diese arme, heimatlose Person auf dem Prellstein, hatte die Bluse aufgeknöpft und näherte ihre jüngste Sündenfrucht.

Dann sagte die Gnädigste seufzend: Ich glaube, Jutta, wir können dies neue Ärgernis nicht verantworten.

Und Jutta erwiderte dunkel: Es sind die schlechtesten Früchte nicht, an denen solche Wespen nagen! was Frau von Teschow aber als eine Billigung ihrer Absichten auffaßte.

Nein, Elias, ich gehe selbst, sagte sie eilig, denn wenn Elias auch schon hoch in den Sechzigern hielt, ob er einem solchen Anblick gewachsen war, blieb ungewiß. So ging die alte Frau von Teschow persönlich zu der Sünderin hinunter, die eilig die Bluse schloß, wenn sie nur die Gnädige aus dem Schloß treten sah. Denn vielleicht merkte sie es doch, daß dies Nähren bloß Theater war; die schwarze Minna konnte nämlich gar nicht nähren und hatte alle ihre Kinder mit der Flasche aufgezogen. Das aber brauchte die Gnädige nicht zu wissen.

So zogen denn die beiden wieder in den Arme-Leute-Katen ein, und die alte Frau ging neben der lächerlichen Fuhre einher und kam gar nicht auf den Gedanken, daß die Leute über sie spotten oder lachen könnten. Sondern sie erweichte ihr Herz und machte es demütig und erinnerte sich daran, wie auch sie einmal fast der Versuchung unterlegen wäre, als der schneidige Leutnant von Pritzwitz ihr hinter der Tür vor nun über vierzig Jahren hatte einen Kuß geben wollen – und sie war damals doch schon mit Horst-Heinz so gut wie verlobt gewesen!

Und wenn sie dann mit der schwarzen Minna über die Türschwelle des Leute-Katens trat, war sie so weit, alles zu verstehen und alles zu verzeihen, und wenn sie auch nicht dumm genug war, die Tränen der Sünderin völlig für bare Münze zu nehmen, so dachte sie doch in ihrem Herzen: ›Ein ganz klein bißchen ehrlich meint sie es ja doch, und ein ganz klein bißchen leid tut es ihr doch – und was weiß ich, wieviel Reue Gott von uns verlangt!‹

So dachte die alte Frau von Teschow und so handelte sie – und selbst Amanda Backs hätte das ja ganz nett und freundlich finden können, wenn das gute Herz der gnädigen Frau nur allen Sündern so liebreich verzeihend geneigt gewesen wäre. Aber der Menschen Herzen sind alle wunderlich und warum sollte da das Herz der alten Frau anders sein? Was sie einem durchtriebenen Frauenzimmer wie der schwarzen Minna zehnmal verzieh, das wollte sie einem jungen Mädchen nicht einmal nachsehen.

Und der Amanda Backs schon gar nicht! Denn die war frech und schamlos in ihren Worten; alle Männer lachte sie vergnügt an; trug Röcke, so kurz, daß es schon keine Röcke mehr waren; weinte nie über ihre Fehler; bereute nie und sang nie ein frommes Lied, aber sehr laut schreckliche Schlager wie: Was machst du mit dem Knie, lieber Hans –? und Was eine Frau im Frühling träumt ...

Nein, die Amanda wußte wohl, was ihr in der heutigen Abendandacht bevorstand! Daß ihr aber grade die schwarze Minna als Aufsicht beigegeben war, das empörte sie besonders, und sie erwog einen Augenblick ernstlich, die beiden in den Hühnerstall einzusperren und sich zum Hänsecken zu verdrücken – es wäre ein herrlicher Witz gewesen!

Aber so vorlaut und frech die Amanda auch mit ihrem Mundwerk war, so überlegt und besonnen war sie schließlich in ihren Taten – was eine Geflügelmamsell ja überhaupt sein muß. Denn Geflügel ist das schwierigste Viehzeug von der Welt, zehnmal schwieriger als ein Zirkus voller wilder Tiere, und pariert nur einer besonnenen Natur. Ja, aus dem Fenster Meiers gestern abend, da hatte Amanda in der Rage groß angegeben und hatte der Gnädigen mit Fortzug drohen können – aber am Ende hatte sie doch (der Menschen Herzen sind alle wunderlich) ihr kleines, wulstlippiges Hänsecken aufrichtig lieb, und der Garten Eden selbst wäre ihr öde erschienen ohne ihren Negermeier.

So schlug sie die Tür vom Hühnerstall nicht zu – sie jagte nur die beiden ungeflügelten Hühner hinaus und brachte mit Putt und Schnutt ihr Volk zur Ruhe und zählte die Häupter und fand, daß ihr nicht eins abging. Dann sagte sie ganz unmißverständlich: So, ihr Hühner, und nun, wo ihr mir so mächtig geholfen habt, will ich euch eure Pötte schrubben.

Gott, Mandchen, stöhnte die dicke Mamsell und krachte mit ihrem Fischbeinkorsett, wenn man nicht wüßte, daß du bloß Spaß machst ...

Und woher weißt du denn das?! fragte Amanda Backs sehr kriegerisch, und kriegerisch ging sie zwischen den beiden Verstummten, kriegerisch wippte sie in ihrem kurzen Röckchen.

Denn sie war blutjung, und die bitteren Jahre ihrer Kindheit hatten ihr nichts von dem Lebensappetit und der Frische ihrer Jugend rauben können, und Jungsein machte ihr Spaß, und Krieg machte ihr Spaß, und Liebe machte ihr Spaß – und wenn die Gnädige sich einbildete, sie könnte ihr mit Singen und Beten diesen Spaß austreiben, so hatte da eine Uhl gesessen!

Solche Gedanken wie die Amandas mögen ganz gut über das Schrubben auch des verrußtesten Topfes hinweghelfen, für eine Abendandacht im Neuloher Schloß war sie nicht richtig. Da saßen sie nun schon eine ganze Weile, die gewohnte Schar, eine recht stattliche Schar. Denn die Gnädige hielt nicht nur darauf, daß alle, die bei ihr in Lohn und Brot standen, mit Kind und Kegel zu diesen Andachten kamen, sondern auch jeder aus dem Dorf, der im Winter mal ein paar Meter Holz umsonst haben, der im Sommer in der Teschowschen Forst Beeren und Pilze sammeln wollte, mußte sich an manchem Abend das Anrecht darauf ersitzen. Der alte Pastor Lehnich hatte am Sonntag oft nicht so viel Pfarrkinder in der Kirche wie die gnädige Frau Abend für Abend in ihrem Betsaal.

Und du, Amanda? hatte Frau von Teschow gefragt, und Amanda war aus ihren sündigen Gedanken hochgefahren, hatte um sich gestarrt und von nichts was gewußt. Die Gänschen auf der hintern Bank, die Vierzehn-, Fünfzehnjährigen, die über alles lachten, hatten natürlich gleich zu gniggern angefangen. Die Gnädige aber hatte ganz milde noch einmal gefragt: Und dein Vers, Amanda?

Ach ja, sie machten ›Reihum-Singen‹! Dabei hatte jeder einen Vers aus dem Gesangbuch zu nennen, den sie dann alle gemeinsam sangen. Das ging oft wild durcheinander mit Abendliedern, Sterbeliedern, Lobliedern, Buß- und Kreuzliedern, Jesusliedern und Taufliedern. Es machte aber allen meistens Spaß und brachte Fahrt in die verschlafene Abend-Langeweile. Selbst die gnädige Frau bekam rote Bäckchen an ihrem Harmonium, so rasch mußte sie in ihrem Notenbuch umblättern und so flink von einer Melodie in die andere springen.

Befiehl du deine Wege ... rief Amanda rasch, ehe noch aus dem Gniggern ein Lachen wurde.

Die gnädige Frau nickte: Ja, das solltest du tun, Amanda!

Amanda aber biß sich auf die Lippen, daß sie gerade so einen Liedanfang genannt und es der Gnädigen so leicht gemacht hatte. Sie war ein bißchen rot, als sie sich setzte.

Aber es gab wenigstens keine Pause, denn dieses Lied kannte Frau von Teschow aus dem Kopf. Gleich setzte das Harmonium ein, und gleich sangen alle. Und nun kam die schwarze Minna neben Amanda dran, und die Scheinheilige wählte natürlich wieder: Aus tiefer Not schrei ich zu dir ...

Und schon sangen sie wieder.

Amanda Backs aber erlaubte sich nun keine Träume mehr, sondern sie saß aufrecht da und wachsam, denn sie wollte sich nicht noch einmal auslachen lassen. Eine ganze Weile geschah gar nichts. Es wurde immer weitergesungen – zuletzt ohne jeden Schwung, weil es den Leuten langweilig wurde und weil auch die müde Gnädige auf dem Harmonium immer häufiger daneben griff und aus dem Takt geriet. Dann fing das Harmonium an, seltsam zu pfeifen, zu flöten und zu ächzen, die Gänschen auf der hinteren Bank gniggerten wieder, und Frau von Teschow wurde rot, bis sie ihr Instrument von neuem an die Kandare genommen hatte.

›Sie wird müde‹, dachte Amanda. ›Viel ist sie ja überhaupt nicht mehr. Vielleicht ist ihr jetzt schon die Lust vergangen, ein langes Gequatsche um die Geschichte zu machen, und ich komme rasch zu meinem Hänsecken!‹

Aber davon hatte Amanda Backs keine Ahnung, wie warm eine alte Frau die Sünden der andern machen können, wie sie wieder aufleben kann unter den Fehltritten ihrer Schwestern. Einen Augenblick lang sah es freilich so aus, als wollte die gnädige Frau Schluß machen. Aber dann besann sie sich. Sie trat vor ihre kleine Gemeinde, räusperte sich und sagte ein bißchen eilig und ein bißchen verlegen: Ja, liebe Kinder, nun könnten wir wohl unser Schlußgebet sprechen und jedes von uns ruhig nach Hause und schlafen gehen, in dem guten Bewußtsein, daß wir unsern Tag recht beschlossen haben. Aber haben wir das wirklich –?

Die kleine, alte Frau sah von einem Gesicht zum andern, ihre Verlegenheit war schon wieder verflogen. Sie hatte auch schon die Regungen ihres bösen Gewissens unterdrückt, das ihr sagte, sie habe etwas vor, was ihr streng untersagt worden war.

Ja, haben wir das wirklich –? Wenn wir nach Neulohe sehen, und nun gar nach Altlohe, wo sie womöglich noch in der Schenke sitzen, da können wir wohl mit uns zufrieden sein. Aber wenn wir in uns schauen, wie steht es dann mit uns –? Wir Menschen sind schwach, und jeder von uns sündigt jeden Tag. Da ist es gut, wir bekennen es immer wieder einmal öffentlich, und sagen vor unsern versammelten Mitchristen, was wir gesündigt haben. Nur die Sünden von einem Tag – und ich selbst will den Anfang machen ...

Damit kniete die alte Frau von Teschow schnell hin, und schon bereitete sie sich mit stillem Beten auf ihr lautes Sündenbekenntnis vor. Durch ihre Schäflein aber ging eine kaum unterdrückte Bewegung, denn es war nicht eins darunter, das nicht wußte, Herr Pastor Lehnich und sogar der Herr Superintendent in Frankfurt hatten der gnädigen Frau das öffentliche Sündenbekennen streng untersagt. Denn es sei ganz wider Christi und Lutheri Geist und rieche nach Heilsarmee, Baptistentum und vor allem nach der verwerflichen Ohrenbeichte der katholischen Kirche!

Wenn aber keiner von den Versammelten aufstand und zum Protest hinausging – und das alte Fräulein von Kuckhoff oder der Diener Elias waren die Leute, das ungescheut zu tun –, so war es eben doch, weil einer wie der andere gespannt war, zu hören, was kommen würde. Denn es ist ja wirklich kaum einer, der ganz ohne Prickeln von den Sünden der andern hört. Jeder hoffte, ihn werde es nicht treffen hinter der gnädigen Frau, und jeder überschlug schnell bei sich die Sünden der letzten Zeit, heimliche und an den Tag geratene, und meinte, so schlimm werde es mit ihm wohl nicht werden.

Die eine aber, die wußte, sie werde bestimmt unter den zweien oder dreien sein, die nachher von der Frau von Teschow aufgerufen wurden, und die wußte, diese ganze Übertretung pastörlicher und superintendentlicher Verbote geschah nur um ihretwillen – die eine saß steif und starr da und ließ es sich nicht anmerken. Unmutig und ärgerlich hörte sie auf das Gestammel der alten Frau, die sehr aufgeregt sein mußte, denn sie warf alles durcheinander und immer wieder fuhr ihr der Hickauf in der Kehle hoch, daß alles ohne die große Spannung gelacht haben würde. Sie zählte aber als ihre Sünden auf, daß sie den schlechten Roman in der Zeitung doch wieder gelesen habe – Hickup! – und daß sie ungeduldig gegen ihren lieben Mann – Hickup! – gewesen sei und ihn ›unhöflich‹ genannt habe – Hickup! Hickup –, und daß sie doch wieder Margarine unter die Butter für die Dienstboten habe kneten lassen ... Hickup!

Amanda Backs hörte sich das an und zog einen ungeduldigen, ärgerlichen, abweisenden Flunsch. Da saßen die Leute und hörten auf dies alberne Gestammel, zehnmal gespannter, als sie auf Gottes Wort gehört hatten, und es war doch alles nur Lüge! Das Richtige sagte die gnädige Frau auch nicht, so fromm tat sie. Das mit der Margarine hatten sie alle geschmeckt, das mußte ihnen nicht erst erzählt werden. Das mit dem Roman war Quatsch, und wie oft sie sich mit ›ihrem lieben Mann‹ zankte, das wußte jedes hier im Hause. Alles Augenverblendung und Hudelei! Sie sollte man lieber öffentlich gestehen, daß sie dies ganze Theater nur darum angestellt hatte, um ihr, der Amanda Backs, eins auszuwischen – das wäre eine richtige Sündenbeichte gewesen! Aber daran dachte sie gar nicht!

Trotzdem – die Mamsell hatte vor Aufregung wirklich knallrote Backen bekommen und schnaufte aus ihrer dicken Brust wie ein Dampfkessel, und das Fischbein krachte um sie. Und Minna hatte dumm und dösig das Maul so weit aufgesperrt, als erwarte sie gebratene Hühner!

Auch Amanda Backs bekam rote Backen, aber nicht vor Aufregung und Scham, sondern vor Trotz und Zorn. Jetzt fing die gnädige Frau in ihrer Schamlosigkeit wirklich an, von dem gestrigen Abend zu reden, daß sie ein Mädchen überrascht habe – ach, leider ein Mädchen aus diesem Hause! –, daß sie es überrascht habe, wie es im Dunkeln zu einem Mann ins Zimmer stieg –! (Hickup!)

Es ging ein förmlicher Ruck durch die ganze Versammlung, und Amanda sah, wie die Gesichter dumm und starr wurden vor lauter Staunen und Erwartung: jetzt kommt es!

Aber es kam noch nicht, sondern nun klagte sich die gnädige Frau, unterbrochen von manchem Schlucker, an, daß sie den Zorn über sich habe Herr werden lassen und das Mädchen hitzig gescholten und ihm mit Entlassung gedroht habe, statt zu bedenken, daß wir allzumal Sünder sind und daß auch dieses irrende Schaf mit Geduld in des Hirten Stall geführt werden müsse. Reuig bekannte sie, daß sie ihre Pflicht versäumt habe, denn dies junge Mädchen sei ihrer Obhut anvertraut gewesen, und sie bat, daß ER sie stärken möge mit Langmut und Geduld im Kampf gegen das Böse ...

Völlig verächtlich und sehr zornig hörte sich Amanda dies Gerede an, und wenn sie erst einen Entschluß gefaßt hatte, so faßte sie jetzt einen andern. Und kaum hatte Frau von Teschow das letzte Amen gesagt und war aufgestanden und hatte noch nicht einmal die Zeit gehabt, mit Wort und Finger den nächsten zu bezeichnen, der auf dem Buß- und Betbänkchen niederknien sollte – da erhob sich schon Amanda mit hochroten Backen, aber mit Augen, die ganz dunkel waren vor Zorn, und sie sagte, die gnädige Frau brauche sich nicht zu bemühen, sie wisse schon, wer mit all diesem Gerede gemeint sei, und da stehe sie nun also und ob die gnädige Frau nun zufrieden sei –?!!

Nach diesen Worten aber fuhr die Amanda Backs herum wie eine wahre Furie und giftete die schwarze Minna an, die mit ihren Händen am Rücken der Amanda schob und drückte, daß sie auch richtig nach vorn vor die Gemeinde trete: Willst du wohl deine Dreckpfoten von meinem sauberen Kleid nehmen?! Ich lasse mich nicht nach vorn schieben – und von dir schon gar nicht! Und mit dem lieben Gott und mit Reue und Buße hat dies Theater schon gar nichts zu tun!

Mit diesem zornigen Anpfiff hatte Amanda ihre Gegnerin, die schwarze Minna, klein, und jetzt wandte sie sich wieder an die Versammlung und sagte (denn nun war sie in Fahrt): Jawohl, sie sei die, die gestern abend in ein Fenster geklettert sei, und damit sie auch haarklein wüßten – es sei das Fenster im Beamtenhaus gewesen, das vom Inspektor Meier! Und sie schäme sich deswegen gar nicht, und sie könne auf mindestens zehn hier in der Versammlung zeigen, die in noch ganz andere Fenster stiegen, zu noch ganz andern Kerlen –!!!

Und damit hob sie den Finger und fuhr mit ihm auf die schwarze Minna zu, die sich kreischend auf ihrer Bank niederduckte. Und Amanda hob wiederum den Finger, aber ehe sie noch damit gezeigt hatte, stürzte die Bank hinten in der dunklen Ecke um, auf der die Gänsecken saßen, die es alle übermäßig eilig mit dem Sichverstecken und Unterducken hatten.

Da fing Amanda Backs an zu lachen (und leider, leider lachte ein ganz Teil Leute mit), aber unversehens wurde bei ihr ein Weinen aus dem Lachen. Wütend rief sie: Einen anständigen Lohn sollten Sie lieber zahlen!

Und damit rannte sie haltlos weinend aus dem Saal in den dunklen Park. –

Im Saal aber war nicht nur die Bank umgestürzt, sondern der alten gnädigen Frau war auch viel eingestürzt. Zitternd und erbärmlich schluchzend saß sie in ihrem Sessel, und diesmal stand sogar ihre alte Freundin Jutta von Kuckhoff erbarmungslos vor ihr und sagte streng: Siehst du, Belinde, wer Pech anfaßt, besudelt sich!

Die Leute aber machten, daß sie aus dem Betsaal kamen. Jetzt sahen sie freilich sehr still und fast betreten aus, aber es war leider kein Zweifel, daß sie bis in ihr Daheim die Sprache wiederfinden würden. Über wen es dann aber hergehen würde, das konnte auch nicht zweifelhaft sein – die Amanda Backs war es sicher nicht, denn sie war als Siegerin aus dem Gefecht hervorgegangen!

Sie freilich, die jetzt noch sehr aufgeregt und verheult im Park herumlief, fühlte sich gar nicht so und schimpfte sich Esel und doofe Nuß, daß sie die eigene und Hänseckens Sache so schlimm verfahren hatte. Einmal blieb sie stehen, weil sie etwas am Zaun fuhrwerken sah, und das war der alte Geheimrat. Sie wollte sich schon ein Herz fassen und ihn um Gnade bitten, aber die Erfahrungen ihres jungen Lebens warnten sie, irgend etwas von irgend jemand zu erbitten.

So lief sie weiter durch den Park und allmählich wurde sie ruhiger. Sie wusch sich am Teich das Gesicht im kühlen Wasser und ging zu ihrem Hänsecken. Sie kam aber gerade, als der Geheimrat an das Fenster klopfte und nach dem Inspektor Meier rief. Und hörte, wie drinnen beim Hänsecken eine Frau erschreckt aufkreischte.

7

Draußen schwindet das letzte abendliche Dämmerlicht rasch in Dunkelheit hinüber. Es ist neun Uhr vorbei. Schon brennen auf den Straßen die Laternen. Die längst verwitwete Frau Pagel steht am Fenster von Wolfgangs Zimmer. Sie sieht hinaus in die Gärten, die nun schon fast ganz dunkel sind. Aber hinten flammt und blinkt es, ein rötlicher Schein liegt über der Stadt – bedenkt sie, unter welcher Lampe der Sohn jetzt sitzen, das geraubte Geld vertun mag?

Sie wendet sich in das Zimmer hinein, wo im Lichtschein das Mädchen Minna einen Koffer packt, und sagt ungeduldig: Machen Sie doch zu, Minna! Er kann jeden Augenblick nach den Sachen kommen!

Das Mädchen Minna sieht nicht auf von den Säckchen, in die sie die sorgfältig aufgeblockten Schuhe schiebt. Er kommt doch nicht, gnä' Frau, sagt sie.

Frau Pagel wird ärgerlich – Minnas Antwort klingt ja fast so, als müsse ihr ein sehnlichst erwarteter Besuch ausgeredet werden! Sie sagt kurz: Sie wissen ganz gut, was ich meine, Minna. Dann schickt er eben jemanden wegen der Sachen!

Minna packt weiter, sehr geruhig, ohne alle Hast. Den Schrankkoffer hätten gnä' Frau auch nicht zu geben brauchen. Wenn nun gnädige Frau im Frühjahr nach Ems fahren, haben Sie keinen anständigen Koffer!

Dumme Person! sagt die gnädige Frau bloß und sieht aus dem Fenster. – Man kann zwar – wegen der dichten Baumkronen – die Straße nicht sehen, aber man hört in der tiefen Stille hier jeden Schritt, jedes anfahrende Auto.

Soll der Bademantel auch rein, gnä' Frau? fragt die Minna.

Wie –?! fragt Frau Pagel. Ach so, der Bademantel. – Natürlich. Alles, was ihm gehört, wird eingepackt.

Minna macht ein mucksches Gesicht. Dann muß ich aber noch auf den Boden, sagt sie, und die Bücherkisten holen. Ich weiß nicht, ob der Hausmann noch auf ist. Allein schaffe ich die Kisten nicht.

Die Bücher haben Zeit, sagt die alte Frau, ärgerlich über diese ständigen Schwierigkeiten. Sie können ihn ja fragen, ob er sie haben will, wenn er kommt.

Er kommt doch nicht, gnä' Frau, sagt das alte Mädchen Minna, eintönig, aber rechthaberisch.

Diesmal hat Frau Pagel nicht hingehört, diesmal braucht sie sich nicht über die Dickköpfigkeit des Mädchens zu ärgern. Sie lauscht auf die Straße, halb lehnt sie aus dem Fenster, sie horcht, sie lauscht ... ein Schritt ...

Das Mädchen, wenn es ihr auch den Rücken kehrt, hat gespürt, daß etwas vorgeht. Sie hält inne im Packen, einen Badeanzug in der Hand, wendet sie sich um, sieht die lauschende Gestalt, sagt bittend: Gnädige Frau –!

Wolfgang –?! ruft die aus dem Fenster. Zweifelnd erst, dann sicher: Wolfgang! Ja, warte, Junge! Ich komme schon! Ich schließe dir gleich auf!

Und sie fährt herum, ihr Gesicht ist gerötet, die Augen unter den weißen Haaren leuchten und flammen wie eh und je.

Los doch, Minna! Die Schlüssel! Der junge Herr wartet unten! Lauf!

Und ohne auf Minnas beschwörende Worte zu achten, läuft sie ihr voraus auf den dunklen Flur. Sie schaltet das Licht ein, greift aufs Geratewohl irgendwelche Schlüssel vom Brett neben der Spiegelkonsole und rennt, gefolgt von Minna, die Treppe hinunter.

An der Haustür probiert sie. Die Schlüssel wollen nicht passen. Fieberhaft ruft sie: Rasch doch, Minna! Nur schnell – vielleicht überlegt er es sich wieder, er war immer schwach!

Die stumm gewordene Minna drückt auf die Klinke, die Haustür, die nicht abgeschlossen war, öffnet sich. Frau Pagel läuft durch den schmalen Vorgarten, sie stößt das Eisentürchen zur Straße auf: Wolfgang! Junge! Wo bist du denn?!

Der einsame Nachtwanderer, ein Sonderling, der statt nach Bars und Betrieb sich nach frischer Luft und dem Geruch von grünem Gewächs gesehnt hat, fährt überrascht zusammen. Er sieht eine alte, weißhaarige, sehr erregte Dame vor sich im Flackerschein der einsamen Gaslaterne, dahinter ein ältliches Mädchen, einen Badeanzug in der Hand. Er fragt töricht: Wie bitte?!

Die alte Dame macht so plötzlich halt und kehrt, daß sie fast gefallen wäre. Das ältliche Mädchen mit dem Badeanzug wirft ihm einen ärgerlichen Blick zu und geht hinterdrein. Jetzt faßt sie die alte Dame unter den Arm, gemeinsam verschwinden die beiden in dem nächsten Haus.

›Schließen nicht ab‹, stellt der einsame Spaziergänger bei sich fest. ›Verdrehte Hühner, einen so zu erschrecken!‹

Er suchte sich eine noch stillere Straße für seine Erfrischung.

Die beiden alten Frauen steigen langsam, ohne ein Wort, die Treppen hinauf. Minna fühlt, daß die Hand der gnädigen Frau auf ihrem Arm wie im Krampfe zittert. Sie merkt, wie schwer der Gnädigen das Treppensteigen wird. Die Etagentür steht offen, der Vorplatz ist hell erleuchtet. Sie gehen in die Wohnung. Minna macht die Tür zu. Sie ist nicht ganz sicher, wohin die gnädige Frau gehen möchte, ob in das Zimmer des jungen Herrn oder in ihr eigenes Zimmer. Besser wäre es, wenn die Gnädige sich nach all den Aufregungen hinlegte. Aber Minna, die sture, dickköpfige Minna hat in ihrem Leben eins gelernt, was die meisten Frauen nie lernen, nämlich, daß Reden seine Zeit hat und Schweigen seine Zeit. Jetzt ist die Zeit des Schweigens.

Sie geht sachte mit der gnädigen Frau den Flur entlang, und ein leises Ziehen am Arm verrät ihr, daß die Gnädige wieder in das Zimmer des jungen Herrn möchte. Als die beiden eintreten, steht vor ihnen der Schrankkoffer, weit aufgesperrt. Eine Lade ist herausgezogen, obenauf in ihr liegt der blauweiß gestreifte Bademantel des jungen Herrn.

Frau Pagel bleibt bei diesem Anblick stehen. Sie räuspert sich und sagt dann trocken: Nimm den Bademantel raus, Minna!

Minna tut es, sie legt den Bademantel auf das Sofa.

Nimm alles raus! sagt Frau Pagel noch böser. Du mußt noch mal mit Packen anfangen, Minna. Ich kann den Schrankkoffer keinesfalls entbehren.

Wortlos macht Minna sich an das Auspacken. Die gnädige Frau steht dabei, mit einem strengen, harten Gesicht. Sie beaufsichtigt Minna. Vielleicht wartet sie sehnsüchtig auf einen zögernden Griff, auf die geringe Andeutung von Stellungnahme. Aber Minnas hölzernes Gesicht bleibt ausdruckslos, ihre Griffe nach Wäsche und Kleidern sind nicht zu rasch und nicht zu langsam.

Plötzlich dreht sich Frau Pagel um.

Sie möchte noch rasch durch die Tür in ihr dunkles Zimmer flüchten. Aber sie kommt nicht mehr so weit. Die stürzenden Tränen verschleiern ihr den Blick, haltlos weinend lehnt sie im Türrahmen.

Ach, Minna, Minna, flüstert sie schluchzend. Soll ich denn nun auch ihn verlieren, das letzte, was ich noch liebe –?

Aber das alte Mädchen, das ein ganzes Leben lang, in der Küche, in der Dienstbotenkammer, nur für die gnädige Frau gedacht und gearbeitet hat, das immer geholt und das immer wieder weggeschickt worden ist, ganz wie ihrer Herrin zumute war, und das auch in dieser Stunde wieder vergessen ist – aber das alte Mädchen faßt beschwörend die Hand der Herrin. Es flüstert eindringlich: Er kommt ja wieder, gnä' Frau. Bestimmt! Wolfi kommt doch wieder!

8

Sophie Kowalewski, die ehemalige Zofe der Gräfin Mutzbauer, hatte den Abend im Christlichen Hospiz recht angenehm verbracht. Zuerst, bis es Zeit zum Abendessen war, hatte sie in ihren Sachen gekramt – es war doch ein schönes Gefühl, einmal als endgültige Besitzerin all das zu mustern, was sie ihrer Herrin entführt hatte. Das war nicht wenig – Sophie konnte von sich sagen, daß sie nicht nur reich, sondern auch kostbar ausgestattet war. Neulohe würde vor Neid platzen, wenn es dies alles zu sehen bekäme.

Von selbst wurde aus dem Mustern ein Umkleiden. Sie mußte ja etwas Passendes für das Abendessen in diesem Hospiz anziehen. Mit der instinktiven Anpassung für ihre Umgebung, die Sophies Stärke war, wählte sie ein blaues Kostüm. Dazu zog sie eine gelbliche, rohseidene Bluse an. Der Rock war vielleicht für wirklich fromme Leute ein bißchen zu kurz, aber das ließ sich nicht ändern. Sophie besaß keine längeren Röcke, aber sie nahm sich fest vor, nicht die Beine überzuschlagen. Den zu tiefen Ausschnitt der Bluse korrigierte sie mit einem leichten, bunten Seidentüchlein.

Nur ein ganz klein wenig Lippenstift, nur eine Andeutung von Rot auf die Backen -: Sophie war fertig und stieg in den Speisesaal hinunter. Die Sprüche an den Wänden, teils gebranntes Holz, teils bemalte Pappe, entzückten sie. Auf den Tischen, mit den häßlichen, aber verschwenderisch gedrechselten Beinen, lagen Tischtücher aus grauem, gewaffeltem Papier. Wo das Tischtuch einen Flecken bekommen hatte, war wieder eine Papierserviette darüber gelegt. Das war sparsam, praktisch, und wie sich das gehörte, als Drittes im Bunde, grundhäßlich – fand Sophie.

Die Suppe war dünn und entstammte einem Würfel, an den Schoten war dafür das Mehl nicht gespart, das Schweinskotelett war klein, und das Fett roch. Sophie, die verwöhnte Sophie, aß diesen Fraß mit innigem Vergnügen. Es machte ihr Spaß, bei den Frommen zu Gaste zu sein. So lebten die also, solche Entbehrungen legten sie einander auf, bloß, um das Irdische zu verachten und mit dem lieben Gott gut zu stehen, den es doch gar nicht gab!

Mit besonderem Interesse musterte Sophie aber die bedienenden Saaltöchter. Sie suchte dahinterzukommen, ob das gebesserte gefallene Mädchen waren und ob ihnen ihre jetzige Tätigkeit gefiel. Wenn sie einmal gefallen waren, entschied Sophie, so mußte es sehr lange her sein, so ältlich waren sie. Und verdrießlich sahen sie eigentlich alle aus: dies konnte – entgegen dem Spruch über der Anrichte – keine sehr fette grüne Aue sein.

Als Sophie gegessen hatte, war es halb neun; unmöglich, jetzt schon ins Bett zu gehen. Eine Weile stand sie unentschlossen an dem Fenster des Speisesaals und sah auf die regenfeuchte Wilhelmstraße hinaus. Sie war immer nur im Westen ausgegangen, vielleicht konnte man sich einmal die Lokale im Zentrum ansehen? Aber nein! – Sie war entschlossen, heute zeitig ins Bett zu gehen und überhaupt ihren ganzen Urlaub hindurch höchst solide zu sein – Ausgehen kam heute abend unter keinen Umständen in Frage. Gottlob entdeckte sie eine Tür mit der Aufschrift Schreibzimmer und wußte nun, wie sie ihren Abend verbringen würde. Sie mußte ihrem Freund Hans doch mitteilen, daß seine Schwester ihn bald besuchen würde.

In dem sehr kahlen, dürftig beleuchteten Schreibzimmer saß nur ein mit einem langen schwarzen Schoßrock bekleideter weißhaariger Herr – bestimmt ein Pastor. Bei ihrem Eintritt fuhr er verwirrt aus seiner Zeitung hoch, oder von seinem Schläfchen über der Zeitung, und stammelte etwas. Entschieden war er verlegen, wahrscheinlich war er sich im Zweifel, ob er allein mit einem so nett gekleideten Mädchen in einem Zimmer sein dürfe.

Während Sophie mit einem töchterlichen Lächeln – sie hielt es wenigstens dafür – an ihm vorbeiglitt und den Drehstuhl vor dem Schreibtisch erkletterte, dachte sie bei sich, daß dieser alte Sprüchemacher recht weich aussah. Pastor Lehnich in Neulohe war von härterem Schlage. Sie hatte eine genaue Erinnerung daran, wie fest der zuhauen konnte, wenn man seine Gesangbuchverse nicht gelernt hatte, oder mehr noch, wenn man mit ›Jungens‹ abgefaßt worden war.

Weder Weichheit noch Alter, noch Frömmigkeit schienen aber den weißhaarigen Herrn dort zu hindern, alle naselang von der Zeitung hoch und nach ihren Beinen zu schielen. Sophie zog ärgerlich den Rock so weit herunter, wie es nur irgend ging – etwa bis zum Knie. Sie fand es unrecht von einem Pastor. Sonst machte es ihr immer Spaß, wenn die Herren nach ihren Beinen schielten. Aber für einen Pastor schickte sich das nicht, ein Pastor hatte anderes zu tun, als ihre Beine angenehm zu finden, dafür bekam er sein Gehalt nicht.

Als sie den alten Herrn zum drittenmal ertappte, warf sie ihm einen scharfen Blick zu. Sofort lief er rot an, mümmelte etwas und verließ überstürzt das Lesezimmer.

Sophie seufzte. So hatte sie es nun wieder nicht gemeint, ganz allein genossen war dies Schreibzimmer reichlich trübselig.

Jedenfalls aber trugen die Briefbogen den Aufdruck ›Christliches Hospiz‹. Das war erfreulich. Sie nahm an, ein solcher Brief werde im Zuchthaus mit Achtung behandelt werden, solcher Brief würde ihr bestimmt die gewünschte und ersehnte Besuchserlaubnis verschaffen. Vorsorgend schob sie gleich ein Dutzend solcher Bogen und Umschläge in ihre Handtasche, die würden ihr sicher noch einmal nützlich sein.

Freilich konnte auch der frömmste Aufdruck ihr nicht die Mühe des Schreibens abnehmen; wie am Morgen, war es am Abend ein schweres Werk – lange saß sie darüber.

Aber schließlich war sie fertig. Sie hatte nicht eben viel geschrieben, nur vier oder fünf Sätze. Aber sie genügten, Hans Liebschner (und die Zuchthausverwaltung) auf den Besuch der ›Schwester‹ vorzubereiten. Wie würde Hans über diesen Brief grinsen! Wie nett würde der Besuch werden, wenn er sie – er konnte so etwas fabelhaft! – ganz als Schwester behandeln würde. Sie fühlte schon seinen frechen geschwisterlichen Kuß vor den Augen des Polizisten – oder was in so einem Zuchthaus als Wächter herumlief. Mittlerweile war es halb zehn Uhr geworden, nichts war mehr zu tun, man konnte allenfalls ins Bett gehen. Langsam zog sie sich aus. Jetzt war sie hell wach, wenn sie am Tage auch ewig müde gewesen war. Nicht die Spur von Schlafbedürfnis. Und draußen unter ihrem Fenster schliffen und hupten die Autos. Sie sah es förmlich – während sie sich verdrossen auszog –, wie die Männer jetzt lächerlich gravitätisch oder mit schlecht gespielter Nonchalance in die Bars traten, den Mädchen kurz zunickten und auf ihre hohen Stühlchen kletterten – ihren ersten Cocktail oder Whisky bestellend.

Aber nein! Heute würde unter keinen Umständen ausgegangen! Da war es gut, daß auf dem Nachttisch neben ihrem Bett ein schwarzes Büchlein mit rotem Schnitt lag. Es trug den goldenen Aufdruck: Die Heilige Schrift.

Seit ihrer Konfirmation hatte Sophie keine Bibel mehr in der Hand gehabt – und damals hatte sich ihre Beschäftigung mit diesem Buch auch nur auf das von Pastor Lehnich anbefohlene Sprüchelernen und – häufiger – auf das Suchen von verführerischen Stellen beschränkt. Heute abend aber hatte sie einmal Zeit, und so nahm sie die Bibel, und um es richtig zu machen, fing sie von vorn an. (Sagte es ihr zu, würde sie diese ausgezeichnete, kostenlose Lektüre für die Ferien in ihren Koffer packen.)

Sophie war gespannt, was an diesem berühmten Buch eigentlich dran war. Die Schöpfungsgeschichte fand nur ihr mäßiges Interesse – ihrethalben! Das konnte so gewesen sein, oder es konnte auch nicht so gewesen sein, wichtig war es nicht. Wichtig war, daß man selbst da war – und das war man ja dank der Erschaffung von Adam und Eva im zweiten und dem Sündenfall im dritten Kapitel.

Dies war also der berühmte Sündenfall, mit dem gebildete Männer ein Mädchen in der Bar so oft anödeten (solange sie noch fein taten). Sophie fand alles wieder, es war alles da: der Baum der Erkenntnis, der Apfel, weswegen man sicher heute noch ›Veräppeln‹ sagte, und die Schlange. Aber Sophie war keineswegs mit der Darstellung in der Bibel einverstanden. Wer richtig las, was da geschrieben stand, konnte sofort feststellen, daß Gott dem Weibe nie verboten hatte, von dem Baume der Erkenntnis zu essen. Jawohl, dem Manne hatte er's verboten, aber ehe noch das Weib erschaffen war. Das war eine feine Sache, die Frau für etwas zu bestrafen, das man ihr gar nicht verboten hatte! So etwas sah den Männern ähnlich!

›Wenn das schon so anfängt‹, dachte Sophie ärgerlich, ›wie soll es dann weitergehen? Das ist ja alles Schwindel! Da muß man ja doof sein, um auf so was reinzufallen! Und das reden einem die Brüder heute noch vor! Na, mir soll noch einer mit so was kommen!‹

Ärgerlich klappte sie das Buch zu. ›Mitnehmen in die Ferien? Kommt ja gar nicht in Frage! Daß ich mich ewig ärgern muß! Darum lassen sie das Dings auch hier so offen liegen – keine Nachfrage danach!‹

Sie schaltete das Licht aus, sie lag im Dunkeln.

Ihr Ärger verging, aber es war zu warm unter der Decke, die Luft hinter den geschlossenen Fenstern war zu drückend. Sie stand auf und öffnete sie. Sie hörte die Bahnen klingeln; immer wenn sie in die Krausenstraße einbogen, klingelten sie. Sie hörte die Schritte der Fußgänger, mal vereinzelt, sehr laut – mal viele, ein verworrenes, vielfältiges Geräusch. Die Autos kamen und gingen, sie surrten und hupten, sie eilten weiter ...

Jetzt fing ihr Körper an zu jucken; sie kratzte sich hier, sie kratzte sich da. Sie warf sich her, sie warf sich hin. Dann zwang sie sich, ruhig zu liegen; sie nahm ihre Einschlaf-Stellung ein: auf der rechten Seite, unter der rechten Backe beide Hände. Sie schloß die Augen. Der Schlaf war ganz nahe.

Aber gleich fiel ihr ein, daß sie durstig war; und sie mußte hoch und ein Glas Wasser trinken, das schal schmeckte. Sie lag wieder und wartete auf Schlaf. Aber es gab keinen Schlaf für sie, es schien überhaupt keinen Schlaf mehr für sie geben zu sollen. Umsonst stellte sie sich vor, wie müde sie heute früh in ihrer Kammer gewesen war, in dem zerdrückten Kleid, der Mund fade von all den Likören, die Füße brennend – wie sie mit dem Schlaf gekämpft hatte, als sie sich die paar Zeilen an den Hans abrang, während in ihrem Rücken die Köchin, das Trampel, schnarchte. Umsonst, es kam kein Schlaf. Sie fing an, bis hundert zu zählen. So wie sie lagen Tausende in ihren Betten, gejagt, ruhelos. Es waren die, deren letztes Geld ausgegeben war. Es waren die, die im Kater des Morgens geschworen hatten, nie wieder auszugehen, gründlich zu schlafen, Nacht für Nacht. Es waren die, die der ewigen Jagd müde geworden waren, die es aufgegeben hatten, Nacht für Nacht nach etwas zu suchen, dessen Namen sie nicht einmal wußten. Wie Sophie Kowalewski wälzten sie sich ruhelos in ihren Betten. Es war nicht der Durst nach Alkohol, nicht das Verlangen nach Umarmungen, was sie wachhielt, schließlich wieder hochtrieb. Sie konnten weder allein sein, noch konnten sie ruhen. Die Schwärze ihres Zimmers gemahnte sie an den Tod. Sie hatten genug vom Tode gehört und gesehen, vier Jahre war draußen und drinnen immerzu gestorben worden. Sie starben noch früh genug – viel zu früh starben sie. Aber jetzt lebten sie noch, und so wollten sie denn auch leben!

Wie die andern steht auch Sophie Kowalewski auf, zieht sich eilig an, als hätte sie die dringendste Verabredung, als dürfe sie etwas sehr Wichtiges um keinen Preis versäumen. Sie geht rasch die Treppe hinunter und tritt auf die Straße.

Wohin soll sie gehen? Sie sieht die Straße auf und ab. Es ist eigentlich gleichgültig, wohin sie geht. Innen weiß sie: überall ist es dasselbe. Aber sie erinnert sich, daß sie sich einmal die Lokale der Innenstadt ansehen wollte. So geht sie langsam (plötzlich, da sie unter Menschen ist, hat sie viel Zeit) auf die Innenstadt zu.

9

Ein langer, geruhiger Spaziergang durch den Tiergarten hatte dem ehemaligen Empfangschef von Studmann den Kopf wieder freigemacht. Er hatte auch dem Rittmeister von Prackwitz Gelegenheit gegeben, dem Freund ein Bild von Neulohe zu malen, wie es weit hinten in der Neumark lag, fast schon polnische Grenze, ganz von Wäldern eingezirkelt. Prackwitz hatte dabei nicht die Absicht, Neulohe rosiger zu schildern, als es war, er wollte den Freund nicht täuschen. Aber ganz von selbst ergab es sich, daß inmitten dieser taumelnden, verdorbenen, irren Stadt Rittergut Neulohe stiller und reiner aufstieg, jedes Gesicht bekannt, jeder Mensch letzten Endes übersichtlich – und weder Gewächs noch Getier vom Taumel der Zeiten angesteckt.

Von Prackwitz hatte es leicht, angesichts der unten mit marmornen Ladenausbauten, Leuchtschildern, Bildreklamen grell aufgeschminkten, oben aber zerbröckelnden und zerfallenden Häuserfassaden zu sagen: Meine Gebäude sehen gottlob noch etwas anders aus! Nicht schön, aber solider, unverlogener roter Backstein.

Wenn sie die verbrannten Rasenflächen, die verunkrauteten Beete des Tiergartens sahen, für deren Pflege kein Geld mehr da war (so viel Geld es auch gab), konnte er sagen: Wir hatten es auch sehr trocken. Aber eine recht gute Ernte ist trotzdem gewachsen. Unberufen!

Im Rosarium standen die Rosenstöcke geplündert, auch niedergebrochen. Es schien Blumenhändler zu geben, die ihren Bedarf nicht in der Markthalle, sondern hier deckten. Bei uns wird auch geklaut, aber gottlob noch nicht verwüstet!

Sie setzten sich auf eine Bank. Die trockene Luft hatte die Regenfeuchte schon wieder aufgesogen. Vor ihnen lag, mit seinem bebuschten Inselchen, der Neue See. Über ihnen standen lautlos die Kronen der Bäume. Vom Zoologischen Garten her klang unbestimmt Tiergebrüll.

Mein Schwiegervater, sagte Herr von Prackwitz träumerisch, hat sich seine achttausend Morgen Wald vorläufig noch vorbehalten. Aber so filzig der alte Herr in vielem ist, Jagderlaubnis erteilt er großzügig – du könntest da manchen schönen Bock schießen.

Ja. Neulohe, im stärker dunkelnden Abend, wurde zu einer stillen, weltenfernen Insel, und Herr von Studmann war ja auch gar nicht unempfänglich für solche Botschaft. Am Vormittag hatte er noch jeden Gedanken an eine Flucht auf das Land verworfen. Aber dann war der Nachmittag mit seinen mancherlei Erlebnissen gekommen und hatte bewiesen, daß diese Zeit sogar die Nerven eines vierjährigen Frontkämpfers erledigen konnte. Es war nicht einmal so sehr der groteske, peinliche Zwischenfall mit dem Reichsfreiherrn Baron von Bergen. Gottlob liefen völlig Irre noch nicht so häufig in der Weltgeschichte herum, daß man Zusammenstöße mit ihnen in seine Lebensrechnung einkalkulieren mußte.

Aber dieser Zwischenfall hatte auf eine betrübende, quälende Weise den stählern kalten Mechanismus des Hotelgetriebes bloßgelegt, dem von Studmann bisher Kraft, Eifer, Arbeit gegeben hatte. Er hatte geglaubt, durch peinlichste Pflichterfüllung wenn nicht Anhänglichkeit, so doch Achtung verdient zu haben. Er hatte erleben müssen, daß dem Gefallenen vom letzten Liftboy bis zum obersten Generaldirektor nur schamlose, freche Neugier bewilligt worden war. Wäre der temperamentvolle Geheimrat Schröck mit seinen etwas ungewöhnlichen Ansichten über Geisteskranke nicht eingesprungen, so hätte man ihn ohne alle Rücksicht mit der größten Schnelligkeit wie einen halben Verbrecher abgeschoben.

So hatte man ihn denn allerdings noch vor seinem Ausgang abgefangen, Herr Generaldirektor Vogel hatte sich trotz aller grauen Fülle geschmeidig zwischen Einerseits und Andererseits hindurchgewunden, eine – natürlich in Edelvaluta gezahlte – Abfindung war ihm erst einmal überreicht worden, wärmste Empfehlungen hatte man ihm zugesichert –: Ja, ich glaube sogar, mein sehr verehrter Herr Kollege, dieser kleine, an sich recht unangenehme Zwischenfall schlägt Ihnen noch völlig zum Guten aus. Wenn ich Herrn Geheimrat Schröck recht verstanden habe, erwartet er von Ihnen sehr hohe Forderungen – höchste!

Nein, sagte Herr von Studmann auf seiner Tiergartenbank aus tiefsten Gedanken heraus. Aus der moralischen Minderwertigkeit dieses Früchtchens möchte ich nun freilich keinen Honig saugen.

Wie –?! fragte von Prackwitz auffahrend. Er hatte grade von der Schwarzwildjagd gesprochen. Nein, natürlich nicht. Das verstehe ich vollkommen. Du hast es auch nicht nötig.

Verzeih schon, sagte von Studmann. Ich war mit meinen Gedanken noch hier. In Berlin. Es ist eigentlich sinnlose Arbeit, die man hier getan hat. Irgend so was wie Reinmachen: man äschert sich ab, und am nächsten Morgen ist doch alles wieder dreckig.

Natürlich, pflichtete der Rittmeister bei. Frauenzimmerarbeit. Bei mir ...

Verzeih, bei dir könnte ich auch nicht sein, ohne etwas zu tun. Wirklich etwas zu tun ...

Du wärst mir eine große Hilfe, sagte von Prackwitz nachdenklich. Ich sprach dir heute vormittag schon von diesen politisch-kriegerischen Verwicklungen. Ich bin manchmal etwas allein – recht ratlos.

Es laufen, dachte der Oberleutnant seinen Gedanken laut weiter, jetzt so viele Menschen aus ihrer Arbeit. Arbeiten, überhaupt etwas tun, ist plötzlich für sie sinnlos geworden. Solange sie einen festen, greifbaren Wert dafür am Ende der Woche, des Monats in die Hand bekamen, hatte auch die ödeste Büroarbeit für sie einen Sinn. Der Marksturz hat ihnen die Augen geöffnet. Warum leben wir eigentlich? fragen sie sich plötzlich. Warum tun wir was? Irgendwas? Sie sehen nicht ein, warum sie etwas tun sollen, bloß um ein paar vollkommen wertlose Papierlappen in die Hand zu bekommen.

Diese Entwertung ist der infamste Betrug am Volke ... sagte von Prackwitz.

Mir hat, fuhr von Studmann fort, der heutige Nachmittag die Augen geöffnet. – Wenn ich wirklich zu dir ginge, Prackwitz, müßte ich richtige Arbeit haben. Arbeit, verstehst du!

Von Prackwitz zermarterte sich den Kopf.

›Pferde zureiten‹, dachte er. ›aber meine paar Kröpels haben schon jetzt mehr Bewegung als ihnen lieb ist. – Schreiberei auf dem Büro? Aber ich kann Studmann doch nicht hinter die Lohnlisten setzen!‹

Er sah plötzlich das Gutsbüro vor sich mit dem grüngestrichenen, altmodischen Geldschrank, dessen Größe in keinem Verhältnis zu seinem Inhalt stand, die häßlichen Fichtenregale voll veralteter Gesetzsammlungen –: ›Eine widerlich verstaubte und verlotterte Bude‹, dachte er.

Von Studmann war viel praktischer als der Rittmeister. Soviel ich weiß, half er ihm, gibt es auf vielen Rittergütern Volontäre?

Die gibt es! bestätigte Prackwitz. Eine schreckliche Gesellschaft! Sie zahlen Pension – sonst würde sie niemand nehmen –, halten sich ihr eigenes Reitpferd, stecken ihre Nase in alles, verstehen nichts, fassen nichts an, können aber enorm klug über Landwirtschaft reden!

Also nicht, entschied von Studmann. Und was gibt es sonst?

Mancherlei. Zum Beispiel Hofverwalter, die das Futter ausgeben, Füttern und Melken und Putzen beaufsichtigen, Lagerbücher führen, an der Dreschmaschine Dienst tun. Dann gibt es Feldverwalter, die draußen sind, Pflügen und Düngen und Ernten anordnen, eben alle Feldarbeiten, überall sein müssen ...

Reitpferd –? fragte von Studmann.

Fahrrad, antwortete von Prackwitz. Wenigstens bei mir.

Du hast also einen Feldinspektor?

Morgen setze ich ihn raus, einen faulen, versoffenen Kerl!

Aber doch nicht meinetwegen, Prackwitz! Ich kann bei dir doch nicht gleich Feldinspektor werden! Du sagst: Studmann, dünge mir da diesen Roggen. Verdammt noch mal, es sollte mir sauer werden, ich habe doch nicht den geringsten Schimmer – außer von natürlicher Düngung, die unzureichend wäre, fürchte ich.

Die beiden Herren lachten herzhaft. Sie standen von ihrer Bank auf, von Studmanns Brummschädel war fort, Prackwitz war sicher, der Freund werde zu ihm kommen. Sie besprachen im Weitergehen das Projekt länger, sehr eingehend. Sie einigten sich dahin, daß von Studmann als ein Mittelding zwischen Lehrling, Vertrauensperson und Aufsichtsbeamtem nach Neulohe kommen sollte.

Du fährst gleich morgen früh mit, Studmann. Deine Sachen hast du in einer halben Stunde gepackt, wie ich dich kenne. – Nun müßte ich noch einen vernünftigen Kerl kriegen, der die Leute beaufsichtigen und ein bißchen antreiben kann, die ich heute engagiert habe – und die Ernte ginge prima! Ach Gott, Studmann, bin ich froh! Die erste frohe Stunde, ich weiß nicht, seit wie lange! Höre mal, jetzt essen wir irgendwo nett, das wird dir guttun, nach der elenden Sauferei. Was meinst du zu Lutter und Wegner? Schön! – Nun noch einen Mann, am besten auch vom Kommiß, gewesener Spieß oder so was, der mit Leuten umgehen kann ...

Sie gingen bei Lutter und Wegner in den Keller. Der Mann vom Kommiß, den der Rittmeister von Prackwitz brauchte, saß am Ecktisch. Er war zwar nicht Spieß, aber doch Fahnenjunker gewesen. Zur Zeit war er ziemlich betrunken.

10

Aber das ist ja Fahnenjunker Pagel!

Da sitzt ja Granaten-Pagel!

Dies riefen von Studmann und von Prackwitz.

Und sofort stand ihnen beiden mit fast gespenstischer Klarheit eine Szene vor Augen, die ihnen unter den vielen Gestalten des Weltkriegs eben diesen Pagel unvergeßlich gemacht hatte. Das heißt, es war nicht mehr der Weltkrieg gewesen, sondern jener letzte, verzweifelte Versuch deutscher Truppen, das Baltikum gegen den Ansturm der Roten zu halten. Es war im Frühjahr 1919 gewesen, es war jener wilde Angriff der Deutschen, Balten und Letten gewesen, der schließlich Riga befreite.

In der bunt zusammengewürfelten Abteilung des Rittmeisters von Prackwitz war damals auch der junge Pagel gewesen, kaum älter aussehend als ein großer Schuljunge. Vielleicht wirklich schon siebzehn, wahrscheinlicher erst sechzehn Jahre alt, aus der Kadetten-Anstalt Groß-Lichterfelde herausgesetzt, er, der für die Offizierslaufbahn bestimmt gewesen war, in eine tobende, zerkämpfte Welt gestoßen, die von Offizieren nichts mehr wissen wollte. Da hatte es sich von selbst ergeben, daß der Entwurzelte, sinnlos Gewordene immer weiter nach Osten geirrt war, bis er schließlich bei Männern landete, die er noch Kameraden nennen konnte, nicht Genossen anreden mußte.

Rührend und lächerlich zugleich war die Freude des Flaumwangigen, der noch nie zuvor Pulver gerochen hatte, gewesen, unter kampferprobten alten Leuten zu sein, die seine Sprache redeten, Uniform trugen, Befehle gaben und entgegennahmen – und sie dann auch wirklich ausführten. Nichts konnte seinen Eifer ermüden, nichts seine Begierde, in kürzester Zeit alles kennenzulernen: Maschinengewehr, Minenwerfer und den einen, einzigen Panzerzug.

Bis es dann zum Angriff ging, bis zu den eigenen auch die fremden Maschinengewehre zu tacken anfingen, bis die ersten Granaten heulend über sie fortsausten, um weiter hinten zu krepieren. Bis aus dem eifrigen Kinderspiel des Schuljungen Ernst wurde. Prackwitz wie Studmann hatten den jungen Pagel blaß werden sehen, plötzlich war er still geworden. Bei jeder hohl über ihn wegheulenden Granate hatte er den Kopf zwischen die Schultern gezogen und eine tiefe Verbeugung gemacht.

Die beiden Offiziere hatten sich mit einem Blick verständigt – ohne ein Wort. Sie hatten auch dem Jungen nichts gesagt. Von ihm, der grün im Gesicht, mit schweißnasser Stirn und feuchten Händen gegen seine Angst ankämpfte, hatte sich eine Brücke geschlagen bis zu jenen unfaßbar fernen Augusttagen vierzehn, da sie selber zum erstenmal dies Heulen gehört, zum erstenmal den Kopf zwischen die Schultern gezogen hatten. Jeder machte das einmal durch, jeder mußte einmal den Kampf mit dem Schweinehund in sich kämpfen. Viele gab es, die nie ganz mit ihm fertig wurden. Aber die meisten blieben doch Sieger, und von da an tat es ihnen nichts mehr.

Bei dem jungen Pagel war es zweifelhaft. Man hätte ihn jetzt ansprechen, anbrüllen können, er hätte nichts gehört. Er hörte nur das Heulen in der Luft, er sah hierhin, dorthin, wie ein im Traum Geängsteter, er zögerte beim Vorgehen. Nun sah er zurück.

Jawohl, Pagel, es ist sicher, die verdammten Roten schießen sich ein, die Einschläge liegen immer näher. Sicher, Junker Pagel, jetzt kriegen wir Dunst!

Und da ist sie schon in den Reihen, die erste Granate! Mechanisch werfen sich Studmann und Prackwitz hin – aber was ist mit Pagel? Der junge Pagel steht da, starrt, schaut auf den Erdtrichter, er bewegt die Lippen, als sagte er etwas Beschwörendes –

Hinwerfen, Pagel! schreit von Prackwitz.

Dann ist alles hochgewirbelte Erde, Staub, Feuer, Qualm – der Knall der Explosion zerreißt die Luft.

›Schafskopf!‹ denkt von Prackwitz.

›Schade!‹ denkt von Studmann.

Aber – und es ist nicht zu glauben – da steht, Schatten in Nebel und Dunst, noch immer die Gestalt, bewegungslos. Klarer wird es, die Gestalt macht einen Satz, greift etwas von der Erde, schreit wütend: Au verdammt! läßt es fallen, nimmt die Mütze zum Anfassen, stürzt zu Prackwitz, schlägt die Hacken zusammen: Melde gehorsamst, Herr Rittmeister, ein Granaten-Sprengstück! Und völlig unmilitärisch: Elend heiß! –

Er hatte – für immer – den Schweinehund in sich untergekriegt, der junge Pagel.

Für immer?

Diese Szene, diese etwas alberne und doch heroische Tat eines blutjungen Menschen, stand den beiden deutlich vor Augen, als sie Pagel da, scheinbar ein wenig angetrunken, am Ecktisch bei Lutter und Wegner sitzen sahen, als sie riefen: Aber das ist ja der Granaten-Pagel!

Der Granaten-Pagel sah hoch. Mit der vorsichtigen Gebärde des Angetrunkenen schob er erst Glas und Flasche etwas zurück, ehe er aufstand und ohne jede Überraschung sagte: Die Herren Offiziere!

Aber stehen Sie doch bequem, Pagel, sagte der Rittmeister lächelnd. Mit den Herren Offizieren ist es vorbei. Sie sehen, Sie sind der einzige von uns, der noch eine Uniform trägt.

Zu Befehl, Herr Rittmeister, sagte Pagel eigensinnig. Aber ich tue keinen Dienst mehr.

Die beiden Freunde verständigten sich mit einem kurzen Blick.

Dürfen wir uns zu Ihnen an den Tisch setzen, Pagel? fragte von Studmann freundlich. Es ist ziemlich voll hier unten, und wir hätten gerne etwas gegessen.

Bitte! Bitte! sagte Pagel und setzte sich rasch, als sei ihm das Stehen schon längst schwergeworden. Auch die beiden setzten sich. Eine Zeit verging mit dem Auswählen der Speisen und des Weines und dem Bestellen.

Dann hob der Rittmeister sein Glas: Also auf Ihr Wohl, Pagel! Auf die alten Zeiten!

Danke gehorsamst, Herr Rittmeister! Herr Oberleutnant! Auf die alten Zeiten; jawohl.

Und was tun Sie jetzt?

Jetzt? Pagel sah langsam von einem zum andern, als müsse er erst sehr genau über seine Antwort nachdenken. Ja, ich weiß selber nicht genau ... Irgendwas ...

Er machte eine vage Handbewegung.

Aber Sie müssen doch irgend etwas getan haben in den vier Jahren seitdem! sagte von Studmann freundlich. Irgendwas angefangen, sich beschäftigt, ausgerichtet – wie?

Sicher, sicher! stimmte Pagel höflich zu. Und fragte mit der klarsichtigen Bosheit des Angetrunkenen: Wenn ich mir die Frage erlauben darf, Herr Oberleutnant – Sie haben viel ausgerichtet in diesen vier Jahren –?

Von Studmann stutzte, wollte sich ärgern, dann lachte er. Recht haben Sie, Pagel! Gar nichts habe ich ausgerichtet. Wie Sie mich hier sehen, habe ich vor sechs Stunden netto wieder einmal völlig Schiffbruch erlitten. Und ich wüßte wirklich nicht, was ich mit mir anfangen sollte, wenn der Rittmeister mich nicht auf sein Gut nähme – als eine Art Lehrling. Prackwitz hat nämlich ein großes Gut in der Neumark.

Vor sechs Stunden Schiffbruch, wiederholte Pagel und überhörte völlig das Gut. Komisch ist das.

Wieso ist das komisch, Pagel –?

Ich weiß nicht ... Vielleicht, weil Sie jetzt hier Ente mit Weinkraut essen – vielleicht kommt es mir darum komisch vor.

Was das betrifft, sagte von Studmann, jetzt seinerseits boshaft, so sitzen Sie doch auch hier und trinken einen Steinwein. – Übrigens in solchen Mengen genossen viel zu schwer, Ente wäre Ihnen auch besser.

Natürlich, stimmte Pagel bereitwillig zu. Ich habe auch schon daran gedacht. Nur, Essen ist schrecklich langweilig, Trinken ist viel leichter. Und außerdem habe ich noch was vor.

Was Sie auch vorhaben mögen, Pagel, meinte Studmann leichthin, Essen wird Ihrem Vorhaben dienlicher sein als Trinken.

Kaum, kaum! antwortete Pagel. Und wie um dies zu beweisen, trank er sein Glas leer. Doch blieb diese Beweisführung ohne Eindruck auf die andern, ihre Gesichter waren skeptisch – so setzte er erläuternd hinzu: Ich muß nämlich noch viel Geld ausgeben.

Mit Trinken werden Sie bestimmt nicht mehr viel Geld ausgeben können, Pagel! fuhr von Prackwitz dazwischen. Ihn hatte die schlappe Haltung Studmanns, der diesen jungen Fant eher noch ermutigte, schon lange geärgert. Mensch, merken Sie denn nicht, daß Sie randvoll sind?!

Von Studmann winkte mit den Augen ab, doch blieb zu seiner Überraschung Pagel ganz ruhig. Möglich, sagte er. Aber das macht nichts. Um so leichter werde ich mein Geld los.

Also Weibergeschichten! rief von Prackwitz ärgerlich. Ich bin gar kein Sittenprediger, Pagel, aber so besoffen, in diesem Zustand, nein, das ist doch nichts!

Pagel antwortete nicht. Statt dessen hatte er sein Glas wieder gefüllt, leerte es bedächtig und füllte es neu. Prackwitz machte eine wütende Bewegung, aber von Studmann war gar nicht mit seinem Rittmeister einverstanden. Prackwitz war ein famoser Kerl, ein anständiger Kerl, aber ein Psychologe war er bestimmt nicht, beobachten konnte er andere Menschen überhaupt nicht – er meinte immer, alle müßten empfinden wie er. Und ging es dann nicht nach seinem Kopf, kochte er sofort über.

Nein, eben als Pagel sein Glas gefüllt und rasch geleert und wieder gefüllt hatte, war Studmann sehr peinlich, aber darum nicht minder lebhaft an ein gewisses Zimmer mit der Nummer 37 erinnert worden. Auch da hatte man die Gläser so gefüllt und so geleert. Studmann erinnerte sich auch noch sehr genau an einen gewissen Augenausdruck aus Angst und irrer Frechheit, den er dort beobachtet. Er war sich gar nicht so sicher, daß Pagel, so unsinnig er trank, überhaupt betrunken war. Sicher war allerdings, daß ihm das Gefrage der Herren nicht angenehm war, am liebsten hätte er wohl für sich allein gesessen. Studmann aber hatte nicht die Absicht, sich von dieser gleichgültigen oder feindlichen Stimmung Pagels beeinflussen zu lassen, er spürte, sie hatten den ehemaligen Fahnenjunker in einer gefährlichen Lage getroffen. Wie damals mußte man ein Auge auf ihn haben. Und von Studmann, der am Nachmittag eine Niederlage erlitten hatte, schwor sich, in dieser Nacht auf keinen Bluff reinzufallen, sondern die Handgranate in Sektflaschenform rechtzeitig zu werfen – es gab für solche Würfe viele Möglichkeiten und Arten.

Pagel saß jetzt ruhig da und rauchte, nachdenklich scheinbar, ohne sich der Anwesenheit der beiden andern recht bewußt zu sein. Studmann verständigte Prackwitz halblaut von seiner Absicht, von Prackwitz machte nur eine ungeduldig abwehrende Bewegung, war schließlich aber doch einverstanden.

Als die Zigarette zu Ende war, neigte Pagel wiederum die Flasche über das Glas, doch floß nichts mehr aus dem Hals, die Flasche war leer. Pagel sah hoch, er vermied den Blick der beiden andern, er winkte dem Kellner mit den Augen und bestellte bei ihm noch eine Flasche Steinwein und einen doppelten Kirschgeist.

Ungeduldig wollte von Prackwitz etwas sagen, aber Studmann legte ihm beschwörend die Hand aufs Knie – und der Rittmeister schwieg, wenn auch unwillig.

Als der Kellner das bestellte Getränk brachte, verlangte Pagel die Rechnung. Entweder schlug der Kellner im Hinblick auf den Zustand des Gastes gewaltig auf, oder Pagel hatte hier schon Stunden getrunken: die Rechnung war sehr hoch. Pagel zog ein Bündel Banknoten aus der Hosentasche, nahm ein paar, gab sie dem Kellner und verzichtete auf Herausgeben. Der ungewohnt devote Dank des Kellners verriet die Höhe des Trinkgeldes.

Die beiden Herren verständigten sich wieder durch Blicke, durch einen ärgerlichen und durch einen zur Ruhe mahnenden. Doch sagten sie noch immer nichts, sondern sie beobachteten weiter Pagel, der jetzt aus allen Taschen und Täschchen Banknotenbündel zog und sie übereinander packte. Dann nahm er seine Papierserviette, wickelte sie um den Haufen, suchte wieder in der Tasche, brachte ein Ende Bindfaden zum Vorschein und verschnürte den Packen. Nun schob er ihn auf die Seite; wie nach getaner Arbeit sich zurücklehnend, brannte er eine Zigarette an, kippte den Kirschgeist und goß ein Glas Wein ein.

Jetzt sah er auf. Sein Blick, aus so hellen Augen merkwürdig dunkel und starr, lag mit leichtem Spott auf den Herren. Studmann war im Augenblick, da er so angesehen wurde, klar, daß Pagel nur theaterte. Sowohl das Trinken wie die scheinbare Nichtbeachtung, wie das herausfordernde Bloßlegen und Einpacken des Geldes – alles Theater, für sie beide aufgeführt!

›Der Junge ist ja vollkommen verzweifelt‹, dachte er merkwürdig angerührt. ›Vielleicht möchte er uns etwas erzählen oder um Hilfe bitten – nur bringt er es noch nicht über sich. – Wenn bloß nicht Prackwitz ...‹

Aber der weißhaarige, hitzige Prackwitz hatte schon nicht mehr an sich halten können. Es ist eine Schweinerei, Pagel! schrie er wütend, wie Sie mit dem Geld umgehen! So geht man nicht mit Geld um!

Studmann hatte den Eindruck, als freue sich Pagel über diesen Ausbruch, wenn er auch unverändert ruhig blieb.

Wenn ich mir die Frage erlauben darf, Herr Rittmeister, sagte er mit schwerer Zunge, aber immer größerer Höflichkeit, wie geht man denn mit Geld um?

Wie?! schrie der Rittmeister. Seine Stirnadern schwollen und seine Augen wurden vor Zorn rötlich. Wie man mit Geld umgeht?! Ordentlich geht man damit um!!! Herr Fahnenjunker Pagel!!! Ordentlich, gewissenhaft – wie es sich schickt, verstanden? Man trägt es nicht lose in den Taschen, man tut es in eine Brieftasche –

Es ist zu viel, Herr Rittmeister, sagte Pagel entschuldigend. Es geht in keine Brieftasche.

Man schleppt überhaupt nicht so viel Geld mit sich rum, Herr! schrie der Rittmeister im hellen Zorn. (Von den Nebentischen guckten sie schon.) Das ist nicht anständig. So etwas tut man nicht!

Nein? fragte Pagel wie ein gehorsamer, wißbegieriger Schüler. Studmann biß sich auf die Lippen, um nicht laut loszulachen. Von Prackwitz aber war zu humorlos, um zu begreifen, daß sein Fahnenjunker sich einen kleinen Scherz mit ihm erlaubte.

Pagel sagte entschuldigend: Sobald ich meinen Wein ausgetrunken habe, will ich sehen, das Zeugs möglichst schnell loszuwerden.

Er trank. Nun glitt ein spitzbübisches, ganz jungenhaftes Lächeln über sein Gesicht. Studmann fand, er sah aus wie damals am ersten Tag in Kurland kein Gedanke an eine Ähnlichkeit mit dem Reichsfreiherrn Baron von Bergen. Pagel griff nach dem Geldpacken, zögerte und hielt ihn dann mit raschem Entschluß dem Rittmeister über den Tisch hin: Oder wollen Sie es haben, Herr Rittmeister?

Der Rittmeister Joachim von Prackwitz fuhr halb von seinem Stuhl auf, sein Gesicht lief dunkelrot an. Das war eine Beleidigung, eine überlegt zugefügte Beleidigung, und es machte sie noch zehnmal schlimmer, daß sie von einem ehemaligen Fahnenjunker ausging. Ein Offizier, und unter allen Offizieren ganz besonders ein Rittmeister von Prackwitz, kann wohl seine Uniform ausziehen, er behält trotzdem an sich die alten Begriffe und Anschauungen. Von Studmann und von Prackwitz waren gute Freunde, trotzdem – die Freundschaft war unter dem Rangverhältnis Rittmeister-Oberleutnant entstanden, und so blieb sie auch. Wollte der Oberleutnant dem Rittmeister etwas Unangenehmes sagen, so mußte das unter vorsichtiger Wahrung all der Formen geschehen, die sich zwischen Vorgesetzten und Untergebenen gehörten. Pagel aber war nicht einmal der Freund des Rittmeisters, er hatte etwas sehr Unangenehmes, ja etwas Beleidigendes gesagt, geradezu ohne alle Vorbereitung und ohne jede Wahrung der Form. Also kochte der Rittmeister von Prackwitz.

Es konnte etwas Schreckliches geschehen. Von Studmann legte dem Rittmeister die Hand fest auf die Schulter, er zwang ihn auf seinen Stuhl zurück. Er ist sinnlos besoffen, sagte er halblaut. Und scharf zu Pagel: Entschuldigen Sie sich auf der Stelle!

Das jungenhafte Lächeln auf dem Gesicht Pagels verblich langsam. Als sei er sich nicht ganz klar, was eigentlich geschehen, sah er grübelnd den zornigen Rittmeister, dann den Geldpacken in seiner Hand an. Sein Gesicht wurde finster. Er legte den Packen wieder neben sich auf den Tisch, griff nach dem Glas und trank hastig.

Entschuldigen ... sagte er dann plötzlich mürrisch. Wer legt denn heute noch auf solche Faxen Wert ...?!

Ich habe, Herr Pagel, rief der Rittmeister noch immer sehr zornig, meine alten Lebensformen beibehalten, mögen andere sie auch veraltet und schlecht finden. Ich lege viel Wert auf diese Faxen!

Oberleutnant von Studmann schlug vollkommen deutlich vor: Laß ihn, Prackwitz. Er ist überreizt, er ist betrunken, und vielleicht hat er etwas Schlimmes vor.

Er interessiert mich nicht! rief der Rittmeister wütend. Ich lasse ihn liebend gerne!

Pagel hatte den Oberleutnant schnell einmal angesehen, aber nicht geantwortet.

Von Studmann beugte sich über den Tisch und sagte freundlich: Wenn Sie mir das Geld anbieten würden, Pagel, ich würde es nehmen.

Der Rittmeister machte eine Gebärde fassungslosen Erstaunens, Pagel aber griff hastig nach dem Geldpaket und zog es näher an sich.

Ich nehme es Ihnen nicht fort, sagte der Oberleutnant, ein wenig spöttisch.

Pagel wurde rot, nun schämte er sich. Was würden Sie denn mit dem Geld tun? fragte er mürrisch.

Es Ihnen aufbewahren – bis zu einer besseren Stunde.

Das ist unnötig – ich brauche kein Geld mehr.

Genau das, was ich annahm, bestätigte der Oberleutnant ruhig. Und er fragte, betont gleichgültig: Wieso haben Sie eigentlich auch vor sechs Stunden Schiffbruch erlitten, Pagel?

Diesmal wurde Pagel völlig rot. Mit einer gradezu qualvollen Langsamkeit breitete sich die Röte, von den Backen ausgehend, über sein ganzes Gesicht aus. Sie kroch unter den hohen, faltig gewordenen Kragen des Waffenrocks, sie stieg bis unter den Haaransatz über der Stirn. Plötzlich sah man, wie blutjung dieser Mensch war, wie schrecklich er jetzt unter seiner jugendlichen Verlegenheit litt.

Selbst der zornige Rittmeister sah mit andern Augen auf seinen Granaten-Pagel.

Der aber, erbittert über die so sichtbare Verlegenheit, fragte trotzig: Wer hat Ihnen gesagt, daß ich Schiffbruch erlitten habe, Herr von Studmann?!

Und Studmann: Ich hatte Sie so verstanden, Pagel.

Und Pagel: Dann haben Sie mich falsch verstanden – ich – Aber er brach unwillig ab, zu sichtbar verriet ihn seine Röte.

Natürlich geht es Ihnen schlecht, Pagel, sagte von Studmann sanft – das sehen wir doch beide, Herr Rittmeister wie ich. Sie sind doch kein Gewohnheitstrinker. Sie trinken aus einem bestimmten Grund. Weil Ihnen irgend etwas schiefgegangen ist, weil Sie – nun, Sie verstehen schon, Pagel!

Pagel drehte sein Weinglas in der Hand. Seine Haltung war entspannter, aber er antwortete nicht.

Warum wollen Sie sich nicht von uns helfen lassen, Pagel? fragte der Oberleutnant wieder. Ich habe mir heute nachmittag auch unbedenklich vom Rittmeister helfen lassen. Ich war auch recht unangenehm gefallen ...

Er lächelte in der Erinnerung an seinen Fall heute nachmittag.

Er hatte keine Erinnerung an ihn, aber Prackwitz hatte es ihm recht drastisch geschildert, wie er vor die Füße der Gäste gerollt war. Studmann war sich klar, daß sein ›Fall‹ wesentlich anders lag als der Pagels – physisch eigentlich nur, nicht so sehr psychisch. Aber diese kleine Übertreibung störte ihn nicht.

Vielleicht können wir Ihnen raten, fuhr er mit sanfter, aber eindringlicher Überredung fort. Besser wäre noch, wenn wir Ihnen irgendwie tatkräftig helfen könnten, Pagel, sagte er sehr eindringlich. Als wir damals auf Tetelmünde vorgingen, fielen Sie mit dem Maschinengewehr hin. Sie haben sich nicht einen Augenblick besonnen, meine Hilfe anzunehmen. Warum soll in Berlin nicht gelten, was in Kurland galt -?

Weil, sagte Pagel finster, wir damals für eine Sache kämpften. Heute kämpft jeder für sich allein – und gegen alle.

Einmal Kamerad, immer Kamerad, sagte von Studmann. Sie erinnern sich doch, Pagel?

Ja, natürlich, sagte Pagel. Er senkte das Gesicht, als denke er nach. Die beiden betrachteten ihn abwartend. Dann hob Pagel wieder den Kopf. Man könnte viel dagegen sagen, sagte er mit seiner langsamen, mühsamen Aussprache sehr deutlich. Aber ich mag nicht. Ich bin schrecklich müde. Kann ich Sie irgendwo treffen, morgen früh?

Mit drei Worten hatten sich die beiden Freunde verständigt. Wir werden morgen früh kurz nach acht vom Schlesischen Bahnhof abfahren, nach Ostade zu, sagte von Studmann.

Gut, sagte Pagel. Ich werde dann auch auf der Bahn sein – vielleicht ...

Er sah vor sich hin, als sei alles erledigt. Er stellte keine Fragen, es schien ihn nicht zu interessieren, warum man fuhr, wohin man fuhr, was dann kam.

Dieser Rittmeister bewegte zweiflerisch die Achseln, unbefriedigt von dieser halben Zusage. Aber Studmann gab nicht nach.

Das ist etwas, Pagel, beharrte er. Aber nicht ganz das, was wir möchten. – Sie haben etwas vor, Pagel, Sie sagten vorhin etwas von Geldloswerden ...

Weibergeschichten! murmelte der Rittmeister.

Es ist gleich zwölf. Zwischen jetzt und morgen früh acht Uhr haben Sie etwas vor, Pagel, dessen Ausgang Ihnen selbst so ungewiß erscheint, daß Sie uns keine feste Zusage geben mögen, daß Sie uns auch nicht dabeihaben wollen ...

Elende Weiber ... murmelte der Rittmeister.

Ich bin, sagte Studmann eiliger, als er merkte, Pagel wollte antworten, anderer Ansicht als der Rittmeister. Ich glaube nicht, daß irgendeine zweifelhafte Weibergeschichte dahinter steckt. Für so etwas sind Sie nicht der Mann.

Pagel senkte den Kopf, aber der Rittmeister schnaufte.

Ich wäre Ihnen dankbar, wir wären Ihnen dankbar, wenn Sie uns erlaubten, gerade die nächsten Stunden mit Ihnen zu verbringen.

Es ist nichts Besonderes, sagte Pagel nun doch bezwungen von der sorgsamen Beharrlichkeit des andern. Ich möchte nur eine Probe machen.

Der ehemalige Oberleutnant lächelte. Eine Frage an das Schicksal, was, Pagel? sagte er. Gottesgericht, vom ehemaligen Fahnenjunker Pagel angerufen. – Ach, was sind Sie noch beneidenswert jung!

Ich finde mich nicht so beneidenswert! knurrte Pagel.

Nein, natürlich nicht, Sie haben ganz recht, beeilte sich Studmann. Solange man jung ist, hält man Jugend nur für einen Fehler. – Erst später entdeckt man, daß Jugend ein Glück ist. – Also, wie ist es, kommen wir mit?

Sie hindern mich nicht zu tun, was ich will?

Nein, natürlich nicht. Sie sollen handeln, als wären wir nicht dabei. Auch der Herr Rittmeister ist einverstanden?

Der Rittmeister von Prackwitz murrte nur leise, aber schon diese Zustimmung genügte Pagel.

Also, meinethalben, kommen Sie mit! Etwas belebte er sich. Es wird Sie vielleicht sogar interessieren. Es ist – nun, Sie werden ja sehen. Fahren wir ...

Sie brachen auf.

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