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Woldemar

Theodor Körner: Woldemar - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenarrative
authorTheodor Körner
titleWoldemar
publisherBibliographisches Institut, Leipzig und Wien
seriesKörners Werke
yearca. 1906
firstpub1805
correctorreuters@abc.de
senderAndré Gebler
created20130613
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Woldemar an seinen Freund Gustav

 

M...a, den 17. Juli 1805

Noch immer, lieber Gustav, stehen wir dem Feinde ruhig gegenüber; ich kann den Grund des ewigen Zauderns nicht begreifen. Die ganze Armee sehnt sich zum Kampfe, und alles verspannt. Dem Anschein nach bleiben wir noch lange so liegen, und unsre Hoffung, mit den Franzosen bald handgemein zu werden, scheint noch lange unerfüllt zu bleiben. Morgens komme ich mit meinen Schützen zwei Stunden weiter vor nach Villarosa zu liegen. Man beneidet mich um diese Veränderung, denn es soll ein sehr angenehmer Aufenthalt sein. Es gehört dem Grafen P..., der auch in Tirol beträchtliche Güter besitzt, wo Du sicherlich von ihm gehört hast; er soll hier nur dem Genusse der schönen Natur und seiner Familie leben, die, so wie er, von allen gerühmt wird. Es ist nicht zu leugnen, man lernt erst in diesen rohen Umgebungen des Krieges das Glück, unter gebildete Menschen zu kommen, recht zu würdigen; aber solche Erscheinungen sind nur vorübergehend, und ich wünschte, es gonge lieber morgen zum Kampfe, als dass ich noch länger in dieser unausstehlichen Ruhe fortleben sollte! – – Dass ich das Land, was das Ziel meiner Träume war, so betreten musste, dass ich selbst mit roher, blutiger Hand den schönen Frieden vom heiligen Boden verjagen helfe, schmerzt mich tief. Ich hatte gehofft, in andern Verhältnissen diese Grenzen zu betreten. Doch, ich bin ja jetzt Soldat, und Soldat aus eignem Entschluss, aus reiner Liebe und Kampflust, und solche Gefühle passen nicht für den Himmel, passen nicht für diese Natur, wo alles, selbst trotz diesen Stürmen der Zeit, sich in solcher üppigen Fülle regt. O, Du solltest es sehn, mein herrliches Welschland, wie es prangt und blüht! Wer hier einzöge an der Spitze einer fliegenden Armee!

 

Villarosa, den 21. Juli

Ich schreibe Dir aus Villarosa, aus diesem Paradiese der Natur. Freund, beneide mich, beneide mich um jede Stunde, die ich hier verleben darf! Welch ein Kreis edler Menschen! Du solltest Madalenen sehn, die hohe, edle Gestalt mit den großen schwarzen Augen und den üppigen goldnen Locken; Du solltest die Harmonie ihrer Stimme hören. diese Abklänge eines höhern Lebens, ach, und Du vergäßest wie ich Krieg und Kriegsgeschrei! Die stille Schwermut, die zarten Spuren eines tiefen Schmerzes, die der Lieblichen wie ein Heiligenschein um das sanfte Antlitz wehn, und der Ausdruck der höchsten Liebe, der aus ihren Augen spricht, geben ihr etwas unendlich, unaussprechbar Reizendes. Ach, dass sich das Göttliche nicht beschreiben lässt, dass ich Dir nicht alle Gefühle nennen kann, die in süßer Trunkenheit mein volles Herz bestürmen! Aber eben bemerk' ich, dass sich Dir noch gar nichts Ordentliches geschrieben habe. Wisse also, Magdalene ist die Tochter des Grafen P..., dem Villarosa gehört. Man nahm mich hier so auf, wie es der älteste Freund nicht besser verlangen konnte, mit so viel Herzlichkeit und Güte, dass ich mein eigenes Glück nicht begreife, Bruder, und jetzt leb' ich unter einem Dache mit ihr, bin fast immer in ihrer Nähe, wenn sie ihre vaterländischen Kanzonen singt, diese süßen Lieder der Liebe und Wehmut; sie führt mich in den herrlichen Umgebungen der Villa herum und nimmt solchen herzlichen Anteil an meinem Entzücken über diese paradiesische Welt. Ach, sie ist ein Engel, ein Wesen voll hoher unendlicher Zartheit! Wie fühl' ich nicht all das Treiben meiner Seele verwandelt! Ich fühle mich besser, denn ihre Nähe veredelt mich; ich fühle mich selig, ich darf sie ja sehen! Ach, ich glücklicher Mensch!

 

Villarosa, den 23. Juli

Gott sei gedankt! Man hört noch nichts vom Aufbruch! Hoffentlich bleiben sich die beiden Armeen noch einige Wochen lang ganz ruhig gegenüberstehen, und ich darf meinen Himmel nicht verlassen. Nie hätt' ich geglaubt, dass mich die Liebe so ganz verändern würde! Sonst trieb mich eine ewige, glühende Sehnsucht in die nebelnde Ferne hinaus, all' meine Lust lag in der Zukunft, und das Leben zog mit düstern Tönen gestaltlos an mir vorüber. Aber jetzt! Mein ganzes Streben hat sich gelichtet, in ihrer heiligen Nähe löst sich der wilde Sturm der Seele in süße Wehmut. Die Gegenwart umfasst mich mit all ihren Wonnen, und vom Hauche der Liebe ertönen tief in mir die Saiten eines höhern Lebens.

Wie sie mich mit so viel Güte behandeln! Niemand lässt es mich fühlen, wie unangenehm, wie lästig ich in meinen jetzigen Verhältnissen sein muss. Was sind es für edle Menschen! Der Vater mit dem ruhigen Blick in den Stürmen der zeit, mit der frohen, ernsten, Ehrfurcht fordernden Gestalt; und die Mutter, die nur im Kreis der Ihrigen lebt, und die alles da mit so inniger, hoher Liebe umfasst! Ach, und Magdalene! Magdalene! Der hat nie gefühlt, was im Leben Heiliges und Göttliches ist, der nicht in ihrem Engelsauge das Aufglühn einer höheren Vollendung sah, der nicht vor dieser Reinen mit tiefer Seligkeit seine Knie beugte!

 

Villarosa, den 25. Juni

Sie hat einen Bruder, den sie außerordentlich liebt; er ist wegen eines Duells ausgetreten, Aus dem Militärdienst und sie wissen kaum bestimmte Nachricht von seinem jetzigen Aufenthalt. Das ist die Ursache ihrer Schwermut; denn sie hängt an diesem Bruder mit einer Liebe, einer Zärtlichkeit, die ganz ihrem schönen Herzen eigen ist. Wie sie mir das mit all dem Ausdruck eines innigen, tiefen Schmerzes erzählte, wie ihr die Tränen in die Augen traten – ach, ich kann Dir nicht sagen, was mich diese Erzählung angegriffen hat! Es gibt wohl kein Vermächtnis im ganzen menschlichen Leben, wo sich die Zartheit und Hoheit der Seele deutlicher aussprechen können als im Schmerz, und es ist unmöglich, dass es etwas Rührenderes und Begeisternderes gäbe als die schönen Tränen in den schönen Augen solch eines Mädchens. Ich sagte ihr das, und sie fühlte, dass ich ihr nicht bloß schmeicheln wollte. Sanft drückte sie mir die Hand, die ich in der Begeisterung ergriffen hatte, erhob sich schnell und sagte im Forteilen: »Ich glaube, Woldemar, Sie sind ein guter Mensch!« – Ach, Du kannst die Himmelstöne dieser Worte nicht ahnden! Lange stand ich und sah ihr starr nach. Dann zog's mich nieder, und ich musste das Gras küssen, das sie im leichten Schweben berührte. – Du nennst mich Kind, Gustav? Ja, ich bin es wohl, aber ein glückliches. Des Abends lieg' ich so lange im Fenster, als ich bei ihr Licht bemerke; denn da sie auf dem rechten und ich auf dem linken Seitenflügel der Villa wohne, kann ich recht gut in ihr Zimmer sehn. So steh' ich oft stundenlang und sehe dem Flackern des Lichtes zu, bis es verlöscht. Dann ergreif' ich meine Gitarre, und meine Klänge verhallen sehnsuchtsvoll in der heitern Mondnacht, die unter Italiens Himmel wie der Geist des Ewigen göttlich still auf der Erde liegt. Kannst Du wohl die Seligkeit fassen, die mich dann in vollen Tönen umschwebt? Hast Du ein Ideal in Deiner Brust für diese Wonnen? Gustav, Gustav, wir hatten sie nie geahndet.

 

Villarosa, den 29. Juli

O, dass ich nicht in Deine Arme fliegen kann, dass ich nicht an Deinem Bruderherzen weinen darf aus hoher, unendlicher Wonne, dass ich es allein tragen soll, dieses Übermaß glühender Freuden! Ach, mein armes Herz kann die Gewalt dieses Hochgefühls nicht fassen, es muss brechen! – Gustav! sie ist mein! Aus ihrem zitternden Munde bebte das Geständnis ihrer Liebe, sie lag an meiner Brust, und brennend glühende Küsse durfte ich auf ihre Lippen drücken. – Wir saßen beide schweigend und in süßen Träumen versunken auf der Terrasse. Eben ging die Sonne hinter den Bergen unter, und in der Ferne zog eine Schar der Unsrigen vorbei, und die scheidenden Strahlen vergoldeten noch die blinkenden Gewehre der Reiter. Da sprach's in mir wie Geisterstimme: »Du kehrst nicht heim!« und tiefe Schwermut ergriff mich. Magdalene bemerkte bald mein Gefühl und fragte mich teilnehmend, was mir sei. Ich nannte ihr meine Ahndung. »Würden Sie mir eine Träne weihn?« setzte ich hinzu und ergriff ihre Hand. Sie zitterte heftig und blickte mich schmerzlich mit Tränen im Auge an. Und ich hielt mich nicht länger, ich warf mich zu ihren Füßen nieder. »Magdalene!« rief ich, »ich vermag's nicht, zu schweigen: ich liebe Sie!« Da sank sie tief erschüttert in meine Arme, und unsre Lippen besiegelten den heiligen Bund. Und als wir uns endlich wiederfanden aus dem glühenden Taumel unsrer Seelen – wie fühlte ich mich jetzt! Schon lag die Dämmerung auf der Erde und wiegte die Welt in süßen Schlummer; aber mir glühte in der Brust ein ewiger Tag: der Morgen meiner Seligkeit war angebrochen. Ach, und wie anders war jetzt meine Magdalene! Sie stand verklärter vor mir, der Geist eines höhern Lebens schwebte um sie, der Ausdruck der beglückten Liebe floss um ihr Antlitz wie der Nimbus einer Heiligen. Erst war sie mir die vollendete Jungfrau, jetzt stand sie vor mir wie der Seraph einer bessern Welt; das Schüchterne, Mädchenhafte hat sich im Bewusstsein der ewigen Liebe zu einem heiligen Vertrauen auf die eigne Seelenkraft verwandelt.

Noch hab' ich nicht mit den Eltern gesprochen; aber ich hoffe, sie werden unser Glück nicht vernichten wollen. Sie hängen ja an Magdalenen mit einer solchen Zärtlichkeit, dass sie gewiss ihren Himmel nicht trüben werden. Gustav, wenn Du noch nie diese seligen Minuten gelebt hast, wo die Liebe zwei Herzen im glühenden Taumel dahinreißt und in die höchste Erdenseligkeit taucht, wenn Dir noch nie das Götterwort: »ich liebe dich!« von geliebten Lippen erklang, so kannst Du meine Wonne nicht vermessen, so kannst Du die Unendlichkeit des Gefühls nicht fassen, dieses Göttergefühls der beglückten Liebe.

 

Villarosa, den 1. August

Teile meine Seligkeit mit mir, treuer Gustav! Sie ist mein, mein durch die Stimme ihres eignen Herzens, mein durch das Wort der Eltern. Sie haben nichts wider mich, sie nehmen mich, den Fremdling, in den schönen Kreis ihrer Liebe auf, die Edlen, die Trefflichen! Vereint sich nicht alles, meine schönsten Wünsche, noch ehe ich sie gewagt, zu erfüllen? Tritt nicht alles in diesem gewaltigen Sturm der Zeitfreundlich zusammen, um den Frieden in meiner Brust ewig fest zu begründen?

Ich habe ihnen meine Verhältnisse entdeckt, wie ich nur aus leidiger Kampflust diesen Feldzug mitmache, wie ich nach Endigung desselben meinen Abschied nehmen, meine Güter in Böhmen verkaufen und nach meinem glücklichen Italien zurückkehren wolle, um dann nur Magdalenen und den schönen Pflichten der kindlichen Liebe zu leben; alles sagte ich ihnen, und sie fühlten, dass ich Magdalenen wenigstens nicht unglücklich machen würde. Ich musste aber auf schnelle Entscheidung dringen, da ich alle Augenblicke Befehl zum Aufbruch erwartete; so gaben sie uns endlich ihren Segen, und die höchste Erdenseligkeit durchglühte vier glückliche Menschen. – Gustav! als mir der Vater Magdalenen zuführte, als er zu mir sprach: »Nimm sie hin, die Freude meines Lebens, und mache sie glücklich!«, als sie mir in die Arme sank und er Kuss des Bundes in der heiligen Nähe der Eltern auf unsern Lippen glühte, da verging ich fast in hoher, unendlicher Wonne, alle Engel des Himmels stiegen herab in meine Seele und zogen ein bezauberndes Eden zu mir nieder. Glühend schwelgte ich in der Fülle meiner Ideale, die jetzt in schöner Wirklichkeit in dem Kreis meines Lebens aufblühten. Gustav! Dieser Seligkeit bin ich nicht gewachsen.

 

Villarosa

Freund, welche paradiesischen Tage verleb' ich jetzt in dem Kreis meiner Lieben! Vater und Mutter suchen alles auf, um ihre herzliche Liebe dem neuen Sohn zu beweisen, und Magdalene lebt nur für mich. Wir sind den ganzen Tag zusammen, und ich sehe, wie mein süßes Mädchen immer mehr und mehr Reize ihrer schönen, edlen Seele entwickelt. Von ihrer Musik hab' ich Dir schon erzählt; sie freut sich recht innig darauf, dass wir dann, wenn Bruder Camillo wiederkommt, unsre Übungen vollstimmig unternehmen können. Camillo soll einen schönen kräftigen Tenor singen, und dann können wir schon manches Terzett besetzen. Ich bin recht begierig auf meinen Schwager. Sie hängen alle mit so großer Liebe an ihm, dass es jeden rühren muss, wenn sie an seine Abwesenheit erinnert werden; und das ist kaum zu vermeiden, denn überall gibt es Berührungspunkte mit ihm. Überall fehlt er ihnen; sie erzählen alle so gerne von Camillo, und er mag recht brav sein; ich denke ihn mir als einen wackern Jungen voll Geist, Willen und Kraft, stark an Körper und Seele, ein jugendlich stolzer Athlet.

Außer dass Magdalene singt und spielt, zeichnet sie auch herrlich. Es macht ihr unendliche Freude, Skizzen historischer Gemälde zu entwerfen, und sie hat in dem Mechanischen dabei schon eine bedeutende Fertigkeit erlangt. Vor kurzem hat sie eben die Szene, wo Horatio ihren Bruder als Sieger und Mörder ihres Geliebten erblickt, Von den drei Horatiern, die nach römischer Sage um 650 v. Chr. mit drei Curiatiern um die Entscheidung des Kampfes zwischen Rom und Albalonga fochten, blieb der eine als endlicher Sieger übrig. Im Triumph in Rom einziehend, erstach er seine Schwester, weil sie den Tod des Curiatiers, ihres Verlobten, laut beklagte. gezeichnet. Der Ausdruck des Mädchengesichts, wo der Kampf der innersten Gefühle so deutlich sich ausspricht, ist ihr ganz herrlich gelungen. Mich hat die Zeichnung innig bewegt, und die einfachen Formen haben einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. Du hättest sie hören sollen, wie sie so schön über die Skizze sprach und sich so deutlich an Horatiens Lage hineindenken konnte. Sie klage nicht den Mörder ihres Vermählten, sie klagt das eiserne Schicksal an; denn ihr Bruder musste als Römer siegen, und nicht Horatius, nein, Rom stieß das Schwert in die geliebte Brust. – Jetzt arbeitet Magdalene aus dem Gedächtnis an einem Bilde ihres Bruders für mich. Die Eltern sagen, es würde unendlich ähnlich, so lebendig trägt sie die Erinnerung in ihrer Seele; ich solle s nicht eher, als wenn es vollendet ist, zu sehen bekommen. – Gustav, welch eine ewige Kette von schönen, himmlischen Freuden und Liebesfesten wird meine Zukunft sein! Wie wird mein süßes, liebliches Mädchen mit all ihren schönen Talenten unsern freundlichen Kreis verherrlichen! Tage wird' ich leben, die ich mit keinen Schätzen der Welt vertauschen möchte! – Es ist doch ein seliges Gefühl, wenn aus den Stürmen des Meeres das Schiff mit vollen Segeln in den sichern Hafen treibt, wenn man mit der Ahndung der höchsten Erdenseligkeit dem schönen Morgenrot der Liebe entgegenfliegt. – Gustav, mein Tag ist angebrochen.

 

Villarosa, den 4. August

Was ich längst fürchtete, ist geschehn! Ich muss mich trennen, ich muss meine süße Magdalene verlassen. Heute früh erhielt ich Befehl, mich morgen mit Tagesanbruch zwei Stunden weit zurückzuziehn; der Feind soll näher rücken, und man will ihn wahrscheinlich ein einer vorteilhaften Stellung auf den Höhen von C... erwarten. Ach, der ganze Krieg, an dem ich sonst so voll Begeist'rung hing, ist mir jetzt fast unausstehlich. Der Gedanke, ich könnte Magdalenen verlieren, macht mich in dem Tiefsten meiner Seele schaudern, und eine finstre Ahndung webt sich in meine Träume. Wenn es nur vorwärts ging'! Aber rückwärts, wo ich dann Villsrosa und alles, was mir auf Erden das Teuerste ist, in feindlicher Gewalt weiß, das könnte mich rasend machen! Ich bin keine von den starken Seelen, die alles ertragen können; wagen kann ich alles, aber mein Ziel nur durch Dulden zu erreichen, dazu fehlt mir die Kraft. Wie verhasst wird mir jeder Augenblick sein, wo ich mein süßes, holdes Mädchen nicht sehen, nicht an das stürmische Herz drücken darf! Ach, ich bin der alte Woldemar nicht mehr! Kaum fühl' ich Mut in mir, des Abschieds Qualen zu ertragen. Vor diesem Gefühl des Schmerzes fällt das stolze Bewusstsein der Manneskraft.

 

Riccardino, den 7. August

Lass mich schweigen, Gustav, von der Stunde der Trennung, lass mich schweigen von Magdalenens Tränen, von meiner Qual, von ihren letzten Küssen! Ich folgte meiner Ordre und stehe nun schon seit drei Tagen in Riccardino. Es war für mich ein süßer Trost, dass ich aus dem einen Fenster meines Quartiers mein geliebtes Villarosa sehen kann, wo meine Lieben hausen! An diesem Fenster lieg' ich unaufhörlich und schaue hinüber, und die unendliche Sehnsucht möchte mir fast die Brust zersprengen! Ist mir doch alles so schal, so leer um mich! Selbst das laute Getümmel des Kriegs – denn es wird lebendig um uns, und mehrere Regimenter liegen hier beisammen – bleibt ohne Bedeutung für mich. Jetzt hab' ich nur ein Gefühl, aber ein glühendes, gewaltiges, das alle Schranken mutig brechen könnte! Magdalene, wie unendlich ist meine Liebe! Ich begreift nicht, wie ich leben mag ohne dich.

 

Zwei Stunden später

Gustav, es tobt fürchterlich in mir; meine finstre Ahndung geht in Erfüllung! – Der General ließ uns versammeln und rief die Freiwilligen zum Sturm auf Villarosa auf. Die Feinde haben es besetzt und scheinen sich auf der Höhe befestigen zu wollen. Dass ich der erste war, der hervortrat, begreifst Du. – Ich soll meine Magdalene aus der Gewalt der Feinde befrein: welch ein Göttergefühl für mich! Aber ich soll morden lassen auf jenen friedlichen Fluren und soll jene schöne Welt zerstören helfen, an der sie mit so inniger Liebe hängt? Kann ich das? Darf ich das? O Kampf der Pflicht! – Doch auf jeden Fall muss ich das Wagstück unternehmen; so kann ich um so leichter helfen. Es wird scharf hergehn. Der Feind soll nicht unbedeutend stark sein, und mein Häuschen ist klein, denn es bedarf der Wackern überall, und der General kann nur wenige entbehren, da sie stündlich großen Ereignissen entgegensehn. – Schütze mich Gott! Pflicht und Liebe rufen mich, blutig soll ich mir mein Glück erkaufen.

*

Soweit Woldemars Briefe. In einer fürchterlichen Stimmung zog er bald mit seinen wackern Schützen nach Villarosa hinauf. Schon von fern sahn sie die feindlichen Posten, und ehe noch Woldemar, wie es sein Plan war, auf ihm wohlbekannten Wegen durch das Zypressenwäldchen unbemerkt in die Nähe des Schlosses kommen konnte, rückte ihm das feindliche Korps, das ihn entweder schon beobachtet hatte, oder dem sein Anschlag verraten war, mutig entgegen. Der Kampf begann, und bald kam es zum Handgemenge, denn Woldemars Schützen, als wüssten sie, dass sie ihren Hauptmann die Braut erkämpfen sollten, drangen fürchterlich auf die Feinde ein. Am wütendsten focht der französische Offizier, ein Jüngling von hoher, edler Gestalt; mehrmals begegneten sich Woldemar und er im Gefechte, aber immer wurden sie wieder getrennt. Endlich konnten die Feinde dem heftigen Andringen der wackern Schützen nicht länger Widerstehn; sie warfen sich ins Schloss, und jener Offizier verteidigte den Eingang mit wütender Verzweiflung, als gölt' es die höchsten Güter seines Lebens. Da stürzte zuletzt Woldemar sich mit aller Gewalt auf ihn; er musste weichen, die Schützen drangen in die Villa, und Woldemar verfolgte seinen hartnäckigen Gegner von Zimmer zu Zimmer, wo in jedem ein neuer Kampf begann. Woldemar rief ihm zu, sich zu ergeben – aber vergebens: statt der Antwort focht jener um so wütender. Schon bluteten beide aus mehreren Wunden, da war's Woldemarn, als höre er Magdalenens Stimme in der Nähe: er raffte seine letzten Kräfte zusammen, und sein Gegner sank, vom Degen durchbohrt, zu Boden. In diesem Augenblicke stürzte Magdalene mit ihrem Vater laut schreiend ins Zimmert, und mit dem Ausruf: »Bruder, unglücklicher Bruder!« sank sie leblos neben dem Gefall'nen nieder. Da durchbebte Woldemarn die fürchterliche Verzweiflung; er stand wie vernichtet, von dem Blutgedanken des Brudermordes zermalmt. Endlich erholte sich Magdalene durch die Hülfe der herbeieilenden Leute; ihr erster Blick fiel auf Woldemar, fiel auf dem blutigen Degen, und sie sank aufs neue leblos auf die Bruderleiche. Man trug sie fort, und der Vater, der bis dahin in totenähnlicher Erstarrung dagestanden hatte, folgte schweigend. Woldemar blieb allein mit dem fürchterlichsten Gedanken, das Glück der Edelsten, die er gekannt, vernichtet zu haben. Er hörte es nicht, als man ihm die Nachricht brachte, die übrigen Feinde wären teils geblieben, teils gefangen; er hatte nichts als das eine zermalmende Gefühl und überließ sich seinem Schmerz, seiner Verzweiflung. – Endlich erschien der Graf; er hatte sich gesammelt und bot still dem Mörder seines Sohnes die Hand. Da sank Woldemar, vom Gefühl überwältigt, zu seinen Füßen nieder und benetzte seine Hand mit Tränen. Aber der edle Greis zog ihn an seine Brust, und beide weinten laut, und ihre Männerherzen brachen in großem, unendlichem Schmerz. Als sich endlich der Graf wieder gefasst hatte, erzählte er Woldemarn, wie sein Sohn Camillo unter der französischen Armee, nachdem er wegen eines Duells austreten musste, Dienste genommen und vor einigen Tagen sie überrascht habe. Er erwähnte auch, wie Magdalene dem geliebten Bruder von ihrem Woldemar erzählt habe, und wie sich jener gefreut, den Freund seiner Schwester kennen zu lernen und zu lieben. Wie zerriss das Woldemars Herz! Er raste fürchterlich, und der Graf musste ihm den Degen aus der Hand winden, mit dem er seinen Schmerz enden wollte. Aber jetzt wurden beide auf das ängstliche Hin- und Herlaufen aufmerksam, und sie ahndeten mit Recht ein neues Unglück! Ach! Magdalene, deren zarten Nervenbau diese fürchterliche Szene zu heftig angegriffen hatte, lag im Sterben. Da stieg Woldemars Verzweiflung aufs höchste; er beschwor den Grafen, nur noch einmal müsse er Magdalenen sehn, wenn nicht sich und das Schicksal aus tiefer Seele verfluchen solle; er warf sich zu seinen Füßen nieder, und tief erschüttert ging der gebeugte Vater hinweg, dem Unglücklichen nicht die letzte Gunst zu versagen. Magdalene, deren Herz noch zwischen Liebe und Abscheu kämpfte, war schwer zu bereden, den Mörder ihres Bruders wiederzusehn; aber ihre schöne Seele, der Verklärung so nahe, überwand unendlichen Schmerz, und es siegte die unendliche Liebe. Über jenes Wiedersehn fand sich die unendliche Liebe. Über jenes Wiedersehn fand dich noch bei Woldemar das Fragment eines Briefes an Gustav. Hier ist es.

*

Gustav, ich bin vernichtet! Das Glück dreier Engel hab' ich gemordet; Blutschuld liegt schwer auf mir, und Verzweiflung tobt in meinen Adern. Gustav, verfluche mich! Fürchterlich stürmen in mir die Bilder der vergangnen Zeit, sie werden mich noch rasend machen – wahnsinnig bin ich schon! Noch einmal hab ich sie gesehn, diese Heilige, deren Himmel ich zertrümmert habe; noch einmal blickte sie mich mit all dem Ausdruck der alten Liebe an und rief sanft: »Woldemar, ich vergebe dir!« Das zerknirschte mich tief. Ich sank zu ihren Füßen nieder; da erhob sie sich mit der letzten Kraft, um mich an ihre treue Brust zu ziehen, und sank tot in meine Arme. – Gustav! Gustav! Es reißt mich ihr nach, ihr nach stürzt mich meine Verzweiflung. Sie hat mir vergeben, das holde, himmlische Wesen; aber ich – vergebe mir nicht, ich muss mich opfern; nur durch Blut, durch mein Blut nur kann ich die Schuld von meinem Herzen wälzen. Leb' wohl! Ich darf mit meinem Schicksal nicht rechten; ich habe meine Freuden selbst gemordet. Leb' wohl, Du treue Bruderseele! Gott ist barmherzig, er wird mich sterben lassen.

*

Sein letzter Wunsch wurde ihm gewährt. Jenes kleine Gefecht war das Vorspiel einer entscheidenden Schlacht gewesen, und der Tag darauf sah die beiden Heere im fürchterlichen Kampfgetümmel. Woldemar focht wie ein Verzweifelnder; er stürzte sich tief in die feindlichen Scharen, suchte den Tod und fand ihn. Von unzähligen Bajonettenstichen durchbohrt, sank er im Gedränge der Schlacht, und sein letztes Wort war »Magdalene«. – Alle, die ihn gekannt, beweinten in ihm einen treuen Freund, einen wackern Kampfgenossen und einen edlen Menschen. Er wurde im Familienbegräbnisse zu Villarosa neben Magdalenen beigesetzt. Ruhe sei mit seiner Asche!

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