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Adalbert Stifter: Witiko - Kapitel 96
Quellenangabe
typefiction
booktitleWitiko
authorAdalbert Stifter
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12375-3
titleWitiko
pages3
created19990819
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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Am festgesetzten Tage wurde die Vermählung in der Schloßkirche gefeiert. Es vollzog sie der Burgpfarrer des Schlosses Schauenberg, und der Pfarrer der Stadt Eferdingen. Der Pfarrer von Aschach und Benno waren an seiner Seite. Witiko hatte ein weißes Sammetgewand mit Gold, und er trug den goldenen Gürtel Wiulfhilts, und daran als Schloß die Waldrosen Berthas. Bertha hatte ein weißes Gewand aus Seide und Gold, und sie trug den Kranz der Waldrosen Witikos. Von ihrem Haupte ging ein Schleier bis zu der Erde nieder.

Nach der Vermählung gingen alle in den großen Saal, und von dem Saale gingen Heinrich, Wiulfhilt, Wentila, Witiko und Bertha in ein Gemach.

Heinrich reichte Witiko die Hand.

Wiulfhilt sprach: »Ich habe einmal gesagt: Gott kann alles fügen, und kann uns Freuden bereiten, die wir gar nicht vermutet haben, und mein Gatte hat geantwortet: So füge er es. Ich glaube, daß er es gefügt hat. Witiko wird in Festigkeit und Treuem an unserem Kinde halten.«

»Mutter, wie Ihr saget, wird es sein mein ganzes Leben lang«, sprach Witiko.

Bertha ging zu ihrer Mutter, und schlang beide Arme um ihren Nacken. Und die Mutter küßte ihre Tochter.

Dann schloß Wentila die neue Tochter an ihr Herz.

In dieser Zeit kam ein Bote, und sagte, es sei ein Ritter in einem weiten Gewande mit goldenem Gürtel, und es seien mit ihm Männer in weiten Gewändern und silbernen Gürteln gekommen, und verlangen sogleich Gehör.

»Lasset sie in den Saal führen«, sprach Heinrich.

Und da die Männer im Saale Heinrichs standen, sagte der Ritter: »Ich bin Kriwosud, der Marschalk des hochehrwürdigen Bischofes von Olmütz, Zdik. Der hochehrwürdige Bischof sendet mich an Euch, Herr Heinrich von Schauenberg, und an Eure hohe Frau Gemahlin und an den Bräutigam und an die Braut mit Briefen und mit Kästchen.«

»Ehe Ihr Eure Botschaft vollendet«, sprach Heinrich, »sagt, ob Euch eine Frist zur Heimkehr gesetzt ist.«

»Uns ist eine solche Frist nicht gesetzt«, antwortete der Marschalk.

»So bleibt mit den Eurigen bei uns als Gast des Festes, und dann, so lange es Euch beliebt«, sagte Heinrich.

»Ich bleibe mit den Meinigen als Gast des Festes«, sagte der Marschalk.

»Und lasset mich nun meine Gemahlin und Witiko und Bertha rufen«, sprach Heinrich, »weil Ihr auch an sie Botschaft bringt.«

Und Heinrich sendete um Wiulfhilt, Witiko und Bertha, und diese kamen.

Dann übergab Kriwosud die Briefe. Sie waren von dem Bischofe selber geschrieben.

In dem Briefe an Heinrich standen Worte des Dankes, daß er ihn einmal nicht erkannt hatte, da er ihn doch erkannt hatte, und die Bitte, daß er eine Erinnerungsgabe des Beschützten nicht verschmähe.

An Wiulfhilt und Bertha war die Bitte gerichtet, daß sie eine freundliche Gabe freundlich annehmen mögen.

In dem Briefe an Witiko waren die Worte: »Ich habe zu dir in Passau gesagt, Witiko: Du hast treue Christenpflicht an mir geübt; möge sie dir im Walde gelohnt werden, von dem Hause Heinrichs von Jugelbach bis an die Waldstelle, in der du wohnen wirst. Möge Wladislaw die Stelle zieren, und möge ich etwas hinzu tun können. Gott hat dich belohnt von dem Hause Heinrichs von Jugelbach aus, wie ich es geahnet habe, bis an die Waldstelle, in der du nun wohnest. Wladislaw hat deine Waldstelle geziert, ich habe nichts dazu zu tun vermocht, weil Wladislaw alles getan hat. Vielleicht kann ich einmal eine Zierde bringen, die dich freut. Nimm von meinem Boten an, was er dir überreicht, und halte es für ein Denkmal deiner Vermählungszeit.«

Nachdem die Briefe gelesen waren, brachten vier Männer die vier Kästchen herbei, und die Kästchen wurden geöffnet.

In dem Kästchen Heinrichs lag ein Schwert. Die Scheide war aus weißem Sammet mit roten Steinen. Der Griff war aus Gold, und die Klinge hatte goldne Zieraten.

In dem Kästchen Wiulfhilts war roter Sammet und weißes Hermelin.

In dem Kästchen Berthas war ein Halskleinod von Gold und kostbaren Steinen.

In dem Kästchen Witikos war ein Waffenkleid mit kunstreichen Ringen, und die Säume waren Gold und edle Steine.

Die Gaben wurden empfangen, der Dank wurde gesprochen, und Kriwosud wurde gebeten, die Briefe, die man fertigen würde, zurück zu bringen.

Die Feste nach der Vermählung dauerten sieben Tage. Und wer kam, wurde bewirtet, und wenn er es bedurfte, beschenkt.

Dann begannen die Gäste Abschied zu nehmen, und es wurde in der Burg der Zug in das Witikohaus gerüstet.

Da kam einmal ein Mann zu Witiko, und sagte: »Erlaubet mir, hochedler Herr, daß ich die Burg betrachte, die Ihr auf dem hohen Walde erbaut habt, wie Ihr die Burg Schauenberg, da sie gebaut wurde, betrachtet habt. Ich habe Euch Euer Glück geweissagt.«

»Du bist der Schaffner, der mir den Bau der Burg Schauenberg gezeigt hat«, sagte Witiko.

»Ja«, entgegnete der Mann, »und ich habe gesagt: Reiset glücklich, und möget Ihr Eure Ziele erreichen, junger Herr. Und Ihr habt das Ziel erreicht. Wer hätte damals gedacht, daß Ihr der Ehegemahl unserer Bertha sein werdet. Ihr werdet jetzt oft zu uns kommen, und einige von uns werden zu Euch kommen, vielleicht sehe ich da die Burg.«

»So komme einmal mit der Genehmigung deines Herrn als Gast zu mir, und ich werde dir die Umsicht aus der Burg meines Waldes zeigen, wie du mir die Umsicht der Burg dieses Berges gezeigt hast.«

»Ich werde kommen, hochedler Herr«, sagte der Mann, »und gehabt Euch wohl.«

»Gehabe dich wohl«, sagte Witiko.

Am neunten Tage nach der Vermählung wurde eine Reihe Saumtiere mit Gut und Habe gegen das Witikohaus gesendet.

Am eilften Tage ging der Zug von der Burg Schauenberg fort. Es waren Heinrich, Werinhart und Gebhart mit ihren Geleiten, es waren Wiulfhilt und Bertha mit ihren Frauen und Jungfrauen, es war der Burgpfarrer von Schauenberg, es war Witiko mit seinen Männern, es waren Wentila und Hiltrut mit ihren Frauen, und es war Benno. Dann war Kriwosud, weil ihn Witiko geladen hatte, und es waren Herren und Ritter mit ihren Gefolgen, die Gäste des Witikohauses waren, und sich zu dem Zuge gesellt hatten. Unter den Jungfrauen, die bei Bertha bleiben sollten, war Trude, und unter den Dienern Wolf.

Es kamen wieder Menschen herzu, den Zug zu betrachten.

In Aschach waren die Schiffe Heinrichs. Sie waren bemalt, waren mit schönen Stoffen belegt, und trugen farbige Wimpel. In den Schiffen fuhr der Zug über die Donau.

Dann ging er die Höhen hinan, und ging auf den Höhen und in den Wäldern dem Witikohause zu.

Am Nachmittage des nächsten Tages näherte er sich demselben.

In ihm waren schon Herren und Ritter als Gäste. Diese ritten in dem schönsten Schmucke durch den Wald herunter, um den Zug hinan zu geleiten.

Als er gegen die Burg kam, sahen die Männer und Frauen desselben sehr viele Gezelte unter den hohen Tannen und Buchen des Waldes und auf dem grünen Rasen vor der Burg stehen. Die Menschen aus dem Walde und aus den Gegenden neben dem Walde waren herzu gekommen, und brachten Jubelrufe und Glückrufe und Segenrufe aus. Und Pfeifen und Hörner und Zimbeln und Geigen erschallten, und Gesänge mischten sich hinein. Vor dem Tore der Burg war ein Bogen aus Blumen, und Jungfrauen brachten der Burgherrin Blumen, und streuten Blumen auf ihren Weg. Dann standen alle Richter Witikos, und einige sagten die Hochzeitsprüche, die in den Wäldern galten. Dann standen Huldrik und Martin und alle Leute Witikos. Von den Fenstern hingen schöne Tücher herab, und zwischen den Fenstern waren Blumengewinde. Der Zug und die geschmückten Gäste, die ihm entgegen geritten waren, gingen durch das Tor ein.

Und bis zu dem Abende kamen noch immer Gäste. Es waren dann in der Burg der alte Lubomir, Ctibor und Nemoy, es waren Rowno, Diet, Osel, Wyhon, Hermann, Witislaw und alle Herren des Waldes, die mit Witiko in dem Kriege gewesen waren, es waren Welislaw, Odolen, Wecel, Casta, Zwest, Jurik, Sezima, Zdeslaw, dann Moyslaw und Radosta, die Söhne Lubomirs, und dann die Sippen Rownos, es waren der alte Ritter vom Kürenberge, der alte Heinrich von Oftering, Uthalrik von Willeringe, Otto von Rore, Marquard von Wesen, es waren Thiemo von der Aue, der junge Heinrich von Oftering, der junge Ritter vom Kürenberge, Marchard von Hintberg, Gebhart von Abbadesdorf, Ebergus von Aland, Werinhard von Brun, Juborth von Tribanswinchel, Viricus von Gaden, und der junge Hartung von Ruhenegk, und es waren Wolfgang von Ortau, Rudolph von Bergheim, Hans vom Wörthe, Werinhart von Hochheim und Heinrich von Rineck bei dem Zuge. Mit den Männern waren Frauen und Jungfrauen, und es waren Dienstmannen und Gefolge gekommen. Aus dem Walde waren die Pfarrer von Friedberg und Plan da, es waren die Richter da, und es waren die da, welche in dem Kriege Obmänner gewesen waren, und wer sonst hatte kommen wollen, war als Gast aufgenommen worden. Viele wurden in der Burg beherbergt, viele waren in den Gezelten, und von dem Volke war ein Teil in der warmen Nacht unter den Bäumen des Waldes, ein Teil war auf dem freien Rasen zwischen den grauen Gesteinen.

Am Morgen des nächsten Tages wurde ein feierlicher Gottesdienst unter dem offenen Himmel des Waldes abgehalten. Dann saßen Witiko und Bertha unter Tannen auf schönen Gesiedeln, und die Gäste, Herren und Frauen, und die Richter und die Obmänner und andere Untertanen Witikos und noch andere Leute aus dem Walde, Männer und Frauen, kamen hinzu, und brachten Glückwünsche dar, oder sagten Sprüche, oder reichten Blumen und Kränze. Dann wurden die Gäste zu einander geführt, wurden einander genannt, und sie schlossen Genossenschaft und Bekanntschaft. Dann war ein Mahl, und nach dem Mahle war ein großer Zug in prunkenden Gewändern durch allerlei Richtungen des Waldes, und durch andere Richtungen wieder zurück.

Am folgenden Tage waren Spiele. Es war in dem Tale, in welchem die Moldau floß, ein Anger mit Schranken eingefaßt, und es war Sand auf den Anger geschüttet, daß er ein Turnierplatz wurde. Witiko und seine Gäste, und die zu Witiko und den Gästen gehörten, zogen von der Burg durch den Wald zu der Moldau hinab. Und es waren die ritterlichen Festkämpfe, die in Deutschland und die in Österreich und die in Böhmen im Gebrauche waren. Frauen verteilten von den Söllern die Preise.

Auf den vielen freien Plätzen, die sich in dem Walde an der Moldau befanden, waren die Spiele und Erheiterungen der Bewohner des Waldes. Sie hatten ihre Wettkämpfe im Bogenschießen, im Schießen mit der Armbrust, im Werfen von Lanzen oder Steinen, im Laufen, im Springen, im Klettern und im Ringen. Dann waren Spiele mit Reifen, mit Bällen, mit Stangen und mit Seilen. Dann waren Tänze und Gesänge, es waren Neckübungen in Rede und Antwort, und mancher kam als Pilger oder Jäger oder Kohlenbrenner oder Pechsammler, und suchte sich in seinen Reden und Schaustellungen darzutun.

Witiko und viele Herren und Frauen gingen auf die Plätze, und sahen, was da geschah.

Witiko und Bertha und Wentila und Wiulfhilt und Lubomir und Boleslaw und Welislaw und Dimut und Odolen und Rowno kamen nach und nach gegen den dichteren Wald, und wo man von den Menschen nichts mehr vernehmen konnte. Da hörten sie eine Geige tönen, und die Töne der Geige waren sehr lieblich. Sie gingen der Stelle zu, und kamen auf einen lichteren Platz, auf welchem Föhren in Zwischenräumen standen. Unter den Föhren waren Menschen, und unter einer Föhre saß auf einem Baumstrunke Tom Johannes, und spielte auf der Geige. Die Menschen hörten ihm zu. Sie machten Raum, da Witiko kam, und er ging mit denen, die bei ihm waren, bis zu Tom Johannes. Der Fiedler fuhr in seinem Spiele fort, und alle hörten zu. Als er geendet hatte, sprach Witiko: »Ich habe dir gesagt, Tom Johannes, daß deine Geige noch in dem grünen Walde singen wird, und sie singt schöner als sonst.«

»Sie singt schlecht«, sagte der Fiedler, »diese Geige des hohen Herzoges kann singen, wie keine Geige auf der Welt; aber ich kann sie nur so gut singen machen, wie ich kann. Siehe, Witiko, ich habe mir ein Knie an den Bogen gemacht, wie meine Hand ein Knie hat, und nun vermag ich wieder zu streichen.«

»Und du streichst, wie es andere nicht können«, sagte Witiko.

»Sonst habe ich es besser vermocht als andere«, sprach der Fiedler, »wie es jetzt ist, weiß ich nicht.«

»Und hast du schon öfter auf der Geige des Herzogs gespielt?« fragte Witiko.

»Ich habe es auf ihr gelernt«, antwortete der Fiedler, »und spiele heute zum ersten Male vor Menschen, weil ein Tag der Ehren für dich ist, Witiko.«

»So muß ich dir Dank bringen«, sagte Witiko, »und ich danke dir, und wenn du in meine Burg kommen willst, werde ich dir noch mehr danken, und wenn ich nach Plan komme, werde ich zu dir gehen, und dir wieder danken.

»Ich werde einmal in deine Burg kommen«, sagte der Fiedler.

»So tue es«, antwortete Witiko.

Und Tom Johannes geigte noch manches auf der Geige des Herzogs, und Witiko und seine Gefährten hörten zu.

Dann lobten sie ihn, verabschiedeten sich, und gingen ihres Weges weiter.

Ehe der Abend kam, ging der Zug wieder zu dem Witikohause hinauf.

Am nächsten Tage wurde das Pergament Witikos ausgefertigt, und seine Freunde und andere Männer hingen ihre Siegel daran.

In den folgenden Tagen war öfters Jagen nach den wilden Tieren des Waldes, und da lernte der Ritter vom Kürenberge, wie er einmal gesprochen hatte, die Buchen und Tannen des Waldes und die Bären kennen, und Odolen und Welislaw und die andern böhmischen Freunde Witikos lernten kennen, wie der Wald Witikos ist, und Wolfgang von Ortau und seine Freunde erfuhren die Gastlichkeit der Waldleute, wie sie von denselben in Prag angeboten worden ist.

Es geschahen dann auch Züge zu manchen Herren in dem Walde.

Und an einem Tage sprach Welislaw zu Dimut: »So hast du mich, schöner Krieger, besiegt, den ich besiegen wollte, und so kann ich nicht ohne dich sein, kein Gedanke ist in mir ohne dich, ich kann ohne dich nicht leben und nicht sterben, und so nimm mich, daß ich dein Gatte sei in Liebe und Treue und Sorgfalt und Unzertrennlichkeit, immer fort und fort, so wahr mir Gott in jener Welt helfe.«

Und Dimut antwortete: »Und weil du getreu und stark bist, Welislaw, so will ich deine Gattin sein in Liebe und Treue und Dauer, so wahr mir Gott helfe.«

»Dann gibst du mir doch den Pfeil«, sprach Welislaw.

»Er wird das Eigentum von uns beiden sein«, antwortete Dimut.

Und als die Feste zwölf Tage gedauert hatten, schieden die Freunde Witikos mit Segenswünschen für sein Glück, und mit Lobpreisungen Berthas und mit Lobpreisungen des Waldes. Und andere Gäste schieden auch mit dem Ruhme und Preise der Burgherrin und dem Ruhme und Preise der Wälder.

Und als alle fort waren, stand Witiko mit Bertha auf dem Mittagsöller des Schlosses, und zeigte ihr die Fluren und Berge, von denen er ihr auf den Steinen der einsamen Wiese bei dem Waldhause ihres Vaters erzählt hatte.

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