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Adalbert Stifter: Witiko - Kapitel 94
Quellenangabe
typefiction
booktitleWitiko
authorAdalbert Stifter
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12375-3
titleWitiko
pages3
created19990819
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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Witiko betrachtete die Waldrose, und er betrachtete die Blumen der Kränze und Sträuße. Dann gab er alles seiner Mutter zum Beschauen. Diese sah den Kranz, die Sträuße und die Waldrose an, lobte die zierliche Arbeit, und lobte, daß die Waldblumen gewählt und so an einander gereiht worden waren. Dann gab sie die Geschenke wieder an Witiko zurück. Witiko dankte den Jungfrauen, und reichte die Gaben an Jakob, daß er sie in die Burg trage. Die Jungfrauen brachten ihren Abschiedsgruß, und entfernten sich von dem Tische Witikos.

Der Schmied von Plan, und David, der Zimmerer, und Paul Joachim, der Maurer, und Elias, der Steinhauer, traten nun herzu, und brachten die Sprüche aus, welche bei dem Einzuge in ein neues Haus im Brauche waren, und Witiko und die anderen Männer gaben die Antworten, welche auf die Sprüche gehörten.

Dann standen alle von den Tischen auf.

Witiko ging unter die Leute, und sprach mit vielen Männern, mit Frauen, mit Jünglingen, mit Jungfrauen und selbst mit Kindern.

Die Mutter Witikos ging auch unter die Menge der Menschen, und sprach mit ihnen. Viele, besonders Frauen und Jungfrauen, drängten sich zu der Frau.

Die Base Hiltrut sprach mit jedem, zu dem sie kam, und erzählte von Witikos Kindheit.

Die drei Priester, der Pfarrer von Plan, der Pfarrer von Friedberg und Benno, wandelten auf dem grünen Anger in Gesprächen herum, und redeten mit den Leuten, die auf sie zugingen, und gingen selber auf Leute zu.

Als der Nachmittag vorrückte, begannen die Menschen, sich zu zerstreuen.

Am Abende verabschiedete sich Witiko, und ging mit seiner Mutter und mit der Base und mit Benno und mit den Frauen und mit denjenigen, die zu seinem Dienste gehörten, in die Burg.

Als die Sonne untergegangen war, ertönte ein schöner Gesang aus dem Walde. Er war ein Gesang von Jungfrauen, dann kam ein Gesang von Jünglingen, dann kam ein Wechselgesang von beiden, und dann ein Zusammengesang von ihnen. Und so verschränkten sich und löseten sich die Gesänge immer anders. Witiko und die Frauen und Benno gingen auf den Söller hinaus, der gegen den Wald gekehrt war. Unten standen die Menschen dicht gedrängt gegen den Wald, um den Gesängen zu lauschen. Die Sänger und die Sängerinnen konnte man nicht sehen.

Als es finster geworden war, erglühete an dem fernen Gipfel des Hochfichtes ein Feuer wie ein Waldbrand.

Witiko wendete seine Augen dahin, und Wentila auch.

Aber dann glühte auf dem Gipfel des Bufferberges im Morgen von Friedberg ein gleiches Feuer empor. Es glühte eines auf dem Markwalde, eines auf dem Kienberge, eines auf dem Schwarzwalde, drei glühten auf den Wäldern, die hinter dem Kreuzberge bei Plan emporstanden, und man konnte eines auf dem Kreuzberge erkennen. In den Auen und auf den Weiden und Angern und Feldern und in den tiefen Waldstrichen, die an der Moldau dahin gingen, brannten viele kleinere Feuer.

Witiko ging nun mit den Seinigen von dem Söller in die Burg, und sah aus derselben gegen die Morgenseite. Da brannten in dem Walde rechts von der Moldau Feuer bis gegen die Wasserfälle der Kienberge hinab. Im Mittage brannten auf den kleineren Büheln, die sich absenkten, Feuer, und im Abende waren Feuer in dem Walde bis zum Hochfichte, und eines war weit zurück auf der Senkung des Seewaldes zu erblicken.

Die Feuer brannten fort, und die Gesänge dauerten fort.

Witiko ließ nun in allen Gemächern der Burg Lichter anzünden, daß sie in diesem Scheine weithin gesehen werden konnte.

Nach einer Zeit schwieg der Gesang, und als ein Weile Stille gewesen war, ertönten plötzlich die Pfeifen und die Hörner, die Witiko in dem Kriege gehabt hatte, und es erschollen die Weisen, die auf den Zügen und in der Schlacht auf dem Wysoka und in der Schlacht vor Znaim erschollen waren.

Witiko hieß zwei Knechte Fackeln anzünden, und ging mit ihnen auf den Waldsöller. Dort nahm er seine Haube von dem Haupte, und schwenkte sie in dem Fackellichte dreimal zum Gruße.

Es ertönte von den Pfeifen und Hörnern ein freudiger Gegengruß.

Dann rief das Volk einen lange dauernden Ruf des Grußes empor.

Dann tönten die Pfeifen und Hörner wieder Kriegsweisen.

Dann erschollen die Gesänge der Jungfrauen.

Witiko ging wieder in die Burg.

Und die Gesänge der Jungfrauen und der Jünglinge und ihr Zusammengesang und das Tönen der Pfeifen und Hörner wechselte mit einander ab, und machte endlich eine Verschlingung.

Die Feuer brannten ringsumher fort.

Und als mit Zwischenräumen der Gesang der Jungfrauen und der Jünglinge und der Klang der Pfeifen und Hörner eine Zeit gedauert hatte, erhob plötzlich eine Männerstimme unter den Menschen die Töne eines Waldgesanges, den alle Menschen in dem Walde kannten, und der das Lob des Waldes enthielt, und eine zweite Stimme gesellte sich hinzu, und ein dritte, und alsbald sangen alle Menschen, die versammelt waren, den Waldgesang. Und als er geendiget war, erhob eine Pfeife seine Töne wieder. Und die Menschen begannen den Gesang wieder, und stärker, als das erste Mal, und die Pfeifen und Hörner mischten sich darunter, und gingen in der Verbindung der Töne mit. Und als der Gesang zum zweiten Male aus war, tönte von den Pfeifen und Hörnern die Weise der Schlacht vor Znaim. Und dann tönten jene Rufe, die getönt hatten, als man den Feinden auf dem Berge vor Znaim in den Rücken gebrochen war. Und auf diese Rufe folgte ein großer Ruf der Freude von den versammelten Menschen. Dann war eine Weile eine Stille. Dann sangen die Jungfrauen einen sehr sanften Nachtgesang.

Hierauf war kein Gesang mehr und kein Tönen von Pfeifen und Hörnern. Von den Feuern umher waren einige erloschen, andere brannten schwächer.

Wentila erhob sich von ihrem Sitze in der Stube, in welcher alle versammelt waren, reichte Witiko die Hand, und sagte: »Ich suche meine Schlummerstätte. Ruhe in der ersten Nacht hier so sanft, mein Sohn, wie der Schlummergesang der Jungfrauen angedeutet hat.«

Witiko antwortete: »Geliebte Mutter, das Dach unseres Hauses sei zum ersten Male lieb und hold über deinem Haupte.«

Dann verabschiedeten sie sich, und Wentila ließ sich von Marhild und zwei anderen Frauen in ihr Gemach geleiten.

Die Base sagte: »Witiko, wie mußt du gut sein, weil sie dich so lieben, und wie muß es damals in dein Herz gegangen sein, als die schrecklichen Töne der wilden Hörner, die heute hier erschallten, dort erschollen sind, wo die Menschen einander gemordet haben.«

»Das ist dort anders als hier«, sagte Witiko. »Lasse es dir hier wohl sein in der ersten Nacht, und möge es dir sehr lange, und wenn du willst, für immer hier wohl sein.«

»Fast so wohl wie in dem kleinen Häuschen in Landshut, weil wir alle beisammen sind«, sagte die Base.

Dann ließ sie sich in ihr Gemach geleiten.

»Witiko, mein Kind«, sagte Benno, »das ist ein wichtiger Tag gewesen; es beginnt nun eine neue Wirksamkeit. Du hast den Tag ohne Prunk begehen wollen, und die Menschen haben den Prunk ihres Herzens gebracht. Das ist gut. Es wird noch ein zweiter schöner Tag zur Freude deines Gemütes kommen. Beschließe den heutigen Tag mit einem Gebete, und beginne den Schlummer mit der Hoffnung auf jenen zweiten Tag.«

»Gott hat mir so viel Gutes für meine Mutter und für meine Freunde gegeben«, sagte Witiko, »daß ich es nur durch einen dankbaren Wandel gegen Gott werde abtragen können.«

»Du wirst es«, sagte Benno, »gehabe dich wohl.«

»Gehabe dich wohl«, sagte Witiko.

Die Männer reichten sich die Hände.

Dann ging Benno mit Jakob, der ihm eine Lampe trug, in sein Gemach.

Witiko befahl nun, daß die Knechte die Lichter in der Burg auslöschen.

Da dieses geschehen, und ihm die Nachricht davon gebracht worden war, sagte er: »Dienstmannen, Kuto und Beda, weil es der Gebrauch so will, so geleitet mich in meine Stube. Es ist nur dieses Mal, ich werde es dann nie fordern.«

»Wir tun unsers Dienstes jedes Mal«, sagte Beda.

»Wie es die Gepflogenheit fordert«, sprach Kuto.

Die zwei Männer geleiteten Witiko in sein Gemach. Raimund trug eine silberne Lampe. Vier Männer des Gefolges gingen hinter ihnen.

In dem Gemache wurden die Abschiedssprüche gesprochen. Die Männer entfernten sich, und Witiko und Raimund blieben allein. Witiko ließ sich durch die Hilfe Raimunds zum Teile entkleiden, dann sendete er ihn in seine Kammer, die vor dem Schlafgemache war.

Als Witiko nun allein in dem Zimmer weilte, kniete er vor dem Bilde des Heilandes nieder, und verrichtete ein Gebet.

Dann entkleidete er sich vollends, und legte sich zum ersten Male auf das Schlummerbette seiner Burg.

Als der Morgen des anderen Tages angebrochen war, sah Witiko, daß auf dem Anger vor der Burg Menschen über die Nacht geblieben waren. Teils hatten sie Feuer angezündet, um sich zu erwärmen, teils hatten sie, in ihre Gewänder gehüllt, den Frühlingsrasen als Schlummerstätte benützt. In manchen Teilen der näheren und entfernteren Wälder sah er noch Rauch von den Feuern aufsteigen, welche in der Nacht gebrannt hatten. Er befahl Raimund, daß er Huldrik, wenn er noch schlafe, wecke, und ihm sage, er möge Sorge tragen, daß die Leute vor der Burg etwas zu essen und zu trinken bekämen.

Raimund ging fort, und kam wieder, und sagte, Huldrik sei schon unter den Leuten, und habe für sie gesorgt.

Als die Sonne aus dem Walde emporgestiegen war, ging Witiko in die Burgstube, und die Seinigen und Leute des Gefolges kamen auch dahin.

Dann wohnten alle, welche in der Nacht in der Burg gewesen waren, dem Morgengottesdienste bei, welchen Benno zum ersten Male feierte.

Hierauf wurde das Frühmahl gemeinschaftlich in dem Saale verzehrt.

Witiko ordnete nun an, daß jene Dienstmannen und Leute des Gefolges, welche nicht in die Burg gehörten, sondern irgend wo anders ihre Wohnung und ihre Beschäftigung hatten, acht Tage als Gäste in der Burg bleiben sollten. Dann ließ er alle vor sich kommen, denen er einen zeitlichen Dienst in der Burg aufgetragen hatte, und erklärte ihnen den Dienst, und sagte, diese Dinge werden alle später mit Giltigkeit geordnet werden.

Und ehe die Sonne noch hoch gestiegen war, kamen Menschen, und brachten nach dem Brauche, wenn einer in ein neues Haus zieht, Gaben.

Die Gaben sollten zum Bedarfe und zur Zierde des Hauses sein, oder in Werkzeugen zu allerlei Dingen, zur Fischerei, zum Vogelfange, zur Jagd, und selbst zum Kriege bestehen. Der alte Florian brachte ein Salzfaß, welches er aus einem Stücke weißen Ahorns geschnitten hatte, Wenhart aus der Friedau brachte zwei zierliche Fässer für Wein, der Richter aus der Stift brachte Holzteller, von dem kleinsten bis zu dem größten, wie sie in dem Walde gemacht wurden, und seine Gattin brachte eine Sammlung Holzdeckel, um sie auf Milchtöpfe oder andere Gefäße zu legen, Johannes aus dem Wangetschlage brachte Eimer und Zuber, der Richter von Friedberg brachte einen Betschemel, aus dicken Stämmen des Wacholders geschnitzt, und ein himmelblaues Tuch, auf welches die Jungfrauen von Friedberg rote Waldrosen gestickt hatten, Liebhart aus der Steinleithe brachte alle Gattungen Kien aus allen Harzhölzern des Waldes, die Männer aus dem Kirchenschlage brachten sechs kunstreich aus Eschen geschnittene Speere, Gregor vom Rathschlage brachte vier Fischnetze, Thomas von der Waldmoldau brachte zwölf Besen, deren Stiele die zwölf feinsten Hölzer des Waldes waren, deren Bund er mit schimmernden Farbreisern geflochten hatte, und deren Zweige alle Farben zeigten, welche die Ruten im Walde haben, die alte Susanna aus der unteren Moldau brachte zwanzig Eier, und sagte, sie habe nicht mehr.

Die, welche weiter entfernt wohnten, kamen später.

Gegen Abend kamen die von dem oberen Plane, und brachten ein kreisrundes Gitter, das fein aus Eisen geschmiedet war, und einen Boden aus Buchenholz hatte, daß man Töpfe mit Blumen hinein stellen konnte. Und dann brachten sie noch vier junge ganz weiße Milchkühe. Tom Johannes brachte sechs Bogensehnen, die er selber aus Darmsaiten von Geigen gedreht hatte, Stephan, der Wagenbauer, brachte die sechs Bogen aus rotem Eibenholze dazu, und Peter Laurenz, der Schmied, sechs Bündel Pfeile, deren Spitzen er selber geschmiedet hatte. Sebastian brachte Marderverbrämungen und Marderfelle und anderes Pelzwerk des Waldes. Christ Severin brachte ein Stück feinen Tuches.

Den ganzen Tag kamen Leute, und in mehreren folgenden Tagen auch. Sie brachten noch Linnen und Wollstoffe und Felle und Leder und Nahrungsmittel und Tiere. Witiko sprach mit allen, und dankte ihnen. Wentila sprach auch mit den Leuten, und besonders mit den Frauen. Die Männer Witikos waren beschäftiget, die Gaben an ihre Orte zu bringen, besonders die lebenden Tiere.

In der folgenden Zeit kamen die Gaben von Lubomir, von Diet, von Rowno, von Osel und anderen Nachbarn des Waldes, sie bestanden in Schmuck, in Waffen, in Gewändern, in Tieren.

Darauf begann Witiko seine Gegengaben zu versenden.

Dann ritt er zu den Nachbarn, um sie zu besuchen, und nahm sie in seiner Burg auf, wenn sie zu dem Gegenbesuche kamen, und bewirtete sie.

Da dieses geschehen war, ordnete er den Dienst der Burg. Huldrik wurde der Schaffner, um für Fremde und alles, dessen sie bedurften, zu sorgen. Martin hatte die Aufsicht über die Nutztiere. Und so wurde über die Gemächer, über die Gewänder, über die Waffen, über die Küche, über den Keller, und über alles andere jemand gesetzt.

Der Bauherr Eppo blieb eine Zeit als Gast, weil man seines Rates noch vielfach bedurfte. Dann trat er seinen Weg nach Prag an.

Die Base blieb bei Wentila in dem Walde, weil sie Witiko bat, und Benno blieb bei Witiko, und feierte den Gottesdienst in der Burgkirche.

Da die Dinge in der Burg geordnet waren, ritt Witiko auf seinem alten grauen Pferde, welches den Wald zu überwinden verstand, an alle Stellen, an denen er Arbeiten hatte, und untersuchte den Fortgang der Dinge.

In dem Walde an der untern Moldau legte er eine Köhlerei an, und Mathias, der Köhler vom breiten Berge, war der Schaffner derselben, und von den Meilern gingen wie sonst an dem breiten Berge im Lichte die goldigen oder im Schatten die blauen Säulen des Rauches in die Lüfte. Für Mathias war ein hölzernes Wohnhaus, und ein steinernes für ihn und die Arbeiter ward begonnen.

Am Abende kamen zuweilen, wie einst in dem steinernen Häuschen in Plan oder in dem Häuschen im Wangetschlage, Männer zu Witiko in die Burg, und er gab ihnen Brot und Salz, und sie nahmen es, sprachen mit ihm über verschiedene Dinge, und er reichte ihnen dann Speise und Trank, und sie gingen in der Nachtdämmerung durch den Wald nach Friedberg., oder in die Friedau, oder in die Steinleithe, oder in die Heurafelhäuser, oder an der Mittagseite gegen die Häuser der reichen Au. Wenn die Männer von einer größeren Entfernung gekommen waren, so beherbergte er sie in der Burg.

Es kamen nun auch Leute um Rat, es kamen Leute um Hilfe, und Witiko gewährte beides, wenn er es konnte.

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