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Adalbert Stifter: Witiko - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleWitiko
authorAdalbert Stifter
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12375-3
titleWitiko
pages3
created19990819
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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2
Sie waren sorglos und fröhlich.

Nach drei Tagen ritt Witiko von dem alten Zupenorte Chynow mitternachtwärts. Da hörte er hinter sich Lachen und Pferdetraben. Er blickte um, und sah eine Anzahl schöner Reiter hinter sich herkommen. Er lenkte sein Pferd an den Rand des Weges, und ritt in seiner Art langsam weiter, um sie vorüber zu lassen. Da war der erste, der heran kam, ein Jüngling in scharlachrotem Gewande auf einem weißen Zelter. Statt an Witiko vorüber zu reiten, hielt er sein Pferd an, und sagte: »Du einzelner Mann, du reitest aus, das Herzogtum Böhmen zu erobern.«

Witiko brachte sein Pferd nun vollends zum Stehen, stellte es quer an den Weg, und sah den Mann an. Dieser blieb auch stehen, und hielt die Betrachtung aus. Er war ein junger schöner Mann mit blonden Haaren und blauen Augen. Auf seinem Haupte hatte er eine schwarze Haube, von der eine Adlerfeder gerade empor stand. In den Bügeln hielt er starke lederne Stiefel, und um die Schultern hatte er an einer roten Schnur ein Hüfthorn. Seine Kleider waren in Unordnung. Sie waren bestaubt und von einem nassen Boden, auf dem er geritten sein mochte, bespritzt. Da Witiko schaute, kamen die andern heran. Sie waren alle jung und in schöne Farben gekleidet. Die meisten waren rötlich oder rotbraun, die andern grün. Sie hatten gleichfalls Federn auf den Hauben; Reigerfedern, Hahnenfedern und dergleichen. Manche hatten ein Hüfthorn, alle hatten ein Schwert, und einige trugen ein oder gar mehrere Jagdlanzen. Ihre Kleider waren auch in Unordnung wie die des scharlachroten Mannes. Sie mochten zehn oder zwölf Männer sein.

»Was die Eroberung Böhmens angeht«, sagte Witiko, »so wird sie dir weit eher gelingen als mir, da du ein solches Geleite hast, und ich allein bin.«

»Unsere Rosse sind gebrechliche leichte Dinge, die dahin rennen«, sagte der Mann, »und unsere Gewänder sind Flitter, die ein Stab zerreißt, während dein grauer Zelter, auf dem du im Schritte reitest, breit und fest ist, und deine Gewänder undurchdringlich sind, daß man meinen sollte, du könntest Hostas Burg, die der Herzog jetzt so eilig neu baut, gemach niederreiten.«

»Und wenn ich die Burg des Hosta und den reichen Wyšehrad und das ganze Böhmen niederreiten könnte«, entgegnete Witiko, so würde ich es nicht tun, so lange Sobeslaw besteht, um dessen langes Leben ihr Gott bitten solltet; aber deines Herzens Gelüsten wäre es, hier zu schalten, weil du die Worte zu mir gesagt hast, die der Schalk dir eingab.«

»Höre, Sohn des weisen Nacerat«, erwiderte der Scharlachreiter, indem er sich zu einem der Angekommenen wendete, »dieser da meint, daß wir alle, die hier sind, ihn ausgenommen, den Wunsch haben, die Plage der Regierung in Bürglitz zu sitzen, oder Reichsversammlungen in Sadska zu diesen Ländern zu übernehmen, auf dem Wyšehrad oder auf halten, und die Meinungen der erfahrnen Jahrträger und Räte zu hören, und ihnen untertänig zu sein, statt in freier Luft zu leben, die nachdenkenden Köpfe herrschen zu lassen, und uns um die Freuden zu bekümmern, die uns Gott in der Welt gegeben hat: um das fröhliche Reiten, um die Jagd, um den Becher, um die Mädchen, und wäre es selber die schöne österreichische Gertrude, die Schwester des ehrbegierigen jungen Markgrafen Leopold, dem jetzt unser ruhmreicher Herzog, welchem wir ein ewiges Leben hienieden wünschen, die böhmische Maria, seine Tochter, zur Gemahlin geben will. Und du, Odolen, Sohn des Striz, und Welislaw, sind wir nicht besser und jünger, uns die schönsten Mädchen zu wählen, als jener Balg, der Wratislaw von Brünn, der sich vor fünf oder sechs Jahren eine Prinzessin aus Rußland geholt hat, die alle sterblichen Leute an Schönheit übertrifft?«

»Und wie du auch scherzest«, sagte Witiko, »so möchtest du doch da der Erste sein, nur daß du es nicht kannst.«

»Und du wirst den Herzog Sobeslaw strenge gegen mich verteidigen?« sagte der Scharlachreiter.

»Es ist ganz umsonst, über nichtige Dinge zu streiten«, entgegnete Witiko, »aber ich würde ihn mit dem letzten Blutstropfen verteidigen, weil er zu Recht eingesetzt ist, ein guter Mann ist, und recht regiert.«

»Also einen schlechten Herzog würdest du absetzen?« sagte der Scharlachreiter.

»Wenn ich einen schlimmen Herzog absetzen könnte, und nur ich allein«, antwortete Witiko, so würde ich es nicht tun, wenn er mit Recht besteht, weil ein schlimmerer unrechter kommen könnte; aber dienen würde ich ihm nicht.«

»Wenn du ein Steinschleifer oder ein gelehrter Mann bist, der langsam nach Prag reitet«, sagte der Scharlachreiter, »so könnte der Herzog deine guten Dienste wohl brauchen; denn er ist daran, das hölzerne Prag in ein steinernes zu verwandeln, die Gassen nach der Schnur zu richten, die Menge von Steinen, daraus er einen Fußboden im Wyšehrad machen will, wie Täfelchen eines Kirchenfensters zu schleifen, und Bücher anzusammeln.«

Nach diesen Worten schob Witiko sein Pferd schnell zurück, bis er außer der Versammlung war. Dann hielt er, und rief: »Wenn ihr gekommen seid, einen Mann und sein Pferd zu höhnen, die euch nie beleidigten, so ist das eine schmachvolle Tat von euch, da ihr zwölf oder dreizehn gegen einen seid; wenn ihr aber die Ehre zu achten wißt, daß ein einzelner von euch eure Worte gegen einen einzelnen vertritt, so bin ich da, sendet einen, daß ich ihm stehe. Wollt ihr mich aber beschimpfen oder verwunden oder töten, so tut es; ich will lieber als ein Unbekannter mein Blut hier vergossen sehen, als Schmach annehmen, und erfahren, daß slawische Gastfreundschaft einen Fremden, der im Lande reitet, nicht ehrt.«

Hierauf zog er sein Schwert, senkte es, und blieb mit seinem Pferde stehen.

»Wie hat er denn das Tier so schnell zurückgebracht?« sagte der Scharlachreiter.

»Ich bin Odolen, der Sohn des Striz«, rief einer in grüner Kleidung aus dem Haufen, und wendete den Kopf seines Pferdes gegen Witiko, »und leide von keinem Menschen in dieser Welt eine Auflehnung.«

»Ich bin Welislaw«, rief ein brauner Mann, indem er sich gleichfalls gegen Witiko wendete, »und nehme keine Drohung an.«

»Und ich bin Casta, ich bin Ben, ich bin der Sohn des Nacerat«, riefen drei Stimmen.

»Hui«, sagte der Scharlachreiter, »wenn es einen Kampf geben sollte, so wäre wohl ich der Mann, den er träfe, da ich die Worte gegen jenen Trotzigen gerichtet habe. Seht, wie das Vögelein die Federn sträubt, und hat noch keinen Flaum ums Kinn, und gleicht einer Jungfrau. Stellt euch zurück, und du, Ledermann, komme her, wir tun dir nichts zu Leide. Ich bitte dir die Reden, die ich dir gegeben habe, ab. Du sollst keine mehr hören. Wir sind lustige Geschöpfe, und sagen einander harte Worte, die nichts bedeuten. Wenn du länger in dem Lande des alten Cech reitest, so wirst du viele finden, die uns gleichen.«

»Sie sollten derlei nicht sagen«, entgegnete Witiko.

»Sagen oder Nichtsagen«, rief der Reiter, »so komme einmal, und traue mir.«

»Da du sagst, daß du nichts Schlimmes gegen mich im Sinne hast«, antwortete Witiko, »und da du auch versprichst, keine üblen Reden mehr gegen mich zu führen, so will ich dir trauen, wenn deine Gefährten auch die gleichen Gedanken haben.«

»Sie haben die gleichen Gedanken«, erwiderte der Scharlachreiter, »komme nur her, und reite eine Strecke mit uns, so weit es dir gefällt.«

»Ich reite nur im Schritte«, sagte Witiko.

»Er gibt schon Gesetze«, sagte der Scharlachreiter, »wir wollen sie befolgen, und reiten eine Strecke im Schritte mit dir.«

»So komme einmal zu uns«, rief eine Stimme aus dem Haufen.

»So komme«, rief eine andere.

Zugleich wendeten die, welche sich drohend gegen Witiko gestellt hatten, ihre Pferde um, und alle machten eine Bewegung, gleichsam, um ihm Platz zu machen, und ihn gesellig aufzunehmen.

Witiko steckte sein Schwert in die Scheide, und ritt langsam mitten unter sie.

Es entstand eine Gasse bis zu dem Scharlachreiter. Dieser winkte Witiko, und Witiko ritt zu ihm hinzu.

»So«, sagte der Scharlachreiter, »wenn du an meiner rechten Seite reiten willst, so tue es. Odolen mag dann wieder an deiner Rechten reiten, wo der Weg es zuläßt, damit du mitten bist. Und du Welislaw und Casta und Mikul und Radmil und andere, ihr müßt folgen. Und ihr, Söhne Smils, die ihr so gerne stürmt, ihr werdet nicht zu Schaden kommen, wenn eure Pferde mäßiger schnaufen.«

»Es wird schon eine Weile gehen«, rief einer aus den hinteren Leuten.

Und so stellte sich nun Witiko an die rechte Seite des Scharlachreiters und der, den dieser Odolen geheißen hatte, wieder an die rechte Witikos, und der Zug fing, wie der Scharlachreiter gesagt hatte, sich zu bewegen an. Da sie ritten, sagte der Scharlachreiter: »Nun, Ledermann, sage, wer du bist, und woher du kommst, und wohin du in diesem deinem Gewande reitest.«

»Das werde ich euch nicht offenbaren«, entgegnete Witiko, »weil ich auch nicht weiß, wer ihr seid, und welche Absichten ihr habt.«

»So ist denn gar kein Ende mit dir«, rief der Scharlachreiter, »nun so müssen wir Buße tun, und dir sagen, wer wir sind. Du magst dann dein Wesen enthüllen, oder magst es auch nicht tun. Der an deiner rechten Seite reitet, ist Odolen, der Sohn des Striz. Er will die ganze Welt umwerfen, darum wäre es schade gewesen, wenn du ihm ein Loch in sein grünes Wams oder in sein Herz gestoßen hättest, er hat dich umbringen wollen, weil du uns herausgefordert hast. Es wäre auch schade um dich gewesen, da du ein junges Blut bist.«

Witiko sah auf den Mann zu seiner Rechten. Er ritt auf einem schwarzen Pferde. Er war schönen braunen Angesichtes und schwarz von Haar und Augen. Er hatte ein grünes Gewand, auf der schwarzen Haube eine Reigerfeder, und trug Schwert und Hüfthorn.

»Nun, du Lederjunge«, sagte er, »sehe ich wohl aus, wie ein Wegelaurer, der die Leute töten will, die da so allein reiten?«

»Nein«, sagte Witiko; »aber du könntest voreilig sein.«

»Er ist gar nie anders«, sagte der Scharlachreiter.

»Jetzt sieh aber auf den, der hinter mir ist«, fuhr der Scharlachreiter fort, »der ist Welislaw, er sagt immer, daß er treu sei; er weiß nicht, wem, und er ist so jung, daß er noch gar nicht angefangen hat, treu zu sein. So schau doch um auf ihn.«

Witiko blickte gegen ihn zurück. Er ritt auf einem Goldfuchs, war braun von Haar und Augen, hatte ein braunes Gewand, auf der schwarzen Haube eine Geierfeder, und trug Schwert und Hüfthorn.

»Nun ich bin doch unverdächtig«, sagte er zu Witiko.

»Ja«, antwortete Witiko.

»Jetzt blicke gerade hinter dich, Lederreiter«, rief der Scharlachmann, »da ist der Sohn des Nacerat, er ist immer der Sohn des Nacerat, und wird immer der Sohn des Nacerat sein.«

»So sieh doch um«, rief der Mann hinter Witiko.

Witiko wendete sich ein wenig auf seinem Pferde, und sah nach dem Manne, der gerufen hatte. Er ritt auf einem braunen Pferde, und war ein sehr schöner Jüngling mit blonden Haaren und blauen Augen und rosenrotem Angesichte. Er trug ein scharlachbraunes Gewand und auf der schwarzen Haube eine weiße Feder. Er hatte Schwert und Hüfthorn.

»Ich bin niemanden gefährlich«, sagte er zu Witiko.

»Außer allen schönen Dirnen«, rief der Scharlachreiter.

»Ich könnte auch mit einem Ritter edle Freundschaft halten, wie zum Beispiel mit dem Lederreiter«, sagte der Mann.

»Es mag sein, oder auch nicht sein, ich kann es jetzt noch nicht erraten«, sagte Witiko.

»Nun kömmt die zweite Reihe hinter uns«, sagte der Scharlachreiter, »da ist Ben, es heißt auch ein Feldherr so, aber der ist nicht der Feldherr.«

»Nicht wahr, Ben, du bist nicht der Feldherr Böhmens«, rief er auf den Mann zurück.

»Ich werde es bald sein«, rief der andere hervor.

Witiko blickte um. Der Mann ritt auf einem Rappen, hatte lichte Haare, grüne Kleider, eine schwarze Feder auf der schwarzen Haube, und trug Hüfthorn und Schwert.

»Der rechts von Ben heißt Casta«, sagte der Scharlachreiter. »Sieh ihn nur an, er will immer für seine Freunde in den Tod gehen.«

»Casta, du stirbst für uns alle«, rief der Scharlachreiter.

»Und ihr alle für mich«, rief Casta.

Der Mann ritt auf einem Rappen, hatte lichte Haare, braune Kleider, eine graue Feder auf der schwarzen Haube und Hüfthorn und Schwert.

»Die hinter den beiden sind die Söhne Smils, des großen Feldherrn des Herzogs Sobeslaw«, fuhr der Scharlachreiter fort, »sie wollen immer das nämliche tun, haben gleiche Pferde und Kleider, und müssen uns offenbaren, ob ihre Liebchen auch die gleichen Augen haben. Sieh sie nur an, mein Ledermann.«

Witiko blickte um, und konnte nur erkennen, daß die beiden grün gekleidet waren, rote Federn auf den schwarzen Hauben hatten, und jeder auf einem Falben ritten.

»Die weiter zurück sind Mikul und Radmil, und die andern«, sagte der Scharlachreiter, »es ist nichts mehr Rechtes an ihnen zu sehen, wenn wir uns aus diesem Zuge wieder in einen Haufen versammeln, kannst du sie vielleicht näher betrachten, und sehen, ob sie dir gefallen.«

Witiko konnte erkennen, daß die Männer alle in gleicher Art gekleidet waren: nicht gar weites Oberkleid mit einem Gürtel gehalten, dann das straffere Beinkleid und Lederstiefel mit einem kurzen rückwärts dicken Stachel. Alle hatten sehr enge Hauben, hinter denen die Haare auf den Nacken gingen, und dann quer abgeschnitten waren.

»Nun habe ich dir eine Menge erzählt, du lederner Mann«, sagte der Scharlachreiter, »wir sind gar nicht zurückhaltend; du aber kömmst aus Ophir oder dem Lande der Königin von Saba, und reitest mit deinem Gewande so dahin.«

»Ich wähle mir meine Rüstung, wie ich sie für gut halte«, sagte Witiko.

»Und du wirst Großes vollbringen«, antwortete der Scharlachreiter.

»Du vielleicht auch«, sagte Witiko.

»Das siehst du gewiß«, sagte der Scharlachreiter, »daß wir dich nicht beschimpfen, oder mit dir kämpfen oder dich töten wollen, wenn wir auch Spott und Scherz sagen. Wir sind auf viel größere Dinge aus, nicht nur auf die Eroberung Böhmens sondern auch des kleinen Ländleins Österreich und Bayerns und Sachsens und Deutschlands und der ganzen Welt – nämlich der Welt des Vergnügens. Wir sind die Könige und Vögte dieses Herrn, der alle Länder beherrscht. Und der Erdkreis ist ihm zu klein, und bis in die Sterne und in den Himmel wird er seine Macht tragen. Da sitzt einer in dem Riesengebirge, und hat das Seinige dort, einer in den Bergen bei Sachsen, und hat das Seinige dort, einer am Walde von Bayern, und hat das Seinige dort, einer in der gesegneten Flur an der Elbe, und hat das Seinige dort: und alle sind sie wie wir.«

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