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Adalbert Stifter: Witiko - Kapitel 79
Quellenangabe
typefiction
booktitleWitiko
authorAdalbert Stifter
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12375-3
titleWitiko
pages3
created19990819
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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Die Feinde standen eine Strecke von ihnen entfernt auf dem oberen Rande einer sacht hinauf gehenden Wiese, sahen dieses, regten sich aber nicht, und warteten auf den Kampf. An der rechten Seite der Waldleute war eine Schlucht neben der Wiese, und durch diese Schlucht war die Stellung der Feinde gesichert.

Die Männer des Waldes erhoben sich von ihrem Gebete, Witiko bestieg sein Pferd, und alle, Fußgänger und Reiter, setzten ihre Bewegung gegen die Feinde fort.

Die Scharen, welche gegen Witiko standen, hatten an ihrer rechten Seite eine flache Erhöhung. Vor derselben teilten sich nun die Feinde aus einander, und Wurfgeräte, fast wie man sie bei der Belagerung einer Stadt zu sehen gewohnt ist, wurden erkennbar. Und Steine, Eisen, Holz, und was geworfen werden konnte, wurde aus diesen Werken gegen die Angreifer geschleudert. Besonders wurden die Würfe gegen die Mitte, in welcher sich Wladislaw befand, gerichtet.

Als die Waldleute bei ihren Feinden angekommen waren, wurde ein Kampf. Zuerst war er mit Pfeilen und Lanzen, dann mit den Schäften und Speeren. Die Feinde standen fest. Da begannen die Waldleute rückwärts zu weichen. Wie einer in Vorsicht sich zurückzieht, gingen sie rücklings Schritt für Schritt, immer mit den Speeren wehrend, und so fest geschlossen, daß kein Mann und kein Schaft eindringen konnte. Auch links von den Waldleuten ging Bolemil zurück, und links von ihm die andern, und der Herzog, und alle. Die Feinde drängten nach. Als die Waldleute am unteren Rande der Wiese ankamen, von dem sie ausgegangen waren, stoben sie plötzlich gegen rechts in Flucht davon, gerade von der Seite des Schlachtfeldes hinweg. Ihre Feinde verfolgten sie nicht, weil Bolemil da war, sondern wendeten sich gegen diesen, und unterstützten die Scharen, die schon gegen ihn kämpften. Wladislaw ordnete Männer zu Bolemil, ihm zu helfen. Und an dieser Stelle wurde nun der dichteste Knäuel des Kampfes.

Die Waldleute gebrauchten die größte Schnelligkeit ihrer Füße, die sie in ihrer Heimat eingeübt hatten, und als sie zu der Schlucht an der Wiese kamen, beugten sie in dieselbe ein. Kein einziger der Fußgänger fehlte. Sie rannten in der Schlucht fort, sie kletterten, sie sprangen, sie brachten alles in Ausführung, was ihre Wälder oft zum Durchdringen fordern, und erschienen endlich am oberen Rande der Wiese. Die roten Banner weheten in den Lüften, das große Horn des Ziegenbockes und die kleinen Hörner, die in der Flucht geschwiegen hatten, dröhnten nun den Schlachtruf. Witiko, Rowno, Wyhon und alle ordneten schnell ihre Leute, schritten vor ihnen her, und führten sie hinter die großen Schleudergeräte. Die Männer, welche bei denselben waren, wurden angegriffen, viele getötet, die andern in die Flucht getrieben. Die Geräte wurden angezündet. Da sie brannten, stürmten die Männer in Schnelligkeit die Wiese hinab, denen in den Rücken, die gegen Bolemil kämpften. Die Hörner tönten unausgesetzt den Schlachtruf. Die Reiter des Waldes flogen nun auch von ihrem Fluchtfelde herzu, denen in die Seite, die gegen Bolemil kämpften. Witiko, Rowno, Wyhon, Diet, Osel und die andern bekamen ihre Pferde wieder, und die Führer leiteten den Kampf. Und wie die Moldau in den Felsen der Kienberge durch Gestein und Trümmer dahin tost, so tobten die Männer aus Rache, daß sie einen Augenblick geflohen waren, in den Feind, niederwerfend, zerspaltend, vertreibend. Und wie sie gegen die wilden Tiere ihres Waldes ausdauerten, so dauerten sie auch jetzt aus. Verwirrung entstand in den Feinden, und mehrte sich. Es konnte eine geordnete Schlacht nicht mehr bei ihnen statt haben, jeder wehrte sich, wo er stand, seines Lebens, oder suchte zu entrinnen. Bolemil gab aus seiner Sänfte Befehle, und sendete Männer nach Männern gegen den Feind. Die Unordnung verbreitete sich auch in seine weitern Scharen, und wo Wladislaw stand, und Zdik und Welislaw und Odolen und ferner hin, sah man die roten Banner vorrücken. Und an der äußersten Stelle links wehten die rotseidenen Fahnen schon hinter den Feinden, die auch dort umgangen worden waren. Und in kürzester Frist war der Streit entschieden. Die Mährer waren in verworrener und ungebändigter Flucht. Die Männer Wladislaws drangen nach, und bald war man vor den Zinnen Znaims. Wo ein Haus stand, wo eine Hütte stand, wo ein Dorf stand, wo was immer für Wohnungen und Güter der Menschen waren, gingen Feuersäulen empor, und selbst an fernen Stellen, wohin keine Schlacht und kein Krieger gekommen zu sein schien, verdüsterte wallender Rauch den Himmel. Verwüstung, Zerstörung, Vernichtung waltete zwischen Leuten, die sonst friedlich unter der gleichen obersten Herrschaft leben sollten. Die Trümmer des Heeres Konrads wurden von den Verfolgern noch mehr zertrümmert, und wie Staub zerstreut. Nur ein Teil rettete sich nach Znaim.

Als Schlacht und Verfolgung aus war, lagerte sich Wladislaw vor der Stadt. Die Krieger erhielten Ruhe und Erquickung. Dann schritt man zur Ordnung des Lagers. Und es kamen auch noch die Scharen, welche sich in der Verfolgung zu weit hatten hinreißen lassen. Die Verwundeten wurden herbei gebracht. Bei dem Danke des Herzoges an seine Männer, und bei dem Mahle, welches folgte, wurde kein einziger der hohen Führer vermißt.

Witiko ließ vor der Nacht noch seine Verwundeten zu sich bringen. Und in der Nacht ging er wie nach dem ersten Kampfe wieder zu allen seinen Abteilungen, und dankte ihnen.

Und eine tiefe Ruhe und eine Erholung kam in der Nacht über die Scharen des Herzogs.

Am frühen Morgen wurden zwei Krieger aus der Stadt zu dem Herzoge gebracht, welche mit ihm zu sprechen wünschten.

Wladislaw versammelte den Rat der Führer. Dann wurden die Männer vor den Rat gestellt.

»Was ist euer Begehren?« fragte der Herzog.

»Ich bin Unislaw«, sagte einer, »und mußte ein Fähnlein Konrads befehligen, mein Genosse ist Mladota, und hatte auch ein Fähnlein zu führen. Die Krieger, welche in Znaim sind, haben uns gewählt, zu dir zu gehen, hoher Herr, und dir zu sagen, daß wir dir die Stadt übergeben wollen, so du uns schonest. Der Herzog Konrad von Znaim ist nicht in der Stadt, und keiner der vornehmlicheren Führer ist in ihr. Wir wollen uns unterwerfen, und werden dir in der Zukunft treulich dienen.«

»Leget die Waffen auf dem Marktplatze der Stadt nieder, und kommet alle vor mein Lager«, sagte der Herzog, »es wird eures Leibes und Lebens geschont werden. Wenn aber Konrad oder einer der großen Führer in der Stadt gefunden würde, gehört er vor mein Gericht. Ihr könnt mir dienen, wie ihr Konrad gedient habt, und wie ihr, wenn ihr dem Gebiete von Znaim angehört, einem Herzoge von Znaim wieder dienen werdet, der gesetzt werden wird. Nur gegen den Herzog von Böhmen und Mähren dürft ihr in der Zukunft nicht mehr dienen, er könnte vielleicht nicht verzeihen, und ich würde zum zweiten Male nicht verzeihen. Jetzt geht, und kündet denen meine Worte, die euch gesandt haben. Ich glaube, Herren meines Rates, es ist nicht ungerecht, wie ich gesprochen habe.«

»Es ist nicht ungerecht«, riefen viele Stimmen.

»So geht, ihr Männer«, sprach der Herzog.

Die zwei Männer gingen. Nach einer Stunde kam ein langer Zug von Kriegern ohne Waffen aus der Stadt, und stellte sich vor dem Lager des Herzogs auf. Der Herzog trat vor sie, und Unislaw sagte: »Das sind die Krieger der Stadt Znaim.«

»Man wird euch ein Lager anweisen, und dort harret des weitern«, sprach der Herzog.

Nach den unbewaffneten Kriegern kam ein Zug von Menschen in verschiedenen Kleidern aus der Stadt, und verlangte zu Wladislaw.

Wladislaw ließ sie vor sich und die Seinen.

Sie knieten vor ihm nieder, falteten die Hände, und baten um Schonung.

»Stehet auf«, sagte der Herzog.

Sie standen aber nicht auf, und blieben mit gefalteten Händen knien.

»Stehet auf, sonst spreche ich nicht mit euch, und kehre euch den Rücken«, sagte der Herzog.

Die Leute erhoben sich.

»Ich erkenne an deinem Gewande, daß du ein Vorsteher bist«, sagte der Herzog zu einem, »rede, was ist eure Bitte?«

»Hocherlauchter Herr«, sprach der Angeredete, »ich bin der Kmete der armen Stadt Znaim. Die Stadt steht dir zu deinem hohen Einzuge offen. Wir sind alle nicht schuld an dem Abfalle deines untergebenen Herzoges Konrad, und flehen demütig und unterwürfig, du wollest uns das Unheil nicht entgelten lassen, das geschehen ist, und unser Leben nicht nehmen, und uns nicht mit Brand und Zerstörung heimsuchen. Unsere jungen Männer, die noch da sind, oder die kommen werden, sollen dir als Streiter dienen, und wir alle werden dir dienstbar sein.«

»Ich bin der Herzog der Länder Böhmen und Mähren«, antwortete Wladislaw, »und nehme den Leuten meiner Länder nicht mutwillig das Leben, und zerstöre nicht mutwillig die Güter der Länder. Ihr gebt eine Kriegesgabe aus der Stadt, und Leib und Gut des einzelnen wird geachtet, der nur ein Bewohner der Stadt ist. Wer ein hervorragendes Werkzeug des Verrates gewesen ist, wird vor ein mildes aber gerechtes Gericht gestellt werden, und eben so der, der ihn verbirgt. Sagt das denen, die in Znaim sind.«

»Wir verbergen niemanden«, sprach der Kmete, »und würden dir jeden, der uns als Hehler bekannt würde, übergeben. Die Rädelsführer sind entflohen. Gepriesen seiest du, milder, großmütiger, hocherlauchter Herr!'

»Gepriesen, und gesegnet, hoher Herr, wir beten für dich«, riefen die Flehenden durcheinander.

Und der Kmete neigte sich vor Wladislaw, und küßte den Zipfel seines Kleides. Und die andern warfen sich wieder auf die Knie, und suchten näher zu kommen, und griffen nach den Kleidern Wladislaws, sie zu küssen.

Er wehrte ihnen aber, und sprach: »Ich tue nur das Rechte, erhebet euch, und geht, und tröstet die Eurigen.«

Da die Leute aber in ihren Gebärden flehentlich fortfuhren, ließ er geschehen, was sie verlangten, und redete ihnen freundlicher zu, sich zu erheben.

Da standen sie auf.

Dann sprach er: »Du hast gesagt, Kmete, daß ihr mir dienstbar sein wollet.«

»In allem, hocherlauchter Herr, das du befehlen wirst«, antwortete der Kmete.

»So rüstet in eurer Stadt sogleich Gemächer, die Verwundeten in sie aufzunehmen, die meinigen und Konrads«, sagte der Herzog, »dann sendet Männer mit Tragbahren, Sänften, und was ihr habt, um meine Leute bei dem Hineinbringen der Verwundeten zu unterstützen. Sind Menschen aus dem Lande in eure Stadt gekommen?«

»Viele, hoher Herr, haben Zuflucht hinter unseren Zinnen gesucht«, antwortete der Kmete.

»So lasse verkünden, daß sie in ihre Wohnungen zurückkehren, und ihrer Verrichtungen pflegen«, sagte Wladislaw, »meine Krieger sind um mich versammelt, der Krieg ist in dem Herzogtume Znaim geendigt, und sie können unter meinem Frieden ruhig leben. Ich werde dir einen Herold mitgeben, der deine Worte bestätigt. Sie sollen das Land hegen, daß nicht Nöten und andere Übel dem Kriege folgen, sonst würde Verantwortung geleistet werden müssen. Dann sende so viele eigene und fremde Leute, als du nur vermagst, auf das Schlachtfeld zur Begrabung der Toten. Sie finden dort meine Männer, die ihnen helfen und Weisung geben werden. Hast du meine Worte verstanden?«

»Ich habe sie verstanden, hocherhabener Herr, und werde sie vollführen«, sagte der Kmete.

»So eilet nun, daß nicht eine unnütze Zeit vergehe«, sprach der Herzog.

»Wir danken dir, wir preisen dich, wir ehren dich, hoher Herzog«, rief der Kmete.

»Wir preisen dich, wir ehren dich«, riefen die Leute, und manche brachen in Schluchzen aus.

Dann winkte ihnen der Herzog, zu gehen. Sie neigten sich vielmal, wendeten sich, und schlugen den Weg in die Stadt ein.

Der Herzog ordnete nun alles an, das notwendig war, damit ein festes Lager würde, in welchem seine Krieger eine Zeit wohnen könnten.

Dann ließ er die Zeichen geben, daß das Heer in Ordnung aufgestellt werde.

Als dieses geschehen war, ritt er mit einem Geleite an allen seinen Männern und Führern hin, und dankte, und gab Versicherungen der Belohnung. Er sprach mit vielen der Führer und der anderen Leute. Er ritt langsam an den Kriegern des Waldes hin, die geschlossen da standen, und auf ihn blickten. Er dankte für ihren besonderen Dienst, und hielt sein Schwert zum Gruße gesenkt. Er sprach mit Witiko, mit Rowno, mit Wyhon, mit Osel, auch zu den Söhnen Osels sprach er, dann sprach er mit Diet, mit Werinhard, mit Wolf, mit Witislaw, mit Hermann, mit Wenzel, er sprach zu dem alten Wenhart, zu dem alten Florian, zu Johannes aus dem Wangetschlage, und noch zu mehreren Männern, meist zu solchen, welche weiße Haare auf dem Haupte hatten.

Als der Dank des Herzogs vorüber war, wurden die Krieger wieder in ihre Lagerplätze entlassen.

Der Herzog ging jetzt aber mit den Bischöfen zu den Verwundeten, und tröstete sie. Er fand bei ihnen schon manchen Tröster und selbst Pfleger aus der Priesterschaft und den hohen Führern.

Als er wieder in sein Gezelt gekommen war, ließ er die Zeichen zur Sammlung der Scharen ertönen, welche mit ihm in Znaim einziehen sollten.

Da die Sammlung vollendet war, begann der Zug. Eine Menge von Menschen war schon an dem Wege, und sie riefen dem Herzoge zu. Aber noch dichter waren sie in der Stadt. Vor dem Tore wurde Wladislaw von den Priestern, von den Vorstehern und von schön gekleideten Jungfrauen begrüßt. Dann ritt er in seinem einfachen braunen Gewande in die Stadt. Hinter ihm ritten Diepold und Heinrich, dann die Bischöfe, Bolemil wurde in seiner Sänfte von zwei Saumpferden getragen, die einer seiner Enkel leitete, und der alte Wšebor ritt neben Bolemil, und dann war Diwiš und Lubomir, dann waren die Äbte, und dann waren Preda und Chotimir. Die übrigen Führer ritten bei ihren Abteilungen. Vor dem Herzoge und seinem Geleite waren Kriegerscharen, und hinter ihm auch. Das Volk rief ihm zu, und sang Gesänge. Wladislaw ritt zur Kirche, stieg mit seinem Geleite von dem Pferde, und weil der Bann auf dem Lande war, taten sie vor der Kirche kniend ein Dankgebet. Dann ritt er in die Burg, und als die Führer ihn dahin geleitet hatten, wurden sie entlassen. Die in der Stadt blieben, erhielten ihre Wohnungen angewiesen. Die übrigen Scharen zogen wieder in das Lager.

Bald nach dem Einzuge Wladislaws wurden die Verwundeten in die Stadt gebracht.

Am Nachmittage dieses Tages ritt Witiko mit seinen Befehlsträgern, mit Wenhart und dreißig Reitern auf das Schlachtfeld zu den Männern, die er zur Begrabung ihrer Toten dahin geschickt hatte. Er fand sie am unteren Rande der Wiese.

»Seid gegrüßet, ihr Männer der Trauer«, sagte er.

»Es ist traurig, wenn man einen Angehörigen verliert«, sprach David, der Zimmerer, »sie werden weinen und wehklagen, wenn wir ihnen die Nachricht bringen, und wenn wir ihnen auch die Geschenke des Herzogs bringen, und es ist traurig für uns, daß wir einen Mann begraben müssen, den wir kennen, und den die erschlagen haben, die uns alles nehmen wollten, und die einen Herrn bringen wollten, der uns dann weiter nimmt, was wir wieder erworben.«

»Wir sollten ihnen noch mehr vergolten haben, als es geschehen ist«, rief der Schmied von Plan, »es ist schade, daß sie geschlagen sind, und daß sie davon sind, daß wir sie nicht noch einmal schlagen können.«

»Dann hätten wir wieder Tote, und müßten sie wieder rächen, und das ginge so fort«, antwortete Witiko.

»Ja, das ginge fort«, sagte der Schmied.

»Habt ihr wohl gemerkt, wen ihr begraben habt, daß wir alle aufzeichnen, und daß kein Irrtum entsteht, der einen vergeblichen Jammer hervorrufen würde?« fragte Witiko.

»Andreas hat einen Zettel«, sagte der Schmied, »und dann hat er jeden sogleich mit einem spitzigen Blei darauf geschrieben, wenn wir auf seinem Grabe gebetet hatten.«

»Habt ihr viele?« fragte Witiko.

»Nicht viele«, sagte Andreas, und zog seinen Zettel heraus.

Er las: »Melchior von der Stift. Er ward durch und durch gestochen. Wenzel aus den Auhäusern. Er hatte die Wunde im Halse. Kaspar von Reichenau. Ich weiß nicht mehr, David, war es der mit dem zerbrochenen Kopfe?«

»Es ist nicht nötig, daß du die Verwundung ansagst, lese nur die Namen«, sprach Witiko.

Andreas las weiter: »Michael von dem schwarzen Bache. Johannes aus den Heurafelwaldhäusern. Arnold von der unteren Moldau. Jobst von dem Rathschlage. Sebastian aus Friedberg. Ruprecht vom Kirchenschlage. Simon von Mugrau.«

»Es sind zwei, die so heißen«, sagte Witiko.

»Es ist der kleine«, antwortete Andreas. »Dann haben wir noch den alten Lenz von dem Schwenberggute. Er hat drei Wunden, und sein weißer Bart ist ganz blutig. Wir müssen die Grube erst zuwerfen, und beten.«

»Gebt ihr jedem eine Grube?« fragte Witiko.

»Wir geben jedem eine«, sagte Andreas, »wenn auch die Arbeit mehr ist, weil wir treulich an einander halten müssen, und weil sie es uns in der andern Welt danken werden. Es halfen uns fremde Leute, die aus der Stadt gekommen sind, und die Pfarrer in dem Walde werden den Segen beten, wenn wir nach Hause kommen.«

»Sie werden ihn beten«, sagte Witiko. »Habt ihr keinen mehr gefunden, der schwer verwundet ist?«

»Nein«, antwortete Andreas, »unsere Verwundeten haben wir sorgsam schon früher ausgesucht, und die von andern Scharen sind auch schon fortgebracht worden. Wir haben viele Verwundete.«

»So forschet nur fort nach den Toten«, sagte Witiko, »und schreibe sie sorgfältig auf. Hier hast du noch ein Stück Papier, schreibt sie zwei Male auf, und gebt an zwei verschiedene Männer die zwei Zettel, daß der andere übrig ist, wenn einer verloren würde.«

Er reichte nach diesen Worten ein Papier an Andreas.

»Wir werden tun, wie du sagst«, antwortete Andreas.

»Es ist trübselig, die Gruben mit den Heimatleuten in der Fremde auf dem öden Felde zu füllen.«

»Es ist ein christliches Werk, und es ist ein Trost für die daheim«, sagte Witiko.

»Wir tun es auch gerne«, sagte Andreas, »wie sie es uns getan hätten, wenn uns das Unheil widerfahren wäre.«

»Seinen Vater verteidigen, seine Mutter, seine Schwester, sein Weib, seine Kinder, seine Braut, die Greise und Greisinnen der Heimatgenossen, die Kranken und alle, die nicht mitziehen können, ist ein schönes und heiliges Werk, das nur immer ein Mann verrichten kann«, sagte Witiko, »und wenn er in dem Werke sein Leben lassen muß, so ist es ein noch heiligeres, und alle müssen sein Andenken ehren, für die er ausgezogen ist.«

»Wir ehren es auch, die wir doch mit ihm gezogen sind«, sagte Andreas.

»Wenn ihr in dem Walde gegen die Wölfe geht, da sie sich einmal zu sehr mehren«, sagte Witiko, »und wenn ein Mann durch diese Wölfe im Streite verunglückt, so tragt ihr es.«

»Wir tragen es, wenn es auch ein Unglück ist, weil es sein muß«, sagte Andreas, »und diese Menschen, die gegen uns und den Herzog sind, diese sind auch wie Wölfe, die sich vermehrt haben.«

»Wohl ist es so«, sprach Witiko, »nur daß den Wolf sein Hunger treibt; diese aber ihr Gelüste.«

»Und darum müssen wir gegen sie noch mehr gehen, als gegen die Wölfe«, sagte David, der Zimmerer.

»Wir gehen«, sprach Witiko, »und wir werden mit den andern Scharen und mit Gottes Hilfe alles vollenden.«

»Wir werden alles vollenden riefen mehrere Männer.

»Ich werde euch in eurer Arbeit ablösen lassen«, sagte Witiko.

»Wenn du Leute sendest«, sprach Andreas, »so können sie uns helfen; aber wir bleiben auch hier.«

»Tut, wie ihr übereinkommt«, sagte Witiko, »und gehabt euch wohl, lieben Männer.«

»Gehabe dich wohl«, riefen ihm die Männer zu.

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