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Adalbert Stifter: Witiko - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitleWitiko
authorAdalbert Stifter
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12375-3
titleWitiko
pages3
created19990819
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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In dem Vorgemache grüßte er den Ritter in dem grünen Gewande, und setzte dann seine Lederhaube wieder auf das Haupt.

Der Ritter aber sagte. »Ich bin Otto von Lengenbach, und so du einmal in meine Veste kommen willst, Witiko, so wirst du freundlich aufgenommen werden.«

»Ich danke Euch, Herr«, sagte Witiko, »es könnte sich fügen, und dann nehme ich die Einladung an.«

Hierauf wurde er von Tibert, dem Kämmerer, und Thiemo von der Aue in den Vorsaal geführt.

Von dem Vorsaale ging er im Geleite derer, die mit ihm gekommen waren, über die Treppe hinab.

In dem Hofe waren nun Pferde von den Knechten der Ritter, die bei ihm waren, herbei geführt worden.

Witiko bestieg sein Pferd, die Ritter bestiegen auch die ihrigen, und Marchard von Hintberg sagte: »Wir werden dich eine Strecke geleiten, Witiko.«

»Ich freue mich eurer freundlichen Art«, entgegnete Witiko.

Alle die Männer und hinter ihnen ihre Knechte ritten nun aus dem Hause auf den großen Platz hinaus.

Dort rief Thiemo von der Aue: »Wo hast du denn deine Herberge, du junger fahrender Ritter, der du da fremde Länder besuchst?«

»Ich bin nicht genau ein fahrender Ritter«, sagte Witiko, »meine Mutter ist in euerm Lande, und ich bin zu ihr gekommen und so auch gerne in euer Land.«

»Und wo herbergt denn deine Mutter, so du jetzt etwa zu ihr reitest?« fragte Thiemo von der Aue.

»Ich reite zu ihr«, antwortete Witiko, »und sie herbergt auf dem Kahlenberge bei der hocherlauchten Frau Markgräfin Agnes, zu der sie beschieden worden ist.«

»Das ist die böhmische Wentila«, rief Thiemo von der Aue, »und herbergest du auch bei ihr auf dem Kahlenberge?«

»Ich herberge auch dort«, entgegnete Witiko.

»Dann werden wir dich morgen sehen, weil Kahlenbergritt ist«, sagte Marchard von Hintberg, »du mußt dich anschließen, und mit uns reiten.«

»Wenn es sich ziemt«, sagte Witiko.

»Es ziemt sich«, rief Ebergus von Aland, »und es ist deine Ritterpflicht und Kriegerpflicht, weil du dem Markgrafen einen Heimsuch gemacht hast.«

»Dann werde ich mitreiten«, entgegnete Witiko.

»Und ich werde dich schützen«, rief Thiemo von der Aue.

»Ich hege großen Dank für deinen Schutz«, sagte Witiko, »aber ich denke, ich werde mich selber schützen, oder eines Schutzes nicht bedürfen.«

»Gegen den Witz schütze ich dich«, rief Thiemo, »und gegen den Witz kann dich kein anderer so schützen.«

»So schütze mich, Vater«, antwortete Witiko.

»So bist du ein folgsamer Knabe«, rief Thiemo.

»Ich werde dir immer gehorsamen«, sagte Witiko.

»Das wird zu deinem Heile sein«, antwortete Thiemo.

Die Männer ritten durch das Tor der Stadtmauer gegen den tiefen Graben hinaus. Sie ritten über die Brücke des Grabens, und an der Freiung vorüber.

Dann nahmen sie Abschied.

»Reite wohl, Witiko«, rief Marchard von Hintberg.

»Gehabe dich gut«, sagte Viricus von Gaden.

»Gedenke des Gehorsams«, rief Thiemo von der Aue.

»Freue dich in unserem Lande«, sagte Werinhard von Brun.

»Bleibe recht lange da«, rief Gebhard von Abbadesdorf.

»Habet Dank, ihr Herren«, rief Witiko entgegen, und gehabet euch wohl.«

»Gehabe dich wohl«, riefen mehrere, und sie riefen ihm noch zu, daß er sie in ihren Vesten besuchen solle.

Dann wendeten sie ihre Pferde, und ritten der Freiung entlang wieder gegen die Stadt.

Witiko aber ritt mit Raimund auf den Kahlenberg.

Nach dem Mittagessen zeigte Ezelin, der Vogt, Witiko die ganze Burg, er zeigte ihm ihre Vorräte und ihre Waffen, und zeigte ihm, wie sie den Ungarn Widerstand geleistet habe, und wie sie in Zukunft zu verteidigen wäre.

Ehe an dem folgenden Tage die Sonne aufgegangen war, begannen sich die Männer auf dem Kahlenberge zum Empfange derer, die da kommen sollten, zu rüsten. Sie schmückten sich und ihre Pferde, und luden Witiko ein, das gleiche zu tun. Er aber rüstete nur sein Pferd, legte sein Hausgewand ab, tat das Ledergewand an, und gürtete an dasselbe sein Schwert mit dem Sobeslawgürtel. Dann bestiegen alle die Pferde, ritten vor die Burg, und stellten sich in eine Reihe.

Als sie eine Zeit gewartet hatten, kam ein Zug von Reitern und Reiterinnen auf dem Pfade des Laubwaldes herauf. Der erste in dem Zuge war Heinrich, der Markgraf von Österreich. Er hatte ein blaßrotes Kleid, und auf der dunkelroten Sammethaube eine weiße Reigerfeder. Sein Pferd war schwarz. Neben ihm ritt die Markgräfin in einem weißen Kleide und einem grünen Schleier. Sie hatte blonde Haare, blaue Augen und ein helles Angesicht. Die Farbe ihres Pferdes war goldbraun. Hinter dem Markgrafen und der Markgräfin ritten Herren und Frauen in schönen Gewändern. Die Herren hatten Obsorge, daß die Frauen gut ritten.

Als der Zug zu dem Tore der Burg gelangte, ritt Agnes, die verwitwete Markgräfin von Österreich, durch das Tor heraus. Sie hatte ein graues Gewand und einen weißen Schleier. Ihr Zelter war weiß. Hinter ihr ritten Herren und Frauen. Die Herren hatten schöne Kleider, die Frauen aber nur graue. Unter den Frauen war Wentila, Witikos Mutter.

Als Agnes zu dem Markgrafen und der Markgräfin gekommen war, wurde sie von ihnen ehrerbietig gegrüßt. Sie dankte des Grußes. Dann sprachen sie noch ein wenig mit einander. Dann stellten sie ihre Pferde neben einander, und ritten von der Burg weg auf einem Pfade, der gegen Abend führte. Die Männer und Frauen, die zu Heinrich und Gertrud und die zu Agnes gehörten, folgten ihnen. Vorn ritten solche, welche Hofämter hatten. Dann kamen die andern. Die Männer der beiden Geleite vermischten sich, wie es sich ergab, oder ihr Wunsch es fügte. Am Ende des Zuges ritten die jüngeren Leute, und waren auseinander gestreuter. An den Seiten des Zuges standen die grünen Bäume, und streckten ihre Zweige gegen die bunten und schimmernden Gewänder, gegen die Panzergeflechte und gegen die Waffen.

Witiko ritt zwischen Weringand von Plaien und Poto von Potenbrun. Sie zeigten ihm Männer und Frauen, die vor ihnen ritten, und nannten ihre Namen.

Gebhard von Abbadesdorf lenkte sein Pferd herzu, und sagte: »Sei gegrüßt, Witiko, tummle dein Roß unter österreichischen Reitern.«

»Sei gegrüßt«, antwortete Witiko, »auf diesem Pfade ist wenig zu tummeln.«

»So komme zu uns hinab, wo der Raum größer ist«, sagte der andere.

»Ich werde kommen«, entgegnete Witiko.

Dann ritten Ebergus von Aland und Viricus von Gaden herbei, und Ebergus sagte: »Bist du da, junger Reiter?«

»Ich bin da«, entgegnete Witiko, »du hast ja gesagt, daß es meine Pflicht ist.«

»Und du erfüllest sie«, sagte der andere.

»Ich werde sie immer zu erfüllen streben«, sagte Witiko.

»Dann erfülle sie auch gegen die Frauen, und huldige ihnen, sie sind schön, und verdienen es«, sprach Viricus von Gaden.

»Ich bin in Huldigungen nicht geübt«, antwortete Witiko.

»So übe dich, und nimm von Thiemo deinen Unterricht, der sich schon lange übt.«

Marchard von Hintberg kam herzu, und sagte: »Sei gegrüßt, du Freund von gestern, es ist gute Art, daß du bei uns bist, nun lebe recht wacker mit uns.«

»Sei gegrüßt«, antwortete Witiko, »wie es sich fügt und schickt.«

»Es fügt sich und schickt sich«, entgegnete Marchard.

Dann kam Werinhard von Brun, und sagte: »Böhmischer Rittersmann, du bist in dem Zuge, nun lasse es dir gefallen, wie es auch andern gefallen hat, die gekommen sind.«

Hierauf ritt Thiemo von der Aue von hinten nach vorne gegen Witiko, und sagte: »Sei gegrüßt, Witiko, ich habe jetzt nicht Zeit, ich werde später wieder zu dir kommen.«

Dann ritt er vorwärts, und schloß sich an die älteren Männer an.

Und so kamen noch andere Männer herzu, und ritten wieder weg, und sprachen mit einander.

Nach einer Zeit hörte Witiko hinter sich schnellere Pferdetritte, wie wenn einer näher reitet, und dann hörte er die Worte: »Es hat mir an dem Herzen viel dicke weh getan, daß mich es des gelüste, das ich nicht mochte han.«

Er blickte um, und es war ein sehr junger Mann in blauen Kleidern auf einem weißen Pferde hinter ihm.

Witiko rief: »Der Fiedler vom Kürenberge.«

»Ja, du Lederhaube, so bist du in Österreich«, antwortete der Mann.

»Ich bin bei meiner Mutter und der Frau Markgräfin auf dem Kahlenberge«, entgegnete Witiko.

»Ich weiß es«, sagte der Mann, »und mußte dich im Zuge mit den Augen herausstechen, wie man eine Lerche an den Pfeil heftet.«

Nach diesen Worten trieb er sein Pferd vorwärts, bis er neben Witiko war.

»Und wie bist du denn nach Österreich gekommen?« fragte Witiko.

»So wie du in die Welt gegangen bist«, antwortete der Ritter vom Kürenberge. »Als der alte Regimar tot war, und als du fort warest, ritt ich von Passau hinweg. Ich bin in vielen Gebieten und Burgen gewesen, und dann bin ich an den Hof der Markgrafen von Österreich gezogen. Als der Krieg kam, der zwischen dem Markgrafen von Österreich und dem Herzoge von Bayern war, zogen wir nicht in den Krieg, es zog mein Vater nicht, die Ritter von Rohre zogen nicht, der alte Heinrich von Oftering zog nicht, der unser Nachbar ist, die Herren von Wilheringen zogen nicht, der Ritter von Traun zog nicht, und viele nicht, die um uns waren. Wir halfen aber auch dem Markgrafen von Österreich nicht. Ich ritt zu meinem Vater auf den Kürenberg, und blieb auf dem Kürenberge. Als der Krieg geendiget war, und als der Ruf ging, daß wir nach Böhmen ziehen werden, um die mährischen Fürsten zu züchtigen, so kamen wir aus den Gauen der Traun und der Enns und der Donau zusammen, und zogen mit unseren Fähnlein den bayrischen Wald hinan, und vereinigten uns bei dem Orte Furth mit dem Könige Konrad. Und als die Sache aus war, und als ich von Prag wieder auf den Kürenberg gekommen war, ritt ich eine Weile zu Erlustigungen nach Linz und nach Wels und nach Eferdingen und nach Enns und nach Kremsmünster und nach Rohre, und dann ritt ich nach Wien an den Hof Heinrichs, des Markgrafen von Österreich; denn die Babenberge sind doch anders als die Welfe, und das Herzogtum Bayern ist jetzt ledig, und weil der Markgraf Heinrich der Stiefbruder des Königs Konrad ist, so wird er von dem Könige Konrad mit Bayern belehnt werden, und wenn er auch damit nicht belehnt wird, so kann das bayrische Land zwischen der Enns und dem Inn losgetrennt und zu Österreich gefügt werden, und der Markgraf Heinrich wird dann der erste Herzog von Österreich sein, und wir werden Mannen des Herzoges von Österreich sein.«

»Ich habe Zdik, den Bischof von Olmütz, der auf der Flucht ist, von Böhmen nach Passau geleitet«, sagte Witiko, »und bin dann auf einem Schiffe die Donau herab nach Wien gefahren, und da ich gegen Linz kam, habe ich auf den Wald des Kürenberges geschaut, und habe deiner gedacht.«

»Hast du meiner gedacht?« rief der Ritter vom Kürenberge, »nun so habe meinen Dank dafür. Auf der Burg des Kürenberges sitzt nun mein Vater allein. Er reitet nicht mehr an den Hof. Es ist kein Hof in Bayern, und zu dem Hoflager des Königs reitet er nicht, und an den Hof des Markgrafen auch nicht. Er waltet mit den Knechten, streicht die Fiedel, läßt noch seine Stimme erschallen, gibt Rat, tröstet meine Mutter, wenn sie ein Leid hat, und sendet mir Botschaften. Unten an dem Kürenberge, wo die kleinen Föhren gegen die Stadt Wels hingehen, sitzt auf dem ebenen Boden der alte Heinrich von Oftering, der noch manchen Streitsang hegt. Er ist der Vater des jungen Heinrich von Oftering, der mit uns ein Knabe bei dem alten Regimar gewesen ist, du weißt noch die roten Wänglein und die blonden Haare.«

»Ich weiß es«, sagte Witiko.

»Und wie ist es denn bei euch in Prag?« fragte der vom Kürenberge.

»Der Hof des Herzogs Wladislaw ist bisher mit Sorgen und mit Krieg erfüllt gewesen«, sagte Witiko.

»Der Krieg ist auch herrlich«, sprach der Ritter vom Kürenberge, »er ist nach dem Sange das Herrlichste, und gibt den Ruhm.«

»Uns hat er Zerstörung und Jammer gegeben«, sagte Witiko.

»Und der Ritter Gertrud und ihr Knappe Dimut sind jetzt in dem Munde aller Sänger an dem Hofe ihres Bruders Heinrich«, entgegnete der Ritter vom Kürenberge.

»Das geschieht mit Recht«, antwortete Witiko, »wer ein Großes tut, dessen Name soll in Ewigkeit genannt werden.

»In Ewigkeit«, rief der Ritter, »und sein Sänger dazu.«

»Es sind auch alte Helden in dem Kampfe gewesen«, sagte Witiko.

»Wir wissen es, und ehren sie«, antwortete der Ritter. »Bist du nach dem Kriege in die Heimat gegangen?«

»Ich bin in die Heimat gegangen«, antwortete Witiko.

»Ich habe erst von dir reden gehört, als wir auf dem Rückwege nach Deutschland waren«, sagte der Ritter.

»Da ist nicht viel zu reden«, antwortete Witiko.

»Sie haben hingeredet und haben widergeredet«, sagte der Ritter, »du solltest jetzt bei uns bleiben.«

»Ich diene meiner Heimat«, entgegnete Witiko.

»So diene ihr, wie wir im Deutschen dienen«, antwortete der Ritter, aber du sollst recht lange in Wien bleiben.«

»So lange es sich fügen mag«, entgegnete Witiko.

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