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Adalbert Stifter: Witiko - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
booktitleWitiko
authorAdalbert Stifter
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12375-3
titleWitiko
pages3
created19990819
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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Hierauf sagte er: »Sei mir nun erst recht gegrüßt, meine liebe ehrwürdige Mutter.«

»Sei mir gegrüßt, mein guter Sohn des guten Wok«, antwortete Wentila.

Sie nahm ihn mit beiden Händen an dem Haupte, und küßte ihn auf die Stirne.

Dann streichelte sie mit den Händen seine Wangen.

»Setze dich zu mir auf eine dieser Bänke«, sagte sie darauf, »und genießen wir die Einigkeit, wie die Frau Markgräfin gesprochen hat.«

Sie setzte sich auf eine gepolsterte Bank, und Witiko setzte sich zur ihr.

Er nahm ihre Hand, und drückte seine Lippen ehrerbietig darauf.

Sie sah ihn freundlich an, und sprach: »Wo hat dich denn mein Bote getroffen?«

»Er ist nach Pric zu mir gekommen«, antwortete Witiko.

»Als ich dir durch Smitan auf deine Botschaft zurück hatte sagen lassen, daß ich dir eine Kammer in Landshut richten werde«, sagte Wentila, »ritt Gerhard, der Marschalk Ottos, des Bischofes von Freising, nach Landshut, und meldete mir, daß mich Agnes, die verwitwete Markgräfin von Österreich, zu sich auf den Kahlenberg entbietet, weil ein Geschwader des Bischofes nach Wien geht, das mich geleiten würde. Ich willigte ein, und schickte dir gleich den alten Michael mit der Nachricht zu.«

»Er ist über Plan nach Pric geritten«, sagte Witiko, »ich mußte nur vorher den Bischof Zdik nach Passau geleiten.«

»Und auf einem Schiffe bist du von Passau nach Wien gefahren?« fragte Wentila.

»Auf einem Schiffe«, antwortete Witiko.

»Ich habe dich lange nicht gesehen«, sagte Wentila.

»Es werden jetzt bald vier Jahre, seit ich von Passau über den Wald geritten bin«, entgegnete Witiko.

»Vier Jahre sind eine lange Zeit«, sagte Wentila.

»Mutter«, antwortete Witiko, »ich mußte manche Tage harren, ob sich etwas ereigne, daran ich mitwirken könnte, und ob ich auch etwas zu vollbringen vermöchte, zu dir kommen zu können; aber endlich wollte ich dich wieder sehen, und mit dir über verschiedene Dinge sprechen. Ich habe dir in manchen Zeiten Nachrichten geschickt.«

»Ich habe sie empfangen, und habe dir Nachrichten zurück geschickt«, sagte Wentila. »Und in dem Kleide bist du zu mir gekommen, in dem du von mir weg geritten bist.«

»Ich habe das Kleid deinetwillen angelegt«, entgegnete Witiko, »und auch eines andern Menschen willen, von dem ich dir später sagen werde.«

»Du bist viel stärker geworden, Witiko«, sagte Wentila.

»Ich habe es nicht beachtet«, antwortete Witiko.

»Auch deine Wangen sind röter geworden«, sagte Wentila.

»Das kann von den freien Lüften herrühren«, entgegnete Witiko.

»Gott im Himmel wird dir ferner noch Gedeihen geben«, sprach Wentila. »Witiko, sage, befolgst du die Lehren der heiligen Kirche?«

»Ich suche nach dem zu leben, wie mich der ehrwürdige Vater Benno angeleitet hat«, entgegnete Witiko.

»Dann wirst du gottgefällig leben wie er«, sagte Wentila. »Bist du gütig und freundlich gegen alle Menschen, auch gegen die Geringen?«

»Ich liebe die Menschen, und strebe, gegen sie gut zu sein«, antwortete Witiko.

»So ist dein Vater Wok gewesen und dein Großvater Witek«, sprach Wentila. »Der ehrwürdige Vater Benno sagt, daß das recht gewesen ist, was du getan hast, Witiko.«

»Sagst du das auch, Mutter?« fragte Witiko.

»Benno weiß es besser«, antwortete Wentila, »und ich sage, es wird schon recht sein.«

»Da ist auch der hochehrwürdige Silvester«, sagte Witiko, »welcher Abt in dem Kloster an der Sazawa gewesen ist, dann erwählter Bischof von Prag wurde, wegen Ungerechtigkeit zurückgetreten ist, und jetzt wieder in dem Kloster an der Sazawa wohnt. Er sagt, daß man nur das Gute tun soll, und alles andere ist damit verbunden. Er lobt nicht alles, was ich getan habe. Ich möchte unter allen, die ich kenne, zuerst dir, Mutter, Genüge tun, und dann Benno und Silvester, und dann noch einem Menschen.«

»Witiko, öffne mir dein ganzes Gemüt«, sagte Wentila.

»Ich bin lange in Plan gewesen«, antwortete Witiko.

»Ich weiß es«, entgegnete Wentila.

»Dort sind die Gründe Waldland«, sagte Witiko. »Von dem Walde sind Gerölle, Grobsand und Steinmehl in unsern Äckern. Aber Martin und Raimund und Lucia bewirtschaften mit Taglöhnern das kleine Anwesen gut. Das Haus ist nicht schadhaft, und liegt handsam in dem Walde.«

»Du hast dort Arbeiten wie ein Knecht verrichtet«, sagte Wentila. »Florian, den mir Mathias geschickt hat, ist ein guter Bote gewesen.«

»Ich habe geholfen, und es ist mir dabei gut geworden«, sagte Witiko.

»Und in Pric hast du auch geholfen«, sagte Wentila.

»Pric hat einen besseren Boden, und es wird noch immer besser werden«, antwortete Witiko. »Kuto ist ein treuer Diener, er versteht die Pflege, und ist gelassen und sparsam. Kan und Peko und Mira und Glota dienen ihm gerne. Die Brücke ist fertig geworden, das Dach ist verbessert, und die zwei Kühe sind von dem Fichtelberge gekommen.«

»Es ist gut, Witiko«, sagte Wentila, »deine Vorfahrer haben kleine Besitzungen gehabt, sind für sie sorgsam gewesen, und haben auch gerne selber die Hände angelegt.«

»Im Wangetschlage ist der harte Boden doch gedeihlich, und wird gut gehalten«, sagte Witiko. »Das Häuschen bedarf noch lange keiner Ausbesserung, und die Wiesenmauer hat Jakob aus Steinen gelegt. Huldrik wacht auch über die Tiere, und sucht überall nachzuhelfen.«

»Er ist in seinen Sendungen richtig, und die Knoten seiner Merkschnüre sind genau«, sagte Wentila.

»Und er nimmt für sich das Armseligste«, antwortete Witiko.

»Ich weiß es«, sprach Wentila.

»Er hat mich nach Friedberg geleitet«, sagte Witiko, »und hat mir das Pferd wie ein Knecht geführt.«

»Weil er uns für ein vornehmes Geschlecht hält«, antwortete Wentila.

»Das Pferd hat er ledig von Friedberg durch den Wald in die untere Moldau hinauf geführt«, sagte Witiko; »denn ich bin von dem Ufer, das bei Friedberg ist, durch die Waldlehne bis auf den Kamm hinauf gestiegen, wo ein Platz ist, auf dem einmal eine Denksäule des heiligen Apostels Thomas gestanden ist.«

»Ich kenne den Platz«, sagte Wentila, »man sieht von ihm auf Bayern, Böhmen und Österreich, und der Wald ist um ihn.«

»Ja, so ist es«, sagte Witiko.

»Und dann bist du auf dem langen Wege durch den Thomaswald in die untere Moldau hinab gegangen, wo die Herberge steht«, sagte Wentila.

»Ja«, entgegnete Witiko, »und in der Herberge haben Huldrik und Jakob mit dem Pferde auf mich gewartet.«

»Ich habe jetzt lange diese Dinge nicht gesehen«, sagte Wentila, »der Wald ist dort sehr groß und sehr schön.«

»Er ist dort am schönsten«, antwortete Witiko.

»In dem schönen Walde ist Huldrik«, sagte Wentila, »und möchte in einem Schlosse Marschalk sein.«

»Er soll zu mir kommen, wenn ich mir einmal einen festen Ort erwähle, und er dann noch lebt«, sagte Witiko.

»Nun, er sagt ja«, sprach Wentila, »daß die Angehörigen seines Stammes sehr alt werden, und daß er dieses auch hofft.«

»Gott gewähre es ihm«, sagte Witiko.

»Er gewähre es ihm nach meinem Wunsche«, antwortete Wentila.

»Mutter«, sprach Witiko, »ich habe dir in meinen Botschaften etwas nicht erzählt, ich will es dir jetzt sagen. An jenem Sonntage, an welchem ich in dem Walde der drei Sessel betete, habe ich ein Mädchen des Namens Bertha kennen gelernt, das damals dunkelrote Waldrosen, die du liebst, als gutes Zeichen auf dem Haupte trug. Ich bin, da ich den hochehrwürdigen Bischof Zdik nach Passau geleitete, wieder in dem Hause der Eltern Berthas gewesen, und habe mich mit Bertha in Zuneigung und Liebe geeinigt, daß wir Ehegatten werden wollen. Sie ist die Tochter Heinrichs von Jugelbach.«

»Er wird sie dir nicht geben«, sagte Wentila.

»Es ist noch ungewiß«, sprach Witiko.

»Du hast die Sache den Eltern Berthas geoffenbart«, sagte Wentila.

»Ich habe sie dem Vater geoffenbart«, entgegnete Witiko, »und er hat zurückgeredet: wenn die Rose, welche ich auf dem Berge Wysoka in dem weißen Schilde getragen habe, in einer Burg ist, und wenn sie in die Geschicke unserer Länder hinein blüht, solle ich wieder kommen, und fragen.«

»Ich weiß nicht, ob es so gewesen ist, wie der Vater Benno sagt«, antwortete Wentila, »daß unsere Vorfahren einst reiche Güter gehabt haben, und die Herren in dem Walde gewesen sind; aber die Geschlechter werden reich, und wieder arm, und können wieder reich werden, und es wechseln die Geschicke. Wenn du Bertha zu deinem Eheweibe gewinnen kannst, so erfreue dich darüber; wenn es aber nicht möglich ist, so trage es gelassen.«

»Ich werde es tragen«, sagte Witiko.

»Wiulfhilt, die Mutter Berthas, ist sehr gut«, sprach Wentila, »und Bertha wird auch gut sein.«

»Sie ist gut und starkherzig«, sagte Witiko, »und haßt die schlechten Taten wie die Frau Markgräfin, aber anders, und liebt die großen und herrlichen. Sie hat gesagt, ich solle tun, daß mir keiner gleich sei in dem Felde der goldenen Ähren und in dem Walde der Wipfel der Bäume.«

»Strebe nicht mit Hoffart nach deinem Ziele, Witiko«, entgegnete Wentila. »Und wenn du auch nicht tust, daß dir keiner gleich ist in dem Felde der goldenen Ähren oder in den Wäldern der Wipfel der Bäume, und wenn dir nur die Gnade verliehen ist, Geringeres zu tun, was recht ist, wie du mir die Meinung Silvesters gemeldet hast, so wird es am besten sein.«

»Ich werde suchen, das Gute zu tun, wie es dein und Silvesters Gedanke ist«, antwortete Witiko.

»Tue es, mein Sohn«, sagte Wentila. »Ich habe Bertha gesehen, da sie ein kleines Kind war. Vielleicht sehe ich sie wieder, wenn ihre Eltern nach Jugelbach heimkehren, und ich auf der Rückreise bin.«

»Wenn du zu ihr kommst, so wirst du wissen, daß meine Neigung gut ist«, sagte Witiko.

»Ich weiß es schon«, antwortete Wentila, »weil ich dir vertraue.«

»Und wann meinst du wieder nach Landshut zurückzukehren?« fragte Witiko.

»Wenn es die hohe Frau, die mich auf diesen Berg geladen hat, anordnet«, entgegnete Wentila. »Es wird ihr Sohn Otto, der Bischof von Freising, kommen, und ich glaube, daß ich mit seinem Geleite nach Bayern zurückreisen werde.«

»Ich habe auch Berthas willen das Lederkleid angelegt, weil sie mich zuerst darin gesehen hat«, sprach Witiko.

»Ich denke es mir«, sagte die Mutter.

»Und nun, Mutter«, sprach Witiko, »wie lebt denn der hochehrwürdige Vater Benno?«

»Er lebt in Gesundheit«, antwortete Wentila, »er hält seinen Gottesdienst in der Kirche des heiligen Martin, er stellt Betrachtungen an, und schreibt in ein großes Buch die Dinge der Kaiser ein; denn er sucht alles zu ergründen, was einmal geschehen ist. Er hat mir aufgetragen, dir einen feierlichen Gruß von ihm zu sagen.«

»Bringe ihm den Dank, wenn du heimkehrst«, sagte Witiko, »und bringe ihm meine Ehrerbietung.«

»Ich werde es tun«, antwortete Wentila, »und es wird ihn freuen, weil er dich liebt, wie, da du noch ein Kind warest. Er sagt, daß die Bayern mit Sorge auf Österreich schauen, seit Konrad, der Halbbruder des Markgrafen Heinrich, in Deutschland herrscht, und seit der Markgraf die Witwe ihres verstorbenen Herzogs geheiratet hat.«

»Wird er denn auch wieder einmal nach Pric kommen?« fragte Witiko.

»Pric erweckt ihm seit dem Tode deines Vaters Traurigkeit«, antwortete Wentila, »aber er wird schon kommen.«

»Die Leute dort lieben ihn«, sagte Witiko.

»Die Leute aller Orten lieben ihn«, entgegnete Wentila.

»Und wie lebt denn die Base Hiltrut?« fragte Witiko.

»Sie ist fromm«, antwortete Wentila, »genießt der Gesundheit des Leibes, sorgt in dem Hause, und denkt deiner, wie sie dachte, da sie dich noch in den Windeln pflegte.«

»Ich möchte ihr recht viel Gutes tun«, sagte Witiko.

»Das tust du«, entgegnete Wentila, »da du ihr beständig die guten Grüße schickest, die ihr angenehm sind.«

»Mir ist es auch angenehm, Grüße zu schicken«, antwortete Witiko; »bringe ihr wieder einige, wenn du hier fort gehst.«

»Sie bedarf ja nichts als Zuneigung«, sagte Wentila.

»Und diese empfängt sie von uns reichlich«, antwortete Witiko.

»Du bist in Plan zu den Leuten in ihre Stuben gegangen«, sagte Wentila.

»Ja, Mutter«, entgegnete Witiko.

»Wir haben es auch immer so gepflegt, wenn wir dort lebten«, sagte Wentila, »sie sind gut, ernsthaft und treu.«

»Sie sind dieses alles in ihrer Armut und in der Härte und Stärke ihres Körpers«, sagte Witiko. »Sie haben in dem vergangenen Kriege der Gerechtigkeit zur Entscheidung geholfen, sind meine Gefährten geworden, und ich bin ihr Gefährte geworden.«

»Du hast sie auch in deiner Stube versammelt«, sagte Wentila.

»Ja, sie haben dort Brot und Salz gegessen«, antwortete Witiko.

»Es ist gut so«, sagte Wentila, »das Land des Waldes ist vielen Menschen noch unbekannt; aber es ist sehr bedeutsam. Was wirst du denn nach der jetzigen Zeit tun, Witiko?«

»Ich werde wieder nach Plan und Pric gehen«, antwortete Witiko, »dann werde ich nach Prag zu dem Herzoge reiten. Im Frühlinge wird der Krieg gegen die mährischen Fürsten beginnen, und ich werde in ihm sein.«

»Du wirst tun, was dir obliegt, mein Sohn Witiko«, sagte Wentila, »und du wirst klug und vorsichtig sein.«

»Ich werde tun, wie ich es nur immer als gut und recht einsehe«, entgegnete Witiko.

»Und Gott wird das Gute und Rechte schützen«, antwortete Wentila, »und nach dem Kriege werde ich mit der Base Hiltrut nach Pric kommen.«

»Ich werde euch von Landshut holen und nach Pric geleiten«, sagte Witiko.

»Bleibe jetzt eine Weile auf diesem Berge, mein Sohn«, sagte Wentila, »Agnes, die hohe Frau, ist gegen mich und dich gut gesinnt. Siehe nur, welch ein schönes Gemach mit den gepolsterten Gesiedeln und der Aussicht in das ganze Land sie mir gegeben hat. Ihr Sohn Heinrich hält seinen Hof in Wien, und um ihn sind die Herren der Kirche und die Männer des Rittertumes und der Künste, und befleißigen sich zierlicher Sitten. Du wirst zu ihm gehen, und wirst manches sehen, was dir gut ist.«

»Ich bleibe bei dir, und werde öfter nach Wien gehen«, antwortete Witiko, »es müßte nur sein, daß ich in unserem Lande nötig werde, dann reite ich schnell in dasselbe.«

»Es wird sich alles erweisen«, sagte Wentila. »Jetzt, Witiko, ruhe. Lasse dir deine Kammer zeigen, und wenn es dich gemahnt, dann komme wieder zu mir. Richte dich hier ein, und möge es dir gefallen.«

Sie stand bei diesen Worten auf, Witiko auch.

Er setzte seine Haube auf das Haupt, und befestigte sein Schwert an seiner Seite.

Dann machte sie ein Kreuz auf seine Stirne, und er küßte ihre beiden Hände.

Hierauf verabschiedeten sie sich. Witiko verließ die Stube, sie blieb in derselben zurück.

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