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Adalbert Stifter: Witiko - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
booktitleWitiko
authorAdalbert Stifter
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12375-3
titleWitiko
pages3
created19990819
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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Als am andern Tage das erste Morgenlicht an dem Himmel war, fuhr das Schiff wieder weiter abwärts. Witiko und Raimund saßen wieder auf der Bank des Daches. Das Schiff fuhr gegen Auen hinab, und zwischen Auen fort. Nach zwei Stunden sah man auf dem rechten Ufer die Zinnen und Mauern der Stadt Enns, an welcher Stelle die alte Stadt Lorch gestanden war. Die Donau wurde nun ein großer Strom, weil die Flüsse Traun und Enns hinzu gekommen waren. Und wieder nach zwei Stunden sah man auf dem nämlichen Ufer die große Burg der Herren von Walse. Darauf fuhr das Schiff in eine finstere Schlucht ein, wie die gewesen war, welche man unterhalb Passau durchfahren hatte. Das Wasser wurde in der Schlucht eingeengt, und floß mit größerer Schnelligkeit dahin. Als das Schiff eine Zeit in der Schlucht gefahren war, kamen von einem hölzernen Hause, das auf dem Ufer stand, drei Männer in einem Kahne an das Schiff, hefteten den Kahn an dasselbe, bestiegen es, und die Schiffer übergaben ihnen die Leitung des Fahrzeuges. Sie lenkten es an dem Orte Grein vorüber. Unterhalb des Ortes wurde die Schlucht noch wilder. Es standen auf großen Felssteinen Türme, und auf einem Inselfelsen stand auch ein Turm. Über den Schiffschnabel hin sah man auf dem Strome eine Fläche, die so weiß wie Schnee war. Die Leute sagten, man komme zu den Stellen Strom und Wirbel, die den Schiffen sehr gefährlich seien. Alle sammelten sich nach und nach auf dem Dache des Schiffes. Als man zu der weißen Fläche gekommen war, stimmten die Menschen ein lautes Gebet an. Die Männer, denen die Leitung des Schiffes anvertraut worden war, späheten sorgsam, arbeiteten emsig, und lenkten das Schiff in ein schnelles tiefes Wasser zwischen dem Inselturme und der weißen Fläche, welche schäumendes tosendes Wasser über Geklippe war. Das Schiff ging geschwinde in dem tiefen Wasser hinunter, wurde um einen Fels gelenkt, und hinter dem Felsen sah man den Wirbel, der sich in großen Ringen drehte. Die Männer lenkten das Schiff an dem Rande der Ringe vorüber. Dann ruheten sie, blickten nach vorwärts, und ließen das Schiff in das breitere stillere Wasser hinaus gehen. Das Hilfegebet der Menschen verwandelte sich in ein Dankgebet. Als es geendiget war, erhielten die Männer, welche das Schiff gelenkt hatten, ihren Lohn, bestiegen den Kahn, und fuhren wieder an das Ufer. Dann kam ein anderes Schifflein herzu, aus welchem Menschen an einer langen Stange einen hölzernen Kübel empor hielten, und eine Gabe für die Armen und für eine Kirche zur Behütung der Schiffe verlangten. Alle legten eine Gabe in den Kübel. Hierauf kam noch ein größeres Schiff, und heischte Wassermaut und Wasserzins. Die Wassermaut und der Wasserzins wurden bezahlt. Dann ging das rotschnablige Schiff zwischen kleineren Waldhöhen in freies Land mit Wiesen und Feldern und Wäldern und Kirchen und Burgen hinaus. Das Land war zu beiden Seiten des Stromes das des Markgrafen von Österreich. Auf dem rechten Ufer lag die Stadt Ybbs, und auf dem linken eine alte dunkelbraune Kirche. Dann kam an gerade emporstehenden Felsen der Ort Marbach. Dort legten sie das Schiff an, und hielten Nachtruhe.

In der Morgendämmerung fuhren sie wieder weiter, und Witiko und Raimund saßen wieder auf dem Dache. Sie fuhren an der alten Stadt Bechelaren vorüber, an der Veste und dem Münster Melk, und kamen dann wieder in eine Schlucht hinunter, die größer und tiefer war als diejenigen, durch welche sie bisher gefahren waren. Auf den dichten Waldhöhen standen Burgen, die dem Geschlechte Chunring oder andern angehörten, an dem Saume des Wassers waren Kirchen und Ortschaften, Wiesen und Felder, und es grünete der Weinstock. Bei dem Orte Stein endigte die Schlucht, und die Schiffer fuhren in ein sehr weites ebenes Land hinaus. Sie fuhren an den Städten Stein und Krems vorüber, und an der alten Stadt Tuln. Als die Sonne schon dem Untergange nahe war, kamen sie wieder zu einem Berge. Es war der Kahlenberg, auf dem die Burg der Markgrafen von Österreich stand. Sie fuhren an dem Berge vorüber. Sie fuhren noch an Gärten und Wäldchen und Häusern vorüber, und als die Nacht schon dunkelte, landeten sie an dem Gestade der Stadt Wien. Die Menschen gingen nun aus dem Schiffe. Witiko und Raimund führten ihre Pferde auf das Ufer. Dann ließ Witiko seine Habe aus dem Schiffe tragen und auf Saumtiere laden, und ritt neben den Säumern mit Raimund in die Herberge des Salzgrießes. Dort verbrachten sie die Nacht.

Am nächsten Morgen pflegten sie die Pferde, dann ging Witiko durch das Tor der Stadt in das Kirchlein des heiligen Rupert, welches auf der Höhe des Gestades stand, und betete. Als er zurück gekommen war, rüsteten sie die Pferde, bestiegen sie, und ritten fort. Sie ritten an dem Rande des Stadtgrabens bis zu einer Stelle, welche die Freiung hieß, weil sie fliehenden Missetätern einen Schutzraum bot. Sie ritten an der Freiung vorüber, dann von der Stadt hinweg in ein grünes Gefilde, auf dem manches Häuslein stand, mancher Garten eingezäunt war, hie und da Bäume empor ragten, und an manchem Pflocke und an manchem Gitter Weinreben angebunden waren. Sie ritten an Häusern, Gärten, Bäumen und Weinreben vorüber, bis sie in den Wald gelangten, der zu der Höhe des Kahlenberges empor ging. Sie ritten auf dem Pfade des Waldes zu der Burg der Markgrafen von Österreich hinauf.

Als sie vor dem Tore der Burg angekommen waren, ließ Witiko den Klöppel des Tores erschallen. Da öffnete sich das kleine Pförtchen neben dem Tore, und der Torwart trat heraus. Er fragte um den Namen des Reiters. Witiko nannte ihn. Darauf ging der Torwart wieder hinein, und es wurde ein Flügel des Tores geöffnet. Die Reiter ritten in den Hof. Dort stiegen sie von den Pferden, und es kam ein Mann herzu, welcher sagte, er diene dem Marschalke des durchlauchtigsten Markgrafen, und werde die Pferde besorgen. Witiko und Raimund brachten mit diesem Manne die Pferde in einen Stall, und gaben ihnen die erste Pflege. Dann führte sie der Mann in ein Wartegemach, und ging fort. Nach einer Zeit kam ein anderer Mann, der sagte, daß ihm der von den Reitern, welcher Witiko heiße, folgen solle. Witiko befahl dem Knechte, der Pferde zu achten, und auf ihn dann in dem Stalle oder in dem Gemache, in dem sie jetzt wären, zu harren. Dann ging er mit dem Manne fort. Dieser führte ihn über eine Treppe empor, dann über einen Gang, und dann in ein Gemach, in welchem junge Mädchen saßen, die spannen. Hier ließ er Witiko stehen, und ging wieder durch die Tür hinaus. Eines der Mädchen stand von seiner Spindel auf, öffnete die Tür in ein weiteres Gemach, und ging hinein. Nach einer Weile kam es wieder heraus, und sagte, Witiko möge hinein gehen.

Witiko ging in das Gemach. Es war eine geräumige Stube in einer Ecke der Burg mit vier Fenstern in zwei Seiten. An einer Rückwand stand ein hölzernes Kreuz mit dem Heilande. Vor dem Kreuze stand ein Betschemel mit braunem Tuche, und über dem Kreuze war ein Dach von dem nämlichen Tuche. Die ganze Stube war mit Eichenholz getäfelt. An einem Tische waren vier Frauen, die dunkelgraue Gewänder hatten. Die Gewänder wurden durch einen Gürtel zusammen gehalten. Auf dem Haupte trugen sie weiße Hauben. Die Frauen waren an einem großen Tuche mit der Nadel beschäftigt, eine Stickerei darauf zu verfertigen. Zwei von ihnen waren jung, eine war in mittlerem, die andere in höherem Alter. Die Frau mittleren Alters saß etwas tiefer als die ältere, die jungen noch tiefer. Die Frau hatte ein sanftes Angesicht von feiner weißer, ein wenig rot schimmernder Farbe. Ihre Augen waren blau, und die Haare, die unter der Haube hervor sahen, waren blond, und schienen blasser zu werden. Die älteste der Frauen hatte ebenfalls ein sehr feines Angesicht voll Freundlichkeit; aber das Rot darauf war schwächer als bei der andern. Die Augen waren dunkelblau, und die Haare waren weiß wie die Haube.

Als Witiko in dieses Gemach gekommen war, nahm er seine Haube ab, daß die blonden Haare sein Angesicht umwallten, neigte sich und sprach nicht.

Die ältere der Frauen erhob sich von ihrem Sitze, legte die Nadel auf den Tisch, und sagte: »Du bist verwundert, Witiko, daß du in diese Stube der Frauen gekommen bist. Verharre ein Weilchen hier, und nimm zum Zeichen, daß du uns nicht verschmähest, einen Sitz.«

Eine der jungen Frauen stand auf, und wollte einen Stuhl gegen Witiko rücken. Er kam ihr aber zuvor, nahm den Stuhl, und da sie wieder zu ihrem Platze gegangen war, setzte er sich auf denselben nieder.

Die ältere Frau hatte auch ihre Stelle wieder eingenommen.

Dann sprach sie: »Witiko, da du jetzt unter uns bist, grüße ich dich. Ich bin Agnes, die Witwe Leopolds, des vorvorigen Markgrafen von Österreich, die Tochter des Kaisers Heinrich des Vierten.«

Witiko stand schnell von seinem Sitze auf.

Sie aber sagte: »Bleibe auf deinem Stuhle, und wenn du reden willst, so rede von ihm aus.«

Witiko setzte sich nieder, und sprach: »Hocherlauchte Frau, da es sich so gefügt hat, so erlaubt, daß ich Euch meinen Dank für die Aufnahme in diesem Gemache sage, und für die Huld, die Ihr mir erweiset.«

Agnes aber sprach: »Witiko, als mein Vogt in dieses Zimmer kam, uns deinen Namen zu sagen, so befahl ich, weil deine Mutter hier war, dich zu uns zu führen. Verzeihe mir; meine Augen wollten sehen, wie ein guter Sohn zu der guten Mutter komme. Unterlasse den Empfangsdank, und grüße deine Mutter; denn das ist dein erstes.«

Witiko stand nach diesen Worten auf, näherte sich der Frau des mittleren Alters, ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder, und sagte: »Ich grüße dich, meine gute vielgeliebte Mutter!«

»Ich grüße dich, mein treuer Sohn«, antwortete die Frau.

Sie zog ihn an seiner Hand empor, und legte ihre Hände auf sein Haupt.

Da sie dieselben herab genommen hatte, beugte er sich auf ihre rechte Hand nieder, und küßte sie.

Als er sich wieder erhoben hatte, und in ihr Angesicht schaute, waren in ihren Augen Tränen, und es waren in seinen Augen Tränen.

Die zwei jungen Frauen hörten zu sticken auf, und sahen auf die Mutter und den Sohn.

»Gehe wieder auf deinen Platz, Witiko«, sagte die Mutter, »und erweise der hohen Frau, die dich vor ihr Angesicht gerufen hat, deine Verehrung.«

Witiko aber blieb auf seiner Stelle stehen, und sprach: »Ja, die Verehrung, welche der erhabenen Frau gebührt, die Verehrung, welche sich gegen die Tochter des denkwürdigen Kaisers Heinrich geziemt, die Verehrung, welche der Mutter des deutschen Königs Konrad zukömmt, die Verehrung, welche ich der Mutter Gertruds, der Gattin Wladislaws, des Herzogs von Böhmen und Mähren, zolle, die bei der Belagerung von Prag eine Heldin geworden ist, die Verehrung, welche ich gegen die Frau hege, die in ihren Söhnen und Töchtern auf geistlichen und weltlichen Stühlen und auf den Kriegsfeldern und im Fürstenrate waltet, und die Verehrung, die der Jüngling der Frau bringt.«

»Witiko«, antwortete Agnes, »meine Schwiegertochter Maria hat mir erzählt, daß ihr Vater Sobeslaw, der Herzog von Böhmen und Mähren, gesagt hat, du könnest, wenn du auch noch jung bist, deine Worte gut stellen, und du hast uns ein Zeichen davon gegeben. Ich glaube, daß du mich verehrest, aber es ist für meine weißen Haare und für meinen gebeugten Körper, wie stets ein Alter wirkt, über welches Gott viel verhängt hat.«

»Hocherhabne Frau«, sagte Witiko, »der Herzog Sobeslaw ist immer mild gegen mich gewesen, und meine Worte rede ich nach meinen Gedanken, und kann oft die Gedanken nicht in Worte bringen. In dir aber verehre ich, was du bist, und verehre auch dein Alter.«

»Gehe zu deinem Sitze, Witiko«, sagte Agnes, »und harre noch eine Frist, ich werde dich deiner Mutter nicht lange entziehen.«

Witiko ging zu seinem Stuhle, und setzte sich auf denselben nieder.

»Bist du von Pric gekommen?« fragte Agnes.

»Ich bin von Pric gekommen«, antwortete Witiko; »aber ich habe von Pric den hochehrwürdigen Bischof von Olmütz, Zdik, der auf der Flucht ist, nach Passau geleitet, und bin dann von Passau donauabwärts nach Wien gefahren.«

»So ist der Bischof Zdik auf der Flucht?« fragte Agnes.

»Wegen der Mächtigen in seinem Lande, die einen schweren Groll gegen ihn tragen«, sagte Witiko.

»Es ist immer so, und immer so«, entgegnete Agnes. »Wie lange hast du deine Mutter nicht gesehen, Witiko?«

»Vier Jahre«, antwortete Witiko.

»Er ist in dem nämlichen Gewande gekommen, in welchem er Abschied genommen hat«, sagte die Mutter.

»So hast du dein Jugendgewand angelegt?« sprach Agnes.

»Ich habe das Gewand angelegt«, antwortete Witiko, »weil ich dachte, daß auch die Mutter daran Freude habe, und dann ziemt mir ein schönes Ritterkleid noch wenig, weil ich noch keine Rittertaten habe vollbringen können, die von dem Herrn des Landes, dem man dient, und von fürstlichen Gebietern mit Verleihungen ausgezeichnet werden, und die den Ruhm und den Glanz vor den Menschen erringen.«

»Dieser junge Ritter spricht auch wieder von Taten«, sagte Agnes, »und weiß man denn, was Taten sind? Siehe, Witiko, heute ist hier ein Gedenktag, und ich habe, als du kamest, eben den Frauen von der Vergangenheit erzählt. Ich will weiter erzählen, dir kann es auch fruchten, Witiko, wenn du es hörst, und in deinen Gedanken überlegst.«

Sie schwieg eine Weile, dann sprach sie: »Mein Vater hat seinen Sohn Konrad zum erwählten römischen König gemacht, und er sollte nach ihm römischer Kaiser werden. Aber Konrad stand gegen den Vater auf, und wollte ihm die Herrschaft entreißen. Die Fürsten entsetzten ihn auf dem Reichstage in Mainz seines Königtumes und seines Anrechtes auf das Kaisertum, weil keine Gewalt auf Frevel gegründet werden sollte. Der Vater zog jetzt seinen geliebten jungen Sohn Heinrich hervor, und derselbe wurde zum römischen Könige und Nachfolger des Vaters erwählt. Er wurde in Aachen gekrönt, und schwur, daß er dem Vater in allem gehorchen, und sich nie gegen seine Pflicht erheben werde. Mich vermählte der Vater, da ich noch sehr jung war, dem herrlichen Manne, Friedrich von Büren, der immer treu gewesen war, der sich die Burg auf dem hohen Staufen erbaut hatte, und den der Vater zum Herzoge von Schwaben gemacht hatte. Ich gebar ihm die Söhne Friedrich und Konrad. Als fünf Jahre nach der Krönung meines Bruders verflossen waren, ging dieser zu den Empörern nach Bayern. Der Vater sandte meinen Gatten, dann die Erzbischöfe von Trier und Köln zu ihm, daß sie ihm seinen Schwur und das vierte Gebot vorhielten. Aber er blieb unbeweglich. Er gewann die Sachsen und manche andere, und zog gegen den Vater. Da starb mein Gatte. Der Bruder sagte, er wolle nicht gegen den Vater kämpfen, er wolle nur, daß sich derselbe von dem Banne löse, und mit seinen Kindern, die ihm dann gehorchen werden, christlich lebe. Im Erntemonate kam die Heeresmacht meines Vaters bei Regensburg gegen die Heeresmacht meines Bruders. Die Heeresmacht des Vaters war größer als die Heeresmacht des Bruders. Es waren viele getreue Herren bei dem Vater, es war Leopold, der Markgraf von Österreich, bei ihm, es war Boriwoy, der Herzog von Böhmen und Mähren, bei ihm, und es waren noch andere bei ihm. Es war vorauszusehen, daß, wenn eine Schlacht würde, dem Vater der Sieg bliebe. Da ging der Bruder in der Nacht vorher zu dem Markgrafen Leopold, und sagte, er wolle mich ihm zur Gemahlin geben, wenn er dem Vater in der Schlacht nicht beistünde. Leopold versprach es, ging zu dem Vater, und sagte ihm, daß er für ihn nicht kämpfen werde. Darauf sagte Boriwoy, der Herzog von Böhmen und Mähren, man könne dann überhaupt nicht kämpfen, weil die Macht zu geringe sei. Als dieses geschehen war, sandte mein Bruder einen Boten an den Vater, der melden sollte, es sei eine Verbindung in dem Heere des Vaters geschlossen worden, ihn zu verlassen, und ihm nach dem Leben zu streben. Weil der Markgraf Leopold den Kampf verweigert hatte, weil der Herzog Boriwoy gesagt hatte, daß man nicht kämpfen könne, glaubte der Vater die Botschaft, er verzweifelte, und floh in der Nacht aus dem Lager. Mein Bruder ließ mich am andern Tage in seine Zelte bringen, und sagte mir, ich sei die Braut Leopolds, des Markgrafen von Österreich. Ich weiß, daß ich einen Schrei tat, und daß mir dann die Sinne vergingen. Als ich erwachte, lag ich auf dem Boden. Mein Bruder stand vor mir, und sah mich an. Die Frauen halfen mir nicht, weil sie den Bruder fürchteten. Da saß ein böhmisches Mädchen bei meinem Haupte auf der Erde, das Mädchen träufelte Wasser auf meine Stirne, und befeuchtete meine Lippen damit. Und als ich wieder in dem Leben war, drückte es seinen Mund auf den meinen, und streichelte meine Wangen, und liebkoste mich. Ich faßte mit meiner Hand den Arm des Mädchens, und das Mädchen half mir auf einen Stuhl. Und es ist den ganzen Tag und dann mehrere Tage bei mir geblieben. Dann zog es wieder mit den Ihrigen in das Land Böhmen. Ich sagte, daß ich Leopold, den Markgrafen von Österreich, ehelichen werde. Es ist das Sterbejahr meines Gatten gewesen, und es sind seitdem siebenunddreißig Jahre verflossen. Das böhmische Mädchen aber habe ich erforscht, es ist meine Freundin geworden, ich bin seine Freundin geworden, und wir haben uns Liebe durch das ganze Leben gewährt. Das Mädchen hat den böhmischen Herrn Zaton geheiratet, und das erstgeborne Kind dieser Ehe ist deine Mutter geworden, Witiko, und diese hat mir auch ihre Liebe während des Lebens und nach dem Tode ihrer Eltern gegeben.«

»Meine Mutter hat nur eine Christenpflicht geübt«, sagte die Mutter Witikos.

»Und mein Dank ist auch nur eine Christenpflicht gewesen«, antwortete Agnes.

Dann sprach sie: »Mein Eheleben mit Leopold ist sehr glücklich geworden. Er ist fromm und gut gegen seine Untertanen gewesen, er hat Münster und Klöster gestiftet, durch diese Fenster kann man auf das Kloster der neuen Burg hinab schauen, das er gegründet hat. Unsere Kinder sind in der Liebe zu uns und in der Liebe zu einander aufgewachsen. Dann ist er gestorben, und ich trauere hier um ihn.«

Sie schwieg eine kleine Zeit, und die andern schwiegen auch.

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