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Adalbert Stifter: Witiko - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
booktitleWitiko
authorAdalbert Stifter
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12375-3
titleWitiko
pages3
created19990819
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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Aus der Tür und dem Tore des Wirtshauses kamen mehrere Menschen, und blickten von ferne auf Witiko und auf die, welche bei ihm waren.

Witiko sagte zu dem Gefangenen: »Es werden bald vier Jahre werden, da bist du an einem Tische auf der Gasse vor dieser Herberge mit deinem graubärtigen Genossen, der heute durch die Büsche entronnen ist, gesessen, eben da ich mit diesem meinem Pferde und in diesem meinem Gewande hier Mittagruhe hielt. Ist es nicht so?«

»Ich weiß es nicht, wo ich vor vier Jahren oder vor drei Jahren gewesen bin«, sagte der Mann. »Wenn Ihr mich den Schergen übergeben wollt, oder wenn Ihr mich von hier wieder fortführen, und in einem Graben erschlagen wollt, könnt Ihr es tun.«

»Ich habe dir das Leben zugesichert«, sagte Witiko.

»Ihr könnt mich martern lassen«, antwortete der Mann.

»Ich lasse dich nicht martern«, sagte Witiko.

»Ich habe dem Herzoge Heinrich immer treu gedient; aber die Bischöflichen sind arge Genossen«, erwiderte der Mann.

»Ich werde dich den Bischöflichen nicht ausliefern, sondern werde dich selber richten«, sagte Witiko.

»Da ist wenig zu richten, weil ich unschuldig bin«, sagte der Mann.

»Das ist gut«, antwortete Witiko, »und ich werde die unschuldigen Leute schützen. Jetzt sprich.«

»Ich werde wohl vor vier Jahren auf dieser Gasse gesessen sein«, sagte der Mann.

»Und weshalb hast du heute mit dem andern Bolzen auf uns geschossen?« fragte Witiko.

»Hat der andere Bolzen geschossen? Ich habe es nicht gesehen, da ich zu ihm kam«, sagte der Mann.

»Bist du aus Zufall zu ihm gekommen?« fragte Witiko.

»Ich bin aus Zufall zu ihm gekommen«, antwortete der Mann, »da ich meines Weges zu dem Kirchlein des heiligen Ulrich beten ging.«

»Bist du auch vor vier Jahren aus Zufall mit ihm auf dieser Gasse gesessen?« fragte Witiko.

»Aus Zufall«, antwortete der Mann.

»Gehst du, wenn du auf dem Wege zu dem heiligen Ulrich bist, in den dichten Gebüschen statt auf dem Pfade?« fragte Witiko.

»Ich habe den Mann stehen gesehen, und bin von dem Wege zu ihm in die Büsche gegangen, weil er es wollte«, antwortete der Gefragte.

»Und als mich der Bolzen traf, und als ich in der gleichen Zeit einen Bolzen an dem Gewande meines Begleiters sah«, entgegnete Witiko, »standest du mit deinem Gefährten in den Gebüschen, und ihr blicktet auf uns, und als mein Knecht zu dir kam, lag eine Armbrust neben dir in dem Grase. Wenn ich dir auch das Leben verbürgte, und dich nicht martern lasse, so denke, daß die Strafe durch die Lüge härter wird.«

»Es ist alles ein bekläglicher Irrtum«, sagte der Mann, »ich habe immer dem hohen Herzoge Heinrich treulich gedient, und bin belobt worden. Und der hohe Herzog hat verkündet, daß man die Kundschafter fangen, und einbringen soll. Mein Nachbar hat damals vor vier Jahren an dem Tische gesagt, Ihr seid ein Kundschafter; aber Ihr seid gar nicht zu dem Feinde Leopold nach Österreich geritten.«

»Also habt ihr auf dem Wege nach Österreich gelauert?« sagte Witiko.

»Nein«, entgegnete der Mann, »es ist nur erzählt worden.

»Das ist gut«, antwortete Witiko, »und wie war es heute?«

»Als mein Nachbar die Bolzen geschossen hat«, erwiderte der Mann, »hat er gesagt, Ihr seid ein Kundschafter, und kommet von Leopold. Er wollte euch ein wenig ritzen, weil ihr drei waret; allein seine Pfriemen sind nicht durch Euer Leder und durch das Tuch Euers Knappen gegangen.«

»Ihr habt damals im Hauzenberge die Elenhaut meines Panzers zu wenig angeschaut«, sprach Witiko.

»Ich habe meinem Nachbar gesagt«, entgegnete der Mann, »daß Ihr ein sehr edler Herr seid, und kein Kundschafter.«

»Hat dir dein Nachbar anvertraut, weshalb er auf meinen Knappen geschossen hat?« fragte Witiko.

»Er hat ihn mehr gefürchtet als den andern«, sagte der Mann, »und auf den andern hätte er dann auch noch geschossen.«

»Und wenn er uns bloß geritzt hätte, hat er dann gemeint, daß wir uns nicht wehren würden?« fragte Witiko.

»Ihr hättet Euch gewehrt«, erwiderte der Gefangene, »und mein Nachbar wäre davon gerannt, weil ich Euch nicht hätte fangen lassen, da Ihr ein sehr edler Herr und kein Kundschafter seid.«

»Von welchem Orte bist du denn auf den Weg zu dem heiligen Ulrich gegangen?« fragte Witiko.

»Von dem Hauzenberge«, antwortete der Mann.

»Und hat dir dein Nachbar gesagt, von welchem Orte er in die Büsche gegangen ist?« fragte Witiko.

»Nein, er hat es mir nicht gesagt«, antwortete der Mann, »aber er wird auch von dem Hauzenberge hin gegangen sein.«

»Welcher Ort ist deine Heimat?« fragte Witiko.

»Passau, edler Herr«, antwortete der Mann.

»Und weißt du die Heimat deines Nachbars?« fragte Witiko.

»Es werden etwa die Innhäuser bei Passau sein«, sagte der Mann.

»Und wo bist du denn die letzten drei oder vier Tage oder die letzten Wochen gewesen?« fragte Witiko.

»Ich bin zu Hause gewesen, oder im Hauzenberge, oder in Vilshofen, oder wohin ich eine Botschaft zu tragen gehabt habe, oder wo es eine Arbeit für mich gegeben hat«, sagte der Mann.

»Ist dein Nachbar auch in der Gegend gewesen?« fragte Witiko.

»Ich habe ihn hin und wieder gesehen«, antwortete der Gefangene.

Witiko rief nun gegen die Leute, die an dem Hause standen: »Ist der Wirt der Herberge bei euch?«

»Ja freilich«, antwortete eine Stimme.

»So bitte ich Euch, kommet zu uns an den Tisch«, sagte Witiko.

Der Wirt ging zu dem Tische.

»Beantwortet mir einige Fragen in Angelegenheiten dieses Mannes, der da gebunden vor uns steht«, sagte Witiko.

»Wenn ich sie beantworten kann«, entgegnete der Wirt.

»Ist dieser Mann heute schon einmal hier gewesen?« fragte Witiko.

»Er hat am Vormittage hier Käse gegessen«, antwortete der Wirt.

»Ist er allein gewesen?« fragte Witiko.

»Nein, es ist noch einer bei ihm gewesen«, sagte der Wirt.

»Hat der andere einen grauen Bart gehabt?« fragte Witiko.

»Er hat einen grauen Bart gehabt«, sagte der Wirt.

»Sind diese zwei Männer oft bei einander?« fragte Witiko.

»Wie es sich fügt«, antwortete der Wirt, »ich habe sie schon öfter gesehen.«

»Sind sie zu vieler Zeit in dieser Gegend hier?« fragte Witiko.

»Sie sind einmal Kriegsknechte des seligen Herzoges Heinrich gewesen«, sagte der Wirt, »sie müssen in der Nähe von Passau zu Hause sein, und werden manches Mal bei uns und da herum gesehen.«

»Gehen sie auch über den Wald hinein?« fragte Witiko.

»Das wird sich schwerlich zutragen, weil es dort nichts zu verdienen gibt«, entgegnete der Wirt.

»Sind sie in diesem Sommer nicht einmal in einer längeren Zeit abwesend gewesen?« fragte Witiko.

»Ich glaube es nicht«, sagte der Wirt, »sie haben sich in der letzten Zeit sehr oft auf unserer Gasse erblicken lassen.«

»Also auch in den letzten zwei Wochen?« fragte Witiko.

»Da gewiß antwortete der Wirt.

»Ist der Mann an jenem Tische ein Krämer?« fragte Witiko.

»Ja«, sagte der Wirt.

»So erweiset mir den Dienst, ihn zu unserem Tische her zu bitten«, sagte Witiko.

Der Wirt ging zu dem Krämer, und kam mit ihm zu Witiko zurück.

»Ihr seid ein Krämer«, sagte Witiko.

»Ja«, entgegnete der Mann.

»Ihr reiset wohl in mehreren Gegenden herum?« fragte Witiko.

»Nun, wie es der Brauch ist«, sagte der Krämer.

»Beantwortet mir eine Frage wegen dieses Mannes da«, sagte Witiko.

»Wenn ich das weiß, um was Ihr fragt«, sagte der Krämer.

»Habt Ihr ihn etwa mit einem andern, der einen grauen Bart hat, öfter gesehen?« fragte Witiko.

»Ja, sehr oft«, antwortete der Krämer.

»Habt Ihr diese Männer auch in der Weite gesehen, wenn Ihr so herum kommt, auch jenseits des Waldes, in diesem Sommer?« fragte Witiko.

»Sie sind im Frühlinge bis auf diese Zeit herzu von dem Grafen von Formbach eingesperrt gehalten worden«, sagte der Krämer.

»Wißt Ihr das gewiß?« fragte Witiko.

»So gewiß, weil ich diesem Manne da Linnen von seiner Mutter bringen mußte«, antwortete der Krämer, »ich habe sie ihm in sein Verlies getragen, wo auch der andere war.«

»Kennt Ihr sie genauer?« fragte Witiko.

»Sie kommen zuweilen an meinen Karren, und haben mir nie ein Leides getan«, antwortete der Krämer.

»Welche sind ihre Namen?« fragte Witiko.

»Sie heißen beide Heinrich, wie der junge Herzog«, antwortete der Krämer.

»Ich danke Euch und dem Wirte für die Antworten«, sagte Witiko.

Dann wendete er sein Angesicht gegen den Gefangenen, und sprach: »Ich habe dir vor vier Jahren hier gesagt, daß ich dir einmal einen Dienst erweisen werde. Jetzt ist die Zeit dazu gekommen. Ich lasse dich frei; aber merke dir: ich bin oft in diesen Wäldern, oft in dem der drei Sessel, und weiter gegen Morgen. Ich werde mir in dem Walde ein Haus bauen, und wenn ich dich einmal mit Waffen in dem Walde treffe, so lasse ich dich auf dem Baume, unter dem du stehst, aufhängen. Sage das auch deinem Genossen. Ich erfülle meine Worte, wie ich sie jetzt erfüllt habe. Raimund, löse ihm die Bande.«

Raimund band zuerst seinen langen Strick los, dann entfernte er den Knebel, und löste die Schleife um die Hände.

»So, jetzt laufe, so weit dich deine Füße tragen«, sagte er.

Der Mann rieb sich mit den Händen die Knöchel, und strich mehrere Male über sein Koller herab. Dann sagte er: »Schönen Dank, schönen Dank.«

»Geh«, sagte Witiko.

»Ich würde um die Armbrust bitten«, sagte der Mann.

»Die Armbrust wird zerbrochen werden«, sprach Witiko, »du, gehe.«

»So geh um deines Heiles willen«, rief ihm Raimund zu.

Der Mann ging nun von dem Hause weg gegen die Bäume, und wurde dann hinter denselben nicht mehr gesehen.

»Zerschlage mit deinem Beile die Armbrust«, sagte Witiko zu Raimund.

Dieser zerhieb das Holzwerk der Armbrust und den Strang mit dem Beile. Den eisernen Bogen zerbrach er dadurch, daß er ihn mit der Wölbung nach oben legte, und auf ihn sprang.

Da dieses geschehen war, bestellte Witiko Speise und Trank für sich und seine Begleiter.

Als sie die Speisen verzehrt hatten, und als die Pflege der Pferde vollendet war, ritten sie wieder weiter.

Sie ritten in einer Richtung zwischen Mittag und Abend an Gehölzen, Waldhütten, kleinen Wiesen und Feldern vorüber, und kamen, da die Sonne sich zu ihrem Untergange neigte, gegen die Stadt Passau.

Sie ritten über den Hals an die Ilz hinab, neben der Ilz an die Donau hinaus, dann zwischen der Donau und den Felsgesteinen eine Strecke dem Wasser entgegen, bis sie zu einer Brücke kamen. Dann ritten sie über die Brücke in die Stadt.

Witiko ritt durch eine lange Gasse, die zwei andern folgten ihm.

Er gelangte aus der Gasse auf einen freien Platz, der über die andere Stadt erhöht war. An einer Seite dieses Platzes stand die große Kirche des Hochstiftes Passau. Witiko ritt an der Kirche vorüber in der Richtung gegen Morgen von dem Hügel abwärts. Da kamen sie an ein sehr großes Haus, das eine dunkle Farbe hatte, und in breiten Gliedern gebaut war. Witiko hielt an einer Pforte dieses Hauses an, neigte sich von dem Pferde, und schlug mit dem eisernen Klöppel, der sich an dem Tore befand, drei Mal auf die Eisenschiene, auf welche der Klöppel paßte. Es öffnete sich hierauf ein kleines Türchen in dem Tore, und unter dem Türchen stand ein Mann, der eine veilchenfarbene Haube und ein veilchenfarbenes Mäntelchen hatte, sonst aber in ein gelbes Wams und in gelbe Beingewandung gekleidet war. Er hatte weiße Haare und einen weißen Bart. Dieser Mann sagte: »Was begehret ihr?«

»Wir begehren zu dem hochehrwürdigen Bischofe von Passau«, sagte Witiko, »da wir ihm Nachrichten bringen.«

»Ich hätte es nicht geglaubt«, antwortete der Mann, »daß Ihr so bald wieder kommen werdet, Witiko, weil Ihr einen so großen Schmerz um den Tod des Bischofes Regimar empfunden habt, und weil Ihr fort geritten seid. Wie ist es Euch denn ergangen?«

»Ich werde dir schon meine Schicksale erzählen, Odilo«, sagte Witiko, »aber jetzt ist mir daran gelegen, zu dem Bischofe zu gelangen.«

»Wenn ich sagte, daß ich nicht eine große Freude habe, Euch wieder zu sehen«, antwortete der Mann, »so wäre es eine Lüge. Und zu dem hochehrwürdigen Bischofe werde ich Euch weisen; denn er schenkt mir das Vertrauen, das mir der selige Herr Regimar geschenkt hat. Und ist denn der Krieg aus, in welchem Ihr gewesen seid?«

»Jetzt ist er aus«, sagte Witiko, »und ich weiß, daß du in dem Hause als der Torwart viel giltst, und du wirst uns das Tor öffnen, daß wir einreiten, die Pferde unterbringen, und zu dem hochehrwürdigen Bischofe gehen können.«

»Ja«, sagte der Mann, »und ich habe mit dem hocherhabenen Bischofe von Euch gesprochen, wie Ihr klug gewesen seid, und tapfer sein werdet. Und wenn Ihr meint, daß ich einem Freunde, der an mein Tor klopft, die Gastlichkeit verweigere, so irret Ihr Euch.«

Er wendete sich in dem Türchen um, und rief nach innen: »Hans!«

»Ja«, ertönte im Innern eine sehr starke Stimme.

»Schließe auf«, sagte der Torwart.

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