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Adalbert Stifter: Witiko - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
booktitleWitiko
authorAdalbert Stifter
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12375-3
titleWitiko
pages3
created19990819
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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Er ging durch den Hof in das Freie. Dort lenkte er seine Schritte dem rauschenden Wasser entgegen, das von dem Walde der drei Sessel herab floß. Er ging auf dem weichen Rasen dem Wasser entgegen und dem großen breit aufsteigenden Walde zu. Als er an den Rand desselben gekommen war, teilte sich der Weg. Der eine Zweig ging gerade zwischen den Stämmen empor in der Richtung gegen die drei Sessel, der andere ging links an dem Saume des Waldes fort. Witiko wendete sich gegen diesen Pfad. Da sah er in der Tiefe unten, in welche ein Arm des Wassers hinab floß, auf einem Steinblocke zwischen Gebüschen den Mann mit den schwarzen krausen Haupthaaren sitzen, der einmal im Hauzenberge den Topf mit Draht umwunden, und den Heinrich im Waldhause Wolf geheißen hatte. Der Mann blöckte seine weißen Zähne gegen Witiko, lächelte, und wies öfter mit seinem Finger in der Richtung des Waldsaumweges hin.

Witiko ging auf diesem Wege fort.

Er ging zuerst an dem Waldrande, dann zwischen Stämmen, dann wieder frei an dem Waldrande, immer aufwärts. Dann gelangte er zu einem sehr großen Granitsteine, der aus dem weichen Grase emporstand, und höher als eine Waldhütte war, und nach unten auf Ahorne und das Waldhaus und weiter hin auf Berge blicken ließ. Vor dem Steine war eine Bank aus Holz, und neben der Bank stand Bertha, die Tochter Heinrichs. Zu ihren Füßen war grüner Rasen, unter ihr graues Gestein, ober ihr graues Gestein, und hinter ihr der dunkle Wald.

Sie hatte nicht wie damals, da Witiko sie zuerst gesehen hatte, die weißen Ärmel des Hemdes und die Zöpfe, sondern ein reiches veilchenfarbenes Kleid und die Haare in einem silbernen Netze.

Sie stand, und sah auf Witiko, Witiko sah auf sie.

Dann sagte sie: »Bist du gekommen, Witiko?«

»Ich bin gekommen«, sagte er, »und du stehst wieder wie meine Weissagung am Rande des Waldes, aber ohne Rosen.«

»Man könnte allerlei Kränze tragen«, sagte Bertha, »von dem Heidekraute, von dem wohlriechenden Kunigundenkraute, von den grünen Blättern der Preußelbeeren.«

»Die dunkelrote Waldrose ist dein schönster Schmuck«, entgegnete Witiko, »und mein Glück. O Bertha, du bist sehr schön geworden.«

»Du bist auch schön geworden, Witiko«, sagte Bertha, »und du bist zwei Jahre in dem oberen Plane jenseits des Waldes gewesen.«

»Meine Mutter hat dort ein kleines Haus«, antwortete Witiko.

»Und in dem Hause bist du gewesen«, sagte Bertha, »du hast geholfen, kleine Arbeit zu tun, du bist zu Leuten in die Stuben gegangen, du hast Leute in deine Stube geladen, du bist auf deinem grauen Pferde die Wege um Plan geritten, du hast Nachbarn in dem Walde und fern des Waldes besucht, und bist auf den Berg gegangen, auf welchem das rote Kreuz steht.«

»Ich habe von dem Berge auf die Wälder geschaut, die rings um ihn zu sehen sind«, antwortete Witiko.

»Die Mädchen von Plan nennen den Berg Witikos Berg«, sagte Bertha.

»Das habe ich nie gehört«, entgegnete Witiko.

»Sie haben ihn so genannt, als du dort warest«, erwiderte Bertha, »und nennen ihn so, da du fort warest. Du bist mit den Leuten des Waldes auf den Berg Wysoka und in die Stadt Prag gegangen, und hast sie wieder in ihre Heimat zurückgeführt.«

»Woher weißt du denn diese Dinge, Bertha?« fragte Witiko.

»Von der Moldau sind viele Wege herüber, mancher heilige Mann geht sammeln, und unser Knecht Wolfram kennt alle Fluren.«

»Der Berg heißt der Kreuzberg«, sagte Witiko.

»Du bist zu dem Herzoge Sobeslaw gegangen, und hast ihm treu gedient«, sprach Bertha.

»Er ist unserm Lande ein gerechter und wohltätiger Herrscher gewesen«, sagte Witiko.

»Du bist zu ihm auf die Burg gegangen, da er sich zum Sterben rüstete«, sagte Bertha, »und bist bei ihm geblieben, da sich die Herren zur Wahl eines Nachfolgers versammelten.«

»Manche sind treu geblieben, manche sind abgefallen« sagte Witiko.

»Und du bist für den Herzog nach Prag gegangen«, sprach Bertha, »bist in die Versammlung der Herren gegangen, hast sie bewogen, hast sie gehört, und dem Herzoge die Botschaft gebracht.«

»So ist es gewesen, Bertha«, sagte Witiko.

»Und du bist bei des Herzoges Sterben und seiner Bestattung gewesen«, sagte Bertha, »und bist von dem neuen Herzoge auf zwei Jahre Groll in den Wald gegangen.'

»Nicht auf Groll«, antwortete Witiko, »sondern ich habe dem Herzoge nicht gedient, weil noch das Recht bei Wladislaw, dem Sohne Sobeslaws, war.«

»Und nach dem Ende dieses Rechtes«, sagte Bertha, »bist du mit den Guten zu dem andern Wladislaw gegangen, du bist in der Schlacht auf dem Berge Wysoka gewesen, du hast den Schaden der Verräter gut gemacht, du hast nach dem Tode Smils den Befehl über die Waldleute geführt, und hast in dem Kampfe ein weißes Schild mit der dunkelroten fünfblättrigen Waldrose getragen.«

»Was ich getan habe, weiß ich nicht mehr genau«, antwortete Witiko, »aber den weißen Schild mit der dunkelroten fünfblättrigen Waldrose habe ich getragen.«

»Ihr seid, du und die Waldleute, mit dem Herzoge nach Prag gezogen«, sagte Bertha, »du bist ihr Führer geworden, du bist mit dem Herzoge zu dem Könige Konrad nach Nürnberg geritten, du hast mit Odolen die Feinde geschlagen, und hast die mährischen Fürsten entrinnen lassen. Der Herzog hat in dem Gerichte darüber dich geehrt, und du bist mit den Waldleuten wieder nach Plan gegangen.«

»So ist alles, Bertha«, sagte Witiko.

»Ich weiß es«, antwortete Bertha; »aber weißt du, was ich gesagt habe?«

»Nein, ich weiß es nicht«, antwortete Witiko.

»Ich habe gesagt«, entgegnete Bertha, »keiner soll mein Gatte werden, der nicht ist wie Witiko, oder er selber soll mein Gatte werden. So habe ich gesagt. Ihr aber, edler Witiko, seid nicht zu uns gekommen, und wisset nur, als ich Euch heute in unsern Hof reiten sah, bin ich von Euch fort zu dem Walde gegangen.«

»Und ich habe dich in dem Walde gesucht«, antwortete Witiko, »und mein Himmelgeschick hat mich dich finden lassen wie an jenem Sonntage. Du Bild des heitern Sonntages, Bertha, ich habe deinen roten Mund nicht vergessen, der auf den sonnigen Steinen gesprochen, und dein Auge nicht, das in dem Walde geglänzt hat. Da ist die schöne Dimut in dem Turme von Rowna, da ist die schöne Herzogin Gertrud in der Hofburg in Prag, da wandeln die schönen Frauen und Jungfrauen in den Straßen und Gärten von Prag, und wohnen in den hohen Häusern und Schlössern, da sind in dem Hoflager des Königs Konrad und in Nürnberg Frauen und Jungfrauen voll der Schönheit, in Plan, in Daudleb, in Wettern, in Friedberg, im Walde sind die Mädchen wie die Rosen; ich aber habe nicht vergessen, daß ich mit dir auf den Steinen des Waldes gesessen bin, und daß du höher bist als die Rosen.«

»Und doch hast du den Weg über den Wald herüber zu mir nicht gesucht«, sagte Bertha.

»Ich habe zu dir in jenem Walde unten einmal gesagt«, antwortete Witiko, »daß ich ein rechter Mann werden wolle. Und weil ich noch kein rechter Mann geworden war, bin ich aus Scham nicht gekommen, Bertha. Aber auf dem Kreuzberge bin ich gestanden, und habe auf den Wald geschaut, hinter dem ich dich zum ersten Male gesehen habe, und habe wieder auf den Wald geschaut. Ich wäre auch heute nicht gekommen, nur ein kleiner Umstand hat mich hergeführt. Aber ich wäre einmal gekommen, wenn ich ein rechter Mann geworden wäre, und hätte dann gesehen, ob du denkest wie ich.«

»Ja, Witiko, so ist auch alles recht, wie du getan hast«, sagte Bertha.

»Und ich werde kommen«, sagte Witiko.

»Und du weißt schon, wie ich denken werde«, sagte Bertha.

»So ist alles gut und klar«, sagte Witiko.

»Baue dir ein Haus, Witiko«, sagte Bertha, »und wenn dann noch keine Makel an dir ist, so folge ich dir, und harre bei dir bis zum Tode. Dann rede zu den Männern deines Landes, bringe sie zu dem Großen, und tue selber das Große.«

»Ich habe dir gesagt, daß ich das Ganze tun will, was ich kann«, antwortete Witiko.

»Ich will, daß dir keiner gleich ist«, sagte Bertha, »so weit die Augen blicken, es mögen unten die Bäume des Waldes emporstehen, oder die goldenen Felder der Ähren oder der grüne Sammet der Wiesen weit und weit dahin gehen.'

»Ich will zu dem Höchsten streben«, sagte Witiko.

»Und wenn du ein niederer Mann würdest«, sagte Bertha, »so würde ich als dein Weib von dir gehen, dahin du mir nicht folgen könntest.«

»Du gehst nicht, und alles wird sich erfüllen«, sagte Witiko.

»Alles wird sich erfüllen«, sagte Bertha.

»Und nun bitte ich dich um etwas, Bertha«, sagte Witiko.

»Sprich«, entgegnete Bertha.

»Lasse mich deine Lippen küssen, über welche einmal der Quell des Gesanges geklungen hat«, sagte Witiko.

»So küsse sie, Witiko«, sagte Bertha.

Und er nahete sich, und küßte ihren Mund.

Dann sagte er: »Wie schön ist die Stelle, darauf wir stehen, es hat jemand die Bank gebaut.«

»Ich habe sie errichten lassen«, entgegnete Bertha, »so wie ich die Steine habe legen lassen, auf denen wir vor vier Jahren gesessen sind.«

»Bist du oft hier?« fragte Witiko.

»Da wir in dem Walde waren, bin ich oft da gewesen, und habe an dich gedacht«, antwortete Bertha.

»Und wenn ich auf die Waldhöhen geschaut habe, auf denen eine Burg schön ragen würde«, sagte Witiko, »so schaute ich am längsten auf die Höhe der Sessel.«

»Und mein Herz jauchzte, als du sie auf dem Wyšehrad gezwungen hast, dir einen Sitz zu geben«, sagte Bertha.

»Und ich habe in meinem Sinne die Worte gesagt, die du im Walde gesprochen hast«, antwortete Witiko.

»Und ich habe auf Wolf gelauscht, wenn er von dir erzählte«, sagte Bertha.

»Ich habe dieser Tage das Gewand angelegt, das ich hatte, als ich dich zum ersten Male sah«, sprach Witiko.

»Ich dachte es«, antwortete Bertha.

»Ich habe die rote Rose auf dem weißen Schilde deinetwegen in dem Kampfe getragen«, sagte Witiko.

»Ich wußte es«, entgegnete Bertha.

»Und ich kann hier nur weilen, bis die Sonne des Morgens scheint, dann muß ich wieder fort«, sagte Witiko.

»Ich weiß es«, antwortete Bertha.

»Du weißt es?« fragte Witiko.

»Ja, ich weiß es«, sagte sie, »und lasse uns schnell zu den Eltern gehen.«

Sie wendeten sich. Witiko reichte ihr den Arm. Sie legte ihren Arm in den seinigen, und so gingen die zwei Gestalten auf den Pfad an dem Waldsaume dahin, und gingen auf dem Pfade gegen das Haus Heinrichs. Als sie gegen die Tiefe kamen, wo die zwei Wege sich vereinigen, sah Witiko den Mann Wolf noch immer auf dem Steine in der Schlucht neben dem Gebüsche sitzen. Da Wolf die Wandler erblickte, sprang er von dem Steine, und eilte in großen Sprüngen durch die Schlucht gegen das Haus. Witiko und Bertha aber gingen an dem Bache dem Hause zu, von dem Witiko vor kurzem allein herauf gegangen war.

Als sie das Haus erreicht hatten, gingen sie durch die nämliche Tür in dasselbe, durch welche Bertha Witiko herein geführt hatte, da er das erste Mal hieher gekommen war. Sie traten in den Vorsaal, und von demselben in den Saal. Er war leer. Hier löste Bertha ihren Arm von dem Witikos, und eilte in die ferneren Gemächer.

Witiko aber ging zu den Seinigen.

Der Mann in dem braunen Gewande schlief noch immer auf dem Bette, und Raimund war wieder nicht in der Herbergwohnung.

Witiko ging auch wieder von den Stuben fort, und ging gegen die Ställe.

An der Tür zu den fremden Pferden standen die Knechte Hando und Raimund, und sprachen.

»Hando«, sagte Witiko, »gehe zu deinem Herrn, und frage ihn von mir, ob ich zu dieser Frist zu ihm kommen, und mit ihm reden dürfe.«

»Ich werde es tun«, sagte Hando.

Er ging in das Haus.

Witiko sprach zu Raimund: »In unsern Kammern stehen Speisen und Getränke. Wenn du essen und trinken willst, so gehe hin, und nimm, was du bedarfst. Ich esse jetzt nicht. Der andere schläft, und lasse ihn schlafen.«

»Ich werde etwas von den Speisen nehmen«, sagte Raimund.

Der Knecht Hando kam zurück, und sagte: »Ich soll Euch zu dem Herrn führen.«

»So führe mich«, antwortete Witiko.

Der Knecht ging voran, Witiko folgte ihm. Aus dem Gange des Vorsaales hinter der eisenbeschlagenen Eingangstür führte der Knecht Witiko in ein Gemach, in welchem Heinrich an einem Tische saß. Er stand auf, da Witiko eingetreten war.

Da der Knecht sich entfernt hatte, sagte Witiko: »Wenn es Euch genehm ist, mich zu hören, so hätte ich Euch etwas mitzuteilen, das Euch und mich betrifft.«

»Sprecht, Witiko«, sagte Heinrich, »das Gemach ist zu meinem Gebrauche.«

Er wies auf einen Stuhl, und als sich Witiko darauf niedergelassen hatte, setzte er sich auf einen andern.

Witiko sprach: »Ich bin vor vier Jahren auf einem Ritte von Passau nach Böhmen in Euern Wald gekommen. Weil des andern Tages ein Sonntag war, ließ ich mein Pferd bei den Köhlern an der Mihel stehen, und ging in den Wald, um zu beten. Ich sah nach dem Gebete an dem Waldrande ein Mädchen stehen, das noch sehr jung war. Das Mädchen trug rote Waldrosen in einem Kranze um das Haupt. Ich sprach mit dem Mädchen, wir setzten uns auf Steine, und redeten Dinge, wie sie Kinder zu reden pflegen. Das Mädchen war Eure Tochter Bertha, und führte mich in Euer Haus. Ich habe das Kind nicht vergessen, und trug es in dem Sinne. Dann dachte ich, wenn ich etwas getan habe, daß ich zu den guten Männern unseres Landes gezählt werde, wolle ich kommen, und fragen, ob Bertha mein Weib werden könne. Die Zeit zu dieser Frage war noch nicht gekommen, weil ich noch nichts zu tun vermocht habe. Ich bin heute zu Euch geritten, Eure Gastfreundschaft für eine Nacht zu erbitten. Ihr gewährtet sie. Dann ging ich zu Eurer Gemahlin, um ihr den Ankunftsgruß zu bringen. Sie sprach mit Güte zu mir. Hierauf ging ich in den Wald. Es war mein Wille, Bertha zu suchen. Ich fand sie, und da kam vorzeitig aus dem Munde, was später hätte gesprochen werden sollen. Ich sagte, daß ich nie ein anderes Weib zu meiner Gattin nehmen werde als Bertha, und Bertha sagte, daß sie nie einen andern Mann zum Gatten nehmen werde als mich, und ich küßte Eure Tochter auf den Mund. Wenn Ihr ein Mann seid, der meint, daß durch diese Handlung die Gastlichkeit verletzt worden ist, so werde ich Euch die Genugtuung leisten, die Ihr gerecht fordern könnet. Morgen muß ich fortreisen. Bestimmt nach vier Tagen einen Tag, ich werde kommen. Was ich zu Bertha gesprochen habe, ist wie eine Handfeste, die gilt. Bertha tue, wie sie muß.«

Witiko schwieg.

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