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Adalbert Stifter: Witiko - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleWitiko
authorAdalbert Stifter
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12375-3
titleWitiko
pages3
created19990819
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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Auf einer solchen Waldblöße, auf welcher kurzes Gras und kleine weiße Blümchen waren, und an deren Rande große Ahorne standen, lag, als die Ahorne endeten, ein sehr großer Stein, fast so groß als ein Haus, als wäre er von Menschenhänden hingelegt worden, und an dem Steine stand eine ungemein hohe Tanne. Der Reiter kniete an der Tanne nieder, und verrichtete ein Gebet. Als er gebetet hatte, stand er wieder auf, und ging am Rande der Blöße weiter. Er kam wieder zu Ahornen, unter denen abermals Steine lagen, aber kleine, als wären sie zum Sitzen hergelegt worden. Der Reiter versuchte die Steine als Sitze, und sie taugten. Da er wieder aufgestanden war, und weiter gehen wollte, hörte er plötzlich Stimmen. Es war ein Gesang so klar und schmetternd wie von Lerchen. Es waren aber nicht Lerchenstimmen, sondern Menschenstimmen, Mädchenstimmen. Sie sangen jenes Lied ohne Worte, in welchem im Walde und in Bergen das Herz sich in allerlei Schwingungen der Stimme, im Stürzen und Heben derselben, im Wandeln und Bleiben ausspricht. Es waren zwei Stimmen, die im Vereine und in Verschlingungen klangen. Sie erklangen, hoben sich, senkten sich, trugen sich, trennten sich, neckten sich, schmollten und jubelten. Es war die Lust und Freude, die sie tönten. Der Gesang schien näher zu kommen. Mit einem Male traten zwei Gestalten aus den Tannen hervor, und standen am Rande derselben Blöße wie der Reiter und in nicht großer Entfernung von ihm. Sie hielten sich mit zwei Armen die Nacken umschlungen, die anderen zwei Arme hatten sie frei. Es waren junge Mädchen mit bloßen Köpfen, von deren jedem zwei Zöpfe niedergingen. An den Armen war weißes Linnen, von den Brustlatzen, die rot waren, fiel der starkfaltige schwarze Rock hinab. Eines der Mädchen trug wilde rote Rosen, neben einander stehend, um das Haupt. Das andere hatte keine Zierde. Da sie auf die Wiese getreten waren, und den Mann sahen, hörte ihr Gesang auf. Sie blieben stehen, sahen auf ihn hin, und er stand gleichfalls, und sah auf sie. Dann begann er langsam gegen sie hin zu gehen. Sogleich trat das Mädchen, welches keine Rosen hatte, in den Wald zurück, das andere blieb stehen. Der Reiter ging zu demselben hin. Da er bei ihm angekommen war, sagte er: »Was stehst du mit deinen Rosen hier da?«

»Ich stehe hier in meiner Heimat da«, antwortete das Mädchen; »stehst du auch in derselben, daß du frägst, oder kamst du wo anders her?«

»Ich komme anders woher«, sagte der Reiter.

»Wie kannst du dann fragen?« entgegnete das Mädchen.

»Weil ich es wissen möchte«, antwortete der Reiter.

»Und wenn ich wissen möchte, was du willst«, sagte das Mädchen.

»So würde ich es dir vielleicht sagen«, antwortete der Reiter.

»Und ich würde dir vielleicht sagen, warum ich mit den Rosen hier stehe«, entgegnete das Mädchen.

»Nun, warum stehst du da?« fragte der Reiter.

»Sage zuerst, was du willst«, erwiderte das Mädchen.

»Ich weiß nicht, warum ich es nicht sagen sollte«, erwiderte der Reiter, »ich suche mein Glück.«

»Dein Glück? hast du das verloren?« sagte das Mädchen, »oder suchst du ein anderes Glück, als man zu Hause hat?«

»Ja«, antwortete der Reiter, »ich gehe nach einem großen Schicksale, das dem rechten Manne ziemt.«

»Kennst du dieses Schicksal schon, und weißt du, wo es liegt?« fragte das Mädchen.

»Nein«, sagte der Reiter, »das wäre ja nichts Rechtes, wenn man schon wüßte, wo das Glück liegt, und nur hingehen dürfte, es aufzuheben. Ich werde mir mein Geschick erst machen.«

»Und bis du der rechte Mann, wie du sagst?« fragte das Mädchen.

»Ob ich der rechte Mann bin«, antwortete der Reiter, »siehe, das weiß ich noch nicht; aber ich will in der Welt das Ganze tun, was ich nur immer tun kann.«

»Dann bist du vielleicht der rechte«, erwiderte das Mädchen, »bei uns, sagt der Vater, tun sie immer weniger, als sie können. Du mußt aber ausführen, was du sagst, nicht bloß es sagen. Dann weiß ich aber doch noch nicht, ob du ein Schicksal machen kannst. Ich weiß auch nicht, ob du ein Schicksal machst, wenn du in unserem Walde auf der Wiese stehst. «

»Ich darf da stehen«, sagte der Reiter, »denn heute ist Sonntag, der Ruhetag für Menschen und Tiere, wenn es nicht eine Not und Notwendigkeit anders heischt. Mein Pferd habe ich eingestellt. Ich bin in den Wald herauf gegangen, zu beten. Und für den übrigen Tag will ich versuchen, ob ich nicht zu dem Steine der drei Sessel hinauf gelangen kann.«

»Das kannst du«, sagte das Mädchen, »es geht ein Pfad hinauf, den du immer wieder leicht findest, wenn du ihn einmal verlierst. Weil aber der Stein von dem Grunde, der um ihn herum ist, wie eine gerade Mauer aufsteigt, so haben sie Stämme zusammen gezimmert, haben dieselben an ihn gelehnt, und durch Hölzer eine Treppe gemacht, daß man auf seine Höhe gelangen kann. Du mußt aber oben sorgsam sein, daß dein Haupt nicht irre wird; denn du stehst in der Luft allein über allen Wipfeln.«

»Bist du schon oben gestanden?« fragte der Reiter.

»Ich werde doch, da ich so nahe bin«, antwortete das Mädchen.

»Nun«, sagte der Reiter, wenn du schon oben gestanden bist, so werde auch ich oben stehen.«

»Und wenn du heute von den drei Sesseln herunter kommst«, sagte das Mädchen, »dann reitest du morgen nach deinem Geschicke weiter?«

»Ich werde weiter reiten«, sagte er; »warum hast du die Rosen?«

»Muß ich antworten, wenn ich gefragt werde?« sagte das Mädchen.

»Wenn die Eltern fragen, mußt du antworten«, entgegnete der Reiter, »wenn jemand anderer artig fragt, sollst du, und wenn du es versprochen hast, mußt du antworten.«

»So will ich dir so viel sagen, als du gesagt hast«, antwortete das Mädchen, »ich trage die Rosen, weil ich will.«

»Und warum willst du denn?« fragte der Reiter.

»Für den Willen gibt es keine Ursache«, sagte das Mädchen.

»Wenn man vernünftig ist, gibt es für den Willen immer eine Ursache«, erwiderte der Reiter.

»Das ist nicht wahr«, sagte das Mädchen, »denn es gibt auch Eingebungen.«

»Trägst du die Rosen aus Eingebung?« fragte der Reiter.

»Das weiß ich nicht«, entgegnete das Mädchen, »aber wenn du mir mehr von dir sagst, so sage ich dir auch mehr.«

»Ich kann dir nicht viel sagen«, antwortete der Reiter, »ich habe eine Mutter, die in Bayern wohnt, mein Vater ist gestorben, und ich reite jetzt in die Welt, um meine Lebenslaufbahn zu beginnen.«

»So will ich dir auch etwas sagen«, erwiderte das Mädchen. »Meine Eltern haben von hier weiter oben ein Haus. Wir würden es erreichen, wenn wir hier in den Wald gingen, wo ich mit meiner Gespanin herausgetreten bin, wenn wir in dem Walde nach aufwärts gingen, bis wir ein Wasser rauschen hörten, und wenn wir dann zu dem Wasser gingen, und demselben immer entgegen, dann würden endlich Wiesen und Felder kommen, und in ihnen das Haus. An dem Hause ist ein Garten, wo die Sonnenseite ist, und in dem Garten stehen viele Blumen. Und an der Hinterseite des Hauses geht ein Riegel gegen die Tannen, auf welchem viele Waldrosen stehen, und diese nehme ich oft.«

»Hast du die Rosen heute aus Eingebung genommen? Sie sind mir ein Zeichen, daß meine Fahrt gelingen wird«, sagte der Reiter.

»Ich habe einen Metallring, in welchen die Rosenstiele passen«, sagte das Mädchen, »habe heute Rosen genommen, habe sie in den Ring gesteckt, und den Ring auf das Haupt getan.«

»Weil wir noch mehr sprechen werden«, sagte der Reiter, »so gehen wir ein wenig an dem Waldsaume hin, woher du mich kommen gesehen hast. Da werden wir Steine finden, welche zu Sitzen taugen. Auf dieselben können wir uns setzen, und dort sprechen.«

»Ich weiß es nicht, ob ich noch mehreres mit dir sprechen werde«, antwortete das Mädchen, »aber ich gehe mit dir zu den Steinen, und setze mich ein wenig zu dir. Ich kenne die Steine, ich selber habe die Sitze machen lassen. Im Sommer ist es am Vormittage dort sehr heiß, am Nachmittage aber schattig. Im Herbste ist es vormittags lieblich und mild.«

Sie wandelten nun in der Richtung an dem Saume des Waldes hin, in welcher der Reiter zu den Mädchen hergekommen war. Sie hatten bald jene Steine erreicht, an denen der Reiter versucht hatte, ob sie zu Sitzen tauglich wären. Er blieb stehen, und harrte, bis das Mädchen sich gesetzt hatte. Es setzte sich auf einen glatten Stein. Der Reiter setzte sich zu ihrer Linken auf einen, der etwas niederer war, so daß nun sein Angesicht mit dem ihrigen fast in gleicher Höhe war. Das Schwert ragte zu seiner Linken in die niederen Steine hinab. Sie sprachen nun nichts.

Nach einer Weile sagte der Reiter: »So rede etwas.«

»So rede du etwas«, antwortete sie, »du hast gesagt, daß du mit mir noch sprechen willst.«

»Ich weiß jetzt nicht mehr, was ich sagen wollte«, entgegnete er.

»Nun, ich auch nicht«, sagte sie.

Nach einer Zeit sagte der Reiter: »Es ist wahr, was du gesprochen hast, daß an Vormittagen die Sonne sehr mild auf diese Steine scheint.«

Sie antwortete nicht. Nach einer Weile sagte sie: »Trägst du immer diese häßliche Haube auf deinem Haupte?«

»Nein, nur wenn ich sie brauche«, sagte er, sie ist sehr leicht herab zu nehmen.«

Bei diesen Worten nahm er die Lederhaube samt ihrem Anhange von seinem Haupte, und eine Fülle schöner blonder Haare rollte auf seinen Nacken herab. Die Haube legte er in das Gras.

»Ach, was Ihr für schöne Haare habt!« sagte das Mädchen.

»Und was du für rote Wangen hast«, erwiderte er.

»Und wie blau Eure Augen sind«, sagte sie.

»Und wie braun und groß die deinen«, antwortete er.

»Und wie Ihr freundlich sprecht«, sagte sie.

»Und wie du lieblich bist«, antwortete er.

»Sagt, wie könnt Ihr nur die Fülle dieser Haare in der ledernen Haube unterbringen?« fragte das Mädchen.

»Das mache ich so«, antwortete der Reiter, »ich fasse die Haare, halte sie mit einer Hand, und setze den Helm mit der andern darauf.«

Bei diesen Worten griff er nach dem Lederhelme, faßte mit seiner Linken die Haare, hielt sie auf dem Haupte, und setzte mit der Rechten den Helm darauf.

»Ach, das ist schön«, sagte sie.

»Nun sind sie bedeckt«, antwortete er.

»Ja, legt nur die Haube wieder weg«, sagte sie.

Er nahm den Helm von dem Haupte, und legte ihn wieder an seine vorige Stelle, und die Haare flossen wieder herab.

»Wenn Ihr wollt in den Kampf gehen«, fuhr das Mädchen fort, »wie werdet Ihr dann die Feinde schrecken können, wenn Ihr so freundlich blickt?«

»Wer sagte dir denn, daß ich in den Kampf gehen werde?« fragte der Reiter.

»Ich weiß es«, antwortete das Mädchen.

»Nun, in meinem Geschicke werden wohl Kämpfe sein«, sagte der Reiter.

»Der Kampf ist eine Ehre«, antwortete das Mädchen.

»Wenn er nicht Raub und Gewalt ist, ehret der Kampf«, sagte der Reiter, »wenn man gegen feindselige Menschen den Vater, die Mutter, den Bruder, die Schwester, den Nachbar und das Volk verteidigt, ehret er noch mehr, und muß mit dem ganzen Leben geführt werden. Dazu muß man sich vorbereiten.«

»Ihr habt eines vergessen, das man noch verteidigen muß«, sagte sie.

»Was?« fragte er.

»Sein Weib«, antwortete sie.

»Ich habe kein Weib, und habe darauf nicht gedacht«, erwiderte er; »aber wenn man schon das ganze Volk verteidigt, so verteidigt man sein Weib mit.«

»Nein, dasselbe muß man am meisten verteidigen«, sagte das Mädchen.

»Nun, so verteidigt man es am meisten«, entgegnete der Reiter.

»Und wie werdet Ihr dann blicken, daß der Feind weniger Herz hat?« fragte sie wieder.

»Das weiß ich nicht«, antwortete er; »aber ich werde blicken, wie mir's ist, und das wird der Feind verstehen. Dich blicke ich freundlich an, weil ich freundlich gegen dich bin.«

»Und da Ihr sagt, daß man sich zur Verteidigung vorbereiten muß, so habt Ihr Euch vorbereitet?« fragte das Mädchen.

»Weil ich will ein Reiter sein«, antwortete er, »so habe ich gelernt, ein Pferd zu pflegen, und darauf zu reiten; ich habe mich im Angriff und im Schutz geübt, werde im Kriege lernen, und werde einsehen, wie man eine Schar von andern anzuführen hat.«

»Wollt Ihr ein Anführer werden?« fragte sie.

»Wenn es sein kann, ja«, antwortete er.

»Habt Ihr ein schönes Pferd?« fragte das Mädchen.

»Es ist nicht ein schönes, es ist nicht ein häßliches«, erwiderte der Reiter, »aber unter den guten ist es eines der besten. Es ist gesund und stark, witzig und treu. Ich liebe es, und es liebt mich wieder, und folgt mir.«

»Was hat es denn für eine Farbe?« fragte das Mädchen.

»Es ist ein eisengraues Pferd«, entgegnete der Reiter.

»Und warum tragt Ihr denn nicht eine Kopfzier, wie die andern hohen Männer?« fragte das Mädchen.

»Ich bin kein hoher Mann«, antwortete der Reiter, »und die Haube ist mir sehr wert. Sieh her, sie ist von der Haut des Elentieres, das weit von hier lebt. Ein Schwerthieb geht nicht durch.«

Bei diesen Worten hatte er den Helm aufgehoben, und ihn dem Mädchen gezeigt. Das Mädchen sah ihn an, und befühlte sein weiches Leder mit den Fingern.

»Und ist es denn nicht sehr heiß, wenn Ihr die langen Haare in der Haube tragt?« fragte sie.

»Es ist heißer, als wenn die Haare kurz sind«, antwortete er, »aber Hitze und Kälte muß dem Manne gleich sein. Bei allen alten Völkern hat man lange Haare geliebt, und sie schützen auch gegen Hiebe.«

»Sind Eure andern Kleider ebenfalls von der Haut dieses Tieres?« fragte das Mädchen.

»Der Panzer; das übrige ist geringer«, antwortete der Reiter. »Sie haben sonst auch Schienen, ich habe das Leder.«

»Ihr habt Euer Schwert in den Wald mitgenommen«, sagte das Mädchen.

»Ich habe es immer bei mir«, entgegnete der Reiter, »außer wenn ich zu Hause in sicherer Kammer schlafe. Schwert ist zugleich Schwert und Schild.«

»Ist es schön?« fragte das Mädchen.

»Siehe«, sagte der Reiter.

Er wendete die Scheide gegen sich, zog das Schwert daraus hervor, und reichte es ihr dar. Sie nahm es so, daß einen Teil der bloßen Klinge sie hielt, den andern er.

»Ach, welche Zeichen!« rief sie aus.

»Das ist Sankt Peter mit der Kette«, sagte er, »wir haben ihn zu unserm Schutzheiligen, weil wir aus Rom stammen. Was du um ihn herum siehst, das ist Zierat.«

»Und was ist denn das andere?« fragte das Mädchen.

»Das ist auch Zierat«, entgegnete der Reiter.

»Das Bild ist ein schönes Bild«, sagte sie.

»Es muß schön gemacht sein«, antwortete er, »und das Schwert muß gegen Hiebe und Gewalt gut gestärkt sein. Das wirst du nicht erkennen.«

»Nein«, sagte sie.

Er nahm die Scheide, hielt sie, und steckte das Schwert wieder in dieselbe.

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