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Adalbert Stifter: Witiko - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleWitiko
authorAdalbert Stifter
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12375-3
titleWitiko
pages3
created19990819
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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Diwiš sagte: »Wir werden treu sein wie immer, gehe mit Zuversicht deine Wege, hoher Herr!«

»Wir werden treu sein dem Lande, dem Herzoge und der Herzogin«, rief Jurik.

»Treu und streitbar«, rief Predbor mit seiner gewaltigen Stimme, wie er einst auf dem Wyšehrad gerufen hatte: »Wladislaw ist gewählt.«

»Treu und streitbar«, riefen fast alle Anwesenden nach.

Der Kmete des rechten Burgfleckens sagte: »Hoher Herr! lasse die Herzogin durch die Leiber deiner Krieger des Burgfleckens wahren, sie werden alle eher an diesen Mauern nieder sinken, als gestatten, daß eine Schleife ihres Gewandes gebogen werde.«

»Ich danke euch«, sagte der Herzog, »alle werden mannhaft sein wie immer, und meine Krieger der Burgflecken werden mit allen andern die Herzogin schützen.«

Die Herzogin sagte darauf: »Ziehe in Frieden, mein Gemahl, wir alle werden die Stadt schützen.«

»Und so sei es geschlossen, was hier noch zu reden gewesen ist«, sagte der Herzog.

»Erlaube noch ein Wort, hoher Herr«, sagte Otto, der Bischof von Prag, »nicht ein Wort dieser Erde, sondern kraft meines Kirchenamtes ein Wort des Segens, das der Herr im Himmel neu erfüllen möge, wenn es so in seiner heiligen Vorsicht ist.«

Der Herzog neigte sich.

Der Bischof machte das Zeichen des Segens, und sprach die Worte des Segens.

Alle beugten ihre Leiber vor der heiligen Handlung.

Dann verließ der Herzog mit der Herzogin den Tisch, sprach noch manches kurze Abschiedswort gegen die Nächsten, machte mit der Hand ein Abschiedszeichen gegen alle, und dann gingen der Herzog und die Herzogin mit ihren Gefolgen aus dem Saale.

Nun ertönten auch Hörner zum Zeichen, daß die Versammlung geendet ist.

Die Männer verließen den Saal.

Witiko begab sich zu den Waldleuten, und rief diejenigen, die ihm untergeben waren, zusammen.

Als sie in einer Ordnung standen, trat er vor sie, und sprach: »Liebe Heimatgenossen! Der erlauchte Herzog Wladislaw wird fortgehen, und mit einer Macht kommen, um die Feinde, welche diese Stadt umringen und erobern wollen, anzugreifen und zu zerstreuen. Er hat mir befohlen, ihn zu begleiten. Ich muß euch daher auf eine Zeit verlassen. Traget in dieser die Willigkeit, die ihr mir bisher erwiesen habt, auf Rowno über, er ist in der Heimat euer Nachbar, ist in dem Streite auf dem Berge Wysoka euer Nachbar gewesen, und ist in der hiesigen Anordnung wieder euer Nachbar. Ich sage es euch zuerst, um zu hören, ob es euch so genehm ist. Einige von uns mögen mit mir gehen, wenn sie wollen, Lambert, Urban, Augustin und noch andere, die zu reiten verstehen. Der Herzog wird uns Pferde geben.«

»Du mußt den Knaben Urban sehr gut bewahren«, rief Peter Laurenz, der Schmied von Plan, »er ist meiner Schwester Kind, ich bürge für ihn, und belehre ihn. Wenn er besser reiten lernt, ist es gut, und es ist gut, wenn er vor den Herzog kömmt. Wir sind ohnehin die Kriegsgenossen des Herzogs, und der Herzog hat den Knaben schon gesehen. Werft die Feinde nieder, und wehret euer Leben. Der erlauchte Herzog wird zu dem Könige Konrad nach Deutschland reiten. Wir wissen es schon, heute vormittag ist es sicher gemacht worden. Urban kann zu dem deutschen Könige mitgehen, und der König kann ihn sehen. Und mit Rowno werden wir uns schon vertragen. Und wenn die kommen, die auf dem Berge Wysoka so gegen uns waren, so werden wir ihnen die Stadt nicht lassen, wie wir ihnen den Berg nicht gelassen haben, damit das Recht besteht, und wir werden ihnen das Gold und die Steine nehmen, die sie hieher gebracht haben, Redet, Männer, wie es mit Rowno ist.«

»Rowno soll nur bei uns bleiben, wenn Witiko fortgeht«, sagte Stephan der Wagenbauer.

»Rowno soll bei uns bleiben, bis Witiko kömmt«, rief Adam.

»Wir halten mit Rowno«, rief Paul Joachim.

»Rowno, Rowno«, schrien mehrere Stimmen.

»Ich gehe mit dir zu den deutschen Rittern«, rief Lambert.

»Ich gehe auch mit«, rief Augustin.

»Ich gehe auch mit zu dem Könige Konrad«, rief Urban.

»Ich auch«, rief Zacharias.

»Ich auch«, rief Maz Albrecht.

»Das werden wir schon ordnen«, antwortete Witiko, »jetzt müssen wir Rowno fragen, ob er die Führerschaft übernehmen will, wenn nicht zu viele dagegen sind.«

»Niemand ist dagegen«, rief Tobias.

»So geht zu ihm, Maz Albrecht, und Zacharias, und sagt, daß wir ihn bitten, er möchte auf ein kurzes zu uns kommen«, sagte Witiko.

Die zwei Männer gingen, und als sie mit Rowno zurückkamen, sagte Witiko zu ihm: »Rowno, du hast in dem Saale gehört, daß ich mit dem Herzoge gehen muß. Ich möchte nun, so lange ich fort bin, dir, hochehrbarer Wladyk, den Schutz und die Führung derer anvertrauen, die mich auf dem Berge Wysoka zu ihrem Vormanne gewählt haben, und ich möchte dich bitten, diesen Schutz und die Führerschaft zu übernehmen. Meine Männer sind einverstanden.«

»Ja, wir sind einverstanden«, riefen mehrere Stimmen.

Rowno antwortete: »Meine lieben Heimatleute! wir sind benachbart, ihr kennt mich und meine Angehörigen, und ich und meine Angehörigen kennen euch. Wir haben uns immer Gutes gewünscht. Ich tue gerne, was Witiko verlangt. Wenn ihr Euch, bis er wieder da ist, unter meine Leute einordnen wollt, so werden wir zusammen halten, und uns gegenseitig helfen, wenn die Feinde vor die Stadt kommen.'

»Ja, bis er da ist«, rief der Schmied.

»Bis er da ist«, rief Philipp.

»Bis er da ist«, riefen mehrere Stimmen.

»Es ist schon recht«, sagte Zacharias, »wir und Osel und die andern werden zusammen stehen.«

Witiko sprach: »Das ist nun geordnet. Lambert, Augustin und Urban reiten mit mir, sie mögen sich rüsten, und eine Stunde nach Mitternacht zu mir kommen. Und ihr, Männer, werdet fest und stark sein, wenn die Feinde erscheinen, und haltet, wenn ihr an einer Stelle angehen müsset, die Reihe geschlossen.«

»Wie geschweißtes Eisen«, antwortete der Schmied, »daß sie uns eben so wenig wie damals von dem alten Manne, der in einer Tragtruhe saß, trennen können.«

»Ja, tut nur so«, rief eine Stimme wie von der Erde auf. Witiko blickte um, und sah Tom Johannes den Fiedler, der auf einem gehauenen Steine saß.

»So bist du wieder in fröhlicher Gesundheit da?« sagte er zu ihm.

»Ja«, entgegnete der Fiedler, »gesund bin ich fast, aber mit der Fröhlichkeit ist es aus. Sieh nur, wie ich verändert bin, wie wenn der Wind einen Dornstrauch verdreht hat.«

»Der verdrehte Dornstrauch bringt wieder Rosen«, sagte Witiko.

»Weil er ein Narr ist, der in jeder Gestalt blühen kann«, antwortete der Fiedler. »Meine Hand ist wie das Winkelmaß Davids des Zimmerers, ich kann nicht mehr geigen, und wenn ich zur Vergeltung einen Spieß nähme, so müßte ich mich seitlings stellen, um werfen zu können.«

»Sie werden es ohne deinen Spieß auch machen«, sagte Witiko, »du wirst für dich etwas ersinnen, und wenn die lustigen Tage kommen, wird deine Fiedel wieder im grünen Walde singen, wie immer.«

»Daß die Dohlen und Häher davon fliegen«, entgegnete Tom Johannes.

»Habt acht auf ihn, daß ihm nichts geschieht«, sagte Witiko.

»Wir werden schon sorgen«, antwortete der Schmied, »und von unserer Beute, die die Feinde bringen werden, ihm etwas geben. Er ist nicht zu bewegen gewesen, nach Hause zu gehen.«

»Weil ich erwarten will, was hier noch geschieht, und weil ich nicht fort sein will, wenn der Herzog seine Männer belohnt«, antwortete Tom Johannes.

»Du wirst belohnt werden, Tom«, sagte Witiko, »und den Verwundeten wird man es wohl insonderheit gedenken.«

»Ich meine, wenn sie sich nichts erwerben können«, sagte der Fiedler.

Da Witiko noch mit Tom Johannes sprach, kam Sebastian, der Schuster von Plan.

Die Männer lachten, riefen und begrüßten ihn. Er hatte einen geflochtenen Korb auf seinem Rücken, wie Frauen, wenn sie Dinge zum Markte tragen.

»Bist du da«, sagte Witiko, »und was bringst du uns?«

»Sie sind alle gesund«, antwortete Sebastian, »Martin und Lucia grüßen euch, es sind nur zwei Weiber gestorben, davon eine nicht aus der Pfarre war, ich habe den Weg in zehn Tagen hin und zurück gemacht, und der Brettermelchior hat einen wunden Fuß. Ich habe Stiefel und Fußtücher und andere notwendige Dinge geholt, und mir Marderbälge und Iltisbälge mitgebracht.«

»Wozu brauchst du denn die Bälge?« fragte Witiko.

»Die Schuster nähen hier Bälge zu so wunderbar feinen Sachen zusammen«, antwortete Sebastian, »zu zierlichen Fußschuhen, zu Hauben, zu Umwürfen, zu Gürtelsäumen, und da will ich das lernen, und in Plan solche kostbare Dinge verfertigen.«

»Du hast eine ungefüge Lernezeit gewählt«, entgegnete Witiko, »bringe nur deine Bälge in Sicherheit, und stelle dich wieder zu deinen Männern.«

»Ich werde alles verrichten, was not tut«, erwiderte Sebastian.

Dann setzte er sich mit seinem Korbe neben Tom Johannes, den Fiedler, auf einen andern behauenen Stein.

Hierauf sagte Witiko: »Ich muß mich von euch verabschieden, ihr Männer, Gott behüte euch, wir werden nicht lange getrennt sein.«

»Gott behüte dich«, riefen mehrere Stimmen.

»Sieh nur, daß sie dich nicht verunstalten wie mich«, sagte Tom Johannes der Fiedler.

»Ich werde mich schon wehren«, antwortete Witiko.

»Ich habe mich auch gewehrt«, sagte der Fiedler.

»Und sieh nur auf den Urban«, rief der Schmied.

Witiko reichte Rowno die Hand, dann auch mehreren Männern, grüßte alle, und entfernte sich.

Er ging in seine Wohnung, und richtete zurecht, was er mitnehmen wollte.

Eine Stunde nach Mitternacht kamen Lambert und Augustin und Urban zu ihm. Er sendete seinen Knecht Jakob um vier Pferde aus den Pferden des Herzoges, Jakob brachte die Tiere, die Männer rüsteten sich, und bestiegen sie, Witiko sein eigenes, und Jakob und die drei andern die Pferde des Herzogs. Raimund mußte in Prag zurückbleiben. Da sie von dem Priesterhause weg ritten, sahen sie, daß vor dem Hofe des Bischofes Pferde standen, und daß die Leute Bozebors daran waren, sie zu besteigen.

Witiko ritt mit seinen Männern gegen den Herzogstuhl, und als alle dort versammelt waren, und der Herzog mit seinem Geleite erschienen war, nahm der Bischof, es nahmen die Priester und die hohen Kriegsherren, die herzu gekommen waren, Abschied, und der Zug begann. An der Spitze ritt eine Abteilung des blauen Fähnleins, dann kam der Herzog, an dessen linker Seite der Bischof Zdik ritt, dann kam das Gefolge des Herzogs und des Bischofs, dann kamen Welislaw, Odolen und Witiko und die Kapläne. Welislaw hatte dreißig Männer, Odolen sieben, Witiko vier. Den Schluß machte die andere Abteilung des blauen Fähnleins.

Sie ritten zu dem Tore nieder.

Da sie dort anlangten, stand Bozebor mit den Seinigen da.

Der Herzog sagte zu ihm: »Du wirst mir gönnen, Bozebor, daß ich mit meinen Männern zuerst durch das Tor reite.«

Bozebor stellte sich mit seinen Leuten seitwärts, das Tor wurde geöffnet, und der Zug des Herzoges ritt hinaus.

Der Zug ging in den Büschen dahin gegen die Waldhöhe, welche neben dem Dorfe Brewnow war. Sie konnten, wenn sie umsahen, Bozebor mit seinen Männern eine Strecke hinter sich sehen. Als sie auf der Waldhöhe zu dem Scheidewege Zernownice gekommen waren, und auf dem einen der Wege fortritten, sahen sie dann Bozebor nicht mehr hinter sich.

Der Zug ging nun unablässig in der Richtung gegen den Abend des Landes fort.

Diepold, der neue Befehler der Stadt, machte sofort an diesem Tage mehrere Anordnungen. Für den folgenden Tag hieß er alle, wenn die Sonne aufginge, an ihren Stellen sein.

Als sich die Sonne an diesem Tage erhob, ritt Diepold mit den Männern seines Geleites gegen die Zinnen der Stadt. Er hatte den Waffenschmuck an sich, den er auf dem Berge Wysoka getragen hatte. Ein schwarzes Kleid bedeckte seinen Körper, eine schwarze Haube sein Haupt. Ein roter Edelstein hielt eine weiße kurze Feder an der Haube. Auf dem Oberkörper trug er ein dunkles mattes Waffenhemd. Der Gürtel hatte rote Edelsteine, und so auch die schwarzsammetne Schwertscheide. An der rechten Seite Diepolds ritt die Herzogin Gertrud. Sie war in ein dunkelbraunes Gewand gekleidet, wie es ihr Gemahl gerne trug. Hinter ihr ritten einige Frauen in weiten Gürtelkleidern. Unter den Frauen war auch Dimut auf ihrem braunen Pferde. Sie hatte ihr schwarzes Gewand an, darüber das Waffenkleid, das wie Silber glänzte, und auf dem Haupte die schwarze Spangenhaube, daran eine Rabenfeder empor ging. Am Gürtel trug sie ihr Schwert. Sie wäre wie Diepold gewesen, wenn sie nicht das lichte Waffenkleid und die schwarze Rabenfeder gehabt hätte. Da sie an die Zinne kamen, trafen sie vor der Brustwehre den Zupan Jurik mit seinen Männern und den Schleudergeräten und Wurfdingen, dann war Chotimir mit denen aus Decin und den Gerätschaften, dann war Diwiš, der Zupan von Saaz, mit großen Geschossen für Pfeile, Balken, Steine und Brandwerke, dann weiterhin der alte Lubomir mit vielen Gerüsten für dicke Bolzen und andere schwere Dinge, und dann war der Leche Bolemil mit dem Reste der Seinigen. Er saß unter ihnen auf einem Stuhle, und die größte Schleuder, welche die Männer hatten, war bei ihnen. Dann kamen Wecel und der alte Wšebor, und Preda, und Ctibor, und die Äbte, und der Bischof, und Gervasius, und Milota, und andere. Dann war Nemoy von Netolic mit seinen Männern vom Rande des mittäglichen Waldes und seinen Schleudergeräten, dann kamen die von Taus, und die weiter hinauf vom Walde herstammten: Wenzel von Winterberg, und Wyhon von Prachatic, dann war Rowno von Rowna mit den Seinigen und mit denen, die ihm von Witiko übergeben worden waren. Sie hatten eine Schleuder bei sich, die große Steine bewältigen konnte, dann kam Diet von Wettern, und Hermann von Attes, der kaum von seiner Wunde genesen war, und Wernhard von Ottau, und andere. Dann war Ben, der Sohn Bens, des Führers, der auf dem Berge Wysoka sein Leben gelassen hatte, dann Bartholomäus, Zdeslaw, Casta und andere Männer. Als Diepold und die Herzogin bei allen gewesen waren, und alles besehen hatten, und mit vielen Männern gesprochen hatten, ritten sie wieder in die Hofburg zurück.

Auf den zweiten Tag nach diesem Tage war in der Morgenstunde ein großer Gottesdienst in der Kirche des heiligen Veit angesagt. Als diese Morgenstunde kam, feierte Otto, der Bischof von Prag, mit den Äbten und Priestern in kirchlichem Schmucke den Gottesdienst wie an einem erhabenen Feste des Herrn. Die Herzogin, Diepold, die Führer, viele Krieger und andere Menschen waren zugegen. Am Ende des heiligen Opfers war das Kriegsgebet und die Segnung.

Am Nachmittage des nämlichen Tages kamen die Feinde gegen die Stadt. Man sah den lichten Schein der Lanzen und die Bewegung der Scharen. Unzählige Menschen blickten hinaus. Sie breiteten sich vor dem rechten Burgflecken aus, wie um ein Lager zu errichten. Alle Krieger waren auf den Mauern. Die Herzogin war bei ihnen.

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