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Adalbert Stifter: Witiko - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleWitiko
authorAdalbert Stifter
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12375-3
titleWitiko
pages3
created19990819
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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In diesem Augenblick aber ritt ein Mann auf den Platz, und meldete, daß die Späher eine Jungfrau mit mehreren Begleitern gefangen hätten, und daß die Jungfrau vor den Herzog wolle.

»So laßt sie kommen«, antwortete Wladislaw.

Der Mann ritt fort, und kam in kurzer Frist wieder zurück. Es waren nun vier Männer auf kleinen Pferden bei ihm und ein Mädchen auch auf einem Pferde. Die Männer waren in sehr grobe dunkelwollene weite gegürtete Gewänder gekleidet, trugen Schwerter, und auf den Häuptern rauhe Wolfshauben. Das Mädchen saß auf einem schönen braunen Pferde, es hatte ein schwarzes Gürtelgewand an, darüber ein Waffenkleid, das wie Silber glänzte, und an dem Gürtel ein Schwert. Auf dem Haupte trug es eine Spangenhaube, darunter schwarze Haare hervor sahen. Das Angesicht war jung.

Der Mann führte seine Begleiter vor den Herzog, wies mit der Hand auf ihn, und sagte: »Das ist der erlauchte Herzog, edle Jungfrau, welcher dir die Huld erweist, mit dir zu reden.«

Das Mädchen stellte sich mit seinem Pferde vor die vier Männer, sah den Herzog an, und sprach: »Bist du der Herzog Wladislaw, welcher im Kriege mit den hohen Fürsten ist, die im Lande Mähren einen Bund wider Böhmen geschlossen haben?«

Kaum hatte das Mädchen diese Worte gesprochen, so ertönte aus dem hinteren Geleite des Herzoges ein Laut, der das Wort »Dimut« ausrief. Es war Rowno gewesen, der den Ruf ausgestoßen hatte, und der nun sein Pferd gegen den Herzog vorwärts drängte.

»Rowno«, sagte das Mädchen gegen ihn hin, »ich rede jetzt nicht mit dir, jetzt rede ich mit dem Herzoge, und wenn das Gespräch geendet ist, so komme ich zu dir, und werde mit dir reden.«

»Wenn du Rechte gegen die Jungfrau hast, Rowno«, sagte der Herzog, »so übe sie ungeschmälert aus; jetzt aber erwarte das Ende des Gespräches, um das sie gebeten hat, und das ich ihr gewährt habe.«

Rowno zog die Zügel des Pferdes zurück, und blieb stehen.

Der Herzog wendete sich wieder zu dem Mädchen, und sagte: »Dimut heißest du, schöne Jungfrau?«

»Ob ich schön bin, reden wir nicht«, antwortete das Mädchen; »aber Dimut heiße ich.«

»Schön bist du, und als dich meine Krieger gefangen nahmen, hast du zu mir verlangt?« fragte der Herzog.

»Nein«, antwortete das Mädchen, »ich bin von meiner Heimat aus zu dir geritten.«

»Zu mir?« fragte der Herzog.

»Ja«, sagte Dimut, »in dem Walde im Mittage des Landes steht in einem gereuteten Tale ein Turm, in welchem mein Bruder Rowno herrscht. Er ist der Wladyk seines Stammes, und sein Stamm wohnt um ihn. Ich bin in dem Turme. Als noch der Schnee lag, kam die Kunde, daß reiche und mächtige Herren und Fürsten wider dich in Waffen wären, und das Land Böhmen nehmen wollen. Da beschloß Rowno, und es beschlossen Leute aus unserer Zupe, auszuziehen, um zu sehen, was sich ergäbe. Ich sagte damals: ihr werdet alle ins Feld gehen, die ihr könnt, ihr werdet ergründen, wo das Recht ist, und dafür mit euerm Leben streiten, und, wenn es sein muß, sterben. Ich will tun, was ein Weib vermag. Das Rechte muß geschehen, wie es auf Erden und im Himmel gilt. So sagte ich, und Rowno und Osel und Diet von Wettern und Witiko zogen fort. Und darauf meldete Rowno, daß das Recht bei dir sei, daß die reichen Herren noch reicher werden, und noch mehr Zupaneien haben wollen, und daß du die kleineren Männer gegen sie schützest. Und weil die Knaben des Waldes auf Kundschaft liefen, brachten sie die Nachricht, daß eine große Schlacht gewesen sei, in der Herren und Fürsten und niedere Männer und Knechte erschlagen worden sind, und weil ich solche Dinge, so lange ich lebe, nicht gehört habe, so konnte ich nicht mehr bleiben, ich nahm die vier Männer, und ritt fort, und da erfuhren wir, daß die Schlacht erst jetzt gewesen ist, daß du nach Prag gezogen bist, und da ritt ich nach Prag zu dir.«

»Wenn alles so ist, schöne Jungfrau, ich muß dich wieder schön nennen«, antwortete der Herzog, »was ist in Prag bei mir dein Begehren?«

»Zu sehen, wie die Sache ist«, antwortete Dimut.

»Nun, so siehe, wie die Sache ist«, erwiderte der Herzog; »aber beeile dich, es könnte bald alles anders werden, und wenn draußen Gefahr ist, könnten wir dir kein großes Rückgeleite geben, weil wir die Männer brauchen.«

»Dann würde ich ja nur wissen, wie die Sache jetzt ist, nicht wie sie immer wieder ist«, entgegnete Dimut.

»Und das willst du wissen, Dimut?« fragte der Herzog.

»Ja, hoher Herr«, antwortete Dimut.

»Was sagt meine erlauchte Herzogin dazu?« fragte der Herzog.

»Lasse das Mädchen heute abends zu mir in meinen Hof kommen, damit ich mit ihm spreche«, antwortete die Herzogin.

»So machet die Sache nach Euerm Sinne in das Reine«, sagte der Herzog, »die Jungfrau wird uns von unsern Vorräten hier wenig wegzehren. Aber Rownos Wille muß gehört werden, und seinen Rechten muß Genüge geschehen.«

»Wenn das Gespräch zu Ende ist«, sagte Dimut, »so werde ich jetzt mit meinem Bruder reden.«

»Es ist zu Ende«, sprach der Herzog, »rede mit ihm.«

»Ich aber rede nicht mit ihr«, rief Rowno von seinem Platze, »ich bitte den erlauchten Herzog um ein Wort meiner Stimme zu ihm.«

»Du hast jederzeit die Erlaubnis, mit mir zu reden«, sagte der Herzog.

»Hoher Herr«, rief Rowno, »ich bin kein Krieger deiner Zupe Daudleb, was wir gegen die Zupanei schuldig sind, haben wir erfüllt, und Lubomir ist mit allen Zupenkriegern zu dir gegangen, ich bin ein freier Mann in Rowna, dem Eigen unserer Sippen, ich bin freiwillig mit den Rownakriegern in die Schlacht auf dem Berge Wysoka gegangen, bin dir freiwillig nach Prag gefolgt, und bleibe freiwillig bei dir. Ich bitte dich, erlauchter Herzog, um die Vergunst, daß ich vor der ganzen Versammlung reden darf.«

»Wenn es notwendig ist, so rede«, sagte der Herzog.

»Du wirst selber sehen, daß es notwendig war, wenn ich gesprochen habe«, entgegnete Rowno.

»So komme hervor, und sprich«, sagte der Herzog.

Rowno ließ seinem Pferde den Stachel spüren, es setzte sich in Bewegung, die Männer machten eine Gasse, und er ritt durch dieselbe vorwärts bis zu dem Herzoge. Dort stellte er sich den vier Männern gegenüber, die mit Dimut gekommen waren. Er war wie einer von ihnen. Er hatte wie sie ein dunkelwollenes weites gegürtetes Gewand an, trug ein Schwert, und hatte auf dem Haupte eine rauhe Wolfshaube. Er richtete sich aber hoch empor, sah die Männer an, und rief mit lauter Stimme: »Du, Wentimir, und du, Diš, und du, Meneš, und du, Walchun, reitet ungesäumt über diesen Berg hinab, und reitet ohne einen andern Aufenthalt fort, als zu eurer und eurer Pferde Erquickung notwendig ist, reitet immer fort, bis ihr in Rowna angekommen seid. Dort stellt euch unter die Herrschaft Bustins, den ich zur Verteidigung des Turmes zurückgelassen habe, und sagt, euer Urteil, daß ihr Rowna verlassen habt, werde ich sprechen, wenn ich aus diesem Streite werde nach Hause zurückgekehrt sein, und sagt, Bustins Urteil, daß er euch fortgelassen hat, werde ich zu derselben Zeit sprechen.«

Er schwieg, und die versammelt waren, schwiegen, und warteten.

Die vier Männer wendeten ihre Pferde um, und suchten einen Weg nach abwärts. Keiner sprach ein einziges Wort. Man machte ihnen Platz, und man sah sie nach dem Tore gegen den Burgflecken hinab reiten. Sie waren bald nicht mehr zu sehen. Jetzt war nur mehr Rowno allein mit einer Wolfshaube auf dem Platze.

Er sprach nun zu Dimut: »Wenn ich von dieser Stelle fort reite, wirst du mir folgen.«

»Ich werde dir folgen«, antwortete Dimut.

Nach diesen Worten wendete er sich zu dem Herzoge, und sagte: »Erhabener Fürst und Herzog! Du siehest, daß ich vor allen, die hier sind, sprechen mußte, weil die Sünde des Ungehorsams vor allen begangen worden ist. Das Land und die Leute müssen wissen, daß die Wladyken Gerechtigkeit üben, weil sonst das Land und die Leute zu Grunde gingen. Wer gegen seinen Obern seinen eigenen Willen verlangt, ist ein Unterdrücker.«

»Du hast recht getan, so zu sprechen«, sagte der Herzog, »ich bin ja auch ein Wladyk, gegen den seine Sippen jetzt ihren eigenen Willen verlangen, und diese Sippen fügen sich nicht so wie die deinigen, darum dieser Kampf entstanden ist. Ich denke nun, du wirst, wenn hier in Prag oder bei Prag alles ausgeordnet ist, und du wieder in deine Heimat zurück gekehrt bist, Bustin, den du zum Führer deiner Burg zurück gelassen hast, bestrafen, daß er Männer leichtfertig aus derselben gelassen, und du wirst ihn belohnen, daß er die Torheit deiner Schwester unschädlich gemacht hat, und du wirst die vier Männer strafen, daß sie ihren Platz verlassen haben, und du wirst sie belohnen, daß sie deiner Schwester in Gefahren beigestanden sind.«

»Hoher Herzog, höre mich an«, sagte Rowno, »da lebt in der Burg Daudleb der edle Zupan Lubomir. Er hat seine Sippen in den Ämtern. Da ist sein Sippe Wentislaw der Zupenrichter, sein Sippe Rastislaw der Meier, sein Sippe Widimir der Schreiber, sein Sippe Kodim der Kämmerer, sein Sippe Momir der Zöllner, und da ist seine Base die Kleideralte. Mit diesen richtet und rüstet er alles, die Pflege der Zupanei, die Gerechtigkeit, die Zier und Ordnung des Krieges, und sie sind ihm untertan, und er hält sie in der Zucht. Ich bin kein Zupan, ich bin ein Wladyk des Waldes; aber ich will in meinen Sippen das Recht erhalten, wie ein Zupan, und werde nach der Gerechtigkeit sprechen, wie Lubomir.«

»Wenn dieser Mann seinen Wert so genau betrachtet, und auch so eifrig ist in den Taten des Krieges, so können wir auf ihn bauen«, sagte die Herzogin.

»Das können wir«, entgegnete Wladislaw, »er hat es auf dem Berge Wysoka erwiesen. Rowno, du hast dir an Lubomir ein gutes Vorbild des Rechten gewählt, und denke, daß jeder, der ein Zupan ist, einmal keiner gewesen ist.«

»Ich bin in den Krieg gegangen«, sagte Rowno, »daß das Recht werde, daß der Unterdrücker gestraft werde, und daß ein kleiner Mann sich etwa dehnen könne.«

»So strebe darnach«, sagte der Herzog, »und mit deiner Schwester rede nach deinem Rechte und deinem Ansehen, damit das, was wir mit ihr vorhaben, deine Billigung erhält.«

»Sie wird meinen Befehlen folgen«, antwortete Rowno.

»So sprecht mit einander, zeige uns vor Abend deinen Beschluß an, und jetzt entferne dich«, erwiderte der Herzog.

Rowno verneigte sich, bedeutete Dimut, ihm zu folgen, wendete sein Pferd, und ritt wieder unter die versammelten Menschen hinein. Dimut grüßte, wie Frauen von Pferden zu grüßen pflegen, gegen den Herzog und die Herzogin, und folgte ihrem Bruder.

Wladislaw sagte nun. »Die Versammlung ist schon zu lange aufgehalten worden, es ist billig, daß wir sie schließen, seid nicht ungünstig des Verzuges, hohe Herren, und seid für das Erscheinen bedankt.«

Er und die Herzogin bestiegen ihre Pferde, und entfernten sich.

Die Versammlung ging auseinander, und die Leute sahen teils dem Herzoge und der Herzogin, teils Dimut und ihrem Bruder nach, und zerstreuten sich dann.

Als der nächste Tag gegen das Ende ging, kamen mehrere Männer von dem Berge Wysoka an. Es waren die Männer, die Wladislaw zur Besorgung der Verwundeten und Begrabung der Toten zurückgelassen hatte. Die Begraber sagten, es seien in der Nacht, die auf die Schlacht gefolgt ist, ruchlose Menschen gekommen; denn am Morgen haben sie sehr viele nackte Tote gefunden, und nur einen Teil mit Gewändern. Sie haben alle zur Ruhe bestattet, und auch manchen Feind, weil sie ihn nicht kannten, geborgen. Die Feinde haben desgleichen getan, und fromme Priester sind herbei gekommen, und haben geholfen. Die für die Verwundeten sorgten, sagten, es seien mildtätige Frauen und Brüder mit Labung und Tragen gekommen, und denen haben sie einige gegeben, andere haben sie mitgenommen, und haben sie in abgelegene Häuser, wenn ein Mensch in ihnen zu finden war, oder in die Stadt Prag gebracht. Die Feinde sind noch immer weit entfernt, und die Gegend zwischen Suchdol und Prag ist leer.

Von den Leuten des Waldes kamen auch einige Männer. Sie sagten, daß sie Norbert unter den Büschen begraben haben. Dann haben sie Tesin von Prachatic und Arnold vom schwarzen Bache und auch einige Leute von den untern Friedberghäusern und den Steingewänden begraben, weil sie gelobt haben, im Kriege einander beizustehen. Und weil sie Verantwortung geben müssen, so haben sie an den Gräbern aller gebetet, und ein Pfarrer hat mitgebetet. Wenhart vom Dürrwalde hat einen Haufen Männer um sich versammelt, und sie haben gesagt: arme Leute können hier nichts mehr erwerben, sie gehen in die Heimat, weiter von diesem Berge werde ihnen schon jemand Nahrung geben, und immer wieder so, bis sie zu ihren Sippen kommen.

»Das sind verzagte Rehe«, sagte der Schmied von Plan, »die Herren, welche bei dem anderen Herzoge Konrad sind, haben große Zupaneien, es hat einer gar drei Zupaneien, und sie haben Gründe und Felder und Sippen und Gesinde, und sie haben Steine, deren einer leicht ein Pfund Pfennige wert ist, und Gold und Silber. Das alles gehört dem Herzoge, wenn wir sie besiegt haben, und er verteilt davon an die, welche ihm geholfen haben. Die einen werden Zupane, die andern kommen in Ämter, und die andern erhalten Wälder und Länder, und die andern Geld und Gut. Und die fort gegangen sind, haben sich alles vereitelt. Ihr habt ja gehört, wie manche Männer groß geworden sind. Und dem armen Witiko werden auch ein paar Hände voll Goldstücke wohlbekommen.«

Die Leute, die von dem Wysoka gekommen waren, sagten, darum seien sie nach Prag gegangen, und werden in Prag bleiben.

An diesem Tage machten die Kriegsherren auch die Namen derer kund, die sich zum Wegziehen aus Prag gemeldet haben. Sie sagten, es seien Strolchenmänner, die dem Lotterleben nachliefen, und keiner Sache gehörten. Die Leute erhielten ihr Weggeld, und wurden entlassen. Von den Gefangenen gingen viele fort, andere gesellten sich zu den Kriegern Wladislaws.

Am Morgen des Tages, der folgte, ritt der Herzog herum, und sah, wie weit alles in der Stadt gediehen sei. Mit ihm ritten Diepold und die Herzogin, gefolgt von Frauen ihres Hofes, darunter Dimut in ihrem Waffengewande. Der Herzog ritt zu allen Plätzen, und sah, wie die Männer von ihren Führern geübt und belehrt wurden, und wie die Krieger und die Hilfsarbeiter die Geräte und die Wehren richteten. Er belobte sie, ordnete noch manches an, und beriet sich mit den Kriegsherren. Die Männer auf den Zinnen hatten zuversichtliche Angesichter, und taten willig die Arbeit. Als die Schau beendigt war, ritten der Herzog und die Herzogin wieder in ihren Hof.

In dieser Zeit kamen fortan auch Wägen mit Lebensbedürfnissen in die Stadt, es kamen Boten und Kundschafter, und wurden wieder fort gesendet. Es kamen noch manche Krieger, welche sich von dem Berge Wysoka aus zerstreut hatten, und nun wieder die Ihrigen suchten. Es kamen auch neue Krieger, welche bei der Verteidigung der Stadt helfen wollten. Noch immer verließen Menschen die Burgflecken, und zogen in weite Entfernungen, andere aber kamen von den Feldern herein, und suchten Schutz in den Häusern.

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