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Adalbert Stifter: Witiko - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleWitiko
authorAdalbert Stifter
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12375-3
titleWitiko
pages3
created19990819
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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Osel trat vor, und sprach: »Wenn du die Männer des Waldes Pech heißest, hoher Herr, so sind diese junges Pech. Ich heiße Osel, wohne in Dub im Walde, und bin ihr Vater. Sie haben sich von einer falben Stute drei falbe Pferdlein auferzogen, und in der Sonnenwende habe ich ihnen die Haare beschnitten, daß sie Jünglinge werden, und habe sie jetzt in den Krieg mitgenommen, daß sie gegen den Übermut der Lechen streiten, und lieber einem einzigen dienen lernen, der uns wohl will. Ich habe sie auf diesen Platz geführt, daß sie dich sehen, und es zu Hause erzählen.«

»Nenne mir die Namen der Knaben«, sagte der Herzog.

Osel antwortete: »Dieser ist Olen der älteste, dann kömmt Diš, der um ein Jahr jünger ist, und dann Os, der wieder um ein Jahr später kam.«

»Die zwei jüngsten bluten ja«, sagte der Herzog.

»Ein wenig«, entgegnete Osel, »ich habe es schon angesehen, es ist nichts. Sie sind nicht träge gewesen, aber kindisch. Der älteste tut auch das Seine, wenn gleich das Zeichen ausblieb.«

»Sorge, daß du auf deine schönen Knaben siehest, Osel«, sagte der Herzog, »damit sie Männer werden.«

»Im Walde lernt man früh ein hartes Leben«, antwortete Osel.

»Meine Kinder«, entgegnete der Herzog, »ich werde euch schon wieder sehen, und dann müßt ihr mir eure falben Pferdlein zeigen, und in eurem Walde müßt ihr mir eure schönen Bäume zeigen.«

»Ja«, antwortete Olen.

»Männer, Priester, Prinzen, Lechen, Wladyken, Freunde«, fuhr der Herzog fort, »ermüdet noch nicht. Wir haben der ersten Pflicht genügt, der des Dankes, laßt uns nun auch zu der zweiten gehen, der des Rates, was nun ferner zu tun sei. Die Feinde sind in das Lager gegangen, wir auch, die Feinde sind erschöpft, wir auch, die Feinde haben schwere Verluste gehabt, wir auch, und die unsrigen sind durch den schimpflichen Verrat, der auf lange Zeit dieses Land verdüstern wird, noch größer geworden, als sie sonst gewesen wären, die Zahl der Feinde ist die größere, die der Unsern die kleinere, und sie ist durch den Verrat noch kleiner, die der Feinde größer geworden, die Feinde haben ein böses Gewissen, weil sie zum Verrate gegriffen haben, unser Bewußtsein ist gut, sie kämpfen für Raub und Vorteil, und wählen jedes Mittel des Blutvergießens und der Zerstörung, wir streiten zum Schutze des Landes, und müssen alles sparen, was dem Lande kostbar ist, sie haben die ungünstigere Stellung im Tale, wir die günstigere auf der Höhe: wir können heldenmütig den Kampf wieder aufnehmen, und mit Gott den Sieg erringen, oder ruhmreich erliegen: oder wir können in eine sichrere Stellung gehen, uns verstärken, und dann mit genügender Macht die Entscheidung suchen. Wie weit wir heute geschmolzen sind, läßt sich noch nicht genau sagen, nur im allgemeinen überschauen. So wird es im Vergleiche auch bei den Feinden sein. Und nun Otto Bischof von Prag rede.«

»Zur Schonung des Blutes und Lebens des Landes soll größere Sicherheit gesucht werden«, sagte der Bischof.

»Und du Zdik?« fragte der Herzog.

»Ich meine das gleiche«, antwortete Zdik der Bischof von Olmütz.

»Und Daniel?« sagte der Herzog.

»Das gleiche«, antwortete der Propst Daniel.

»Und du, ehrwürdiger Bolemil?« fragte der Herzog.

»Ich habe schon gesagt«, antwortete Bolemil, »sorge, daß dieser Streit kurz daure, hoher Herr. In dem, was auf dem Wyšehrad geschah, lag das Übel, nämlich, daß man zu dem Wählen griff, wie man bei deinem Vater zu dem Wählen gegriffen hatte. Was damals gekommen ist, mußte wieder kommen, und ist gekommen. Der sterbende Sobeslaw hat alles gewußt, da er gesagt hat: Nacerat wird gegen Wladislaw nicht siegen. Ergreife jedes Mittel, das die größte Sicherheit des Sieges über den Feind gibt.«

»Und Lubomir?« fragte der Herzog.

»Suche die größte Sicherheit für das Land«, sagte Lubomir.

»Und Diwiš?« fragte der Herzog.

»Ich spreche wie Bolemil«, sagte Diwiš.

»Und was sagt Chotimir?« fragte der Herzog.

»Chotimir sagt das gleiche«, antwortete der Gefragte.

»Und Wšebor?« fragte Wladislaw.

»Ich rede wie meine Freunde. Suche mit Macht, den Streit eines Schlages zu enden«, antwortete Wšebor.

»Und Jurik?« fragte der Herzog.

»Die Männer, welche gegen uns in den Waffen sind, suchen den Raub«, sagte Jurik, »darum haben sie schon die Schrift aufgesetzt, in der enthalten ist, was ihnen ihr Herzog für ihre Beihilfe zusagen mußte. Sie ergriffen deshalb jedes Mittel, zu ihrem Ziele zu gelangen, wie schon heute ihr Verrat gezeigt hat. Wider solche Männer ist schwerer streiten als wider ehrliche Gegner, weil man nicht die gleichen Mittel will. Darum sage ich wie Bolemil: wähle die Wege größter Sicherheit.«

»Und was sprechen meine andern alten Räte?« fragte der Herzog.

Und Milota und Bozebor und die Äbte und Bartholomäus sprachen für die größte Sicherheit.

Preda sprach gleichfalls dafür.

»Und euch Prinzen frage ich erst jetzt, weil ihr jünger seid«, sagte der Herzog.

»Ich rede für größere Sicherheit«, antwortete Diepold.

»Ich für morgige Entscheidung«, sagte Heinrich.

»Und ihr dort weiterhin?« fragte der Herzog.

»Für morgige Entscheidung«, rief Zwest.

»Für morgige Entscheidung, rief Jurik der Sohn Juriks.

»Für morgige Entscheidung«, rief Beneda.

»Morgen Schlacht, und ganz gewisser Sieg«, schrie Odolen.

»Morgen Schlacht, morgen Schlacht«, riefen nun mehrere Stimmen der jungen Männer.

»Es ist gut«, sagte der Herzog, »ihr wollt die Schlacht und ruhmreichen Sieg oder ruhmreichen Untergang. Ich rede als Ritter wie ihr. Ihr dürft euer Leben hinwerfen; ich der Herzog aber darf euer Leben nicht hinwerfen, und das Heil des Landes nicht auf die Spitze stellen. Wir gehen in unsere feste Stadt Prag, in welcher der Fürstenstuhl steht, festigen die Mauern um ihn und um uns noch mehr, und suchen Verstärkungen zu gewinnen, wie wir sie nur immer zu gewinnen vermögen. Haben wir dann die Macht, die letzte und gewisse Entscheidung herbeizuführen, so treten wir an den Feind, und suchen diese letzte Entscheidung, aber Entscheidung für uns. Ihr, meine jungen Männer, zeigt hier die größere Tapferkeit, nämlich die, euern Mut zu zügeln, und folgt dem Rate der Alten, die auch tapfer aber auch weise sind.«

»Es wird so gut sein«, sagte Bolemil.

»Es ist gut«, sagte Otto der Bischof von Prag.

»So tun wir«, sagte Zdik der Bischof von Olmütz.

»So tun wir«, sagte Lubomir.

»Pflegt einige Stunden in der Nacht der Ruhe«, sprach der Herzog, »dann, ehe der Tag scheint, brechen wir auf, es wird die Weisung erfolgen. Und nun noch eines. Es wird ein bißchen Abendkost bei mir bereitet, und wohl auch noch ein Wein wird vorhanden sein. Wer es mit mir teilen will, ist abends willkommen. Jetzt, Herren, seid für euern Rat bedankt.«

Die Männer begannen sich zu zerstreuen.

»Führt mich hinweg«, sagte Welislaw, »ich bin weder zum Rate noch zur Schlacht tauglich.«

Zwei Männer führten ihn von dannen.

Witiko ging zu den Seinigen. Rowno, Diet, Osel, und die andern gingen auch zu ihren Waldleuten.

Nun, da der Herzog mit den Führern beraten hatte, ging er auch noch zu den Kriegern. Er ging längs der ganzen Reihen, besah die Männer, sprach mit ihnen, tröstete die Verwundeten, und ermunterte die andern.

Als er zu Witiko kam, stellte dieser seine Leute auf.

»Witiko«, sagte der Herzog, »wir rechnen noch einmal eigens für den heutigen Tag ab.«

Dann sprach er zu den Leuten: »Männer des Waldes, ihr habt eigentlich den Tag gerettet. Ich sage euch den größten Dank. Ich will mir eure Angesichter einprägen, daß ich sie wieder kenne, wenn ich sie sehe. Haben wir diese Sache geendet, will ich eurer gedenk sein, und ihr sollt keinen undankbaren Herzog an mir finden.«

»Der junge Witiko hat die Sache geführt, als Smil gestorben war«, sagte Stephan der Wagenbauer.

»Ich weiß es«, antwortete der Herzog, »und gedenke es ihm.«

»Wir gehen nach Prag, um die Stadt zu verteidigen«, fuhr er fort, »bis wir wieder angreifen. Ihr werdet wollen in euern Wald gehen?«

»Mit Gewährung, Herr Herzog«, sagte der Schmied von Plan, »wir konnten auf diesem Berge nicht von dir abgetrennt werden, weil wir wieder zu dir gingen, als die Lügner vom Plakahofe davon gelaufen waren, sonst hätten wir unser Vorhaben nicht ausgeführt. Wir werden schier alle mit dir nach Prag gehen, wenn du uns zu essen geben kannst; denn das Brot und das Rauchfleisch in unseren Säcken ist zur Neige. Und sie werden uns die Stadt so wenig nehmen können, wie diesen Berg, und etwa reißen wir ihnen dann den Flimmer und die schönen Steine vom Leibe, die sie prahlerisch angelegt haben.«

»Wer mit mir nach Prag geht, wird die Lebensmittel erhalten, die wir haben«, sagte der Herzog.

»Dann ist es schon recht«, entgegnete der Schmied.

In diesem Augenblicke kamen einige Männer herbei, und trugen den Fiedler Tom Johannes.

»Wer ist der Mann?« fragte der Herzog.

»Das ist der Fiedler von Plan«, sagte Paul Joachim, »und die ihn tragen, haben wir um unsere Leute auf die Kampfstelle geschickt.«

»Ist er tot?« fragte der Herzog.

»Nein, mein guter Mann«, antwortete der Fiedler, »aber der Fiedelbogen wird wohl krumm bleiben.«

»Ich werde sogleich jemanden senden, der für dich sorgen soll«, sprach der Herzog.

Dann sagte er etwas zu einem Manne seines Geleites, der sich darauf entfernte.

»Dieser wird einen Arzt bringen«, sagte der Herzog.

»Habt ihr noch mehr Verwundete?« fragte er dann.

»Der ist der letzte, welchen wir herauf getragen haben sagte Maz Albrecht, »den armen Norbert haben sie zu einem Strauche hingelegt, den Zimmerer David und Veit Gregor haben wir zur Pflege hergetragen, Christ Severin der Wollweber und Mathias und Urban sind selber gegangen. Sie haben schon Tücher mit Wasser um, und Philipp ist um Kräuter gegangen.«

»Der Arzt wird alle in Pflege nehmen«, sagte der Herzog, »und nun ruhet ein Weile, und wer nach Prag gehen will, wird in der Nacht das Zeichen erfahren.«

Nach diesen Worten entfernte er sich, und ging zu Rowno und Diet und zu den andern, um ihnen zu danken.

Als es Abend war, gingen viele zu dem Herzoge, das kleine Mahl zu teilen. Mehrere saßen in dem Gezelte, andere standen. Die Kundschafter meldeten, daß die Feinde Späher ausgesandt haben, die erfahren sollen, ob sie nicht in der Finsternis der Nacht von dem Heere des Herzogs Wladislaw würden umgangen werden können.

»Desto sicherer ist unser Zug«, sagte Wladislaw.

Als das Mahl aus war, verabschiedeten sich die Männer, und gingen, die Ruhe zu suchen.

Witiko begab sich zu seinem Pferde, und wusch ihm mit Wein, den er sich verschafft hatte, die Gelenke.

Dann legte er sich auf seine Schlafstelle.

Und nun war Ruhe und Stille in dem Lager des Herzogs, nur daß die Wachen sich regten, Kundschafter streiften, und die Feuer gemach verbrannten.

Dieser Tag war der fünfundzwanzigste des Monates April des Jahres 1142 gewesen.

Ehe der Morgen graute, wurde ein Zeichen, welches kein Laut war, durch das Lager gesendet, zum Aufbruche bereit zu sein.

Und noch in der Dunkelheit setzte sich der Zug nach Prag in Bewegung.

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