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Adalbert Stifter: Witiko - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleWitiko
authorAdalbert Stifter
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12375-3
titleWitiko
pages3
created19990819
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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Da drängte sich unter den Männern, welche hinter Witiko standen, einer nach vorwärts, der groß gewachsen war, und breite Schultern hatte, die mit grobem grauen Wollzeuge bedeckt waren. Er hatte statt des Spießes nur eine eiserne Stange, und an seinem linken Arme hing mit einem Riemen eine eiserne Keule. Es war Peter Laurenz der Schmied von Plan. Da er heraus gekommen war, und im Freien stand, sprach er nicht.

»So rede nun«, sagte Rowno.

Der Mann suchte seine Stimme zu sammeln, wendete sich gegen die Leute, und sprach: »Männer von uns! ihr habt es gesehen, wie der junge Reiter gekommen ist, und was er da für Dinge gesagt hat, wie die großen Herren wachsen sollen. Das müssen wir nicht dulden. Witiko hat es recht gesagt und Rowno und Osel und die andern. Ihr wisset, wie der junge Witiko im Winter in seinem Hause in Plan die Einkehr genommen hat, und er ist da geblieben, und ist zwei Jahre da geblieben, und er wäre nicht fortgegangen, wenn er nicht in den Krieg gegangen wäre, und wir sind auch in den Krieg gegangen. Er hat das Gewand getragen wie wir, wir sind an seiner Leuchte gesessen, da es Winter war, er ist auch an unserer Leuchte gesessen, und hat uns nicht verachtet, und ich habe sein Pferd beschlagen, und er hat mit mir geredet, sein Haus steht bei uns, wir sollen ihn auch nicht verachten, und ihn zu unserm Führer wählen die von Plan, daß wir zusammenhalten und uns nicht zerstreuen.«

»Das ist recht«, rief Tom Johannes der Fiedler, »das hätte ich längst gesagt, und hätte es besser gesagt.«

»Wie hättest du es denn gesagt, du Fiedelbogentropf«, rief der Schmied, »und warum hast du es denn nicht gesagt, wenn du so vernünftig bist?«

»Streitet nicht«, rief David der Zimmerer, »Witiko soll uns führen, weil er es besser versteht als wir.«

»Er soll uns führen«, rief eine Stimme.

»Er soll uns führen, weil er mehr Verstand hat als ihr alle«, rief Tom Johannes der Fiedler, »ich hätte einen zierlichen Antrag gestellt.«

»So schweige du Geiger«, rief Christ Severin der Wollweber, »wir sollen zusammenhalten im Leben und Tode, daß wir etwas vorwärts bringen, und da soll uns Witiko führen.«

»Er soll uns führen«, riefen viele Stimmen.

»Er soll uns führen«, wiederholten noch mehrere.

Dann war es still.

Dann sagte Witiko: »Liebe Freunde und Heimatgenossen, wir wollen von der Sache noch später reden, ich will euch, daß wir beisammen bleiben, zu dem Herzoge führen, und wir wollen hören, was er sagt. Und wenn es ihm genehm ist, und ihr es noch wollt, so will ich gerne getreu zu euch halten, und mich bestreben, daß ihr wirken könnt, wie es sich ziemt, und daß ihr nicht leichtfertiger Weise Schaden leidet.«

»Ja, so ist es«, rief Tom Johannes, »und das ist gut gesprochen.«

»So ist es«, rief eine Stimme.

»Er ist ein guter Mann«, rief ein anderer.

»Er soll uns führen«, riefen viele.

Dann, als es stille war, rief der von Hora: »Witiko, ich gehe mit dir zu dem Herzoge.«

Und dann sagte der von Attes: »Witiko, ich gehe auch mit dir zu dem Herzoge.«

Nun trat ein Mann hervor, der einen zähen Schaft von Ebereschen hatte, und ein weites geschürztes dunkles Gewand trug, und sagte: »Ich gehöre zu den Hlenici, und ich meine, wir sollen uns unter die Führerschaft Rownos stellen, der unser Nachbar ist.«

»Unter die Führerschaft Rownos«, riefen viele Stimmen.

Dann trat ein anderer Mann gleichfalls im weiten Gewande und mit einem Ebereschenschafte hervor, und sagte: »Ich gehöre nach Horec, und wir mit den Ebereschenschäften sollen alle zu Rowno stehen.«

»Zu Rowno«, riefen viele Stimmen.

Dann trat einer mit faltigen Lederstiefeln groben grauwollenen Beinbekleidungen einem Rocke desselben Stoffes mit Haften und einer schwarzen Filzhaube auf dem Haupte vor, und sagte: »Ich gehöre zu denen, die im Kirchenschlage reuten, und meine, wir sollten zu Diet von Wettern stehen, bei dem wir nahe sind.«

»Zu Diet von Wettern«, riefen mehrere Stimmen.

Jetzt trat einer hervor, der feste Lederstiefel hatte, deren Sohlen mit Eisen beschlagen waren, der aber sonst gekleidet war wie der frühere. Er sagte: »Ich bin von dem schwarzen Bache, und wir, die wir an der Moldau sind, und die Ahornschafte tragen, die an der untern Moldau und die vom Eckschlage und vom Rathschlage, wir sollten zu denen von Plan und Witiko halten.«

»Zu Witiko«, riefen viele Stimmen.

»Und wir vom Wangetschlage«, sagte einer, ohne vorzutreten, »gehören zu Witiko, weil er ein Haus bei uns besitzt.«

»Zu Witiko«, riefen einige.

»Wir in Friedberg gehen auch zu Witiko, dessen Haus im Wangetschlage unser Nachbar ist«, rief einer.

»Wir gehen zu Witiko«, riefen ihm mehrere nach.

»Und wir, die wir von Friedberg an der Moldau hinab sind, gehören zu Friedberg«, rief eine Stimme aus dem Haufen.

»Zu Friedberg«, antworteten andere.

Jetzt rief niemand mehr.

Die Knechte Witikos Raimund und Jakob hatten indessen ihre Pferde gezäumt und gesattelt, sie ritten heraus, und stellten sich zu Witiko.

Witiko aber sagte: »Rowno, Diet von Wettern, Osel, und ihr andern, liebe Freunde, die Reiter, welche bei uns gewesen sind, kommen heute noch in das Lager ihrer Freunde. In der Nacht kann von dorther aus Zorn und Rache eine große Abteilung aufbrechen, und in den Frühstunden des Tages belagern sie diesen Hof. Ich meine, wir sollen in der Nacht beraten, uns ordnen, etwas Speise genießen, und ehe der Tag zu grauen beginnt, unsern Zug zu dem Herzoge antreten.«

»So ist es gut, und so tun wir«, sagte Rowno.

»Wir tun so«, sagte Diet.

»So tun wir«, riefen alle.

»Die Männer müssen sich nun einteilen, wie sie gesagt haben«, sprach Witiko.

Der Haufen löste sich, und ordnete sich anders, viele gingen in den Hof, andere blieben heraußen. Witiko ritt in das Gebäude, und die Seinen begleiteten ihn.

Als der Abend gekommen war, hielten sie insgesamt Beratschlagung, dann aßen sie, dann ordneten sich die Männer, wie sie im Zuge zu gehen hatten, und ehe noch irgend ein Schein des Tages auf den Berg Wysoka fiel, begann der Zug.

Es waren drei Abteilungen, die Witikos, Rownos und Diets von Wettern. Osel führte ein Teilchen, das er zu Rowno stellte, darunter die drei Knaben, jeder mit einem Schwerte und jeder auf einem falben Pferdchen. Wernhard von Ottau, Wolf von Tusch und die von Hora und Attes und die vom Rosenberge waren noch besondere Häuflein; aber sie schlossen sich zu Abteilungen.

In der Mitte des Zuges waren die Karren mit der Habe, die teils von Pferden teils von Menschen gezogen wurden.

Sie gingen auf den Anhöhen zwischen Gesträuchen und auf Feldwegen, welche ihre Späher in den Tagen vorher erkundet hatten, dahin, damit, wenn Reiter auf sie eindringen wollten, dieselben schwer oder nur einzeln auf sie heran kommen könnten. Es kam aber keiner. Als die Morgenröte von Mähren her aufging, waren sie schon weit von ihrem Platze, und ehe die Sonne zum Abende neigte, stiegen sie zu der Ebene hinab, in welcher sich Wladislaws Lager befand, das weit verteilt war, und in dessen Mitte ein großes rosenfarbenes Banner wehte. Sie wurden, als man sie erkannt hatte, und als sie ihre Absicht angegeben hatten, zu denen gestellt, die von dem Walde gekommen waren; denn der ganze Wald in seiner Länge hielt zu Wladislaw. Sie kamen zu denen, die weiter von Plan hinauf waren. Da standen die von Prachatic, die in den Schneehäusern wohnten, die in Wallernreut waren, die bis zu den Wildnissen des Ursprunges der kalten und warmen Moldau hinauf streiften, die vom Winterberge, die von dem Berge des reichen Gesteines, und andere.

Die Männer schritten daran, sich seßhaft einzurichten. Besonders suchten sie Stellen, auf welchen sie Feuer anzünden konnten, um an denselben kochen, und neben denselben ruhen zu können.

Witiko besorgte sein Pferd an einer guten Stelle, empfahl es dann der Obhut Jakobs und Raimunds, und verlangte zu dem Herzoge. Ein Mann von denen aus dem Walde, die schon länger da waren, erbot sich, ihn zu führen. Er ging voran, Witiko folgte. Sie kamen an allerlei Menschen vorüber. Zunächst waren noch die aus dem Walde. Sie hatten fast keine Zelte. Sie hatten sich trockene Stellen ausgesucht, hatten dort Feuer angezündet, welche mit Klötzen großer Bäume oder mit Zaunpfählen oder Dachbalken genährt wurden, und hatten sich auf grobe Hüllen zu den Feuern nieder gelegt. Einige kochten Speisen. Die Ahornschäfte oder die Schäfte aus Ebereschen oder die Spieße aus der Steinbuche staken in Spitzhaufen neben einander in der Erde. Die wenigen Pferde waren in Stände verteilt, und mit Decken verhüllt. Dann kamen die von den fruchtbaren Feldern in dem Abende des Landes. Sie hatten grobe Linnen über Stangen gebreitet, darunter zu ruhen. Witiko sah die Leute Bolemils. Sie waren alle bei einander. Die großen starken Männer, die er gesehen hatte, standen in einem Haufen, und blickten auf ihn. Den grünen Reiter sah er auch, der mit ihm gesprochen hatte, und mehrere, die an ihm vorüber gezogen waren. Es redete keiner von ihnen mit ihm. Es war ein großes schönes Gezelt aus wachsgetränkter Leinwand da, welches aber leer und offen war, daß die Luft durchziehen konnte.

»Da drinnen wohnt ihr Führer Bolemil«, sagte der Mann, der bei Witiko war, »aber er ist jetzt bei dem Herzoge.«

Die Pferde der Männer standen in langen Reihen von Ständen dahin. Dann kamen die aus der Mitte des Landes. Sie hatten viele Zelte. Sie trugen die weiten Gewänder mit metallenen Gürteln hoch hinauf geschürzt, und hatten Hauben tief in Stirn und Nacken geschnitten. An den Zeltstangen hingen zahlreiche Bogen und Köcher so wie Schilde und andere Geräte. Tische und Bänke standen da, und Weiber verrichteten Hausgeschäfte. Dann kamen die Krieger von Prag. Sie hatten bunte Gezelte schöne Waffenkleider Schwerter Lanzen Schilde glänzende Kissen und Decken und mutige Pferde in langen Reihen. Die Pfeifer und Flötenspieler ließen fröhliche Weisen hören.

»Da gehest du nun über den breiten Raum, der hier leer ist, und von den Kriegsleuten, die auf ihm verteilt sind, wird dich einer fragen, und dich zu dem Herzoge führen«, sagte der Mann, der Witiko geleitet hatte, »das graue große und lange Gezelt, vor dem die Stange mit dem roten Banner ist, gehört dem Herzoge. Weiter hin, wo die Federn auf den Gezelten sind, lagern die von Decin, welche Chotimir anführt, und dann sind die, welche von dem Riesengebirge gekommen sind. Den Rückweg zu unserem Lager wirst du schon allein finden.«

»Ich werde ihn finden«, sagte Witiko, »und ich danke dir für dein Geleite.«

»Nichts zu danken«, sagte der andere, und trat seinen Rückweg an.

Witiko ging auf dem Platze vor dem langen grauen Gezelte, davor das rosenfarbene Banner wehte, vorwärts, Hier war es weniger prunkend als in dem Lager der Prager Krieger. Einige Abteilungen von Kriegern standen wohlgerüstet und geordnet da, manche Männer saßen auf den Pferden, Diener hielten ledige Pferde, und Geleite schienen auf Herren zu warten. Als Witiko in gerader Richtung gegen das graue Gezelt ging, trat ihm ein Mann aus einer Rotte, die mit ihren Speeren da stand, entgegen, und sagte: »Wer bist du, und wohin gehst du?«

»Ich bin Witiko von Pric, und gehe zu dem Herzoge«, antwortete Witiko.

»Du mußt hier warten«, sagte der Mann.

Witiko blieb stehen, und wartete.

Der Mann ging zur Rotte, und sagte einem etwas. Dieser trat vor, ging gegen das Gezelt, kam wieder zurück, und machte die Meldung. Der Mann, welcher Witiko aufgehalten hatte, trat nun wieder zu ihm, und sagte: »Du bist der rechte Witiko in dem ledernen Gewande, und darfst zu dem Herzoge gehen.«

Witiko schritt nun ungehindert bis zu dem grauen Gezelte. Vor demselben standen Krieger, und ein Mann in einem glänzenden Waffenkleide sagte zu Witiko: »Witiko, du mußt hier warten, bei dem Herzoge ist Rat.«

Witiko sah den Mann an, der seinen Namen genannt hatte, er kannte ihn aber nicht.

Er blieb bei den Kriegern stehen.

Nach einer Stunde kam ein junger schlanker Mann aus dem Gezelte. Er hatte schwarze Haare, auf denselben eine schwarze Haube mit einer kurzen grauen Reigerfeder, um die Brust hatte er ein schimmerndes Waffenhemd, und von dem stählernen Gürtel hing in rotsammetner steinbesetzter Scheide das Schwert. Witiko blickte gegen ihn, und rief: »Odolen!«

»Ja, du lederner Reiter, bist du endlich gekommen, du toller Kopf, gehe hinein, daß dich der Herzog strafe«, sagte der andere, nahm ihn bei der Hand, schüttelte sie ihm, und sah ihm mit den schwarzen Augen freundlich in das Angesicht. Dann schob er mit dem andern Arme die Falte des Gezeltes bei Seite, und führte Witiko in das Innere.

Dasselbe war ein großer langer Raum, in welchem ein langer Tisch aus Tannenholz stand von vielen Feldstühlen umgeben. Witiko sah hier viele Leute, die er kannte. An dem oberen Ende des Tisches saß Wladislaw der Herzog. Sein Haupt war entblößt, und hatte die blonden Haare nieder gestrichen. Die schwarze Haube mit der kurzen geraden weißen Feder lag neben ihm auf dem Tische. Er hatte ein Panzerhemd an, und dunkelbraune Kleider. Der Gürtel war aus Metallfäden gewirkt, und das Schwert hatte eine braunsammetne Scheide ohne Steine. Neben ihm saß auf einem Stuhle der greise Bolemil in schwarzem Sammetgewande. Links von ihm und ein wenig weiter zurück stand Zdik der Bischof von Olmütz mit seinem braunen Barte und in Waffenrüstung. Dann saß Diwiš der Kastellan von Saaz in dunklem Gewande, und dann Lubomir in schwarzem Kleide mit dem weißen Barte und den weißen Haaren. Neben Bolemil standen zwei Äbte mit Kreuzen und in der Rüstung. Den einen erkannte Witiko als den von Kladrau, der ihn vor zwei Jahren in der Versammlung auf dem Wyšehrad vorgestellt hatte, den andern hielt er für den Abt von Brewnow. Hinter ihnen stand jener Priester Daniel in Rüstung, der das Kreuzlein beglaubigt hatte, welches Witiko nach Prag mitgegeben worden war. Dann sah er Ben, welcher in der Versammlung auf dem Wyšehrad der zweite Führer des Hauses gewesen war, und neben ihm Smil, den er auch in der Versammlung gesehen, und den er schon auf dem sächsischen Zuge als Kriegsanführer kennen gelernt hatte. Dann erblickte er noch Nemoy von Netolic und Ctibor von Austi, und an der Stelle, wo er herein gekommen war, standen junge Männer, die er in jenem fröhlichen Ritte hinter der Zupenstadt Chynow bei dem scharlachroten Reiter gesehen hatte, der jetzt Herzog war, Odolen, Welislaw, die zwei Söhne Smils, Ben der jüngere, Casta der jüngere. Sonst waren noch Männer und Herren da, welche Witiko nicht kannte. Vor dem Bischofe Zdik saß neben dem Herzoge ein Mann in schöner kirchlicher Kriegertracht, es war Otto der neuerwählte Bischof von Prag. Er schien den Ehrenplatz an der andern Seite des Herzogs dem greisen Bolemil überlassen zu haben. Neben dem Bischofe standen zwei junge Männer. Sie waren veilchenfarb gekleidet, hatten ein schimmerndes Waffenhemd, einen silbernen Gürtel, und auf dem Haupte eine veilchenfarbene Haube mit einer geraden grauen Feder. Sie waren die Brüder des Herzogs Diepold und Heinrich, die sich gleich gekleidet hatten. Dann waren noch Bozebor und Wšebor da in Waffenhemden, die alten Männer Preda und Milota in weiten gegürteten Gewändern, dann Bartholomäus und Gervasius in kriegerischem Priesterschmuck, Chotimir und Predbor in Rüstungen, und mehrere andere.

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