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Adalbert Stifter: Witiko - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleWitiko
authorAdalbert Stifter
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12375-3
titleWitiko
pages3
created19990819
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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Der alte Mann ging fort, und brachte dann in einem grünen Schüsselchen Milch ein Laibchen weißes Brot ein Messer und einen Hornlöffel. Er stellte die Milch auf den Tisch, und legte Brot Messer und Löffel daneben. Witiko setzte sich auf einen Stuhl an den Tisch, schnitt sich Stückchen Brotes in die Milch, und aß mit dem Hornlöffel. Huldrik stand vor ihm. Er hatte ein sehr grobes lichtgraues Wollgewand. Sein Rock war viel kürzer und weiter als gewöhnlich, kaum über den Oberkörper hinab reichend. Er war mit Haften geknüpft. Dann war die Beinbekleidung, schlottrig, als sei sie ihm wegen seines Alters zu groß geworden, und dann die Stiefel auch kürzer als gewöhnlich, von dickem Leder, und an den Sohlen mit dicken Eisennägeln beschlagen. Auf dem Kopfe hatte er, selbst da er zu Witiko hinaus gekommen war, keine Bedeckung gehabt.

»Das ist eine Freude«, sagte er, indem er Witiko in das Angesicht sah, »nun nahet die Erfüllung. Seit Euren Kinderjahren seid Ihr nicht hier gewesen.«

»Es hat sich nicht gefügt«, sagte Witiko.

»Ihr seid einmal in Friedberg gewesen«, sagte Huldrik.

»Damals mußte ich nach Prag reiten«, entgegnete Witiko.

»Ich habe es von Florian erfahren«, sagte Huldrik, »und wie groß und schön Ihr seit den fünf Jahren geworden seid, da ich Euch nicht gesehen habe.«

»Ich erkannte dich gleich wieder, Huldrik«, sagte Witiko, »aber des Häuschens hätte ich mich aus meiner Kinderzeit nicht mehr erinnern können.«

»Nun seid Ihr hier, und nun wird alles anders werden«, entgegnete Huldrik, »Eure Mutter hätte Euch vor fünf Jahren schon, da ich bei Euch war, mit mir gehen lassen sollen, damit damals schon der Anfang gemacht worden wäre.«

»Ich bleibe aber nicht lange bei dir«, sagte Witiko.

»Das ist nun einerlei, weil Ihr nur einmal da seid, und der Beginn eingetreten ist«, antwortete Huldrik, »Ihr mögt nun in Plan sein, wie bisher, oder sonst irgend wohin gehen, das ändert jetzt nichts mehr, und die Geschicke gehen schon fort.«

»Jetzt müssen wir zu dem Pferde sehen«, sagte Witiko, indem er den Hornlöffel hinlegte.

»Ja«, sagte Huldrik.

Sie gingen nun von der Stube wieder in den Stall, und Witiko fuhr in der weitern Besorgung des Pferdes fort.

»Zeige mir jetzt doch auch die Dinge bei euch«, sagte er dann.

»Nun, hier sind vier Kühe«, sagte Huldrik, »dort zwei Kälber, und in den leeren Stand gehören die zwei Ochsen, mit denen Jakob in das Holz gefahren ist. Folgt mir nun zu den Schafen.«

Sie gingen nun in einen Stall, in welchem in einer Abteilung zwölf Schafe, in einer andern vier Ziegen und ein Ziegenbock waren. Dann zeigte Huldrik Witiko die vier Schweine in ihrem Stalle. Dann führte er ihn in die Scheuer, wo nur ein Rest Heu vom vorigen Jahre übrig war.

»Die Hühner und andern Federtiere sind im Hofe und sonst überall«, sagte Huldrik, »das Gewölbe mit der Milch den Eiern und andern Dingen werde ich Euch zeigen, wenn Regina nach Hause kömmt. Sie bewahrt den Schlüssel. In der kleineren Milchkammer ist auch immer nur der kleinere Vorrat. Durch das Scheuertor seht Ihr hier die Hauswiese mit den zwei Rotkirschbäumen, die sehr gute Kirschen geben, und dort über Adams Haus hin, das Stück Feld gehört zu uns, dann ist der Kohlacker, wo die Steine liegen, und dort rechts an den Büschen, wo die Ebereschen stehen, ist ein Streifen Wiese, und wo der Weg von dem Walde herab geht, und die dunkeln Flecke sind, haben wir heuer den Haber, und unter dem Hügel ist auch noch etwas. Ich werde Euch morgen zu allem führen, oder heute noch, es ist nur jetzt niemand bei dem Pferde.«

»Lassen wir es auf morgen«, sagte Witiko.

»Morgen ist auch mehr Zeit«, antwortete Huldrik.

Sie gingen nun wieder in die Wohnteile des Hauses, und dort zeigte Huldrik Witiko die Gelasse, in denen er und der Knecht und die Magd hausten. Dann zeigte er ihm noch die Kammern der Vorräte.

»Wir senden doch alle Jahre einen Betrag des Anwesens ein«, sagte er, »wenn es auch das jetzt nicht ist, was es war. Siebenzig schöne Ziegenkäse einen Laib Rinderkäse und schönes Mehl haben wir Eurer Mutter nach Landshut geschickt.«

»Sie hat große Freude daran gehabt«, sagte Witiko.

»Das andere liefern wir nach Pric«, sagte Huldrik.

»Es ist sehr gut«, antwortete Witiko.

»Es ist, wie es sein kann«, sagte Huldrik, »jetzt beginnt das Weitere.«

Sie vollendeten nach einer Weile die Wartung des Pferdes.

Nun kam auch der Knecht mit dem Holze nach Hause, und lud es an einer Stelle, die etwas von dem Häuschen entfernt war, ab. Dann kam die alte Magd Regina, und brachte in ein grobes Tuch gebunden Kohlblätter, die man den Kühen unter das Futter mischte. Sie wurden Witiko vorgestellt, und begrüßten ihn, und er begrüßte sie. Dann gingen sie noch an ihre heutigen Tagesgeschäfte.

Witiko wandelte nun allein noch eine Zeit gegen die zerstreuten Wohnungen des Schlages herum. Abends bereitete ihm Regina ein Mahl aus geräuchertem Schweinfleisch und Kohl, und er begab sich, als jede Tagesarbeit vollendet war, auf sein Lager in der Kammer zur Ruhe.

Als am andern Tage die Morgenaufgabe getan, und das Morgenmahl eingenommen war, führten sie Witiko hinaus, und Huldrik zeigte ihm die Stückchen Wiesen und Felder, die zu dem Häuschen gehörten. Jakob und Regina gingen hintendrein, sie hatten sich wegen der Ankunft Witikos einen Feiertag gemacht. Witiko besah alles sehr genau, und sprach darüber.

Da sie wieder in der Stube waren, sagte Huldrik, indem er auf einem Stuhle in der Nähe Witikos saß, und indem etwas ferner auch Regina saß, und die Hände in dem Schoße hielt, der Knecht aber stehend zuhörte: ».Das ist nun das Wesen, welches Ihr und Eure Mutter in dem Walde hier besitzet, es trägt nicht viel, es trägt aber doch etwas, wie ich Euch gesagt habe. Euer Vater ist öfter hier gewesen, Eure Mutter auch, und einmal sind zwei Jungfrauen mit ihnen gewesen, die auf Zeltern ritten. Wir haben ihnen ein feines Lager in der Kammer bereitet. Euer Vater ist zuweilen unversehens von Pric gekommen, und hat sich in Stroh gebettet, oder in Heu, oder was es war. Das letzte Mal hat er in der Kammer geschlafen, da wir den Bären in dem Nahleswalde erlegt hatten. Und nun seid Ihr hier, wie es geweissagt worden ist.«

»Dazu braucht es keiner Weissagung«, antwortete Witiko, »es ist ja zu denken, daß ich einmal kommen werde, und ich will das Haus manches Mal besuchen, wenn es sein kann.«

»Ja, ja, so ist es«, sagte Huldrik, »da haben sie den Wald ausgereutet, und haben hie und da ein schlechtes Haus gebaut, und haben alles den Wangetschlag geheißen, und haben Felderteile gemacht, auf denen nicht viel wächst, und Wiesen und Hutweiden und Waldschläge, die andern gehören, und von denen auch ein Teil uns gehört, und im Winter liegt sehr lange der tiefe Schnee hier, und die Frucht ist mager, welche dann gedeiht.«

»Wie es eben das Land bringt«, sagte Witiko, »eines hat dieses, ein anders hat jenes.«

»Ja so ist es, so ist es«, sagte Huldrik.

Als sie eine Weile geruht hatten, zeigte die alte Regina Witiko die Butter- und Milchkammer, wo sie im kalten rinnenden Quellwasser, das durch eine steinerne Kufe ging, ihre Butterlaibe schwimmen, und ihre Milchtöpfe stehen hatte, und wo der Vorrat der Eier lag, und zeigte ihm die Kammer, in der die Käse waren. Dann nannte sie ihm die Namen der Kühe und Kälber, und zeigte ihm Geflügel im Hofe und nannte die Namen der Tiere. Am Reste des Tages gingen Witiko Huldrik und Jakob in den Wald, der zu dem Hause gehörte, und die zwei Männer zeigten ihrem Herrn den schönen Bestand der Tannen Fichten Buchen und anderen Holzes, das da war, und den Forellenbach, der zu dem Walde gehörte. Diese Dinge waren nun sehr vollkommen.

So verging der Tag.

Am Abende saßen sie nicht an der Leuchte, weil die Sommerdämmerung sehr lange dauerte, sondern sie saßen in der Dämmerung, und sprachen. Als es dunkel wurde, ging man zur Ruhe.

Am folgenden Tage besah Witiko alle Arbeiten des Hauses, und nahm Anteil an allem. Abends saßen sie wieder, da es dämmerte, in der Stube.

Da sie am dritten Tage, nachdem die Forellen, welche Jakob gebracht hatte, verzehrt waren, wieder in der Abenddämmerung saßen, da Regina an einem alten Rocke flickte, Jakob eine Schnur flocht, und Witiko von der Milch dem Butter und dem Honig, das man ihm noch aufgenötigt hatte, etwas gekostet, und dann die Dinge auf dem Tische weiter geschoben hatte, sprach Huldrik: »Es gehen alle Zeichen in Erfüllung, und es wird wahr, was die alten Leute gesagt haben, daß es wahr werden soll, und es ist wahr, wie sie gesagt haben, daß es gewesen ist.«

»Nun, was haben sie denn gesagt?« fragte Witiko.

»Ihr wißt es ja ohnehin«, sagte Huldrik.

»Ich weiß es nicht«, entgegnete Witiko.

»So hätten sie es Euch sagen sollen, da es Euch angeht«, erwiderte Huldrik.

»Mich geht es an?« fragte Witiko.

»Freilich«, sagte Huldrik. »In alten Zeiten, als noch Thor und Freia herrschten und Perun und Lada, und als die Diasen waren, ist hier gar kein Wald gewesen, weit herum gar keiner, sondern schöne Felder und Gärten und Fluren und Haine, und da sind friedsame Völker gewesen, von hier bis an das Meer. Die Wälder waren dort, wo jetzt die Sonne steht, und hier haben milde Lüfte geweht.«

»Das habe ich nie gehört«, sagte Witiko.

»Das hat mir mein Urgroßvater erzählt, und ihm hat es wieder sein Urgroßvater erzählt, und so immer die Urgroßväter; denn bei uns sind die Männer sehr alt geworden«, entgegnete Huldrik, »bis auf jenen Urgroßvater hinauf, der gelebt hat, da es hier so war. Und das Land hat Eurem Stamme gehört, Witiko, sie haben verschiedene Schlösser gehabt, und haben bald in dem einen bald in dem andern gewohnt. Und wo dieses Häuschen steht, ist auch ein Schloß gestanden voll Pracht. Und das ist tausend Jahre gewesen. Dann kamen kriegerische Männer aus Welschland, und haben ein großes Reich gemacht, und haben die Völker vor sich hergetrieben, daß Land und Leute zerstört worden sind. Da ist auch hier alles zu Grunde gegangen, es ist der Wald gewachsen, als wäre nie etwas anderes da gewesen, und die winterliche Luft ist gekommen und die dürftigen Gewächse. Dann ist einmal nach langer Zeit von Euren Voreltern, die damals fortgeführt worden waren, ein Sprößling namens Witiko mit Leuten von Rom hieher gegangen, hat den neuen Glauben gebracht, und hat von dem Volke, das das Land an sich gerissen hatte, den Wald erobert, und hat wieder Schlösser gebaut, und hat weit geherrscht, und seine Nachkommen haben geherrscht; denn es ist geweissagt worden, daß immer ein Witiko den Stamm erretten werde. Sie haben Jagdhäuser erbaut, und wo dieses Häuschen steht, ist zwar nicht mehr das alte Schloß voll Pracht, aber ein Jagdhaus erbaut worden. Da haben sie Feste gegeben, und haben des Vergnügens genossen, bis wieder das Unheil gekommen ist, bis wieder alles zerstört worden ist, und bis wieder der Wald gewachsen ist, den man hat reuten müssen, um dieses Häuschen zu erbauen. Nun seid Ihr gekommen, Witiko, wie es in der Weissagung heißt: der reichste Herr des Stammes wird kommen, und Milch und Honig auf dem Buchentische essen, wo dann die silbernen und goldenen Tische stehen werden.«

»Das sind wunderliche Dinge«, sagte Witiko.

»Ihr seid wieder Witiko«, sprach der Alte, »der Stamm wird auferstehen, weil es gesagt worden ist, und meine Augen werden es noch sehen.«

»Möge dir Gott ein langes Leben schenken«, sagte Witiko.

»Das geht sehr schnell«, antwortete Huldrik, »und ich werde Euch den Bügel halten, wenn Ihr hier in Euer Schloß einzieht.«

»Wenn ich einziehe, so halte den Bügel«, sagte Witiko.

»Und zahlreiche Nachkommenschaft werde ich von Euch noch sehen«, sagte Huldrik.

»Jetzt bin ich aber allein«, entgegnete Witiko.

»Die Jungfrau blüht schon, die Euer Weib sein wird«, sagte Huldrik.

»Versuchen wir nicht Gott, Huldrik«, sagte Witiko, »und erwarten wir, was sein wird.«

»Es wird sein, es wird sein«, sagte Huldrik.

Er stand auf, und sah dem Jünglinge freundlich in das Angesicht. Dieser saß in seinem Ledergewande auf dem Buchenlehnstuhle. Der alten Magd Regina waren die Hände in den Schoß gesunken, Jakob hatte von seiner Arbeit aufgehört, und beide sahen den Greis an.

Witiko stand auch auf.

»Erlaubt, daß ich Euch in Eure Kammer geleite, hoher Herr«, sagte Huldrik.

»Lebe wohl und schlafe ruhig, Huldrik«, sagte Witiko.

»Wie es Gott fügt«, antwortete Huldrik.

Und sie verließen alle die Stube, und gingen in ihre Schlafkammern.

Witiko blieb noch einen Tag in dem Hause.

Am nächsten Tage verabschiedete er sich, und verlangte, daß der Knecht mit ihm nach dem Orte Friedberg gehe, und daß er von da sein Pferd an der Moldau aufwärts bis zu der Herberge an der untern Moldau führe, und dort auf ihn warte; denn er selber werde auf den Kamm des Thomaswaldes gehen, und dann in der Herberge eintreffen. Der Greis Huldrik ließ es nicht zu, und sagte, er selbst müsse das Pferd führen, der Knecht könne neben ihm hergehen.

Witiko fügte sich, und so ritt er von dem Wangetschlage weg. Der Greis ging in seinem Anzuge, zu dem er noch eine graue Filzhaube mit einer kleinen blauen Taubenfeder aufgesetzt hatte, einige Schritte hinter dem Pferde, und wieder einige Schritte hinter dem Greise ging der Knecht Jakob. In Friedberg zogen sie auf dem Fahrstege über die Moldau. Am jenseitigen Ufer stieg Witiko ab, und legte die Zügel des Pferdes in die Hände Huldriks. Dieser schlug von dem Knechte gefolgt das Pferd führend in dem Walde den schmalen Saumweg ein, der dem Wasser entgegen fortlief, und Witiko schritt links, und begann, die breite Höhe des Thomaswaldes hinan zu steigen.

Auf dem Wege, den er einmal mit dem Führer Florian herab gekommen war, gelangte er nach etwas mehr als einer Stunde auf den Waldkamm, und fand sehr bald die Lichtung, auf welcher die Säule des heiligen Apostels Thomas gestanden war. Hier blieb er stehen, und sah auf das Land Bayern hinab, um welches jetzt Leopold und die Angehörigen des stolzen Heinrich stritten, und von welchem der Teil gegen Morgen, durch den die Donau die Traun und die Enns flossen, vor ihm ausgebreitet lag, bis wo die Alpenberge zogen, und die steirische Mark begann. Dann sah er gegen das Land Böhmen, in welchem jetzt ein so wichtiger Wechsel des Herrschers vollzogen worden war. Er sah unter sich den blaulichen Wald durchstreift von der lichten Schlange der Moldau, dann sah er in der Richtung zwischen Morgen und Mitternacht den Blansko als letzte Waldhöhe an dem Himmel, in der Richtung zwischen Mitternacht und Abend konnte er in den dunkeln Wäldern den fahlen Wacholderberg erkennen, der bei Plan stand, und von diesem Berge gegen Abend die blaue Wand, die den dunkeln See und die drei Sessel hegte. Der Ort, wo er stand, war die höchste Waldesstelle. Dann ging er auf einem schmalen Pfade schief in der Richtung gegen Mitternacht und Abend durch den Thomaswald wieder zu dem Wasser der Moldau nieder, und kam an der Stelle an, welche die untere Moldau hieß, und an welcher die gezimmerte Herberge stand, von der Rowno gesagt hatte.

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