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Adalbert Stifter: Witiko - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleWitiko
authorAdalbert Stifter
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12375-3
titleWitiko
pages3
created19990819
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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3
Es war ein großer Saal.

Als man das Jahr des Heiles 1140 zählte, lag der böhmische Herzog Sobeslaw krank. Er war im Herbste des vorhergegangenen Jahres an die Morgengrenze seines Reiches gegangen. Um ein Jahr früher war in derselben Jahreszeit sein Freund der polnische König Boleslaw Schiefmund gestorben. Er befestigte nun das Reich gegen Polen, baute noch an Hostas Burg, und wohnte nahe dabei in seinem Hofe zu Chwoyno. Da erkrankte er gegen das Fest der Weihnacht, und ließ sich auf Hostas Burg tragen. Es war die Weihnacht gekommen, es war das Fest des Neuen Jahres und der Heiligen Drei Könige vorüber gegangen, und man näherte sich dem Monate Hornung. Der Herzog lag in einem Gemache, dessen Wände weiß getüncht waren, und das drei Fenster enthielt. Zwei davon waren mit Linnen verhangen, durch das dritte sah der Herzog in der Richtung hin, in welcher die Länder seines verstorbenen Freundes Boleslaw lagen. Man hatte ihm des Frostes wegen eine Bärendecke über den Leib gedeckt, und gegen sie reichte der ergrauende Bart, und die Hände lagen auf ihr. Eine Frau in dunkelm Gewande saß von dem Kranken abseits auf einem hölzernen Gesiedel. Da sprach der Herzog: »Adelheid, sorge zu erfahren, ob der Jüngling, welcher am Sonntage im Vorgemache war, noch irgendwo in der Burg oder in ihrer Nähe zu finden ist, und lasse ihn zu mir bescheiden.«

Die Frau erhob sich von ihrem Sitze, und ging hinaus.

Nach einer Weile kam sie wieder herein, und sagte: »Er ist noch hier, man wird ihn suchen, und dir senden.«

Nach diesen Worten ließ sie sich wieder auf ihren Sitz nieder.

Als eine kurze Zeit vergangen war, öffnete ein Kämmerling die Tür, und führte Witiko herein. Derselbe war in seinem Lederkleide.

Der Herzog winkte dem Kämmerlinge, sich zu entfernen, und sagte dann: »Adelheid, du hast den erkannt, den ich meinte. Tritt näher, Witiko.«

Witiko trat einige Schritte von der Tür gegen den Herzog.

»Du mußt bis zu dem Bette herzu kommen«, sagte Sobeslaw.

Witiko ging hinzu, blieb stehen, und schaute auf den Herzog. Von seinem entblößten Haupte gingen die blonden Locken auf die Schultern herab. Seine Lederhaube hielt er in der Hand.

»Witiko«, sagte der Herzog, du bist in dem Zuge, den wir mit dem Könige Konrad nach Sachsen taten, klug gewesen, du gehörst keinem Vornehmen meines Reiches an, du blickest ehrlich, und wirst mich nicht verraten. Nimm das beste Pferd, welches in der Burg ist, und verwahre dich wohl gegen die Kälte, und reite nach Prag. Dort halten sie auf dem Wyšehrad Versammlungen, und beraten, was nach meinem Tode sein wird. Ergründe, was sie sagen, und vorhaben, und bringe mir die genaue Nachricht zurück. Ich werde dir ein goldenes Kreuzlein mitgeben, das zeige dem Bischofe Silvester, der wird dir in deinem Werke an die Hand gehen. Du hast dich zu denen gesellt, die hier um mich sind, du wirst meinen Auftrag vollführen.«

»Hoher Herr«, entgegnete Witiko, »wenn ich dir die wahre Nachricht zurückbringe, wirst du dann gegen die deines Landes, die dir zuwider handeln, feindlich verfahren?«

»Nein, mein junger Reitersmann«, erwiderte der Herzog, »ich werde nur wissen, was es ist, und werde dann sterben.«

»So werde ich gehen, und werde dir die rechte Botschaft bringen«, antwortete Witiko.

»Gott geleite dich«, sagte der Herzog.

Nach diesen Worten langte er in den hölzernen Schrein, der hinter dem Bette stand, und zog ein Beutelchen von rotem Sammet hervor. Dann öffnete er das Beutelchen, und tat ein sehr kleines goldenes Kreuzlein heraus.

»Hier ist das Kreuzlein«, sagte er.

Dann steckte er es wieder in das Beutelchen, und reichte dasselbe an Witiko. Witiko nahm es, und barg es in seinem Wamse. Dann neigte er sich gegen den Herzog und die Frau, und schritt gegen die Tür. Die Frau erhob sich, trat zu ihm, und sagte: »Geht mit Gottes Segen, junger Reiter, und übet Treue, so lange Ihr lebt.«

Witiko antwortete nichts.

Die Frau ging vor ihm zur Tür, und vor ihm durch dieselbe hinaus. In dem Gemache, in welches sie kamen, spielten drei Knaben auf mehreren Hirschfellen, die man auf den Fußboden gebreitet hatte. Auf einer Bank saß ein Priester.

»Sobeslaw«, sagte die Frau zu einem der Knaben, »sieh in der Stube, ob Boreš dort ist, und rufe ihn her. Dein Vater will diesen Mann da versenden.«

»Ja, Mutter«, rief der Knabe, sprang empor, und lief zur Tür hinaus.

Ein anderer Knabe fragte: »Mutter, schläft der Vater?«

»Nein, Wenzel«, antwortete die Frau, »aber er muß Ruhe haben.«

»Wir sind immer stille«, sagte der Knabe.

»Ihr müßt noch eine Zeit stille sein«, entgegnete die Frau.

Der fortgesendete Knabe kam zurück, und brachte einen bewaffneten Mann.

»Boreš«, sagte die Frau, »der Herzog sendet diesen Reiter fort. Er soll sich ein Pferd wählen, und das Notwendige erhalten.«

»Es wird in kurzer Zeit bereitet sein«, sagte Boreš.

»Wo ist Wladislaw?« fragte die Frau.

»Er ist in das Holz geritten, und wird sogleich wieder kommen«, antwortete Wenzel.

»Meldet es mir, wenn er kommt«, entgegnete die Frau, »seid gegrüßt, ehrwürdiger Vater, und Ihr, Witiko, reitet wohl.«

Dann ging sie wieder in das Krankengemach. Der Priester, der aufgestanden war, setzte sich wieder auf seinen Platz, und Witiko und Boreš gingen in die äußere Stube. Dort waren mehrere Menschen: Mannen, Priester und andere. Die zwei Männer schritten durch sie hindurch in den Vorsaal und die Treppe hinab in die unteren Räume und in den Stall.

Nachdem eine Stunde vergangen war, wurde für Witiko das Tor geöffnet, und er ritt auf einem schwarzen Pferde des Herzogs in die Schneepfade der Gegend, die gegen Sonnenuntergang liefen, hinaus. Er hatte seine Füße für die Bügel mit starken Tüchern umwunden, über seiner Lederkleidung hatte er Pelzwerk, seine Haube war mit einem Stücke Bärenfell bedeckt, und seine Hände waren in Pelz gekleidet. In der Rechten trug er einen kurzen Wurfspieß, und an seiner Seite hing das Schwert. So ritt er fort, und am Morgen des vierten Tages kam er in Prag an.

Er suchte eine Herberge, brachte das Pferd unter, besorgte die Reinigung seiner Kleider, und aß etwas zum Frühmahle. Dann ging er zum Hause des Bischofs. Er pochte mit dem Klöppel an dem Tore. Der Torwart öffnete ihm, führte ihn zur Treppe, und über diese hinauf in einen Vorsaal, wo er ihn einem geistlich gekleideten Manne übergab. Dieser fragte nach seinem Begehren. Witiko sagte ihm, daß ihn der Herzog sende, und wie er heiße. Darauf wurde er von ihm in ein erwärmtes Gemach geführt, in welchem unter einer Himmeldecke ein großes Kreuz des Heilandes stand. Die Tür neben dem Kreuze, sagte der Mann, führe zu dem Bischofe; allein Witiko müsse warten, weil ein hoher Herr bei dem Bischofe sei, und mit ihm spreche.

Witiko stellte sich an ein Fenster, und wartete. Der Mann ließ sich auf eine Bank nieder.

Nach einer Zeit öffnete sich die Tür neben dem Kreuze, und zwei Männer traten heraus. Beide hatten ein veilchenblaues Überkleid. Der eine hatte eine hohe Stirne, dunkle Augen, und ein brauner Bart ging auf das Überkleid nieder. Der andere hatte blaue Augen und einen weißen Bart. Jeder trug ein goldenes Kreuz.

Im Herausgehen sagte der mit dem braunen Barte zu dem andern: »Lernet ihn nur kennen.«

»Ich kenne ihn, ich kenne ihn«, antwortete der mit dem weißen Barte.

Dann gingen sie schweigend über den Fußboden des Gemaches bis zur Ausgangstür. Dort verabschiedeten sie sich, der mit dem braunen Barte ging hinaus, der mit dem weißen wieder in das Gemach zurück, aus dem sie gekommen waren. Jetzt ging auch Witikos Begleiter in das Gemach. Nach einer Weile kam er wieder heraus, und führte Witiko hinein.

Der Mann mit dem weißen Barte und den blauen Augen stand in dem Gemache, da Witiko eintrat. Der Begleiter entfernte sich.

»Ich bin der Bischof Silvester«, sagte der Mann.

»Mich sendet der Herzog Sobeslaw«, entgegnete Witiko.

»So sei gesegnet, und setze dich auf jenen Stuhl«, sagte der Mann.

Witiko setzte sich, der Mann setzte sich auf einen andern Stuhl, und sagte: »Nun sprich, wie erkenne ich deine Sendung?«

»Weil ich es sage«, entgegnete Witiko, »und weil Ihr mir durch dieses Zeichen helfen werdet.«

Er zog das rote Beutelchen aus seinem Wamse, tat das Kreuzlein heraus, und reichte es dem Bischofe. Der Bischof nahm es, küßte es, und gab es Witiko wieder zurück.

»Wann hat er dir das Kreuzlein gegeben?« fragte er.

»Vor vier Tagen am Morgen«, antwortete Witiko.

»Hat er es dir aus dem Bette gereicht?« fragte der Bischof.

»Er hat seine Hand von der Bärendecke des Bettes gehoben, hat in den Schrein hinter dem Bette gelangt, hat das Beutelchen mit dem Kreuze hervorgezogen, und es in meine Hand gelegt«, sagte Witiko.

»Es ist gut«, erwiderte der Bischof, »was ist dein Begehren?«

»Sie beraten auf dem Wyšehrad«, entgegnete Witiko, »ich soll ergründen, was sie sagen, und vorhaben, und soll dem Herzoge die rechte Botschaft bringen.«

»So will ich dir sagen, mein Kind, was ich weiß, und was ich offenbaren kann, reite dann zu dem Herzoge, und verkündige es ihm«, sprach der Bischof.

»Das hieße ja nicht ergründen, was sie vorhaben, und dem Herzoge die rechte Botschaft bringen«, antwortete Witiko, »da Ihr selber sagt, hochehrwürdiger Bischof, daß Ihr nicht alles wißt, und nicht alles offenbaren könnt.«

»Nun, und wie willst denn du es ergründen?« fragte der Bischof.

»Ich werde in die Versammlung gehen, und werde hören, was sie sagen, und beschließen«, entgegnete Witiko.

»Das willst du tun!« rief der Bischof, »armes Kind, sie werden einen Spruch über dich fällen, und nach dem Spruche verfahren.«

»Das weiß ich nicht«, sagte Witiko, »aber ich muß auszuführen streben, was ich dem Herzoge versprochen habe.«

»Und wie kann denn ich dabei dir helfen?« fragte der Bischof.

»Daß sie mich vor sich lassen, und anhören«, entgegnete Witiko.

»Das könnte ich dir vielleicht verschaffen«, sagte der Bischof, »und das werden sie um so eher zugestehen, als du dich auf diese Art ihnen selber stellst. Aber es kömmt auf dein Haupt, was dann folgen wird.«

»Es kömmt«, sagte Witiko.

»Es ist auch unnütz, daß du dein junges Blut hieher trägst«, sprach der Bischof, »hast du den Mann gekannt, der von mir gegangen ist?«

»Nein«; antwortete Witiko.

»Es ist Zdik gewesen, der Bischof von Olmütz, der Sohn des Mannes Cosmas, der die Geschicke dieser Länder aufgeschrieben hat. Er gilt viel in dem Rate unserer Völker, und meint den schon zu kennen, der Herzog sein wird. Hast du den Arzt bei dem Herzoge gesehen?«

»Nein«, sagte Witiko, »nur seine Gehilfen.«

»Er ist in Prag und bei mir gewesen«, sagte der Bischof, »und hat mir eröffnet, daß der Herzog, ehe der halbe Mond vergeht, sterben wird.«

»Das kann der Arzt vielleicht wissen«, antwortete Witiko, »meine Sache aber ist eine andere.«

»Es wird eine große Versammlung sein, zu der viele Menschen herein kommen werden«, sagte der Bischof, »und wenn in derselben Gott unser Herr nicht dem Rechte seine Geltung verschafft, sondern es noch weiter prüft, so kann der Herzog nichts ändern. Hast du noch Eltern?«

»Nur mehr eine Mutter«, sagte Witiko.

»Dir wäre besser, mein Sohn«, sprach der Bischof, »wenn du bei deiner Mutter wärest, bis alles vorüber ist.«

»Das kann nun nicht mehr sein«, sagte Witiko.

»Und für den Herzog ist es einerlei, ob er jetzt weiß, was geschieht, oder ob er es später erfährt«, sprach der Bischof.

»Ich habe ihm jetzt mein Versprechen gegeben«, antwortete Witiko.

»Und wenn ich dir gar nicht an die Hand gehe?« fragte der Bischof.

»So werde ich meine Sache allein vollführen«, entgegnete Witiko.

»Du hast ein vorschnelles Versprechen gegeben«, sagte der Bischof.

»Ich habe es überlegt«, antwortete Witiko.

»Wie die Jugend überlegt«, sagte der Bischof, »wie ist denn dein Name?«

»Witiko«, sagte Witiko.

»Ich forsche nicht weiter«, sagte der Bischof, »Witiko, gehe in deine Herberge, mische dich nicht unter die Leute und in die Gespräche, sage einem der Meinen, wo sie dich finden, ich werde dir zur rechten Zeit eine Botschaft senden.«

»Tut das«, sagte Witiko, »ich werde Euch folgen.«

»So gehabe dich wohl, mein Sohn«, sagte der Bischof.

Er legte leicht die Hand auf den Scheitel des Jünglings, und zog sie wieder zurück. Dieser verneigte sich tief, und ging.

In dem Vorgemache waren jetzt mehrere Männer. Einer geleitete Witiko die Treppe hinab. Diesem sagte Witiko seine Herberge. Dann ließ ihn der Torwart auf die Gasse hinaus, und Witiko ging den nämlichen Weg, den er gekommen war, nach Hause zurück.

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