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Adalbert Stifter: Witiko - Kapitel 110
Quellenangabe
typefiction
booktitleWitiko
authorAdalbert Stifter
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-12375-3
titleWitiko
pages3
created19990819
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1865
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Am andern Tage war ein feierlicher Gottesdienst in der Burg. Nach demselben dankte Witiko seinen Männern, gab ihnen Geschenke, die nur für sie bestimmt waren, und es zogen hierauf die, welche nicht in die Burg gehörten, ihren Wohnstätten zu, die in die Burg gehörten, traten wieder in ihre Dienste.

Hierauf belohnte Witiko Beda und die Männer, die unter ihm gewesen waren, für die treue Hut der Burg. Diejenigen von ihnen, die nicht in der Burg wohnten, gingen in ihre Heimat.

Nach einer Woche versammelte Witiko auf der Stelle an der Moldau, auf welcher die Kampfspiele nach seiner Vermählung gewesen waren, alle seine Krieger des Mailänderzuges, und es war wieder ein Fest, wie es nach dem mährischen Kriege bei Plan gewesen war. Es war ein feierlicher Gottesdienst unter dem offenen Himmel, es geschah dann die große Danksagung an die Krieger, dann war ein Mahl, und dann waren Gespräche und Tänze und Spiele und Lieder und Erlustigungen. Die vielen Menschen, die außer den Kriegern zugegen waren, erfreuten sich wie damals der Dinge. An dem nächsten Tage war die Verteilung alles dessen, was außer den Geschenken, die die Männer von Wladislaw erhalten hatten, ihnen nach dem Sinne Witikos aus dem Mailänderzuge noch zukam.

In der Zeit, die nun folgte, besorgte Witiko wieder seine Angelegenheiten, wie er sie vor dem Kriege besorgt hatte. Insbesonders suchte er sein neues Land nach der herkömmlichen Weise mit dem alten in Verbindung zu bringen. An Abenden, wenn sie in der Burgstube saßen, und wenn auch der eine oder der andere Mann aus der Umgegend zu ihnen gekommen war, erzählte er von dem Kriegszuge, und wie es in Italien ist, und was sich sonst dort ereignet hatte.

»Wenn mir Gott mein Leben nur so lange fristete«, sagte Benno, »daß ich auch die Taten dieses Kaisers aufschreiben könnte. Dieser Kaiser wird noch viele Taten tun.«

Und die Männer der Burg, die mit Witiko gewesen waren, erzählten auch von den Dingen in Italien, und die daheim geblieben waren, hörten ihnen zu, und fragten, und verlangten immer wieder Erzählungen.

Wolf erzählte unaufhörlich, und wenn man das Pferd, welches er gebracht hatte, und welches ihm Witiko ernährte lobte, sagte er: »Mein Herr hat mich nie auf ein schönes Pferd steigen lassen, jetzt habe ich ein so schönes Pferd, wie die seinigen sind, und ich reite darauf mit mehr Geschick, als ihr auf euern langhaarigen Tieren reitet, und ich reite nach der neuen Art, und ich bin auf dem Pferde geritten, als wir die Welschen an dem Wasser, da wir noch ganz naß waren, besiegt hatten, und als wir sie dann wieder besiegt hatten, und als wir sie immer besiegt hatten, und als wir in dem Lande hin und her zogen, und als wir mit den Pferden über den Zaun des Lagers jenes Herzogs sprangen, auf den die Welschen aus der großen Stadt Mailand heraus gekommen waren. Wenn ich nicht so herum geritten wäre, woher hätte ich denn die schönen Sachen und das schöne Gewand, und wenn nicht alle herum geritten wären, woher hätte denn Witiko den Reichtum und das Land, das ihm der König gegeben hat? Das wird in der Schlacht gewonnen. Und wenn ich euch von den Männern sage, die durch den Addastrom geschwommen sind, so ist unter allen böhmischen Männern nur einer, der gleich nach einander dreimal durch den Strom geschwommen ist.«

Huldrik war bei allen Erzählungen, und er sprach: »Ich habe gesagt, Witiko wird aus Italien die Rose bringen, und er wird sie einmal erst recht bringen.«

Und die andern Krieger des ganzen Waldes erzählten auch von Italien und von Mailand, und von dem Kriege, und bald war es so, daß die alten Frauen und die Mädchen und die Kinder des Waldes von Italien und Mailand redeten.

Als der König Wladislaw das Lager des Kaisers verlassen hatte, zog der Kaiser auch sogleich mit seinem Hofgeleite nach dem Orte Bolzano, und ging dann mit seinem Heere nach Monza.

Der große Reichstag wurde auf den eilften Tag des Monates November auf die ronkalischen Felder ausgeschrieben.

Von Monza zog der Kaiser nach Trezzo, welches wohlbefestigt worden war, und in welches der Kaiser seine Schätze niederlegte. Dann ging er nach Brescia, Lodi, Cremona und Ferrara, dann wieder nach Mantua, Verona und in andere Städte, um zu ordnen, was überall zu ordnen war.

Indessen kam die Zeit zum Reichstage. Der Kaiser hatte alle italienischen Kirchenherren und die Fürsten und die Herren der lombardischen Städte dazu berufen, er hatte die vier vorzüglichsten Rechtsgelehrten Italiens aus der Stadt Bologna berufen: Bulgarus, Jacobus Hugolinus, Martinus Josias und Hugo de Porta Ravennate. Er zog im Geleite der deutschen Erzbischöfe, Bischöfe, Herzoge, Fürsten und Herren nach den ronkalischen Feldern. Es kamen die italienischen Erzbischöfe und Bischöfe, viele italienische Herzoge, Markgrafen, Grafen und Ritter und die Konsuln der lombardischen Städte, und es kamen die Rechtsgelehrten.

Auf der großen Ebene wurde ein Lager errichtet. In der Mitte stand das schöne Gezelt des Kaisers. Dann standen die Gezelte der Herzoge und Fürsten je nach ihrer Würde entfernt. Die Deutschen lagerten auf der linken Seite des Po, die Welschen auf der rechten. Zwischen beiden Lagern war eine Brücke. Die Kaufherren, die Handwerker, die Künstler, die Nahrungsfrachter und ähnliche Leute hatten ein eigenes Lager. Außerhalb der Lager war eine große Menge Volkes.

Der Reichstag wurde begonnen.

Der Kaiser sagte zu den Rechtsgelehrten, sie möchten erklären, was in Hinsicht der Dinge zwischen dem lombardischen Könige und seinen Untertanen Rechtens sei.

Die Rechtsgelehrten aber antworteten, sie könnten ihre Untersuchungen nicht ohne die Richter der lombardischen Städte machen.

Der Kaiser wählte aus jeder von vierzehn lombardischen Städten zwei Richter, und befahl ihnen, zu kommen.

Sie kamen, und fingen mit den Rechtsgelehrten die Beratungen an.

Der Kaiser hielt sich von diesen Beratungen ferne. Er versammelte aber Bischöfe, darunter Daniel war, und Herren, die zu seinem Rate gehörten, und verhandelte mit ihnen über die Ruhe der Kirche und über königliche Gerechtsame, die nach und nach vergessen worden waren.

Als die Beratungen der Rechtsgelehrten geendiget waren, hielt der Kaiser wieder eine allgemeine Versammlung. Er saß auf einem erhöheten Platze, und sprach von demselben: »Durch die Gnade Gottes habe ich die Herrschaft erlangt, und durch sie ist mir aufgetragen, die Guten zu schützen, die Bösen zu zügeln und zu strafen. Ich habe durch den Krieg die Strafe vollzogen, jetzt muß ich im Frieden durch die Gesetze auch den Schutz vollführen. Kein Herrscher darf tun, was er nur immer will, er muß herrschen, daß jedem sein Recht unverkürzt verbleibt, dem Untertane und dem Könige. Das Recht der Untertanen zu den Untertanen ist durch die Bemühungen der Könige, der Richter, der Lehrer und durch die Anwendung geordnet, und niemand bestreitet es; die Rechte zwischen dem Könige und den Untertanen sind oft dunkel, und bedürfen der Erhellung und der Bekräftigung. Nach der Erhellung haben wir durch Untersuchungen gestrebt, die Bekräftigung werden wir durch die Verkündigung und durch die Beschwörung erlangen. Dann wird nicht mehr über die Gesetze allerlei geredet, sondern nach ihnen gehandelt werden.«

Es entstand ein großer Beifall über die Worte des Kaisers.

Dann erhob sich von den Welschen nach ihrer Art einer nach dem andern, um eine Rede zu halten, in der er den Kaiser ehrte, oder seine Redegabe zeigte. Zuerst redeten die Bischöfe, dann die Herren, dann die Konsuln und Abgesandten der Städte.

Zuletzt sprach der Erzbischof von Mailand: »Alles Recht der Gesetzgebung ist von dem Volke an dich, erhabener Kaiser, übertragen worden. Was immer der Kaiser durch einen Brief festgesetzt hat, oder in seiner Kenntnis verordnet hat, oder durch einen Erlaß vorgeschrieben hat, das ist, so besteht es, ein Gesetz. Wem die Last eines Dinges zukömmt, dem muß auch der Nutzen zukommen, und da du, erhabener Kaiser, alle schützen mußt, so darfst du auch alle beherrschen.«

Die Reden dauerten bis in die Nacht.

Dann wurde das, was über die Rechte und Pflichten der Könige und über die Rechte und Pflichten der Untertanen aus den Untersuchungen nach den jetzigen Dingen und nach den Dingen aus der Zeit des Kaisers Karl und nach den Dingen aus der Zeit der alten römischen Kaiser hervorgegangen war, verkündiget, und zu Recht beschworen.

Die Abgesandten der Stadt Mailand leisteten auch den Schwur.

An dem folgenden Tage hielt der Kaiser nach altem Brauche Gericht, und es kamen so viele Klagen, daß noch Richter bestellt werden mußten. Und es wurden die Sachen der Armen, der Herren und der Städte entschieden.

Und da alles geordnet war, wurde der Reichstag geschlossen, und die deutschen Fürsten und Herren und auch die italienischen hatten Freude über die Dinge, die geschehen waren.

Der Kaiser brachte auch noch die Stadt Genua, welche den ronkalischen Beschlüssen nicht beigetreten war, zum Treuschwure, und sandte dann Abgeordnete in die lombardischen Städte, um dort die Obrigkeiten einzusetzen, wie es auf dem Reichstage auf den ronkalischen Feldern beschworen worden war. Die Abgeordneten waren: Daniel, der Bischof von Prag, Reinald, der Kanzler, Hermann, der Bischof von Verden, Otto, der Pfalzgraf von Regensburg, und Guido, der Graf von Biandrate. Sie setzten in den Städten Pavia, Piacenza, Cremona, Lodi und in anderen die Vorsteher ein.

Am Anfange des Monates Jänner kamen sie nach Mailand; allein die Mailänder weigerten sich, daß ihnen der Kaiser ihre Vorsteher einsetze, und wilde Haufen des Volkes bedrohten das Leben der Abgeordneten des Kaisers. Sie waren von den Männern Martinanus Malaopera, Azo Bultrafus, und Castellus von Ermenulfis geführt. Die Abgeordneten wehrten durch Verrammlungen das Eindringen zu ihnen ab; aber durch die Fenster wurden Steine geworfen. Und in der nächsten Nacht entfloh Otto, und in der folgenden entflohen die andern. Sie berichteten alles dem Kaiser.

Der Kaiser hielt am zweiten Tage des Monates Hornung einen feierlichen Hoftag, auf welchem auch Gesandte von Frankreich und von Griechenland und von Ungarn waren, die ihm ihre Ehrfurcht bezeugten. Die ungarischen Gesandten erklärten dem Kaiser, daß ihr König wegen des Wunsches Wladislaws, des Königs von Böhmen, noch mehr Hilfsvölker senden wolle, als er früher gesendet habe. Der Kaiser stellte den Fürsten das Benehmen Mailands vor, und sprach: »Wilde Völker achten das Recht der Gesandtschaften, Mailand nicht, meine und eure Ehre ist befleckt, viele haben das Verbrechen begangen, an vielen muß es gestraft werden.«

Die Fürsten stimmten den Worten des Kaisers bei.

Der Bischof von Piacenza sagte, es gezieme sich aber doch, daß man auch die Mailänder höre.

»Sie sollen gehört werden«, sagte der Kaiser.

Die Mailänder wurden vorgeladen, und sie schickten Abgesandte.

Diese sagten, die Mailänder wollen dem Kaiser volle Genugtuung geben. Als Tag hiezu wurde der neunzehnte Tag des Monates April bestimmt. Den kaiserlichen Städten schwuren die Mailänder Frieden.

Nach dieser Zeit aber schloß Mailand mit Brescia, Piacenza und Bologna einen Bund.

Als der Kaiser das Osterfest zu Modena feierte, und am Osterdienstage den Waffenspielen zusah, kam die Nachricht, daß die Mailänder die Veste des Kaisers, Trezzo, belagerten. Die Spiele hörten auf, alle rüsteten sich, und bei dem ersten Lichte des nächsten Tages begann der Zug gegen Trezzo. Aber auf dem Wege begegnete dem Heere ein Bote, welcher sagte, daß Trezzo von den Mailändern erobert worden ist, und daß sie alle Schätze weggenommen haben. Der Kaiser zog nun nach Bologna, und belegte dort die Stadt Mailand mit dem Banne. Dann ging er nach Lodi, ein Heer zu sammeln. Er befahl allen Städten Italiens, Hilfsmänner zu dem Kampfe gegen Mailand zu stellen. Dann ging er wieder nach Bologna, um die Seinigen gegen Mailand zu führen.

Am siebzehnten Tage des Monates Mai kamen sie nach Melegnano, und am nächsten Tage vor Mailand. Hier wurden nun weithin ringsherum alle Saaten und Weinpflanzungen zerstört, die Ölbäume und Fruchtbäume wurden umgehauen, Häuser, Dörfer, Flecken, Burgen, Vesten wurden verbrannt.

Eine Belagerung unternahm der Kaiser aber nicht, weil sein Heer noch zu klein war.

Er zog im Monate Juni gegen den Mittag Italiens, um manche widerspenstige Städte zur Pflicht zu führen, oder zu strafen. Er belagerte Crema, und die Belagerung dieser Stadt dauerte von dem Heumonate bis zum fünfundzwanzigsten Tage des Monates Jänner des folgenden Jahres. An diesem Tage beschlossen die Bewohner von Crema die Übergabe der Stadt. Die Verhandlungen führte Peregrin, der Patriarch von Aglei, und der Vetter des Kaisers, Heinrich, der Herzog von Sachsen und Bayern. Am siebenundzwanzigsten Tage des Monates Jänner wurde die Stadt übergeben, und dann zerstört.

Die Mailänder suchten denen von Crema während der Belagerung Hilfe zu leisten, indem sie kaiserliche Städte angriffen; aber sie erlitten zwei Male durch Scharen des Kaisers schwere Niederlagen.

Weil die deutschen Fürsten schon lange über ihre Zeit auf dem Kriegsfelde waren, und weil die lombardischen Länder durch die Heere schon so gelitten hatten, daß der Bedarf nur mehr schwer geschafft werden konnte, so entließ der Kaiser die, welche es wollten, im Frühlinge mit reichen Geschenken. Sie versprachen in einem Jahre mit ausreichender Hilfe wieder zu kommen.

In der Zeit waren nun verschiedene Kämpfe der kaiserlichen Scharen mit den Mailändern an verschiedenen Stellen des Landes.

Der Kaiser erließ hierauf die Ladungen an die deutschen Fürsten, daß sie in dem nächsten Frühlinge zur Vollendung des Werkes kommen möchten.

Und die Fürsten begannen im Frühlinge ihren Zug nach Italien.

Wladislaw, der König von Böhmen, sandte seinen Bruder Diepold und seinen Sohn Friedrich mit einer auserlesenen Hilfsschar.

Witiko war mit jenen Waldleuten, die mit ihm in dem vorigen Kriege waren, nun zum zweiten Male bei dem Zuge nach Italien.

Als die geladenen Männer allgemach angekommen waren, schloß der Kaiser die Stadt Mailand ein. Die Mailänder kamen oft aus der Stadt hervor, und begannen tapfere Kämpfe gegen den Kaiser; aber sie konnten wie in dem ersten Kriege die Einschließung nicht brechen.

Der Kaiser errichtete auch ein Winterlager in Lodi, befestigte mehrere Schlösser, um das Einbringen von Nahrung in die Stadt Mailand zu hemmen. Er setzte für die, welche es taten, und überwiesen wurden, das Abhauen der Hände zur Strafe, und bestimmte ihren Angebern Belohnungen.

So wurde in Mailand die Not sehr groß, und Angst und Hoffnungslosigkeit und Zorn und Streit kam in die Gemüter. Der Erzbischof, welcher auf den ronkalischen Feldern so unterwürfige Worte gegen den Kaiser gesprochen hatte, jetzt aber der eifrigste Kämpfer gegen ihn war, mußte vor dem Volke entfliehen. Und sie schickten Abgeordnete an den Kaiser, welche sagten, Mailand wolle seine Befestigungen niederreißen, es wolle alle seine Bündnisse lösen, es wolle dem Kaiser eine Burg bauen, es wolle ihm alle Hoheit übergeben, es wolle sich von ihm Obrigkeiten setzen lassen, es wolle ihm eine große Summe zahlen und für alles dreihundert Geiseln auf drei Jahre stellen, wenn er den Frieden gewähre.

Der Kaiser sagte: »Es stimmt mein Rat mit mir überein, daß ihr euch unbedingt unterwerfen müsset.«

Und nun verging wieder eine Zeit.

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